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Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
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Siebenunddreißigstes Kapitel.

Die Sonne war gesunken am Tage von Gravelotte. Ueber den Höhen von St. Privat, dem Preis des Tages, um welchen die Garde im Verein mit den Sachsen den furchtbaren Strauß gestritten, brütete die Nacht und deckte mit finsterm Schleier das entsetzliche Blutgeld, das der Tag gekostet und das noch ungezählt auf dem Schlachtfelde lag.

Der Nachtthau, der nach Mitternacht stärker und stärker fiel und die furchtbaren Schmerzen, die jetzt, wo das Blut nicht mehr floß, in seinem zerschmetterten Arm zu toben begannen, erweckten den Fürsten Heinrich aus seiner stundenlangen Ohnmacht. Er hatte zuletzt geträumt: der alte Hans, der tolle Hirsch, habe ihn mit seinem Geweih an den Schwanenfels genagelt und Hedwig stand drüben am Ufer und rief: vorwärts, vorwärts! und lachte und höhnte, als er nicht von dem Felsen loskommen konnte, ob er sich auch an dem zackigen Gestein das Fleisch von den Händen rang. Und nun war Hedwig verschwunden, die Roda stieg und stieg, höher, immer höher, bis an seine Kniee, bis an sein Herz; kälter, immer kälter, daß es ihn durch Mark und Bein schüttelte; siedend, rauschend, schäumend, Wasser überall, so weit er sehen konnte; aber sobald er den Kopf niederbiegen und den Fluß austrinken wollte, der nun zum Meer geworden, kam der riesenhafte Hirsch und legte sich auf seine Brust, so centnerschwer, daß er nicht mehr athmen konnte, daß er um Hilfe rufen wollte, so sehr er sich dessen schämte: Hilfe! Hilfe!

Er mochte es laut gerufen haben, denn eine Stimme in seiner unmittelbaren Nähe sagte:

Uns hilft Niemand mehr, Herr Major.

Wer ist es? fragte der Fürst.

Der Johann Kreiser, Herr Major.

Der Johann Kreiser, der lange Johann genannt, war aus Roda, der Sohn von des verstorbenen Fürsten altem Kutscher. Fürst Heinrich kannte ihn wohl. Er erinnerte sich, daß, als sie, schon nach Sonnenuntergang die letzte Attaque auf die französische Infanterie machten, die bereits im vollen Rückzuge war, aber wüthend, verzweifelt den Kampf aufnahm, der lange Johann dicht hinter ihm geritten war.

Die Erinnerung war wie ein Blitz durch seine Seele gefahren, während er bereits, kalt entschlossen, begann, sich über seinen Zustand und über die Situation klarzumachen.

Das Erste war, daß er den Versuch wagte, sich ein wenig auf den Rücken zu drehen, um die linke Schulter und den linken Arm frei zu bekommen, in welchem die schlimmsten Schmerzen wühlten. Aber die Wendung wollte sich nicht ausführen lassen, da von einem Sichstützen auf den zerschmetterten Arm nicht die Rede sein konnte, und überdies sein linkes Bein, wie er jetzt bemerkte, unter seinem Pferde lag.

Er versuchte es nochmals, aber die Schmerzen, die er sich bei dieser Bewegung verursachte, waren so furchtbar, daß er bereits wieder eine Ohnmacht herannahen fühlte und vorläufig davon abstehen mußte.

Dann wollte er, wenn es möglich war, herausbringen, wo er sich befand; aber es vergingen mehrere Minuten, bevor er sich aus den Einzelheiten ein ungefähres Bild seiner Lage zusammensetzen konnte.

Es schien, daß er in einem Graben lag, welcher den tiefsten Grund einer kleinen Terrainsenkung bildete. Auch erinnerte er sich, daß, als sie durch die französische Infanterie ritten, er sein Pferd eben über einen Graben hatte spornen wollen. In diesem Augenblick mußte er mit sammt dem Pferde zusammengeschossen worden sein.

