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Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
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Vierzehntes Kapitel.

Die an dem schönsten Sommermorgen in der Laube der Apotheke zum Schwan um Frau Hippe versammelten Damen waren so in ihr Gespräch vertieft gewesen, daß sie den Hufschlag eines Pferdes nicht gehört hatten, welches von seinem Reiter langsam aus der schattigen Seitenstraße, die von Erichsthal heraufkam, über die Ecke des Marktplatzes bis an die Thür des Gasthofes zur Goldenen Henne gelenkt worden war. Dort war der Reiter abgestiegen, aber nicht in das Haus getreten, sondern hatte nur eben dem Vetter von dem Dietrich auf dem Schlosse, welcher in der Henne als Hausknecht functionirte und den sie den dummen Caspar nannten, seinen Braunen übergeben und war dann über den Markt an dem plätschernden Brunnen vorüber gerade auf die Apotheke zugeschritten.

Das trifft sich glücklich, sagte Herr von Zeisel, indem er die Damen der Reihe nach begrüßte und jeder die Hand reichte; das hätte sich nicht glücklicher treffen können. Werthe Frau Körnicke, Sie würden mich verbinden, wenn Sie das allerliebste Körbchen da an Ihrem Arm wieder auf den Tisch stellen wollten. Sie dürfen unmöglich fort, keine von Ihnen darf fort, ich würde sonst einer jeden von Ihnen einzeln meine Aufwartung machen müssen, denn ich habe Sie Alle zu sprechen. Erlauben Sie, hochgeschätzte Frau Hippe, erlauben die andern verehrten Damen, daß ich mich einen Augenblick zu Ihnen setze. Aber um Himmelswillen, keine Umstände, meine Damen! Werthe Frau Hippe, ich flehe Sie an, behalten Sie Ihren Stuhl, ich sitze hier vortrefflich – ah, was das wohlthut nach dem langen Ritt!

Und der Cavalier setzte sich auf die oberste der drei Stufen, die zu der Laube hinaufführten, und blickte mit seinen blauen Augen so überaus freundlich zu den Damen empor, daß Frau Körnicke ohne weiteres den Korb wieder auf den Tisch stellte, Frau Findelmann und Frau Zeller ganz vergaßen, daß sie in bloßem Kopf und in entschiedener Morgentoilette waren, und selbst die bescheidene Frau Hippe den Wunsch hatte, es möchte ganz Rothebühl an der Apotheke vorüberdefiliren und den Cavalier Sr. Durchlaucht auf der Schwelle Ihrer Laube sitzen sehen.

Und nun, meine Damen, sagte Herr von Zeisel, Sie wissen, ich bin der undiplomatischste Mensch von der Welt, da müssen Sie es mir denn nicht übel deuten, wenn ich ohne lange Vorrede mit meinem Anerbieten herausrücke. Am sechzehnten ist der Geburtstag Seiner Durchlaucht; daß ein Ball stattfinden wird, daß die Damen sämmtlich geladen werden, brauche ich Ihnen nicht zu sagen, das versteht sich von selbst, und daß die Damen wie immer gütige Folge leisten, wage ich im Interesse unserer Durchlaucht, der unglücklich sein, würde, wenn auch nur Eine wegbliebe, voraussetzen zu dürfen.

Hier richteten sich die Blicke der drei gesinnungstüchtigen Damen auf Frau Körnicke, die bis an ihre dichten braunen Flechten erröthete.

Durchlaucht sind immer so überaus gütig, sagte Frau Hippe.

