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Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
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Zwanzigstes Kapitel.

Der Fürst, der vor einer halben Stunde gekommen war, ging mit Herrn von Kesselbusch in dem schattigen Garten der Oberforstmeisterei auf und nieder. Er hatte mit einer Stimme, die von Leidenschaft zitterte und manchmal von Thränen halb erstickt war, lange gesprochen, sein Begleiter gesenkten Hauptes aufmerksam zugehört. Jetzt schwieg er, und der Andere, die noch immer klaren blauen Augen zu dem blassen Gesichte des Fürsten erhebend, sagte:

Durchlaucht –

Ich bitte Dich, nenne mich nicht so; ich bin zu dem alten Freunde gekommen, dem Gespielen meiner Jugend; ich will eine Menschenstimme hören, die Stimme eines Menschen, von dem ich weiß, daß er mich liebt. Denke, wir wären Jeder fünfzig Jahre jünger!

Wenn sich das so denken ließe! erwiederte der alte Mann mit melancholischem Lächeln. Aber wie Durchlaucht – wie Du willst, Erich.

So ist es gut, sagte der Fürst.

Wie Du willst, wiederholte der alte Herr. Ach, wenn ich Dir doch jeden Wunsch so leicht erfüllen könnte! Aber es ist ein eigen Ding mit den Wünschen. Du hast mich oft gescholten, daß ich so gar keine habe, daß Du so wenig für mich zu thun im Stande wärest. Nun, ich will mich nicht rühmen; es ist vielleicht, daß mein Blut von Natur nicht so warm fließt wie das anderer Menschen, oder daß es die Waldluft, in welcher ich geboren und groß geworden bin, so kühl erhalten hat, aber ich habe mich nicht schlecht dabei gestanden. Mag sein, daß ich manche Freude nicht kennen lernte, die Anderen zu Theil wird, aber ich habe auch viele Sorgen nicht erfahren, unter denen ich Andere leiden sah; und so bin ich, der Einsame, in meinem einsamen Walde alt geworden, ohne der verlorenen Jugend auch nur einen Seufzer nachzuschicken, und jetzt seit Jahren ein todtkranker Mann, ohne mich nach dem Tode zu sehnen. Ein solcher Mann ist vielleicht wenig geeignet, Rath zu ertheilen in einer Sache, wie diese, oder man kann im voraus wissen, welcher Art sein Rath sein wird. Er wird predigen, was er immerdar gepredigt hat: fahren zu lassen, was sich nicht halten lassen will; er wird Resignation predigen. Und thäte ich es nicht, würden es nicht meine grauen Haare, meine gebeugte Gestalt viel eindringlicher thun, als meine Stimme es vermöchte? Du sagst, Du kannst nicht von ihr lassen; aber auch nicht, wenn Du bedenkst, daß Du nur läßt, was Dir nie zukam und deshalb nie wirklich gehörte? Du warst zweiundsechszig, als Du sie zu Deiner Gemahlin erhobst, sie sechszehn. Was hat sechszehn mit sechszig zu schaffen? So wenig wie das wache Leben des Tages mit dem Traum der Nacht, und weniger, denn der Traum kann uns durch den Tag begleiten, und der Traum unserer Jugend ist ausgeträumt für immer. Und sage nicht, daß Deine Fürstlichkeit und was damit zusammenhängt, den Unterschied der Jahre in den Augen der Dame aufwiegen mußte. Wäre es der Fall gewesen, so war sie doppelt und dreifach nicht werth, die Gattin Erichs von Roda zu sein. Aber Du sagst ja selbst: sie sei eine zu reine, groß angelegte Natur, um sich durch den Zauber der Macht blenden zu lassen. Nun gut, so folge dieser reinen Natur auch weiter; wolle nicht Ja sagen, wo sie Nein sagt, wo sie – ich muß es aussprechen – gezwungen ist, Nein zu sagen, ist sie wirklich diese reine, groß angelegte Natur. Ja, Erich, es ist nicht anders: die Natur ist gegen Dich. Sie hat kein Kind aus dieser spät geborenen Leidenschaft erblühen lassen.

Ein flammendes Roth zog über des Fürsten bleiches Gesicht.

Du weißt nicht Alles, Gerhard, sagte er.

Dann hast Du mir nicht Alles gesagt, erwiederte der Oberforstmeister.

Nein, nein, rief der Fürst, ich habe Dir nicht Alles gesagt. Ich muß es, denn ich sehe, daß Du mich nicht verstanden hast. Sie ist nie die Meine gewesen, Gerhard, ich habe nie, nie auch nur ihre Hand anders berührt, als ein Vater seiner Tochter Hand berühren würde.

Ich kann es nur preisen und loben, sagte der Oberforstmeister.

Ich verdiene dies Lob nicht, sagte der Fürst Es war mein freier Wille nicht; ich war der Sklave eines Wortes, das ich ihr gegeben, damals, in dem Wahnsinn einer Leidenschaft, die keine Grenzen kannte, in der Hoffnung, daß sie mir, wenn sie meine Liebe begriffen hätte, mein Wort zurückgeben würde – in der Furcht, sie ganz zu verlieren, wenn ich mich mit dem Wenigen nicht begnügte – ach, Gerhard, Du sagst ja selbst, Du habest die Liebe nie gekannt. Du weißt nicht, was ich damals litt, was ich seitdem gelitten habe, was ich leide.

Er warf sich an die Brust des Freundes und schluchzte wie ein Kind. Der Oberforstmeister war tief erschüttert.

Armer Freund; sagte er, steht es so um Dich! Ja, jetzt begreife ich Manches, was ich vordem nicht begreifen konnte. Aber, mein Fürst und Freund, auf die Gefahr hin, Deinen höchsten Unwillen zu erregen – nun bleibe ich erst recht bei dem, was mir die innere Stimme von vornherein sagte. Erich! wie nun, wenn sie wirklich Deine Tochter wäre, eine so stattliche, so schöne, so gute Tochter, würdest Du Dich nicht glücklich preisen müssen? Würdest Du in der Liebe zu einem solchen Kinde nicht eine zweite, schönere Jugend wiederfinden? Und dies von Süßigkeiten übervolle Verhältniß, womit wolltest Du es vertauschen? Mit einem andern, das Dir schon, während Du es nur träumtest, Bitternisse ohne Zahl bereitet hat, und, wenn Du aus diesem Traum eine Wirklichkeit machen könntest, Dir noch schlimmere Bitternisse bereiten würde?

Es ist zu spät, sagte der Fürst. An ein idyllisches Glück, wie Du es schilderst, würde ich, würde sie nie mehr glauben können.

Ich weiß nicht, erwiederte der Oberforstmeister. Es glaubt sich leicht an das, was der Natur gemäß ist. Und ahnt sie wirklich Deine Leidenschaft – sie wird den Vater, den sie in Dir gesucht hat, wiederfinden, wenn Du Dich nur erst selbst wiedergefunden hast, und wird Dir doppelt dankbar sein und Dich mit doppelter Liebe wieder lieben.

Es ist zu spät, wiederholte der Fürst.

