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Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
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Erstes Kapitel.

Der Fürst hatte heute die Tafel früher aufgehoben, da für die Ankunft der Gäste, welche morgen bevorstand, noch Manches zu besprechen und anzuordnen war. Er hatte sodann beim Kaffee auf der Terrasse die schon über Tisch flüchtig berührten Gegenstände der Reihe nach gründlich mit den beiden zur Tafel befohlenen Herren seines Haushaltes erörtert. Jetzt wendete er sich zu dem älteren derselben und sagte:

Nehmen wir Alles in Allem, lieber Iffler, so wird uns der Besuch noch immer theuer genug zu stehen kommen.

Wir sind, Dank der Sparsamkeit Ew. Durchlaucht, glücklicherweise in der Lage, größere Ausgaben machen zu können, ohne nach irgend einer Seite hin genirt zu sein; erwiederte der Kanzleirath.

Ich finde Sie bei dieser Gelegenheit gegen die Gewohnheit spendabel, lieber Iffler, sagte der Fürst lächelnd.

Durchlaucht geruhen – begann der Kanzleirath.

Ich weiß, was Sie sagen wollen, unterbrach ihn der Fürst. Sie haben diese Einladung weder angeregt, noch befürwortet. Und das wäre auch von Ihnen zu viel verlangt. Ich fürchte, Sie würden sich mit dem Grafen schwer darüber verständigen, daß die Fürsten von Roda ein hundertfach verbrieftes Recht auf Sitz und Stimme im Rathe der deutschen Fürsten haben.

Der Kanzleirath zuckte die Achseln.

Bei Ihnen, lieber Zeisel, fuhr der Fürst fort, indem er sich zu dem jüngeren Herrn wendete, ist das etwas Anderes. Freilich ist das Preußenthum auch bei Ihnen nicht besonders accreditirt; aber Sie sind jung und der Einförmigkeit unseres Lebens gewiß schon längst überdrüssig und sehnen sich nach einer Veränderung, besonders wenn es dabei ein wenig bunt hergeht, wie wir ja wohl im voraus annehmen dürfen. Habe ich recht?

Der Fürst wartete die Antwort des Cavaliers nicht ab, und trat an den Rand der Terrasse. Die beiden Herren sahen einander an. Herr von Zeisel zuckte die Achseln. Der Kanzleirath hätte gern das Wort, das er auf den Lippen hatte, angebracht, da er aber, ohne sich dem Cavalier auf ein paar Schritte zu nähern, es nicht hätte leise sagen können, und der Fürst, wenn er sich umwendete, ihn doch auf derselben Stelle finden mußte, so begnügte er sich damit, die Geberde des Cavaliers nachzuahmen und über seine kahle Stirn ein paar Falten zu ziehen.

Der Fürst stand noch immer an dem Steingeländer und blickte über die Wiesen unter ihm an den höher gelegenen Partien des Parks hinauf in das Gebirge, dessen einzelne sich übereinander aufbauende Stufen der Abendschein mit goldigen und rosigen Lichtern überhauchte. Von der höchsten Stufe schimmerten die Häuschen eines Dörfleins herüber, das dort auf einer Matte am Rande des Waldes lag. Die noch immer scharfen Augen des alten Herrn blieben längere Zeit an diesem Punkte haften; dann wendete er sich mit Lebhaftigkeit um und sagte zu dem Kanzleirath:

Nach keiner Seite, sagen Sie. Ich will Ihnen gleich eine zeigen: da, das arme Hühnerfeld! Es könnte das Geld brauchen, sehr brauchen! Sie kennen ja meine Schrulle: Hühnerfeld ist mein Barometer. Wenn die da oben zufrieden sind, darf ich hier unten auch zufrieden sein. Und die Hühnerfelder sind es nicht. Können Sie es leugnen?

Ich stelle es nicht in Abrede, Durchlaucht, erwiederte der Kanzleirath, aber wohl, daß die Leute mit Recht unzufrieden sind. Der Brand des Dorfes im vergangenen Winter war ja eine große Calamität, und daß die Kartoffeln in diesem Jahre so schlecht angesetzt haben, ist eine andere. Aber der Typhus ist ja nun im Erlöschen –

Nachdem das halbe Dorf ausgestorben ist, sagte der Fürst.

Allerdings, sagte der Kanzleirath, fünf ein halbes Procent; aber der eigentlichen Noth ist durch Ew. Durchlaucht Freigebigkeit über das hinaus, was der arme Mann in einer solchen Lage zu erwarten hat, gesteuert, und für die möglichen Verlegenheiten des nächsten Winters wird auch wohl Rath und Abhülfe geschafft werden können, wie – ich darf es wohl sagen – noch immer geschehen ist, so lange Durchlaucht das Regiment führen.

Um die feinen Lippen des Fürsten zuckte ein ironisches Lächeln.

