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Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
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Achtzehntes Kapitel.

Herr von Zeisel schlief, ermüdet von des Tages Last und Lust, so tief, daß er von dem auffallend regen Leben, welches bald nach Mitternacht die tiefe Stille des Schlosses unterbrach, nichts hörte; nichts von dem Gehen und Kommen zwischen dem Schlosse und dem Cavalierhause, nichts von dem Hin- und Herlaufen der Leute auf den Corridoren, nichts von dem Geräusch, mit welchem man eine Stunde später drei Wagen aus den Remisen auf den Hof schob, bis man endlich laut und lauter an die Thür seines Zimmers pochte.

Vor seinem Bette stand, mit einem Licht in der Hand, der Diener und bat um Entschuldigung, wenn er Herrn von Zeisel habe wecken müssen.

Was giebt's denn, fragte der Cavalier, sich den Schlaf aus den Augen reibend.

Die französischen Herrschaften wollen fort.

Wie? was? rief der Cavalier, der seinen Ohren nicht traute.

Und der Herr Rosel ist in dem Zimmer des Herrn von Zeisel und lassen den Herrn von Zeisel um ein paar Minuten bitten.

Der Cavalier sprang aus dem Bett, hüllte sich in den Schlafrock und trat in sein Wohnzimmer, wo er Herrn Rosel, bereits im Reiseanzug, seiner harrend fand.

Ich bitte tausendmal im Namen des Herrn Marquis und in meinem eigenen Namen um Entschuldigung, sagte Herr Rosel, aber diese leidige Politik, mit der wir ein- für allemal abgeschlossen zu haben glaubten! Man gönnt uns nicht die wohlverdiente Ruhe. Unsere Regierung glaubt, in solcher Zeit die Dienste des Marquis nicht entbehren zu können. Der Marquis findet gestern Abend beim Nachhausekommen einen eigenhändigen Brief des Ministers, in welchem dieser ihn beschwört, ihm zuliebe noch einmal das Nessushemd des Diplomaten anzuziehen und unverzüglich zur Unterstützung des Herrn von Benedetti nach Ems abzugehen. Der Marquis ist außer sich, aber was thun? Zu einer solchen Bitte Ja sagen, wenn man sich so vortrefflich unterhält, ist schwer; Nein sagen, wenn das Wohl Frankreichs, Deutschlands, der Welt auf dem Spiele steht, noch schwerer, ja unmöglich. Der Herr Marquis wollte anfänglich wenigstens erst den Morgen erwarten, aber seine Ungeduld läßt sich nicht länger zügeln; er will, oder besser, er muß fort, sogleich, und bittet den Herrn von Zeisel um Pferde für unsere Equipagen nur bis Rothebühl, auf keinen Fall weiter, von dort werden wir selbstverständlich Extrapost nehmen.

Seine Durchlaucht wird untröstlich sein, sagte Herr von Zeisel. Ich werde sofort Befehl geben, ihn zu wecken.

Ich beschwöre Sie – sagte Herr Rosel.

Auf meine Verantwortung! sagte der Cavalier.

Ich beschwöre Sie, dies auf keinen Fall zu thun, sagte Herr Rosel. Der Herr Marquis würde sich das nie vergeben können. Er hat bereits in einem Briefe, welchen ich hier zu überreichen die Ehre habe und den ich Durchlaucht bei dem Lever zuzustellen bitte, Durchlaucht für seine unbeschreibliche Güte gedankt, und er hofft mit Bestimmtheit, diesen Dank in wenigen Tagen, wenn diese leidige Affaire, wie wir Alle wünschen, glücklich erledigt und er wieder frei ist, persönlich abstatten zu dürfen. Wir kommen auf der Rückreise jedenfalls, und wäre es auch nur auf eine Stunde, nach dem lieben Roda. Also auf Wiedersehen, Monsieur!

Herr Rosel streckte dem Cavalier die Hand entgegen, die dieser zögernd nahm. Die plötzliche Abreise in nächtlicher Weile, ohne vorherige Ankündigung, ohne Abschied – in Malortie's Hofmarschall war dieser Fall nicht vorgesehen; der Cavalier war ganz verstört.

Sie sehen mich auf's Aeußerste überrascht, sagte er. Ich weiß wirklich nicht –

Unsere Dispositionen sind getroffen, sagte Herr Rosel dringend.

