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Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
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Viertes Kapitel.

Der junge Mann hatte der Flasche viel zu eifrig zugesprochen, als daß er hätte bemerken können, welch' sonderbaren Ausdruck während seiner letzten Worte das Gesicht des Doctors annahm. Dem Kanzleirath aber kam die Wendung, welche das Gespräch genommen, sehr gelegen. Er hatte sich im Laufe des Tages so viel Blößen gegeben und durfte nun endlich einmal mit seiner höheren Einsicht glänzen. So zupfte er denn an seinem Hemdkragen, versicherte sich, daß seine Perrücke an der rechten Stelle saß, nahm seine wichtigste Miene an und sagte:

Die Herren kennen meine Denkschrift –

Der Kanzleirath machte eine Pause.

Hermann hatte den Kopf in die Hand gestützt und antwortete nicht; der Cavalier nickte; der Kanzleirath fuhr fort:

Ich frage nicht ohne Absicht. Diese Schrift, deren Autor ich mich, was die Herbeischaffung des gelehrten Apparates und die Anordnung des Stoffes betrifft, wohl nennen darf, wurde doch auf die Anregung und sozusagen unter den Auspicien von Durchlaucht verfaßt, und war, wenn sie auch erst im folgenden Jahre erschien, als der Verlauf der Ereignisse unsere Voraussicht so wunderbar bestätigt hatte, doch bereits im Spätsommer des Jahres 1866, das heißt, gleich nach der Beendigung des Krieges und vor der Badereise Sr. Durchlaucht geschrieben, die für uns Alle von den bedeutsamsten Folgen werden sollte. Ich erwähne dieses Umstandes, um den Herren den Beweis zu liefern, daß die künftigen Ereignisse diesmal auch nicht die Spur eines Schattens vorauswarfen in das Gemüth unseres Herrn, der mir im Gegentheil gerade jetzt, wo alle Welt vor dem goldenen Kalb des Erfolges kniete, von seinem heiligen, unantastbaren und unveräußerlichen Recht mehr als je erfüllt schien.

Wir kamen nach Wiesbaden und fanden die Zimmer, welche Durchlaucht nun bereits seit zwanzig Jahren eingenommen, von einer Familie aus Berlin occupirt: der Generalin Gräfin Turlow Excellenz nebst Comteß Tochter und Begleiterin. Der Hotelier hatte, wie er sagte und wie sich allerdings herausstellte, für Durchlaucht eine Flucht von Zimmern, die um vieles schöner und comfortabler waren, reservirt. Als ob Durchlaucht in's Bad zu reisen braucht, um in schönen Zimmern zu wohnen! Herr Gleich, der Durchlaucht wie immer begleitete, und ich selbst waren höchlichst indignirt; aber Durchlaucht meinte mit einem melancholischen Lächeln, es sei nun einmal das Zeichen der Zeit, daß das alte gute Recht durchaus nichts mehr gelte, daß das Alte dem Neuen weichen müsse, vor Allem, wenn dieses Neue aus Berlin komme, und wir könnten uns nicht früh genug mit diesem Gedanken vertraut machen. In dieser Weise scherzte er noch mehr, als ich die Ehre hatte, am Abend im Salon den Thee mit ihm einnehmen zu dürfen und, wie es ganz natürlich war, die Rede viel über die neuen Insassen unserer alten Zimmer ging. Sie wissen, Herr von Zeisel, daß die Geschichte des deutschen Adels meine Specialität ist. Ich wäre sonst wohl schwerlich im Stande gewesen, die Fragen Seiner Durchlaucht zu beantworten. Sind doch die Turlows ein verhältnißmäßig junger Adel, von dem noch nicht die Rede war, als man zum Beispiel den Namen Ihres Geschlechtes, Herr von Zeisel, bereits längst in allen Ritter- und Turnierbüchern findet.

Die Turlows haben es nichtsdestoweniger weiter gebracht, als wir, meinte der Cavalier mit einem leichten Seufzer.

Allerdings, das heißt, wie man es nehmen will, sagte der Kanzleirath. Sie haben zu wiederholten Zeiten einen ansehnlichen Stand des Vermögens gehabt, ja unterschiedlichemale große Gütercomplexe besessen, denn sie wurden von dem Hause Brandenburg, in dessen Gefolgschaft sie in die Geschichte treten und in dessen Gefolgschaft wir sie finden während der drei Jahrhunderte, die sie geschichtlich existiren, durch Huld und Gnade aller Art ausgezeichnet. Aber nimmer sind sie lange im Besitz geblieben. Wenn auch einmal ein reicher Turlow mit unterläuft, so wußten es die Söhne meistens so einzurichten, daß sie wieder so arm wurden, wie der Großvater gewesen war, und gewöhnlich verthat noch der jeweilige Besitzer bei Lebzeiten, was ihm seine guten Dienste in Krieg und Frieden eingetragen hatten. Deshalb sagt man auch in der Provinz, aus welcher das Geschlecht stammt: Er ist so arm wie ein Turlow, wie man an anderen Orten sagt: Er ist so arm wie eine Kirchenmaus; mit einem Wort: die Turlows sind so recht der eigentliche Typus des jungen Militäradels, der nur in der Gefolgschaft und an den Höfen so rühriger kriegerischer Fürsten, wie es die Hohenzollern sind, gedeiht und alle etwaigen Wandlungen, die in dem Hause des Lehensherrn vorgehen, genau mitmacht, wie der Schatten die Bewegungen seines Körpers.

Das ist in meinen Augen kein unfeines Leben, sagte der Cavalier, an seinem blonden Bärtchen drehend.

