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Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
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Sechszehntes Kapitel.

Nichts konnte dem Fürsten ungelegener kommen, als die große Gesellschaft, die auf den Abend gebeten war. Er fühlte sich nach der furchtbaren Aufregung des Morgens wie betäubt. Unfähig zu denken, einen Entschluß zu fassen, ganz die widerstandslose Beute der qualvollen Empfindungen, die seine Brust erfüllten, lag er in seinem Schlafzimmer auf dem Sopha ausgestreckt, ohne sich zu regen, ohne ein Wort zu sprechen, ohne es zu bemerken, wenn der alte Kammerdiener von Zeit zu Zeit leise aus dem Vorzimmer hereinschaute, auch wohl sich auf ein paar Schritte dem Sopha näherte und ein- oder das anderemal mit leiser Stimme fragte, ob Durchlaucht gerufen, ob Durchlaucht nichts zu befehlen habe?

Herr Gleich war in Verzweiflung. Daß Durchlaucht heute Morgen mit dem Marquis auf der Fasanerie gewesen, wußte er; er hatte auch bald genug erfahren, daß die gnädige Frau den Vormittag oben zugebracht; aber der Bediente und der Kutscher sagten gleicherweise aus, daß sie die gnädige Frau nicht im Theehause gesehen. So hatte zwischen dem Fürsten und der gnädigen Frau eine Begegnung nicht stattfinden können. Aber etwas mußte vorgefallen sein. Herr Gleich schickte nochmals in die Ställe und ließ sich seinen Neffen, den Dietrich, kommen, um ihn im Corridor genauer zu examiniren.

War von den Herren heute Morgen Jemand fort gewesen? – Gewiß war Jemand fort gewesen: der Herr Graf und der Herr Doctor; wo der Graf geblieben, wisse er nicht, der Doctor aber sei auf die Fasanerie geritten; das habe ihm Meta erzählt, die es von ihrem Onkel gehört, der vor einer Stunde auf dem Wege nach Rothebühl hinab durch das Schloß gekommen sei.

Herr Gleich schalt den Dietrich diesmal nicht, daß er ihm eine so wichtige Nachricht nicht aus freien Stücken gebracht hatte. Er war zu erfreut, endlich einen festen Punkt in seiner gänzlichen Rathlosigkeit und einen Gegenstand zu finden, von dem man Durchlaucht doch möglicherweise unterhalten könnte, wenn Durchlaucht sich zur Abendgesellschaft ankleidete.

Durchlaucht haben mir heute rechte Sorge gemacht, sagte Herr Gleich, als sein Gebieter eine Stunde später bleich, zusammengefallen vor ihm saß und er demselben das noch immer dichte und lockige, wenn auch hie und da stark ergrauende Haar arrangirte. Ich hätte es beinahe auf Durchlauchts Ungnade ankommen lassen und den Herrn Doctor, ohne befohlen zu sein, geholt; aber dann meinte ich, da Durchlaucht den Herrn Doctor schon heute Morgen auf der Fasanerie gesprochen und gewiß über Ihren Zustand consultirt haben –

Doctor Horst auf der Fasanerie? fragte der Fürst. Was meinst Du? Wann wäre er dort gewesen?

Ich dächte, es müßte um dieselbe Zeit gewesen sein, als Durchlaucht oben waren, sagte Herr Gleich.

Von wem weißt Du das? fragte der Fürst.

Der Prachatitz war vorhin hier, sagte Herr Gleich ausweichend.

Welches Pferd hat er geritten?

Den Brownlock, so viel ich weiß, antwortete Herr Gleich auf gut Glück.

Der Fürst starrte sein bleiches Gesicht im Spiegel an.

Gab es hier eine Verwechslung? Der Graf war in Civil gewesen, wie schon manchmal, aber er hatte ihn doch ganz genau gesehen. Nein, nein, es war keine Verwechslung. Der alte Fuchs, der Gleich, spürte noch immer auf der falschen Fährte.

Ich möchte gern noch ein paar Minuten allein sein, Andreas.

Der Fürst schritt im Gemach auf und nieder.

Ein seltsamer Zufall, sprach er bei sich; und wenn kein Zufall, wenn er sie hätte sprechen wollen um meinethalben – es wäre nicht schön von ihm; ich habe ihm keine Verschwiegenheit abgefordert, die verstand sich von selbst; aber vielleicht glaubte er mit ihr eine Ausnahme machen zu dürfen. Er ahnt nicht, der Gute, wie groß diese Büberei ist und geht hin und verräth mich an meine schlimmsten Feinde. Und soll ich ihn warnen? ihn vor ihr warnen? immer und immer weiter mich schleppen in diesen Sumpf der Schmach?

Er lehnte sich über seinen Arbeitstisch, auf welchem ihr Bild stand: ein kleines, außerordentlich feines Pastellgemälde, in Rom vor vier Jahren von einem eminenten Künstler ausgeführt. Er hatte es in Diamanten fassen lassen und die Fassung hatte ihn nicht kostbar genug gedünkt, und das goldene Gestell, auf dem es ruhte, hatte ihm nicht würdig geschienen, so viel Holdseligkeit und Schönheit zu tragen.

Er blickte lange auf das Bild. Zum erstenmale erschien es ihm leblos, todt, ein Stück bemaltes Elfenbein, weiter nichts.

Plötzlich bebte er zusammen: da war es wieder das holde melancholische Lächeln um den kleinen Mund, das strahlende Licht der braunen Augen; der leichte Flor selbst, der den schönen Busen züchtig bedeckte, schien sich bewegt zu haben.

Ja, ja, du lebst, murmelte er, du schönes Bild! Mir lebst du, wirst du immer leben, und wenn ich dich hier vernichte – die Erinnerung könnte ich doch nicht vernichten; und wenn sie selbst mich verließe, sie wäre doch bei mir hier und hier!

Er berührte mit der zitternden Hand seine Brust, seine Stirn, und warf sich vor dem Tisch in den Sessel.

Es ist ja Alles vergebens, murmelte er.

Herr Gleich trat wieder herein, zu melden, daß Herr von Zeisel sich im Vorzimmer befinde. Die Gesellschaft sei versammelt, nur Graf Pechtiegel fehle noch; ob Durchlaucht die Gnade haben wolle?

Ist es der gnädigen Frau schon angesagt?

Die gnädige Frau kommt soeben und wird im Grünen Zimmer wie gewöhnlich mit Durchlaucht zusammentreffen.

Der Fürst verließ sein Gemach und nahm im Vorzimmer Herrn von Zeisels Arm.