Und wäre es zu spät, sagte der Oberforstmeister, so bliebe Dir doch nichts Anderes, so müßtest Du doch lassen, was nicht gehalten sein will. Mein Fürst und Freund, ist es denn wirklich wahr, daß Ihr Hochgeborenen nicht lernen könnt, was wir Anderen doch Alle lernen müssen? Es muß wohl sein, wenn selbst ein so guter, edler Mensch, wie der, den ich in Dir liebe und verehre, es nicht lernen konnte! Aber Du bist besser und weiser, als Du Dich schilderst; ich weiß es, der Dich Dein Leben hindurch beobachtet, der gesehen hat, wie Vielem im Leben Du schon zu entsagen gelernt. Ja, war denn Dein Leben etwas Anderes als eine Kette von Entsagungen? Mit welchen stolzen Plänen hast Du Dich getragen in den schönen Tagen unserer gemeinschaftlichen Jugendzeit! Für die ganze Menschheit schlug Dein Herz; Du wolltest – der Verkünder einer reineren Lehre, deren tiefste Geheimnisse Du erkannt zu haben glaubtest – sie zu einer höheren, edleren Stufe emporheben. Die Menschen sind geblieben, wie sie waren, wie sie ewig sein werden. Wie schlug Dein Herz für Deutschland so warm! Du wolltest aus ihm einen Staat der Freiheit, der Brüderlichkeit, der Gleichheit machen! Wo ist die Freiheit, wo die Brüderlichkeit, wo die Gleichheit? Du hast auf diese Träume verzichtet; Du hast gelernt, unter dem Druck eines Regiments, das just das Gegentheil von Deinen Idealen ist, in aller Stille auf Deine Weise für das Wohl Deiner Unterthanen zu wirken; ja, Du dankst Gott, daß Deine Jahre Dir erlauben, aus der Arena des politischen Kampfes fernzubleiben; sie einem jüngeren Geschlecht zu überlassen, das zusehen mag, wie es mit den Aufgaben des Jahrhunderts fertig wird, die es so leichten Muthes auf die übermüthigen Schultern nimmt. Das Alles hast Du gelernt, Erich, hast im Großen verzichten lernen, und wolltest es nur da nicht, wo es sich um das handelt, was Du Dein eigenes Glück nennst? So hättest Du doch Dich selbst immer mehr geliebt als die Anderen? Das will ich Niemand glauben, der es von Dir sagte, ich will es Dir selbst nicht glauben, wenn Du es sagst. Aber Du wirst es nicht sagen, nicht wahr, Erich, mein Fürst, mein Herr, mein Freund – Du wirst es nicht sagen!

Die Stimme des alten Mannes hatte bei den letzten Worten vor Rührung gezittert und mit zitternden Händen ergriff er jetzt die Hand des Fürsten.

Ich danke Dir, Gerhard, sagte der Fürst, ich danke Dir von Herzen, wenn ich gleich – laß mich jetzt allein, Gerhard, ich muß mit mir allein sein.

Er zog hastig seine Hand zurück. Der Oberforstmeister unterdrückte einen Seufzer, der in seiner Brust aufsteigen wollte, wendete sich und ging. Der Fürst schaute ihm mit düsteren Augen nach.

Worte, Worte! murmelte er. Wie mochte ich auch etwas Anderes von dem guten Menschen erwarten? Wie konnte ich so thöricht sein, zu wähnen, daß er mir helfen könne, daß mir ein Mensch helfen könne – was sage ich, helfen wolle! Es denkt eben Jeder nur an sich, der da an seine Ruhe, und jetzt ist er außer sich, daß ich ihm seine Ruhe gestört habe. Wenn er Alles wüßte – aber ich habe ihn nur schon zu viel wissen lassen. Er hat am Ende Recht, daß er mich für seinesgleichen hält. Bin ich doch, wie er selbst, zum Schwätzer geworden.

Der Fürst warf einen scheuen Blick um sich her; kein Mensch war in dem Gange, in dem Garten zu sehen. Aber es war ihm noch nicht einsam genug. Eine angelehnte Pforte führte unmittelbar in den Wald, auf einen Weg, der sich in einem Bogen durch den Wald bis zu dem Jagdschloß hinaufzog.

Er schritt durch die Pforte in den Wald mit hastigem Schritt, als würde er verfolgt. Plötzlich stand er wieder still! was hatte er nur gewollt? Weshalb hatte er ganz allein sein wollen? Den Brief des Marquis zu lesen, den er nun schon ein dutzendmale gelesen hatte und den er jetzt wiederum so gierig las, als läse er ihn zum erstenmal:

 

»Monseigneur!

Verzeihung, wenn mein allzu empfindsames Herz mich in eine Lage gebracht hat, die mich zwingt, in dieser unschicklichen Eile, zu dieser ungewöhnlichen Stunde Roda zu verlassen, das mir ewig theuer sein wird, ohne Abschied von Ihnen zu gehen, der Sie mir immer als das hellleuchtende Ideal jeder menschlichen und fürstlichen Tugend erscheinen werden. Ach, Monseigneur, bewunderte ich Sie weniger, liebte ich sie minder, so würde mein Herz geschwiegen haben, das laut um Rache schrie, als ich Ihr intimstes Glück bedroht sah, und bedroht von einem Manne, der Ihnen die Liebe ebensowenig gönnt wie die Herrschaft, und die Herrschaft ebensowenig wie das Leben. In der Sicherheit meiner uneigennützigen Liebe, getragen von dem Bewußtsein meiner reinen Absichten, glaubte ich wagen zu dürfen, was ein Verbrechen gewesen sein würde, wenn es zu seiner Ausführung nicht jeder Tugend bedurft hätte. Ich wollte eine Seele, die ich den Lockungen der Liebe nur allzu leicht erliegen sah, durch jene Zauber, die zu lernen wir unsere Jugend opfern, verwirren und betäuben, um, wenn sie, betäubt, verwirrt, dem Zauberer folgen wollte, die Stimme des warnenden Freundes ertönen zu lassen, ihr zuzurufen: sieh, das ist das Ende, dies würde das Ende sein, wenn du jetzt anstatt in die reinen Hände des Freundes, in eines Verführers Arme gefallen wärest!

Monseigneur, ich wiederhole: ein kühnes Unternehmen, ein wahnsinniger Plan, von jener Kühnheit, jenem Wahnsinn, welche immerdar die Genien jeder heroischen Handlung sein werden. Lassen Sie mich kurz sein, Monseigneur. Meine Absicht ist erreicht; jene schöne, aber allzu leidenschaftliche Seele ist gewarnt; sie hat den Zauber empfunden, den Schwindel am Rande des Abgrundes gefühlt; sie wird nicht weiter gehen, sie wird zurückkehren, sie wird jetzt wissen, daß man im Abgrund nicht wohnen kann, daß eine Frau, die tugendhaft bleiben will, nicht den Geliebten, sondern die Liebe, nicht den Versucher, sondern die Versuchung fliehen muß.

Daß der Weg zu diesem Ziele von Gefahren bedeckt war, ich wußte es, Monseigneur. Aber ich wäre der erste Florville gewesen, der sich durch diese Rücksicht hätte abschrecken lassen. Ich spreche nicht von der Gefahr, die ich lief, selbst dem Zauber zu erliegen – ich fühlte, daß die Freundschaft mein Talisman sein würde; ich spreche nicht von der Gefahr, von Ihnen verkannt zu werden – ich wußte, daß der beste der Menschen auch der weiseste ist; am wenigsten würde ich von der verächtlichsten aller Gefahren sprechen, die sich in der Mündung einer Pistole concentrirt, wenn ich schweigen könnte, ohne in einer Situation, die ich ganz klar machen wollte, mehr als eine Dunkelheit zurückzulassen.

Monseigneur, der, gegen welchen ich die wankende Tugend beschützen wollte, indem ich den Zauber, der von ihm ausging, durch einen größeren Zauber besiegte, ist scheinbar zum Vertheidiger der Unschuld geworden. Ich beklage diese Wendung, und würde sie noch mehr beklagen, wenn sie zu vermeiden gewesen wäre und wenn eine solche Täuschung von Dauer sein könnte; das aber ist unmöglich. Wer wird im Ernst glauben, daß jener Mann, der überall sonst Ihr Feind ist, in diesem heiligsten Punkt Ihr Freund sein könne; wer nicht lieber annehmen, daß Sie dem, welchem Sie Ihre Stellung, Ihr Leben, Ihre Ehre anvertrauten, auch Ihre Liebe anvertrauen durften?

Monseigneur, in wenigen Tagen wird ein blendendes Licht die dunkle Situation Europas erhellen und die erstaunte Welt wird endlich begreifen, daß Frankreich immer nur auf der Seite fechten kann, wo die Palladien der Nächstenliebe, der Gerechtigkeit, der Brüderlichkeit sind, daß Frankreich die Verteidigung der Selbstsucht, der Lüge, der Tyrannei stets seinen Feinden überlassen wird.