Ich danke, verehrte Frau, sagte der Cavalier, ich danke Ihnen, meine Damen. Aber mich Ihrer freundlichen Zusage zu versichern war nicht der einzige Zweck meines Kommens. Das Fest wird diesmal gewissermaßen unter außergewöhnlichen Umständen stattfinden. Der kleine Kreis, der sonst Durchlaucht umgiebt, hat sich durch die Anwesenheit der Berliner Herrschaften, durch den Besuch der Gäste aus Paris – die gestern, als wir durch Rothebühl kamen, von der Schönheit unseres Städtchens entzückt waren, meine Damen – ansehnlich erweitert, und so ist es denn auch der Wunsch Seiner Durchlaucht, daß das Fest sozusagen diesen veränderten Umständen Rechnung trage und verhältnißmäßig größere Dimensionen annehme. Es würde sich also in erster Linie darum handeln, die Einladungen zum Ball reichlicher als bisher auszutheilen. Durchlaucht hat mir vollkommen freie Hand gelassen, aber ich würde mich gänzlich unfrei fühlen, wenn ich nicht mit den Damen Hand in Hand gehen könnte. Es wäre also meine Bitte, daß Sie sich der großen Mühe unterzögen und mir diejenigen Damen in Rothebühl bezeichneten, welche bisher keine Einladung erhalten haben, aber diesmal und vielleicht in Zukunft solche erhalten dürften. Bei Ihrer intimen Bekanntschaft mit den hiesigen Verhältnissen sollte Ihnen das, däucht mir, nicht allzu schwer fallen. Darf ich hoffen, meine Damen?

Die vier Damen sahen eine die andere an.

Da wäre vielleicht noch die Frau Körner, sagte Frau Zeller nachdenklich.

Um Gotteswillen, sagte Frau Findelmann, wo denken Sie hin?

Warum nicht? sagte Herr von Zeisel. Eine würdige Frau – wir dürfen auch nicht allzu wählerisch sein. Also Frau Oekonom Körner.

Und er notirte den Namen in seine Schreibtafel.

Dann freilich auch Frau Blume, sagte Frau Findelmann.

Um Gotteswillen, sagte Frau Zeller, die Gärtnerfrau!

Seiner Durchlaucht wohl bekannt, sagte der Cavalier. Nur keine Exclusivität, meine Damen! Notiren wir: Frau Kunstgärtner Blume.

Dann können wir auch an Frau Heinz nicht vorübergehen, sagte die gute Frau Hippe.

Um Gotteswillen; riefen Frau Zeller und Frau Findelmann.

Ehren wir den Nährstand, meine Damen, sagte Herr von Zeisel. Also: Frau Hofbäcker Heinz; und da was dem Einen recht, dem Andern billig ist, so erlauben Sie mir noch gleich Frau Hofschlächter Schwarthals zu notiren. Das wären vier Damen mit ihren Töchtern, so viel ich weiß, zehn für den Anfang. Vielleicht einigen sich die Damen noch über einige Namen, und ich bitte in diesem Falle um die Güte, mir die Liste bis morgen früh zukommen zu lassen, damit die Karten zum zwölften ausgeschrieben werden können. Aber meine Damen, ich muß Sie noch länger aufhalten. Ich habe noch eine ganze Reihe von Bitten. Also Nummero zwei: Der Ball beginnt um Sechs, wie gewöhnlich, und endet um Neun, wie immer. Nach dem Ball große Illumination –

Ah! riefen die Damen aus einem Munde.

Der Terrassen, des Gartens und Wildparks, fuhr Herr von Zeisel fort. Ich verspreche mir davon einen nicht unbedeutenden Effect und der Gesellschaft, welche eben aus dem Saal heraustritt und nach Belieben in den erleuchteten Gängen promenirt, eine angenehme Ueberraschung, weshalb ich die Damen angelegentlichst bitte, diesen Theil des Programms vorläufig geheimhalten zu wollen. In der Pause um ein halb Acht soll ein kleines Schauspiel eingefügt werden, über welches ich noch nicht ganz mit mir einig bin und das ich deshalb hier übergehe, um auf eine kleine Ansprache zu kommen, welche von einer der Damen an Seine Durchlaucht zu richten wäre, wenn er in den Saal tritt, und die zu übernehmen ich Frau Körnicke freundlichst ersuchen möchte.

Ich? rief Frau Körnicke mit allen Zeichen des Schreckens.

