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Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

»Der Prinz von Hohenzollern wird nicht in Spanien regieren. Wir haben nicht mehr verlangt und mit Stolz nehmen wir von dieser friedlichen Lösung Kenntniß. Ein großer Sieg, der nicht eine Thräne, nicht einen Tropfen Bluts gekostet hat.«

Der Geheimrath ließ das Zeitungsblatt, aus welchem er diese Zeilen vorgelesen, auf seine Kniee sinken und schaute die beiden Damen durch seine Brillengläser verwundert an.

Nun, meine Gnädigen, der Ueberbringer so trefflicher Nachrichten hoffte ein freudiges Staunen hervorzurufen und sich den holdesten Dank zu verdienen.

Ich verstehe so wenig von diesen Dingen, sagte Stephanie.

Wann hat der constitutionel das gebracht? fragte die Generalin.

Am zwölften, erwiederte der Geheimrath, in die Zeitung blickend.

Und wir schreiben heute den vierzehnten. Wie langsam man die Nachrichten hier bekommt. Und was kann nicht seitdem schon Alles wieder geschehen sein.

Aber Excellenz sind auch zu skeptisch! rief der Geheimrath.

Mag sein, erwiederte die Generalin, man wird das mit den Jahren; und diesmal habe ich, wie Sie wissen, meine besonderen Gründe. Man war an meinem Hofe der Sache so sicher. Indessen, möglich ist ja Alles. Ich bin begierig, zu hören, was der Graf davon halten wird.

Er kommt ja mit Neuhofs zum Diner, sagte Stephanie.

Um fünf Uhr, sagte der Geheimrath aufstehend. Es ist jetzt Zwei und ich habe Durchlaucht versprochen, ihm bei Tafel einen kleinen Vortrag zu halten über die Beobachtungen, welche ich während dieser vier Tage hinsichtlich des Gesundheitszustandes der Leute hier herum, über die klimatischen, die geologischen Verhältnisse und so weiter angestellt habe. Ich bitte Sie, meine Damen, was läßt sich denn in vier Tagen beobachten, wenn man hiehergekommen ist, sich der liebenswürdigsten aller Frauen ganz zu widmen, und die andere Zeit von Diners, Soupers und kleinen Ausflügen in die paradiesische Gegend hinreichend in Anspruch genommen ist! Aber Durchlaucht würde das freilich nicht als genügende Entschuldigung gelten lassen. Man muß für die armen Menschen immer Zeit haben, höre ich ihn sagen. Doctor Horst hatte immer Zeit für sie. Ich hasse diesen ausgezeichneten Collegen, ohne das Glück seiner näheren Bekanntschaft gehabt zu haben; er ist Durchlauchts drittes Wort. Und wenn ich aus der groben Fahrlässigkeit, mit der er unsere liebe Gräfin hier behandelt hat, mir einen Schluß verstatten darf, scheint mir der Mann Alles in Allem ein leichtsinniger Mensch und ein großer Ignorant dazu gewesen zu sein.

Ganz meine Ansicht, lieber Geheimrath, sagte die Generalin; vergessen Sie ja nicht, das dem Grafen auf das ernstlichste zu insinuiren und ihm zu sagen, daß sich unsere Wünsche viel früher, als wir gedacht, erfüllen werden.

Viel früher gerade nicht, Ezcellenz.

Sagen Sie: viel früher. Ich habe meine Gründe.

Wann hätte es der vorsichtigsten, weitschauendsten aller Frauen daran gefehlt! sagte der Geheimrath mit einem leisen Anflug von Ironie, indem er der Generalin die Hand küßte. Ich habe die Ehre, mich den Damen bis zum Diner gehorsamst zu empfehlen.

Der Geheimrath hatte sich kaum durch die offene Thür in den Garten entfernt, als Stephanie in Thränen ausbrach.

Ach, wenn doch nur Alles erst vorbei wäre! Ich werde diesmal sicher sterben! rief sie.