Monseigneur, das kleine Duell mit der Wahrheit und der Lüge, der Lüge und der Perfidie, dem ich entgegengehe, ist nur ein Vorspiel des großen Kampfes, der hereinbrechen wird, auch darin, daß er endigen wird wie jener. Ich werde diesen armen König von Preußen eines seiner stolzesten Ritter berauben müssen. Es thut mir leid, aber dieser stolze Ritter hat es nicht anders gewollt.

Ich endige, Monseigneur, wie ich angefangen, mit der Versicherung der höchsten Liebe und tiefsten Ehrfurcht, welche für den besten, den gütigsten Fürsten immer empfinden wird sein ganz ergebener

Victor Anatole de Florville.«

 

Der Fürst steckte das zerknitterte Blatt wieder ein und murmelte, indem er weiterschritt: welche Mühe er sich giebt, der arme Junge, zu erklären, was für mich keiner Erklärung bedarf. Weshalb sollte er seine Jugend und Schönheit nicht auf den Markt bringen, wo so begierige Nachfrage nach dieser Waare ist? Und bei Gott! dies hätte ich begreifen können. Ich würde die Zauberkraft von so viel Anmuth und Geist respectirt haben; aber so; entsetzlich, entsetzlich! Und wenn er in wenigen Stunden wußte, wie es hier stand, werden es nicht nächstens die Spatzen von den Dächern pfeifen? Was hat ihn fortgejagt, den armen braven Horst, als eben wieder dieses Gespenst, das durch mein Haus geht, dieses Skelett, das mich aus jeder Ecke angrinst und das ich selbst bin, ja, ich selbst – eine lächerliche Schreckgestalt, welche Alle vertreibt, die mich in besseren Tagen gekannt haben und nicht sehen wollen, daß Erich von Roda so tief sinken konnte.

Und wieder stand er still und blickte scheu um sich her.

Wenn er nun fiele, wenn sie mir schon entgegenkämen mit der Nachricht! Pah! er wird mir die Freude nicht machen, aus dem Leben zu gehen; er weiß recht gut, daß es die einzige wäre, die er mir in seinem Leben machen kann. Dies verruchte Geschlecht ist unausrottbar wie giftiges Unkraut, wie der Schierling dort; ich werde mir den Tod daran trinken.

Und aus ihrer Hand den Giftbecher nehmen zu müssen, aus ihrer Hand! Ja, sie trägt Tod und Leben in ihrer Hand! nicht Leben, nur den Tod! Ich will und kann nicht leben ohne sie; und mit ihr – ich hoffte es gestern noch, heute hoffe ich es nicht mehr, heute ist es unmöglich!

Der unglückliche Mann irrte weiter, den immer steileren Waldweg hinauf, der jetzt in einen Pfad mündete, welcher, den Felsen linker Hand abgewonnen, rechts unter sich ein tief eingeschnittenes Waldthal hatte, in dessen Tiefe ein Bach nach der Roda rauschte. Oben auf der Höhe des Felsens führte der Pfad zum Jagdschlosse, ja vermittelst einer Steintreppe unmittelbar auf einen dreieckigen Altan, der gestern, da er etwas abseits lag, nur von einem Theil der Gesellschaft aufgefunden worden war, die denn allerdings die schauerliche Romantik des Platzes nicht genug hatte rühmen können.

Der Fürst hatte sich, erschöpft von der Anstrengung des Steigens und noch mehr von der in ihm wühlenden Leidenschaft, auf eine der zierlichen Bänke sinken lassen, mit welchen der Altan versehen war, und starrte, den Kopf in die Hand gestützt, über das eiserne Geländer in den Abgrund zu seinen Füßen.

Ja, murmelte er, heute ist es unmöglich, heute kann ich nur noch als ihr Ankläger vor sie hintreten: dies hast du gethan, dies teuflische Verbrechen hast du an mir verübt! Ihr Ankläger und ihr Richter! Aber diese tiefe dunkle Schlucht wäre nicht tief und dunkel genug, sie und die Schande, die sie über mich gebracht, zu begraben, und wenn dieser Wald hier in Feuer aufginge, die Flammen wären nicht machtvoll genug, sie und die Schmach, die sie auf meinen Namen gehäuft, zu vertilgen von dem Angesichte des Himmels! O Schande, o Schmach! – Hedwig!

In der Thür, die von dem Altan in einen der unteren Säle des Schlosses führte, stand sie, in hellem Sommerkleide, den breitgeränderten Strohhut in der Linken. Die Lichter, die durch das dichte Gezweig der mächtigen Platane fielen, welche neben dem Altan aus dem Waldboden aufragte und mit ihrem kühlen Schatten den Platz bedeckte, zitterten über sie hin.

Und verweht, wie die leichten Nebel des Morgens vor dem Anhauch der Frühe, waren die fürchterlichen Gedanken, mit denen sich eben noch der Fürst getragen, vergessen der Haß, der sein pochendes Herz erfüllt, vergessen die Rache, über der er gebrütet, vergessen Alles; seine ganze Seele erfüllt von dieser Gestalt, die ihm die Verkörperung aller Holdseligkeit, aller Schönheit auf Erden war, die anzubeten, vor der sich zu beugen ihn eine Macht zog, gegen die anzukämpfen so unmöglich schien, wie das Auge nicht zu schließen vor den Strahlen der Sonne.

Und mit zur Erde gesenkten Augen, mit wankenden Knieen, bebend stand er vor ihr, seine zuckenden Lippen auf ihre Hände pressend und murmelnd: Vergieb mir, Hedwig, vergieb mir!

Sie geleitete den Fassungslosen zu der Bank zurück, von der er sich bei ihrem Kommen erhoben hatte, und ließ sich an seiner Seite nieder.

Du hast mir mehr zu vergeben, als ich Dir; sagte sie.

Nein, nein, sagte der Fürst, ich bin schuldig, ich allein; ich habe – lies diesen Brief.

Er wollte ihr den Brief des Marquis reichen; Hedwig drängte seine Hand zurück.

Ich bitte um Verzeihung, daß er so zerknittert ist, sagte der Fürst.

Ein schwacher Schimmer seines alten höflichen Lächelns spielte auf seinen bleichen Lippen und rührte Hedwig wider ihren Willen. Sie nahm den Brief, las und sagte, das Blatt zurückgebend: Und was hältst Du davon?

Daß es ein Bubenstück ist, ein verruchtes Bubenstück! rief der Fürst, den Brief zerreißend und die zusammengeballten Stücke über das Geländer schleudernd.

Hast Du es vom ersten Augenblicke an dafür gehalten? fragte Hedwig.

Der Fürst starrte, keiner Antwort mächtig, vor sich nieder. Hedwigs dunkle Augen hafteten fest an dem bleichen Gesicht und mit fester Stimme fuhr sie fort: Du hast es nicht dafür gehalten, konntest es vielleicht nicht. Das Bubenstück hat sich ja nicht vor Deinen Augen abgespielt; auch vor den meinen nur zum Theil. Was ich aber davon weiß, mußt Du zuerst erfahren.

Hedwig berichtete nun in ruhigen klaren Worten, was zwischen ihr und dem Marquis früher und später vorgegangen von der ersten Begegnung vor vier Jahren in Italien bis zu der vor drei Tagen in dem Garten zu Erichsthal. Sie wiederholte jedes Wort, das zwischen ihnen gesprochen, so weit sie sich dessen erinnerte, und ihr Gedächtniß ließ sie kaum bei gleichgiltigen Einzelheiten im Stich. Sie schilderte das Benehmen des Mannes in seinem Gemisch von Galanterie und Phantasterei, das manchmal ihre Verwunderung, öfter ihre Spottlust erregt, bis in der wahnsinnigen Scene gestern Abend auf der Zinne des Thurmes das Unglaubliche geschehen.

Das ist es, sagte sie, was diesen Mann betrifft; ich könnte mich schämen, über einen Narren so viel Worte zu machen, wenn ich es nicht müßte, um durch dieses lächerliche Vorspiel zu einer Tragödie zu kommen, deren beklagenswerthe Personen Du und ich sind, nur daß ich noch vorher von einer dritten Person sprechen muß.