Ich werde die nöthigen Befehle geben, sagte Herr von Zeisel entschlossen.

Eine Viertelstunde später stand er auf dem Hof neben den zur Abreise fertigen Wagen, an die jetzt auch der Marquis, aus dem Schlosse kommend, herantrat. Der Marquis war außer sich, daß Herr von Zeisel sich nun doch hatte derangiren lassen. Das sei ganz und gar gegen seine Absicht, wenn es ihn auch wahrhaft glücklich mache, nun Herrn von Zeisel für seine Liebenswürdigkeit persönlich danken und ihm seine ehrfurchtsvollen Grüße an Madame und Durchlaucht persönlich überliefern zu dürfen.

Der Marquis drückte dem Cavalier wiederholt die Hand und sprang dann schnell in den Wagen; Herr Rosel folgte langsamer. Als er bereits den Fuß auf dem Tritt hatte, beugte er sich zu dem Cavalier zurück und sagte auf Deutsch:

Wir hoffen, als guten Dank für Ihre Gastfreundschaft, in kürzester Frist ein Stück blutiger Revanche für Sadowa zurückschicken zu können, das der Marquis an den alten Herrn und seine junge Gemahlin zu adressiren gedenkt, und das ich für mein Theil an Sie, den sächsischen Officier, adressire.

Herr Rosel hatte an der Seite des Marquis Platz genommen; die drei Wagen setzten sich in Bewegung. Herr von Zeisel sagte den Leuten, die umherstanden und sich in halblautem Ton ihre Bemerkungen mittheilten, daß sie nun wieder zu Bett gehen möchten und begab sich zu demselben Zweck auf sein Zimmer

Aber es dauerte lange, bis der Schlaf sich wieder auf seine Augen senkte. Die Abreise des Marquis, die ihm bis dahin um des Fürsten willen nur unangenehm gewesen war, hatte durch die letzten Worte des Herrn Rosel einen sonderbar zweideutigen, mysteriösen Charakter angenommen, der ihm viel zu denken gab. Was hatte der Mann mit diesen Worten, deren Inhalt und Form so ganz der ersten höflichen Auseinandersetzung widersprach, sagen wollen?

Ein Stück blutiger Revanche für Sadowa, an den Fürsten adressirt – an mich adressirt? Sollte es wirklich zum Kriege kommen? Meint er, ich werde mich freuen, wenn wir geschlagen werden? Nun ich habe Sechsundsechszig darüber anders gedacht; damals hatte ich, wie wir Alle, entschieden französische Sympathien, aber ich glaube, man braucht nur ein paar Tage in persönliche Berührung mit den Herren zu kommen, um von seiner Vorliebe gründlich geheilt zu werden. Diese französischen Windhunde! Ich liebe den Grafen just auch nicht, aber das ist denn doch ein anderer Mann; ich werde ihn wahrhaftig in diesen Tagen einmal an seine Proposition erinnern; man kann doch nicht zurückbleiben, wenn es wirklich losgeht. Dazu ist der alte Herr von Fischbach ein enragirter Preuße. Adele wird nicht weniger gut preußisch sein; ich würde ihr zuliebe kosakisch oder tartarisch werden, da liegt mir Preußen doch näher.

Die Politik war ein Thema, das unter allen Umständen auf Herrn von Zeisel wie ein Schlaftrunk wirkte, selbst wenn der Trank, wie in diesem Falle, stark mit Liebe gemischt war. Herr von Zeisel schlief wieder ein; er sollte nicht lange schlafen.

Ich bitte um Entschuldigung, sagte der Diener, der abermals vor dem Bette stand – ohne Licht diesmal, der Morgen dämmerte bereits durch die Vorhänge – aber der Herr Graf wünschen eine Equipage zu einer Ausfahrt für den Tag nach Neuhof, und da heute Mittag noch Wagen an die Station müssen, um Excellenz abzuholen, wußte der Wagenmeister nicht, welche Wagen genommen werden sollen. Und der Stallmeister läßt fragen –

Nehmt, was Ihr wollt, laßt mich zufrieden! schrie Herr von Zeisel, der aus einem himmlischen Traum erweckt war, in welchem er mit Adele Hand in Hand am Ufer eines Baches wandelte, drin silberne Fischlein spielten; und drüben auf dem anderen Ufer hatten die glücklichen Eltern gestanden und Herr von Fischbach hatte aus der Schürze seiner Frau mit vollen Händen immer mehr silberne Fischlein in den Bach gestreut und gesagt: Dies Alles ist für Euch, seid glücklich!