Aber liebes Kind, sagte die Generalin, Du bist wirklich wie ausgetauscht. Ich muß mich manchmal ordentlich darauf besinnen, daß dies meine muntere, leichtblütige, sonst Alles so leicht nehmende Stephanie ist. Nun ja, ich wollte, wie Du, daß Alles vorbei und glücklich vorbei wäre; die Situation würde dadurch eine ganz andere und für uns viel günstigere. Und deshalb muß der Fürst, muß Dein Mann, alle Welt in Erwartung und Spannung erhalten werden. Wenn etwas, wovon man sich so viel verspricht, noch nicht eingetreten ist, kann man nichts Anderes thun, als sagen, daß es morgen, heute, in jedem Augenblick eintreffen wird. Dann hat man, wenn nicht das Capital, so doch vorläufig die Zinsen. Es ist dieselbe Maxime, die unser Prinz immer befolgt hat. Erklären wir Jeden, der den Krieg mit Frankreich nicht für eine absolute Notwendigkeit hält, für einen Dummkopf, pflegt er zu sagen, dann haben wir den Krieg ganz gewiß. Nun, er hat nicht immer recht, unser lieber Prinz, aber darin hat er recht, dreimal recht; wir werden es erleben.

Und dann muß Heinrich fort und ich sehe ihn vielleicht nicht wieder! schluchzte Stephanie.

Die Generalin hatte nicht übel Lust, gerade herauszulachen; der sentimentale Ausbruch kleidete Stephanie doch gar zu wunderlich; aber man mußte Rücksicht auf das Kind nehmen. So zog sie denn ein paar leichte Falten über ihre weiße Stirn und sagte:

Du bist meines Wissens die erste Turlow, die es nicht selbstverständlich findet, daß ihr Mann sein Leben Gott und dem König schuldig ist.

Aber Heinrich ist in diesen Tagen so sehr gut gegen mich gewesen, sagte Stephanie.

Ich gebe es zu, erwiederte die Generalin, obgleich ich lieber gesehen haben würde, wenn er seine Besuche bei Neuhofs auf die Hälfte der Zeit reducirt hätte; aber glaubst Du, er wird weniger gut sein, wenn ihm gesagt wird: Du kannst jede nächste Stunde Vater werden? Ich sage Dir, Stephanie, schenke mir heute Nacht einen Enkel und ich stehe Dir für Alles.

Für Alles, wiederholte die Generalin, die sich erhoben hatte und jetzt vor dem Spiegel ihre grauen Locken arrangirte. Man müßte die Männer nicht kennen, wenn man nicht wissen sollte, wie das ihrer Eitelkeit schmeichelt, ihre Energie anspornt und sie Entschlüsse fassen, ausführen läßt, an die sie vorher kaum gedacht haben. Nicht, daß ich an Heinrichs Energie zweifelte, aber bei einem so großen Spiel kann man nicht genug Trümpfe in der Hand haben; und dies wäre ein Haupttrumpf. Und nun gar unsere Durchlaucht, der gute, alte, confuse Mann, der mit seinen grauen Haaren noch solche Pagenstreiche macht, er würde Respect vor einem fait accompli haben, dem ein Paroli zu biegen ihm denn doch –

Die Generalin beendete den Satz nicht, sondern fuhr, sich von dem Spiegel wieder in das Zimmer wendend, fort:

Und phantastisch, wie er ist, würde er darin womöglich ein Zeichen des Himmels sehen. Ist doch das Ganze, so wie so, pure Phantasterei. Ihr seid hier Alle Phantasten; es muß in der Luft liegen; Gott sei Dank, daß ich dergleichen Einflüssen nicht unterworfen bin, wenigstens habe ich mir meine normale Stimmung bis jetzt bewahrt und hoffe, Euch Alle wieder zur Vernunft zu bringen, bevor viele Tage in's Land gehen. Ich wollte noch eine kleine Promenade machen, liebes Kind, Du bist zu angegriffen und mußt versuchen, eine Stunde zu schlafen. Ich werde Dich zur rechten Zeit wecken lassen. Keinen Widerspruch, liebes Kind, wenn ich bitten darf. Deine alte Mama hat jetzt das Commando ergriffen, und Du weißt, daß sie keinen Ungehorsam duldet.

Sie küßte Stephanie auf die Stirn; ein paar Minuten später wanderte sie zwischen den sonnenbeschienenen Beeten, auf denen unzählige Blumen süße Düfte in die warme Luft sendeten, unter ihrem grauen Sonnenschirm langsam dahin, bis sie den andern Theil der Anlagen jenseits des Rothen Thurms erreichte, wo das dichte Gezweig der hohen Bäume Schatten und Kühlung spendete und an schicklichen Stellen placirte Bänke zur Ruhe einluden.