Der Fürst saß da, ohne sich zu regen. Die kühne Sicherheit, mit der Hedwig auf das Ziel losging, um welches er selbst so scheu herumgeschlichen war und das er jetzt in unerreichbare Ferne gerückt wünschte, raubte ihm den Athem.

Von einer dritten Person, sagte Hedwig. Du weißt, daß ich Graf Heinrich meine; auch von ihm habe ich eine Geschichte zu erzählen, die freilich wesentlich anders lautet, als diese erste; eine Geschichte, die auch gar nicht lächerlich ist, denn sie hat mich sehr viel Thränen gekostet, und die Dir nicht früher erzählt zu haben eben jenes Unglück ist, dessen ich mich vorhin gegen Dich schuldig bekannte.

Halt ein! rief der Fürst. Ich will, ich kann nichts weiter hören.

Du mußt, sagte Hedwig, ich kann Dir diese Qual nicht ersparen, die im Grunde doch nur eine Wohlthat ist. Die Wahrheit ist allewege eine Wohlthat.

Ich habe Dir damals gesagt, daß mein Herz todtkrank war von einer unglücklichen Liebe; ich habe Dir nicht gesagt, wer der Mann gewesen, der mich so grenzenlos unglücklich gemacht. Ich mußte annehmen, daß Du, der Du mich nicht fragtest, ebenso dachtest wie ich und es Dir genügte, zu wissen, daß ich unglücklich war; daß ich bei Dir eine Zuflucht suchte aus einer Welt, die mir wie ein offenes Grab erschien; daß ich, was noch von freundlicher Gesinnung, von dem Bedürfniß, wohlzuthun, von der Leidenschaft, zu helfen, zu trösten, in mir lebte, Dir widmen wolle, dem zartsinnigen Freunde; Dir und den vielen Deinen, die zu dem gütigsten Herrn, als zu ihrem Schutz und Schirm auf Erden, gläubig aufblickten; und daß ich hoffte, in dieser schönen herrlichen Aufgabe die Ruhe meines Herzens, den Frieden meiner Seele wiederzufinden.

Und ich schwur Dir in jener feierlichen Stunde, daß ich Dich nun und immerdar lieben wolle mit einer Tochter reiner Liebe. Ich habe Dir viel zu danken für die überschwängliche Güte, mit der Du Deine Tochter überhäuft, für all das Schöne, Herrliche, mit dem Du sie beschenkt hast, und von dem ihr nichts schöner und herrlicher däuchte als das Vertrauen, das Du ihr entgegenbrachtest, als Du sie nach und nach an Deinen Arbeiten Theil nehmen ließest, in Deine Sorgen einweihtest – Du allezeit für das Wohl der Deinen zärtlich Besorgter!

Und wenn ich mich nun in dieser Stellung, die mich himmelhoch hinweghob über das Elend meiner Jugend, die mir von Tausenden und aber Tausenden wohl mit Recht beneidet werden mußte, von Anfang an und im Anfang am wenigsten glücklich fühlte, wenn ich Dir keine gute Tochter war – Undankbarkeit war es nicht, wahrhaftig nicht. Ich bin Dir stets von Herzen dankbar gewesen, so weit mein Herz für Dankbarkeit empfänglich ist, und werde Dir ewig dankbar sein.

Auch der Schmerz der Wunde war es nicht, an der mein Herz noch blutete – ich hatte mir geschworen, daß diese Wunde heilen müsse, und ich wußte, daß sie heilen werde – nein, dies Alles war es nicht; es war die Ungenügsamkeit meines Herzens, die Ueberschwänglichkeit meiner Phantasie, der ungebändigte Thatendrang meiner Seele, der immerdar in's Grenzenlose schweifte. Ich habe Dir viel Kummer damit bereitet, mein armer Freund. Dich verlangte nach Ruhe, ich brachte Dir die Unruhe; Du sehntest Dich nach der Muße, die dem Denker, dem Gelehrten, dem Kunstfreunde Bedürfniß ist – ich regte Dich zu dieser, zu jener praktischen Unternehmung an und machte Dir einen Vorwurf, wenn so Manches nicht gedieh, das vielleicht nicht gedeihen konnte.

Halt ein! rief der Fürst. Ich kann es nicht hören, daß Du Dich selbst so lästerst. Die Unglücklichen, deren Thränen Du getrocknet, die Kranken, denen Du die heiße Stirn gekühlt, die Armen, in deren Hütten Du Brod und Arbeit gebracht – sie zeugen gegen Dich.

Sie zeugen nur dafür, erwiederte Hedwig, daß der Einzelne überall nicht viel vermag im Guten wie im Bösen. Und diese Einsicht, zu der ich denn doch bald gelangte, hat die Ruhelosigkeit, mit der ich mich und Dich plagte, wohl gemindert, aber die Qual des Unbefriedigtseins, unter der ich litt und Dich mitleiden machte, nur vergrößert. Aufgewachsen, wie ich war, in der sklavischen Abhängigkeit von einer verarmten adeligen Familie, die mir mit ihrem Stolz, der so übermüthig sein kann, ihren großen Ansprüchen, die sich so trefflich mit engster Engherzigkeit vertragen, ihrer Vornehmthuerei, die so emsig nach Pfennigen rechnet, der wahre Typ des preußischen Junkerthums schien, hatte ich den Haß, den ich gegen diese Familie und ihre Untugenden eingesogen, auf das ganze Preußen übertragen, und fand es im Anfang herrlich, daß hier alle Welt, Deinem Beispiel folgend, nicht anders über Preußen und preußisches Wesen dachte; ja, die seltsame Uebereinstimmung der Empfindungen des Mädchens aus dem Volk und des hochgeborenen Fürsten in diesem Punkte war es vielleicht vor Allem gewesen, was mich so sehr zu Dir und, ich glaube, auch Dich zu mir zog. Nun aber, je länger ich unsere Verhältnisse hier studirte, um so deutlicher wurden mir die Widersprüche, die sich aus unserer Lage ergaben: die Unzulänglichkeit der Mittel, mit denen wir so Großes zu leisten gedachten, die Unmöglichkeit in einer Zeit, wo Alles in's Ganze und Große strebt, Volkswirthschaft und Politik auf eigene Hand treiben zu wollen. Diese Einsicht, sage ich, war ebenfalls die Quelle von Bitternissen für uns Beide, eine Quelle, die deshalb nicht weniger reichlich floß, weil wir sie scheinbar unbeachtet unter unseren Füßen hinsickern ließen.

Und um diese Zeit war es auch, wo ich anfing, anders über ihn zu denken, der mich so grausam betrogen. Vielleicht war diese Grausamkeit nicht so groß, vielleicht war dieser Betrug nicht so unverzeihlich gewesen, vielleicht hatte er den Verhältnissen, von denen ich bis dahin so klein gedacht und deren fürchterliche Kraft ich jetzt zu ahnen begann, nur einfach Rechnung getragen; vielleicht hatte er von seinem Standpunkt: dem Standpunkt des armen, adeligen, ehrgeizigen Officiers nicht anders handeln können; hatte er eine Jugendleidenschaft opfern müssen, die ihn in den Augen der Welt lächerlich, in der Armee unmöglich machte, ihn in der Gesellschaft, bei Hofe unrettbar compromittirte; hatte er eine Verbindung eingehen müssen, die in jeder äußeren Beziehung schicklich war und die man überdies allseitig von ihm erwartete. Ich sagte, ich fing an, anders über ihn zu denken; ich hätte sagen sollen: ich fing an, über ihn zu denken, das heißt, ich hörte auf, ihn zu hassen, wie ich ihn bis dahin gehaßt hatte, mit der ganzen Energie meines leidenschaftlichen jungen Herzens; ich suchte ihn zu verstehen, seine Handlungsweise zu begreifen.

Das Resultat dieses Nachdenkens war kein glänzendes für ihn, aber aus dem Haß wurde doch auch keine Verachtung; man kann nicht leicht Jemand verachten, dem man, wie man auch sonst über ihn denkt, einräumen muß, daß er weiß, was er will, und daß er die Kraft hat, seinem Willen Geltung zu verschaffen.

