Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Spielhagen >

Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
Schließen

Navigation:

Einunddreißigstes Kapitel.

Der Graf war heute in voller Uniform, die breite Brust mit seinen sämmtlichen, bereits ziemlich zahlreichen Orden geschmückt. Der Blick des Fürsten haftete mit einer Empfindung des Staunens an der kriegerischen Gestalt, die sich ihm jetzt mit langsamen und doch elastischen Schritten näherte. Der Mann war ihm nie so mächtig, nie so reckenhaft erschienen.

Von der andern Seite ruhten die Augen des Grafen mit Theilnahme auf der gebrochenen Form des Fürsten, der vor wenigen Tagen noch mit fast jugendlicher Rüstigkeit einhergeschritten war. Wenn er in demselben immer einen persönlichen Feind gesehen hatte und jetzt auch den Feind seines Landes, seines Königs sehen mußte – der Feind lag am Boden; es widerstrebte ihm, den so tief Gebeugten noch tiefer beugen zu müssen.

Ich ersuche Durchlaucht, Platz zu behalten und mir zu erlauben, mich zu Ihnen setzen zu dürfen, sagte er mit milder Stimme, den Fürsten, der sich erheben wollte, sanft in den Sessel zurückdrückend. Es ist mir unsäglich peinlich, Durchlaucht – noch dazu an diesem Tage – mittheilen zu müssen, was ich doch um Durchlauchts, ja, ich darf sagen, um unser Aller willen nicht eine Minute länger verschweigen darf.

Kehren Sie sich nicht an meine zitternde Hand, sagte der Fürst; sie zittert nicht vor Furcht. Wer erlebt hat, was ich, fürchtet sich nicht mehr. Was haben Sie mir Schlimmes mitzutheilen?

Dies! sagte der Graf.

Und er berichtete nun, wie die Nachricht, welche er gestern bereits durch Baron Malte empfangen, heute durch den Polizeirath, der vor einer Stunde als Special-Commissär in der Angelegenheit von Berlin eingetroffen, in jeder Weise bestätigt und vervollständigt sei. Mr. Charles Ludovic du Rosel, oder wie er eigentlich heiße, Karl Ludwig Rose, habe die ganze Correspondenz des Fürsten mit dem Marquis abschriftlich ausgeliefert; die Echtheit dieser Abschrift sei durch die Originalbriefe des Fürsten, welche man bei dem noch immer in Hannover krank darniederliegenden Marquis vorgefunden, constatirt worden, während wiederum die Erläuterungen Herrn Rosels einerseits, andererseits die Aussagen compromittirter Personen, die man schon verhaftet, oder die mit Beschlag belegten Briefschaften Anderer, die man noch verfolge, den anfänglich zum Theil dunklen Inhalt der Briefe vollständig aufgehellt und unwiderleglich bewahrheitet hätten.

Der Graf hatte seine Relation mit jener klaren Ruhe gemacht, die man an ihm gewohnt war, nur daß ein gewisses Schwingen in dem Klang seiner Stimme je zuweilen verrieth, wie schwer ihm diese Ruhe wurde.

Der Fürst saß da, den Kopf in die Hände gestützt, ohne sich zu regen, wie er gestern im Walde gesessen. Es gehörte vielleicht zu der herben Lection, an der er gestern den ganzen Tag gelernt; sein Kopf faßte es ja zur Noth, so würde es sein Herz auch wohl fassen lernen, wenn es auch jetzt von diesen Bitternissen überquoll. Er hob sein bleiches Antlitz.

Ich danke Ihnen, sagte er, für die schonende Weise, in welcher Sie sich Ihrer Aufgabe erledigt haben und absolvire Sie zum voraus von Allem, was bei solchen Dingen unvermeidlich ist und zu dessen Exemtion man eben Polizeiräthe aus Berlin schickt. Meine Papiere sollen versiegelt werden?

Es wird sich das nicht vermeiden lassen, Durchlaucht. Der Commissär ist im Vorzimmer und bittet durch mich um die Erlaubniß, hernach unverzüglich mit der Untersuchung vorgehen zu dürfen.

Ich selbst verhaftet?

Der Commissär hat den ausdrücklichen Befehl, zu dieser Maßregel nur in dem Falle zu schreiten, daß Durchlaucht sich nicht entschließen könnte, sein Ehrenwort zu geben, bis zur Entscheidung der Sache keinen Versuch zu machen, sich dem Urtheile seines Richters zu entziehen.

Seines Richters! sagte der Fürst, schmerzlich lächelnd. Meines Richters! Diese Hohenzollern Richter eines Fürsten von Roda! Nun wohl! ich gebe mein fürstliches Wort. Können Sie es in Empfang nehmen?

Ja, sagte der Graf, nach einigem Besinnen.

Werde ich ein Verhör vor diesem Commissär durchzumachen haben?