Das bestätigte auch der lange Johann und fügte hinzu, daß er in dem Augenblicke auch noch sächsische Cavallerie über den Bergrücken habe kommen sehen, er wisse aber nicht, wie es nun weiter geworden sei, denn da sei es auch mit ihm Matthäi am Letzten gewesen.

Fürst Heinrich konnte den Johann nicht sehen, der hinter ihm lag.

Ich wache hier schon seit einer Stunde, Herr Major, sagte der Johann; mir sind beide Beine, als kämen sie aus einem Mörser, und was ich für Schmerzen aushalte, das mag Gott im Himmel wissen.

Der Johann schwieg; er schien auf ein leises Wimmern zu hören, welches ganz aus der Nähe herzzerreißend ertönte.

Das ist der August Schwarz, Herr Major, sagte Johann; aus dem zweiten Gliede. Er ist der Letzte, außer uns, Herr Major; sie sind Alle nacheinander, Franzosen und Unsere, still geworden; der wird's auch nicht mehr lange treiben. Er jammert schon, so lange ich wach bin, nach Wasser; ich kann nicht zu ihm, er liegt zu weit weg.

Wieder schwieg der lange Johann; auf des Fürsten von Durst zerrissenen Lippen schwebte eine Frage, die nicht heraus wollte, und endlich doch zögernd heiser kam:

Haben Sie noch einen Schluck, Kreiser?

Freilich, Herr Major, sagte der lange Johann; wenn Sie nur ein bischen heranrücken wollten.

Ich liege fest, wo ich liege, sagte der Fürst, trotz seiner grausamen Schmerzen lächelnd.

So will ich's versuchen, sagte der lange Johann.

Es waren vielleicht zwölf Schritte, welche die Beiden von einander trennten, aber jeder Zoll, den der lange Johann, die Finger in die Rasendecke krampfend, sich weiter zog, mußte mit Höllenqualen erkauft werden, die den eisernen Menschen durch die zusammengebissenen Zähne wimmern und stöhnen ließen wie ein Kind. Und plötzlich fiel dem Fürsten ein, daß es noch keine Woche her war, als er dem langen Johann, weil er sein Pferd nicht vorschriftsmäßig geputzt, drei Tage Arrest dictirt hatte, die der Johann, in Ermangelung eines Arrestlocales, dadurch abbüßte, daß er drei Tage hintereinander während des Rendezvous an einen Baum gebunden wurde.

Laßt es gut sein, Kreiser, sagte er.

Ich bin gleich da, sagte der Johann.

Der Mann war so weit gekommen, daß er mit dem langen ausgestreckten Arm ihm die Flasche reichen konnte – eine große lederne französische Feldflasche, die er ein paar Tage vorher bei einem Recognoscirungsgefecht erbeutet.

Es ist freilich nur Essigwasser, Herr Major, sagte Johann.

Der Fürst trank mit gierigem Zuge. Plötzlich setzte er wieder ab; er durfte den Mann nicht seiner letzten Hilfe berauben.

Trinken der Herr Major aus, sagte Johann; ich brauche es doch nicht mehr.

Und nach einer Pause:

Oder wenn der Herr Major zu stolz sind, es von einem armen Kerl anzunehmen, so kaufen der Herr Major mir's ab. Der Herr Major haben gewiß noch ein paar Schüsse in seinem Revolver; geben Sie mir einen – hier über's Ohr.

Sie können noch durchkommen, Kreiser, sagte der Fürst.

Ich komme nicht durch, Herr Major; und wenn ich durchkomme, was habe ich davon: Hunger und Kummer. Wir sind unserer zwölf Kinder; ich bin der älteste; und die Pension, die der Vater hat, reicht nimmer weit.

