Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Spielhagen >

Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
Schließen

Navigation:

Siebzehntes Kapitel.

Am Frühabend des nächsten Tages bewegte sich eine lange Reihe fürstlicher Equipagen die schöne Chaussée hinauf, welche von Roda über die Fasanerie rechts durch den Wald nach dem Jagdschlosse und nach den in der Nähe des Jagdschlosses auf einem einsamen Bergkegel gelegenen Ruinen der uralten Rodaburg führte. Die wirkliche Entfernung vom Schlosse betrug nur eine halbe Meile; doch hatte man, um die allzu starke Ansteigung zu vermeiden, sich in unzähligen Curven die Berge hinaufwinden müssen. Der Weg war dadurch um das Doppelte lang geworden und auch so mußten die herrlichen Pferde sich an manchen Stellen fester in das Geschirr legen und aus dem Trab in Schritt fallen.

Aber Niemand, der für die Reize eines Bergwaldes an einem schönen Sommertage empfänglich ist, könnte mit diesem Tempo unzufrieden sein, sagte Herr von Zeisel mit Enthusiasmus. Ich bitte Sie, meine Damen, sind sie nicht über alle Beschreibung herrlich, diese goldenen Lichter auf den moosigen Stämmen, auf dem kräuterübersponnenen Waldgrunde, und diese dämmerigen Schatten in den Waldeshallen, und nun, dieser Blick hier in das duftige Blau des wilden Rodathales! Ach, schon ist er wieder verschwunden, aber wir werden ihn ein paar hundert Schritte weiter auf der Höhe noch einmal und großartiger haben; und dazu eine allerdings etwas coupirte Aussicht auf das Thal unserer zahmen Roda mit dem Schloßberge; ich hoffe, Durchlaucht wird auf dem Punkt ein paar Minuten anhalten lassen, ich habe ihn wenigstens darum gebeten. – Der Wagen von Durchlaucht hält schon; wollen wir einen Augenblick aussteigen, meine Damen; darf ich bitten, Mr. Simpleton?

Herr von Zeisel war in einer fieberhaften Aufregung. Die Damen des Wagens waren Niemand anders als die Gegenstände seiner vorletzten und letzten Liebe: Fräulein Elise Iffler und Fräulein Adele von Fischbach.

Er hatte heute Morgen einen großen Schrecken bekommen, als der Fürst, dem er über seine für die Fahrt getroffenen Anordnungen referirte, zuletzt sagte: Und ehe ich's vergesse, lieber Zeisel, wir müßten auch wohl Ifflers wieder einmal eine Aufmerksamkeit erweisen; ihn selbst mag ich nicht, ich kann mich neuerdings in sein Wesen noch weniger finden als sonst schon; auch seine Frau könnten wir wohl weglassen, aber wir haben eine Menge junger Mädchen in der Gesellschaft, da mag die Tochter so mit unterlaufen. Sie könnten eine halbe Stunde vorher meinen Wagen mit einem Billet hinschicken. Seien Sie so gut, das Nöthige zu veranlassen.

Herr von Zeisel war außer sich. Er hatte sich seit gestern Abend wie ein Kind auf die Fahrt gefreut, die ihn wieder mit Fräulein von Fischbach zusammen und, wenn irgend möglich, in einen Wagen bringen sollte. Er hatte eine süße Ahnung, daß sich auf dieser Fahrt sein Schicksal entscheiden werde. Auf alle Fälle wollte er das Philomelen-Sonett zu sich stecken, und nöthigenfalls glaubte er, auch in Prosa sein übervolles Herz ausschütten zu können. Der wolkenlose Sommerhimmel war ihm den ganzen Tag wie die Kuppel eines Domes erschienen, aus dem die lieblichen Chöre unsichtbarer Engel herabtönten, die alle Adele, Adele sangen – und nun, und nun!

Aber das einmal entfesselte Unglück wollte sobald nicht wieder schlafen gehen.

Er hatte es besonders geschickt anzufangen geglaubt, als er sich von dem Fürsten die Erlaubniß erbat, die jüngeren Leute in den drei letzten Wagen, von den älteren Herrschaften getrennt, unterzubringen, um so in der Vertheilung freieste Hand zu haben. Nun hatte er Fräulein Elise Iffler an Mr. Alfred Simpleton, den ältesten der beiden Brüder, gegeben, und ihnen nebst dem jungen Herrn von der Kuhruh und der Baroneß Auguste Manebach den ersten der drei Wagen angewiesen, während er selbst für sich und Fräulein von Fischbach und für die jüngste Baroneß Clotilde von Manebach, mit Mr. Arthur Simpleton als Cavalier, den letzten Wagen reservirt hatte. Er war noch einmal die lange Reihe der Wagen hinabgegangen. Alles war in bester Ordnung; die ersten setzten sich bereits in Bewegung; er eilte, zu seinem Wagen zu kommen und fand in demselben allerdings Fräulein Adele, aber auch zu seinem Entsetzen statt Mr. Arthur, Mr. Alfred Simpleton, und anstatt Fräulein von Manebach Fräulein Elise Iffler. Die beiden jungen Engländer hatten in der Eile die Wagen verwechselt. Das Unglück war geschehen, es wieder gut zu machen in diesem Augenblick unmöglich.

Und da saß nun Herr von Zeisel und erlaubte sich, im Bewußtsein seiner Schuld, nicht, die Augen geradeaus zu richten, sondern ließ seine Blicke nur rechts oder links schweifen und, ihren Weg von der einen Seite nach der andern stets nur oben über den blauen Himmel oder unten über seine eigenen und Mr. Alfred Simpletons Kniee nehmen. Ebensowenig wagte er an eines der beiden jungen Mädchen unmittelbar das Wort zu richten, und wenn eine directe Anrede unerläßlich war, sagte er: meine Damen; vermied auch geflissentlich jedes Thema, das irgendwie eine persönliche Wendung hätte nehmen können, sondern hielt sich beständig auf dem neutralen Boden der Naturbewunderung und wurde in seinen Dithyramben von Mr. Alfred secundirt, der alle fünf Minuten regelmäßig ein monotones beautiful oder very fine indeed einfließen ließ, worüber Adele von Fischbach hinter ihrem Sonnenschirm ein paarmal herzlich lachte, während Elise Iffler von Allem, was um sie vorging, nichts zu sehen und zu hören schien, sondern unverwandten Blickes vor sich hinstarrte.