Ein schönes Regiment, sagte er, das ich mit dem Herrn Landrath theile, und noch dazu so ungleich! Ah bah, lieber Iffler, was ist denn unsere ganze Arbeit, als ein Schöpfen in das Faß der Danaiden! Wenn wir ein paar Löcher glücklich zugestopft haben und das Wasser in dem Fasse steigt, kommt eine landräthliche Verordnung und bohrt ein neues, oder es platzt eine Großmachtslaune des großmächtigen Herrn Ministers hinein und schlägt dem Faß den Boden aus. Wir haben es 1866 gesehen. Wie nöthig brauchten wir gerade damals unser Geld, unsere Leute! Aber der Minister brauchte beides noch viel dringender, wie er sagte, und da mußten wir natürlich Alles stehen und liegen lassen und vor den Thüren anderer Leute fegen, die sie nun einmal nicht rein halten können. Nun, ich sollte mich eigentlich nicht beklagen. Es geschah bei der Gelegenheit in Hannover und Hessen, was seiner Zeit meinem Vater geschehen ist, trotz der Declaration der Schutzmächte auf dem Wiener Congreß; ihm geschehen ist von demselben Haus Brandenburg, dem 1723 auf dem Reichstage zu Regensburg anbefohlen war, die Fürsten und Herren von Roda gegen fernere Bedrängnisse, Beeinträchtigung und Vergewaltigung von Kaisers- und Reichswegen zu schützen. Nun, uns hat man doch auf unserem Grund und Boden gelassen! Wir können uns also noch für gnädige Strafe allerunterthänigst bedanken.

Ein Jahr Sechsundsechszig wird sobald nicht wiederkommen, Durchlaucht, sagte der Kanzleirath.

Sie denken, weil die Artischocke aufgegessen ist! Bah, lieber Iffler, es sind noch ein paar Blätter da, die man in diesen vier Jahren ebenfalls schon verspeist hätte, wenn man nicht fürchtete, sich daran die Zähne auszubeißen. Und dann, meinen Sie, daß die Franzosen die Revanche für Sadowa in saecula saeculorum verschieben werden? Ich habe sehr sichere Nachrichten, daß man Tag und Nacht in den maßgebenden Kreisen davon spricht, träumt, und wir werden eines schönen Morgens aufwachen und uns verwundert die Augen reiben, wenn wir anstatt unseres guten deutschen Hennig den gallischen Hahn krähen hören. Sie lachen, lieber Zeisel? Freilich, Ihnen, als gewesenem Soldaten, ist der Krieg als Krieg willkommen; nur vergessen Sie nicht, daß Sie diesmal leicht in der Gefolgschaft desselben Kriegsherrn kämpfen dürften, gegen den Sie Sechsundsechszig im Felde standen. Und folgst Du nicht willig, so brauch' ich Gewalt, wird der geistreiche Premier citiren, wenn er Euch Sachsen sammt den Uebrigen in's Schlepptau nimmt. Sehen Sie sich nur bei Zeiten vor, daß man Ihr Lieutenantspatent auch gehörig respectirt. Sprechen Sie doch einmal mit dem Grafen, wenn er morgen kommt. Sie sind ja anerkannt ein Meister im Reiten, da werden Sie sich mit dem Rittmeister schnell verständigen.

Ich wußte nicht, daß meine geringen Dienste Durchlaucht bereits zu lange gewährt hätten; sagte der junge Cavalier, auf dessen weißer Stirn bis zu den blonden Schläfen hinauf bei den letzten Worten des Fürsten sich eine rothe Wolke gelagert hatte.

Verzeihen Sie, lieber Zeisel, sagte der Fürst, auf den Beleidigten zutretend und ihm mit einer anmuthigen Bewegung die Hand entgegenstreckend, ich wollte Ihnen nicht wehthun, noch viel weniger Ihnen eine Unzufriedenheit zu erkennen geben, die zu empfinden ich weit entfernt bin. Im Gegentheil, ich danke Ihnen für Ihre treuen und sorgsamen Dienste, die ich während des Jahres, welches Sie nun bei mir sind – wie schnell die Zeit vergeht! – niemals nöthiger gehabt habe, als eben jetzt. Sie sind ja der Einzige von uns Allen hier, der da weiß, wie es in der großen Welt zugeht. Wer soll mir denn unseren Gästen die Honneurs machen helfen? – mir waren diese Dinge immer ziemlich fremd, und ich habe das Wenige, was ich davon wußte, mittlerweile verlernt –

Der Fürst schwieg. Er hatte den Faden seines Gedankens verloren. Es begegnete ihm das in letzterer Zeit häufiger, obgleich es ihm fast immer mit einer für ihn und für die Andern peinlichen Anstrengung gelang, sich wieder zurechtzufinden. So stand er denn auch jetzt da und blickte mit gut gespielter Aufmerksamkeit nach dem Giebel des Schlosses, um welches die Schwalben im Abendsonnenschein spielten, und fuhr dann wie aus einem Traum erwachend fort:

Als Sie, der Sie an dem Hofe Ihres Prinzen eine gute Schule durchgemacht haben. Und dabei fällt mir ein, lieber Zeisel, ich wollte Sie fragen, ob es doch nicht am Ende nothwendig ist, daß Sie selbst morgen die Wagen zur Station begleiten. Nicht als ob ich glaubte, daß Porst es an irgend etwas fehlen lassen würde, aber es ist doch am Ende besser so. Meinen Sie nicht?