Sie, verehrte Frau, sagte Herr von Zeisel. Das Gedichtchen, nebenbei von mir, wird nur wenige Verse enthalten.

Aber weshalb gerade ich? sagte Frau Körnicke in tödtlicher Verlegenheit. Mein Mann –

Gerade, oder auch mit deshalb, sagte der Cavalier. Es handelt sich um eine Huldigung, die der Person Seiner Durchlaucht gilt, und eine solche persönliche, von allen anderen Interessen und Beziehungen absehende Huldigung darzubringen, ist gerade die Gattin eines Mannes, der, wie Herr Körnicke notorisch eine – verzeihen Sie den Ausdruck – etwas extreme politische Richtung verfolgt, die geeignetste Vermittlerin, davon ganz abgesehen, verehrte Frau, daß Sie Alles besitzen, was zu dergleichen Rollen gehört: Stimme, Ausdruck, Jugend und die vortheilhafteste Erscheinung, wenn das Wort »Schönheit« aus meinem Munde Sie beleidigen sollte. Ja, ich muß noch mehr sagen: Seine Durchlaucht würde es als eine ganz besondere Aufmerksamkeit empfinden, wenn die Gattin unseres ersten Fabrikanten ihn, der ein solches Interesse an dem Gedeihen von Rothebühl nimmt, begrüßte und er hat sich zu mir in diesem Sinne ausgesprochen.

Es ist eine große Auszeichnung, sagte Frau Zeller.

Eine überaus große Ehre, sagte Frau Findelmann.

Ich meine, liebe Körnicke, Sie können sich da gar nicht besinnen, sagte Frau Hippe.

Ich thäte es ja nur zu gern, sagte Frau Körnicke, fast mit Thränen kämpfend; die gute alte Durchlaucht, die immer so freundlich grüßt, und ich habe schon auf der Schule immer declamiren müssen, aber mein Mann –

Ueberlassen Sie das mir, werthgeschätzte Frau, sagte Herr von Zeisel, sich von seinem unbequemen Sitz erhebend. Ich habe so wie so von meinem Programm nur den Theil vorgetragen, welcher zum Departement der Damen gehört, und will mich nun eilends zu den Herren auf den Weg machen.

Ich glaube, sie sind alle drüben in der Goldenen Henne, sagte Frau Hippe. Es pflegt so ihre Zeit vor Tisch zu sein.

Danke ergebenst, sagte der Cavalier; tausend Dank, meine Damen. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen und bitte das verehrliche Comité – so darf ich ja wohl die werthen Damen bezeichnen – schon im voraus um Verzeihung, wenn ich Sie im Laufe dieser Tage noch wiederholt behelligen sollte.

Herr von Zeisel reichte wieder allen Damen der Reihe nach die Hand, verneigte sich, verließ die Laube, winkte draußen noch einmal mit dem Hut zurück, den er dann mit einem energischen: Gott sei Dank, das hätten wir hinter uns! auf den Kopf drückte, um über den sonnigen Marktplatz, vorüber an dem uralten Brunnen, nach der Ausspannung zur Goldenen Henne zu gehen.

Als Herr von Zeisel diesem Hause schon ganz nahe war, sah er zu seinem nicht geringen Erstaunen Herrn Rosel aus der weit offenen Thür heraustreten. Herr Rosel hatte den Cavalier nicht sobald bemerkt, als er mit großer Aufmerksamkeit nach dem Himmel hinaufblickte, an welchem sich auch nicht das kleinste Wölkchen zeigte, und dabei hinter drei oder vier Bauerwagen gerieth, die ausgespannt vor dem Hause hielten.

Herr von Zeisel sah das Manöver sehr wohl und sagte deshalb:

bon jour, monsieur rosel.

Ah, sagte Herr Rosel, monsieur de zeisel, hier, zu dieser Stunde!

Herr Rosel zu dieser Stunde, hier? sagte der Cavalier.

Das allerliebste kleine Städtchen! sagte Herr Rosel. Die Kirche aus dem fünfzehnten Jahrhundert; ein Reisender, wissen Sie, ein Liebhaber der Architektur – man muß die Zeit benutzen.