In Kukuks Namen, laßt mich zufrieden! sagte Herr von Zeisel noch einmal und legte sich auf die andere Seite.

Aber der Diener hatte kaum das Zimmer verlassen, als der Cavalier aufrecht im Bette saß.

Das war denn doch ein sonderbares Zusammentreffen! Um zwei Uhr, das heißt drei Stunden früher als nöthig, um über Rothebühl den Anschluß an die Bahn zu erreichen, reist der Marquis mit Sack und Pack. Jetzt um drei Uhr Morgens fährt der Graf nach Neuhof, wo er in anderthalb Stunden bequem sein kann und den Tag zubringen will, denselben Tag, an dessen Abend seine Schwiegermutter kommt! Was bedeutet das? Was konnte es bedeuten als ein Rencontre?

Aber die Herren waren ja gestern Abend jeder in seiner Weise noch so überaus heiter gewesen beim Imbiß vor dem Jagdschlosse und hernach noch beim Thee, und der Baron Neuhof hatte sich so angelegentlich mit Herrn Rosel, den er früher gar nicht beachtet hatte, unterhalten. Ja gerade das war verdächtig; man hatte Verabredungen getroffen, man hatte sich verständigt; das Ganze war ein abgekartetes Spiel.

Das mich nichts angeht, sagte der Cavalier; möge der Geier Beide holen, wenn sie einen ordentlichen Kerl nicht schlafen lassen wollen.

Da wurden die Pferde vorgeführt und Oscar von Zeisel sprang mit beiden Füßen zugleich aus dem Bett.

Hatte denn der Graf schon einen Secundanten? War es nicht Pflicht eines Zeisel, einem Roda-Steinburg im Kampfe beizustehen? Ich hätte ja den Herrn Rosel auf mich nehmen können – partie quarrée! Es ist schändlich von dem Grafen, daß er an mir vorübergegangen ist! Aber diese preußischen Aristokraten sind am liebsten unter sich und gönnen einem ehrlichen Kerl nicht einmal das Bischen Dreinschlagen!

Diesmal ging Herr von Zeisel nicht wieder zu Bett, da er fühlte, daß er doch nicht würde schlafen können. Er zündete sich eine Cigarre an und legte sich auf das Sopha, über diese seltsame Geschichte in Muße nachzudenken –

Um dieselbe Zeit schritt Hermann in seinem Zimmer auf und nieder zwischen den Koffern, die er bereits gestern gepackt hatte, sobald er erfahren, daß die Gräfin mit dem Geheimrath am folgenden Tage kommen werde. Er war sofort entschlossen gewesen, daß die Ankunft der Erwarteten und seine Abreise auf denselben Tag fallen müßten; daß er sich durch nichts bestimmen lassen dürfe, bis zum Geburtstag des Fürsten zu bleiben. Er hatte seinen Entschluß dem Fürsten persönlich mittheilen zu müssen geglaubt; der Fürst hatte ihn sehr ungnädig angehört und sehr ungnädig verabschiedet. Hermann hatte sich dadurch nicht irremachen lassen; er hätte am liebsten die Stille und Einsamkeit, die gestern im Schlosse herrschte, benützt, um, von Niemandem beachtet, von Niemandem gehalten, von Niemandem fortgeschickt, einsam seine einsame Straße zu ziehen.

So war der Tag vergangen, der Abend herangekommen. Die Gesellschaft war von dem Jagdschloß zurückgekehrt; er hatte das Rollen der Wagen gehört und einen flüchtigen Blick auf den von Fackellicht erhellten Schloßhof geworfen, als die Gesellschaft eine Stunde später aufbrach, und war in seinem Herzen dankbar gewesen, daß er mit dem Allem nichts mehr zu thun hatte, daß man ihn unbehelligt auf seinem Zimmer ließ, wie einen Schauspieler, der für den Abend seine Schuldigkeit gethan und nun still zur Hinterthür hinausschleicht, während der Lärm aus der Bühne ununterbrochen weiter geht.