Ganz wie Ew. Durchlaucht befehlen, sagte der Cavalier.

Also abgemacht, sagte der Fürst. Wenn dann die Herren nichts weiter vorzutragen hätten –

Der Kanzleirath verbeugte sich; der Cavalier sagte:

Befehl in Betreff der Fasanerie zu bitten.

Der Kanzleirath that, als ob er nicht bereits eine Bewegung zum Fortgehen gemacht hätte und verlor sich in Betrachtung eines Albums, welches geöffnet auf einem der Tische lag, wobei er nicht bemerkte, daß er das Blatt über den Kopf betrachtete.

Ich dächte, die Sache wäre heute schon bei Tafel ausreichend besprochen, sagte der Fürst.

Es lag ein gewisser Unmuth in dem Ton, mit welchem er das sagte. Der Kanzleirath konnte sich nicht von dem merkwürdigen Blatt trennen.

Durchlaucht befehlen also, daß ich die Fasanerie in Angriff nehmen lasse, sagte der Cavalier zögernd, und fuhr, als die Antwort des Fürsten ausblieb, mit seiner gewöhnlichen harmlosen Lebhaftigkeit fort: Es wäre dann wohl gerathen, daß ich noch heute Auftrag gebe. Die Stakete müßten ausgebessert und die Wege aufgeräumt werden, die in der That sehr verwildert sind. Prachatitz kann das ganz gut bis morgen oder spätestens übermorgen fertig haben, wenn er ein paar Dutzend Leute anstellt. Auch ist die Aussicht von den Fenstern des Theehauses eigentlich nur nach dem Schlosse zu frei; auf der Südseite und nach dem Hirschpark müßte ich nothwendig ein paar Bäume wegschlagen, um die es mir freilich leid thut –

So lassen Sie sie stehen, sagte der Fürst ärgerlich.

Der Kanzleirath machte leise das Album zu, der Cavalier schaute verlegen darein.

Oder sprechen Sie noch einmal mit der gnädigen Frau, sagte der Fürst. Sie haben recht, lieber Zeisel, wir waren bei der Tafel doch wohl nicht ganz schlüssig; ich erinnere mich. Es ist ja auch im Grunde ziemlich irrelevant, ob wir das Theehaus zur Verfügung haben oder nicht. Wie oft wird es denn geschehen, daß der Thee da wirklich eingenommen wird! Zwei- oder dreimal, wenn es hoch kommt! Also, wie gesagt, sprechen Sie noch einmal mit der gnädigen Frau, oder ich will auch selber mit ihr sprechen, wenn Ihnen das lieber ist. Jedenfalls warten Sie, bis ich Ihnen bestimmte Ordre gebe. Guten Abend, lieber Zeisel. Sie, lieber Iffler, muß ich nun doch noch eine Minute aufhalten.

Der Cavalier verbeugte sich und verließ die Terrasse.

Der Kanzleirath blieb, ein wenig unruhig, was der gnädige Herr noch vorbringen werde. Ohne Zweifel wünschte er seine vertrauliche Ansicht hinsichtlich der Fasanerie. Der Kanzleirath war entschlossen, seine Antwort von der Fragestellung und dem Tone, in welchem der gnädige Herr fragen würde, abhängen zu lassen.

Ich habe die Absicht, ein wenig indiscret zu sein, sagte der Fürst.

Der Kanzleirath lächelte.

Wie stehen Sie mit dem Doctor, ich meine, Sie und Ihre Damen?

Da der Kanzleirath diese Frage nicht erwartet hatte und für den Augenblick schlechterdings nicht wußte, worauf dieselbe zielte, sagte er nicht ohne einige Verlegenheit:

O, in der That sehr gut, wie immer, ohne Zweifel!

Wie immer? sagte der Fürst mit Betonung.

Daß ich nicht anders wüßte, Durchlaucht.

Sie machen es mir schwer, indiscret zu sein, wenn Sie selber so sehr discret sind.

Es ist das gar nicht meine Absicht, gnädiger Herr, sagte der Kanzleirath; nur daß ich in der That nicht weiß –

Nun, wenn Sie nichts wissen, lieber Iffler – und Sie sehen in der That nicht aus wie ein Wissender – so kann ich mir auch meine Indiscretion ersparen. Guten Abend, lieber Iffler, und erscheinen Sie morgen eine Stunde früher zum Vortrag, Die Herrschaften kommen um ein Uhr. Es wird im Laufe des Vormittags noch so Mancherlei zu überlegen sein.

Der Kanzleirath ging, unglücklich über seine Dummheit. Und doch hatte die Frage des gnädigen Herrn nur Eine Bedeutung haben können! Wie war es möglich gewesen, das nicht sofort herauszufinden? Und wie sollte er das nun seinen Damen vorbringen? Aber schließlich hatte der Doctor doch die Schuld. Weshalb hatte er sich immer noch nicht erklärt? Er mußte sich erklären, heute Abend noch! Er hatte ja so wie so versprochen, heute Abend vorzusprechen, wenn er von Hühnerfeld zurückkam.