Auch in den meinen nicht, erwiederte der Kanzleirath rasch, und am wenigsten in den Augen unsers gnädigsten Herrn, der, wenn irgend Einer, die Treue zu schätzen weiß, und der auch an jenem Abend mit sichtbarem Vergnügen anhörte, was ich etwa aus der Geschichte der Turlows zu berichten wußte, besonders von Hans von Turlow, der im siebenjährigen Kriege sich hervorthat, für seine Verdienste von Friedrich II. in den Grafenstand erhoben wurde und von dessen kühnen Reiterstücken man noch in der preußischen Armee sich erzählen soll. Auch der jüngst bei Sadowa gebliebene letzte Graf war ein kühner Reiter gewesen, und Durchlaucht, dessen rücksichtsvolle Freundlichkeit wir ja Alle verehren, äußerte seine Genugthuung, daß er der Wittwe eines Mannes eine Gefälligkeit erwiesen habe, der, wenn er auch auf der unrechten Seite gekämpft, doch als braver Officier und treuer Vasall seines Lehensherrn gefallen sei. Damit verabschiedete mich Durchlaucht. Ich ließ mir in dieser Nacht nicht träumen, was uns bereits der nächste Tag bringen würde. Und wie hätte ich das auch gekonnt, ich, der ich aus jahrelanger Erfahrung wußte, wie scheu und schüchtern Durchlaucht im Verkehr mit Fremden ist, wie sorgfältig er auf Reisen, und nun gar im Bade, auch die Möglichkeit der Berührung mit der Gesellschaft vermeidet. Zwar daß die Excellenz Turlow am nächsten Tage Gelegenheit nahm, sich durch mich Durchlaucht vorstellen zu lassen, ihm die Comteß Tochter zu präsentiren und wegen des Derangement um Entschuldigung zu bitten, war ja selbstverständlich; aber unter allen anderen Umständen hätte das zu keinem Verhältniß geführt; Durchlaucht hätte auf der Promenade vor den Damen stumm den Hut gezogen und damit wäre die Sache abgethan gewesen. Und was geschah jetzt? Es kommt mir heute, wo ich doch den Schlüssel des Wunders habe, noch immer wie ein Wunder vor, wenn ich denke, daß wir am Abend dieses nächsten Tages in unseren alten Gemächern am Tisch der Excellenz den Thee einnahmen.

Und wie dieser Abend, so noch manche folgenden; und auf den Promenaden freundlichste Begrüßungen, ja gelegentliche gemeinschaftliche Ausflüge. Ich kannte meine Durchlaucht nicht wieder, obgleich ich ja für dieses Intermezzo in der sonstigen Monotonie unseres Bade-Aufenthaltes nur dankbar sein mußte; auch, von den übrigen Curgästen um meine exceptionelle Stellung wahrlich nicht wenig beneidet wurde. Denn Excellenz hatte den leise angedeuteten Wunsch Serenissimi pünktlich befolgt und war in Durchlauchts Interesse so exclusiv, wie Durchlaucht es nur immer hätte sein können. Diese zarte Aufmerksamkeit war Excellenz um so höher anzurechnen, als unter den Curgästen gerade sehr viel preußischer Adel, das heißt sehr viele Bekannte der Familie waren, vor Allem viele Officiere, die nach dem eben beendigten Kriege an den Wassern von Wiesbaden Stärkung für ihren geschwächten Organismus suchten und wahrhaftig nichts dagegen gehabt hätten, in der Gesellschaft höchst reizender, in jeder Beziehung ausgezeichneter Damen ihre Nachmittage oder Abende zu verbringen.

So verlebten wir die angenehmste Woche, als Durchlaucht am achten Tage mit allen Zeichen großer Verstimmung zu mir sagte:

Ich werde abreisen müssen; es kommt Jemand, mit dem ich nicht in einem engen Bade zusammen sein mag. Können Sie rathen, wer?

Nun, meine Herren, es war Graf Heinrich Roda-Steinburg und was das Schlimmste war, der Graf kam nicht blos zur Nachkur seiner bei Sadowa erhaltenen Wunden, er kam der Damen wegen, wie Durchlaucht soeben aus dem Munde der Excellenz selbst erfahren. Sie habe mit der Nachricht gezögert, weil sie die Abneigung unseres Herrn gegen seine preußischen Verwandten kenne und es nun um so peinlicher empfinde, eingestehen zu müssen, daß Graf Heinrich mit ihrer Familie sehr liirt sei, wie er denn auch im Kriege der Adjutant des Grafen Turlow gewesen war.

Sie können sich die Aufregung unseres guten Herrn denken.

Er liebte seine böhmischen Vettern wahrhaftig nicht und hatte auch im persönlichen Sinne keine Ursache dazu; aber die Tyrklitzer waren doch wenigstens immer und immer der guten Sache treu geblieben; hatten in diesem Kriege wieder für Kaiser und Reich treu gekämpft und zwei von den vier Söhnen des alten Grafen hatten ein vielleicht nicht schuldloses Leben – die ungemessenste Genußsucht ist in der Tyrklitzer Linie erblich – durch ihren Heldentod gut gemacht. Aber die Grafen Steinburg, die schon vom Großvater her – dem ersten Sohne Erichs XXXIV., des gemeinschaftlichen Stammvaters der drei Linien, wie die Herren wissen – von Kaiser und Reich abgefallen waren, und die Durchlaucht deshalb niemals als seine Verwandten betrachtete, von denen er nie sprach, wenn er es vermeiden konnte, und die er, wenn es sich nicht vermeiden ließ, immer nur die Verräther nannte! Und nun mit dem letzten Sprossen aus dieser Linie zusammenkommen zu sollen, nachdem man sich Menschenalter hindurch vermieden, kein Rothebühler jemals einem Steinburger die Hand gedrückt – es war in der That hart, um so härter, wenn man bedachte, daß durch den Tod der beiden Grafen Tyrklitz dieser Graf Heinrich der Succession um ebensoviel näher gerückt war; und weiter bedachte, daß die Tyrklitzer Grafen in demselben Kriege gefallen waren, aus welchem der junge Graf Steinburg als Sieger, sozusagen, mit Orden geschmückt und durch die höchste Anerkennung Seiner Majestät geehrt, hervorging!

