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Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Das Diner, an welchem auch der Oberforstmeister von Kesselbusch und der Oberpfarrer aus Rothebühl theilgenommen hatten, schien zu Ende gehen zu wollen, wie es angefangen: mit unbedeutender Conversation, an der Niemand ein eigentliches Interesse nahm und die wiederholt ganz gestockt haben würde, wenn Herr von Zeisel nicht noch immer wieder eine kleine Geschichte zu erzählen gehabt hätte, an welche er gerade in diesem Augenblicke lebhaft erinnert wurde.

So war man bis zum Nachtisch gekommen. Der Fürst sah bereits ungeduldig zu Herrn von Zeisel hinüber, der Seine Durchlaucht durch einen Blick nach dem Buffet und ein leichtes Zucken mit den Achseln ersuchte, noch einige Minuten zu verziehen, als der Geheimrath sich plötzlich zum Fürsten wendete, von welchem er zwei Plätze entfernt saß, und mit lauterer Stimme, als nöthig schien, sagte:

Ich habe noch nicht die Ehre gehabt, Durchlaucht das Resultat der Beobachtungen mitzutheilen, die ich auf Durchlauchts Wunsch und, ich darf wohl sagen, aus eigenem wissenschaftlichen Interesse in diesen Tagen über die Zustände hiesiger Gegend angestellt habe.

Meine Absicht war, Sie nach der Tafel um diese ohne Zweifel äußerst schätzenswerthen Mittheilungen zu ersuchen, erwiderte der Fürst.

Ich fürchte, Durchlaucht wird in seinen Erwartungen sich getäuscht finden, fuhr der Geheimrath fort; ich habe wenig zu berichten und möchte mit diesem Wenigen vorläufig umsomehr zurückhalten, als dasselbe leider in directem Gegensatz mit der schriftlichen Relation steht, welche mein junger College im Frühjahr über diesen Gegenstand ausgearbeitet und Durchlaucht mir behufs schnellerer Information anzuvertrauen die Gnade hatten.

Im Gegensatz? sagte die Generalin. Ei, das interessirt mich in der That – und was wäre das nun für ein Gegensatz?

Vielleicht, Excellenz, erwiederte der Geheimrath lächelnd, derselbe, der zwischen dem Alter und der Jugend besteht.

Und da sieht natürlich das Alter Alles schwarz, was die Jugend rosig sieht, sagte die Generalin.

Umgekehrt, Excellenz, sagte der Geheimrath, oder doch keineswegs, wie Sie vermuthen. Mein Urtheil über die gesundheitlichen Zustände hiesiger Gegend, über die Lage der Leute im Allgemeinen und was sonst in dieses Gebiet gehört, lautet unendlich viel günstiger, als das meines jungen Collegen, der freilich nach der außerordentlich starken Mortalität während der letzten Typhus-Epidemie in den Walddörfern keine Ursache hatte, den Kopf besonders hoch zu tragen.

Der Herr Geheimrath kann doch damit unmöglich andeuten wollen, daß es die directe Schuld des Doctor Horst gewesen ist, wenn unsere Verluste so groß waren? sagte Hedwig, sich von der andern Seite zum Fürsten wendend.

Directe Schuld, gnädige Frau, Gott bewahre! rief der Geheimrath. Wer hat das gesagt! Oder die Erfahrungslosigkeit des Anfängers müßte denn straffällig, das unsichere Umhertasten des Neulings ein Verbrechen sein.

Hedwig blickte wieder und dringender als vorher den Fürsten an, der ganz augenscheinlich ihrer stummen Bitte nicht Folge leisten wollte. So vergingen ein paar Momente, bevor sie zögernd antwortete:

Gewiß kann der Anfänger straffällig sein und der Neuling zum Verbrecher werden, wenn er im Besitz einer Kunst zu sein prätendirt, von der er weiß und wissen muß, daß er sie nicht besitzt und in deren Besitz er nun auf Kosten seiner Mitmenschen zu gelangen sucht.

Aber in dieser Lage ist mehr oder weniger jeder junge Arzt, gnädige Frau.

Und an dem Segen des Himmels ist Alles gelegen! sagte der Pfarrer mit Anspielung auf Hermanns notorisch unkirchliche Gesinnung.

Doctor Horst hatte, bevor er hieher kam, bereits mehrere Jahre lang practicirt, sagte Hedwig, ohne den geistlichen Herrn eines Blickes zu würdigen.