Was gab es denn noch so Wichtiges? fragte der Cavalier, an den Kanzleirath, auf den er im Schloßhof gewartet hatte, herantretend.

O nichts, wenigstens nichts von Bedeutung, erwiederte der Kanzleirath.

Nun, sagte der Cavalier lachend, heute Abend werden Sie hoffentlich weniger zugeknöpft sein. Ich hatte mir nämlich vorgenommen, gegen acht Uhr zu Ihnen zu kommen, wenn Sie nicht in den Kegelklub gehen und Ihre Damen frei sind.

Es wird uns zum größten Vergnügen gereichen, sagte der Kanzleirath stotternd.

Ich komme also, rief der Cavalier, den Kanzleirath auf die Achsel klopfend und sich in das Schloß wendend.

Schon wieder eine Dummheit, sagte der Kanzleirath, den Hut abnehmend und die perlende Stirn vorsichtig bis zu der graublonden Perrücke mit dem seidenen Taschentuche trocknend; nun habe ich sie wieder Beide auf dem Halse. Es ist zum verzweifeln!

Und der Kanzleirath verließ ganz zerknirscht den Schloßhof und machte sich auf den Weg nach seinem Hause, das, ein paar tausend Schritte vom Schlosse entfernt und ebenso viele hundert Schritt von dem Städtchen Rothebühl, an der prachtvollen Chaussée, welche vom Schloß zum Städtchen hinablief, aus Baum und Busch freundlich zu ihm heraufgrüßte.

Der Fürst war, nachdem der Kanzleirath ihn verlassen, auf derselben Stelle stehen geblieben, in tiefes Sinnen verloren. Das halb gütige, halb ironische Lächeln, welches während der Conferenzen mit den Beamten seine Lippen zu umspielen pflegte, hatte einem Ausdruck tiefer Bekümmerniß Platz gemacht.

Es fällt eben Alles von mir ab, murmelte er. Dieser Iffler, der sein Leben damit hingebracht hat, aus den Urkunden zu beweisen, daß wir so gut souverän sind, wie irgend ein Haus in Deutschland: der dem Grafen seine Demüthigung vor diesen übermüthigen Hohenzollern nicht vergeben zu können behauptet – wie zahm ist er jetzt! Wie macht er sich bereit, mit klingendem Spiel in das feindliche Lager überzugehen! Ich kann mich auf Niemand mehr verlassen, am wenigsten auf mich selbst – das ist das Bitterste.

Aus der großen, vom Flüßchen Roda durchströmten Parkwiese unten, auf welche jetzt zwischen den Bäumen hervor die Hirsche erst einzeln, dann rudelweise heraustraten, wehte es kühl herauf. Der Fürst war im Begriff, seinem Kammerdiener zu klingeln und sich einen Ueberrock bringen zu lassen, aber er zog den Finger, der bereits auf der Glocke lag, zurück. Sie konnte jeden Augenblick kommen, sie sollte ihn in dem leichten Sommeranzuge finden; er durfte jetzt, gerade jetzt nicht unnöthigerweise den alten Herrn spielen. Freilich konnte er auch in sein Arbeitscabinet treten, dessen Thür nach der Terrasse offen stand, aber der Sonnenuntergang war so schön mit den goldenen, langgezogenen Wolkenstreifen durch den mattgrünen Himmel und den in rosigem Duft verschwimmenden Bergreihen. Sie liebte dieses Schauspiel so; sie hatten dasselbe so oft von dieser Stelle aus gemeinsam bewundert und jede kleinste Wandelung beobachtet, als sie vor drei Jahren die ersten schönen Frühlingstage hier verlebten.

Drei Jahre!

Die eine Hand auf die Steinbalustrade lehnend, stand der Fürst da und blickte mit starren Augen in den Sonnenuntergang. Aber er sah nichts mehr von dem prächtigen Farbenspiel! Es war der erste wahrhaftige Sonnenschein gewesen in seinem Leben; ein Licht wie aus einer anderen, besseren Welt, ein romantischer Wunderfrühling im Spätherbst seines Lebens – es war sehr, sehr schön und köstlich gewesen.

Und wenn es gewesen und nicht mehr ist, wer trägt die Schuld, als ich selbst? Wer hat den Sonnenschein verdüstert, das Licht ausgelöscht, dem Frühling seine Wunder genommen, seine Romantik abgestreift, als ich selbst, ich selbst!

Ich selbst? Was ist denn meine Schuld, als daß ich gegen mich habe, was Andere für sich haben? Sie war siebzehn, jetzt ist sie zwanzig; ich war zweiundsechszig, jetzt – ich habe die Zeit gegen mich. Das ist es!

Der Fürst schrak zusammen, als er hinter sich auf der Terrasse das Rauschen eines Gewandes hörte. Er strich sich schnell mit der Hand über das Gesicht, und als er sich umwendete, zeigte er der jungen Dame, die in einem Reitkleide von dunkelgrünem Sammt, Baret, Handschuhe und Reitpeitsche in der Rechten, und das lange Gewand mit der Linken hebend, auf ihn zukam, ein lächelndes Gesicht.