Morgen mußte er noch einmal hinauf auf diese Bühne, die Abschiedsrolle zu spielen, eine leidige Rolle, die unleidlich gewesen wäre, hätte er sich nicht mit dem Gedanken getröstet: es ist eben das letztemal! Er hatte seine Sachen vollends gepackt, seine Papiere geordnet, Briefe geschrieben. Darüber war die Nacht hereingebrochen, deren Stille diesmal so wenig respectirt wurde. Aber Hermann hatte nicht auf die Unruhe geachtet; so war es ein, zwei Uhr geworden.

Endlich war er fertig; er stand auf und trat an das offene Fenster. Das erste Morgengrauen dämmerte am östlichen Horizont, aber noch war Alles still, kein Vogellaut in den regungslosen Bäumen. Wie oft hatte er so in seliger Freude den Tag herangewacht, der wieder eine Stunde bringen mußte, wo er sie sehen, sie sprechen durfte! Das war derselbe Morgenstern, der ihm so oft in das Herz geschienen; das waren dieselben Berge, deren verschleierte Formen zu unterscheiden er sein scharfes Auge gewöhnt hatte; das waren dieselben Wipfel, die wie in tiefem Schlaf dem Anhauch der Frühe entgegenharrten; das war dasselbe geheinmißvolle Rauschen und Raunen, das nur die Nacht kennt – es war Alles wie damals, und doch war Alles anders; es war nicht mehr dieselbe Welt.

Auf dem Hofe wurde es laut: man machte die Wagen des Marquis zur Abreise fertig. Auf dem Gange, der an dem Zimmer hinlief, war ein Kommen und Gehen und jetzt wurde an seine Thür gepocht.

Auf sein verwundertes Herein schlüpfte Herr Rosel in das Zimmer.

Ich sah Licht durch Ihre Thürspalte, sagte Herr Rosel, und wollte auf jeden Fall den Versuch machen, mich Ihnen zu empfehlen. Ja, mein lieber Freund – ich nenne Sie so, obgleich Sie dem Drange, der mich zu Ihnen zieht, wenig Aufmunterung haben zu Theil werden lassen; aber die gemeinschaftlichen Interessen sind ein stärkeres Band als persönliche Sympathien – ja, mein lieber Freund, der Kampf, dessen Ausbruch ich Ihnen prophezeit habe, er beginnt, und beginnt in der Weise, wie ich ihn prophezeit habe. Unsere Herren gehen, einander die Hälse zu brechen im Kleinen, wie sie es, so Gott will, demnächst im Großen thun werden. Aber das alte quiquid delirant reges soll diesmal nicht seine leidige Geltung haben; die Argiver diesseits und jenseits des Rheins werden den Wahnsinn ihrer Fürsten nicht büßen. Sie sehen mich verwundert an, lieber Freund; aber soll ich Ihnen auch Sand in die Augen streuen, wie ich es eben bei dem lieben Herrn von Zeisel auf Befehl des Marquis habe thun müssen? Soll ich Ihnen auch erzählen von der diplomatischen Mission, welche den Marquis nach Ems führt? Dazu habe ich zu viel Hochachtung vor Ihnen, und wir haben unsere letzten Minuten zu wichtigeren Dingen zu verwenden. Ja, mein Freund, der Krieg um Troja entbrennt und wir werden auf derselben Seite fechten. Wir wissen, wo das heilige Bild der Pallas sich befindet, das Bild der Herrscherin; was kümmert uns die schöne Helena, die unsere lieben reges freilich als casus belli haben müssen und natürlich auch diesmal haben. Ihr guter alter Menelaus, dem nun zwei Paris auf einmal geworden, nur daß er, wie es scheint, den rechten behält, während der falsche bei Nacht und Nebel aus Lacedämons Fluren weichen muß! Es ist zum Lachen, aber selbst zum Lachen habe ich nicht Zeit. Auf Wiedersehen also, mein Freund, mein Waffenbruder! Auf Wiedersehen in der Ebene des Scamander, dessen Wogen fortan nicht mehr die freien Männer hüben und drüben trennen sollen!

Herr Rosel war leise gegangen, wie er gekommen war; Hermann blickte ihm mit starren Augen nach.

Was hatte der Mann mit den unheimlichen Augen da gesagt? War es eine Ausgeburt seiner hirnverbrannten Phantasie gewesen, in welcher sich die einfachsten Dinge zu abenteuerlichen Fratzen verzerrten? Hatte er die Thatsache, daß der Marquis plötzlich abreisen mußte, in seinem Geschmack zu einem seltsamen Räthsel aufgeputzt, zu einem Räthsel, das vielleicht nicht so seltsam war, wenn man den Faden festhielt, der sich durch seine tollen Reden zog?