Ich werde abreisen, wiederholte der Fürst noch mehrmals.

Aber wir reisten nicht ab. wir blieben. Der Graf kam und wartete seinem Senior auf; und wenn der Empfang auch gerade kein herzlicher war, so hatte der junge Herr sich doch auch keineswegs zu beklagen. Sie kennen ja unsere Durchlaucht; er haßt die Menschen immer nur in Gedanken; wenn er sie vor sich sieht, und gar, wenn er ihnen helfen kann, vergißt er Alles, was er vorher über sie gedacht, gefühlt, und ist die Freundlichkeit, die Güte selbst.

Nun aber konnte unser gnädigster Herr dem Grafen helfen, und ich muß hier diesen Umstand um des pragmatischen Zusammenhanges willen gleich erwähnen, obgleich sich derselbe vorläufig meinen Blicken entzog, und Alles, was damit zusammenhing, aus Rücksichten, die ich zu verehren habe, vor mir verschwiegen blieb.

Der Herr Graf war mit der Comteß Stephanie verlobt, so gut wie verlobt. Aber der Herr Graf war nicht nur arm, er hatte auch noch sehr, sehr beträchtliche Schulden, und an eine standesgemäße Haushaltung des jungen Paares war vorläufig nicht zu denken. Zwar interessirte sich die Prinzessin, welche mit Excellenz längst befreundet war und dieselbe nach dem Tode des Generals sofort zu ihrer Oberhofmeisterin ernannt hatte, lebhaft für die Verbindung. Auch stand zu erwarten, daß Majestät seiner bewährten Milde gegen seinen treuen Diener nicht vergessen werde. Indessen, das waren alles nur Aussichten, Möglichkeiten – und Durchlaucht hätte eben nicht Durchlaucht sein müssen, wenn er sich trotz alledem und alledem nicht seinem armen jungen Verwandten gegenüber als Senior der Familie und als Besitzer eines mehr als fürstlichen Vermögens gefühlt hätte. Möglich auch, daß unser Herr bei dem Allen noch andere, politische Gedanken verfolgte, und gewiß, daß noch ein drittes Moment im Spiele war, welches – ich muß es um des Folgenden willen, das sonst ganz unverständlich wäre, wiederholen – von mir um diese Zeit nicht gekannt und nicht geahnt war, so wenig geahnt, daß ich im Gegentheil – die Herren werden mich verstehen – die Empfindlichkeit Serenissimi fürchtete, wenn der junge Graf sich eifriger, als es die gesellschaftliche Courtoisie erfordert, um Comteß Stephanie zu bemühen schien, und ich die Verstimmung unseres Herrn, die manchmal, wenn wir allein waren, sichtbar genug hervortrat, auf diesen Umstand schob und auf nichts weniger gefaßt war, als auf das, was nun in aller Kürze eintrat.

Der Kanzleirath machte eine kleine Pause. Herrn von Zeisels hübsches blondes Gesicht hatte etwas von dem Ausdruck eines Hühnerhundes, der endlich eine bestimmte Witterung von der Kette bekommt, nach der er den ganzen Morgen gesucht hat; selbst des Doctors ernste dunkle Züge zeigten die gespannteste Aufmerksamkeit. Der Kanzleirath durfte mit dem Effect, den er hervorgebracht, zufrieden sein. Er nippte an seinem Glase, zupfte ein weniges an seinem Kragen und fuhr in seiner Erzählung also fort:

In einer Nacht aber – ich hatte noch sehr spät gearbeitet und war eben im Begriff zu Bett zu gehen – kam der Herr auf mein Zimmer: Er habe noch Licht bei mir gesehen, er könne nicht schlafen; ob ich noch eine Stunde mit ihm verplaudern wolle? Er bat sich eine Cigarre aus, was mich schon nicht wenig wunderte, da der Herr bekanntlich nicht raucht, und fing an im Zimmer auf- und abzugehen. Ich schlug ein Thema nach dem anderen an, aber ich mußte nicht das rechte treffen, der Herr blieb einsylbig, antwortete kaum; ich wußte zuletzt nicht mehr, wovon sprechen, ja ich schwieg endlich ganz – Durchlaucht schien es nicht zu bemerken. Er ging mit der Cigarre, die er alsbald wieder hatte ausgehen lassen, in der Hand auf und ab, bis er dieselbe plötzlich in den Kamin schnellte und sich mit der Frage zu mir wendete:

Was würden Sie sagen, Iffler, wenn ich mich noch einmal vermählte?

Ich würde den Tag, an welchem ich das erlebte, zu den glücklichsten meines Lebens zählen, sagte ich.

Und was, meinen Sie, würde die Welt sagen?

Die Welt würde Ihnen Recht geben müssen, Durchlaucht, erwiederte ich. Durchlaucht haben das Unglück gehabt, daß Ihre Ehe mit der Prinzeß Ernestine kinderlos blieb; Durchlaucht haben gerade jetzt die dringendste Veranlassung, die Folgen dieses Unglücks zu bedauern. Was wäre natürlicher, als daß Durchlaucht sich beeilten, das so lange Jahre Versäumte nachzuholen.

Es kommt nur ein wenig spät.

Aber nicht zu spät, erwiederte ich. Durchlaucht stehen jetzt in Ihrem zweiundsechzigsten Lebensjahre, in ungebrochener Kraft – der souveräne Hof, der Durchlaucht schon einmal eine seiner Töchter anvertraute, würde mit Freuden –

Darum handelt es sich nicht, sagte Durchlaucht, nahm einen Leuchter und ließ mich allein, in großer Unruhe, wie sich die Herren denken können.