Da will ich Sie denn auch nicht länger aufhalten, sagte der Cavalier, höflich den Hut ziehend.

Ich theile Ihnen bei der Tafel meine Beobachtungen mit, sagte Herr Rosel, den höflichen Gruß nicht minder höflich erwiedernd.

Sonderbar! sagte der Cavalier und blieb einen Augenblick vor der Gaststube stehen, aus deren halb geöffneter Thür ein nicht unbeträchtlicher Lärm ertönte.

Das war abscheulich von Ihnen, sagte Herr Findelmann.

Was muß der Mann nur von uns denken? rief Herr Zeller,

Man muß die Gastfreundschaft heilig halten, sagte Herr Hippe.

Und einem Wirth nicht seine Gäste vertreiben, sagte der Wirth, die ohnedies die Drei Forellen viel näher haben, wenn sie auch dort niemals echtes Rothebühler zu kosten bekommen werden.

Meine Herren! rief Herr Körnicke.

Hört, hört! sagte Herr von Zeisel.

Herr Körnicke verstummte; aber der Cavalier, der sich ohne weiteres rittlings auf einen Stuhl an den Tisch gesetzt hatte, bat ihn, fortzufahren.

Ich höre für mein Leben gern eine Rede, Herr Körnicke, sagte er, und wer wüßte es nicht, daß Sie ein famoser Redner sind.

Sie sind sehr gütig, Herr von Zeisel, sagte Herr Körnicke, aber diese Mohren da würde ich doch schwerlich weiß waschen können.

Sind die Herren so schwarz, sagte Herr von Zeisel, indem er die Bezeichneten mit schalkhafter Aufmerksamkeit zu betrachten schien.

Ist mir noch immer lieber, als wenn ich ein Rother wäre, sagte Herr Findelmann höhnisch.

Und der sonst immer den Franzosen das Wort geredet hat, sagte Herr Zeller.

Und dann doch einem Franzosen die Thür weist, sagte der Wirth.

Ich habe ihm nicht die Thür gewiesen, schrie Herr Körnicke; ich habe im Gegentheil selber gehen wollen, da ich Euch so darauf erpicht sah, vor dem Franzosen Eure schmutzige Wäsche zu waschen.

Ich muß denn doch sehr bitten, sagte Herr Findelmann, in Gegenwart des Herrn von Zeisel nicht so anzüglich –

Ist mir ganz gleich, schrie Herr Körnicke, und wenn der alte Herr selber hier wäre! Unter uns können wir sagen, was wir wollen; es weiß doch Jeder, wie es der Andere meint, und daß, wenn es zum Schlimmsten kommt, Einer für den Andern steht, wie ich laufen würde und löschen, wenn's hier drinnen beim Findelmann brennte, und der Findelmann laufen und löschen würde, wenn's draußen auf der Fabrik beim Körnicke brennte; und so Jeder bei Jedem, wie wir hier sitzen, durch ganz Rothebühl und durch ganz Deutschland, sollte ich meinen. Aber der Franzose weiß das nicht und meint das nicht. Der meint, wenn wir uns hier mit Worten tractiren, und Einer dem Andern kein gutes Haar läßt, das sei Alles baare Münze und wir gönnten Einer dem Andern das Weiße in den Augen nicht. Das aber soll so Einer von drüben nicht denken, und besonders jetzt nicht, wo sie wieder auf uns schimpfen, wie's hier in der Zeitung steht und ich's mit meinen Ohren gehört habe, als ich Siebenundsechzig während der Luxemburger Affaire meine Reise durch Frankreich machte, und wo's mich genug gewurmt hat, daß ich immer hätte dreinschlagen mögen, auch ein paarmal dreingeschlagen und die schönsten Prügel bekommen habe, denn viele Hunde sind des Hasen Tod, und damit wünsche ich den Herren einen guten Morgen.