Herr von Zeisel bemerkte, daß sich der Fürst ungewöhnlich schwer auf seinen Arm stützte und daß der sonst elastische Schritt des alten Herrn ungleichmäßig und wankend war; aber er hütete sich, darüber eine Bemerkung zu machen, trotzdem Durchlaucht unter dem Vorwande, zu angegriffen zu sein und sich für den Abend reserviren zu müssen, an der Mittagstafel nicht Theil genommen hatte. Er wußte, daß Durchlaucht Fragen nach seinem Gesundheitszustand nicht liebte.

Wie steht es mit den Vorbereitungen? fragte der Fürst, indem sie weiterschritten. Waren Sie in Rothebühl?

Gewiß, Durchlaucht, und man ist mir von allen Seiten mit einer Bereitwilligkeit entgegengekommen, die auf das beredteste für die warme Liebe spricht, welche man für Durchlaucht empfindet.

Herr von Zeisel, der nicht ganz sicher war, ob er mit seinen Einladungen nicht doch die ihm ertheilte Vollmacht überschritten habe, gab ein kurzes Referat seiner Unterhandlungen mit den Rothebühler Damen. Er bemerkte aber, daß der Fürst nur sehr zerstreut zuhörte. Seine Augen waren starr auf die Thür gerichtet, durch welche Hedwig eintreten mußte.

Die gnädige Frau bleibt lange, sagte er.

Da ist die gnädige Frau, sagte Herr von Zeisel, der Hedwig durch das anstoßende Zimmer hatte kommen sehen.

Ein Zittern flog durch den Körper des Fürsten. Herr von Zeisel faßte unwillkürlich den Arm desselben fester; aber der Fürst machte sich mit einer gewissen Heftigkeit los und that einen Schritt auf die Thür zu.

Hedwig trat herein, ganz in Weiß gekleidet, ohne jeden Schmuck. So, genau so hatte er sie eben noch auf dem Bilde gesehen; so, genau so hatte sie eben noch vor seines Geistes Augen gestanden.

Castruccio, sagte er mit bebenden Lippen.

Hedwig blickte ihn fragend an. Es war ihr entfallen, daß der römische Maler, der jenes Bild gefertigt, Castruccio geheißen hatte; so wußte sie nicht, wie der Fürst zu dem Namen kam. Aber für den Fürsten hatte der fragende Blick eine andere Bedeutung: die der Zurückweisung; und selbst der herzliche Ton, in welchem Hedwig jetzt, als er ihr den Arm gereicht hatte und sie unter Herrn von Zeisels Vortritt nach dem Gesellschaftssaale schritten, sagte: Nicht wahr, es geht Dir besser? konnte den Rückschlag, den seine bis auf's Aeußerste gespannte Stimmung empfangen, nicht wieder gutmachen.

Ich danke Dir, sagte er, vollkommen gut.

Und dann fügte er mit einer furchtbaren Anstrengung hinzu:

Du warst heute Morgen auf der Fasanerie, nicht wahr?

Ich habe ein wenig gemalt, erwiederte Hedwig.

Sie hatte, als sie von der Unterredung mit dem Grafen zurückgekommen war, eilig den Pavillon verlassen und die Spur der Wagenräder auf dem Vorplatze nicht beachtet.

Hattest Du Stephanie aufgefordert? fragte der Fürst.

Stephanie? erwiederte Hedwig. Weshalb?

So warst Du den ganzen langen Morgen allein?

Doctor Horst war auf einen Augenblick oben, erwiederte Hedwig.

Also doch! sagte der Fürst bei sich. Und dann fragte er weiter:

Sonst Niemand?

Seine Durchlaucht und die gnädige Frau, sagte Herr von Zeisel, durch die Thür, deren beide Flügel von den Bedienten geöffnet waren, den Herrschaften in den Spiegelsaal voranschreitend.

Auch der Graf, sagte Hedwig.

Die Etikette erforderte, daß der Fürst mit seiner Gemahlin eine Tour durch den Saal machte, die ihm bekannten Gäste bewillkommnete und sich durch den Cavalier die ihm noch unbekannten vorstellen ließ. Herr von Zeisel war deshalb nicht wenig erschrocken, als er, ein wenig auf die Seite tretend, sah, daß Se. Durchlaucht den Arm der gnädigen Frau bereits losgelassen und sich von ihr ab nach links gewendet hatte, während sie selbst die Richtung nach rechts genommen. Herr von Zeisel hätte sich in zwei Theile theilen müssen, um seinen Pflichten nachzukommen, und er empfand diesen Wunsch um so dringender, als heute Abend eine Menge Personen sich in der Gesellschaft befanden, die allerdings nach der an sie ergangenen Einladung ihre Karten abgegeben hatten, aber weder Durchlaucht, noch der gnädigen Frau bekannt waren: Herr Baron Manebach nebst Gemahlin und zwei Söhnen, Herr und Frau von der Kuhruh nebst einem Sohn und zwei Töchtern, Herr und Frau von Engenstein mit einem Sohn und einer Tochter; zwei junge Engländer, Mr. Alfred und Arthur Simpleton nebst ihrem Bärenführer Mr. Dull, welche die jungen Barone Manebach auf ihrer Reise in England im vorigen Jahre kennen gelernt hatten und die jetzt auf ihrer großen Tour den Besuch erwiederten und von Baron Manebach nach erhaltener Erlaubniß mitgebracht waren. Dazu noch ein halbes Dutzend unbekannter Herren und Damen – und nun Durchlaucht hier an dem einen Ende des Saales und die gnädige Frau an dem andern! Es war, wie Herr von Zeisel im Vorübergehen zu Hermann bemerkte, um aus der Haut zu fahren und sich mit dem Chapeau-Claque umzubringen: es hieß das Unmögliche von ihm fordern. Aber Herr von Zeisel leistete das Unmögliche; Herr von Zeisel war überall und er durfte, als er nach einer Viertelstunde sich die perlende Stirn discret mit dem Battisttuche trocknete, seine Blicke durch den Bildersaal gleiten lassen und sich sagen, daß er die Schlacht gewonnen habe.