Die Generalin nahm auf einer dieser Bänke Platz. Es war ihr nicht um einen Spaziergang zu thun gewesen. Sie hatte allein sein wollen, um ungestörter ihren Gedanken nachhängen zu können. Hier war sie allein, und das leise Rauschen in den hohen Bäumen und dann und wann eine Vogelstimme, die bald wieder schwieg, und das monotone Plätschern der Fontaine im Blumengarten störte sie nicht. Sie hatte Anderes zu thun, als auf Windesrauschen, Vogelstimmen und murmelndes Wasser zu hören. Sie hatte über die schwierige Lage nachzudenken, die sie hier vorgefunden, die Möglichkeiten zu überschlagen, welche eintreten konnten, die Mittel zu erwägen, wie Alles zum guten Ende geführt werden mochte. Daß dieses Ende aber ein gutes sein werde, daran zweifelte sie ihrerseits nicht. War doch seit nun beinahe sieben Jahren – seit Graf Heinrich als junger Lieutenant zuerst in ihr Haus kam, die Hoffnung, ihre Stephanie einst als Fürstin von Roda-Rothebühl zu sehen, der Angelpunkt gewesen, um den sich all ihr Denken, Sinnen, Plänemachen bewegte. Hatte doch diese im Anfang so schwache Hoffnung immer deutlichere Gestalt angenommen, war doch die dämmernde Ferne immer näher gerückt – und das sollte nur ein Traum gewesen sein, aus dem sie wiederum als arme Generals-Wittwe erwachen sollte, Schwiegermutter eines schuldenbehafteten Garde-Rittmeisters, auf dessen alten gräflichen Namen nicht einmal mehr ein Diner vom Garkoch zu haben war! Und weshalb? Weil hier ein Mädchen als gnädige Frau herumstolzirte, das sie sich aus der Portiersloge hatte kommen lassen aus purem Mitleid – nein, aus Mitleid nicht – um für ihre Stephanie, die so grenzenlos ungezogen war, ein Spielding zu haben – gleichviel – weil die hier herumstolzirte mit ihrer hoffährtigen Miene und den Männern die Köpfe verdrehte und es mit ihrer raffinirten Koketterie nun glücklich so weit gebracht hatte, daß der alte Don Quixote noch diesen letzten Narrenstreich begehen und sie alles Ernstes heirathen wollte.

Lächerlich! sagte die Generalin, und sie lachte, da ihr der alte Graf Sylow einfiel, der, mit der goldenen Lorgnette vor den blöden Augen, in den Gesellschaften immer hinter seiner jungen liebenswürdigen Frau hersuchte und den sie deshalb selbst Diogenes getauft hatte. Aber freilich, Diogenes war zum größten Ergötzen des ganzen Cirkels, trotz seiner siebzig Jahre, seiner wässerigen Augen, falschen Haare, Zähne und Waden, glücklicher Vater geworden und hatte ihr selbst noch neulich ganz ernsthaft versichert, daß ihm das Kind mit jedem Tage ähnlicher werde. Man lachte in dem Kreise sehr über Diogenes' Vaterschaft; über Don Quixote's Vaterschaft würde niemand lachen; Don Quixote hatte noch sehr klare Augen und eine vortreffliche Haltung und konnte noch wer weiß wie lange leben und –

Das scharfgeschnittene Gesicht der Generalin hatte, während sie diesen Gedankengang verfolgte, einen beinahe ernsten Ausdruck angenommen.

