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Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
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Zweiunddreißigstes Kapitel.

Und derselbe Glanz lag auf seinem Gesichte, während er jetzt durch die lange Flucht der Zimmer und Säle dahinschritt und seine Augen von Zeit zu Zeit über die Stuckdecken und parquettirten Fußböden, die hohen Spiegel, herrlichen Bilder, Vasen und die tausend anderen Kostbarkeiten der prunkhaften Ausstattung dieser prachtvollen Räume schweiften. Es handelte sich jetzt um größere Fragen, als um die: wer hier Herr war, und er wußte das wohl, aber die größeren Fragen würden entschieden werden, wie diese hier, und sein stolzes Preußen würde aus jenem Kampfe als Sieger hervorgehen, wie er aus diesem Kampfe als Sieger hervorgegangen war.

Plötzlich schwand der Glanz von seinem Gesicht und seine düster blickenden Augen suchten den Boden. Ohne Opfer war dieser Sieg nicht erkauft worden und einen letzten Kampf würde er den Sieger noch immer kosten.

Noch immer, murmelte er, selbst jetzt noch! Dieses Weib ist ein Dämon. Im Mittelalter würde ich sie als Zauberin haben verbrennen lassen; heute muß ich schon so mit ihr fertig werden. Aber die Generalin hat recht: ich allein hätte es nicht vermocht; dazu mußte ein Weib helfen; nur ein Weib kann ein anderes so treffen. Ohne diese Briefe hätte ich mein Richteramt allzu schonend ausgeübt, und doch verdient sie nicht, daß ich sie schone.

Aber nicht wie ein Richter empfand der Graf, als er eine Viertelstunde später, ein paar Papiere in der Hand, tief aufathmend, vor der Thür von Hedwigs Zimmer stand, bei der er sich zuvor durch seinen Philipp hatte anmelden lassen. Endlich öffnete er entschlossen die Thür und sah Hedwig sich gegenüber.

Ich weiß es, rief sie ihm entgegen, das Geheimniß hat nicht lange vorgehalten; der Fürst ist ein Gefangener in seinem eigenen Hause; das Verhängniß, das er selbst heraufbeschworen, ist furchtbar schnell hereingebrochen.

Herr Gleich hatte, als er die Schatulle auf des Grafen Zimmer trug, im Vorübergehen die ungeheure Neuigkeit an Meta erzählt, die trotz des ihr abgenommenen Versprechens der Verschwiegenheit nichts Eiligeres zu thun fand, als das eben Gehörte sofort ihrer Herrin zu berichten. Wie ein Blitz hatte die Nachricht Hedwig durchzuckt. Die furchtbarste Erregung sprühte noch aus ihren glänzenden Augen, flammte noch auf ihren Wangen, während sie jetzt, scheinbar des Grafen nicht achtend, in dem Gemache mit raschen Schritten und leidenschaftlichen Bewegungen auf- und niederging und sagte:

So soll denn die Abrechnung auf einmal erfolgen nach allen Seiten; es ist herzbrechend, denkt man nur an den unglücklichen alten Mann. Aber es mußte ja doch einmal geschehen, früher oder später; Gott läßt sich nicht spotten und was der Mensch säet, das wird er ernten. Und in einem Augenblick wie dieser, wo die große Saat der Menschheit geschnitten werden soll, da, meine ich, wird und muß auch der einzelne Mensch sein Schicksal leichter tragen als sonst. Der Fürst empfindet das noch nicht – es ist Alles zu plötzlich, zu gewaltsam gekommen – aber er wird es empfinden, und das ist mein Trost.

Ich freue mich, sagte der Graf, Sie jetzt so sprechen zu hören –

Jetzt! unterbrach ihn Hedwig. Wann hätte ich je anders gesprochen? Welchen meiner Grundsätze brauchte ich heute zu verleugnen? Aber es wäre wohl vergeblich, mich darüber mit Ihnen verständigen zu wollen; und dann: ein philosophisch-politisches Gespräch mit mir zu führen, sind Sie wohl schwerlich hier. Was haben Sie mir zu sagen? Was sind das für Papiere, die Sie da in der Hand tragen?

Die Philosophie war allerdings nie meine starke Seite, erwiederte der Graf, aber die Politik werde ich doch wohl nicht ganz vermeiden können. Sie kennen, gnädige Frau, meine Ansichten in dieser Beziehung, und ich bin überzeugt, daß ich meine Auffassung betreffendenorts werde zur Geltung bringen können, wenn man dort auch vorläufig anderer Meinung zu sein scheint. Wenigstens erklärt sich nur so die Instruction des Untersuchungsrichters, nach welcher Sie, gnädige Frau, das milde Schicksal Seiner Durchlaucht zu theilen und zu versprechen hätten, das Schloß nicht ohne Erlaubniß verlassen zu wollen.