Die Verbindung mit einem souveränen Hause war selbstverständlich die einzige, welche der Verfasser der Denkschrift, betreffend das fürstliche und gräfliche Gesammthaus Roda, billigen konnte; ja in diesem Augenblicke, wo es die Erkämpfung unseres guten Rechtes auf Einräumung von Sitz und Stimme im hohen Bundesrath des Norddeutschen Bundes galt, wo ich dieses Recht in meiner Denkschrift so klar erwiesen, in diesem Augenblicke, sage ich, war eine Wiedervermählung unseres Herrn mit einer Prinzessin von Geblüt sozusagen eine politische Nothwendigkeit. Und gerade jetzt hätte der gnädige Herr an mehr als einer Stelle anklopfen können. Hatten doch Mediatisirte und Depossedirte dasselbe Interesse daran, zu beweisen, daß Recht Recht bleiben muß trotz aller Gewalt und Vergewaltigung!

Darum handelte es sich aber nicht, hatte der Herr im Fortgehen gesagt. Um was dann? Ich konnte die Nacht vor banger Erwartung kaum ein Auge schließen. Ich harrte am nächsten Tage mit Ungeduld der weiteren Mittheilung, welche mir der Herr versprochen hatte.

Der Tag verging, ohne daß es dazu gekommen wäre: Durchlaucht machte mit der Gesellschaft einen längeren Ausflug, von welchem man erst gegen Abend retournirte. Ich war zum Thee in die Gemächer der Excellenz befohlen. Die Herrschaften waren wie gewöhnlich allein. Die Stimmung, welche in der letzteren Zeit manchmal eine etwas gedrückte gewesen, war heute eine belebtere; zum Theil wenigstens. Die Excellenz – eine ungemein geistreiche, liebenswürdige Dame – ließ die Unterhaltung nicht abreißen; Comteß Stephanie sang und spielte, Durchlaucht, der den Platz am Flügel kaum verließ, schien entzückt und sagte der Comteß die feinsten Schmeicheleien. Der Graf war allerdings sehr schweigsam, und was das junge Fräulein, die Gesellschafterin, betrifft, welche den Thee bereitete, so konnte sie still sein, ohne daß es auch einem scharfsinnigen Beobachter aufgefallen sein würde. Um kurz zu sein, ich verließ gegen elf Uhr den Salon mit der Ueberzeugung, die Wahl Seiner Durchlaucht sei auf keine andere als auf Comteß Stephanie gefallen; und das erklärte denn auch, in Anbetracht der Verhältnisse, die sonderbare Stimmung, in welcher ich den Herrn in der vergangenen Nacht gesehen hatte.

In diese Betrachtungen verlor ich mich, als ich mich wieder auf meinem Zimmer befand. Ich dachte an meine Denkschrift, die jetzt zum Drucke fertig war und nun ungedruckt bleiben würde; ja ich begann bereits sie im Geiste umzuarbeiten. So war es wieder sehr spät geworden, ich konnte mich noch immer nicht entschließen, zu Bette zu gehen; mir war, als müsse die Entscheidung, die ich herbeisehnte, noch in dieser Nacht eintreten, und meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Gegen zwei Uhr – mir ist diese denkwürdige Nacht bis in die kleinsten Einzelheiten gegenwärtig – vernehme ich einen hastigen Schritt auf dem Corridor, ein nervöses Klopfen an meiner Thür und, bevor ich noch Herein sagen konnte, tritt Durchlaucht in das Zimmer. Nie werde ich diesen Anblick vergessen. Vor einer Stunde noch hatte ich ihn in Gesellschafts-Toilette gesehen, conversirend, verbindlich lächelnd, mit der vornehmen Reserve, die ihm so wohl läßt; jetzt stand er vor mir ohne Binde, das Hemd aufgerissen, die Haare wirr um die Stirne stehend, als hätte er daran gezaust und gezerrt, und das Schrecklichste war, daß er dies Alles gar nicht zu merken schien, daß er offenbar jede Empfindung der Zeit, des Orts verloren hatte, wie man es von den Nachtwandlern behauptet.

Und wie ein Nachtwandler, mit verstörter Miene und starren Augen, wanderte er im Zimmer auf und nieder, ohne ein Wort zu sprechen, und ich glaube, er würde es ebenso wieder verlassen haben, bis ich mir endlich ein Herz faßte und ihn beschwor, dieses fürchterliche Schweigen zu brechen und seinen ältesten und treuesten Diener des Vertrauens zu würdigen. Ich wagte zu gleicher Zeit anzudeuten, wie ich seine Scrupel ja nur zu begreiflich fände, wie ich aber, Alles in Allem, einer Wahl, welche der actuellen politischen Situation so volle Rechnung trage, meinen allerunterthänigsten Beifall mit voller Ueberzeugung spenden könne.

Das freut mich, sagte er, freut mich um so mehr, als ich es von Ihnen keineswegs erwartet hatte.

Die Verbindung von Durchlaucht mit Comteß Stephanie – fing ich an.

Wollen Sie mich zum Besten haben? schrie Durchlaucht, indem er von dem Stuhl, in den er sich eben erst geworfen, in die Höhe fuhr. Was sprechen Sie von Comteß Stephanie! Ihre Verbindung mit Graf Heinrich ist abgemachte Sache. Ich habe gestern schon meinen Consens gegeben und dem jungen Paare alle nur möglichen Concessionen gemacht. Die Sache ist entschieden, vollkommen entschieden; für sie! aber ich? aber für mich? O mein Gott, mein Gott!