Bleiben Sie, Herr Körnicke! rief Herr von Zeisel, dem Zornigen in den Weg tretend. Ich lasse Sie nicht fort, bevor Sie mir die Ehre erwiesen haben, mit mir anzustoßen. Ja, Herr Körnicke, ich rechne es mir zur Ehre an, mit einem Manne Ihrer Gesinnung ein Glas zu trinken.

Nun, nun, sagte Herr Körnicke, dem Cavalier Bescheid thuend, das Andere kann deshalb immer bleiben wie es ist.

Freilich, freilich, sagte Herr von Zeisel, wenn wir nur wissen, daß wir Alle ein Deutschland und ein Vaterland haben.

Ja, ja, Deutschland, das soll leben! sagte Herr Körnicke mit Enthusiasmus.

Und Durchlaucht, unser gnädigster Fürst daneben! sagte Herr von Zeisel.

Meinetwegen! sagte Herr Körnicke nach einem kurzen Bedenken.

Und da ich die Herren nun einmal beisammen finde, sagte Herr von Zeisel, und in einer so liebenswürdigen Stimmung, so will ich nur gleich die Gelegenheit benützen und Ihnen bezüglich des Geburtstages Seiner Durchlaucht einige Mittheilungen machen, die Sie Alle, denke ich, gleicherweise interessiren werden.

Herr von Zeisel machte nun die Herren mit seinen Plänen bekannt. Daß dem Fürsten von den Stadtmusicis ein Morgenständchen gebracht wurde, war uralter Brauch; aber das halbe Dutzend Instrumente, über welches man mit Aufbietung aller Kräfte verfügen konnte, machte im besten Falle keine besondere Wirkung, die sich aber Herr von Zeisel davon versprach, wenn der Rothebühler Männergesang-Verein, der so Ausgezeichnetes leiste, an dem Ständchen sich betheiligen und vielleicht drei Stücke, über die man sich ja leicht einigen werde, executiren wollte. Was die Herren dazu meinten? und besonders Herr Körnicke, der ja notorisch die kräftigste Stimme – hier lächelte Herr von Zeisel – in dem Gesangverein habe.

Wenn dem alten – ich meine, wenn Seiner Durchlaucht ein Gefallen damit geschieht, bin ich gern dabei, sagte Herr Körnicke.

Abgemacht, sagte Herr von Zeisel, und ich danke Ihnen zum voraus. Folgt Numero zwei.

Numero zwei: die eigentliche Geburtstags-Gratulations-Deputation, die sonst immer nur aus dem alten Bürgermeister und dem Stadtpfarrer bestand, in welcher Herr von Zeisel diesmal aber auch die Stadtverordneten-Versammlung, und, wenn es sein könnte, auch die Gewerke vertreten wünschte, war nicht auf der Stelle zu erledigen, da man dieserhalb erst Umsprache mit den Betreffenden halten mußte. Doch sagten die Herren ihre Unterstützung zu und daß sie auch sonst ihren Einfluß in jeder Weise aufbieten wollten, damit die Deputation in der von Herrn von Zeisel gewünschten Weise zu Stande komme.

Dann kommt sie zu Stande, sagte Herr von Zeisel. Wer wüßte nicht, daß die vier Herren, die hier sitzen, ganz Rothebühl in der Tasche haben! Was noch sonst etwa zu sagen wäre, meine Herren, sollen Sie von Ihren Gemahlinnen erfahren, deren Zustimmung ich mich bereits versichert habe. Und was das Feuerwerk am Abend nach dem Balle betrifft – ja, meine Herren, ein Feuerwerk, ein brillantes Feuerwerk, bei welchem ich mir die gütige Mitwirkung unseres vortrefflichen Herrn Hippe erbitte, und die kleine Serenade, mit welcher man vielleicht den festlichen Tag am würdigsten beschlösse – so sprechen wir über dies und Anderes, sobald ich mich wieder einmal auf eine Stunde freimachen kann. Aber jetzt ist es die höchste Zeit, daß ich in den Sattel komme und da wird auch eben von dem Caspar mein Brauner vorgeführt.