Wie ein egyptisches Isisbild, sagte der ironische Herr von Zeisel, als er jetzt den Damen aus dem Wagen geholfen hatte und nun endlich ein paar Schritte abseits mit Adele ein freies Wort sprechen konnte.

Ist die junge Dame immer so? fragte Adele unschuldig.

Ich weiß es nicht, erwiederte der schuldbewußte Cavalier.

Aber ich denke, Sie verkehren seit einem Jahre täglich in dem Hause? fragte Adele.

Seit einem Jahre? täglich? rief Herr von Zeisel. Um Himmelswillen, wer kann Ihnen das gesagt haben! Ein paar Besuche, meist geschäftlicher Natur, und wenn daraus wirklich mit der Zeit eine Art von geselligem Verkehr – ach, mein gnädiges Fräulein, Sie, die Sie in so glücklichen Verhältnissen leben, glauben nicht, wie dem Einsamen zu Muthe ist, wie er sich nach Gesellschaft sehnt, in dieser Sehnsucht oft mit der unbedeutenden, ja der unbedeutendsten fürlieb nimmt, während die gute, die beste so nahe ist! Hätte ich vor einem Jahre, als ich hieherkam, das Glück gehabt, Ihren trefflichen Herrn Vater, Ihre verehrte Frau Mutter kennen zu lernen und die Erlaubniß erhalten, Ihnen in Buchholz aufwarten zu dürfen, wie anders würde dies Jahr für mich vergangen sein!

Nun, sagte Adele, es ist wirklich ganz hübsch bei uns, ein bischen einfach natürlich, wie sich das für uns schickt; für Sie, der Sie so verwöhnt sind, vielleicht ein wenig zu einfach.

Das ist unmöglich! sagte der Cavalier mit Enthusiasmus. Das Einfache ist meine Liebe, meine Anbetung, mein Leben; ich kann mein Glück nur in der Einfachheit finden.

Nun dann können Sie es ja einmal mit uns wagen, sagte Adele lachend.

Ich hatte mir vorgenommen, schon morgen herüberzukommen sagte Herr von Zeisel; nun aber hat sich heute die Frau Gräfin Mutter definitiv für morgen angemeldet.

Dann also übermorgen, sagte Adele. Aber ich glaube, wir werden wieder einsteigen müssen.

Die kleine Unterredung hatte Herrn von Zeisel merkwürdig erquickt; er fühlte sich nicht mehr ganz so nervös; wenigstens hatte er seine Augen, die vorher ruhelos umherschweiften, so weit in der Gewalt, daß er sie von Zeit zu Zeit auf Adelens frisches lachendes Gesicht wenden konnte. Auch war seine Naturbewunderung nicht mehr ganz so überschwänglich, trotzdem man eben jetzt – unmittelbar unter der Höhe, auf welcher das Jagdschloß lag – so recht im Herzen der Berge sich befand, wo der Hochwald seine ganze Pracht und Majestät enthüllte und wie mit einem Zauberbann die übermüthige Gesellschaft umfing, die stiller und stiller wurde, bis man zuletzt nur noch den Hufschlag der Pferde und das Geräusch der Räder vernahm und erst wieder freier aufzuathmen wagte, als man aus der grünen Waldesdämmerung heraus auf den freien Platz vor dem Jagdschlosse gelangte.

Hier begrüßte die Gesellschaft der fürstliche Oberforstmeister von Kesselbusch, ein alter Herr mit langem schneeweißen Schnurrbart, der seinerzeit mit dem Fürsten zusammen erzogen und diesem noch immer eng befreundet war. Seit einigen Jahren verließ er seiner Kränklichkeit wegen nur noch selten das Haus, welches, dem Jagdschloß gegenüber, aus dem Grün der Büsche und Bäume freundlich herüberblickte.

Der Fürst stellte den alten Herrn der Gesellschaft vor und nahm die Meldung des Castellans entgegen, unter dessen Führung man sich alsbald an die Besichtigung des Schlosses machte, eines schönen, von dem Vater des Fürsten angefangenen und von ihm selbst in den ersten Jahren seiner Regierung vollendeten Baues in romanischem Styl, dessen bedeutende Verhältnisse vortrefflich mit der ernsten Natur rings umher harmonirten und von Kennern und Nichtkennern gebührend gepriesen wurden, ebenso wie die innere Einrichtung, deren einfache Gediegenheit ganz dem Charakter und Zweck des Schlosses angepaßt war.

Die zahlreiche Gesellschaft hatte sich im Anfang ziemlich zusammengehalten, aber man hatte kaum den stattlichen, mit den seltensten Hirschgeweihen und anderen Jagd-Trophäen geschmückten Vorsaal und die ersten Zimmer durchschritten, als man sich, da die Einen dem führenden Castellan folgten, die Anderen sich von diesem oder jenem besonders kostbaren Möbel oder merkwürdigen Gemälde hatten fesseln lassen, zu trennen begann, und so währte es nicht lange, bevor sich der Schwarm der Herren und Damen durch die beiden Etagen des Schlosses und durch sämmtliche Räume zerstreut hatte.

Der Fürst, welcher dergleichen Verstöße gegen die von ihm beliebte Ordnung sonst nicht eben gnädig aufnahm, schien es heute nicht zu merken. In sich gekehrt, schweigsam, nur dann und wann ein Wort an den Oberforstmeister oder an Herrn von Fischbach richtend, schritt er dahin, oft stehen bleibend und seine Blicke über die Gegenstände in den Zimmern schweifen lassend, von denen ein jeder ihm irgend eine Erinnerung erweckte.

Es waren keine freundlichen Erinnerungen.