Ich konnte es gerade jetzt um so weniger, als ich vor meinen Augen das Bild eines Mannes hatte, der, wahrhaft überreich ausgestattet mit allen Gaben des Geistes und Gemüths, ja auch der körperlichen Anmuth und Schönheit, nur dieser einzigen Gabe des festen energischen Willens zu entbehren schien und dadurch in meinen Augen sich um den besten Theil seines Werthes brachte. Du weißt, daß ich von Doctor Horst sprechen will.

Es wäre ganz müßig, noch in diesem Augenblicke darüber zu grübeln, ob ich ihn hätte lieben können, wäre er mir begegnet zu einer Zeit, wo mein Herz noch nicht sein bestes Blut in einer großen unglücklichen Leidenschaft verströmt hatte. Es kann sein; glaubte ich doch selbst jetzt noch mehr als einmal ihn zu lieben, aber ich zweifelte stets, daß es ein Glück für ihn und mich gewesen wäre. Seine Weichheit würde meine Härte zu unleidlicher Starrheit getrieben, seine Unschlüssigkeit meinen freien Muth zu unweiblicher Waghalsigkeit gereizt haben. Wenn ich in dem Grafen den Typ des ehrgeizigen, wie Stahl biegsamen und zugleich spröden preußischen Junkerthums zu erkennen glaubte, so sah ich in Horst das Bild des deutschen Bürgerthums mit seiner Ueberfülle von Geist und Wissen, von Talenten aller Art, von Fleiß, Ehrbarkeit – köstlichen Eigenschaften, denen doch der rechte Lohn nicht wird und werden kann, da der angeborene und anerzogene Sinn des opferfrohen Duldens, des resignirten Tragens, des zuwartenden Gewährenlassens wohl den Acker bestellen und die Saat sähen, aber nicht die Ernte mit kräftiger Sichel schneiden und in die eigenen Scheuern bringen kann; ein Bild, das anzieht und rührt, aber auch eben so oft abstößt und unseren Zorn erregt.

Ueber diese gemischten Empfindungen bin ich Horst gegenüber früher nicht hinausgekommen, und heute, wo er uns nun wirklich verlassen, zürne ich ihm wieder, und möchte auch wieder weinen, wenn ich denke, was ihn der abschiedlose Abschied gekostet haben muß, was er mich noch kosten wird.

Ich ermüde Dich, mein Freund, mit meinen Bekenntnissen und darf sie Dir doch nicht ersparen, wollen wir in einer Stunde nachholen, was wir jahrelang versäumt haben. Und wie könnte das, was jetzt geschehen ist, klar werden, wenn wir nicht endlich einmal zusammenrechneten, was geschah; wie könnten wir vor Allem uns darüber einigen, was nun geschehen muß!

Was aber geschehen ist, kann ich mit wenigen Worten sagen. Als Du mit einer Hartnäckigkeit, die mir lange unbegreiflich war, auf diesen Besuch bestandest, wäre es vielleicht meine Pflicht gewesen, den Schleier zu heben, der für Dich einen so wichtigen Theil meiner Vergangenheit bedeckte; aber diese Vergangenheit schien mir ein Grab, welches sich von selbst nicht wieder öffnen konnte, und daß ich selbst es nicht wieder öffnen würde, dessen war ich gewiß; von ihm aber – von Graf Heinrich – glaubte ich diesen Widerwillen gegen Erinnerungen, die doch auch für ihn nicht erfreulich sein konnten, voraussetzen zu dürfen.

In diesem letzten Punkte hatte ich mich geirrt. Ich will nicht entscheiden, ob, was ihn zu mir zog, der Wunsch war, wieder gut zu machen, was nicht wieder gut zu machen ist, oder ob er nur dem Antrieb seiner Natur folgte, die ihn, wie das Raubthier, immerdar nach Beute jagen läßt, und wäre es nur, um zu jagen; vielleicht war es Beides, ich weiß es nicht; desto besser weiß ich, wie es um mich selbst stand, und davon muß ich jetzt reden.

Vielleicht kann einer Frau nichts Härteres zugemuthet werden, als den Mann, der sie verlassen, der sie auf Jahre hinaus unglücklich gemacht hat, an der Seite Derjenigen wiederzusehen, welcher sie geopfert wurde, mit welcher er sich für das Leben verbunden hat. Für die Verlassene liegt in dem bloßen Anblick der Bevorzugten ein schneidendes Urtheil, das auch ein demüthiger Sinn selten gerecht finden wird, und eine höhnende Herausforderung, die nicht zu beantworten einer leidenschaftlichen Natur fast unmöglich ist. In meinem Falle war, was mir zugemuthet wurde, doppelt hart.

Ich kannte Stephanie so gut, wie überhaupt, glaube ich, ein Mensch einen andern kennen kann; war ich doch von frühester Jugend auf mit ihr zusammen gewesen, hatte so unsäglich viel durch sie gelitten! Und dieses Wesen, bei dem jede anmuthige und zierliche Gabe der Natur durch eine frivole Eitelkeit getrübt ist – sie war seine Gefährtin, die Gefährtin eines Mannes, von dem ich jetzt weit stärker als damals den Eindruck einer Kraft empfing, die, wenn ihr nur das rechte Feld der Bethätigung geboten wurde, das Bedeutendste leisten mußte, eines Mannes, der an der Seite einer hochsinnigen Frau, die der Leidenschaftliche leidenschaftlich lieben durfte, sein stolzes Wort: Allzeit voran! zur Wahrheit gemacht hätte, nicht, wie jetzt, in dem engen und selbstischen Sinn seiner Parteigenossen, sondern in dem großen und edlen Sinn des Patrioten, der über seine Partei hinaus ein Vaterland hat.

Und wenn Du mich nun fragst, jetzt noch fragst, was Deine düsteren Blicke mich alle diese Tage gefragt haben, ob die alte Leidenschaft von neuem in mir erwachte, ob ich den Grafen liebe, nicht wie ich ihn damals liebte, aber dennoch liebe – ich hätte Alles, was ich gesagt, vergeblich gesagt. Aber Du wirst es nicht fragen; Du wirst Dir selber sagen, daß, wer, wie ich, so ruhig, leidenschaftslos über seine Empfindungen sprechen kann, nicht die widerstandslose Beute dieser Empfindungen ist, und Du kennst mich hinreichend, um zu wissen, daß von allem Unerträglichen der Zwang, den man auf mich auszuüben sucht, das Unerträglichste ist.

Nein, mein Freund, ich liebe den Grafen nicht. Sein Weg und mein Weg haben sich hier und jetzt zum letztenmale gekreuzt, um für alle Zukunft weit und weiter auseinander zu gehen.

Daß sich aber unsere Wege hier kreuzen mußten – Du wirst mir zugeben: dies und Alles, was daraus gefolgt ist und folgen wird – es ist in keinem Sinne meine Schuld. Ich habe den Grafen nicht hieher eingeladen, ich habe ihm nicht den Marquis zur Gesellschaft gegeben, habe dem Zufall nicht gebieten können, der ganz offenbar gestern den Grafen zum Zeugen – und welch' einem Zeugen! – der Scene auf dem Thurme machte und ihm den Vorwand gab, den Vorwand zu dieser Comödie, für deren Heldin ich ihm gerade gut genug war! ich!

Nein, wende Dich nicht ab von mir und decke die Hand nicht über die Augen. Wir können uns nicht immer verblenden, wir sehen ja doch, wie es mit uns, um uns steht. Ich sehe es wenigstens so deutlich, wie die Lichter und Schatten, die hier zu unseren Füßen durcheinander zittern. Ich kann die Sonne nicht wegleugnen, die droben über uns scheint, ich kann die Wahrheit, die meine Seele erhellt, nicht Lügen strafen.

Ich bin Dir nicht, was Du wünschest, daß ich Dir sei, was Du glaubst, daß ich Dir sein könne, und so ist selbst die Freude an dem, was ich Dir wirklich bin, auf ein Geringstes beschränkt, und was übrig bleibt, ist eitel Qual, in welcher Du Dein schönes Selbst zerrüttest und die Dich, wird sie nicht von Dir genommen, nothwendig ganz zerstören muß.