Der Graf machte eine Pause, sowohl um seinethalben, denn das Sprechen wurde ihm seltsam schwer, als auch um Hedwigs halber, ob sie vielleicht eine Antwort hätte. Aber Hedwig antwortete nicht, sie regte sich nicht. Stumm, die Arme unter dem Busen verschränkt, stand sie da; nur die Röthe ihrer Wangen und das Zucken ihrer Nasenflügel bewies, daß sie gehört, was der Graf gesagt.

Der Graf fuhr fort:

So lagen wenigstens die Sachen noch vor einer halben Stunde; sie liegen jetzt anders. Nach den Mittheilungen, die mir der Fürst gemacht hat – Mittheilungen, deren Inhalt ich auf tiefste beklage – ist wohl kein Zweifel, daß Ihnen – vielleicht auch ihm – aber lassen Sie mich nur von Ihnen sprechen – ein Beisammensein, und wäre es auch nur innerhalb derselben Mauern, auf das äußerste peinlich sein würde. Und hier komme ich sofort zu diesem Papiere; es ist eine Schenkungsurkunde der Tyrklitzer Güter an Sie, gnädige Frau, mit gewissen Einschränkungen, über welche ich mich hernach auslassen zu dürfen bitte. Sie würden auf Schloß Tyrklitz das hoffentlich bald erfolgende und Sie vollständig entlastende Ergebniß der Untersuchung abzuwarten haben, und ich würde mir meinerseits dann den Vorschlag erlauben, daß Sie noch heute Abend dahin aufbrechen.

Ist dies auch der Wunsch des Fürsten? fragte Hedwig.

Ich habe den Fürsten schonen zu müssen und ihm die Instructionen des Commissärs, so weit dieselben Sie, gnädige Frau, persönlich betreffen, vorderhand verschweigen zu müssen geglaubt; doch meine ich, nach der Bereitwilligkeit, mit welcher er auf alle meine anderen Vorschläge eingegangen ist, seiner Zustimmung gewiß zu sein.

Wollen Sie mir das Dokument erlauben? fragte Hedwig.

Hier ist es.

Und hier ist die Antwort! sagte Hedwig, indem sie die Bogen von einem Ende bis zum andern zerriß. Sie finden das sehr unweiblich, nicht wahr?

Der Graf lächelte spöttisch.

Im Gegentheil, sagte er, ich finde unbesonnene Handlungen sehr weiblich; indessen, guter Rath kommt über Nacht; der fleißige Iffler wird die Arbeit gern noch einmal machen und der Fürst gern seine Unterschrift noch einmal darunter setzen.

Und jene anderen Papiere?

Briefe, gnädige Frau, von Ihrer Hand an den Herrn Doctor Horst, wenn ich Durchlaucht recht verstanden habe, die, ich weiß nicht durch welchen Zufall, nach der Abreise des Herrn gefunden und dem Fürsten ausgeliefert sind. Der Fürst möchte nicht, daß diese Briefe zu den Untersuchungsacten gelegt würden und hat mich gebeten, dieselben Ihnen zuzustellen, was ich hiemit gethan haben will.

Hedwigs Gesicht hatte, während der Graf so sprach, einen Ausdruck halb des Zornes, halb der Verachtung angenommen.

Was wäre für einen Großen wohl zu klein, murmelte sie; wie trefflich hast Du, großer Mann, diese Kleinen gekannt!

Sie hob den Kopf.

Ich kann diese Briefe nicht annehmen, sagte sie laut; ja, ich bin erstaunt, daß man mir diese Zumuthung macht. Weshalb sendet man sie nicht einfach an den Eigenthümer?

Durchlaucht war vielleicht zu verwirrt, um auf einen allerdings so nahe liegenden Gedanken zu kommen, sagte der Graf.

Und für Sie war es so süß, mich durch dieses Anerbieten, von dem Sie im voraus wußten, daß ich es nicht acceptiren würde, zu demüthigen – in Ihren Augen, in meinen nicht! Ich frage nicht und will nicht wissen, wie die Briefe in des Fürsten Hände kamen; durch wie viel Hände sie gegangen sind, bevor sie dahin kamen. Mögen die, welche es angeht, sich in die Schmach theilen! ich – und wenn jede Zeile dieser Briefe ein Liebesgeständniß und eine Liebeswerbung wäre, ich würde mich nicht zu schämen haben; ich könnte nur stolz darauf sein, einen solchen Mann zu lieben, und glücklich, von ihm wieder geliebt zu werden. Ja, mein Herr Graf, stolz und glücklich, trotz des verächtlichen Lächelns, mit dem Sie mich beehren. Lassen Sie es sich sagen, daß ich eine Ehre darin sehe, in Ihren Augen verächtlich zu sein. Wer ist es denn in Ihren Augen nicht? Ist es nicht Jeder, der nicht, wie Sie und die paar Auserwählten, zum Herrschen geboren, und Sclave, wie er ist, die sclavische Neigung hat, etwas Herrliches und Heiliges über sich anzuerkennen, dem er sich willig opfert? Oder wäre Ihnen die Menge nicht verächtlich, die jetzt mit ihrem plebejischen Geschrei den Schloßhof erfüllt, und die Sie längst weggeschickt hätten, wenn Sie nicht überlegten, daß es doch schließlich dieselben Menschen sind, mit denen Sie die Schlachten schlagen, in welchen Sie sich Ihre Orden holen?