Er hatte vor fündunddreißig Jahren, als das Schloß eben vollendet war, mehrere Sommer mit seiner jungen Gemahlin hier residirt und sich in ein Glück hineinzuträumen versucht, das niemals Wirklichkeit werden sollte. Der kalte enge Geist der Prinzessin hatte jede herzliche Annäherung seinerseits vereitelt und ihm nach und nach die kinderlose Ehe zu einer Qual gemacht, von der ihn nicht einmal der nach vier Jahren erfolgende Tod der beständig kränkelnden Frau vollständig erlöste; der dunkle Schatten des unseligen Verhältnisses hatte ihm, dem um seine liebsten Hoffnungen Betrogenen, das ganze folgende Leben verdüstert. Er hatte mit dem liebebedürftigsten Herzen ein liebeleeres Dasein verseufzt und von Stunde an die Frauen gemieden; er, der sich durchaus bewußt war, in der Liebe einer Frau, die er aus voller Seele wieder lieben durfte, einen Schutz und Schirm finden zu müssen gegen das Leben, das den Weichmüthigen, Phantastischen wie eine öde liebeleere Wüste und oft genug wie eine drohende, unheilvolle Sphinx anstarrte. Und als nun endlich zu einer Zeit, wo fröhliche Enkel die Kniee glücklicherer Männer umspielen, ihm eine Gestalt entgegentrat die, nur die wesenhafte Erfüllung seiner Träume schien; als er mit einer Leidenschaft, die er nicht zu äußern wagte, diese holdselige Gestalt in seines Herzens Herzen aufnahm, da hatte er erfahren sollen, daß, was er bis jetzt für Schmerz und Leid gehalten, nur die Wolke gewesen war, die den Himmel trübt, daß der fürchterliche erbarmungslose Sturm erst jetzt über ihn hereinbrechen sollte, wo er keine Kraft mehr hatte, demselben zu widerstehen, wo ihm, wie dem alten Lear in der Gewitternacht auf der Haide, kein Ausweg blieb als Wahnsinn oder Tod.

Und dann raffte er sich gewaltsam aus diesem düsteren Brüten auf und lächelte zerstreut zu einer Bemerkung des alten Herrn von Fischbach, oder beantwortete eine Frage des Oberforstmeisters und versank dann wieder in sein dumpfes Wehgefühl, das über ihm zusammenschlug wie das stille Wasser eines Waldsees über dem Selbstmörder, und fuhr erschrocken auf, als er sich plötzlich, in der Fensternische eines der Säle – die Herren seiner Begleitung bewunderten in einer anderen Ecke des Saales eine Sammlung alter Waffen – an der herabhängenden Hand ergriffen fühlte.

Aber es war nicht Hedwig, deren Bild jetzt wie immer vor seiner Seele gestanden, es war Fräulein Elise Iffler, die seine Hand erfaßt und an ihre Lippen geführt hatte und, mit schwärmerischem Blick zu ihm aufschauend, flüsterte: Mein hoher Herr!

Gutes Kind! sagte der Fürst.

Er wußte nicht recht, wie die junge Dame zu einer so ganz außergewöhnlichen, gegen alle Etikette verstoßenden Handlung kam; vielleicht hatte er die schmerzlichen Gedanken, die ihn erfüllten, zu deutlich auf seinem Gesichte gezeigt und die naive Kleine wollte ihm ihre Theilnahme auf diese sonderbare Weise zu erkennen geben.

Mein hoher Herr! sagte Elise noch einmal.

Vielleicht war es auch etwas Anderes: die Kleine hatte ein Anliegen und wagte nicht mit der Sprache herauszukommen. Und was konnte dies für ein Anliegen sein, als ihr Verhältniß zu dem Doctor, von welchem er seinerseits immer gewünscht hatte, daß es zu einer Heirath führe. Hermann hatte sich heute persönlich von der Partie entschuldigt, da er seine Abreise nun, nachdem die Ankunft der Generalin mit dem geheimen Rath definitiv auf den morgenden Tag festgestellt war, nicht länger verschieben könne. Es war eine Art von Abschiedsaudienz gewesen. Der Fürst hatte seine Empfindlichkeit nicht verbergen können und man hatte sich nicht freundlich getrennt.

Es thut mir selber herzlich leid, sagte der Fürst in gütigem Ton; aber vielleicht bringt die Zukunft, was die Gegenwart versagt, wenn nicht mir, so doch Ihnen, liebes Kind, die Sie noch so jung sind.

O, ich werde zu warten wissen, sagte Elise; ein so hohes Glück kommt dem bescheidenen Herzen immer noch zu früh.

Erscheint Ihnen diese Verbindung als ein so hohes Glück? fragte der Fürst mit melancholischem Lächeln.

Das können Durchlaucht fragen? flüsterte Elise, die Hand auf's Herz legend und ihre Augen schamvoll senkend.

Nun, nun, sagte der Fürst, hoffen wir, daß Ihnen in Fülle wird, was Sie jetzt in der Jugend so heiß wünschen, und hoffen wir, daß es Ihnen nicht erst im Alter wird. Was ich dazu thun kann – es wird freilich herzlich wenig sein – soll gewiß geschehen. Und nun, liebes Kind, sehen Sie, daß Sie sich wieder an die junge Gesellschaft anschließen können.

Elise wollte dem gnädigen Herrn noch einmal die Hand küssen, aber er wehrte es freundlich ab und wendete sich zu seinen Begleitern. Sie eilte davon, ganz berauscht von einem Erfolge, der ihre kühnsten Erwartungen so weit übertroffen, wenn die Mama auch immer gesagt hatte: Glaube mir, Elischen, es handelt sich nur darum, daß man den alten Herrn zum Reden bringt.

Der übrige Theil der Gesellschaft schweifte noch immer in Gruppen, wie sie der Zufall oder die Laune gebildet hatte, durch die Räume des Schlosses. Herr von Zeisel, eingedenk des alten Wortes, daß, wer die Tochter haben will, zuerst der Mutter den Hof machen müsse, ließ Frau von Fischbach nicht von seinem Arm und legte für die etwas corpulente Dame eine so ängstliche Sorgfalt an den Tag, wenn er sie die Treppen hinauf- oder hinabführte, als müsse ein falscher Tritt unabwendbares Verderben auf sie herabziehen. Der Marquis hielt sich, so weit es, ohne die Aufmerksamkeit zu erregen, möglich war, in Hedwigs Nähe. Er konnte sich freilich nicht verhehlen, daß einen weniger erfahrenen oder muthigen Mann als den Marquis de Florville die ernste, ja finstere Miene der schönen Dame hätte stutzig machen können; ihm freilich konnte ein solches Versehen nicht passiren. Im Gegentheil! er wußte es Hedwig Dank und hielt es für einen schlagenden Beweis ihrer Klugheit, daß sie durch ihre ruhig gesellschaftliche Haltung jede Möglichkeit eines Verdachtes abwehrte und die Blicke der Späher so gründlich täuschte.