Sie überraschen mich, gnädige Frau, durch diese Notiz auf das Aeußerste, sagte der Geheimrath; ich würde – aber ich sehe zu meinem Bedauern, daß ich bereits zu weit gegangen bin und bitte um Verzeihung, wenn eine rein wissenschaftliche Frage, ohne Zweifel nur durch meine Ungeschicklichkeit, eine persönliche Wendung genommen hat.

Auch ich bin dafür, daß wir das Thema fallen lassen, sagte der Fürst.

Unmöglich! sagte Hedwig.

Ihre Wangen glühten und das lodernde Feuer ihrer dunklen Augen flammte über die ganze Gesellschaft. Es war lautlos still um die Tafel geworden; selbst die Diener im Saal standen bewegungslos oder huschten auf den Fußspitzen weiter, als wollten sie keine Silbe von dem verlieren, was nun kommen mußte.

Weshalb, liebe Hedwig? sagte der Fürst nach einer ziemlich langen Pause.

Weil, erwiederte Hedwig, Du dies Thema jetzt und hier nicht fallen lassen kannst, ohne das alte Wort, daß der Abwesende Unrecht habe, in einer Weise zu bewahrheiten, die dem schönen Ruf der Billigkeit und Gerechtigkeit, in dem Du bei aller Welt stehst, wenig entsprechen würde.

Ich danke Dir, daß Du für diesen meinen guten Ruf so freundlich besorgt bist, sagte der Fürst mit bebenden Lippen.

Ich nehme diesen Dank buchstäblich, sagte Hedwig, und ich nehme ihn an für meinen abwesenden Freund, der Dir drei Jahre seines Lebens jede Stunde gewidmet hat, Dir und den Deinen – ich meine: den Armen, Elenden und Kranken von den Deinen – mit einer hingebenden grenzenlosen Liebe und Treue, die ihn – und wären seine Bemühungen nicht von dem Erfolge gekrönt worden, mit welchem sie der Himmel begnadigt hat – ein für allemal gegen Angriffe schützen sollten, wie er sie eben hier erfahren.

Wollen wir unsere Unterhaltung auf der Terrasse fortsetzen, sagte der Fürst; ich glaube, die frischere Luft dort wird uns Allen wohlthun.

Er erhob sich plötzlich von der Tafel und that ein paar Schritte, bevor er sich darauf besann, daß er der Generalin, die neben ihm gesessen, den Arm zu bieten hatte.

Ich bitte um Verzeihung, sagte er, es ist hier wirklich auffallend schwül.

Nun, beim Himmel, was ist dies? sagte Herr von Zeisel zu dem Oberforstmeister, als die Gesellschaft jetzt auf der Terrasse und in den zunächst gelegenen Gartengängen promenirte. Was bedeutet dies?

Daß hier ein Gewitter in der Luft steht, erwiederte der alte Herr mit einem melancholischen Zucken seines langen weißen Schnurrbartes, und daß ich mich eilends wieder in meinen Wald begeben will. Adieu.

Herr von Zeisel trat an Hedwig heran, die, von der Gesellschaft abgewendet, an dem Rande der Terrasse allein stand und in die Gegend schaute.

Gnädige Frau! sagte der Cavalier.

Hedwig hatte ihn nicht kommen hören; er sah, als sie für einen Moment das Gesicht nach ihm kehrte, daß ihre Augen mit Thränen gefüllt waren.

Ich danke Ihnen, gnädige Frau, sagte Herr von Zeisel, daß Sie sich unseres guten Doctors so tapfer angenommen haben; glauben Sie mir, es war nicht Feigheit, wenn ich schwieg.

Ich weiß es, erwiederte Hedwig.

Ich erhielt heute – eben als wir zu Tisch gingen – einen Brief von ihm, fuhr Herr von Zeisel fort; er schreibt aus Hannover, daß es ihm gut gehe und daß er, wenn es zum Kriege kommen sollte – und er glaubt es mit Bestimmtheit – seine frühere Eigenschaft als hannöverscher Militärarzt geltend machen werde. Nun, ich werde wahrhaftig auch nicht davon bleiben, wenn es losgeht, mag Durchlaucht dazu noch so böse Miene machen. Aber darüber wollte ich nicht sprechen. Horst schreibt mir, daß er ein Packet Briefe vermisse, die er jedenfalls in einem Fache seines Secretärs zurückgelassen; ich habe nun den Secretär sofort auf das allergenaueste durchsucht und nichts gefunden und ich bin nun einigermaßen besorgt.

Weshalb?

Horst scheint an den Briefen sehr gelegen, sagte der Cavalier.