Sieh da, Hedwig! Du kommst heut spät zu Deiner Promenade, sagte er, die Stirn der Dame mit seinen Lippen berührend.

Es gab so viel zu thun, erwiederte Hedwig; Conferenzen mit der Putzmacherin, da noch Einiges an den Herrlichkeiten, die Du mir hast kommen lassen – überreich und überreichlich, wie gewöhnlich – zu ändern blieb; dann die Zimmer auszuräumen, obgleich gerade nicht viel von meinen Sachen darin war –

Die Zimmer, fragte der Fürst, Deine Zimmer? Weshalb ausräumen?

Hast Du nicht Befehl gegeben, daß die beiden Zimmer in dem Rothen Thurm noch zu den Fremdenzimmern gezogen werden sollten? erwiederte Hedwig.

Eine zornige Röthe flog über das bleiche Gesicht des Fürsten. Er drückte statt einer Antwort ein paarmal heftig auf den Knopf der Glocke und rief dem alten Kammerdiener entgegen, der aus dem Vorzimmer durch das Arbeitscabinet schnellen Schrittes herankam:

Porst soll hierherkommen, sofort!

Porst ist soeben, wie Herr von Zeisel befohlen, auf dem Küchenwagen in die Stadt gefahren, erwiederte der Kammerdiener.

Er mag, sagte der Fürst, sich in Acht nehmen, wenn er zurückkommt! Uebrigens warst Du ja zugegen, als ich heute Morgen die Befehle gab; und da Dein Herr Schwiegersohn, wie ich weiß, sich seine Lection noch immer erst einmal von Dir überhören läßt, so ist mir der Eine so gut wie der Andere. Wer hat Euch gesagt, daß Ihr an die zwei Zimmer im Rothen Thurm Hand anlegen sollt? Ich frage, wer?

Aber, mein Gemahl, sagte die junge Dame, wenn es ein Versehen ist –

Es ist kein Versehen, sagte der Fürst, und auch kein Verhören, man hätte denn absichtlich nicht sehen und nicht hören wollen – ich kenne das.

Durchlaucht hatten ausdrücklich befohlen, daß die sämmtlichen Wohnräume der hochseligen Frau Fürstin Durchlaucht für die gnädigen Herrschaften eingeräumt werden sollen, sagte der alte Diener mürrisch, und die beiden Zimmer im Rothen Thurm –

Die sämmtlichen, die sämmtlichen Zimmer; rief der Fürst, aber doch selbstredend nur die unbenützten; aber doch selbstredend nicht die, welche die gnädige Frau vom ersten Tage an innegehabt hat –

Aber, mein Gemahl, sagte die junge Dame, der diese Scene außerordentlich peinlich schien, noch einmal.

Bitte, laß mich, sagte der Fürst, ihr seine Hand, welche stark zitterte, schnell entziehend: ich kann keine Diener brauchen, welche klar und deutlich gegebene Befehle so gröblich mißverstehen. Daß die Sache noch heute redressirt ist, bevor die gnädige Frau von ihrem Spazierritt zurückkommt! Du kannst abtreten, Andreas!

Aber wie magst Du Dich nur über eine solche Bagatelle ärgern! sagte Hedwig, sobald Herr Andreas Gleich sich entfernt hatte.

Dein Comfort, Deine Ruhe sind mir keine Bagatelle, erwiederte der Fürst, indem er mit noch zitternder Hand über den glänzenden Scheitel der Dame strich; am wenigsten jetzt, wo ich leider in der Lage bin, unser Leben so uncomfortabel und unruhig machen zu müssen. Das läßt sich nun freilich nicht ändern, aber über das Nothwendige hinaus sollen sie unsere Freiheit nicht beschränken und die Gewohnheiten unseres Lebens nicht stören. Wo wolltest Du heute hin, liebes Kind?

Nach der Fasanerie, erwiederte die Dame. Ich wollte Deine Befehle selbst überbringen. Prachatitz ist so gewohnt, mich dort oben schalten zu sehen; er würde, fürchte ich, immer erst auf meine Ordre warten.

Aber ich denke ja gar nicht mehr daran; sagte der Fürst nicht ohne einige Verlegenheit.

Und ich bitte Dich, meinen unschicklichen und kindischen Widerspruch von vorhin zu vergessen, sagte die Dame; kindisch in der That! Mein Wunsch, das Theehaus so zu lassen, wie ich es damals fand – mit den vergilbten Kupferstichen und den erblindeten Spiegeln, den schönen, alten, wurmstichigen Rococomöbeln, dazu den kleinen Park mit den verrosteten Gittern, umgestürzten Statuen und wild überwucherten Wegen – das ist ja schließlich eine romantische Grille, die dem siebzehnjährigen Mädchen vielleicht nicht übel stand, aber doch jetzt nicht mehr recht für mich passen will. Du lachst? Ja, wenn man vier Jahre so weglachen könnte!

Möchtest Du das Geheimniß verstehen? sagte der Fürst. Es klingt fast so; und für wen wolltest Du es in Anwendung bringen? Für Dich, für mich, für uns Beide?