Es konnte nun nicht mehr viel passiren. Von Zehn bis Elf sollte getanzt werden; um Elf war das Souper angesetzt, um ein halb zwölf waren die Wagen befohlen. Für den Augenblick gingen die Bedienten mit ihren Theebrettern durch die sich jetzt lebhafter bewegende Gesellschaft. Herr von Zeisel athmete auf. Er hatte eine freie Minute und diese freie Minute hatte er Fräulein Adele von Fischbach gelobt schon seit gestern Nachmittag, wo er auf der Promenade durch die Musterwirthschaft fast nicht von der Seite des hübschen Kindes gekommen war. Ja, hier fand Oscar von Zeisel, was er sein langes vierundzwanzigjähriges Leben hindurch, Sehnsucht und Verzweiflung im Herzen, vergeblich gesucht: blaue Augen, die nicht kokettirten, einen rothen Mund, der sich beim Sprechen nicht zierte; hier fand er Alles, selbst eine sehr stattliche Mitgift vorderhand und ein unverschuldetes Rittergut in der dämmernden Ferne, wenn Herr und Frau von Fischbach nicht mehr ihre ansehnlichen Schatten auf diese Erde warfen – die ihnen der Himmel noch lange bewahren mochte! Ich bin kein Egoist, sagte Oscar von Zeisel bei sich: ich kann schwärmen ohne Nebengedanken, selbst ohne dabei an eine unglückliche Liebe zu denken, über der sich das frische Grab kaum geschlossen.

Nur einmal in einem köstlichen, allzu kurzen Gespräch, das er mit Adele in einer Fensternische hatte, mußte die Erinnerung an jenes frische Grab dennoch seine Seele umdüstern, denn eine Wolke flog über seine Stirn und er fragte ganz aus dem Zusammenhang, ob das gnädige Fräulein reiten könne. Aber seine Stirn wurde wieder heiter, als die junge Dame mit Lebhaftigkeit antwortete: Nein, Mama findet das so unpassend für junge Mädchen!

Gott segne Ihre Frau Mutter! rief der Cavalier mit einer Rührung, die sich das junge Mädchen nicht zu erklären wußte, ebensowenig wie den feierlichen Ernst, mit welchem er in demselben Athem um den Walzer bat und sich dann rasch entfernte, oder, wie er zu Hermann sagte, dem er sofort von seiner neuesten Leidenschaft Mittheilung machte, sich mit blutendem Herzen losriß.

Herr von Zeisel mußte Hermann sprechen. Es war ihm eben, als er mit Adele von Fischbach in der Fensternische stand, der glänzende Einfall gekommen, diese junge Dame für ein lebendes Bild zu gewinnen, in welchem natürlich auch er figuriren und so die Gelegenheit haben würde, den Gegenstand seiner jüngsten Anbetung noch vor dem sechszehnten wiederholt zu sehen und zu sprechen. Dieser geistreiche Plan war nur eine Seifenblase, wenn nicht mehrere lebende Bilder zu Stande kamen. Der Glanz, die Poesie, ja das Zustandekommen des ganzen Festes hing, wenn man Herrn von Zeisel hörte, davon ab.

Mir ist wirklich nicht nach Comödienspielen zu Sinn, sagte Hermann.

Sagen Sie lieber: mir ist nicht nach dem Leben zu Sinn! erwiederte der Cavalier. Das ganze Leben ist eine Comödie. Und oft genug eine recht abgeschmackte. Ich finden sie heute Abend entzückend.

Die Comödie?

Die gnädige Frau, erwiederte Herr von Zeisel, anbetungswürdig, schöner als je! Ich muß es ihr auf irgend eine Weise sagen, vielleicht kann man dabei die Germania einfließen lassen, oder umgekehrt; man wird ja sehen.

Herr von Zeisel trat zu Hedwig, der er sich zufällig, da sie gerade die beiden jungen Engländer mit einem Kopfnicken verabschiedete, ungehindert nahen konnte.

Hedwig hatte inmitten der lächelnden, conversirenden Gesellschaft, selbst conversirend und dann und wann gesellschaftlich lächelnd, eine trübe halbe Stunde verlebt. Die Empfindung, welche sie vorhin gehabt, als ihr Meta die Brillanten umhängen wollte, daß sie sich nicht für eine Gesellschaft schmücken dürfe, in welche sie mit keinem Gedanken, mit keiner Regung des Herzens gehörte, diese Empfindung hatte sich ihrer immer stärker bemächtigt, so daß sie sich zwischen all diesen Menschen, die doch von Interessen irgend welcher Art bewegt wurden, wie ein abschiedener Geist vorkam. Sie hatte kaum darüber nachdenken können, welche Bedeutung die Fragen des Fürsten vorhin gehabt. War er auf der Fasanerie gewesen? Hatte er so oder so gehört, daß sie mit Hermann, mit dem Grafen dort gesprochen? Es schien fast so. Und hatte er sie seine Unzufriedenheit darüber empfinden lassen wollen, als er vorhin so schnell ihren Arm fahren ließ? Es schien nicht minder so. Und doch, was war ihr das Eine und das Andere? Selbst jenes Mitleid, das sie heute Morgen noch mit dem alten Mann empfunden, der, vielleicht mit um ihretwillen, so Schweres auf sich nahm und die letzten Tage seines Lebens sich verkümmerte – jenes Mitleid, um dessentwillen sie sich bis zur Bitte gegen den Grafen erniedrigt hatte – sie empfand es jetzt nicht mehr oder kaum noch. Das bunte Spiel der Intriguen, das da vor ihren Augen aufgeführt wurde und welches schon als solches früher ihren scharfsinnigen Geist beschäftigt haben würde, hatte kein Interesse mehr für sie; sie fürchtete nichts, sie hoffte nichts; sie wünschte nur, daß Alles bald für sie vorbei sein möge, wie der Müde den Augenblick des Einschlummerns herbeiwünscht.

Und da kam der vielgeschäftige Herr von Zeisel und beschwor sie, als hinge das Heil der Welt davon ab, doch die Gnade zu haben und am Abend des Geburtstages in einer Reihe von lebenden Bildern, die er beabsichtige, mitzuwirken. Was die gnädige Frau zu einer Germania meine? Es wäre ein Bild, das der Situation merkwürdig angepaßt sei, da eine solche Germania – hier lächelte Herr von Zeisel verbindlich – alle Parteien vereinigen müsse, einer solchen Germania alle Parteien würden dienen wollen; daß überdies seine Verse – die gnädige Frau will keine Verse? Ich hatte, offen gestanden, eigentlich mehr als bloße lebende Bilder – ein keines Festspiel im Sinne. Indessen – eine Germania mit so sprechenden Zügen braucht in der That nicht zu sprechen. Sie machen mich zum glücklichsten der Menschen, gnädige Frau!

Herr von Zeisel verbeugte sich tief, die Hand auf dem Herzen.

Der gute Mensch, sprach Hedwig bei sich, er hat mir so unzählige Gefälligkeiten erwiesen; ich ihm kaum eine, und wer weiß, ob mir noch viel Zeit bleibt, meine Schulden abzutragen.