Herr von Zeisel schüttelte den Herren die Hände, bestieg sein Pferd, winkte aus dem Sattel noch einmal nach den Herren, die ihm vor die Thür gefolgt waren, zog, als er über den Marktplatz sprengte, vor den Damen, die er noch sämmtlich in der Laube der Apotheke versammelt sah, den Hut und verschwand in der engen Gasse, welche auf die Chaussée mündete, die nach dem Schlosse hinaufführte.

Die Chaussée stieg gleich hinter Rothebühl ziemlich steil bergan; aber das war nicht der einzige Grund, weshalb der Cavalier sein munteres Pferd so langsam in dem dünnen Schatten der Pflaumenbäume dahinschreiten ließ. Bis jetzt war Alles über Erwarten gut gegangen, aber zwischen Rothebühl und dem Schlosse lag noch das Haus des Kanzleiraths, und wenn er auch vorhin – allerdings auf einem bedeutenden Umwege – nach Rothebühl hineingekommen war, ohne das Iffler'sche Haus zu berühren, so ging das jetzt, wo er den directen Weg ritt, nicht wohl, besonders deshalb nicht, weil der schwierigste Theil der Aufgabe, die er übernommen, nur eben in diesem Hause seine Erledigung finden konnte.

Zwar war die Sache, um die es sich handelte, im Grunde gar nicht so schwierig: er wollte Fräulein Elise Iffler bitten, am Abend, wenn der Fürst in Begleitung seiner Gesellschaft die Promenade durch den erleuchteten Park machte, aus der Schwanengrotte in einem weißen, mit grünem Schilf und gelben Wasserlilien garnirten Kleide und aufgelöstem Haar im rechten Momente hervorzutreten und als Nixe der Roda dem Herren von Roda ein paar Verse herzusagen, die der Verfasser in diesem Augenblicke halblaut recitirte und die sich von Fräulein Elisens Lippen ohne Zweifel ganz wunderbar ausnehmen würden. Die Frage war nur, ob Fräulein Elise die Verse würde recitiren wollen.

Vor vierzehn Tagen wäre das gar keine Frage gewesen; Fräulein Elise fühlte sich für dergleichen Rollen geboren, Frau Iffler würde stolz gewesen sein, ihre Tochter in einer solchen Rolle zu sehen, und der Kanzleirath, so trocken er auch sonst war, mit Freuden der Metamorphose seiner Tochter in eine Wassernixe durch seine runden Brillengläser zugeschaut haben. Aber in vierzehn Tagen kann sich Vieles wandeln, und in diesen letzten vierzehn Tagen hatte sich viel gewandelt, nichts so sehr, als das Verhältniß Oscars von Zeisel zur Familie Iffler. Er war sich keiner Schuld bewußt; er hatte, trotzdem er, seit die Gäste auf dem Schlosse waren, wirklich beide Hände voll zu thun hatte, im Anfang seine regelmäßigen täglichen Besuche im Iffler'schen Hause gemacht, den Damen regelmäßig sein Bouquet überreicht oder sonst eine kleine zarte Aufmerksamkeit erwiesen, bis das sonderbare Benehmen des Vaters, die Einsylbigkeit der Mutter, das Verschwinden Elisens, sobald er das Haus betrat, ihm keinen Zweifel darüber ließen, daß er nicht mehr so gern gesehen werde wie früher, ja daß er überhaupt nicht mehr gern gesehen sei.

Er hatte den Kanzleirath gefragt, was er verbrochen – der Kanzleirath hatte erwiedert: er sei außer Stande, eine Frage zu beantworten, deren Ursache er nicht einmal ahne; er hatte der Kanzleiräthin dieselbe Frage vorgelegt und dieselbe Antwort erhalten; er hatte Elise beschworen, ihm offen zu sagen, wodurch er sie beleidigt habe. Elise hatte die blauen Augen niedergeschlagen und dann gesagt: Herr von Zeisel, auch mir ist mein Geheimniß Pflicht.