Denn anders ist es nicht. Deine jetzige unselige Lage ist nur eine Folge der unseligen Stimmung, welche unser segenloser Bund nach und nach in Dir bis zum Uebermaß genährt hat. Von dieser Stimmung hast Du Dich leiten lassen, als Du diese Menschen, die Du jahrelang gemieden, hieher beschiedest; ihr bist Du gefolgt, als Du Dir ein Interesse an der Tagespolitik aufzwangst, die Dir früher so fern gelegen hat; als Du Dich in einen Haß gegen Preußen hineinwühltest, der alle Grenzen überspringt, in eine Liebe zum Erbfeinde, vor der das Vaterlandsgefühl erröthet; als Du das Gebot der Klugheit ebenso wie das Gesetz des Patriotismus so weit vergessen konntest, um Dich, Deine hohe Stellung in der Welt, Deine reine Ehre einem Charlatan wie diesem Marquis anzuvertrauen, und die leise Mahnung Deines Gewissens ebenso mißachtetest, wie den muthigen Vorwurf des Freundes, und nun erleben und dulden mußt, daß der Mann, den du haßt, jetzt vor Dich hintreten und auch nur mit einem Anschein von Wahrheit sagen darf: ich habe Dich aus einer so großen Gefahr befreit.

Aber Dich wahrhaft freimachen, das kann jener Mann nicht, das kann einzig und allein ich.

Ich kann es und will es.

Ich kann und will Dich von dem Alp erlösen, der auf Deinem schönen Leben lastet, Dich von der Kette befreien, die Deine edlen Glieder blutig drückt; ich will und kann und muß Dich von mir selbst befreien und erlösen.

Das war es, sagte der Fürst mit dumpfer Stimme.

Das war es und das ist's, erwiederte Hedwig, und anders kann es nicht sein. Unser Verhältniß war vielleicht von vornherein eine Unmöglichkeit, jedenfalls ist es das jetzt. Der trügerische Schatz, den wir heben wollten, muß in dem Augenblicke versinken, wo das erste Wort gesprochen wird. Ich habe es gesprochen – und er ist versunken.

Und wäre er es bis zum Mittelpunkt der Erde, rief der Fürst aufspringend, er muß, er soll wieder an das Licht! Hedwig, bei Allem, was Dir heilig ist, beschwöre ich Dich, wende Dich nicht von mir, zieh' Deine Hand nicht von mir; Du giebst mich nicht dem Leben wieder, wie Du sagst, Du nimmst mir das Leben, Du giebst mich dem Tode!

Die Lüge ist der Tod, nicht die Wahrheit, erwiederte Hedwig; die Lüge hat uns krank, todtkrank gemacht, in der Wahrheit werden wir wieder gesunden.

So sei es Wahrheit, rief der Fürst, vor uns, vor den Menschen, vor Gott, was bis dahin Lüge war. Ja Hedwig, es war Lüge, was ich Dir damals schwur, denn ich liebte Dich, sobald ich Dich erblickte, wie nur je ein Weib geliebt ist. Aber, Hedwig, jene erste Lüge ist auch die letzte gewesen, denn alles Andere ist nur eine Folge dieser ersten und letzten. Und wäre sie wirklich so ganz unverzeihlich? Bedenke, Hedwig, wie das Alles über mich kam, den wilden Wassern gleich, die ein Gewitter von den Bergen sendet, urplötzlich, urgewaltig, unwiderstehlich! Wie hätte ich da Zeit gehabt, Alles zu bedenken, an etwas Anderes zu denken, als wie ich Dich mir gewinnen könnte; etwas Anderes zu fürchten, als daß ich Dich ganz verlieren würde? Ich hörte aus Deinem Munde, daß Dein Herz an einer unglücklichen Liebe verblutete, daß Du der Verzweiflung nahe warst. Sollte ich der Unglücklichen, verzweifelten von Liebe sprechen? Und doch, Hedwig, hätte ich es gethan, – Du sagtest ja selbst damals, es sind nicht die Jahre, die uns trennen – wer weiß, ob all dies Leid uns nicht wäre erspart worden! Denn nun freilich mußte jener ersten Lüge die zweite und die tausendste folgen; nun freilich mußte unser ganzes Leben eine Lüge sein. Und alles Andere ist so Folge jenes Ersten, daß es eben, wie jenes Erste, immer nur gethan wurde in der Hoffnung, Dich zu gewinnen, in der Furcht, Dich zu verlieren. Prüfe mein ganzes Leben seit jener Zeit, jede meiner Handlungen, jedes meiner Worte, ob Du es anders findest.

Du hattest mir nicht gesagt und ich hatte Dich nicht gefragt, wer der Mann war, den Du liebtest; ich hatte keine Ahnung davon, es könne der Graf sein; aber ich wußte, daß Du diese Familie, die Dir Dein junges Leben zur Qual gemacht, haßtest, verabscheutest, verachtetest; ich dachte nicht anders, als daß Jener in diesem Haß einbegriffen sei, und ich, der ich jene Menschen wahrlich nie geliebt hatte, haßte sie doch erst eigentlich von diesem Augenblicke. Dein Haß war mein Haß!

Du weißt, wie Preußen an den Fürsten von Roda früher und später gehandelt hat, Du weißt, wie ich als meines Vaters Sohn gegen Preußen gesinnt sein mußte. Aber was ich je von heimlichem Groll gegen Preußen empfunden – es war eine milde Regung im Vergleich zu dem Zorn, der mich jetzt erfaßte, seitdem ich Dich auf meiner Seite sah, und sah, wie Dein dunkles Auge Flammen sprühte, und hörte, wie Dein beredter Mund in zornige Anklagen sich ergoß, sobald wir auf Preußen zu sprechen kamen. Dein Haß war mein Haß!

Und wie in diesen Fällen, so war es immer und überall. Meine Seele war unter Deinem Einfluß wie das Instrument unter des Künstlers Hand, wie die Erde unter dem Himmel, die jeden Sonnenstrahl freudig empfängt, und auf die jede Wolke ihre dunklen Schatten wirft. Ach, Hedwig, es fiel so mancher dunkle Schatten auf Deine arme Erde und die geliebte Sonne verhüllte sich mehr und mehr. Hedwig, was ich darunter gelitten habe – ich will, ich kann es Dir nicht sagen. Es würde wie eine Anklage klingen und soll doch keine sein; es würde wie ein Verzweiflungsschrei klingen, Dein Mitleid zu erwecken, und das will ich nicht; arm, wie ich bin, grenzenlos arm und verlassen ohne Deine Liebe – von Deinem Mitleid könnte und wollte ich nicht leben.

Das habe ich mir unzähligemale gesagt, und wenn ich so in der tiefsten Nacht der Verzweiflung umherirrte, dann reichte ein Lächeln Deines Auges, ein gütiges Wort aus Deinem Munde hin, mich wieder hoffen zu machen, es könne noch Alles gut werden, wie – so sagte ich mir in jenen hoffnungsfrohen Augenblicken – doch schon so Manches gut war.

Ja, Hedwig, jene erste Lüge mußte doch wohl keine sein, die vor den Augen des Allwissenden nun und nimmer Gnade findet; wie hätte sie sonst Gnade finden können vor den Menschen, wie hätte aus unserem Bund, wäre er eine ganz segenlose, unheilige Lüge gewesen, für so viel Menschen Heil und Segen entspringen können? Hedwig, es steht geschrieben: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Du hast sie bisher mißachtet, diese Früchte – unsere Armen und Elenden wissen es besser. Wie oft, Hedwig, habe ich sie sagen hören: Gottes Segen über sie, die uns Licht und Leben ist, die uns dem Leben wiedergegeben hat! Hedwig, die Stimme dieser Armen wird Deine Stimme übertönen vor dem Ohr des Richters da droben, und hier auf Erden wirst Du diese Stimme hören, wohin Du Dich wendest und sie wird Dir sagen: Du durftest ihn nicht verlassen, denn Du durftest uns nicht verlassen!