Die Herren können sich mein Entsetzen vorstellen. Ich glaubte einen Augenblick allen Ernstes, der gnädige Herr habe den Verstand verloren. Sie lächeln, Herr von Zeisel; aber ich bin überzeugt, wären Sie an meiner Stelle gewesen, Sie hätten sich ebensowenig wie ich zu rathen und zu helfen gewußt. Vor einer Stunde wollten Sie die Helligkeit hinter dem Schlosse durchaus für Feuerschein halten und haben meine Damen nicht wenig damit erschreckt. Nun, da der Mond hell am Himmel steht und uns hier in die Laube scheint, können Sie freilich leicht behaupten, Sie hätten von Anfang an gewußt, daß es der Mond gewesen. Wer die gnädige Frau jetzt im grünen Sammetkleide sich auf das Pferd schwingen und zum Schloßhof hinausjagen, oder auf einem unserer Winterbälle in einer weißen Atlasrobe die Honneurs im Spiegelsaale machen sieht, erkennt freilich das junge siebzehnjährige Mädchen nicht wieder, das bei der Excellenz an jenem Abend in einem bescheidenen schwarzen Kleide hinter dem Theetisch stand und den Mund nur öffnete, wenn sie, was nicht allzu häufig geschah, angeredet wurde. Wie hätte ich denken, wie hätte ich ahnen können, daß sie es war, welche unseren sonst so gemessenen, den Frauen gegenüber so reservirten, ja schüchternen Herrn bezaubert hatte!

Ich nehme das Wort in seiner eigentlichen Bedeutung, meine Herren, denn nur durch einen Zauber kann ich mir, was damals geschah, erklären. Die Tochter eines Sergeanten, der später in dem Hotel des Generals eine Art Haushofmeisterstelle, oder wie Sie es nennen wollen, bekleidet – ein Mädchen, das – ich spreche zu den Freunden, deren Discretion ich gewiß bin – unter allen Umständen es schwerlich weit über eine Kammerjungfer gebracht haben würde und sich noch in diesem Augenblicke in einer Zwitterstellung zwischen Kammerjungfer und Gesellschafterin oder Gespielin der jungen Comteß befand; auf der anderen Seite unser hoher Herr, der Abkömmling eines Geschlechts, das runde tausend Jahre geblüht hat, der eben noch durch meine Denkschrift vor sämmtlichen Cabinetten Europas sein Anrecht auf Sitz und Stimme unter den Fürsten Deutschlands reclamirt hatte – ich überlasse Ihnen, meine Herren, sich mein schmerzliches Erstaunen auszumalen, als ich nun sah, sehen mußte, daß das für unmöglich Gehaltene doch möglich, daß es gewiß war, unser gnädigster Herr wollte diese junge Dame zu seiner Gemahlin erheben.

Und dies, mein Herr von Zeisel ist, was ich vorhin als die schwache Stunde unseres Herrn zu bezeichnen mir erlaubte. Ich bin ein Mann der unbedingten Pflichttreue, meine Herren, und so that ich auch in diesem schwierigen Falle meine Pflicht, indem ich Durchlaucht meine allerunterthänigste, aber unumstößliche Meinung sagte, die dahin ging, daß er weder vor Gott, noch vor sich selber, weder vor dem Andenken seiner erlauchten Ahnen, noch vor dem Forum der jetzt lebenden Menschen, weder vor der Geschichte, noch vor der Gegenwart sein Vorhaben verantworten könne.

Ich weiß nicht, wie sehr diese Gründe bei Durchlaucht verfingen; glücklicherweise hatte ich noch ein Argument in Petto:

Und dann, Durchlaucht, sagte ich, die Sache ist ja so wie so eine Unmöglichkeit. Von Durchlauchts Legitimität einmal abgesehen, wenn man davon absehen kann, so bleibt Durchlaucht doch ohne allen Zweifel Mitglied des hohen Adels. Das preußische Landrecht aber läßt zwischen Mitgliedern des hohen Adels und Personen aus dem niederen Bürgerstande nur eine Ehe linker Hand zu.

Seit wann stehe ich unter dem preußischen Landrecht? rief Seine Durchlaucht.

de facto leider bereits seit 18l5; wagte ich zu erwidern, aber auch de jure, wenn Durchlaucht sich auf eine so eclatante Weise von der heiligen Pflicht des Souveräns, sich nur ebenbürtig zu vermählen, lossagen.

Bleiben wir also beim preußischen Landrecht, sagte Durchlaucht. Die ganze Frage ist, so viel ich weiß, controvers. Und gesetzt, die landrechtlichen Bestimmungen über die Ehe zur linken Hand seien so unanfechtbar, wie sie anfechtbar und in sehr vielen Fällen bereits angefochten sind, so gehören die Unterofficiere, Sergeanten und Feldwebel der Armee nach einer Cabinetsverfügung Friedrichs II. vom Jahre 1774 nicht zu dem niederen Bürgerstande, Mithin stünde meiner Verbindung mit dem Fräulein auch nach dieser Seite hin nichts im Wege.

Die Herren werden mir zugeben, dies war eine schwache, sehr schwache – es war die schwächste Stunde im Leben unseres gnädigen Herrn. Aber ich bemerkte schon vorhin: der Herr glich in dieser entsetzlichen Nacht einem Rasenden; er war außer sich. Ich habe ihn niemals sonst, weder vorher, noch auch, Gott sei Dank, nachher so gesehen. Nur ganz allmälig gelang es mir, ihn einigermaßen zu beruhigen. Seine letzte Aeußerung hatte mir bewiesen, daß er sich die Eventualität einer Ehe zur linken Hand bereits überlegt hatte, und Sie können sich denken, daß ich mir diesen Vortheil zunutze machte. Gegen eine derartige Verbindung hatte ich natürlich principaliter nichts einzuwenden; ich erinnerte mich und erinnerte Seine Durchlaucht noch in jener Nacht an einen analogen Fall in der Geschichte des fürstlichen Hauses und habe bei späterer genauerer Nachforschung noch einen zweiten der Art entdeckt.

Dazu wird sich das Fräulein nie verstehen, sagte Durchlaucht.

Dann haben Durchlaucht dem Fräulein diese Proposition bereits gemacht oder nicht? fragte ich.