Der Mann sprach mit so seltsam klarer, schwingender Stimme, aber seine Riesennatur konnte doch dem Wundfieber nicht länger widerstehen. Er fing plötzlich an, von der Katherine zu reden, die nicht in's Wasser zu laufen brauche, weil sie einen Buben von Einem habe, der doch ein ehrlicher Kerl sei, wenn ihn der Herr Major auch drei Tage hintereinander habe an den Baum binden lassen.

Dem Fürsten gingen die wirren Worte des Aermsten wie ein Schwert durch's Herz. Hätte ich dem Menschen den Arrest nicht dictirt, murmelte er, ich weiß nicht, was ich darum gäbe!

Aber sein eigener Zustand war jetzt derart geworden, daß er daraus erlöst werden oder binnen kürzester Frist den Schmerzen erliegen mußte. Er machte eine verzweifelte Anstrengung, sein Bein zu befreien; in demselben Augenblicke hob das Thier, das bis jetzt regungslos dagelegen, den langen Hals mit schauerlichem Stöhnen und warf sich im Todeskampfe herum. Der Fürst schrie laut auf in wahnsinnigem Schmerz, die Sinne vergingen ihm.

Er wußte, als er abermals erwachte, nicht, wie lange er so gelegen haben mochte. Doch mußte es ziemlich lange her sein. Das Sternbild des Großen Bären, das vorhin noch gerade gestanden, hatte sich tief geneigt; kälter wehte der Wind durch die Thalmulde; Fieberschauer schüttelten ihn, seine Zähne klappten.

Dennoch war seine Lage nicht mehr so gräßlich; die Schmerzen hatten etwas nachgelassen und vor Allem war er von der entsetzlichen Last befreit; sein Pferd hatte sich im Todeskampfe von seinem Beine heruntergewälzt. Er konnte sich, wenn auch mit unsäglicher Mühe, erst auf den Rücken, dann auf die rechte Seite wenden und sehen, was er zu sehen erwartet: einen Haufen Todter in wüstem Durcheinander, dazwischen die Leiber von Pferden – eine grauenhafte Nachbarschaft – unmittelbar vor ihm das verzerrte Gesicht des Johann Kreiser, der keiner Revolverkugel mehr bedurfte.

Das sonst so feste Herz pochte dem tapferen Manne bange gegen die Rippen. So lange der Johann Kreiser noch gelebt, so lange er noch eine Menschenstimme gehört hatte, war ihm der Gedanke des Todes eigentlich noch nicht nahe getreten; jetzt, in dieser stillen furchtbaren Todtenwacht, zu der er verdammt war, sagte er sich, daß er werde sterben müssen, nicht, wie er es immer gedacht, an der Spitze seiner Leute, in vollem Rosseslauf vom Pferde geschossen, vor den Augen seiner Cameraden, vor den Augen seines Commandirenden, vielleicht seines Königs und Herrn, sondern hier in diesem vergessenen Winkel des Schlachtfeldes in tiefer finsterer Nacht, einsam, allein, um ein paar Tage nachher aufgefunden, vielleicht gar nicht gefunden, von französischen Bauern eingescharrt, unter den »Vermißten« aufgeführt zu werden: Major Fürst Heinrich Roda-Steinburg vermißt – wie ein Marodeur, den die Weiber im Dorfe todtgeschlagen!

Und dem fiebergequälten, schmerzgefolterten Mann kam ein Gedanke, den er nie bei sich für möglich gehalten hätte, der Gedanke: ob der Handel wohl ehrlich, ob der Sieg wohl nicht zu theuer erkauft sei. Und war es ein Sieg gewesen? Das Gefecht hatte stundenlang gestanden, war erst gegen Abend, als das sächsische Armeecorps in die Feuerlinie rückte, wieder in Gang gekommen; war Bazaine trotz aller der fürchterlichen Verluste durchgebrochen? War es möglich? War der Tag verloren?

Fürst Heinrich saß auf einmal aufrecht da; der für einen Soldaten gräßlichste Gedanke hatte vermocht, was bis dahin unmöglich gewesen.

Er schaute um sich.