So hätte er sie besser verwahren sollen; sagte Hedwig, dem Cavalier durch ein Nicken andeutend, daß sie allein zu bleiben wünsche, als sie jetzt die Stufen nach den tieferen Partien des Gartens hinabzuschreiten begann.

Trotz im Kopfe und Thränen in den Augen! sagte der Cavalier, der schlanken Gestalt nachblickend; den Fürsten, die ganze Gesellschaft brüskiren um eines Mannes willen, für den man fünf Minuten später nicht das mindeste Interesse zu haben scheint – ich verstehe es nicht und werde es nie verstehen; und dabei weiß sie ohne Zweifel so gut, als hätte sie es selbst in Horsts Briefe gelesen, daß die Briefe, um die es sich handelt, ihre eigenen sind. Ich will nur wünschen, daß nichts darin steht, was nicht darin stehen sollte.

Der Cavalier schüttelte bedenklich den hübschen blonden Kopf, und schüttelte denselben noch einmal, als er jetzt bemerkte, daß die Gesellschaft, welche der Fürst nach der Tafel eine Stunde beim Kaffee zusammenzuhalten pflegte, sich, wie der Oberforstmeister und der Pfarrer, bereits verabschiedet hatte, oder, wie Neuhofs und der Graf, im Begriffe stand, sich zu verabschieden.

Es war dies das Werk der Generalin. Sie hatte vorhin den Grafen beiseite gezogen und ihn dringend gebeten, unter gleichviel welchem Vorwande mit Neuhofs aufzubrechen, und zwar so bald als möglich.

Ich hoffe, lieber Freund, sagte sie, daß, Dank unserem guten Geheimrath, der seine Sache vortrefflich gemacht hat, Ihnen jetzt der letzte Zweifel geschwunden ist. Ich konnte Ihnen die Scene nicht ersparen. Sie haben Ihr Versprechen gehalten, so schwer es Ihnen augenscheinlich wurde, und sich nicht hineingemischt; nun thun Sie mir auch die Liebe und lassen Sie mich weiter allein gewähren, ganz allein. Ich habe auch Stephanie gebeten, sich zurückzuziehen. Die Abwesenden haben nicht immer Unrecht und Ihr sollt diesmal glänzend Recht behalten.

Und als der Graf düster dareinschauend zögerte –

Ich erinnere Sie an Ihr Wort, Henri!

Ich hätte es nicht geben sollen.

Aber Sie haben es gegeben und, glauben Sie mir, Henri, es ist besser so. Eine Heuchlerin zu entlarven, ist nicht die Sache eines Mannes; dazu ist Euer Herz zu stolz und Eure Hand zu ungeschickt. Ich bitte Sie, Henri! Sie können sich doch unmöglich noch für ein Mädchen interessiren, das ihre Liebe zu diesem Quacksalber an der Tafel des Fürsten vor den Domestiken eingesteht!

Der Graf lachte bitter.

Ich danke Ihnen für dies Lachen, sagte die Generalin und später soll Stephanie Sie für Alles entschädigen. Inzwischen machen Sie unserer schönen Baronin den Hof, die sich dort das Köpfchen nach Ihnen ausdreht; und vor Allem machen Sie, daß Sie fortkommen.

Die Eingeladenen waren weggefahren; Stephanie hatte sich schon vorher von dem Geheimrath auf ihr Zimmer geleiten lassen; Hedwig war auf die Fasanerie geritten; es blieb Niemand, dem Fürsten Gesellschaft zu leisten als die Generalin; sie hatte eigens um diese Erlaubniß gebeten, und der Fürst hatte geantwortet, daß ihm nichts größere Freude gewähren könne.

Er war während dieser Tage noch nicht eine Minute mit der Generalin allein gewesen, ja, er hatte jede Gelegenheit dazu scheu vermieden; er wußte auch recht wohl, daß sie sich heute an ihn drängte, nicht aus Mitgefühl, sondern aus grausamer Neugier, aber er fühlte sich so grenzenlos elend – und die Frau war so kalt und klug!

Wenn ich doch nur den kleinsten Theil ihrer Kälte und Klugheit hätte! sprach er wiederholt bei sich, während er jetzt an ihrer Seite auf der Terrasse hin- und herwandelte und ihrem Geplauder zuhörte, das munter um hundert Dinge spielte. Wird sie nicht endlich zur Sache kommen?

