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Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
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Einundzwanzigstes Kapitel.

So lange ich zurückdenken kann, sagte der Nachtwächter Wenzel, als er mit dem Rathsdiener Müller des Abends um zehn Uhr auf dem Rothebühler Marktplatz am Brunnen stand, so lange ich als vereidigter Nachtwächter zurückdenken kann, und das werden nächsten Martini vierzig Jahre, sind die Mädchen um diese Zeit des Jahres noch nicht so spät Wasser holen gekommen.

Ja, sagte der Rathsdiener Müller, und ich habe die Eimer, die von Anfang Juli bis Ende August nach der Verordnung von anno sechs vor den Hausthüren mit Wasser gefüllt stehen müssen, noch nie so oft leer gefunden als jetzt. Ein Dutzend habe ich schon in Strafe nehmen müssen und wir schreiben heute den dreizehnten Juli; wenn das so fortgeht, werden wir ja wohl bis zum September die offene Revolution haben.

Krieg sollen wir ja so wie so wohl bekommen, sagte der Nachtwächter Wenzel.

Ist nicht so schlimm wie Revolution, sagte der Rathsdiener; ich weiß es noch von Achtundvierzig, und werde mein Leben lang daran denken, als sie ja wohl Alle närrisch waren und unserer Durchlaucht und mir das Leben sauer machten.

Nun, sagte der Nachtwächter Wenzel, sie sind ja auch jetzt wohl wieder eifrig dabei, aber diese Confession macht er ihnen nicht.

Concession, Gevatter Wenzel, sagte der Rathsdiener.

Concession oder Confession, sagte der alte Wenzel ärgerlich, das ist Alles eins. Er heirathet sie, wenn er sich's einmal in den Kopf gesetzt hat. Ich kenne die alte Durchlaucht; na, mich geht's nichts an. Herr du meines Lebens, da schlägt's schon ein Viertel, und ich habe noch nicht Zehn abgeblasen.

Und der würdige Mann stieß in sein großes Horn, daß man es draußen bis in Herrn Körnicke's Fabrik auf der einen und bei Kanzleiraths auf der anderen Seite hören konnte, und ganz gewiß in der Gaststube der Goldenen Henne, wo die Herren beim Biere saßen, und vor Allem in der Laube der Apotheke zum Schwan, wo die Damen noch immer conferirten.

Aber die laute Mahnung fand heute wie die Tage vorher nur taube Ohren, und als der alte Wenzel seine Runde gemacht und nach einer halben Stunde wieder an dem Brunnen anlangte, waren weder in der Goldenen Henne, noch in der Apotheke, noch in einem halben Dutzend anderer Häuser des Marktes die Lichter gelöscht; die Mädchen gingen noch immer ab und zu, Wasser zu holen; und, wahrhaftig, da stand Gevatter Müller in derselben nachdenklichen Stellung, gerade wie vorhin, den einen Arm auf den Brunnenrand gelehnt, und sagte, als Gevatter Wenzel herantrat – gerade als wäre unterdessen kein Wasser aus der Röhre gelaufen:

Glaubt Ihr wirklich, Gevatter, daß er uns diese Concession nicht macht?

In der Wirthsstube der Goldenen Henne aber, deren Fenster der großen Wärme wegen geöffnet waren, sprach Herr Findelmann, das Resultat einer langen Debatte über die Lage der Welt im Allgemeinen und des Fürstenthums Rothebühl im Besonderen zusammenfassend:

Mit einem Worte, ich hätte es an des Königs Stelle nicht gethan; ich hätte dem Napoleon die Concession nicht gemacht. Ich hätte zu dem Prinzen von Hohenzollern gesagt: setz' Dich nur immer auf den Thron, mein Sohn, hätte ich gesagt, und wenn sie Dir was wollen, dann ruf' mich, ich werde es ihnen besorgen.

Und wir hätten Krieg mit Frankreich gehabt, rief Herr Körnicke, und vielleicht mit der halben Welt.

Auch im Kriege giebt es zu verdienen, sagte Herr Zeller.

Der Krieg ist ein Unglück, bei dem schon Mancher sein Glück gemacht hat, sagte Herr Hippe.

Der Krieg ist immer ein Unglück, sagte Herr Körnicke, wenigstens jeder Krieg, der etwas Anderes will, als den Feind von den Grenzen fernhalten; und darin muß ich dem Rochefort Recht geben.

Das ist auch so ein Rother, sagte Herr Findelmann.

Roth oder nicht, sagte Herr Körnicke, recht hat er doch. Wie man den Krieg anfängt, das weiß man zur Noth, aber wie man daraus hervorgeht, das kann kein Mensch wissen. Und darum sag' ich noch einmal: der König hat als ein braver, verständiger Mann gehandelt, wenn er sich nicht gleich auf's hohe Pferd gesetzt, sondern ganz vernünftig mit dem Benedetti gesprochen hat. Und ich denke, die Franzosen werden auch noch Vernunft annehmen.

Die und Vernunft, sagte Herr Findelmann; nein, da lobe ich mir unseren Herrn Grafen, der weiß, wie man mit den Kerls sprechen muß; der hat kurzen Proceß gemacht.

Ja, wohl, sagte der Wirth; 'raus mit dem Kerl, wenn er nicht gehen will!

Ja, das ist ein Herr, der Haare auf den Zähnen hat, sagte Herr Zeller.

Der versteht's, der ist wie der Bismarck, sagte Herr Findelmann.

Ja, ja, der hält das Haus rein, sagte Herr Zeller.

Und der hannöversche Herr Doctor hat sich auch schon aus dem Staube gemacht, sagte der Wirth.

Das sind Privatangelegenheiten, die uns nichts angehen, sagte Herr Körnicke, sich verlegen in dem dichten schwarzen Haar krauend.