Der Marquis trat zu ihr heran. Er habe gehört, daß man tanzen werde; Madame werde ihn zum glücklichsten der Menschen machen, wenn sie die Française mit ihm tanzen wolle. Hedwig mußte wider Willen lächeln; sie hörte dieselbe Phrase auf französisch, die sie vor ein paar Secunden auf deutsch gehört. Es war eben überall dasselbe Spiel mit blanken Rechenpfennigen.

Sie hatte dem Marquis antworten wollen: ich werde nicht tanzen, aber in dem Moment sah sie das Gesicht des Grafen, der in ihrer Nähe stand und sie mit einer halb lächelnden, halb drohenden Miene betrachtete. Du sollst mich nicht in deinen Willen zwingen, sagte sie bei sich und neigte zum Zeichen der Bejahung ihr Haupt mit einem Lächeln gegen den Marquis.

Der Marquis dankte mit Ueberschwänglichkeit. Er hatte seit gestern Abend im Stillen doch einige Zweifel gehegt, ob er den Weg zum Herzen der schönen Frau nicht am Ende abermals verfehlt habe. Der kleine Erfolg gab ihm sein Selbstvertrauen wieder. Er erwähnte der Scene im Küchengarten mit keinem Worte; aber jede seiner Gesten, jede seiner Mienen, jeder Ton seiner Stimme bat um Verzeihung, wenn er zu kühn gewesen und sich von seiner Leidenschaft habe fortreißen lassen. Es war ein altes Virtuosenstück, das der Mann da herunterspielte, mit einigen neuen Variationen, wie sie die Situation erheischte; und Hedwig hörte das vollkommen heraus; aber der Ausdruck im Gesicht des Grafen, der sie unverwandt beobachtete, ließ sie das Stück, das sonst kein Interesse für sie hatte, weiter anhören, und plötzlich schlug der Marquis ein Thema an, das wider ihren Willen ihre Aufmerksamkeit fesselte.

Der Marquis war entzückt gewesen von dem Theehause; er theilte ganz den Geschmack Madames für die poetische Einsamkeit eines solchen Aufenthalts, den alle Musen und Grazien umschwebten. Auch habe er die Göttin dieses Tempels, wenn nicht in Person, so doch in einem ihrer Werke verehren dürfen, dessen Meisterschaft er erst jetzt recht erkenne, wo er zwischen der Copie und dem Original eine Vergleichung anzustellen im Stande sei. Monsieur Rosel habe ihm bereits Vieles von dem Herrn erzählt, der ja wohl in dem Hofhalt Seiner Durchlaucht eine bevorzugte Stelle einnehme. Er müsse hernach Herrn von Zeisel aufsuchen und sich durch denselben dem Herrn vorstellen lassen.

So will ich Sie nicht länger aufhalten, sagte Hedwig; dort finden Sie Herrn von Zeisel mit eben jenem Herrn.

Sie stand ein paar Augenblicke in Nachdenken versunken; dann ging sie entschlossen auf den Fürsten zu, der sich mit dem alten Herrn von Fischbach unterhielt.

Ich glaube, Herr von Fischbach, Ihr Fräulein Tochter sucht Sie.

Herr von Fischbach trat zurück.

Ich muß Dich auf einen Augenblick sprechen.

Der Fürst sah sie mit einem finsteren fragenden Blick an, folgte aber doch der Bewegung, die sie andeutete.

Du hast mir vorhin keine Zeit gelassen, Dir zu sagen, was den Doctor Horst und den Grafen heute zu mir auf das Theehaus geführt hat. Du darfst dem Doctor nicht zürnen, wenn er mir, von der er annahm, daß ich fester in Deinem Vertrauen stehe, als es der Fall ist, sein volles, von Sorgen um Dich volles Herz ausschüttete. Er verlangte von mir, ich solle meinen Einfluß aufbieten, um den Grafen, dessen Dir unsympathische Gegenwart in gefährlicher Weise auf Deine Entschlüsse einwirke, zur Abreise zu veranlassen. Da der Graf wenige Minuten später kam, konnte ich den Versuch wagen. Mein Versuch ist mißglückt. Der Graf behauptet, und wohl nicht mit Unrecht, daß Du ihn eingeladen habest, er folglich mit Fug und Recht hier sei, und daß, wenn er und der Marquis in diesem Augenblicke nicht wohl gleichzeitig Deine Gäste sein könnten, ohne Inconvenienzen aller Art zu veranlassen, es an dem Marquis sei, zu gehen. Nun ist mir ja vollkommen klar, daß, wenn der Marquis nicht von selbst zu dieser Einsicht kommt, Du ihm nicht wohl zu derselben verhelfen kannst; aber ich könnte es sehr wohl für Dich. Man wird es einer Frau immer verargen, daß sie sich in den Streit der Männer mischt; die Bemühungen einer Frau, diesen Streit zu schlichten, die Ursachen dieses Streites zu entfernen, scheinen mir unbedenklich, und was etwa Bedenkliches daran ist, will ich gerne auf mich nehmen, sobald ich Deine Erlaubniß dazu habe.

Ich kann Dir diese Erlaubniß nicht geben, sagte der Fürst.

Ich bitte Dich darum.

So bin ich in der peinlichen Lage, Dir diese Bitte abschlagen zu müssen.

Es ist, soviel ich weiß, meine erste Bitte.

Und dennoch kann ich sie Dir nicht gewähren.

Auch nicht, wenn diese erste Bitte zugleich meine letzte wäre?

Des Fürsten Blicke schweiften zu dem Grafen hinüber, der eben mit dem Baron Neuhof sprach und in diesem Momente nicht eben laut, aber doch laut genug lachte, daß es bis zu dem Fürsten herüberklang. Ihm war, als ob dies Lachen nur ihm gelten könne, als ob der Graf schon im voraus triumphire über den blinden Gehorsam, mit dem man seinen Befehlen folgte.

Auch dann nicht, sagte er.

Er wußte nicht, daß er es laut gesagt hatte; er wußte es erst, als Hedwig sich plötzlich von ihm wendete. Er wollte sie zurückrufen, ihr nacheilen, aber er sah oder glaubte zu sehen, daß man bereits angefangen hatte, sich über diese Scene zu wundern; und da trat auch Herr von Zeisel auf ihn zu, ihm den alten Grafen Pechtiegel zu präsentiren, der sogleich mit lauter krähender Stimme um Entschuldigung wegen seines späten Kommens bat; aber Durchlaucht wisse wohl: ein alter Capitän auf Halbsold habe nicht jederzeit eine Equipage zur Verfügung, und was ihn betreffe, so habe er nie eine gehabt, als Anno Dreizehn in Frankreich eine requirirte, und mit seinen beiden abgetriebenen Ackergäulen fahre es sich sehr langsam durch den Wald bei den vertracten Wegen.

