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Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
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Fünfunddreißigstes Kapitel.

Aus den Fenstern des Theehauses dämmerte Licht. Prachatitz war eben gegangen, den Wagen zurechtzumachen; Hermann lehnte an der Treppenwange, in die Dunkelheit starrend, die bereits mit dichtem Schleier Alles ringsumher bedeckte. Seine physischen Kräfte waren von der langen rastlosen Fahrt nahezu erschöpft und auf seiner Stirn lag ein Druck, der ihm das Denken schwer machte, so daß er kaum noch wußte, weshalb er denn eigentlich Tag und Nacht gereist war in athemloser Haft, und doch, wie es schien, zu langsam, wenn Prachatitz die Meta recht verstanden und der Fürst bereits ein Gefangener war.

Und einen solchen Augenblick konnte sie wählen, den alten unglücklichen Mann zu verlassen? Oder hatte sie den Augenblick auch nicht gewählt? war er ihr aufgezwungen worden? Durch wen? Wodurch? Durch wen anders, als durch den Grafen? Wodurch anders, als durch den Umstand, daß er selbst heute oder morgen das Schloß verließ, um zu seinem Regimente zu gehen? Aber die Meta wollte ja heute gehört haben, daß es ganz aus sei zwischen den Beiden, und der alte Prachatitz sagte auch, daß es unmöglich der Graf sei, um dessenwillen sie fort wolle. Was ging es ihn selbst an? Nicht um ihretwillen war er gekommen, und wenn sie an dem Schicksal des Fürsten nicht einmal mehr den ganz gewöhnlichen menschlichen Antheil nahm, so mußte er eben ohne sie fertig zu werden suchen. Es war ja im besten Falle so wenig, was er jetzt noch bieten konnte: ein guter Rath vielleicht, ein tröstliches Wort – ein Nichts; und doch meinte er, nicht starken Herzens in den Krieg ziehen zu können, wenn er nicht dem alten Manne, den er so liebte, dieses Nichts dargebracht zu seinem Geburtstage! Großer Gott!

Hermann schaute zu den Sternen auf, die jetzt zahlreicher und heller aus dem nächtlichen Himmel zu funkeln begannen; er horchte auf das Raunen und Rauschen des Windes in den Büschen und Bäumen.

Die Nacht war so schön – wie die vor vier Wochen, als die Gesellschaft hier den Thee einnahm. Vier Wochen! Es konnte ebensowohl vier Jahre her sein; und doch war es wieder, als wäre es gestern gewesen; gleichviel – er hatte an jenem Abend die Vorahnung dieser Stunde gehabt.

Hermann stieg die Treppe langsam hinauf und trat in die Rotunde. In dem Dämmerlicht der Kerzen, die Prachatitz an einem der Wandleuchter entzündet, blickten die mit Gaze verhüllten Spiegel, Vasen und Statuen geisterhaft herab, und die eingeschlossene Luft ließ ihn an ein Grabgewölbe denken. Und wandelte er doch hier an dieser Stelle über den Gräbern jener glückseligen Tage – der einzigen, die ihm das Leben gebracht und die nun unwiederbringlich dahin waren.

Ein leichter Schritt knisterte auf dem Sande des Vorplatzes und kam die Treppe herauf.

Hedwig, schrie er, beide Hände ausstreckend, Hedwig!

Sie hatte seine Hände ergriffen, sie neigte sich zu ihm; einen Augenblick schien es, als wolle sie sich an seine Brust werfen, dann aber richtete sie sich wieder auf.

Wie kommen Sie hieher?

Haben Sie meinen Brief nicht erhalten?

Welchen Brief?

Wenige Worte genügten, Hedwig mitzutheilen, was ihn hieher geführt; wie der fanatische gewissenlose Elsässer, nachdem sein großes Ziel erreicht und der Krieg gewiß, die Verschwörung der Behörde verrathen habe, um, wie er Hermann selbst gesagt, von Anfang an Verwirrung in den Regierungskreisen zu erregen und durch die harten Maßregeln, die man ohne Zweifel gegen die Schuldigen ergreifen würde, den Zorn der Republikaner allerorten in Deutschland anzustacheln, und so, wie er sich ausdrückte, dem Kriege von vornherein die nationale Färbung zu nehmen und statt derselben den communistischen Stempel aufzudrücken.

Ich ließ den Schurken sprechen, sagte Hermann, um ihn sicher zu machen, und eilte dann, da ich die Sache einem Briefe nicht anzuvertrauen wagte, und einem Telegramm selbstverständlich nicht anvertrauen konnte, stehenden Fußes hieher, den Fürsten zu warnen, zu retten. Aber der Verräther hatte nach der andern Seite sein Handwerk schon ein paar Tage früher begonnen und ich bin ebensoviel zu spät gekommen.