So dachte der Marquis, während er an Hedwigs Seite, die dem Fräulein von Fischbach den Arm gegeben, durch die Gemächer schritt, und er mußte jedesmal innerlich schadenfroh lachen, wenn er auf dieser Wanderung an dem Grafen vorüberstrich, der sich fast ausschließlich mit dem Baron Neuhof unterhielt. Er wird den Mann zu seinem Vertrauten gemacht haben, sagte der Marquis bei sich, und die Beiden stecken nun ihre Köpfe zusammen und wundern sich, daß ihnen kein gescheiter Einfall kommt, wie sie mich loswerden könnten – diese dummen deutschen Bestien!

Der Graf hatte die vergangene Nacht fast schlaflos hingebracht. Der entsetzliche Gedanke, welchen er zuerst fast wie eine Versündigung an Hedwig, mindestens doch an seinem eigenen Stolze mit Abscheu von sich gewiesen, war immer wieder und wieder in sein überreiztes Gehirn zurückgekehrt und hatte endlich nicht mehr daraus weichen wollen. Er erinnerte sich, daß der Marquis den Fürsten und Hedwig schon vor vier Jahren auf der italienischen Reise getroffen habe und damals wochenlang in ihrer Gesellschaft gewesen sei. Er dachte daran, welche Leidenschaften damals in dem jungen siebzehnjährigen Mädchen gewühlt, wie ihr Herz von einer verrathenen Liebe geblutet und wie unwahrscheinlich es sei, daß dies junge blutende Herz in der Liebe eines Greises Trost gefunden; wie wahrscheinlich dagegen, daß ein jüngerer, überaus gewandter und ohne Zweifel auffallend schöner Mann, wie der Marquis, sie besser zu trösten verstanden habe.

Und weiter dachte er, daß der Marquis schon damals seinen Besuch versprochen und, wenn er mit der Ausführung desselben so lange gezögert, dies von anderen Umständen abgehangen haben konnte; jedenfalls die lange Dauer des Attachement von Seiten eines so frivolen Mannes im höchsten Grade auffallend sei und auf die Intimität ihres früheren Verhältnisses einen Rückschluß erlaube. Daß aber den Marquis das Interesse an der deutschen Landwirthschaft nicht hiehergeführt, bedurfte keines Beweises; und war der Mann, wie es dem Grafen jetzt fast zur Gewißheit geworden war, wirklich nur einer von den vielen französischen Emissären, die in diesem Augenblicke vor dem wahrscheinlichen Ausbruche eines Krieges in Deutschland herumreisten – nun, so sprach auch das nicht dagegen; man war ja gewandt genug, mehrere Interessen auf einmal zu verfolgen und das Nützliche mit dem Angenehmen auf diese bequeme Weise zu verbinden.

Er hatte seinem Freund den Verdacht, der sich mit dämonischer Gewalt immer tiefer in sein eifersüchtiges Herz bohrte, mitgetheilt, aber theils aus Wahrheitsliebe, theils aus Stolz sogleich hinzugefügt, daß er seiner Sache keineswegs sicher sei, ja, so sehr auch der Anschein: ihr Benehmen gestern Abend, der bloße Umstand, daß der Marquis heute noch auf dem Schlosse sei, gegen Hedwig spreche, er sie dennoch einer so elenden Intrigue – er kam immer wieder auf das Wort zurück – für unfähig halte und jedenfalls, bevor er weiterzugehen wagte, die zwingende Bestätigung abwarten müsse. Der Baron hatte ihm nicht direct widersprechen können; in solchen Dingen müsse man allerdings mit der größten Vorsicht operiren. Die Möglichkeit, daß Alles auf einem Irrthum beruhe, sei ja durchaus vorhanden, wenn er auch nach seinen Erfahrungen von den Frauen in der Sache selbst etwas so Ungeheuerliches und Außerordentliches nicht sehen könne. Dann war er, bemerkend, wie peinlich diese Wendung den Grafen berührte, auf den von ihm gestern bereits angeregten Gedanken zurückgekommen, ob es nicht weit einfacher sei, die Politik zum Vorwand zu nehmen, wenn man einen Vorwand nennen könne, was für den Grafen als preußischen Edelmann und Officier, der triftigste Grund von der Welt sei. Hatten doch die Zeitungen heute Morgen bereits die famose Phrase des pays von dem Caudinischen Joch gebracht, das für Preußen bereit sei und unter das sich Preußen, ohne Kampf besiegt und entwaffnet, beugen würde.

Ihr Kriegsgeschrei soll bis jetzt ohne Antwort geblieben sein, sagte der Baron; nun gut, gieb Du dem Burschen die Antwort, die ihm gebührt. Sprich Du mit ihm die Sprache, die Preußen bis jetzt leider nicht gesprochen hat und schicke ihn seines Weges.

Ich habe bereits wiederholt daran gedacht, erwiederte der Graf, aber es ist unmöglich, nicht blos aus dem Grunde, den ich Dir gestern mittheilte, sondern vor Allem, weil ich, gerade als Officier, eine Sache, die der König noch nicht dafür geeignet hält, nicht zum Gegenstand eines Streites machen kann.

Du bist nicht in der Lage des Königs, sagte der Baron; vielleicht sind sie in Berlin einfach nur noch nicht fertig. Jeder Tag ist jetzt so und so viel Millionen Thaler und so und so viel tausend Menschen werth. Du bist fertig, also: en avant!

Es geht nicht, sagte der Graf.

Nun denn, rief der Baron ungeduldig, ich habe nicht so strenge Rücksichten zu beobachten wie Du, von den anderen Bedenken ganz zu schweigen. Laß mich für Dich handeln, so ist die Sache abgemacht.

Ich danke Dir, Curt, sagte der Graf lächelnd, aber ich kann Dich nicht für mich in's Feuer schicken.

Es ist gut, Henri, daß Dein Muth über alle Zweifel erhaben ist; so müssen wir uns freilich auf's Warten verlegen, erwiederte der Baron verdrießlich.

Vielleicht brauchen wir das nicht lange zu thun, sagte der Graf.