Was bedeutete dies Alles?

Der Cavalier zerbrach sich vergebens den Kopf darüber. Liebte Elise den Doctor? Hatte man auf den Doctor gerechnet und wollte es ihn nun entgelten lassen, daß der Doctor fortging? Aber er hatte ihn doch nicht weggeschickt, und eine unglückliche Liebe, eine verfehlte Elternhoffnung nehmen doch nicht so wunderliche Mienen an, und schließlich hatte er immer geglaubt und zu glauben alle Ursache gehabt, daß er der Bevorzugte sei.

So mag sie fallen, diese Blüthe vom Baum meines Lebens, hatte der junge Mann sich in den ersten Tagen hundertmal wiederholt; wenn Oscar von Zeisel verschmäht wird, so wird er sich zu trösten wissen. Und er hatte sich vorgenommen, Gräfin Stephanie's blaue Augen viel schöner zu finden als Elisens und ein Sonett angefangen, in welchem der jungen Mutter rührend zartes Bildniß in seines dunklen Lebens öde Wildniß strahlen sollte; aber Stephanie's blaue Augen hatten zu oft an ihm vorüber nach dem Doctor geblickt und das Sonett war nicht fertig geworden.

Desto besser und leichter war ihm ein anderes gelungen, zu welchem er erst gestern Nachmittag während der Fahrt nach Erichsthal den Stoff erhalten hatte. Das Sonett war Liebestrost überschrieben und handelte von einem jungen Fischer, der mit verweinten Augen in einen Bach starrt, dessen Wellen das Grab seiner unerträglichen Leiden werden sollen, und den der Sang der Philomele aus dem nahen Fliedergebüsch wieder zum Glauben an den Frühling, an das Leben, an das Glück bekehrt. Der schöne Reim auf Philomele war Adele.

Adele! sagte der Cavalier, sich im Sattel umwendend und einen Blick und einen Seufzer das Thal hinab nach Erichsthal und über Erichsthal weiter nach einem gewissen Rittergute schickend, durch dessen fruchtbare Breiten der fischreiche Bach seines Sonetts plätscherte: Adele!

Aber nein, fuhr er fort, es soll Niemand von Oscar von Zeisel sagen, daß er die Schulden seines Herzens nicht bezahlt hätte, wie es auch immer mit seinen andern Schulden stehen mag, zu deren Liquidirung die Fonds weniger reichlich fließen. Du bist zu weit gegangen, als daß Du nicht Dir – wenn nicht ihr – einen Versuch der Verständigung schuldig wärest. Einen Versuch, den letzten, und schlägt er fehl, dann mag es auf immer vorbei sein.

Er gab seinem Pferde die Sporen und hielt in wenigen Minuten vor der Villa des Kanzleiraths. Die Fenster der Wohnstube standen offen; es war Niemand darin. Vielleicht waren die Damen im Garten. Herr von Zeisel wendete sein Pferd und ritt an der Seite des Hauses auf einem schmalen Fußwege und dann an dem niedrigen Gartenzaun hin. Der Garten war leer. An den Garten stießen ein paar Wirthschaftsgebäude, hinter den Wirtschaftsgebäuden war ein kleiner Rasenplatz, auf welchem die Wäsche getrocknet zu werden pflegte und welcher der Sicherheit wegen mit einer höheren Mauer umgeben war, auf deren Kanten eingekalkte Glasscherben dem Frevler dräuend entgegenstarrten. Aber auch über diese Mauer konnte man, wenn man sich in die Bügel stellte, wegblicken. Herr von Zeisel, der einmal so weit gekommen war und aus dem innern Raum Stimmen gehört hatte, stellte sich in die Bügel, blickte über die Glasscherben, und das sonderbarste Schauspiel, das er sich je gesehen zu haben erinnerte, zeigte sich seinen erstaunten Augen.