Ueber den Rücken des Hügels leuchtete ein hellerer Schein; es mußte St. Privat sein, das schon am Abend an mehreren Stellen gebrannt hatte, und weit in der Runde über die anderen Ränder der Mulde dämmerte Licht, ohne Zweifel von Bivouacfeuern – französischen oder preußischen?

Da! in weiterer Ferne, aber doch dem aufmerksam lauschenden Ohr deutlich vernehmbar, ein preußisches Hornsignal! und jetzt, etwas näher: von dem Musikchor eines Bataillons: die Wacht am Rhein!

Der Fürst hatte oft im Stillen gehöhnt und gewettert, wenn aus den marschirenden Colonnen, aus den lagernden Gruppen auf den Rendezvous, bei den Wachtfeuern stundenlang dieselbe Melodie des neuen Liedes erschallte, von rauhen disharmonischen Stimmen gesungen, von den Musikchors den müden Leuten, die sich nicht daran ersättigen konnten, vorgespielt; aber jetzt wurden seine Augen heiß; es war ein Gruß an den einsamen Verwundeten und eine Verheißung: das Feld, auf dem das Lied gespielt wurde, konnte nicht in des Feindes Händen sein!

Und hier so liegen, hier so verenden müssen! seufzte der Fürst.

Er machte noch einmal einen Versuch, sich vollends aufzurichten, ob er sich vielleicht weiter schleppen könnte. Es war unmöglich; das Bein, auf welchem das Pferd gelegen, war zerquetscht oder gebrochen; er konnte es nicht von der Stelle bewegen; auch war seine Kraft ohnedies vollständig erschöpft; er sank, vor Schmerz stöhnend, auf den Boden zurück, welcher ihm jetzt eiskalt erschien. Er glaubte, es wäre der Morgenthau; er wußte nicht, daß es sein eigenes Blut war.

Aber er hatte überhaupt nicht mehr die Kraft, sich irgend etwas klar zu machen. Immer wirrer, wilder schießen die Phantasien durch sein erschöpftes Gehirn. Er sitzt an der reichbesetzten Tafel im Schlosse zu Roda, er winkt einem Bedienten, ihm das Glas mit Champagner zu füllen; dann wieder ist er der lange Johann Kreiser, der nichts auf der weiten Welt besitzt, als ein paar Tropfen Essigwasser in der Feldflasche und die will er für einen Revolverschuß verkaufen. Er kann den Fürsten Heinrich von Roda und den langen Johann nicht mehr auseinanderbringen und auseinanderhalten. Einmal in einem besonders klaren Momente sagt er laut: Es ist ja auch eines und dasselbe.

Auf einmal schlagen Menschenstimmen an sein Ohr. Im Nu sitzt er aufrecht. Gar nicht weit von ihm leuchtet ein heller Schein, der alsbald wieder verschwindet, um nach einigen Secunden abermals aufzublitzen. Ist es ein Irrlicht auf dem Sumpfboden der Thalmulde? Ist es die Laterne eines Trupps Krankenträger?

Er will rufen, aber der Athem stockt ihm in der Kehle, die Zunge klebt ihm am Gaumen; nur ein leises heiseres Stöhnen kommt über seine verbrannten Lippen. Wenn sie ihn nicht finden, wenn sie vorübergehen? Er kann es keine Stunde mehr aushalten.

Zwei Schüsse hat er noch in seinem Revolver. Er hat sie sich aufgespart für den äußersten Fall. Er will einen abfeuern, den Leuten ein Signal zu geben; er zieht mit unsäglicher Mühe den Revolver heraus, aber seine steifen kraftlosen Finger tasten vergeblich nach dem Abzug, er wird nicht damit fertig und das Licht entfernt sich mehr und mehr.

Aber jetzt kommt es wieder näher und immer näher; es ist, als ob sich neues Leben durch die ausgetrockneten Adern des Unglücklichen ergießt; er murmelt ein Dankgebet, seine brennenden Augen feuchten sich, ein Schleier fällt darüber, durch den das Licht in Strahlen schimmert.