Aber die Generalin schien keine Eile zu haben. Sie theilte die interessantesten Dinge von ihrem Hofe mit, von der Ehe der prinzlichen Gatten, die in keiner Weise so schlecht sei, wie man es im Publikum annehme, wenn man auch selbstverständlich eine Geßner'sche Idylle in dieser Sphäre nicht erwarten dürfe. Ja, das Verhältniß zwischen dem Prinzen und der Prinzessin habe sie oft schon an das zwischen dem Grafen und ihrer Stephanie erinnert, wie denn besonders der Graf in seiner soldatisch einseitigen Tendenz, in der Hartnäckigkeit, mit welcher er seine Ziele verfolge, in dem stürmischen Muth, mit welchem er sich in eine Gefahr stürze, dem Prinzen, dessen intimer Freund er übrigens auch sei, auffallend gleiche.

Ich protegire diese entante cordiale auf jede Weise; sagte die Generalin; nicht, um Heinrich eine glänzende Carrière zu verschaffen, die er ja doch so wie so machen wird – der Prinz sagte mir noch im Moment meiner Abreise, daß, wenn wir Krieg bekommen, Heinrich sofort zum Major avanciren werde – sondern um seinen Blick für die Aufgaben der großen Politik offen zu erhalten. Denn schließlich kommt doch Alles darauf an, daß der Mensch, nachdem er einmal in eine bestimmte Sphäre sozusagen hineingeboren und für dieselbe erzogen ist, sich nun auch in dieser Sphäre erhält, und von Allen, die es gut mit ihm meinen, in diesem seinem legitimen Bestreben gefördert wird.

Nach dieser Theorie, sagte der Fürst, würde die Menschheit niemals aus dem Kastenwesen der alten Egypter hinausgekommen sein.

Ich verstehe mich wenig auf Geschichte, erwiederte die Generalin; ich habe immer vollauf zu thun gehabt, die Menschen, mit denen ich lebte, zu beobachten und, wenn es möglich war, zu begreifen; und da kann ich nicht anders sagen, als daß ich normale Entwicklung, gleichmäßige Haltung, harmonische Zustände, Behaglichkeit, Zufriedenheit, Glück immer nur da gefunden habe, wo die Leute in ihrer naturgemäßen Sphäre waren und blieben, und das Gegentheil überall, wo sie sich in einer Lage zurechtfinden sollten oder wollten, für die sie nun einmal der Himmel nicht bestimmt hatte. Ich meine, Jeder, der offene Augen hat, müßte zu diesem Resultat kommen, für das mir jeder Tag, ja, ich möchte behaupten, jede Stunde einen neuen Beweis liefert.

Der Fürst warf einen scheuen schnellen Blick in das scharfgeschnittene Gesicht der Dame; er wußte, daß jetzt endlich kommen würde, was er schon seit einer halben Stunde gefürchtet und doch wieder mit fieberhafter Ungeduld erwartet hatte.

Man erlebt allerdings nach dieser Seite hin seltsame Dinge, murmelte er.

Die seltsamsten, sagte die Generalin, so seltsam, daß man am hellen lichten Tage zu träumen glaubt, bis man sich darauf besinnt, daß man selbst freilich ganz wach ist und aus seinen gesunden Augen blickt, die Anderen aber allerdings in den abenteuerlichsten Phantasien befangen sind. Ich hatte mir ohnedies schon vorgenommen, die wunderliche Sache, welche für Durchlaucht aus mehr als einem Grunde interessant sein wird, mitzutheilen.

Die Generalin erzählte nun, wie sie vor dem Diner mit dem Geheimrath einen Besuch bei Ifflers gemacht, und wie sie dort das hübsche, übrigens herzlich unbedeutende Kind, die Elise, in einem weniger phantastischen als abgeschmackten, ja tollen Aufzuge ohnmächtig in den Armen ihrer Eltern gefunden; wie sie nach mancherlei vergeblichen Fragen aus dem Kanzleirath, der ebenfalls ganz außer sich gewesen, herausgebracht, daß es sich um die Probe einer Aufführung zum Geburtstag des Fürsten gehandelt; und bei dieser Gelegenheit – der Kanzleirath habe nicht sagen können wie – vielleicht durch ein Wort aus dem Munde des Herrn von Zeisel, der die Probe abgehalten – ein rührend alberner Wahn, in welchem sich das arme Kind schon seit längerer Zeit gewiegt: der Fürst werde sie an seinem Geburtstage zu seiner Gemahlin und Fürstin von Roda erheben, plötzlich und unwiederbringlich zerstört sei.

Durchlaucht kann sich denken, fuhr die Generalin fort, welchen peinlichen Eindruck diese Scene auf mich gemacht hat, einen um so peinlicheren, als – auch nach der Beobachtung unseres Geheimraths – die Eltern des Mädchens selbst mehr oder weniger in diesen Wahn-Ideen befangen waren. Der Geheimrath sagte mir, daß dergleichen Fälle nicht selten vorkommen.