Ich kann den Kerl doch nicht so ohne weiteres mit der Reitpeitsche tractiren, sagte der Graf an einer andern Stelle des Saales zu dem Baron Neuhof.

Er verdiente es schon, sagte der Baron. Aber ich gebe zu, so ohne weiteres geht es nicht; einen Grund müßte man schon haben. Wenn Du fändest, daß er für Deinen Geschmack zu sehr durch die Nase spricht?

Der Graf lachte.

Das verstehst Du nicht, Curt; Du hattest, so viel ich weiß, im Französischen sechszehn Points minus.

Habe aber nichtsdestoweniger seit der Zeit recht gut auf französisch pointiren gelernt, sagte der Baron.

Ernsthaft, Curt, ich muß einen Grund haben, einen plausiblen Grund. Meine Schwiegermama, der Stephanie von der Situation hier ausführliche Nachricht gegeben zu haben scheint, beschwört mich, es zu keinem Eclat kommen zu lassen, am allerwenigsten zu einem, der auf eine politische Differenz zurückzuführen wäre. Ich fühle ihr das vollkommen nach, so wenig auch die Schuld auf meiner Seite liegen würde. Es bleibt immer etwas am Namen hangen, und ich will den Namen Roda, wenn ich es vermeiden kann, ebensowenig in einen politischen Scandal verwickelt sehen wie in einen politischen Prozeß. Und an ihrem Hofe, wo meine Schwiegermama die Sache zur Sprache gebracht hat, denkt man ebenso: um Himmelswillen an dergleichen nicht rühren! Sehr schön; aber hinterher heißt es doch: Sie hätten es nicht dulden sollen. Ich kenne das, man giebt immer die Prämissen zu und zieht nie die rechten Schlüsse, sobald diese unbequem sind.

Gut, sagte der Baron, so mache die Entdeckung, daß er der schönen Hedwig auf unverschämte Weise den Hof macht.

Er thut es aber nicht.

Du bist nicht mehr verliebt, lieber Henri, sonst würdest Du die Manieren des Laffen schon hinreichend provocirend finden.

Nehmen wir also an, ich finde sie provocirend.

So haben wir, wonach seine Landsleute jetzt so eifrig suchen: den Vorwand zum Kriege. Als nächster Verwandter des Hauses kannst Du das nicht dulden; als jüngerer Mann bist Du verpflichtet, einem alten Herrn die Mühe zu ersparen, dem Herrn Marquis eine Kugel in die rechte oder in die linke Schulter zu placiren. Der Plan steht freilich auf schwachen Füßen, da der Marquis nicht gerade übermäßig zu reussiren scheint und die schöne Hedwig, wenn sie behauptet, bereits nach einer andern Seite engagirt gewesen zu sein, schlimmstenfalls den Beweis der Wahrheit dafür antreten könnte.

Meine Chancen stehen seit heute gar nicht mehr so gut, sagte der Graf.

Deine Chancen, lieber Henri? und seit heute? Nimm es mir nicht übel, aber ich glaube. Du hast, wie auch früher Euer Verhältniß gewesen sein mag, schon längst keine mehr gehabt.

Was meinst Du? fragte der Graf.

Ja, hat Dir denn meine Frau, deren großes Thema es jetzt ist, nie davon gesprochen?

Wovon soll mir Deine Frau gesprochen haben?

Daß doch dergleichen zu Denen, die es zumeist angeht, immer zuletzt kommt, sagte der Baron; und er theilte nun in gedrängter Kürze dem Grafen die Gerüchte mit, welche – man wußte kaum, wie und woher – in letzter Zeit über ein Verhältniß, das Hedwig mit dem Doctor Horst haben solle, in der Gesellschaft und in der Umgegend circulirten.

Der Graf hörte ungläubig zu.

Wie kannst Du Dich nur zum Träger eines so durchaus leeren und – verzeihe mir das Wort – so albernen Gerüchtes hergeben!

Weshalb leer, weshalb albern? fragte der Baron.

Weil Hedwig viel, aber viel zu stolz ist, an eine so elende Intrigue nur zu denken, geschweige denn, sich darauf einzulassen, und weil, selbst wenn sie nicht zu stolz wäre, sie viel zu klug ist, einen Weg zu gehen, der sie so weit von dem Ziel ihres Ehrgeizes abbringen könnte. Ich zweifle aber jetzt keinen Augenblick mehr an ihrem Ehrgeiz, wie ich auch früher anders darüber gedacht haben mag. Als sie sich dem Fürsten hingab, that sie es einfach aus Rache, ohne Ueberlegung; sie würde sich jedem Andern ebenso in die Arme geworfen haben. Mittlerweile aber hat sie herausgefunden, daß die Rache nicht blos sehr süß, sondern auch sehr profitabel ist und sich vielleicht noch profitabler machen läßt. Mit einem Worte –

Mit einem Worte?

Sie will dem Fürsten nicht blos zur linken Hand angetraut sein, sie will die Zügel nicht blos factisch und im Geheimen, sondern auch legitim und öffentlich in Händen haben, und deshalb bestärkt sie den alten Herrn in seinen politischen Tollheiten, die, ihn immer mehr isoliren, ihn immer mehr mit der Welt verbittern müssen und aus denen er eines schönen Tages als Verbannter und rechtmäßiger Gemahl einer jungen Frau erwachen wird, die ihn unbedingt beherrscht.

Ich sollte meinen, an seinem Vermögen müsse ihr mehr gelegen sein.

Man ist an unserem Hofe sehr großmüthig, wie Du weißt. Im schlimmsten Falle bleibt immer noch genug übrig.

So siehst Du die Sache an.

Ich habe es von Anfang an geahnt; seit heute bin ich ganz sicher, und was den Menschen, den jungen Hannoveraner, betrifft, so mag sie ihn vielleicht zur Durchführung ihrer Zwecke so oder so brauchen, aber weiter ist es nichts, glaube mir.

Baron Neuhof zuckte die Achseln.

Du mußt es ja am besten wissen, sagte er. Ich für mein Theil habe immer daran festgehalten und mich sehr wohl dabei befunden, daß die Frauen zwar, Gott sei Dank! unseren Geschmack nicht beurtheilen können, wir aber, Gott sei's geklagt! ebensowenig den ihren; und von dem Doctor geht das Gerücht, daß er im Allgemeinen sehr nach dem Geschmack der Frauen sei.