Ja, hier war der Knoten, den man zerhauen mußte, wenn man ihn nicht lösen konnte, das Andere war ja Nebensache. Ob es nun zum Kriege kam, wie sie trotz der Nachricht von heute Morgen noch immer glaubte, oder nicht – der Fürst hatte Sechsundsechszig die Faust in der Tasche geballt und würde es heute, wo seine Lage so viel schwieriger war, auch nicht anders machen. Heinrich hatte Unrecht gehabt, die Sache so gar ernst zu nehmen, und würde sie auch niemals so genommen haben, wäre er nicht selbst in Hedwig verliebt gewesen. Heinrich war ein Narr! Er hatte doch wahrhaftig die Auswahl; er konnte sich ja, wenn er sich verlieben wollte, in die Neuhof verlieben, die gar nichts dagegen gehabt haben würde, oder in der Himmel weiß wen; warum nun gerade wieder in die Hedwig? Es war ein Scandal, daß es so war. Aber, war es einmal, hätte Stephanie gute Miene zum bösen Spiel machen, ihren Mann gelinde auslachen, die ganze Affaire als eine Kinderei behandeln müssen. Und was hatte sie stattdessen gethan? Sich aigrirt, ihm sentimentale Scenen gespielt, sich ein wenig in diesen Doctor verliebt, und, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, selbst die Eifersucht des Fürsten auf Heinrich gelenkt. Konnte man sich etwas Tolleres denken? Sollte man nicht, wenn man dergleichen an seiner eigenen Tochter erlebte, ganz und gar an der Welt verzweifeln? Auf Heinrich, auf ihren eigenen Mann, von dem sie jeden Verdacht, und wäre er zehnmal dringender gewesen, hätte fernhalten, auf irgend Jemand, der sich nur irgend dazu qualificirte, hätte ablenken müssen? Und das Richtige hatte so nahe gelegen, war mit Händen zu greifen gewesen; die kluge Neuhof hatte es ihr überdies vor acht Tagen schon mit dürren Worten gesagt!

Der Mensch muß in seiner Art bedeutende Qualitäten gehabt haben, sprach die Generalin bei sich, während sie mit der Spitze ihres Sonnenschirms Schnörkel in den Sand zog. Stephanie's Caprice wäre sonst ganz unerklärlich und ebenso die Hartnäckigkeit, mit der Heinrich sich noch immer gegen unsere Behauptungen sträubt, trotzdem die gute Neuhof und ich selbst doch wahrhaftig das Unsere gethan haben und die Thatsachen deutlich genug reden. Gäbe er nicht innerlich die Möglichkeit zu, würde er nicht so keck die Unmöglichkeit behaupten. Darin hat er freilich Recht, daß es sehr gleichgültig ist, ob sie den Menschen liebt oder nicht, wenn sie schließlich doch den Fürsten heirathet. Niemand auf der Welt kann es mir verdenken, wenn ich mit diesem Unsinn aufräume, so oder so. Hätte man doch nur etwas Greifbares, etwas Plausibles, ich weiß nicht, was ich darum gäbe!

Die Generalin blickte auf, da sie den Schritt Jemandes gehört zu haben glaubte, der aus der Richtung des Cavalierhauses, dessen Giebel man durch die Bäume schimmern sah, auf den Platz zukam. Sie schob sich die grauen Locken, welche ihr, während sie so gebückt dagesessen, etwas in die Stirn geglitten waren, zurück, verwischte mit dem Fuße die Schnörkel im Sande, lehnte sich, behaglich mit ihrem Sonnenschirm spielend, in die Ecke der Bank und blickte scharf nach den Gebüschen, aus denen der Kommende alsogleich hervortreten mußte.

Es war Herr Gleich, der alte Kammerdiener des Fürsten.

Ein freudiger Schreck durchzuckte sie. Wenn irgend Jemand auf der Welt, so war der alte Mann im Stande, ihr zu helfen. Sie hatte das vom ersten Augenblicke an herausgefühlt und alle Welt hatte es ihr bestätigt. Es war ein merkwürdig glücklicher Zufall, der ihr gerade heute Morgen und hier den Mann in den Weg führte! Ein Zufall mußte es sein. Der Mann hatte sie offenbar nicht gesucht, wie sie im ersten Augenblicke gedacht hatte. Er kam, den langen dürren Leib vornüber gebeugt, den grauen Kopf tief gesenkt, langsam den Baumgang daher, wiederholt stehen bleibend und in der Luft fingerirend, dann wieder ein paar Schritte machend, um abermals stehen zu bleiben, sich die breitschirmige Mütze abzunehmen und mit den Händen durch die grauen Haare zu fahren – das Bild eines Menschen, der über eine wichtige Angelegenheit nicht mit sich in's Reine kommen kann.

Da mußte er, aufschauend, sie erblickt haben. Mit einem Ruck richtete er sich in die Höhe, sein Schritt wurde gleichmäßig, langsam, wie es sich für einen alten Mann schickt; und das discrete Erstaunen, mit welchem er, als er kaum noch sechs Schritte von ihr entfernt war, sie bemerkte, war so vortrefflich gespielt, und die Vorsicht, mit welcher er, die Mütze tief ziehend und ganz leise auftretend, um sie nicht zu stören, vorübergleiten wollte, so natürlich ausgedrückt, daß die Generalin sich nicht enthalten konnte, halblaut Bravo! zu sagen.