Die letzten Worte waren bereits auf dem Platze vor dem Schlosse gesprochen, wo sich jetzt nach und nach die ganze Gesellschaft zusammenfand. Herr von Zeisel drängte zur Eile, die Sonne ging in einer Stunde unter; eine halbe Stunde brauchte man, um von dem Schlosse durch den Bergwald auf den Gipfel und zur Ruine zu kommen. Er bat den Fürsten um die Erlaubniß, das Zeichen zum Aufbruch geben zu dürfen. Für die älteren Herrschaften standen Wagen bereit, da ein, allerdings etwas steiler und beschwerlicher Fahrweg bis unmittelbar unter die Ruinen führte. Die jüngere Gesellschaft machte sich unter dem Vortritt einiger Förster zu Fuß auf durch den Wald, den man nach wenigen Minuten durchmessen hatte, um beim Heraustreten auf der andern Seite sich des wundersamsten Anblicks zu erfreuen.

Vor den Wanderern stieg eine mäßig steile steinige Halde auf, deren scharfe oberste Kante ein Streifen des herrlichsten Hochwaldes bekränzte. Die bereits tief stehende Sonne, welche man im Rücken hatte, sendete ihre schrägen Strahlen die Halde empor, die mit den zahllosen großen und kleinen übereinander gethürmten, hierhin und dorthin zerstreuten Blöcken und Steinen aussah wie eine Stadt, die ein furchtbares Naturereigniß in Trümmer verwandelt oder ein grausamer Feind dem Erdboden gleich zu machen versucht hat. Die Stämme aber der Riesentannen oben standen vor dem dunkelblauen Schatten unter dem undurchdringlich dichten Wipfeldach in der Tiefe des Waldes gleich den dorischen Säulen eines alten Tempels, welchen die Abendsonne eines südlichen Himmels in Purpur malt. Still und hehr lag über dem großen Bilde ein wolkenloser Himmel, in dessen blauen Tiefen sich das Auge mit Bewunderung verlor.

Man war überrascht, entzückt und becomplimentirte in Abwesenheit des Fürsten, der mit den älteren Herrschaften gefahren war, Herrn von Zeisel, als ob er ein so schönes Tableau eigens für die Gesellschaft arrangirt habe. Der Cavalier nahm so freundlich gemeinte Worte mit bescheidener Dankbarkeit hin, im Stillen hoch erfreut, daß ihm in Gegenwart der Dame seines Herzens eine solche Auszeichnung zu Theil wurde, und überglücklich, als das frische junge Mädchen sich noch besonders bei ihm bedankte. Er verbeugte sich, die Hand auf dem Herzen nach allen Seiten und verbarg seine Verlegenheit unter der Bitte, nun aber auch nicht zögern zu wollen, damit man zur rechten Zeit und womöglich noch vor den Wagen bei der Ruine ankomme.

Die Halde war bald erstiegen und man trat in den Wald, sich noch einmal der Gluth auf den Stämmen freuend, die selbst jetzt, als man unmittelbar vor ihnen stand, wie aus Bronce gegossen schienen, und die goldenen Lichter bewundernd, welche vor den Wandernden her hie und da einen der entfernteren Stämme streiften und auf das wundersamste mit den blauen Schatten des Mittelgrundes und der schwärzlichen Nacht in der Tiefe des Waldes contrastirten. Die vorher heiter plaudernde Gesellschaft war still geworden unter den lautlos stillen Bäumen und die Rufe der vorauseilenden jungen Engländer, welche sich in der überflüssigen Rolle von Pfadfindern gefielen, schallten wie häßliche Mißtöne in die schöne Harmonie.

So sagte Adele, und Herr von Zeisel, der gerade allein mit ihr war, sagte es auch und faßte nach seiner Brusttasche, wo das Philomelen-Sonett ruhte; aber zugleich fühlte er das Klopfen seines Herzens und er sagte sich, daß sein Herz noch eine andere und bessere Sprache sprechen könne als diese künstlichen Verse, daß aber die Zeit für diese Herzenssprache erst gekommen sein werde, wenn das holde Mädchen nicht mehr ganz so unbefangen wie jetzt aus den blauen Augen zu ihm aufschaute. Er fragte sich, wie es möglich sei, daß er je vorher für blaue Augen geschwärmt, ja, ob es außer diesen hier, die ihm jetzt wie Sterne aus der Waldesdämmerung strahlten, überhaupt blaue Augen gebe; und mit so wichtigen Fragen beschäftigt, wandelte er an der Seite der Geliebten durch den Wald dahin wie durch einen wunderbar herrlichen Traum und erschrak beinahe, als das Hallo der rufenden Engländer jetzt die Gesellschaft auf dem freien Platze unter dem Gipfel am Fuß der Ruine empfing.

In diesem Augenblicke trafen auch, von der andern Seite kommend, die Wagen ein und man konnte gemeinschaftlich die Besichtigung der Ruine vornehmen, an der freilich nach der Meinung einiger skeptischer Gemüther wenig zu sehen war. In der That bestanden die Ueberreste der alten Rodaburg aus zerstreuten, mit Moos und Haidekraut übersponnenen, von Gebüsch theilweise überwucherten Trümmern, die einem unhistorischen Geist oder nicht romantischen Gemüth kein besonderes Interesse gewähren konnten, umsoweniger, als der Tannenwald seine Wipfel rings umher so hoch ausstreckte, daß man eine Aussicht gar nicht gehabt hätte, wäre für eine solche nicht durch einen freistehenden, erst in jüngster Zeit von dem Fürsten erbauten runden Thurm gesorgt gewesen.

Indem nun Einige, unter ihnen voran die jungen Engländer, ungeduldig waren, diesen Thurm zu ersteigen, von dessen Zinnen man die herrlichste Aussicht über einen großen Theil des Waldgebirges haben sollte, Andere wieder in den Ruinen oder im Walde umherschweiften, kam die Gesellschaft, die sich eben erst wieder zusammengefunden hatte, abermals auseinander, und war noch keineswegs versammelt, als der Fürst, nachdem er kaum eine Viertelstunde oben verweilt, bereits das Zeichen zum Aufbruch gab. Der Weg bergab werde auch von den älteren Herrschaften besser zu Fuß zurückgelegt als zu Wagen auf den abschüssigen Waldpfaden; so werde man längere Zeit brauchen, und mit einem Worte, lieber Zeisel, Sie würden mich verbinden, wenn Sie die Gesellschaft davon avertiren wollten.