Und, Hedwig, so sprach es auch immerdar in mir: es kann ja nicht sein, sie kann dich nicht verlassen, denn sie kann diese hier nicht verlassen.

Aber würdest Du sie nicht verlassen müssen in der Stunde, da ich die Augen schloß? Die Stunde konnte fern, sie konnte nahe sein: einmal mußte sie kommen. Aber, ob früher oder später, sie raubte den Armen ihren Trost, ihre Zuflucht, vernichtete die schöne Saat, die Du gesäet, wie ein eisiger Hauch des Nachwinters die Keime des Frühlings.

Eine grenzenlose Angst ergriff mich, Hedwig, wenn ich das dachte – nicht für mich, ich schwöre es Dir bei meiner Ehre, nur für Dich, die Du dann erst wissen würdest, was Du werth warst.

Du wußtest es nicht; Du mußtest es lernen, ehe es zu spät. Ich sah nur ein Mittel: wenn Du die mit leiblichen Augen sehen würdest, die nach mir, nach Dir hier schalten und walten sollten und Dir sagen mußtest: dieser hochmüthige Mann, der kein Herz hat für das Wohl und Weh seiner Mitmenschen, der nie darüber nachgedacht hat, wie dieses Wohl zu vermehren, dieses Weh zu vermindern ist, ja, der sie kaum für seine Mitmenschen und ganz gewiß nicht für Seinesgleichen hält; der den jungen Burschen, welcher den Pflug durch die Scholle drängt, nur daraufhin ansieht, ob er ein brauchbarer Soldat sein wird oder nicht, der an der jungen Dirne, welche mit der schweren Last auf dem Haupte bergan schreitet, nicht die Kraft und den emsigen Fleiß, sondern nur die üppigen Formen bewundert: – er, er soll hier Herr sein! Diese eitle Stephanie, die nie den Fuß in eines Armen Hütte gesetzt hat, die nie an einem Krankenbette gewacht, die nie ein gebrochenes Auge zugedrückt hat, die Armuth, Krankheit, Tod für eine Beleidigung ihrer aristokratischen Nerven hält, die den Schweiß von hundert Arbeitstagen für den ersten besten frivolen Einfall, für das erste beste, eitle Gelüst gedankenlos hingeben würde: – sie, sie soll hier Herrin sein! Und die Kinder dieser Menschen sollen wieder Herren sein nach ihnen und so soll dies verruchte Geschlecht Herr bleiben immerdar! Hedwig, ich meinte, ein Schauder müßte Dich ergreifen vor diesem Bilde, wenn Du es sähest in seiner ganzen nackten Häßlichkeit; und wenn dieser Schauder Dich ganz ergriffen, dann wollte ich vor Dich hintreten, wollte mich Dir zu Füßen werfen, wie ich jetzt zu Deinen Füßen liege, und zu Dir sprechen: Hedwig, laß uns der Lügenschlange kühn den Kopf zertreten, laß uns der Wahrheit die Ehre geben, sei Du meine Herrin, meine Fürstin, sei Du mein Weib vor Gott und vor den Menschen!

Um Gotteswillen, steh auf! schrie Hedwig, indem sie selbst von der Bank, auf welcher sie gesessen, sich rasch erhob und den Knieenden mit sich emporzog.

Sie standen sich Beide gegenüber, Beide zitternd, sprachlos. Endlich sagte Hedwig mit tonloser Stimme:

Erich von Roda hat mir geschworen bei seiner fürstlichen Ehre, daß er mich nie zum Weib begehren wolle. Ich habe ihm ersparen wollen, daß er sein Wort brach, indem ich ihm das seine zurückgab und alle Schuld auf mich nahm. Es ist vergeblich gewesen.

Sie that ein paar rasche Schritte, dann wandte sie sich wieder um und, langsam zu dem Fürsten, der regungslos auf derselben Stelle stand, zurückkehrend und seine Hand ergreifend, sagte sie:

Erich, mein Freund, laß uns nicht so von einander gehen, nicht so; in dieser furchtbaren Aufregung, in diesem Sturm durcheinander wühlender Gedanken und Empfindungen, mit Groll im Herzen und trüben lieblosen Worten auf den Lippen. Laß uns unser Haupt beugen vor dem Schicksal; es muß ja schließlich Jeder, der Hohe, wie der Niedriggeborene; aber wie wir es thun, das steht bei uns und entscheidet über unseren Werth. Laß uns einander werth sein und bleiben.

Der Fürst starrte sie mit wirren Blicken an.

Wie schön dies Alles klingt! sagte er; wie Musik der Engel, und ist doch Alles Lug und Trug.

Erich!

Ja, Lug und Trug! rief der Fürst. Wer ist denn hier von uns Beiden, der der Wahrheit die Ehre giebt, ich oder Du! Ich habe Dir mein ganzes Herz enthüllt, warum sagst Du nicht, wie Dir's um's Herz ist? Warum nicht, daß Du glücklich bist, nun endlich den Vorwand zu haben, nach welchem Du so lange gesucht!

Erich!

Ja, presse nur die Hände auf Dein Herz! Du wirst es fürder doch nicht vor mir verbergen können. Ich kenne es jetzt, sein rührendes Geheimniß!

Erich!

Dies das Ende! Dies! Hören zu müssen, daß der Mann, der mir Licht und Luft raubt, der mich Schritt vor Schritt aus dem Leben drängt, mein schlimmster Feind, den ich hasse, wie ich noch Niemanden und nichts auf Erden gehaßt habe, derselbe ist, an den sie ihr Herz gehängt, damals, jetzt und immer – ihr Held, ihr Ritter, ihr Gott! Und das wagt sie mir zu sagen, mir in's Angesicht! Unerhört, schamlos, entsetzlich!

Zu viel, murmelte Hedwig, zu viel! Und dann, sich zusammenraffend, sagte sie mit einer Stimme, in welcher durch ihren Unwillen die Rührung hindurchklang: Ich wollte so nicht scheiden.

Ja, scheiden, rief der Fürst: es ist Dein letztes Wort, wie es Dein erster Gedanke war.

So sei es denn mein letztes, sagte Hedwig.

Hedwig! schrie der Fürst, und noch einmal in angstvollem und fast kreischendem Ton: Hedwig!

Und als sie, wider ihren Willen fast, ihren Kopf wendete, sah sie ihn, wie er, mit der rechten Hand den obersten Stab des Gitters fassend, den einen Fuß auf die Bank gesetzt, den Oberkörper vornübergebeugt, einem Rasenden gleich da stand.

Wenn Du so von mir gehst, Hedwig, bei Gott, dem Allmächtigen, im nächsten Augenblicke liege ich zerschmettert dort unten!

Hedwig wußte, daß nicht das niedere Gitter, daß nur das Wort, das er von ihr erwartete, ihn von dem Abgrund trennte. Auf diese Weise sie zu zwingen, Ja zu sagen, wo Alles in ihr Nein sprach – es war unedel, es dünkte ihr verächtlich, und mit düsteren Augen und grollender Stimme fragte sie:

Was verlangst Du von mir?

Aufschub, keuchte der Fürst, für wenige Tage, für wenige Stunden, gleichviel; ich kann Dich nicht so verlieren, ich kann es nicht.

Auch wenn Du hältst, was sich nicht halten lassen will?

Es waren dieselben Worte fast, aus ihrem Munde, die er vor wenigen Minuten aus dem Munde des alten treuen Freundes gehört. Wäre er ihm gefolgt! Hätte er entsagt, als es Zeit war, entsagt, bevor er seine fürstliche Ehre auf eines Messers Schneide stellte, wo ihm nur die Wahl blieb zwischen dem Tod und dem Wortbruch.

Das zuckte blitzschnell durch sein Gehirn; er konnte den Ausweg nicht finden aus dem Labyrinth, in das er sich verirrt.

Da kam der Diener, den Hedwig vorhin nach dem Fürsten ausgeschickt, zurück, um zu sagen, daß Durchlaucht die Oberförsterei verlassen habe und nirgends zu finden sei.