Er sagte das noch immer lächelnd, aber um seine Lippen zuckte es.

Ich muß fort, sagte die junge Dame, es ist die allerhöchste Zeit. Also, lieber Freund, ich darf Prachatitz die nöthigen Befehle geben?

Im Gegentheil; Du würdest mich ganz besonders verbinden, wenn Du die Sache ruhen ließest und Herrn von Zeisel dahin instruirtest. Auch die beiden Thurmzimmer mußt Du wieder nehmen. Und nun adieu, und reite mir nicht so wild! Wir werden heute Abend Niemand zum Thee haben, Du wirst mit mir vorlieb nehmen müssen.

Vorlieb nehmen? sagte Hedwig. Das klingt wie ein Vorwurf für mich.

Es sollte keiner sein, erwiederte der Fürst.

Denn Du weißt selbst am besten, wie gerade die Abendstunde Deine beste Stunde ist, wie gut es sich da mit Dir plaudert.

Wirklich? sagte der Fürst.

Er hielt die Hand der jungen Dame in der seinigen, seine Augen ruhten mit leidenschaftlichem Ausdruck auf dem schönen Gesicht. Wieder zuckte es um seine Lippen, aber er fand das Wort nicht und ließ mit einem leisen Seufzer ihre Hand aus der seinen gleiten.

Ich will Dich nicht länger aufhalten, sagte er.

Die Dame hatte bereits die Thür zum Salon erreicht, als der Fürst ihr nachrief:

Doch noch Eines, Hedwig! Hat denn der Doctor Dir in letzter Zeit eine Andeutung gemacht, daß er um seine Entlassung einzukommen beabsichtigt?

Hat er das gethan? sagte die Dame.

Es schien, daß sie mit der Schleppe ihres Kleides in der Thür hängen geblieben war; sie bückte sich sehr schnell und ihre Wangen waren, als sie sich langsam wieder aufrichtete, geröthet.

Um seine Entlastung, sagte der Fürst, der ein paar Schritte nach der Dame gemacht hatte, ihr die Schleppe loszulösen. Er hat vorhin, als ich nach der Tafel einen Augenblick mit ihm allein war, darum angehalten, nicht in aller Form, aber doch in einer nicht mißzuverstehenden Weise.

Du hast sie ihm gegeben? sagte die Dame.

Ich werde mich wohl hüten, erwiederte der Fürst, einer reinen Caprice – denn mehr ist es doch schließlich nicht – Vorschub zu leisten. Wirken in's Allgemeine – das sagen die Leute stets und reden sich's auch ein, wenn sie irgendwo ganz im Speciellen der Schuh drückt. Ich habe vorhin bei Iffler auf den Busch geklopft; ich dachte, er habe sich am Ende von der Elise einen Korb geholt, aber Iffler schien wirklich nichts davon zu wissen – freilich kein zwingender Beweis; er weiß selten, was er wissen soll – vielleicht bekommst Du es heraus.

Auf den schönen Zügen der Dame lag es wie eine Wolke und bei den letzten Worten des Fürsten flammte ein Blitz aus ihren dunklen Augen. Sie richtete den Kopf stolz in die Höhe, sah dem Fürsten gerade in's Gesicht und sagte:

Es bedarf dessen nicht; der Doctor ist nicht der Mann, Dich oder sich selbst mit Scheingründen zu täuschen. Und sind denn die Gründe, die er vorgebracht, nicht stichhaltig?

Du sprichst ja, als ob Du diese Gründe kenntest! unterbrach sie der Fürst.

Ich kenne sie nicht, erwiederte die Dame noch lebhafter als zuvor; wenigstens hat er sie mir nicht mitgetheilt. Aber ich kann mir denken, was einen Mann, wie den Doctor, von hier treibt; ich kann mir denken, wie es ihn drängt, seine Kraft, sein Wissen auf einem größeren Felde zu verwerthen; kann mir denken, wie ihm die Enge unserer Verhältnisse –

Sie brach plötzlich ab, als fürchtete sie, zu viel zu sagen. Ihre Wangen hatten sich mit einer brennenden Röthe überdeckt, der Fürst dagegen war sehr blaß geworden und mit blassen Lippen sagte er:

In der That, Enge der Verhältnisse! Nun, ich sollte meinen, die Verhältnisse, in denen ich ihn vor drei Jahren fand, aus welchen ich ihn vor drei Jahren zog, wären enger gewesen. Freilich, es verstehen Wenige die Kunst, sich empfangener Wohlthaten gern zu erinnern.

Und Wenige die schönere, gewährte Wohlthaten gern zu vergessen.

Ich hoffe, liebe Hedwig, Du hast diese Bemerkung nicht auf mich gemacht.

Er fühlte die Kniee unter sich wanken, nur mit Mühe hielt er sich aufrecht. Sollte die Abrechnung, die er immer gefürchtet hatte, die er in letzter Zeit näher und näher hatte hereindrohen sehen, jetzt erfolgen?