Der Graf warf einen finsteren Blick auf seinen Freund; der Baron lachte.

Wenn Du Dich vorher mit mir schlagen willst, sagte er, so wirst Du, kommt der Marquis an die Reihe, um einen Secundanten verlegen sein. Man fängt an zu klimpern, Henry; wir werden ein wenig mit herumspringen müssen. Schade, daß Deine Frau nicht mehr tanzt, sie walzte früher göttlich.

Stephanie sah im Spiegelsaal, in welchen man sich jetzt begeben hatte, dem Tanz aus einer Ecke zu. Ihre gute Laune war ganz dahin; sie fühlte sich zum Weinen traurig. Man hatte sie heute so gut wie gar nicht beachtet, sie in der erschrecklichsten Weise vernachlässigt. Von ihrem Manne war sie das freilich gewohnt, aber auch er hatte es selten so arg wie heute getrieben. Der Doctor hatte sie nur aus der Ferne stumm begrüßt; selbst Baron Neuhof, der früher zu ihren Anbetern gehörte, sich kaum um sie bekümmert, und selbst der Fürst war seit einigen Tagen ein ganz Anderer geworden; er mußte sie durchaus vergessen haben. Wie würde er sonst haben tanzen lassen, da sie nicht mittanzen konnte! Wahrhaftig, wenn die alte langweilige Frau von Fischbach sich jetzt nicht zu ihr gesellt hätte, sie würde vielleicht zum erstenmale in ihrem Leben in einem Ballsaale während des Tanzes nicht nur gesessen, sondern, was das Schlimmste war, allein gesessen haben.

Wir freuen uns recht, liebe Gräfin, sagte die gute Dame, daß Sie endlich einmal zu uns gekommen sind, wo Sie ja doch von Gottes- und von Rechtswegen hingehören. Es wird Ihnen, schon bei uns gefallen, denn ich nehme an, daß der Graf den Dienst quittirt und hier residirt, wenn die alte Durchlaucht – der Gott noch lange das Leben erhalten wolle! – einmal die Augen zumacht. Wir sind ein bischen einfach und hinter den Anderen zurück, aber es lebt sich doch gut bei uns; und nun gar Sie werden auf Händen getragen werden. Sie haben es besser und leichter als das arme Mädchen da. Was hilft ihr Schönheit und Jugend und vornehmes – Aussehen es hat doch Keiner den rechten Respect, wenn man auch ihr in's Gesicht freundlich genug ist. Eigentlich ist es spottschlecht von den Leuten, denn sie hat während der vier Jahre, die sie hier ist, viel, ja, nimmt man's recht, unglaublich viel gethan. Wann und wo es galt zu helfen – und wann und wo thäte auf dem Lande nicht Hilfe noth! – da war sie gewiß mit Rath und That. Und als in diesem Winter oben auf dem Walde der Typhus so arg wüthete, ist sie wirklich eine zweite Vorsehung für die armen Menschen gewesen. Das ist ja Alles wahr, und dennoch – sehen Sie, gnädige Frau – so ist der Mensch nun einmal; mir selbst wird es schwer, so recht von Herzen zu glauben, daß sie das Alles um Gotteswillen thut, wie ist es da den Leuten zu verdenken, wenn sie sprechen: sie thäte es nur, damit die alte Durchlaucht sie noch mehr bewundere und schließlich doch Ernst und sie auf seine alten Tage zu seiner rechtmäßigen Gemahlin mache, was ja wohl jetzt zulässig sein soll, obgleich ich für mein Theil nichts davon verstehe. Nun, dergleichen kann man Ihnen doch nicht nachsagen; und darum wiederhole ich: man wird Sie auf Händen tragen, wenn Sie einmal erst Herrin sind. Sie werden gewiß recht gut sein, daran zweifle ich nicht, und Ihnen wird man's glauben.

Stephanie hatte nie daran gedacht, ob sie gut sein werde oder nicht, wenn sie erst einmal Fürstin von Roda war; auch die Frage, was die Leute von ihr sagen würden, schien ihr nicht eben wichtig; sie hörte von der Rede der alten Dame nur, daß Jedermann annehme, Hedwig lege es darauf an, des Fürsten rechtmäßige Gemahlin zu werden; und wie sie nun die Augen hob und Hedwig wenige Schritte vor ihr mit dem Marquis in der Française sich anmuthig hin- und herbewegen sah, und sah, wie die Augen mehr als eines der Herren fortwährend die schlanke weiße Gestalt verfolgten, und jetzt selbst die Neuhof, die in ihrer Nähe tanzte, sich zu ihr herabbeugte und sagte: Sei nur nicht so traurig, Du wirst auch einmal wieder schön werden – da konnte sie ihren Jammer nicht länger bekämpfen . und sie weinte heiße Thränen in ihr Spitzentaschentuch und lächelte zwischendurch die Baronin freundlich an und warf dem Fürsten eine Kußhand zu.

Da kommt mein Alter, mich zu Tisch zu führen, sagte die gute Frau von Fischbach. Es schmeckt ihm nicht, wenn ich ihn nicht essen sehe. Und da kommt der Baron Neuhof, um Sie zu holen, liebe Gräfin, Nun, zu Ihnen gehört ein so stattlicher Cavalier.

Der Tanz war zu Ende; man ging in den Muschelsaal, um zu soupiren. Der Marquis, welcher zuletzt mit Hedwig getanzt hatte, führte sie auch in den Speisesaal. Das südlich lebhafte Antlitz des Mannes glänzte und seine heißen dunklen Augen strahlten, als er mit ihr an dem Grafen vorüberschritt. Der Graf knirschte mit den Zähnen.

Weshalb so ungnädig, lieber Graf? sagte die Baronin Neuhof, die er am Arme führte. Ich könnte die Hedwig küssen; ich finde sie bewunderungswürdig. Sie rächt unser armes hilfloses Geschlecht an Euch grausamen Männern. Sie lachen; das ist recht. Es klang noch ein wenig forcirt, aber Sie sind auf dem richtigen Wege; Sie werden sich schon in Ihr Schicksal finden. Sie haben das Alles von Anfang an viel zu ernst genommen.

Oder nicht ernsthaft genug.

Verfallen Sie schon wieder in den alten Fehler! Ich versichere Sie, das Lachen ist weit klüger und bequemer. Ich habe auch Stephanie dazu gerathen. Ach, was werdet Ihr für ein glückliches Paar werden, wenn Ihr Beide erst einmal lachen gelernt habt!

Um das in der Mitte des schönen großen Raumes hergerichtete prachtvolle Büffet war eine Anzahl kleiner Tische arrangirt, an welchen sich die Gesellschaft in zwangloser Weise, heiter plaudernd, niederließ.