Ja, ja, es war kein Räthsel, was der Mann erzählte; im Gegentheil, es war die Lösung der Frage: wer von Beiden weichen solle, der Graf oder der Marquis. Er hatte gedacht, daß es der Graf sein müsse; der Graf war anderer Meinung gewesen; er hatte den Marquis in einen Streit verwickelt, ihn zum Duell gezwungen, das, wie es auch ausfiel, den Marquis von Roda vertrieb. Es sah dem Grafen gleich, zu einem solchen Auskunftsmittel zu greifen.

Und was nun geschehen sollte, geschah es mit ihrem Wissen, mit ihrer Zustimmung?

Sie hatte versprochen, ihren Einfluß bei dem Grafen geltend zu machen, ihn zur Abreise zu bewegen. Hatte sie ihr Versprechen nicht halten können? warum nicht halten können? Mußte der Graf nicht gehen, wenn sie ihn ernstlich bat? Ernstlich! Es war ihr vielleicht nicht Ernst damit gewesen, gewiß nicht Ernst gewesen. Sie hatte ihn nicht verlieren wollen, hatte es lieber auf einen Kampf ankommen lassen wollen, aus dem ihr Ritter natürlich siegreich hervorging, aus diesem Kampfe wie aus jedem! Konnte er sie vor einem tollen Hirsch beschützen, weshalb nicht vor einem galanten Franzosen, der noch dazu eine Art von Nebenbuhler war oder doch mit Leichtigkeit dazu gemacht werden konnte, wenn man wollte, wenn das Spiel sich nur auf diese Weise gewinnen ließ. Ja, ja, so war es, es konnte nicht anders sein. Den eitlen Marquis in die Parismaske zu bringen, war ja eine Kleinigkeit, und der gute alte Menelaus mußte dem wahren Paris noch dankbar sein, daß er ihn von dem falschen befreite! Und heute, vielleicht schon in ein paar Stunden war er wieder zurück, um sich den Dank einzufordern und – so lag ich aus, so führt' ich meine Klinge! Und ich soll das ruhig mit ansehen, mich womöglich auch noch bedanken, daß man so zartfühlend war, sich in dieser delicaten Sache meiner Dienste zu entschlagen? Ich will verdammt sein, wenn ich das thue! wenn ich jetzt noch irgend ein Bedenken, eine Rücksicht gelten ließe, die mich ewig vor mir selbst verächtlich machen müßten. Was sollte ich denn noch hier? Ich habe den Fürsten gewarnt, beschworen – er hat mich ungnädig angehört, den unberufenen, überlästigen Rathgeber; mich gestern noch verabschiedet wie einen Diener, mit dem man unzufrieden ist. Ich habe sie die Stimme des Freundes hören lassen – sie hat ihr Ohr, sie hat ihr Herz verschlossen! Ich habe nach allen Seiten gethan, was ich konnte; ich bin Niemand, Niemand etwas schuldig geblieben, mögen die Anderen sehen, wie es mit ihrer Rechnung steht!

Er nahm die Cassette, in welcher er seine wichtigen Papiere hatte, wieder aus dem Koffer und setzte sich an den Schreibtisch. Von den Briefen, die vorhin geschrieben waren, mußten ein paar umgeschrieben werden, und dann war noch einer zu schreiben: ein paar Zeilen nur an den Einzigen, der es von Anfang an treu und ehrlich mit ihm gemeint und der auch der Einzige war, der ihn vermissen würde.

Er hatte hastig geschrieben, wie Jemand, der fertig werden will; und als er jetzt hastig die Cassette wieder schließen wollte, entglitt dieselbe seinen Händen und streute die Papiere, welche sie enthielt, auf den Schreibtisch und auf den Boden. Hermann glaubte sämmtliche Packete aufgesammelt zu haben; aber er war zu ungeduldig, um sich davon zu überzeugen, wie es die Wichtigkeit der Papiere erheischte, und er es unter andern Umständen sicher gethan hätte. Jetzt nahm er sich nicht einmal die Mühe, das Licht, welches beim Umherleuchten am Boden und unter dem Schreibsecretär ausgegangen war, wieder anzuzünden. Er setzte den Leuchter auf den Tisch und trat an das Fenster.