Wie sollte ich, sagte Hedwig; Du kennst ja meine Unart, bei jeder Gelegenheit Sylben zu stechen! Und welche Anwendung hätte das auch auf unseren Fall? Aber nehmen wir die Sache wie sie liegt. Du hast den Doctor damals auf drei Jahre engagirt, die Zeit ist abgelaufen; Du wärst der Letzte, der ihn halten wollte, wenn er selbst sich nicht mehr gehalten fühlt.

Du irrst, liebe Hedwig, sagte der Fürst. Ich will aufrichtig sein und eingestehen, daß ich ihn sehr ungern verlöre. Er kennt mich, ein Anderer müßte mich erst kennen lernen; vor Allem, ich habe mich einmal an ihn gewöhnt, ich habe ihn gewissermaßen gern. Und ganz abgesehen von mir: Gräfin Stephanie ist, wie Du weißt, der ärztlichen Hülfe entschieden bedürftig. Die Generalin selbst ist sehr ängstlich; ich habe ihr versprochen, daß Stephanie meinen Leibarzt vorfinden wird, für dessen Geschicklichkeit ich mich verbürge. Wie fatal wäre es mir nun, nachdem Alles verabredet ist und wir sie morgen schon hier haben werden, mein Versprechen nicht halten zu können!

Aber der Doctor wird doch nicht alsbald fort wollen? fragte Hedwig.

Doch, doch, sagte der Fürst. Man hat ihm auf der Naturforscher-Versammlung neulich den Kopf so warm gemacht. Er muß sich in kürzester Zeit entscheiden. Es ist fatal, wirklich recht fatal.

Und doch bleibt Dir nur Eines übrig, sagte Hedwig. Ich bin überzeugt, Du wirst, wenn Du es ruhig überlegst, zu demselben Resultate kommen.

Der Fürst lächelte.

Nun gut, sagte er, wir wollen es uns ruhig überlegen. Vorläufig haben wir uns in eine Aufregung hineingesprochen, welche die Sache denn doch wohl nicht verdient. Mache Du Deinen Ritt, ich will eine Stunde lesen. Wir sprechen heute Abend beim Thee weiter darüber. Adieu, liebe Hedwig!

Er küßte der jungen Dame die Hand und begleitete sie durch den Salon, an dessen Fenster er stehen blieb, um sie unten im Schloßhof ihr Pferd, welches der Reitknecht nebst dem seinigen am Zügel führte, besteigen zu sehen.

Sie hatte im Davonsprengen mit der Reitpeitsche heraufgegrüßt und er hatte mit der Hand hinabgewinkt und hatte dann gewartet, um noch einen Schimmer von ihr zu haben, wenn sie über die Brücke ritt, welche unten im Thal über das Flüßchen führte und die er durch eine Lücke zwischen dem Cavalierhause und einem andern Gebäude des Schlosses sehen konnte. Schnell, wie sie ritt, pflegte sie in zwei, höchstens fünf Minuten dort zu sein; aber die fünf Minuten vergingen – es vergingen zehn Minuten – der Fürst machte ärgerlich das Fenster zu. Die Thür nach der Terrasse war offen geblieben. Er merkte jetzt erst, daß er in einem lebhaften Zuge gestanden hatte.

Er fühlte sich frostig und unbehaglich; in seinem Arbeitscabinet angekommen, klingelte er.

Durchlaucht befehlen? sagte der eintretende Kammerdiener.

Ich wollte das Feuer im Kamin angezündet haben, erwiederte der Fürst. Indessen laß es nur, man darf sich nicht verwöhnen.

Und andere Menschen auch nicht, halten zu Gnaden, Durchlaucht.

Was meinst Du?

Ich wollte mir nur erlauben, zu bemerken, daß Durchlaucht während der vierzig Jahre, die ich Durchlaucht zu dienen die Ehre habe, mich durch Ihre Güte etwas sehr verwöhnt hat, so daß mir ein hartes Wort von Durchlaucht ganz besonders wehthut; und da Durchlaucht nun einmal keine Diener brauchen kann, welche die Befehle von Durchlaucht so gröblich mißverstehen –

Kommst Du nun auch noch? unterbrach der Fürst den Redenden heftig. Willst mir auch den Stuhl vor die Thür setzen? Seid Ihr denn Alle toll geworden? Oder glaubt Ihr Euch dadurch ganz besonders bei dem neuen Herrn zu insinuiren, wenn Ihr gegen den alten noch zu guter Letzt möglichst undankbar und impertinent seid? So wartet doch wenigstens, bis Ihr das reine Wasser habt, ehe Ihr das alte wegschüttet! Ich werde Euch dem Grafen denunciren; er soll sich vor solchen treulosen Schelmen hüten. Und nun habe ich genug von der Sache. Gieb mir die Decke da; ich habe im Zuge gestanden, das bekommt mir immer schlecht.

Der Fürst hatte sich in ein Fauteuil geworfen und hüllte sich fröstelnd in die weiche Decke.

Durchlaucht hätten auf der Terrasse bleiben sollen, sagte der Kammerdiener mit einer Bestimmtheit, als ob die letzten Worte seines Herrn nur eine Erklärung zuließen. Die gnädige Frau sind nach der Fasanerie geritten.

Hast Du sie gesehen?