Ist das nicht ein reizender Abend? sagte Herr von Zeisel, als er gegen das Ende des Soupers sich auf einen Augenblick Hermann nähern konnte. Geht nicht Alles vortrefflich, wie am Schnürchen, trotzdem unsere Leute wenig Uebung haben und mehr als Einer heute zum zweiten- oder drittenmale in dem Rocke steckt? Dennoch kein Kerl hingeschlagen, kein Theebrett hingefallen, keiner Dame eine Saucière in den Schoß geschüttet oder ein Loch in die Schleppe getreten! Und die Gesellschaft selbst! Hätte im Leben nicht geglaubt, daß wir ein solches Ensemble hier zusammenbekommen würden: elegante Männer, liebenswürdige Frauen, himmlische Mädchen! Ach, mein Freund, verzeihen Sie, ich dachte in diesem Augenblick nicht an Ihre unglückliche Liebe. Dem Glücklichen schlägt keine Uhr, aber leider auch nicht einmal das Gewissen! Alles Würde, Anmuth, Grazie, Harmonie, in der kein Mißton, trotzdem der schreckliche alte Graf Pechtiegel – Himmel, was ist das!

Herr von Zeisel eilte quer durch den Saal auf den alten Herrn von Pechtiegel zu, der mit einem Glase Champagner in der Hand vor dem Tisch stand, an welchem der Marquis an Hedwigs Seite mit noch einigen anderen Herren und Damen saß.

Was da Spanien, was da hohenzollerische Candidatur! rief der alte Haudegen. Das sind Alles nur Finten und Flausen. Uns wollen sie an's Fell, sie haben's immer gewollt; aber ich will wissen, woran wir mit den Franzosen sind; ich habe immer gewußt, woran ich mit den Franzosen war!

Der Mann scheint zu mir zu sprechen, sagte der Marquis zu der erschrockenen Gesellschaft. Will nicht einer von den Herren die Güte haben, dem Herrn zu sagen, daß ich nicht das Glück habe, ihn zu verstehen?

Aber ich verstehe Sie ganz gut, mein schöner Herr! schrie der Alte. Ich –

Wollen Sie mir erlauben, Herr Graf? sagte Herr von Zeisel, den Halbtrunkenen beim Arm ergreifend und ihn trotz seines Schreiens und Sträubens durch eine Thür hinausführend, die sich glücklicherweise in unmittelbarster Nähe befand und von den Bedienten schnell geöffnet worden war.

Der Fürst hatte sich, sobald die ersten lauten Töne an sein Ohr schlugen, sofort erhoben und damit auch für die Anderen das Zeichen zum Aufstehen gegeben. Dennoch hatte er nicht verhindern können, daß die häßliche Scene so ziemlich von Allen in dem Saale bemerkt war, trotzdem Jeder sich die Miene gab, nichts gehört und nichts gesehen zu haben, und darin dem Beispiele des Fürsten folgte, der sich ruhig mit dem alten Herrn von Fischbach unterhielt und erst seine Fassung zu verlieren schien, als jetzt der Graf und Hedwig von verschiedenen Seiten an ihn herantraten.

Nun, sagte er zu Hedwig in scharfem Ton, und laut genug, daß der Graf es hören mußte, wie fandest Du das?

Der Unwille über das soeben Erlebte bebte noch auf Hedwigs bleichen Lippen.

Ich bin empört, sagte sie, aber –

Sie schwieg, da sie plötzlich den Grafen neben sich sah.

Ich dächte, sagte der Fürst, hier wäre kein Aber. Ein Aber würde uns zu Barbaren machen; und selbst der Barbar respectirt die Gastfreundschaft. – Ah, da sind Sie ja, lieber Marquis.

Der Fürst hatte dem Marquis einen Schritt entgegen gethan und begann jetzt, sich vertraulich auf den Arm desselben lehnend und mit offenbar absichtlicher Freundlichkeit zu ihm redend, eine Runde durch den Saal zu machen.

Der Graf und Hedwig sahen sich starr an. Er, der nicht wußte, wie weit sie in dieser Sache bereits gegangen war, glaubte in ihren Mienen nur Haß und Trotz, sie wiederum in den seinen eine Herausforderung und Drohung zu lesen.

Durchlaucht wünschen aufzubrechen, gnädige Frau, sagte Herr von Zeisel. Darf ich um die Gnade bitten?

Sie ließ sich von dem Cavalier zu dem Fürsten begleiten. Der Fürst hatte, während er mit Hedwig weiterschritt, für jeden seiner Gäste ein freundliches Wort; aber Herr von Zeisel bemerkte, daß er sofort verstummte, als sie den Gesellschaftsraum jetzt hinter sich hatten und in das Grüne Zimmer traten, und daß, als er sich vor der gnädigen Frau verbeugte, er ihr zum erstenmal nicht die Hand küßte.

Die letzten Wagen waren davongerollt; in den Sälen waren die Diener mit dem Abräumen beschäftigt; die Herrschaften hatten sich längst schon in ihre Gemächer zurückgezogen. Baptiste, des Herrn Marquis Kammerdiener, wartete mit Ungeduld auf den Augenblick, wo der Herr Marquis Herrn Rosel wegschicken und sich zur Ruhe begeben werde. Der Marquis hätte nichts dagegen gehabt, wenn Herr Rosel gegangen wäre, aber Herr Rosel sagte:

Ich bitte um Verzeihung, Herr Marquis, wenn ich lästig falle, aber ich halte es für meine Pflicht, den Herrn Marquis daran zu erinnern, daß wir in der That hier fertig sind und daß wir gut thun würden, an den übrigen Theil unserer Aufgabe zu denken.

Denken Sie immerhin, sagte der Marquis, das ist ja Ihr Metier. Ich für mein Theil bin noch nicht fertig.

Wie, Herr Marquis, sagte Herr Rosel, nachdem der Fürst heute in aller Form sein Versprechen gegeben hat, das er unbedingt halten wird – was wollen Sie mehr?

Sie nehmen die Sache auf einmal sehr leicht, sagte der Marquis, nachdem Sie mir noch gestern Abend Gott weiß was Alles von der Wichtigkeit derselben vorgeredet haben. Jetzt, da ich anfange, mich dafür zu interessiren, ist Ihr Interesse zu Ende.

Weil ich in der That nichts mehr zu thun sehe, sagte Herr Rosel. Mit dem Fürsten haben wir Alles, was wir hier haben können. Meine Mühe, einen Einfluß auf seine Umgebung zu gewinnen, ist ganz vergeblich gewesen.