Großer Gott, rief der Fürst, jetzt erklärt sich mir so Manches: die Wunderlichkeit des Mannes in letzter Zeit, das extravagante Benehmen des Mädchens neulich auf dem Jagdschlosse: – aber wie ist das möglich? Wie kam ein in seiner Art gescheiter, ja gelehrter Mann und meiner treuesten Diener einer zu solchem Unsinn; wie mag ein sittsam erzogenes Mädchen, das sonst die Demuth und Bescheidenheit selbst ist, zu einer so frechen Aspiration gekommen sein! Es ist doch gänzlich unmöglich, daß ich zu dieser Verrücktheit, die mich zu gleicher Zeit betrübt und empört, die Veranlassung gegeben habe durch ein Wort, das man hätte falsch auslegen, durch irgend eine meiner Handlungen, die man hätte mißdeuten können.

Würden mir Durchlaucht eine Bemerkung verstatten? fragte die Generalin.

Ich weiß, was Sie meinen, erwiederte der Fürst. Sie wollen, an Ihre vorhin aufgestellte Behauptung anknüpfend, sagen: Du hast die Grenze der verschiedenen Sphären menschlichen Seins nicht geachtet; was wunderst du dich, wenn sich diese eben in den Augen der Menschen, die von dir abhangen, die zu dir als zu ihrem Vorbild und Muster emporschauen, in so heilloser Weise verwirren und verwischen!

Ungefähr das wollte ich allerdings andeuten, erwiederte die Generalin, und vielleicht habe gerade ich dazu ein gewisses Recht, die ich die beiden Sphären, welche in diesem Falle verwirrt und verwischt sind, besser als irgend ein Anderer zu übersehen vermag. Wie könnte ich wohl an ein Wunder glauben, dessen einzelne Bestandtheile ich sozusagen in diesen meinen Händen habe! Wie könnte mir die glänzende Dame imponiren, die ich als kleines kränkliches Mädchen in einem fadenscheinigen Anzug und in – ich muß es leider sagen – nicht eben sauberer Verfassung aus der Portierloge heraufgeholt habe, wo ihr Vater – ein wüster, disreputirlicher und zuletzt dem Trunk in trauriger Weise ergebener Mensch – eben sein elendes Leben ausgehaucht hatte! Lieber Himmel, dergleichen Momente prägen sich ein! Man sagt sich: gut, das bist Du jetzt, aber das warst Du einst; und wir mögen uns stellen, wie wir wollen: das Einst schimmert bei allen möglichen Gelegenheiten durch das Jetzt deutlich hindurch. Und wie könnte es anders sein! Wir sind eben die Kinder unserer Eltern, das heißt: die Erben der Tugenden und Schwächen ihres Blutes, wie wir ihre Gestalt, ihre Haltung, ihre Mienen, ihre Stimme erben. Das Köhlerkind, das man aus dem Schoße der Mutter in eine Prinzenwiege legte, würde im allerbesten Falle ein Köhler auf dem Königsthron werden. So dachte ich heute an der Tafel, als unsere Hedwig jener Sympathie, die der Niedriggeborene mit dem Niedriggeborenen ein- für allemal hat, einen so unverhüllten Ausdruck gab. Es war wieder ganz das kleine Mädchen von sechs, acht Jahren, das durchaus auf der Promenade der Bonne entlaufen und mit den Bürgerkindern spielen wollte, oder die ein wenig frühreife Schönheit von vierzehn, die sich in den Kopf gesetzt hatte, sie müßte Malerin werden, um sich einmal von ihrer Hände Arbeit zu ernähren, und – unter uns – den schönen Maler heirathen zu können, der den jungen Mädchen Unterricht im Zeichnen gab. Nun, man sollte über dergleichen nicht lachen, was so todesernsthaft gemeint ist, aber ich kann mich noch heute des Lachens nicht erwehren, wenn ich an diese Zeit denke und an die lange pathetische Rede, die mir der überspannte Mensch hielt, als ich ihn endlich doch wegschicken mußte, und an die verzweifelten Thränen der jungen angehenden Künstlerin, als sie ihren Abgott mit den langen Haaren, ihren Meister, ihren Rafael zum letztenmal die Treppe hinabgehen sah. Es war ja Alles so unglaublich kindisch, albern und thöricht, und dennoch wieder so charakteristisch, so ganz aus dem Wesen des Mädchens, und ich muß sagen: des Proletarierkindes heraus. Für uns bleiben jene Menschen, was sie sind: Maler, Doctoren, was weiß ich: nützliche, vielleicht sehr achtenswerthe Individuen, die wir sogar dann, wenn wir das Unglück haben, uns in sie zu verlieben, nie für Unseresgleichen halten. Ein Mädchen, wie Hedwig, fühlt sich so sehr, so ganz als die Gleiche dieser Menschen, daß sie, wie zum Beispiel vorhin, für einen Freund thun könnte und würde, was man im gewöhnlichen Leben nur für seinen Geliebten thut. Aber ich ermüde Durchlaucht mit meinem Geplauder und die arme Stephanie wird schon längst nach ihrer Mama verlangen. Das gute Kind! sie leidet viel, und trotzdem leidet sie gern. Ist sie sich doch vollauf bewußt, um was es sich handelt, liebt und verehrt sie doch Durchlaucht so, daß sie mir noch heute sagte: mir ist, als ob ich das Kind für ihn zur Welt bringen sollte!