Es ist möglich, daß er im Laufe dieser Tage eine oder die andere Frage an Durchlaucht zu richten haben wird, wenn Durchlaucht die Gnade haben will, den Herrn gewissermaßen als Gast auf dem Schlosse zu betrachten. Er wird sehr wenig Wesens von sich machen und Niemand wird erfahren, in welcher Eigenschaft er sich hier aufhält, wie Durchlaucht denn versichert sein darf – ich habe den ganz speciellen Auftrag, Durchlaucht die Versicherung zu geben – daß man Allerhöchstenorts nichts dringender wünscht, als diese Angelegenheit den Augen des Publikums zu entziehen.

Also ein geheimes Gericht?

Ueber dessen Strenge Durchlaucht sich keinesfalls zu beklagen haben wird.

Der Fürst lächelte. Ich kenne die preußische Milde, sagte er; sie hat sich noch stets bewährt. Aber genug davon.

Der Graf wollte sich erheben; der Fürst winkte ihm sitzen zu bleiben.

Schenken Sie mir noch einige Augenblicke, sagte er. Ich hatte schon vorher die Absicht, eine Angelegenheit, die mir sehr am Herzen liegt, mit Ihnen zu besprechen; die Situation, in die ich so unerwartet gerathen bin, macht es mir doppelt wünschenswerth, ja geradezu nothwendig.

Ich bitte, sagte der Graf.

Der Fürst beugte sich über die Papiere, die vor ihm auf dem Tische lagen; seine Stimme wurde leise und unsicher; der Graf hatte Mühe, ihn zu verstehen, als er jetzt fortfuhr:

Sie können sich denken, daß, nachdem ich mich einmal meines freien Willens begeben habe, ich keinen Finger mehr für mich regen werde und daß vor Allem meine Papiere nicht mehr meine Papiere sind, sie mögen nun auf jene durchsprochene Angelegenheit Bezug haben oder nicht. Dennoch möchte ich Sie mit dem Inhalt dieser Schatulle bekannt machen; vielleicht finden Sie sich veranlaßt, dieselbe unter Ihre besondere Obhut zu nehmen. Zuerst hier!

Seine Hand zitterte heftig, als er jetzt ein paar zusammengeheftete, mit der großen runden Handschrift des Kanzleiraths bedeckte Bogen berührte:

Hier! Es ist der vollständig ausgearbeitete und bereits mit meiner Unterschrift versehene Contract einer projectirten Verbindung rechter Hand zwischen mir und Hedwig.

Er stockte und fuhr dann kaum hörbar fort:

Der Contract ist aus Gründen, die demüthigend für mich sind, aber in keiner Weise ihr zur Last gelegt werden können, unnöthig geworden; ich weiß nicht, ob die Regierung ein so großes Interesse an dieser Angelegenheit meines Privatlebens nehmen wird.

Auf keinen Fall, erwiederte der Graf; ich übernehme es, kraft der discretionären Befugniß, die mir der Allerhöchste Auftrag einräumt, das Document zu vernichten, falls Durchlaucht es wünschen sollte.

So vernichten Sie es, sagte der Fürst. Dies hier bitte ich desto sorgfältiger zu bewahren.

Er hob ein ähnliches Actenstück empor und ließ es wieder auf den Tisch sinken.

Dies hier ist eine Schenkungsurkunde, datirt und giltig vom heutigen Tage an, über die Tyrklitzer Güter an Hedwig für den von mir vorausgesehenen und nun eingetretenen Fall, daß der Contract dort unausführbar werden sollte. Sie wunderten sich, daß ich ein solches Gewicht darauf legte, Ihren Antheil abgetreten und die Güter als freies Eigenthum zu erhalten. Sie wissen jetzt, welchen Gebrauch ich davon machen wollte. Darf ich – ich bin ein alter Mann und kann jeden Tag sterben – darf ich hoffen, daß Sie diesen meinen Willen respectiren werden?

Mit einer gewissen Einschränkung, Durchlaucht.

Es hatte ein paar Momente gedauert, bevor der Graf zu antworten vermochte. So hatte also die Gräfin doch recht gehabt, und auch ihre Voraussage, daß auf den Geburtstag des Fürsten die Entscheidung fallen werde, war eingetroffen! Was war hier vorgegangen? Welches Mittels hatte man sich bedient?

Sie glauben, daß man dies wird zu den Acten legen müssen? fragte der Fürst, ängstlich zu dem Grafen emporblickend.