Jetzt ist es so nahe, daß er die Gestalten unterscheiden kann: eine, zwei, drei. Sie haben es eben nicht eilig; sie halten sich länger, als es ihm nöthig scheint, bei den einzelnen Todten auf, welchen der mit der Laterne in's Gesicht leuchtet, während die beiden Anderen –

Heiliger Gott, was ist das? Der Fürst hat deutlich gesehen, wie der Eine mit einem Messer zwischen den Zähnen auf der Brust des Todten kniet und der Andere den linken Arm des Todten hebt und mit einem sacré fallen läßt. Der Dritte hält die Laterne, dem Spießgesellen zu leuchten und besser umschauen zu können. Das Licht fällt grell in sein wüstes, thierisches Gesicht, aus welchem die Augen der Hyäne funkeln, und die Hyänenaugen sehen jetzt den Dasitzenden. Er schwenkt ungeduldig die Laterne.

Macht, daß Ihr fertig werdet, sagte er; da ist ein Officier.

Wie durch ein Wunder hatte der tapfere Mann seine Geistesgegenwart, seinen trotzigen Muth, ja sein untrügliches Auge, seine feste Hand wiedergefunden. Er nimmt nicht den Laternenträger, sondern den ersten der Räuber auf's Korn, um für den zweiten noch Licht zu haben. Ein kurzer scharfer Knall und noch einer; der Laternenträger, der seine Gesellen rechts und links neben sich stürzen sieht, läßt in grausem Schreck die Laterne fallen unmittelbar neben dem Fürsten und läuft davon, so schnell ihn die Beine tragen. Das Licht in der Laterne brennt weiter; es dient einem Trupp von Männern, die von den beiden Schüssen herbeigelockt, eben über den Hügelrand kommen, zum sichern Leitstern.

Aber der letzte helle Funken alter Kraft und Energie, der eben noch in der Feuerseele des Mannes aufgeglüht war, ist im Erlöschen. Er glaubt Herrn von Zeisels Gesicht über sich zu sehen und die Stimme des Doctor Horst zu hören, aber er weiß nicht, ob es Wirklichkeit ist oder Fieberphantasie. Nur einmal wacht er von einem fürchterlichen Schmerze auf und, da sieht er des Doctors Gesicht und hört Herrn von Zeisels Stimme und dann versinkt Alles in tiefe finstere Nacht todtähnlicher Ohnmacht.

Unterdessen tragen den mit einem Nothverbande Versehenen, auf einer Tragbahre möglichst weich Gebetteten und mit einem Mantel Zugedeckten ein paar stämmige Hannoveraner über das Schlachtfeld, während Herr von Zeisel und Hermann nebenher gehen. Herr von Zeisel in der Uniform eines sächsischen Dragoner-Officiers, Hermann in der eines preußischen Militärarztes. Herr von Zeisel erzählt mit halblauter Stimme ausführlich, was er vorher nur in den allgemeinsten Umrissen dem Freunde mitgetheilt.

Ich hatte den Fürsten deutlich gesehen, als wir über den Hügelrücken kamen, an der Spitze seiner Leute: eine prachtvolle Charge; aber wir bekamen in demselben Moment von einer ganz intacten Compagnie ein so furchtbares Feuer, daß wir in halben Zügen rechts abschwenken mußten und jenseits der Hügelwelle mit den Preußen zusammentrafen, die eben durch die andere Compagnie geritten waren. Es ging ein wenig bunt her, lieber Freund, preußische und sächsische Dragoner durcheinander; aber es war doch ein Geist und ein Zug in dem Ganzen. Im Nu hatten wir wieder Front gemacht und jagten in die Thalmulde zurück und durch, denn die Kerle waren mittlerweile bis auf die andere Seite gekommen, wo sie wieder hinter einer Hügelwelle die prachtvollste Deckung hatten, die sie meisterhaft benützten und uns mit einem Schnellfeuer empfingen, das ich nicht so leicht vergessen werde. Aber wir hatten uns einmal festgebissen, und da unsere Leute es den Preußen und die Preußen es uns zuvorthun wollten, blieb die Sache nicht lange zweifelhaft. Was nicht um Pardon bat, wurde niedergeritten, und ich fürchte, manch armer Junge dazu, der gar zu gern Pardon genommen hätte. Mittlerweile waren wir aber weit genug von hier weggekommen, und da wurde Sammeln geblasen und noch einmal Sammeln; wir mußten unsere Leute zusammenziehen und zurück. Ueberdies war es schon beinahe Nacht geworden.