Der Fürst war so ungeduldig, fortzukommen, daß er nicht einmal warten wollte, bis Herr von Zeisel durch einige nach verschiedenen Richtungen ausgesendete Forstleute und Bediente die Umherschweifenden gesammelt hatte, sondern sich sofort mit den in seiner Nähe Befindlichen in Bewegung setzte, während der Cavalier, in peinlichster Verlegenheit über diese Rücksichtslosigkeit des sonst so zartfühlenden Herrn, den nach und nach Herbeikommenden mittheilte, daß Durchlaucht aus Sorge für die älteren Herrschaften nicht länger haben warten mögen und er seinerseits bitte, von dem schönen Schauspiel des Sonnenuntergangs Abschied zu nehmen, damit nicht vor dem Jagdschloß abermals ein Aufenthalt entstehe.

Des Cavaliers Uebereifer hatte die Folge, daß die Verwirrung, der er zu steuern gedachte, nun erst recht einriß, indem Einige sofort dem Fürsten nacheilten, Andere wieder auf die Fehlenden warten zu wollen erklärten und dann doch aufbrachen, so daß zuletzt auch Herr von Zeisel nicht mehr wußte, wer gegangen war, wer noch fehlte, und mit dem kleinen Häuflein, das sich um ihn gesammelt hatte und bei welchem sich auch zu seinem Trost Fräulein Adele von Fischbach befand, nun ebenfalls den Rückzug antrat.

Wo ist die gnädige Frau? fragte Adele, als man bereits den schmalen Waldpfad wieder betreten hatte.

Sie ist gleich zu Anfang in Gesellschaft Seiner Durchlaucht gegangen, sagte eine Dame.

Ich habe sie nicht gesehen, sagte eine Andere

Ich dächte, auch der Herr Marquis wäre noch nicht wieder zum Vorschein gekommen, meinte einer von den Herren.

Auch der Graf nicht, sagte ein Zweiter.

Ich bitte Sie, der Graf war ebenfalls unter den Allerersten, rief ein Dritter.

Ich meine, man müßte der gnädigen Frau halber doch noch ein wenig warten, sagte Adele.

Freilich müssen wir warten, sagte Herr von Zeisel; ich bitte Sie, meine Damen, ich ersuche die Herren.

Hedwig hatte die Verwirrung, welche in der Gesellschaft eingerissen war, erst bemerkt, als sie sich, sie wußte selbst nicht, wie es zugegangen, plötzlich in den Ruinen allein sah. Nun schritt sie langsam auf dem unebenen Terrain zwischen den Trümmern hin und war den zerbröckelnden Mauern dankbar, daß sie ihr einen Schirm gewährten gegen die Gesellschaft, deren Lachen und Rufen noch eben zu ihr drang. Diese Ruinen waren ihr immer das liebste Ziel, wenn sie einmal einen langen Ritt machen wollte. Es träumte sich gar schön unter den rauschenden Wipfeln der Urwaldstannen, zwischen den grauen Trümmern der alten Burg, in welche hoch die weißen Wolken vom blauen Himmel herabschauten, während die gelben Ginsterblumen, die in den Mauerspalten wuchsen, melancholisch im Abendwinde nickten. Und dann die Aussicht vom Thurm meilenweit, nach allen Seiten hin über das wogende Wäldermeer! Wie oft hatte sie sich aus diesem Blick in die Weite neuen Muth und neue Kraft getrunken, die Enge dieses Lebens zu ertragen! Es mußte ja doch einmal erreicht werden das Land der Verheißung, das jetzt in duftig blauen Streifen fernster Bergketten mit dem Horizont zusammenfloß.

Ehe sie sich's versah, stand sie auf dem Platze vor dem Thurm, dessen offene Thür sie einzuladen schien, sich wieder einmal an dem Hoffnungsbild der Ferne zu erlaben. Sie brauchte diese Labung gerade jetzt. So stieg sie die gewundene Steintreppe hinan, die in drei Absätzen bis in die oberste Etage führte, von der man auf einer kleinen Holzstiege bis zur Zinne gelangte. In dieser obern Etage befand sich ein kleiner Bretterverschlag, in welchem der Wärtel, der von dem Jagdschlosse aus die Fremden zu dem Thurm geleitete, Fernrohre, Flaggen und andere Utensilien aufbewahrte, ebenso wie das dicke Buch, in das er die Besucher ihre Namen einzutragen bat.

Als Hedwig an diesem Gelaß vorüberkam, hörte sie innerhalb desselben ein Geräusch; sie glaubte nicht anders, als daß es der Wärtel sei, der die gebrauchten Sachen wieder in Ordnung bringe, und stieg die Holzstufen hinauf.

Und da lag es nun zu ihren Füßen, ihr geliebtes Meer grünragender Wipfel, aus dem hie und da eine kahle Felszacke inselgleich hervorragte oder ein blauduftiges Waldthal wie ein versunkenes Eden still heraufgrüßte. Kein Laut in der weiten Runde, als dann und wann ein Ruf der sich entfernenden Gesellschaft, oder ein Geräusch der Wagen, welche sich in Bewegung gesetzt hatten und auf den steilen steinigen Wegen in ihren Federn kreischten; dann verhallten auch diese Töne und der Schrei des Falken, der jetzt plötzlich hoch über dem Thurm flog, klang wie ein Triumphgeschrei, daß er nun endlich sein Revier wieder für sich allein habe.

Du sollst es ganz allein haben, sagte Hedwig.

Sie wendete sich zum Gehen, als sie einen eiligen Schritt die Treppe hinaufkommen hörte; ohne Zweifel war es einer von den Herren, der sie zu suchen kam, von den Ueberlästigen einer, die sie den ganzen Tag umschwärmt hatten und ihr auch jetzt diese paar Minuten Einsamkeit nicht gönnten.

Der Marquis, welcher Hedwig nicht aus den Augen gelassen, hatte kaum bemerkt, daß sie, nachdem der Fürst bereits aufgebrochen war, keine Miene machte, mitzugehen, sondern – ohne allen Zweifel absichtlich – langsam und langsamer zwischen den Ruinen einherschritt und endlich sogar eine andere Richtung einschlug, die sie noch mehr von der Gesellschaft entfernte, als er sofort einem Beispiele folgte, das doch wohl nur für ihn gegeben sein konnte, und der Dahinwandelnden leise, langsam nachging. Und nun verschwand sie im Thurm, der längst von allen Neugierigen verlassen war. Er ließ sich nur eben Zeit, seine Blicke umherzuschicken und sich zu vergewissern, daß kein Lauscher in der Nähe sei und eilte dann, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf.