Als Durchlaucht mir meinen Antheil für hunderttausend Thaler abkaufte, fuhr der Graf fort, glaubte ich nicht anders, als Durchlaucht wünschte in der Verwaltung der Güter nicht beschränkt zu sein; ich dachte nicht daran, daß Durchlaucht dieselben veräußern oder verschenken könnte. Ich würde sonst schwerlich auf Durchlauchts Propositionen eingegangen sein. Die Güter sind hundertundfünfzig Jahre Eigenthum des Gesammthauses gewesen, ein Zweig der Familie hat sich nach ihnen genannt. Nun habe ich nichts dawider, finde es im Gegentheil vollkommen schicklich, daß eine Dame, welche die Ehre gehabt hat, sich Durchlauchts Gemahlin nennen zu dürfen, bei ihren Lebzeiten und so lange sie eine andere Verbindung nicht eingeht, in dieser Weise ausgezeichnet wird. Aber sie dürfte meiner Ansicht nach die Güter weder vermachen, noch anderweitig darüber verfügen; dieselben müßten vielmehr, je nachdem, an uns zurückfallen, oder sich in eine schon im voraus zu bestimmende Ablösungssumme verwandeln lassen. Wenn Durchlaucht sich mit diesen Propositionen einverstanden erklären, würde ich die stricte Ausführung des Vertrages als eine Ehrenpflicht betrachten.

Wohl, sagte der Fürst; wollen Sie Iffler Auftrag geben, die nöthigen Umänderungen vorzunehmen. Der Graf verbeugte sich.

Und nun, sagte der Fürst, während eine brennende Röthe in seinen bleichen Wangen aufstieg, sind hier zuletzt noch einige Papiere – Briefe von ihr an – an den Doctor Horst, die ich – die man mir – ich habe dieselben erst seit vorgestern Abend in Händen.

Der unglückliche alte Mann schwieg in grenzenloser Verwirrung und Beschämung; der Graf starrte zornig vor sich nieder. Das also war das geheimnißvolle Mittel, dessen man sich bedient: gestohlene Briefe! Und er hatte sich, indem er die Generalin gewähren ließ, gewissermaßen zum Mitschuldigen einer solchen Erbärmlichkeit machen können!

Ich schwöre bei meiner fürstlichen Ehre, begann der Fürst von neuem, daß diese Briefe kein Wort enthalten, welches mit meiner Angelegenheit in irgend einer Beziehung stände; Mittheilungen durchaus privater Natur, wie sie zwischen jungen Leuten ausgetauscht zu werden pflegen, die sich durch eine gewisse Uebereinstimmung ihrer Ideen und Empfindungen zu einander hingezogen fühlen.

Der Graf schaute auf.

Ich werde Ihren Wünschen gemäß die gnädige Frau fragen, ob sie die Briefe an sich nehmen will, sagte er; und nun, fuhr er mit einem Blick nach dem Vorzimmer fort, möchte ich um die Erlaubniß bitten –

Ich verstehe, sagte der Fürst.

Der Graf drückte auf die Glocke und sagte zu dem hereintretenden Gleich:

Führen Sie, sobald Durchlaucht und ich das Cabinet verlassen haben, den Herrn Rath hieher und leisten Sie ihm die Hilfe und geben Sie ihm jede Auskunft, die er etwa wünschen wird. Diese Schatulle tragen Sie selbst auf mein Zimmer und sagen Sie dem Herrn Rath, daß Sie es auf meinen Befehl thun. Ich selbst werde Durchlaucht unterdessen –

In mein Schlafcabinet, wenn ich bitten darf, sagte der Fürst.

Der Graf bot dem Fürsten den Arm und leitete den Wankenden sorgsam hinaus.

Sie mußten, um in das Schlafcabinet zu gelangen, wenn sie nicht das Vorzimmer passiren wollten, durch den Salon, dessen Fenster auf den Schloßhof gingen. Die Menge war noch immer angewachsen; man hörte laut sprechen, rufen, singen.

Sollten Durchlaucht den Leuten nicht eine Aufmerksamkeit schuldig sein? sagte der Graf. Wir werden sie ohne das schwerlich los.

Ich fürchte, meine Kräfte sind erschöpft, sagte der Fürst.

Vielleicht, daß Durchlaucht sich nur einmal hier am offenen Fenster zeigten?

Wenn Sie meinen, daß es sein muß.

Sie traten an das Fenster. Von denen im Schloßhof hatten es sofort Einige bemerkt, die wieder die Anderen aufmerksam machten. Im Nu waren Aller Augen empor auf das Paar gerichtet: den prächtigen ordengeschmückten Officier, in dessen Arm ein alter welker Mann mit weißen Haaren und bleichem kummervollen Angesichte hing.

Unsre Durchlaucht soll leben! riefen ein paar Stimmen.

Aber ihr schwacher Ruf wurde übertönt durch ein brausendes: »Der Herr Graf soll leben, hurrah, hoch!« und: »Nieder mit den schuftigen Franzosen!« und: »Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben –«

Ein unheimliches Lächeln irrte durch des Fürsten todtenbleiche Züge:

Dieser Krieg scheint in der That sehr populär zu sein, sagte er.

Der Graf erwiederte nichts, aber es lag ein eigener Glanz auf seinen stolzen Zügen, als jetzt, da sie sich von dem Fenster gewendet hatten und er den Wankenden weiterführte, hinter ihnen her, triumphirend, in den Klängen seines geliebten Liedes erschallte:

»Ich bin ein Preuße, will ein Preuße sein!«

 << Kapitel 32  Kapitel 34 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.