Jetzt erst fiel mir auf, daß ich den Fürsten nicht wiedergesehen hatte, als wir zur zweiten Attaque vorgingen. Es war freilich nur ein Theil von den Preußen gewesen, mit denen wir uns vereinigt hatten; ein paar Escadrons waren links geschwenkt, um die Franzosen in der Flanke zu fassen. Er konnte bei diesen Escadrons gewesen sein, aber ich hatte, als wir durch die Thalsenkung jagten, mehr als einen hellblauen Rock zwischen den Rothhosen liegen sehen und – die Rodaer sind unsere Lehensherren gewesen seit zweihundert Jahren und mein alter Vater sitzt noch heute auf einem der Roda'schen Güter in Sachsen. Ich bekam auf eine Stunde Urlaub und ritt herüber; Ihr Regiment war unterdessen hier eingerückt. Ich danke Gott, daß ich den finden mußte, den ich mir in dieser Roth von allen Menschen zuerst herbeigewünscht haben würde. Glauben Sie, Horst, daß er durchkommt?

Ich denke; ob man den Arm wird retten können, weiß ich freilich nicht. Man muß eben sehen.

Glücklicherweise war der Weg nach dem Verbandplatze, auf welchen sie losgingen, nicht allzuweit. Der Fürst, der bei dem ungeheuren Blutverluste aus der Ohnmacht nur erwachte, um sofort wieder in Ohnmacht zu fallen, wurde jetzt von Hermann, dem ein junger College assistirte, regelrecht verbunden. Das Resultat war im Ganzen günstig, besonders wenn man die überaus kraftvolle Natur des Verwundeten mit in Anschlag brachte, doch war es unmöglich, den Ausgang zu bestimmen.

Herr von Zeisel hatte eben nur Zeit gehabt, diesen Bericht abzuwarten, er mußte unbedingt zurück. Hermann seinerseits hatte alle Hände voll zu thun. Er sagte dem Freunde, daß er hoffe, ihm morgen mit Sicherheit sagen lassen zu können, wohin man den Fürsten gebracht habe.

Sein Regiment sollte vorrücken; er selbst war dazu designirt, einen Transport Leichtverwundeter zurück zu begleiten; wahrscheinlich würde er bis Coblenz gehen; vielleicht noch weiter.

Herr von Zeisel reichte aus dem Sattel dem Freunde nochmals die Hand.

Und ich habe noch gar nicht einmal gefragt, wie es Ihrer Braut geht, sagte Hermann.

Vortrefflich, erwiederte Herr von Zeisel, das heißt, sie weint den halben Tag: ich trage immer einen Brief von ihr hier – er legte die Hand auf das Herz – das ist mein Talisman diese ganze Zeit gewesen und – dann denke ich mit Georg im »Götz von Berlichingen,« daß ein tüchtiger Regen und ein guter Reiter überall durchkommen. Es hat sich heute bewährt, wo es Noth that; und ich danke deshalb Gott – um der Kleinen willen.

Er wollte dem Pferde die Sporen geben, aber er hielt es nochmals an:

Und, Doctor, Sie haben keine Nachrichten von ihr?

Keine.

Auf Wiedersehen also!

Auf Wiedersehen!

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