Die Generalin war gegangen; der Fürst blickte starr auf die offene Glasthür zum Salon, durch welche sie verschwunden war; aber er dachte nicht an sie. Er dachte an Hedwig, wie sie in derselben Thür stand vor vier Wochen, an dem Abend, als er ihr sagte, daß Horst fort wolle, und sie so außer sich gerieth, wenn sie auch Geistesgegenwart genug hatte, zu behaupten, daß er fortmüsse, daß sie ihn selbst fortschicken würde. Was kam darauf an, ob sie dies gesagt oder das, ob man das Spiel so abgekartet oder so, wenn nur nachträglich Alles stimmte, wenn man das Spiel nur zu guterletzt gewann auf Kosten des alten Mannes, den man drei Jahre genasführt!

Der Fürst schlug sich vor die Stirn und schaute mit wirren Blicken um sich.

Das Ganze war am Ende nur ein schlau ersonnenes Märchen, ihn auf eine falsche Spur zu bringen; ein fein ausgeklügeltes Stück boshafter Rache an ihr, die den stolzen Grafen verschmäht und sich nun natürlich in den bescheidenen Doctor verliebt haben mußte!

Aber er war ja ganz von selbst auf denselben Verdacht gekommen, er trug sich ja mit diesem Verdacht schon seit vier Tagen, seit sie ihm ganz offen erklärt, sie habe mehr als einmal den Mann zu lieben geglaubt. Ganz offen! Wie konnte man ganze Offenheit von einem Mädchen erwarten, das von Menschen stammte, bei welchen die Lüge von Generation zu Generation sich forterbt wie der Schmutz! Der Vater ein Trunkenbold, die Mutter wahrscheinlich eine Metze – grauenhaft, grauenhaft! Daß er daran früher nie gedacht hatte!

Weshalb sollte Elise Iffler nicht Fürstin von Roda werden wollen! Sie hat doch anständige Eltern; so ist sie eigentlich zu gut für mich, und überdies hat die Sache gar keinen Reiz für den Fürsten von Roda, wenn er nicht mit Malerjünglingen, Doctoren und dergleichen concurriren kann!

Der Fürst lachte laut und brach plötzlich im Lachen ab. Ein Schauder lief ihm über den Leib.

Es war gewiß die Abendluft, die kühl aus den Parkwiesen heraufwehte. Aber er hatte denselben Schauder in den letzten Tagen öfter empfunden und am hellen Morgen, am heißen Mittag. Er hatte den Geheimrath schon consultiren wollen; es war am Ende ganz zweckmäßig, wenn er den Geheimrath einmal kommen ließ.

Der Geheimrath, den Gleich nach wenigen Minuten in das Cabinet führte, hatte schon über Tafel die Indisposition Durchlauchts bemerkt und war jetzt doppelt betrübt, durch seine Unvorsichtigkeit die fatale Scene hervorgerufen zu haben, welche den Zustand Durchlauchts jedenfalls verschlimmert hatte. Ob Durchlaucht sich wohl entschließen würde, ihm eine genauere Exploration zu verstatten?

Der Fürst gab die Erlaubniß; die Untersuchung dauerte lange; endlich richtete sich der Geheimrath wieder auf.

Nun? sagte der Fürst. Sie machen ein bedenkliches Gesicht?