So kehren Sie zurück, woher Sie kommen, sagte Hedwig, und lassen Sie die Todten ihre Todten begraben.

Hermann blickte auf. Das war ein anderer Ton der eben noch so milden Stimme, das war ein anderer Ausdruck der eben noch so weichen Augen; das war die Hedwig, die er nie verstanden hatte, die er niemals verstehen würde.

Sie sehen mich erschrocken, vorwurfsvoll an, sagte Hedwig, daß ich nicht so bereit bin wie Sie, wenn das Haus brennt, noch ein Amulet aus der Kindheit Tagen zu retten. Es ist immer dasselbe. Niemand weiß, wie dem Andern zu Muthe ist, und will ihm doch das Gesetz seines Thuns und Lassens vorschreiben. Sie wissen nicht, wie mir zu Muthe ist, können es nicht wissen; nicht wie sie mich gequält und gepeinigt haben, bis jeder Blutstropfen in mir siedete, so daß ich wahnsinnig werden müßte, wollte oder könnte mich jetzt noch irgend Etwas, irgend Jemand halten. Nein, Niemand und nichts! Ich habe es heute Morgen empfunden, als ich den guten alten Mann sah, dem der Kummer einer Nacht das graue Haar weiß gefärbt. Hätte mich etwas zu halten vermocht, dieser Anblick wäre es gewesen. Was ist das Scheitern seiner Pläne, die nie mehr waren als Seifenblasen; was ist diese sogenannte Gefangenschaft, der man ihn jetzt unterwirft und die man in kürzester Frist mit überschwänglicher Huld und Gnade wieder gutmachen wird – was ist dies und alles Andere im Vergleich zu dem Kummer, den ich ihm bereitet habe, habe bereiten müssen! Und weil ich es mußte, wollte ich nicht freveln an Allem, was unserem Leben Werth und Weihe giebt: an der Stimme meines Herzens, an dem Gebote meiner Vernunft, an der Freiheit göttlichem Gesetz – deshalb fühle ich jetzt mein Herz leicht und meine Seele frei, so frei, daß ich es selbst ertragen kann, von Ihnen verkannt zu sein, der Sie der einzige Mensch auf Gottes weiter Erde sind, der mich rein und wahr geliebt hat und den ich wieder lieben würde, dürfte, könnte ich lieben. Ich darf es nicht, ich kann es nicht – jetzt nicht! Und was sind wir, in einem solchen Augenblick von der Zukunft und von uns zu sprechen! Nein, gepriesen und gesegnet sei mir der Augenblick, der ungeheure, der mich – das irrende Atom – erfaßt und hinwegwirbelt in den Weltenkampf, wo der Einzelne und sein Schicksal nichts mehr gilt, wo Alle sich bereiten müssen, Alles zu opfern. Und nun, ich höre Prachatitz, leben Sie wohl, mein Freund, leben Sie wohl!

Sie hatte, Hermann winkend, daß er ihr nicht folgen möge, den Pavillon verlassen; ein Peitschenhieb, das Knirschen der Räder im Sande – sie war fort.

Hermann sank gebrochen in den Stuhl und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Leb' wohl, murmelte er, leb' wohl!

Leb' wohl! hallte es wie ein, dumpfes Echo durch den weiten Raum.

Entsetzt sprang Hermann auf und sein Haar sträubte sich, als er mitten in der Rotunde den Fürsten stehen sah – das Gespenst des Fürsten mit weißen Haaren und geisterhaften Zügen, die Arme weit ausgebreitet nach der Thür, durch welche Hedwig verschwunden war.

Leb' wohl! rief der Fürst noch einmal in herzzerreißendem Tone, dann fiel er mit lautem Weinen Hermann, der herzu geeilt war, in die Arme.

Sie sollte nicht in Unfrieden von mir scheiden, rief er schluchzend; ich wollte ihr sagen, daß sie frei lieben dürfe, daß die Erinnerung an mich ihr Leben nicht trüben dürfe. Sie hat meinen Segen nicht gebraucht; sie braucht keines Menschen Segen, keines Menschen Liebe; sie hat Keinen von uns geliebt. Keinen, Keinen.

Er brach jäh zusammen; Hermann glaubte, mit dem alten Gleich, der jetzt auch herbeigeeilt war, einen Todten nach dem Sopha zu tragen.

Das konnte ja nicht anders kommen, sagte Herr Gleich; der unsinnige Lauf die Berge hinauf! mir selbst schlagen noch alle Glieder. Und er hat Alles von da gehört – er deutete auf die Thür nach dem dunklen Nebengemache, die noch offen stand. Das überlebt er nicht, Herr Doctor, das überlebt er nicht.