Hier mußte Durchlaucht nun, gern oder ungern, mir einen Einblick in sein Verhältniß zu der Dame gewähren, welches denn allerdings des Ueberraschenden genug für mich enthielt. Ich erfuhr, daß Durchlaucht sozusagen vom ersten Augenblick an von der heftigsten Leidenschaft für die junge Dame ergriffen worden war, daß er – gleichsam als Preis seiner Concession zu der Verbindung des Grafen mit Comteß Stephanie – seine eigene Verbindung mit dem Fräulein von vornherein in's Auge gefaßt; daß er, bei seiner bekannten rührenden Bescheidenheit, die er noch stets dem weiblichen Geschlechte gegenüber bewährt, es nicht gewagt hatte und nicht gewagt haben würde, mit einer Erklärung hervorzutreten, wenn er nicht heute auf der Landpartie das Fräulein abseits von der Gesellschaft in großer Traurigkeit überrascht und Zeit und Ort günstig für eine Erklärung gefunden hätte. Wie war die Erklärung aufgenommen worden? Unser guter Herr wußte, streng genommen, darüber keine Rechenschaft zu geben, und diese nachträgliche Ungewißheit war denn auch der Grund der furchtbaren Aufregung, in welcher er sich befand.

Mir ist zu Muthe, sagte er, wie einem auf Leben und Tod Angeklagten, dem sein Urtheil vorgelesen ist und der in seinem Fieber nicht gehört hat, ob es schuldig lautete, oder nichtschuldig.

Wollen Durchlaucht mir verstatten, diese delicate Angelegenheit weiter zu führen, sagte ich hier. Durchlaucht können sich unter keinen Umständen einem doch möglichen Refus aussetzen.

Ich glaubte nun freilich keineswegs an diesen Refus, aber es schien mir die höchste Zeit, daß hier die Diplomatie an die Stelle der persönlichen Leidenschaft trat, und mochte nun unser Herr dieselbe Ueberzeugung haben oder war seine Kraft gebrochen – ich erhielt die gewünschte Erlaubniß und ließ mich am nächsten Morgen, so früh als ich, ohne die Schicklichkeit zu verletzen, irgend durfte, bei dem Fräulein melden.

Die Herren werden natürlich nicht erwarten, daß ich über den weiteren Gang dieser Angelegenheit mit einer Ausführlichkeit berichte, welche mir der Respect vor unserem gnädigsten Herrn ebenso wie mein Diensteid verbieten. Ich darf nur so viel sagen, daß ich schon manche wichtige und intricate Verhandlung geführt habe, aber keine, in welcher ich den Faden so oft verloren hätte, wie in dieser. Ich war gekommen in der sicheren Voraussetzung, es werde Mühe kosten, meinen Vermittelungsvorschlag dem Fräulein acceptabel zu machen, und ich fand zu meiner freudigsten Ueberraschung eine solche Gleichgültigkeit gegen alle und jede Form, eine solche Selbstlosigkeit, um mich so auszudrücken, daß die Rollen gewissermaßen vollständig vertauscht schienen, und ich es war, der mit allem Ernst auf der Notwendigkeit einer gesetzlichen Verbindung bestehen mußte. Ja, es wäre mir wahrscheinlich gar nicht möglich gewesen, die mir damals unbegreifliche und noch heute unverständliche Abneigung der Dame gegen diese doch immerhin schon hinreichend lockere Form der Ehe zu besiegen, wenn unser Herr in einer geheimen Unterredung, welche noch im Lauf des Vormittags stattfand, nicht verstanden hätte, die rechten Töne anzuschlagen. Wenigstens muß ich das aus dem Erfolge schließen, und auch unserem Herrn kann dieser Sieg nicht leicht geworden sein. Ich sehe ihn noch immer, als er von dieser Unterredung kam, bleich, erschüttert, fassungslos in den Salon wanken, wo ich seiner harrte, sich in einen Stuhl werfen und die Stirn in die Hand pressen, so daß ich im ersten Augenblick nicht anders glaubte, als Alles sei verloren, bis er auf mein respectvolles wiederholtes Fragen endlich hervorstieß: Doch, doch, sie willigt ein! Und wir reisen noch heute Abend!

Heute Abend! rief ich in meinem Erstaunen, welches die Herren begreiflich finden werden. Und die kirchliche Ceremonie und die gnädigen Verwandten! und der Consens Seiner Majestät, der doch nach den landrechtlichen Bestimmungen selbst zur Giltigkeit einer Ehe linker Hand durchaus nothwendig ist!

Wir reisen heute Abend, wiederholte Durchlaucht mit einer Heftigkeit, die keinen Widerspruch duldete.