Ah, der Herr Marquis! sagte Hedwig.

Sie hatte es nicht eben freundlich gesagt; von allen Lästigen war ihr der Mann heute der lästigste gewesen; aber der Marquis hatte eine besondere Auslegung für Hedwigs unfreundlichen Blick.

Fürchten Sie nichts, Madame, sagte er, die Stunde, die ich herbeigesehnt, ist endlich da.

Hedwig war über eine Frechheit, an der sie keine Schuld zu haben sich bewußt war, die ganz und gar auf den Mann zurückfiel, im ersten Augenblicke weniger empört als erstaunt. Sie blickte den Marquis mit großen Augen an, wie man Jemanden anblickt, der plötzlich etwas sagt oder thut, dessen man ihn nicht für fähig gehalten, wofür uns der Schlüssel fehlt; dann aber erinnerte sie sich der Bewerbungen dieses Mannes vor vier Jahren – Bewerbungen, deren freche Absicht sie damals nicht einmal verstanden; erinnerte sich der Scene vorgestern in Erichsthal und daß dies der Dank für die Güte war, mit welcher sie seine phantastische Liebeserklärung zurückgewiesen, und der Zorn kochte in ihrem heißen Herzen auf. Sie wollte, ohne den Mann einer Antwort zu würdigen, an ihm vorüber; aber er, der dieses Schweigen, diese Flucht nur für einen Rest von Schüchternheit hielt, die nur durch Kühnheit zu besiegen sei, vertrat ihr den Weg

Ah, Madame, sagte er, wagen denn wirklich die Herzen deutscher Frauen nur unter dem Schleier der Nacht kühn zu sein? Hier ist kein Lauscher in der Nähe; bis hieher hat der Graf seine Späher noch nicht gesendet.

Wovon reden Sie? rief Hedwig, sich zu ihrer vollen Höhe aufrichtend.

Der Marquis beantwortete diese Frage mit einem Lächeln, das Hedwig beleidigender dünkte, als irgend eines seiner Worte.

Herr Marquis, sagte sie, ich muß, wenn ich Sie nicht für den verächtlichsten der Menschen halten soll, annehmen, daß Ihre allzu lebhafte Phantasie Ihnen die sonderbarste Täuschung vorgegaukelt hat, daß Sie sich in einem ungeheuren Irrthum befinden. Wie dem aber auch sein mag; diese Scene, die überaus lächerlich sein würde, wenn sie nicht so überaus unschicklich wäre, muß zu Ende sein. Sagen, daß sie sich nicht wiederholen darf, hieße mich beleidigen; aussprechen, wie Sie am leichtesten einer Versuchung entgehen, der Sie so sehr ausgesetzt scheinen, verbietet mir die Erinnerung an die Freundlichkeiten, die Sie mir früher und später erwiesen haben, und mein Glaube an Ihre bessere Natur, auf die Sie sich so schnell als möglich besinnen mögen.

Diesmal wagte der Marquis nicht, Hedwig aufzuhalten, als sie an ihm vorüber nach dem Eingang zur Treppe schritt und in der Oeffnung alsbald verschwand.

Wie in einer Bühnenversenkung, sagte der Marquis, mit dem Fuße stampfend.

Er trat an die Brüstung und schaute hinüber, hinunter, und sah, wie Hedwig eben aus dem Thurm trat, als er plötzlich hinter sich ein Geräusch vernahm. Erschrocken wandte er sich um; der Graf stand vor ihm.

Der Graf hatte mit einer größeren Abtheilung der Gesellschaft auf der Zinne des Thurmes gestanden, als man unten Herrn von Zeisel rufen hörte, daß Durchlaucht bereits aufgebrochen sei. Man hatte sich beeilt, diesem Ruf nachzukommen; langsamer war der Graf gefolgt.

Als er an dem kleinen Verschlage vorüberkam, hatte er einen Blick durch die nur angelehnte Thür geworfen und das dort auf einem Tische ausliegende Fremdenbuch hatte seine Aufmerksamkeit erregt. In zerstreuter Neugier war er eingetreten, hatte angefangen, in dem Buche zu blättern, ein paar Namen gefunden, die ihn interessirten, und weiter geblättert. So waren ihm einige Minuten verstrichen, als er das Rauschen eines Gewandes hörte und durch die Spalte der Thür eine Dame die letzte kleine Holztreppe hinaufgehen sah. Er glaubte Hedwig erkannt zu haben. Regungslos, mit hochklopfendem Herzen, das Blatt, welches er eben hatte umwenden wollen, zwischen den Fingern, stand er da. – Diese Leidenschaft macht Dich zu einem feigen Kinde, sprach er bei sich.

Und während er noch immer unschlüssig zauderte, ob er sich Gewißheit verschaffen solle oder nicht, hörte er einen zweiten Schritt – den Schritt eines Mannes – eilig die steinerne Wendeltreppe heraufkommen. Das Blatt, das er hielt, begann zu zittern; aber diesmal war es der Zorn, der seine Hand beben machte. Wer konnte der Eilige sein, wenn nicht der Marquis?

Und es war der Marquis. Wie er vorhin Hedwig durch die Thürspalte gesehen zu haben glaubte, sah er jetzt sehr deutlich den Verhaßten daran vorüberfliegen und unmittelbar vernahm er über sich des Verhaßten Stimme. In dem Zinkdach, das er fast mit dem Haupte berührte, war freilich ein kleines Fenster eingeschnitten, durch welches der Verschlag Licht empfing. Aber es bestand aus sehr dickem Glase und war zum Ueberfluß fest verschlossen. So war es dem Grafen nicht möglich, von der kurzen, in athemlos leidenschaftlichem Ton geführten Unterredung der Beiden mehr als dann und wann ein Wort zu verstehen. Sein Stolz wollte nicht zugeben, daß er für diese Bewegung Hedwig verantwortlich machen dürfe, aber die Eifersucht raunte ihm zu, selbst der Marquis könne dies nicht gewagt haben, ohne ihrer Verzeihung von vornherein sicher zu sein. Und dann – gleichviel – wenn sie es duldete – er wollte es nicht dulden; und sein Herz schlug hoch, daß er endlich habe, wonach er gesucht.