Der alte Mensch war ganz erschüttert; so hatte er es nicht gemeint; so hatte es nicht kommen sollen! Er hatte seinen alten Herrn wieder für sich haben wollen, wie in der guten alten Zeit, und nun –

Das überlebt er nicht, murmelte er immer vor sich hin, während er Hermanns Winken, der den Ohnmächtigen wieder zu sich zu bringen suchte, willig Folge leistete. Er hatte ganz vergessen, daß es der ihm so tief verhaßte Doctor war, mit welchem er gemeinsam das Unglück, das nun hereingebrochen, bekämpfte.

Gemeinsam und, wie es schien, vergeblich. Der Puls wurde langsamer und härter, die Augenlider wollten sich nicht heben, die magern weißen Hände fingerten ungeduldig auf der röchelnden Brust.

Er will die Briefe los sein; sagte Herr Gleich.

Was für Briefe?

In seiner Brusttasche; nehmen Sie sie nur, es sind ja Ihre.

Hermann nahm das kleine, mit dem Siegel des Fürsten und mit seiner Adresse versehene Packet; der Sterbende versuchte seine Hand zu fassen. Hermann gab ihm beide Hände; ein schwacher Druck – ein tiefer Athemzug, und das edle bleiche Haupt neigte sich seitwärts.

Es geht sehr schnell, murmelte Hermann.

Da kam ein rascher Schritt die Treppe herauf; im nächsten Augenblicke stand der Graf in der Rotunde mit einem Gesicht, das von dem eiligen Lauf glühte und mit blitzenden Augen, die in wildem Zorn aufflammten, als er plötzlich Hermanns gewahr wurde.

Was giebt es hier? herrschte er.

Einen Todten, sagte Hermann, sich langsam aufrichtend und auf die hingestreckte Gestalt deutend, die er und Gleich bis jetzt dem Grafen verdeckt hatten.

Der Graf zuckte zusammen, faßte sich aber alsbald wieder und kam festen Schrittes heran, während Hermann und Gleich ein wenig auf die Seite traten.

Er blieb vor dem Todten stehen und schaute prüfend in die bleichen Züge. Als er nach einigen Secunden sich aufrichtete, lag nur noch ein tiefer Ernst auf seinem Gesicht und seine Stimme klang beinahe mild, indem er jetzt, zu Hermann sich wendend, sagte:

Wollen Sie die Güte haben, mir mitzutheilen, wie dies gekommen ist. Nehmen Sie vorläufig meinen besten Dank entgegen.

Auf dem Platze vor dem Pavillon ließ sich das Geräusch eines Wagens vernehmen.

Es ist der Wagen, in welchem ich heraufgefahren bin, sagte der Graf; ich hatte zuletzt einen nähern Weg genommen; ein zweiter Wagen mit Herrn von Zeisel, dem Oberforstmeister und Herrn von Neuhof wird vermuthlich sogleich hier sein.

In der That fuhr alsbald ein zweiter Wagen vor und die drei Herren traten in den Pavillon; der Oberforstmeister lief herzu und sank weinend an der Seite des Todten in die Kniee.

Daß ich den Tag erleben mußte! schluchzte der alte Mann.

Ueber Herrn von Zeisels Wangen liefen die hellen Thränen und selbst von des Barons Gesicht war der frivole Zug verschwunden.

Man hatte aus der Försterei, wo Prachatitz' Gehilfe noch wachte, einen offenen Wagen herbeigeschafft und auf Stroh und Decken die Leiche schicklich gebettet; der alte Gleich, der ganz außer sich war, wollte seinen todten Herrn nicht verlassen. Die Herren hatten sich auf die Wagen vertheilt, welche sich eben in Bewegung setzten, als plötzlich ein heller Schein über sie hin bis in die ferner stehenden Bäume fiel. Niemand hatte auf die Lichter geachtet, die auf dem Candelaber an dem schmalen Pfeiler zwischen zwei der Fenster brannten. Die große Glasthür nach der Rampe und die schmale Hinterthür waren offen geblieben. Der heftige Luftzug hatte eine der Gardinen mit dem Lichte in Berührung gebracht, die Flamme war an dem mürben Stoff hinaufgeschnellt und hatte an den alten seidenen Tapeten reichliche Nahrung gefunden; bevor man noch die Wagen halten lassen, hinausspringen, die gewundene Treppe hinaufeilen konnte, stand der ganze innere Pavillon in Flammen, die sogar schon aus den Fenstern hinausschlugen.

Lassen Sie, meine Herren, sagte der Graf, hier ist nichts mehr zu retten.

Und durch die Zähne murmelte er:

Mag die Schmach des Verraths, der da gesponnen, ebenso von unserem Namen weggebrannt werden.

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