Excellenz befehlen? fragte Herr Gleich.

Der Mann war so prompt stehen geblieben; es war kein Zweifel, er wünschte angeredet zu werden.

Sie haben eine Stunde frei? sagte die Generalin.

Zu befehlen, Excellenz, erwiederte Herr Gleich, eine halbe Wendung nach der Generalin machend.

Durchlaucht ist ausgefahren?

Durchlaucht sind nach einer Conferenz mit dem Herrn Kanzleirath ausgefahren.

Allein?

Zu befehlen, Excellenz. Haben Excellenz noch sonst –

Setzen Sie die Mütze auf und nehmen Sie da auf der Bank Platz.

Excellenz!

Ich wünsche es.

Wie Excellenz befehlen, sagte Herr Gleich, indem er in der anderen Ecke der Bank so vorsichtig Platz nahm, als wäre keineswegs zwischen ihm und der Gnädigen noch mindestens für drei Personen Raum. Dennoch war Gleich durch die ihm angethane Ehre nicht im mindesten in Verwirrung gebracht. Er hatte mit seinem Gebieter unzähligemale in derselben Weise gesessen, stundenlang, in der guten alten Zeit, als er noch mit Durchlaucht sozusagen allein war. Und Excellenz die Frau Generalin hatte ihn damals in Wiesbaden auf einsameren Promenaden auch schon so mit Durchlaucht sitzend gefunden.

Durchlaucht ist in diesen Tagen oft allein ausgefahren, sagte die Generalin; ich dachte, er ließe sich immer und überall von Herrn Gleich begleiten.

Herr Gleich zuckte zusammen wie Jemand, dem eine offene Wunde rauh berührt wird.

Durchlaucht will sich nach und nach daran gewöhnen, ohne mich fertig werden; sagte er mit einem bittern Lächeln um den zahnlosen Mund.

Sie wollen sich zur Ruhe setzen?

Legen, Excellenz, legen! sagte Herr Gleich und deutete mit vor Aufregung zitternder Stimme auf den Boden.

Hypochondrische Grillen, lieber Herr Gleich! sagte die Generalin. Sie sind nicht älter als der Fürst selbst.

In einem Jahre mit ihm geboren, sagte Herr Gleich, und in demselben Monat und bin sein Reitknecht gewesen von meinem sechszehnten bis zu meinem sechsundzwanzigsten, zehn Jahre lang. Und nun vierzig Jahre sein Kammerdiener, seitdem er anno Dreißig an's Regiment kam, und habe Alles ausgeschlagen, was er mir angeboten, heute die Mühle in Erichsthal, morgen die Braunsteingrube bei Hühnerfeld und die Castellansstelle auf dem Jagdschloß und so fort, nur um bei ihm bleiben zu dürfen, aus purer abgöttischer Liebe zu meinem gnädigsten Herrn, und muß nun das erleben!

Die abgöttische Liebe zu seinem gnädigen Herrn hat ihm vermuthlich mehr eingebracht, als die sämmtlichen aufgezählten Herrlichkeiten, dachte die Generalin bei sich und laut sagte sie:

Was muß man erleben, lieber Herr Gleich?

Aber wenn man den alten Andreas zum Aeußersten treibt, fuhr Herr Gleich fort, dann wird er so deutlich sprechen, daß man ihn endlich doch wohl wird hören müssen, vermeine ich, halten zu Gnaden.

Was wird hören müssen, lieber Herr Gleich? fragte die Generalin in freundlich theilnehmendem Ton, während ihr das Herz vor ungeduldiger Erwartung schlug.

Daß nicht Alles Gold ist, was glänzt, sagte Herr Gleich, und daß schöne Worte den Kohl nicht fett machen. Was hat er davon gehabt als schöne Worte alle diese Zeit? Nichts als schöne Worte, nicht einen Pfifferling mehr! Wer hat ihn gepflegt und gewartet, wenn er seinen Herzkrampf hatte und seinen Rheumatismus? Wer hat die Nächte bei ihm gewacht, so weh ihm selbst die alten Knochen thaten? Nun, andere Leute haben noch keine Nacht an ihn gewendet, keine Stunde einer Nacht; sie haben derweilen ganz ruhig geschlafen in ihren weichen Betten und haben dann freilich des andern Morgens frisch und glatt aussehen können wie die Schlange im Paradiese.