Oder den Tod! sagte der Graf.

Der auch Andere trifft, mit dem Unterschiede, daß er für sie einfache Pflicht, und keineswegs eine Auszeichnung ist, welche der ganzen Familie zugute kommt.

Oder dem Staat, sagte der Graf.

Dem Staat, den Sie kennen; dem Staat, in welchem Sie nichts weiter als eine ungeheure Domäne zum Nutzen und Frommen Ihrer Familie sehen. Hätten Sie eine Ahnung davon, daß aus diesem Kriege, den Sie seit Sechsundsechszig herbeigewünscht und herbeigesehnt, den Sie und Ihresgleichen, hier und drüben, haben machen helfen, wenn nicht einzig und allein gemacht haben – hätten Sie eine Ahnung, daß aus diesem Kriege Deutschland frei und glücklich hervorgehen könnte im Sinne jener von Ihnen so tief verachteten Schwärmer und Ideologen – Sie würden lieber Ihren Degen zerbrechen, als ihn in solcher Sache ziehen. Das ist Ihr Patriotismus und Ihr Heldenmuth!

Sollten wir nicht etwas von unserem Thema abgekommen sein? sagte der Graf mit bebenden Lippen.

Für Sie, erwiederte Hedwig, nicht für mich. Ich habe des Volkes Sache immer für meine eigene gehalten, und meine eigene Sache auch ein wenig für die des Volkes. Die Sehnsucht meines Lebens ist gewesen, daß das Volk zum vollen Bewußtsein seiner Kraft, seines Werthes kommen möchte, daß ich und Meinesgleichen, soviel an uns ist, dazu beitragen könnten; ich hoffe zu Gott, daß diese Sehnsucht jetzt gestillt wird. Vielleicht, daß dann das reichere Leben des Volkes auch für mich und Meinesgleichen Früchte bringt; daß das Volk sich dankbar erweist und Mir und Meinesgleichen ein lebenswerthes Leben möglich macht. Verzeihen Sie, daß ich, ohne Rücksicht auf die Zeit, welche für den Herrn der Situation nicht anders als äußerst kostbar sein kann, Sie mit diesen Phantasien behellige, für die Sie schwerlich ein Interesse und auch wohl kaum ein Verständniß haben.

Hedwig nickte in ihrer alten stolzen Weise kaum merkbar mit dem Kopfe und wendete sich, zu gehen.

Der Graf stand da, das Gesicht ganz bleich, die Adern an seiner Stirn geschwollen, sein starker Körper zitternd vor grimmem Zorn; dann raffte er sich mit einer furchtbaren Anstrengung auf und war im nächsten Augenblicke aus dem Gemach gestürmt.

Hedwig lehnte an dem Pfosten der Thür zum nächsten Zimmer; ihr Busen flog, Thränen des Schmerzes und der Begeisterung tropften aus ihren Augen. Sie hatte kaum so ganz gewußt, wie heiß sie ihn geliebt, als eben jetzt, wo sie den letzten Rest ihrer Liebe auf dem Altar der großen und heiligen Sache geopfert, der ihr Leben fortan geweiht sein sollte

So fand sie Meta, die nun in das Gemach schlüpfte.

Ach, gnädige Frau, sagte sie, was haben Sie gethan! Das verzeiht er Ihnen nie!

Du hast es gehört, sagte Hedwig, gleichviel? Ich weiß, daß Du mir treu bist. Du kannst Deine Treue jetzt beweisen.

Und Sie wollen wirklich hier bleiben, wo doch nun wohl Alles für uns vorbei ist, sagte Meta schluchzend, und wollen die prächtigen Güter in meinem schönen Böhmen nicht nehmen?

Das verstehst Du nicht, liebes Kind, sagte Hedwig. Ich will nicht hier bleiben und nach Böhmen will ich auch nicht, und Du mußt zu Deinem Oheim hinauf und ihm sagen: heute Abend um zehn Uhr am Theehause; er weiß, was es bedeutet.

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