Der Diener war ein alter umständlicher Mann, der seine Botschaft ausrichten zu müssen glaubte, trotzdem die Gegenwart dessen, den er gesucht, dieselbe unnöthig machte; und dann ließ Herr von Zeisel noch gehorsamst vermelden, daß er in Abwesenheit von Durchlaucht und der gnädigen Frau selbst nach der Station zu fahren gedenke, um Ezcellenz die Frau Generalin abzuholen, wenn Durchlaucht nicht anders – Es ist gut, sagte der Fürst.

Und dann sei hier ein Brief, den vor einer halben Stunde der Herr Graf durch einen expressen Boten auf das Schloß gesendet und den der Herr von Zeisel geglaubt habe, gleich weiter befördern zu müssen, weil vielleicht eine Antwort nothwendig sei.

Du kannst dort im Saale warten, sagte der Fürst.

Der alte Mann verbeugte sich und zog sich in den Saal zurück, wo er sich so aufstellte, daß ihn ein Wink des Herrn sofort herbeirufen konnte.

Mit Deiner Erlaubniß, sagte der Fürst.

Er öffnete den Brief des Grafen und reichte das Blatt, nachdem er es gelesen, an Hedwig. Ich bitte Dich, sagte er, der Inhalt betrifft Dich so gut wie mich.

Hedwig nahm den Brief und las:

 

»Durchlaucht!

Der Herr Marquis de Florville hat die Unvorsichtigkeit gehabt, die gnädige Frau, Ihre Gemahlin, zum Gegenstand seiner Galanterien zu machen. Ich habe den Herrn Marquis deshalb zur Rechenschaft ziehen zu müssen geglaubt, die wohl in diesem Falle keine andere als eine blutige sein konnte.

Das Duell hat soeben – neun Uhr Morgens – in unmittelbarer Nähe der Station Kirchenrode in Gegenwart der Herren von Neuhof und du Rosel als Secundanten und des Herrn Doctor Bertram aus Kirchenrode als ärztlichen Beistandes stattgefunden. Ich habe um Eurer Durchlaucht willen den Gast Eurer Durchlaucht schonen zu müssen geglaubt. Der Herr Marquis liegt in dem Bahnhofshotel an einer Verwundung in der rechten Schulter darnieder, die ihn allerdings für den Augenblick kampfunfähig macht und ihm vielleicht für das Leben eine schmerzliche Erinnerung an ein paar leichtsinnige Stunden zurückläßt, ihn aber nach dem Ausspruch des Arztes nicht verhindern wird, spätestens morgen in kleinen Abtheilungen seine Reise fortzusetzen.

Durchlaucht, ich weiß, daß dieser Vorfall, den ich nicht provocirt, dem ich im Gegentheil in jeder Beziehung die bestmögliche Wendung zu geben gesucht habe, Eurer Durchlaucht nichtsdestoweniger sehr schmerzlich sein wird. Ich würde deshalb durch meine Gegenwart die Erinnerung an das Geschehene in Durchlaucht nicht wieder wachrufen und die Gastfreundschaft Eurer Durchlaucht länger in Anspruch nehmen, wenn dies auf irgend eine Weise thunlich wäre. Dies ist aber nicht der Fall. Wollte ich mich jetzt von Eurer Durchlaucht beurlauben, so würde man ohne Frage darin einen Beweis erblicken, daß Durchlaucht mit dem Ausgang des Duells unzufrieden, oder mir doch in Folge desselben weniger gnädig gesinnt sei, und ich brauche nicht zu sagen, wie peinlich mir eine solche Auslegung sein würde. Ueberdies wird die Neugier des Publicums, der sich in solchen Fällen nichts unterschlagen läßt, bald herausgefunden haben, daß die Ursache des Streites eine Dame war, welche Durchlaucht so nahe steht, und meine plötzliche Abreise würde eine Auslegung hervorrufen, mit deren Detaillirung ich Durchlaucht billig verschone.

Ich erlaube mir also anzunehmen, daß es mit Durchlauchts speciellen Wünschen übereinstimmt, wenn ich nicht vor Beendigung meines Urlaubs, also nicht vor dem sechszehnten abreise, nachdem ich Durchlaucht zu seinem Geburtstage meine ehrfurchtsvolle Huldigung dargebracht.

Ich hatte, wie Durchlaucht wissen, nicht die Absicht, die Frau Generalin von der Station abzuholen. Da mich diese Angelegenheit aber einmal bis hieher geführt hat, werde ich die Ankunft derselben umsomehr erwarten, als sie die geeignetste Person sein dürfte, meiner Frau Nachricht von diesen Ereignissen zu geben. Ich selbst werde die Frau Generalin nicht bis Roda begleiten, da ich den Zustand des Marquis, so wenig beunruhigend derselbe auch ist, für diesen Tag noch zu überwachen wünsche. Ich werde also die Nacht entweder hier oder bei dem Baron Neuhof zubringen und mich erst im Laufe des morgenden Tages Eurer Durchlaucht und der gnädigen Frau, der ich meine Empfehlung zu machen bitte, wieder vorstellen.

Eurer Durchlaucht gehorsamster
Heinrich Roda-Steinburg.«

 

Er schreibt uns vor, was wir zu thun, ja, was wir zu denken haben, sagte der Fürst bitter, als Hedwig ihm den Brief zurückgab.

Hedwig antwortete nicht. Die Worte des Fürsten waren nur eine Üebersetzung ihrer eigenen Gedanken von heute Morgen: er ist der Herr, weil er sich die Situation schafft, wie er sie braucht. Sie waren sich in demselben Gedanken begegnet und sie hingen diesem Gedanken schweigend nach, während zu ihren Füßen die Schatten mit den Lichtern spielten und zu ihren Häuptern in dem dichten Gezweig der Platane die Vögel zwitscherten.

Hedwig! sagte der Fürst.

Er trat an sie heran, aber ohne sie zu berühren.

Hedwig, vergieb mir meine Heftigkeit, ich war außer mir. Laß mich meine häßliche Drohung jetzt als freundliche Bitte wiederholen: fasse keine allzuraschen Entschlüsse! Unsere Interessen sind trotz alledem dieselben, in diesem einen Punkte wenigstens. Es muß Dir um Deiner weiblichen Würde willen so viel daran gelegen sein, wie mir um meiner Mannesehre willen, daß die Folgen dieses unglückseligen Ereignisses nicht zu hart auf uns zurückfallen. Das würden sie auf Dich und mich, wolltest Du – ich kann nicht aussprechen, was ich nicht auszudenken wage. Der Graf hat den Marquis gezwungen, von hier zu gehen, und mich, indem er Dich in diese Sache verwickelte, gezwungen, ihm vor der Welt Recht zu geben. In diesen beiden Punkten hat er sein Spiel gewonnen. Das Andere aber und das Teuflische ist, daß er zwischen uns diese unselige Stunde heraufgeführt hat, die uns auf immer von einander scheiden, oder – Hedwig, ich will es nicht wiederholen, ich will nichts, als Dich bitten, Dich anflehen, ruhig zu überdenken, ob er auch hier Recht behalten, oder ob er sein Spiel in einer Weise verlieren soll, von der er sich in seinem Hochmuth doch wohl nichts träumen läßt. Ja, ich fühle in jedem Nerv: das ist die Entscheidung, die ich heraufrufen wollte, als ich diese Menschen hieher entbot. Sie ist anders gekommen, als ich dachte, schärfer, schneidender – tödtlich schneidend. Vielleicht ist es besser so; ich will zu dem Allmächtigen flehen, daß er es zum Besseren wende. Laß ihm Zeit; auch er braucht Zeit, der Menschen trotzige Herzen zu erweichen. Laß uns Zeit, ein paar Tage nur, bis zu meinem Geburtstag! Es ist ja so wenig, um was ich bitte, im Vergleich zu dem Ungeheuren, das für mich auf dem Spiele steht. Willst Du Hedwig?

Hast Du mir eine Wahl gelassen? murmelte Hedwig.

Anspannen lassen! rief der Fürst, nach dem Diener gewendet.

Beide Wagen, Durchlaucht? sagte der Mann herantretend.

Der Fürst blickte Hedwig an.

Ich werde mit Durchlaucht fahren, sagte Hedwig.

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