Die Dämmerung war schon weit vorgeschritten; deutlich hoben sich die Berge ab von dem helleren östlichen Himmel; der Park lag, in durchsichtiges Grau gehüllt, zu seinen Füßen, aber schon regte sich hie und da ein Blatt in dem Hauch des Morgenwindes, ein paar Vogelstimmen ertönten wie verschlafen; dann war Alles wieder regungslos und still. Heiß quoll es auf in dem Herzen des jungen Mannes. Er grüßte hinüber zu den Bergen und hinab in den stillen Garten. Ich habe euch ja so geliebt, und ihr seid ja nicht schuldig; ihr habt mir niemals wehe gethan, lebt alle wohl! –

Herr von Zeisel lag noch immer ausgestreckt auf dem Sopha, die sonderbaren Ereignisse der Nacht in seinem bekümmerten Herzen wälzend. Da hörte er auf dem Hofe, wo es in der letzten Viertelstunde ganz ruhig gewesen war, schon wieder Rosseshufe und, an das Fenster springend, sah er nur eben noch, wie ein Reiter zum Thor hinausritt. Diesmal wartete er nicht, bis der Diener ihm abermals eine fatale Meldung gebracht hätte; er klingelte so heftig, daß die Schnur in seiner Hand blieb und schrie dem Johann, der denn auch alsbald kam, entgegen:

Wer war denn das, der da eben fortritt?

Der Herr Doctor, sagte Johann, und hier ist ein Brief, den mir der Herr Doctor, als er zu Pferde stieg, für Herrn von Zeisel gegeben hat.

Der Cavalier riß das Couvert auseinander und las:

 

»Leben Sie wohl, lieber Freund! Ich hätte Ihnen im Laufe des Tages doch Lebewohl sagen müssen, so mag es nun ein paar Stunden früher sein. Und wenn ich nicht versucht habe, noch einmal Ihre Hand zu drücken, so ist es, weil ich Ihnen und mir den Abschied ersparen wollte. Sie werden sagen: das ist keine Abreise, das ist eine Flucht. Sagen Sie es immerhin! Ich will in Niemandes Augen besser und tapferer erscheinen, als ich bin, in Ihren Augen am wenigsten. Kein Mensch ist verpflichtet, über das Maß seiner Kraft hinaus zu handeln und zu dulden, und ich bin an der Grenze meiner Kraft angekommen. Ich lasse nur eben eine Last fallen, die ich nicht weiter tragen kann. Und wälzen sie auf mich, werden Sie sagen? Nein, mein Freund, Sie sollen nichts zu verantworten haben. Für Sie bin ich einfach fortgeritten, und das sei genug. Alles Andere überlassen Sie mir. Der Fürst wird mir nicht verzeihen können, aber darauf bin ich gefaßt. Meine Sachen finden Sie in meinem Zimmer. Sie wollen sie mir nach Hannover nachschicken, wohin ich gehe. Meinen Goethe habe ich zurückgelassen; Sie hatten die Ausgabe immer so gern. Den Brownlock stelle ich in der Goldenen Henne ein; ich bitte Sie nicht, daß Sie sich des schönen Thieres besonders annehmen; ich weiß, daß Sie das ohnehin thun würden. Und nun noch einmal Lebewohl, lieber, einziger Freund, und mögen wir, bis wir uns wiedersehen, gelernt haben, daß, wer sein Glück von Individuen abhängen läßt, einem Schatten nachjagt; daß wir nur Befriedigung finden können in dem strengen Dienst für das Große und Ganze, dem gegenüber wir uns nicht zu schämen brauchen, wenn wir weder groß, noch etwas Ganzes sind.«

 

Nun, der müßte doch ein Engel sein, der da nicht des Teufels werden sollte! rief der Cavalier, den Brief auf den Tisch schleudernd. Es fehlte nur noch, daß ich selber fortginge! Und wer könnte es mir verdenken, wenn ich es thäte, bevor man mich wegschickt! Dies wird mir Durchlaucht nie vergeben; ich hätte Alles wissen, ahnen, ich hätte ihn von Allem avertiren müssen. Heiliger Malortie, ist je ein Hofmarschall in solcher Noth gewesen! Wie muß der Tag enden, der so angefangen hat!

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