Ich stand just hier am Fenster und sah die gnädige Frau den Weg nach der Fasanerie hinauf galoppiren. Es ging ein wenig schnell für den steilen Weg.

Da hätte ich freilich lange warten können, sagte der Fürst. Was sie noch oben wollen mag? Die Sache ist doch abgemacht.

Der Fürst sprach das halb für sich, halb für den Kammerdiener. Er war seit vielen Jahren gewöhnt, sich von Herrn Andreas Gleich seine Zweifel lösen und seine Gedanken deuten zu lassen.

Vielleicht reitet die gnädige Frau noch über die Fasanerie hinaus auf den Weg nach Hühnerfeld; man hat von dort eine gar schöne Aussicht auf das Schloß hier und auf das Thal der wilden Roda nach der andern Seite.

Als Herr Gleich bei diesen Worten sich langsam aus seiner knieenden Stellung aufrichtete, warf er einen schnellen prüfenden Blick auf Stirn und Augen des Gebieters.

Nicht sehr wahrscheinlich, sagte der Fürst.

Vielleicht daß die gnädige Frau dem Herrn Doctor, der um diese Zeit zurückkommen muß, etwas mitzutheilen hat?

Noch viel unwahrscheinlicher, murmelte der Fürst. Ich habe der gnädigen Frau nicht gesagt, daß der Doctor hinaufreiten würde.

Aber ich hörte, wie der Herr Doctor der gnädigen Frau es bei der Tafel mittheilte.

In der That, sagte der Fürst; Du hörst wohl so ziemlich, was im ganzen Salon gesprochen wird?

So ziemlich, sagte der Kammerdiener. Sonst haben Durchlaucht für den Augenblick nichts zu befehlen?

Der Fürst hatte den Kopf in die Hand gestützt; der Kammerdiener, welcher keine Antwort bekam, wollte sich geräuschlosen Schrittes entfernen, als der Fürst hinter ihm herrief:

Du kannst bei der gnädigen Frau, wenn sie zurück ist, anfragen lassen, ob sie vielleicht vorzieht, den Thee auf ihrem Zimmer zu trinken. Ich fühle mich ein wenig angegriffen, und muß doch morgen frisch sein; auch habe ich ein paar nothwendige Briefe zu schreiben.

Sehr wohl, Durchlaucht, sagte Herr Gleich, die Thür leise hinter sich zuziehend.

Der Fürst saß regungslos, die weißen schönen Hände auf der Decke ausgestreckt. Er dachte an morgen, wo die Ruhe und Stille um ihn her, die er so liebte, durch die laute Gegenwart von Menschen, die er im Grunde haßte, gestört sein würde, und er nicht wohl, wie jetzt, sich zurückziehen könnte, seinen Gedanken nachzuhängen.

Ein fragliches Glück, Gedanken nachzuhängen, die vor uns hertrotten wie die Pferde eines Leichenzuges, und ich selbst bin der Todte, den sie zu Grabe tragen! Weshalb habe ich sie mir denn eingeladen? Ich weiß es selbst kaum noch, und doch habe ich recht gehabt; ich hatte nicht zu düster gesehen; es stand ihr zu deutlich auf der Stirn geschrieben, es blickte aus ihren Augen, es klang hervor aus jedem ihrer Worte, aus dem Ton ihrer Stimme! Nur eben jetzt!

Wie das Alles scheinbar so ohne Beziehung gesagt war, und doch so absichtsvoll! Wenn man vier Jahre weglächeln könnte! Vier Jahre – was wäre das! Wenn es noch vierzig wären! Und ich liebe sie besser als ein Jüngling von zwanzig, mehr als ein Mensch sie lieben kann! O, mein Gott, mein Gott wie ich sie liebe!

Der Fürst warf sich in seinem Sessel herum, er konnte keine Ruhe finden. Er legte seine rechte Hand um das Gelenk der linken.

Pah, sagte er, ich bin nervös und fieberhaft; mein Nachfolger wird nicht allzu lange zu warten brauchen. Und er ist ein Herkules im Vergleich mit mir. Das Exerciren auf ihren langweiligen Paradeplätzen erhält diese Leute frisch und dumm. Nein, dumm ist er nicht, er ist mir nur antipathisch. Es wird eine solche Freude für mich sein, meinen blühenden Nachfolger hier vor mir herumspazieren zu sehen, und für den Nachfolger des Nachfolgers ist ja wohl auch schon gesorgt.

Der Fürst lachte. Es war kein heiteres Lachen, und dann seufzte er tief. Herr Gleich, der im Vorzimmer mit dem einen Ohr an der Thür stand, nickte zufrieden.

So was kommt bei ihm immer nach, sagte er, sich jetzt emporrichtend; man muß nur jede Gelegenheit benützen; einmal wird er's doch merken. Und ich müßte ja schon viel weiter sein, wenn der Dietrich nicht ein solcher Strohkopf wäre. Er sagt, er könne nichts Besonderes sehen, wenn sie so zusammen ritten, und hören könne er auch nichts. Ich sollte nur an seiner Stelle sein; ich wollte schon hören, was zu hören, und sehen, was zu sehen ist.

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