Wohl gehen sie uns was an, sagte Herr Findelmann; es kann uns als Preußen nicht gleich sein, ob unsere Durchlaucht uns französisch oder hannoversch machen will.

Oder republikanisch, sagte Herr Zeller ironisch.

Was redet Ihr Alle auf mich ein, rief Herr Körnicke; geht hin und sagt's dem alten Herrn, was Ihr gegen ihn auf dem Herzen habt.

Das werden wir auch, sagte Herr Findelmann.

Am sechszehnten, sagte Herr Zeller, sobald Ihre Frau das schöne Gedicht hergesagt hat.

Nun habe ich's aber satt! rief Herr Körnicke, indem er heftig den Stuhl zurückstieß und aufsprang. Wer hat mir denn in den Ohren gelegen, ich könnte mich nicht ausschließen vom Fest und ich müßte die Sache in die Hand nehmen und die Bürgerdeputation führen und das Ständchen arrangiren und all das? Ich habe mich nicht dazu gedrängt und habe es ungern genug gethan und meiner Frau die Erlaubniß gegeben, Euch zu Gefallen und dem Herrn von Zeisel, der ein braver Herr ist, und der alten Durchlaucht, obgleich ich noch kein Wort mit ihm gesprochen habe und er immer auf die andere Seite sieht, wenn er mir begegnet. Er ist ein alter Mann, habe ich mir gesagt, der nicht mehr viel Geburtstage haben wird, und du bleibst deshalb doch, der du bist. Aber wenn Ihr mir so kommt, mögt Ihr sehen, wie Ihr ohne mich fertig werdet.

Ja, das werden wir sehen, sagte Herr Findelmann.

Wir sind früher immer ohne Sie fertig geworden, sagte Herr Zeller.

Aber meine werthen Freunde! sagte Herr Hippe.

Und übrigens, rief Herr Körnicke, schon an der Thür, das muß ich Euch noch sagen: Undankbar und spottschlecht ist es von Euch, wenn Ihr jetzt Alle so gegen den alten Herrn seid, der Euch zeitlebens nur Gutes gethan und dem Ihr Alle, wie Ihr da sitzt, tausend Dank schuldet und vor dem Ihr tausendmal die Mütze gezogen habt und unsere allergnädigste Durchlaucht hinten und unsere allergnädigste Durchlaucht vorn! Ich würde mir an Eurer Stelle doch erst das neue Wasser ansehen, ehe ich das alte wegschüttete; ich denke, Euch wird mit dem neuen Wasser noch so der Kopf gewaschen werden, daß Euch die Augen übergehen. Und damit Gott befohlen!

Herr Körnicke stürmte zur Gaststube hinaus und warf die Thür hinter sich ins Schloß, daß man es über den stillen Marktplatz bis drüben in der Laube hörte.

Drüben aber in der Thür der Laube stand Frau Körnicke und band sich mit zitternden Händen die Bänder unter dem runden Kinn zu und sagte:

Wenn Ihr so denkt, dürft Ihr gar nicht zu dem Ball gehen; ich zum wenigsten ginge nicht hin. Aber erstens halte ich es für ein leeres Gerede, daß er sie nun wirklich heirathen will, und zweitens fände ich es nur recht und billig und anständig, wenn er sie heirathete; denn diese Ehe zur linken Hand, wie sie's nennen, das ist ja doch nur eine gottlose Erfindung von den vornehmen Herren, und ich meine, jede ehrbare Frau müßte wünschen, daß so etwas gar nicht in einem christlichen Lande existire. Und was man jetzt hier Alles von ihr erzählt, daß sie ein Verhältniß mit dem Franzosen gehabt und dann ein Techtelmechtel mit dem Grafen, und nun gar, daß sie mit dem Doctor heimlich verheirathet sei, das ist ja doch Alles ein elender Klatsch, den wir uns schämen sollten, in den Mund zu nehmen und uns damit lächerlich zu machen. Es müßte noch ganz anders kommen, ehe ich so etwas von einer Dame glaubte, der bisher Niemand etwas hat nachsagen können, als daß sie von Haus aus ein armes Mädchen gewesen ist; und ich für mein Theil bin auch nicht so hoch geboren wie der Storch, und ich meine, keine von uns ist es, und wir sollten deshalb lieber zu Unseresgleichen halten.

Das sind Ihre Ansichten, liebe Körnicke, sagte Frau Findelmann.

Natürlich sind es meine, sagte Frau Körnicke.

Was so ein kleines Gedicht, das man aufsagen soll, nicht Alles macht, sagte Frau Zeller.

Aber meine Damen! sagte Frau Hippe.

Das fehlte noch gerade! sagte Frau Körnicke, ihren Hutbändern einen letzten Ruck gebend. Ich habe schon so viel einstecken müssen wegen des Gedichts, zu dem Ihr mich erst, wie Ihr wohl wißt, lange habt bitten müssen, und ich habe nun genug und die Damen werden ja auch wohl ohne mich fertig werden. Und da kommt mein Mann, mich abzuholen, und ich wünsche Ihnen eine wohlschlafende Nacht.

Endlich! sagte Gevatter Wenzel. Nun werden die Anderen auch wohl gehen; aber das sage ich Euch, Gevatter: es ist gerade wie vor vierzig Jahren, als der Blitz am fünfzehnten Juli in den Thurm schlug und die halbe Stadt abbrannte und am sechszehnten die alte Durchlaucht starb. Die Käuze hatten die ganze Nacht durch geschrien, gerade wie jetzt, und ich sage Euch, es giebt ein Unglück: Revolution oder Krieg, denn ich kenne unsere alte Durchlaucht, der ist wie der hochselige Herr, der machte auch nie nicht eine Confession.

Concession, sagte Gevatter Müller.

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