Da kamen sie die Treppe herab – nein – nur sie! natürlich! sie durften sich ja nicht zusammen sehen lassen! aber er war noch oben, discret wartend, bis er ihr den nöthigen Vorsprung gelassen!

Das Rauschen ihres Kleides war nicht mehr zu hören; mit einem Sprunge war der Graf die Treppe hinauf.

Die beiden Männer standen sich gegenüber, sehr nahe – es war nicht eben viel Raum auf der kleinen Plattform – und sie starrten einander mit glühenden Augen an.

Das Ausweichen ist hier schwieriger, als auf dem Parquet des Tanzsaales, sagte der Graf.

Ich habe nicht das Glück, den Herrn Grafen zu verstehen, sagte der Marquis.

Es liegt vielleicht an meinem schlechten Französisch, sagte der Graf; ich beklage, daß ich nicht deutsch mit Ihnen reden kann, hoffe aber, daß wir dennoch zu einer Verständigung gelangen.

Er hatte bei diesen Worten die Thür zugemacht und sich darauf gestellt, als wolle er den Marquis an einem Fluchtversuch verhindern. Der Marquis fühlte die Absicht und das Blut schoß ihm in die Schläfen.

Genug, sagte er, und mehr als genug! Sie werden mir die Satisfaction für diese Beleidigung nicht verweigern.

Das caudinische Joch ist bereit, sagte der Graf, indem er von der Thür heruntertrat, diese an dem Ringe in die Höhe zog und den Marquis mit einer höflichen Handbewegung einlud, voranzugehen. Der Marquis taumelte zurück.

Das caudinische Joch ist bereit, wiederholte der Graf. Es giebt nur diesen einen Weg, denn der andere über die Brüstung da, sechszig Fuß hinab auf den Waldboden, ist doch wohl nicht nach Ihrem Geschmack.

Wenigstens würde ich diesen zweiten Weg nur gemeinschaftlich mit Ihnen machen, sagte der Marquis, vor Wuth zitternd.

Ich zweifle daran, sagte der Graf; sollten Sie nicht auch meinen?

Eine Brutalität, deren nur ein Deutscher fähig ist, murmelte der Marquis.

Wollte Gott, wir Deutschen wären immer so brutal gewesen! erwiederte der Graf. Geniren Sie sich nicht; es ist nur der erste Schritt, der etwas kostet.

Ihnen das Leben, sagte der Marquis, an dem Grafen vorüber die Treppe hinabstürzend.

Das werden wir sehen, erwiederte der Graf mit verächtlichem Lächeln, einen Blick grimmiger Zufriedenheit über den kleinen Raum werfend, wie ein Sieger über das Schlachtfeld, das er widerspruchslos behauptet; folgte dann dem Marquis die Treppe hinab, durch den Wald und erreichte die Gesellschaft fast in demselben Augenblicke mit ihm.

Wenige Minuten vorher war Hedwig, die auf dem längeren Fußpfade mehr Zeit gebraucht hatte, von einer anderen Seite eingetroffen. Sie bemerkte zwar die Anwesenheit der beiden Männer mit einiger Befremdung, ohne indessen auf den Gedanken zu fallen, daß unterdessen eine Begegnung zwischen ihnen stattgefunden haben könne. War doch die fieberhafte Lebendigkeit, mit welcher sich der Marquis in die Conversation mischte, für sie nur zu erklärlich! Und was den Grafen betraf, so erinnerte sein vornehm-ruhiges Gesicht nicht mit der leisesten Miene an die verhängnißvolle Scene, die auf der Zinne des Thurmes eben jetzt gespielt hatte.

Auch ließ ihr die Emsigkeit, mit welcher einige Herren der Gesellschaft sich jetzt um sie bemühten und ihr bei dem Hinabsteigen ihre Hilfe anboten, nicht viel Zeit zum Nachdenken. Herr von Zeisel trieb die Gesellschaft unaufhörlich zur Eile, indem er die Gefahr der Bergnebel, die jetzt wirklich in den tieferen Schluchten zu ziehen begannen, als sehr erheblich schilderte, sogar von einem Gewitter sprach, das durchaus in einer großen, weißen, goldgeränderten Wolke stecken sollte und sehr wahrscheinlich die Gesellschaft noch unterwegs überraschen werde. Man lachte, scherzte, suchte, indem man von Stein zu Stein sprang, einander an Gewandtheit und Schnelligkeit zu überbieten und gelangte in der heitersten Laune auf dem offenen Platze vor dem Jagdschlosse an.

Hier hatte unterdessen der Oberforstmeister nach Verabredung mit Herrn von Zeisel aus Stangen und Tannenzweigen eine große offene Laube herrichten lassen, unter welcher mit Erfrischungen aller Art reichbesetzte Tafeln nach der Anstrengung der Wanderung den Meisten doppelt willkommen waren. Man verbrachte, während die Sonne, die bereits hinter die Berge getaucht war, nur noch auf den höchsten Zinnen des Schlosses schimmerte und dann auch diese verließ, um oben die Ränder der weißen Wolken mit Purpur zu säumen, Thee trinkend oder Champagner schlürfend, eine behagliche halbe Stunde, bis die kühlere Luft, die aus den Waldthälern heraufwehte, ernstlich zur Heimkehr mahnte.

Der Weg bergab konnte freilich viel schneller zurückgelegt werden, dennoch war es bereits dunkel, als man auf Schloß Roda anlangte, und vollkommen Nacht, als man sich eine Stunde später, nachdem noch einmal im persischen Zimmer Thee und Erfrischungen herumgereicht waren, bei Seiner Durchlaucht und der gnädigen Frau verabschiedete.

Das war ein heißer Tag, sagte Herr von Zeisel, als er auf seinem Zimmer angelangt war, ein heißer, glückseliger Tag. Durchlaucht war mit seiner Launenhaftigkeit zum verzweifeln; aber sie war himmlischer, als Worte es sagen können, und ich bin so müde, daß ich Gott danke, wenn für heute Alles vorbei ist: durchlauchtige Launen, langbeinige Engländer, Naturschwärmen, Waldduft, Sonnenschein, Liebe, Alles! Und morgen Mittag nach der Station zum Empfang der Frau Gräfin Mutter, Diner um Fünf – eine Welt – hol' sie der Geier! Es ist genug, daß ein jeder Tag seine eigene Plage habe; heute bin ich zu nichts mehr gut als zum Schlafen.

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.