Sollte sie ihn wirklich nur immer am Narrenseil geführt haben? sagte die Generalin bei sich.

Und darum, fuhr Herr Gleich fort, für nichts und wieder nichts sind wir Anderen alle Narren und Dummköpfe und können jeden Tag gehen, lieber heute als morgen, und haben die bösen Blicke und die bösen Worte und die bösen Launen, wenn er wie ein Unsinniger umherrennt und keine Ruhe und Rast hat, als hätte er seine Seele dem leibhaftigen Satan verkauft. Gott verzeih' mir die Sünde!

Der alte Mann hatte sich immer tiefer in seinen Zorn hineingeredet. Er bebte am ganzen Leibe und dabei nestelte er mit den langen weißen Fingern fortwährend an den oberen Knöpfen seines schwarzen Fracks, als sei es ihm zu eng über der Brust, in der so viel böse Leidenschaften kochten. Die Generalin saß da, an ihrer dünnen Unterlippe nagend. Es war offenbar, daß der Mann von derselben Furcht bewegt wurde wie sie selbst; daß der armselige Einsatz seines Lebens für ihn auf dem Spiele stand, wie der große Einsatz ihres Lebens für sie, daß ihre Interessen zusammenfielen, und daß man ihn auf jeden Fall für sich gewinnen mußte. Es hilft nichts, sprach sie bei sich selbst, ich muß ihm entgegenkommen. Und laut sagte sie: Sie thun mir von Herzen leid, lieber Herr Gleich, wahrhaftig von ganzem Herzen. Aber Sie wollen doch bedenken, daß wir: ich meine die Gräfin, der Graf und ich selbst, unter dieser seltsamen Verbindung mehr gelitten haben als Sie. Ihnen, dem alten Diener, darf ich es sagen, und ich sage ihm ja nichts, was er nicht selbst in seinem treuen braven Herzen fühlte. Nun, wir haben Geduld geübt und Alles ruhig getragen, wenn es uns auch – der Himmel mag es wissen – oft schwer genug geworden ist.

Zu befehlen, Excellenz ganz recht, sagte Herr Gleich. Ich habe mich auch in Geduld geübt und es ruhig getragen; aber noch ist nicht aller Tage Abend, halten zu Gnaden, und wir können erleben, was Excellenz denn doch wohl nicht so in Geduld hinnehmen und ruhig tragen würde; wir können es erleben.

Unmöglich, sagte die Generalin, unmöglich!

Ein böses Lächeln zuckte um Herrn Gleichs zahnlosen Mund. Es kitzelte ihn, daß er doch mehr wußte wie die gnädige Excellenz.

Gar nicht unmöglich, Excellenz, sagte er. Er hat nicht umsonst schon vorher das ganze Archiv durchsucht und über den alten Acten ganze Nächte gesessen und mit dem Herrn Kanzleirath bei verschlossenen Thüren gearbeitet, heute wieder den ganzen Vormittag, und nun soll es richtig gemacht werden – ich vermuthe übermorgen, an seinem Geburtstage.

Unmöglich, rief die Generalin noch einmal, absolut unmöglich! Das würden wir, das würde der Graf niemals dulden, niemals, niemals!

Die Generalin hatte sich während dieser Tage die größte Mühe gegeben, ihrer Tochter und dem Grafen die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit dieses Falles zu beweisen; sie hatte noch in diesem Augenblick erwartet, daß die Reden des alten Kammerdieners darauf hinauslaufen würden, und jetzt war sie doch beinahe so erschrocken, als hätte sie nie vorher daran gedacht.

Excellenz würden nicht so außer sich sein, wenn Excellenz es wirklich für unmöglich hielten, sagte Herr Gleich; und es soll ja wohl jetzt gar nicht mehr so unmöglich sein wie früher, nachdem wir Alle vor dem Gesetz gleich sind; und in den alten Acten steht so Mancherlei, worauf man sich schlimmstenfalls berufen kann, von Präcedenzfällen oder wie es heißen mag, wovon Durchlaucht in letzter Zeit so oft mit dem Herrn Kanzleirath gesprochen haben.