Nun, meine Verehrtesten, Sie wissen, es ist das Vorrecht der hohen Herrschaften, immer den Tisch gedeckt zu finden und auch niemals zu sehen, wenn derselbe abgedeckt wird; und so hatte denn ich, nachdem der Herr wirklich noch an demselben Abend in Begleitung Gleichs und einer Kammerjungfer, die in aller Eile herbeigeschafft war, mit der jungen Gemahlin nach Italien aufgebrochen und ich zur Regelung so vieler schwebender Angelegenheiten zurückgeblieben war – ich hatte, sage ich, die dornenvolle Aufgabe, den Damen und dem Grafen gegenüber die Verantwortung gewissermaßen dessen, was geschehen war, nachträglich übernehmen zu müssen. Ich darf sagen, daß dies keine leichte Aufgabe war. – Excellenz, die Frau Gräfin Mutter – eine so unendlich liebenswürdige, vortreffliche Dame sie ist – konnte doch ihre tiefe Erregung über das Geschehene nicht verbergen. Noch weniger als die Frau Gräfin Mutter war Comteß Stephanie im Stande, für ihre Empfindungen immer einen wohlthuenden Ausdruck zu finden; aber eine peinliche Wendung nahm die Sache doch erst dem Grafen Heinrich gegenüber. Als ich im Auftrage des Fürsten ihm die Mittheilung machte, verfärbte er sich und stand ein paar Augenblicke sprachlos da. Dann rief er mit Heftigkeit: Ich protestire dagegen! zu wiederholtenmalen; und auch, als ich ihm sagte, daß es sich nur um eine Ehe zur linken Hand handle, wollte er sich durchaus nicht zufrieden geben. Hätte ich jetzt nicht gewußt, daß der Graf schon so lange officiös und nun seit gestern officiell mit Comteß Stephanie verlobt war, ich hätte glauben müssen, er selbst habe – ganz andere Absichten gehabt. Dessen wird man den stolzen Herrn freilich nicht fähig halten, wenn man ihm näher getreten ist und ihn besser kennen gelernt hat; aber für mich war der Graf damals doch eine verhältnißmäßig neue Erscheinung, in der ich mich nur schwer zurechtfand. Man kann es Durchlaucht und dem Herrn Grafen, wenn sie so beisammen sind, wahrlich nicht ansehen, daß Erich XXXIV. der gemeinschaftliche Stammvater Beider, und unser gnädigster Herr der rechte Großonkel des jungen Herrn ist. Aber daß die Steinburger so lange in preußischen Diensten waren, hat sie zu anderen Menschen gemacht. Es ist ein wunderlich Ding, Ihr Herren, um das preußische Wesen. Das hat eine Schneide, der sich nichts abschleifen läßt, und eine Höflichkeit, vor der man sich in Acht nehmen mag. Ich weiß davon zu reden. Unser gnädigster Herr hatte, wie ich nun von ihm, der mich in die Transactionen eingeweiht, erfahren, dem jungen Paare ein bedeutendes Jahrgehalt ausgesetzt und die, wie gesagt, enormen Schulden des Grafen zu zahlen übernommen. Er ließ jetzt durch mich andeuten, aber auch nur andeuten, daß er es gern sehen würde, wenn der Graf nach seiner Vermählung den preußischen Dienst quittire. Aber das war ein Funke in ein Pulverfaß. Die Ehre, preußischer Officier zu sein, rief der Graf, ist mir um keinen Preis der Welt feil, geschweige denn um die paar tausend Thaler, mit denen mir Durchlaucht diese Ehre abkaufen zu können meint! Ja, er verweigerte sogar die Annahme des Capitals, welches ihm Durchlaucht zur Abzahlung der Schulden zur Verfügung gestellt. Ich will nichts von ihm, weder Großes noch Kleines, sagte er; ich bin bis jetzt ohne ihn fertig geworden und werde auch mit Gottes und meines allergnädigsten Herrn Hilfe in Zukunft ohne ihn fertig werden. Und wie lange wird es denn dauern, bis ich den Gaul zwischen den Beinen habe! Glauben Sie mir, lieber Kanzleirath, die Steinburger halten es länger aus, als die Rothebühler und Tyrklitzer zusammengenommen.

Nun, meine Herren, diese Prophezeiung ist zum Theil schneller in Erfüllung gegangen, als ich oder irgend Einer damals ahnen konnte. Wer hätte für möglich gehalten, daß die Tyrklitzer Linie, die vor dem Kriege auf zehn Augen gestanden hatte, und nach dem Kriege immer noch auf sechs stand, bald auf vier, dann auf zwei stehen würde, und nun mit dem Tode des jüngsten Grafen Casimir gänzlich erlöschen sollte? Ich kann Ihnen sagen, meine Herren, mir ist gar wunderlich zu Muthe, wenn ich daran denke, und weiter denke, daß wir morgen in dem Grafen unseren zukünftigen Herrn zu begrüßen und zu verehren haben werden. Hat aber schon für uns Beamte dieses hochwichtige Ereigniß mindestens seine zwei Seiten, so darf man wohl, ohne sich einer Indiscretion schuldig zu machen, behaupten, daß für die gnädige Frau –

Wollen wir gehen? sagte Hermann, indem er aus dem brütenden Sinnen, in welches er während der Erzählung des Kanzleiraths versunken gewesen schien, jäh in die Höhe fuhr.

So nehmen Sie mich doch wenigstens mit! rief Herr von Zeisel, fein Glas leerend und sich ebenfalls erhebend.

Der Kanzleirath wußte nicht recht, was er von dieser plötzlichen Unterbrechung denken sollte. Er hatte sich bei seiner Erzählung vortrefflich unterhalten und war ja eben erst bei seinem Thema angekommen. Aber vergeblich suchte er seine Gäste zu längerem Bleiben zu überreden. Bereits wenige Minuten später wandelten sie nebeneinander auf dem chaussirten Wege, der, von Buschwerk hie und da eingerahmt, in manchen Krümmungen den langgestreckten Hügelrücken zum Schlosse emporstieg.

Der Cavalier war von dem reichlich genossenen Wein sehr aufgeregt und sang mit angenehmer Tenorstimme ein Lied, in welchem ein adeliger Page und ein bürgerlich Kind in irgend eine Beziehung gebracht waren, die nicht klar hervortrat. Dann unterbrach er sich, um seinem Gefährten den Vorschlag zu machen, hier in dieser mitternächtlichen Stunde auf dem Kreuzweg, den sie eben passirten, im Dämmerlicht des Mondes, der sich hinter Wolken verbarg, mit ihm um die Eine, die Reine, die Kleine, die er meine, auf Leben und Tod zu kämpfen; wurde dann plötzlich wieder beinahe ernsthaft und setzte seinem Gefährten auseinander, in welch' sonderbarer Lage er sich der Dame seines Herzens gegenüber befinde.