Daß ich nicht wüßte, Durchlaucht, erwiederte der Geheimrath; es wäre dazu in der That nicht der mindeste Grund: von den Organen kein einziges wesentlich alterirt, von einer imminenten Gefahr nicht die Rede, wenn ich auch allerdings nicht in Abrede stelle, daß der von vornherein überaus zarte Organismus Durchlauchts sehr erschüttert ist und einer langen Erholung dringend bedarf. Ruhe, Durchlaucht, Ruhe – das ist es, wozu ich in erster Linie rathe; unbedingte Ruhe, wie sie in der Stellung Durchlauchts glücklicherweise leicht zu beschaffen und den Jahren Durchlauchts – ich meine unsern Jahren, in denen man die Leidenschaften der Jugend, Gott sei Dank, hinter sich hat – natürlich und erwünscht ist.

Ruhe, sagte der Fürst, nachdem er den Geheimrath bis an die Thür begleitet, und leicht zu beschaffen, ja wohl! sie machen es mir leicht genug! Was ist das für ein Packet, Andreas, das Du da auf den Schreibtisch gelegt?

Papiere, Durchlaucht, die Porst beim Aufräumen in dem Zimmer des Herrn Doctors gefunden und von denen er meint, daß sie der Herr Doctor ungern verlieren würde und die er deshalb mir gegeben hat, der ich nun um Durchlauchts Befehl bitte.

Was geht das mich an? sagte der Fürst. Schickt sie ihm nach, oder gebt sie an Herrn von Zeisel, wenn Ihr seine Adresse nicht wißt.

Es sind Briefe, Durchlaucht, die doch wohl nicht durch zu viel Hände gehen dürfen, meint der Porst, der so ein wenig hineingeschaut hat; vielleicht daß Durchlaucht es für passend erachtet, sie der gnädigen Frau direct zuzustellen –

Ich werde sehen, sagte der Fürst, und Dir klingeln, wenn ich zu Bette gehen will.

Herr Gleich verließ das Gemach, der Fürst sank wie zerschmettert in das Sopha zurück.

Daß diese Versuchung nun noch an ihn herantreten mußte! Daß er noch diese Schmach auf sich nehmen sollte! Wie wäre so etwas früher möglich gewesen! Nicht einmal der Gedanke, geschweige denn die That! Aber das war ja das Fürchterliche, daß diese Leidenschaft seine Seele erniedrigte, wie sie seinen Körper zerrüttete. Und wenn er seine reine Hand vergeblich besudelte? Wenn diese Briefe ihn nichts lehrten, als was er schon wußte? Oder wenn sie ihm in die Hände gespielt waren, nachdem sie eigens zu dem Zweck gestohlen!

Und während der unglückliche Mann jeden Grund hervorsuchte, dies nicht zu thun, klebte ihm die Zunge am Gaumen vor Begierde nach der verbotenen bittern Frucht; und während er sich erhob, die Briefe einzusiegeln und an Hedwig zu senden, hatte er das Gummiband, welches das Packet zusammenhielt, abgestreift und seine Augen flogen gierig durch die Zeilen der schönen Handschrift, mit denen die sehr verschieden geformten Blätter bedeckt waren.

Die Generalin hatte Recht gehabt, als sie zu ihrer Tochter sagte: für einen Unbefangenen ist es eine harmlose Lectüre, besonders bei Tage; aber ich hoffe, es so einrichten zu können, daß er nicht unbefangen daran geht, und wenn wir einige weglassen, die gar zu idyllisch sind, werden die andern heute Nacht ihre Wirkung nicht verfehlen.

Je länger der Fürst in diesen Blättern las und die Data miteinander verglich und sich besann, bei welcher Gelegenheit wohl dies und bei welcher jenes geschrieben sein könne und den Werth der einzelnen Ausdrücke gegen einander abwog und darüber grübelte, wieviel »lieber Freund« – mehr besage, als »lieber Doctor« – in demselben Maße verlor er den kleinen Rest von klarer Urtheilskraft, den ihm die Unterredung mit der Generalin noch gelassen; und es war keine Stunde vergangen, als ihm jedes dieser Blätter vom schwärzesten, schamlosesten Verrath doppelt und dreifach getränkt schien.

War es nicht Verrath, auch nur dem Namen nach die Gemahlin des Fürsten von Roda zu sein und trotzdem – aus Wiesbaden im vorigen Jahre, während Horst eine Ferienreise die Mosel hinauf machte – an einen Mann im Dienste dieses Fürsten zu schreiben?