Die Generalin hatte ihre Fassung wiedergewonnen. Hier war keine Zeit, in müßige und noch dazu äußerst unschickliche Klagen auszubrechen. Hier war nur noch Zeit zum Handeln.

Lieber Herr Gleich, sagte sie, ich will offen mit Ihnen sprechen. Die Sache mag sich nun vom rechtlichen Standpunkte verhalten wie sie wolle, geschehen darf sie nimmermehr, und wir würden Denjenigen, welcher im Stande wäre, sie zu hintertreiben, ja uns nur dabei eine wesentliche Hülfe leistete, glänzend belohnen.

Excellenz sind sehr gnädig, sagte Herr Gleich, und ich für mein Theil würde gewiß Excellenz und der jungen Frau Gräfin und dem gnädigen Herrn Grafen von ganzer Seele in dieser Sache dienen, aber Excellenz werden mir zugeben, man müßte doch schon sozusagen etwas haben, was man ihm vor die Augen bringen könnte, was man mit Händen greifen könnte.

Sie haben dergleichen, sagte die Baronin eifrig; gestehen Sie es nur.

Nun denn, sagte Herr Gleich, nachdem er sich scheu nach allen Seiten umgesehen, hier wäre vielleicht etwas für den Anfang; und er nahm aus der Tasche seines Fracks ein kleines, sorgsam zusammengebundenes Packet.

Was ist das? fragte die Generalin.

Ich habe es vor einer Stunde gefunden, sagte Herr Gleich, auf seinem Zimmer, zu dem ich mir von meinem Schwiegersohn den Schlüssel geben ließ, um doch einmal ein wenig nachzusehen – und da fand ich das unter dem Secretär; kann nicht sagen, wie es dahin gekommen.

Es sind Briefe, sagte die Generalin, die das Band abgestreift hatte, von ihr an ihn – ohne Zweifel. Haben Sie sie gelesen?

Nur eben so hineingeschaut, Excellenz.

Und –

Excellenz werden ja selber lesen, sagte Herr Gleich. Und glauben Excellenz Jemand, der Durchlaucht ganz genau kennt: das mit dem Herrn Grafen hat sie nicht schlechter in seinen Augen gemacht; aber die Liebschaft mit dem Doctor, der nicht besser ist als unser Einer, darüber kommt er nicht weg.

Ich danke Ihnen, lieber Herr Gleich, ich danke Ihnen. sagte die Generalin, das Packetchen in die Tasche ihres Kleides gleiten lassend.

So will ich Ezcellenz nicht weiter stören, sagte Herr Gleich, der schon während der letzten Minuten mit der Mütze in der Hand vor der Generalin gestanden hatte und sich jetzt mit einer tiefen Verbeugung entfernte.

Die Generalin blickte der dürren schwarzen Gestalt nach, bis dieselbe hinter den Büschen verschwunden war. Dann zog sie das Packet wieder aus der Tasche. Sie konnte ihre Neugier nicht zügeln, und hier war sie ja so ungestört wie auf ihrem Zimmer.

Es waren Alles in Allem einige zwanzig Blätter, meistens nur Billets aus wenigen Zeilen bestehend. Die zierliche Handschrift machte der Generalin keine Schwierigkeit. Einige Stellen, bei welchen sich die Verfasserin einer fremden Sprache bedient hatte, von der die Generalin vermuthete, daß es Englisch sei, überschlug sie. So dauerte die Lectüre nur kurze Zeit.

Nun, sagte die Generalin, ich hatte mehr vermuthet, wenn das Beste nicht noch in den Zeilen steht, die mir Stephanie übersetzen soll; etwas sehr platonisch oder sehr vorsichtig, aber doch immerhin sehr brauchbar, und ein paar Aeußerungen über ihn sind geradezu hochverrätherisch. Im rechten Augenblick muß es Wirkung thun.

Sie blickte auf ihre Uhr. Noch zwei Stunden bis zum Diner. Ich habe gerade Zeit, zu dem Kanzleirath zu fahren; der Geheimrath soll mich begleiten; wir müssen Gewißheit haben, volle Gewißheit über den wichtigen Punkt; und der Mensch ist dumm genug, daß man Alles aus ihm herausbringen kann, was man will.

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