Und Sie rechneten so sicher darauf!

Ich habe mich eben verrechnet, ebenso wie ich mich in der Stimmung der Bürgerschaft täuschte. Ich bin den ganzen Morgen in dem Städtchen und in der Umgegend herumgeschlichen. Glauben Sie mir, Herr Marquis, wir werden alle diese Leute gegen uns haben, sobald der Krieg losbricht; ja, wir haben sie jetzt schon gegen uns.

Nun gut, sagte der Marquis, machen Sie daraus ein hübsches Exposé, das wir dem Minister schicken können. Benützen Sie dazu die Nacht, wenn Sie nicht müde sind, aber verzeihen Sie mir, wenn ich für meinen Theil jetzt zu Bette gehen möchte.

Und hat Sie die Scene vorhin nicht stutzig gemacht, Herr Marquis? fragte Herr Rosel.

Pah! sagte der Marquis.

Ich glaube, der Herr Graf und vielleicht auch der Herr Baron Neuhof stecken dahinter; der alte Vaurien würde sonst nicht so weit gegangen sein.

Möglich, sagte der Marquis, ein Gähnen fingirend.

Herr Marquis, sagte Herr Rosel, den Hut in die Hand nehmend, es sollte mir unaussprechlich leid thun, wenn ich dem Exposé an den Herzog von Grammont einen Privatbrief an Monsieur Ollivier, mit dem ich, wie der Herr Marquis weiß, sehr gut stehe, nachschicken müßte, in welchem ich anzudeuten gezwungen wäre, daß der lebhafte Briefwechsel des Herrn Marquis mit dem Herrn Grafen Chambord vielleicht die Zeit des Herrn Marquis zu sehr in Anspruch nimmt, als daß der Herr Marquis auf die Interessen der aktuellen Regierung, speciell auf unsere Mission die nöthige Aufmerksamkeit verwenden könnte.

Ja so, sagte der Marquis, weshalb haben Sie das nicht gleich gesagt? Wie viel brauchen Sie?

Meine arme Mutter in Straßburg – sagte Herr Rosel.

Und die noch ärmere Internationale in London –

Herr Marquis!

Großer Gott! rief der Marquis, ich will mich nicht in Ihre politischen Geheimnisse mischen; hätten Sie doch nur dieselbe löbliche Gewohnheit! Und Ihr Internationalen arbeitet uns doch nur in die Hände; mit einem Wort –

Baptiste, welcher aus langer Weile das Ohr an das Schlüsselloch gelegt hatte, konnte nicht hören, was Herr Rosel antwortete; aber er hörte, wie der Marquis seine Cassette aufschloß und wieder zuklappte und dann lachend sagte:

Sehen Sie, mon cher, so lange Sie es nicht zu arg treiben, werden Sie mich bereit finden, für die Dummheit, Ihnen im Anfang zu weit getraut zu haben, den Preis zu zahlen. Aber, wie gesagt, zu arg dürfen Sie es nicht treiben.

Ich danke, Herr Marquis, sagte der Secretär, und da der Herr Marquis so gütig ist, möge er mir erlauben, meine Dankbarkeit in Form eines guten Rathes abzustatten: Nehme sich der Herr Marquis in Acht! Ich bin überzeugt, der Herr Graf will nichts als einen plausiblen Vorwand, um den Herrn Marquis in einen Streit zu verwickeln.

Die Politik ist, wie die Sachen hier liegen, nicht wohl dazu geeignet, sagte der Marquis; wir haben es eben gesehen; man setzt die Leute, die eine andere politische Meinung haben als der Fürst ganz einfach vor die Thür.

Man kann den Herrn Grafen nicht vor die Thür setzen.

Deshalb darf er sich nicht in eine Lage bringen, wo dies bei Anderen unfehlbar geschehen würde.

So gebe ihm der Herr Marquis keinen Anlaß, der außer anderen auch noch die üble Folge haben könnte, den Herrn Marquis mit dem Fürsten zu verfeinden, das heißt: den Erfolg unserer Mission auf das ernstlichste zu compromittiren.

Mein lieber Herr Rosel, sagte der Marquis, ich bin Ihnen sehr verbunden, aber davon verstehen Sie nichts. Und nun, gute Nacht!

Der Marquis drückte auf die Glocke.

Leuchte dem Herrn; und Du brauchst nicht wieder zu kommen, ich werde allein zu Bett gehen.

Der Marquis sah sich nicht sobald allein, als er seine Cigarrette fortschleuderte und mit ausgebreiteten Armen in dem großen Teppichgemach auf- und niederzurennen begann. Die Schönheit Hedwigs hatte heute Abend seine Leidenschaft auf das höchste entflammt; die Gunst, die sie ihm durch die Annahme des Tanzes erwiesen, ihre Freundlichkeit während der Tafel, ihr sichtbares Erschrecken in der Scene mit dem alten tollen Herrn – es war ja, wenn man wollte, herzlich wenig; aber er war der Mann aus Wenigem Viel zu machen! er kannte die Kunst! er!

Sie liebt mich, sie liebt mich! rief er erregt, und wenn die Liebe für sie ein Märchen ist wie für mich, so weiß sie doch die Reize eines Verhältnisses zu schätzen, das darum nicht weniger reizend sein wird, weil es voraussichtlich nur von kurzer Dauer ist. Sie ist nicht, wie diese insipiden anderen deutschen Frauen, wie diese blonde Gräfin zum Beispiel; sie weiß nicht blos, was sie will, sie hat auch den Muth, ihren Willen durchzusetzen. Wer das erreichte, was sie erreicht hat, braucht nicht erst seinen Muth zu beweisen. Und von Scrupeln kann nun gar nicht bei ihr die Rede sein; ein alter Gemahl, der noch dazu nach der unrechten Seite eifersüchtig ist – auf diesen widerwärtigen Grafen, diesen preußischen Eisenfresser aus dem Charivari, der immer aussieht, als ob er am liebsten ein Gabelfrühstück aus mir machen möchte, – pah, Gelegenheit, Gelegenheit, das ist's, nichts weiter!

Durch des jungen Mannes Phantasie zogen in bunten Schwärmen die tollfrechen Abenteuer aus dem Faublas. Er schwang sich an zerbrechlichen Spalieren über Gartenmauern; er tastete dunkle Hintertreppen hinauf und suchte die verborgene Feder an Tapetenthüren; er fand tausend Hindernisse, die er alle besiegte, zuletzt und am leichtesten den Widerstand in den Armen der angebeteten Frau, war er erst einmal bis zu ihr gelangt!

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