»Es sind jetzt verschiedene fürstliche Personen hier und ich bin immer von neuem über den Götzendienst erstaunt, den man mit ihnen treibt. Mir hat die irdische Größe niemals imponirt; und wenn ich nun sehe, wie scheu die Menschen auf die Seite treten und wie willig sie den Hut ziehen, wenn ein Fürst vorübergeht, nicht, weil er etwa ein guter Mensch ist, dem sie Dank schulden, sondern, weil er ein Fürst ist – ja, so kann ich nur annehmen, daß mein Gehirn und mein Herz anders sind, als anderer Menschen. Ach! nichts ist gewisser: die Großen dieser Erde sind nur deshalb so erstaunlich groß, weil die Kleinen so erbärmlich klein sind.«

Und hier:

»Ich meine wirklich, je länger ich darüber nachdenke, daß ein König, ein Fürst niemals, oder doch nur unter ganz außergewöhnlichen Verhältnissen, ein so guter und auch nicht ein so großer Mensch werden kann, wie er es im gewöhnlichen Gang der Dinge geworden wäre. Denn was macht den Menschen gut, als daß er sich als Gleicher unter Gleichen weiß und fühlt, deren Schicksal sein Schicksal ist, deren Freuden und Leiden seine Freuden und Leiden sind oder es jeden Augenblick werden können; und was macht ihn groß, als daß an den Hindernissen dieser Welt die eingeborene Kraft bis zum äußersten Maß erprobt und erweitert. Wann aber hätte je ein Fürst, so lange er Fürst war, sich als der Gleiche seiner »Unterthanen« gefühlt? Wann wäre er je, so lange man ihm als Fürsten diente, schmeichelte, huldigte, zum vollen Bewußtsein über das Maß seiner Kraft gelangt? Und wie sollte er auch, wenn ihm Alles und Jedes leichter gemacht wird als anderen Menschen? Jeder andere Mensch muß um das Weib seiner Wahl freien, muß sich das Wild selbst suchen, sich auf seine Büchse selbst einschießen, sein übermüthiges Pferd selbst müde reiten, die Thür, durch welche er gehen will, selbst öffnen. Für den Fürsten giebt es nur offene Thüren! Denken Sie daran, lieber Fremd, so oft Sie an Fürsten denken!«

Und hier:

»Unser Fürst ist der beste unter ihnen, gewiß! aber ist er es nicht, weil er der kleinste ist!«

Und dies:

»Der Fürst ist ein guter Herr – aber er weiß es auch, und doch würde er ein besserer Herr sein, wenn er es weniger wüßte.«

Und hier, aus der allerletzten Zeit, als Horst neulich auf der Naturforscher-Versammlung war:

»Die Gesundheit des Fürsten hat mir in diesen Tagen Ihrer Abwesenheit rechte Sorge gemacht. Es ist das Herz, sagen Sie. Ach! wenn wir ihn doch, »in die Welt weit aus der Einsamkeit, wo Sinne und Säfte stocken,« führen und locken könnten! Mein Freund! an dieser Einsamkeit kranken wir hier Alle, der Fürst, Sie und ich; Jeder, den ich ansehe, trägt den Leidensausdruck. Ach, einen Athemzug aus der weiten Welt, wie er Ihnen jetzt wird! Und Sie haben den Muth, wiederzukehren! Es ist der Muth des Selbstmörders!«

 

Durchlaucht haben gerufen? fragte Herr Gleich, in der Thür erscheinend.

Er wußte recht gut, daß der Fürst nur laut gesungen hatte: »Treibt der Champagner,« oder etwas der Art; aber das Singen hatte so gräulich geklungen in der tiefen athemlosen Stille, und Herrn Gleichs Gewissen war denn doch wegen dessen, was er heute Abend gethan, ein wenig unruhig. Die Medicin könnte am Ende doch zu stark wirken, meinte Herr Gleich.

Wieviel Uhr ist es?

Gleich Drei, Durchlaucht.

Der Fürst trat an eines der Fenster, dessen Vorhänge er öffnete; Herr Gleich war hinzugeeilt; der Fürst wendete sich um:

Nun, welchen Ausdruck hat denn mein Gesicht; den rechten Leidensausdruck, wie?

Durchlaucht sehen blaß aus von der durchwachten Nacht und dem grauen Morgenlicht, sagte Herr Gleich.

Der Fürst riß das Fenster auf.

Einen Athemzug aus der weiten Welt, murmelte er; da liegt sie, ich will hinein, in die Berge.

Durchlaucht, es ist drei Uhr, sagte Herr Gleich, der anfing, zu fürchten, sein Gebieter möchte wahnsinnig geworden sein.

Einen Wagen! rief der Fürst, sich heftig umwendend und mit dem Fuße stampfend. Den Jagdwagen! Warum bist Du noch nicht fort?

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