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Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
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Vierzigstes Kapitel.

Der Sanitätszug, welcher den Fürsten Roda und seine Gemahlin nach der Heimath führte, war eben – kurz vor Sonnenuntergang – abgelassen worden.

Ein Militärzug, der wenige Minuten später angekommen, hatte sich auf denselben Schienenstrang gestellt. Er brachte das Regiment, dem Hermann zugetheilt war und mit dem er sofort weiter mußte.

Die Soldaten – Landwehrleute, braune, bärtige Männer – stiegen aus den Wagen und hasteten durcheinander, hierhin, dorthin, ihre Reihen suchend – es sollte vom Bahnhofe abmarschirt werden – für den Blick des Uneingeweihten ein Chaos, das sich doch in wenigen Minuten zur vollkommensten Ordnung gelichtet haben würde.

Auf einer anderen Stelle wurde eine Batterie abgeladen; eine Kanone war tief in den weichen Boden gesunken; breitschultrige Kanoniere zogen sie mit Hurrah aus dem Schlamm, an einer andern wurde eine schadhafte Stelle in dem Geleise ausgebessert, die vor wenigen Minuten ein Zug passirt, der tausend gefangene Franzosen gebracht hatte.

Ein paar Dutzend Spitzäxte waren in Bewegung, Hämmer schlugen rasselnd gegen das Eisen, der Pfiff der Locomotiven schrillte drein – Rufen der Leute, Wiehern der Pferde, Commandoworte der Officiere – die Klänge der Musik des Regiments, dessen Tête sich eben in Bewegung setzte; »Lieb' Vaterland, kannst ruhig sein!«

Und Hermann, der mit Hedwig etwas abseits von dem bunten Treiben stand, sprach:

Aus den Pflügen sind Kanonen geworden, aus der Holzart des Waldbauern die Spitzaxt des Pioniers, aus der Arbeit des Landmanns, des Bürgers die Arbeit des Soldaten; dennoch, es ist wieder das vielgeplagte, mühsalbehaftete Volk – und an den Sorgen kann es ja auch nicht fehlen; wer von diesen braven Männern Allen hat sie zu Hause gelassen? Wer trägt sie nicht, so laut er singt und so ausgelassen er sich geberdet, auf seinem Herzen, und trägt schwerer daran, als an dem Tornister auf dem Rücken oder dem Zündnadelgewehr auf der Schulter? Der Tornister wird beim Bivouac abgelegt, das Gewehr im Marsch von der linken auf die rechte Schulter genommen; was nimmt ihm die Sorge ab – die Sorge um Weib und Kind?

Hedwigs dunkle Augen hingen unverwandt an dem merkwürdigen Schauspiel. Daß ihnen ihr Lohn werde! murmelte sie.

Zweifeln Sie daran? fragte Hermann.

Wenn ich mit Ja antwortete, erwiederte Hedwig aufblickend, sagte ich nicht die ganze Wahrheit, und antworte ich mit Nein, verschweige ich wieder meinen letzten Gedanken. Mein Herz ist eben zwiefach getheilt. Nicht daß ich an dem Siege zweifelte, ich habe nie auch nur einen Augenblick gezweifelt, daß wir siegen würden; wir haben gesiegt, wir werden siegen, Deutschland wird aus diesem Kriege hervorgehen in einer Macht und Herrlichkeit, die unsere kühnsten Hoffnungen weit überflügelt. Aber, mein Freund, Sie und ich und Tausende und aber Tausende – wir haben des Vaterlandes Glück und Ehre auf diesem Wege nie gesucht – werden wir, was wir so gefunden, zu bewahren verstehen? Wird das gutherzige, leichtbewegliche Volk nicht wieder des Sieges besten Theil an die abtreten, die es zum Siege führten, und die den Sieg noch immer für sich ausgebeutet, das heißt, das Volk und schließlich sich selbst um den unermeßlichen Gewinn gebracht haben!

Ich denke nicht, sprach Hermann; ich habe ein unendliches Vertrauen zu unseres Volkes eingeborener Kraft, zu seinem gebunden Sinn, seinem geraden Verstande, seinem rastlosen, unerschöpflichen Genie. Wir haben es nicht so gewollt – ich gebe es zu, aber wer hat es schließlich so gewollt? Nicht einmal die, welche sich jetzt den Ruhm laut oder in der Stille anmaßen – die Ritter, deren stolzes Wort es war: Allzeit voran! Sie folgen schließlich auch nur dem Rufe, den der Genius der Nation an sie ergehen ließ, wie an uns Alle; sie werden schließlich auch nur getragen von der ungeheuren Woge, die uns trägt. Wohin? Wer wäre vermessen genug, das zu sagen; aber wer wäre so lieblos, nicht zu wünschen, es möge in den Hafen sein, den Hafen nicht einer trägen Ruhe, aber einer Zukunft von Arbeit, die den Arbeiter lohnt, voll Licht, das Jedem, dem Hochgeborenen, wie dem Niedriggeborenen, dem Scepterträger, wie dem Tagelöhner voll und warm in's Herz scheint.

Amen! sagte Hedwig.

Und nun, ich muß fort, Hedwig; wenn der Krieg mich verschont, wenn ich wiederkehre – ich kann nicht sagen: heimkehre – ich habe kein Heim – werde ich Sie finden? werden Sie sich finden lassen wollen?

Wer kann, wer möchte ohne Freunde sein! sagte Hedwig

Hermanns Blick suchte den ihren – vergeblich. Wieder hafteten die dunklen Augen an dem großen Kriegsbilde, das sich vor ihnen ausbreitete. Sie hatte seine letzte Frage wohl kaum vernommen; wußte wohl kaum noch, was sie darauf geantwortet. Ein Wehgefühl wollte in seinem Herzen aufsteigen; aber er hatte ja längst alle Hoffnung aufgegeben, und dies war keine Zeit für privaten Kummer. Kaum noch vernehmbar ertönte die Musik an der Spitze des Regiments; die letzte Compagnie setzte sich eben in Marsch.

Als Hermann sich noch einmal umwendete, sah er Hedwig auf dem erhöhten Punkte, wo sie zusammen gestanden. Das röthliche Licht der sinkenden Sonne umfloß ihre dunkle Gestalt, die jetzt von dem helleren Hintergrunde aufragte, schlank und groß schier über Menschenmaß.

Und jetzt hob sie die Arme, zum Gruß, zum Segen. Er wußte es: es galt nicht ihm; es galt den Braven Allen, die mit ihm zogen in den heiligen Kampf für ein einiges und freies Vaterland.

* * *

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