Sehen Sie, Doctor, sagte er, uns Zeisels geht es wie den Turlows, nur ein Bischen schlechter; auch wir sind seit undenklichen Zeiten Vasallen unserer Lehensherren gewesen, nur daß die Fürsten von Roda-Rothebühl uns nicht zu Grafen gemacht haben, und, wie die Sachen standen, auch wohl nicht machen konnten. Aber ich fühle mich darum nicht minder adelig und bin nicht minder adelig, wie irgend ein ritterblütiges Geschlecht in Deutschland. Und wenn auch die anderen Nebenzweige meiner Familie sich mehr und mehr in das bürgerliche Leben verloren haben und ich mit einem Erröthen, welches Sie jetzt nicht sehen, bekennen muß, daß in diesem Augenblick ein Zeisel in Leipzig Handschuhe verkauft und ein Anderer in Chemnitz Strümpfe fabricirt – der Hauptzweig hat sich immer rein erhalten; ich wäre der Erste, der eine Bürgerliche heirathete. Kann ich Das? Darf ich Das? Bliebe also nur eine Ehe zur linken Hand, wie Serenissimus sie geschlossen hat. Aber was bei einem so hohen Herrn selbstverständlich ist, würde doch bei Unsereinem ein wenig wunderlich aussehen, denn wie der Dichter sagt: Zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden! – Apropos, Doctor des hohen Uraniden, unseres gnädigsten Herrn! Wissen Sie, daß mir bei der Erzählung unseres trefflichen Kanzleiraths, bei der Sie, glaube ich, mehr als halb geschlafen haben, ganz besondere Gedanken gekommen sind – Lichtblicke, Ueberblicke, Einblicke in unsere Verhältnisse, von denen sich jener Biedermann nichts träumen läßt, und daß ich jetzt mehr als je überzeugt bin: der Graf hat es zu verantworten, wenn damals nur eine Ehe linker Hand zwischen unserem Herrn und der gnädigen Frau zu Stande kam. Ich kenne unseren Herrn, er ist ein Jüngling mit weißen Haaren und würde seinen Entschluß ausgeführt haben, wäre ihm die Ausführung desselben nicht unmöglich gemacht worden. Durch wen? Durch den Kanzleirath? Er ist eine Null. Durch die Dame selbst? Pah, das wäre gegen die Natur – contra naturam, wie wir auf der Schule sagten. Wie würde ein Mädchen sich mit der Linken begnügen, wenn sie die Rechte haben kann! Bleibt nur der Graf. Er und er allein hatte ein reelles Interesse daran, daß keine rechte Ehe zu Stande kam; er und er allein, als Agnat, hatte die Macht, es zu verhindern, oder doch wenigstens die Energie, dagegen zu reagiren und Gott weiß welche Contreminen springen zu lassen; und so erklärt sich mir auch, warum in diesen drei Jahren der Graf und die Gräfin von unserem Hofe verbannt gewesen sind, und nur das verstehe ich noch immer nicht, weshalb diese Verbannung nun gerade jetzt aufgehoben ist. Haben Sie denn keinen Schlüssel zu diesem Räthsel? Aber freilich, wir müssen eben doch gute Miene zum bösen Spiel machen. Wollen Sie noch eine Cigarre auf meinem Zimmer rauchen? – Nein? Nun dann auf Wiedersehen morgen, in keiner besseren Welt!

Die beiden jungen Männer schüttelten sich die Hände und traten in ihre Zimmer, die an demselben Corridor in einem Nebengebäude des Schlosses lagen, welches das Cavalierhaus genannt wurde.

Hermann öffnete das Fenster und starrte in die Nacht hinein; und da waren sie wieder, aus dem Dunkel glänzend: ihre Augen!

Ach, diese großen, ernsten, schwermuthsvollen, glänzenden Augen! Sie hatten es ihm angethan vom ersten Moment, sie hatten seine Seele getrunken, sein Blut, sein Leben; sein ganzes Wesen war darein versunken, wie in ein tiefes, abgrundtiefes Meer!

Der junge Mann drückte die pochenden Schläfen in die Hände. Er hatte ein trübes Bewußtsein, daß auf diesem Wege der Wahnsinn lauere; er wollte sich aufraffen, zu Bette gehen, schlafen.

Er ging in sein Schlafcabinet und trat an den Tisch, auf welchem ein Brief lag. Erst jetzt fiel ihm wieder ein, daß der Diener, der ihm geleuchtet, gesagt hatte, daß Durchlaucht ein Billet herübergeschickt. Er erbrach das Siegel und las:

Mein junger Freund! Lassen Sie mich, bevor ich schlafen gehe, ein Unrecht gutmachen, das ich heute gegen Sie begangen habe. Sie wollen fort. Es ziemt mir nicht, Sie zu halten, wenn Sie selbst sich nicht mehr gehalten fühlen. Wie ungern ich Sie scheiden sehe, will ich Ihnen nicht sagen, weil, wenn ich es sagte, es wieder eine Fessel für Sie sein würde. Mag es denn also geschieden sein. Wer, wie ich, in der Abenddämmerung des Lebens wandelt und gen Untergang schaut, muß sich ja auf's Meiden gefaßt machen, muß sich ja auf's Scheiden verstehen! Aber lassen Sie es nicht sogleich geschieden sein. Ich darf es bitten, weil es nicht mein persönliches Wohl ist, das ich dabei im Auge habe, sondern das Wohl Anderer, denen gegenüber ich eine Verbindlichkeit übernommen, bei welcher ich durchaus auf Ihre Unterstützung rechnete. Sie wissen, was ich meine. Erlauben Sie mir also, Sie von heute für die nächsten Wochen als meinen Gast zu betrachten und treffen Sie unter dessen alle Maßnahmen, welche die Einrichtung Ihres späteren Lebens nothwendig macht. Da, wohin man Sie haben will, wird man ja wohl begreifen, daß ein Platz, den Sie so lange ausgefüllt, nicht von einem Tag zum andern wieder zu besetzen ist. Und damit wünscht Ihnen eine gute Nacht Ihr immer wohlgewogener Erich.

Hermann ließ den Brief langsam sinken.

Für wenige Wochen! sagte er. Und das Fieber rast nun schon drei Jahre in meinen Adern! So werde ich es ja wohl auch noch diese wenigen Wochen ertragen; und sie selbst muß begreifen, daß ich die gütige Hand, die dies geschrieben, nicht ohne weiteres von mir stoßen kann.

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