Im Schatten eines Apfelbaumes, der in einer Ecke stand, saß Frau Iffler auf einem niedrigen hölzernen Bänkchen in schwarzem Taffetkleide und der Haube mit Ponceau-Bändern, strickend. In der entgegengesetzten Ecke, wo ein Birnbaum seinen dünnen Schatten verbreitete, saß auf einem Stuhl der Kanzleirath im Sommeranzuge mit einem breitrandigen Strohhut. Zwischen ihnen, in der Mitte des freien Platzes, stand der alte Gärtner des Kanzleiraths, Habermus, in der einen Hand eine große Peitsche, in der andern Hand eine Leine, deren Bestimmung Herrn von Zeisel vorläufig unklar blieb, da er den Theil des Platzes, wohin die Leine lief, nicht überblicken konnte; aber er hatte einen zu großen Theil seines Lebens in Manègen zugebracht, um nicht bald auf die Vermuthung zu fallen, daß dieser Strick der Theil einer Longe und der ganze Platz nichts anderes sei, als eine improvisirte Manège.

Es geht vortrefflich, nicht wahr, Iffler? rief die Frau Kanzleiräthin.

Magnifique! rief der Kanzleirath.

Und der Schimmel, sagte Habermus, das ist ein Capitalpferd; der hat seine alten Artilleriekünste noch nicht verlernt, ebenso wenig, wie der alte Habermus, wenn's auch schon ein bischen lange her ist. Nun aber sollen Sie erst einmal sehen!

Habermus knallte mit der Peitsche und rief in lang gezogenem Ton: Batterie Trab!

Und was Herr von Zeisel befürchtet und doch nicht für möglich gehalten, geschah: unter der Mauer hervor kam der Schimmel, der uralte, knochige, steifbeinige Schimmel, der stets, so oft er ihn sah, Herrn von Zeisels Lachlust erregte, in einer ganz unglaublichen Gangart, welche zwischen Galopp, Trab, Schritt und Stolpern eine glückliche Mitte hielt; auf seinem mageren Rücken in einem sonderbaren, aus Weidenruthen geflochtenen Gestell, das einen Damensattel vorstellen sollte, sich krampfhaft an der Lehne festhaltend und dennoch hin- und herschwankend wie ein Rohr im Wind, Elise – seine Elise, seine vielbesungene Elise in einem Reithabit von dunkelgrünem Sammet, dessen unendliche Falten dem Schimmel um die mageren Beine schlugen, auf den blonden Haaren einen Herrenhut, von welchem ein weißer Schleier melancholisch herabhing. Und nichts weniger als heiter war der Ausdruck von Elisens Gesicht, welches die Hitze, die ungewohnte Anstrengung und eine vielleicht nicht ganz unbegründete Furcht sehr roth und dabei doch höchst abgespannt und weinerlich erscheinen ließ.

Sieht sie nicht wie ein Engel aus, Iffler? rief die Kanzleiräthin unter dem Apfelbaum.

Wie ein vollständiger Engel! rief der Kanzleirath von dem Birnbaum zurück.

Batterie Trab! donnerte Habermus und knallte mit der Peitsche.

Halten Sie still? wimmerte Elise.

Du wirst Dich daran gewöhnen, süßer Engel, rief die Kanzleiräthin.

Du mußt auf der Höhe der Situation sein, sagte der Kanzleirath.

Batterie Trab! donnerte Habermus.

Ich kann nicht mehr! wimmerte Elise.

Herr von Zeisel war über Alles, was er sah und hörte, in ein Uebermaß des Erstaunens versetzt und vergaß ganz, daß, wenn er auch, sich unwillkürlich höher und höher in den Bügeln hebend, zuletzt mit dem ganzen Kopf über die scherbengekrönte Mauer wegragte, dieser Kopf auch von drinnen und besonders von Elise gesehen werden konnte, die sich auf ihrem hochbeinigen Schimmel fast in gleicher Höhe mit ihm befand.

Nun geschah dies aber wirklich. Elise erhob die angstvollen Augen von den Ohren ihres Schimmels in dem Moment, als der Schimmel nur durch die Mauer von dem Braunen getrennt war, erblickte unmittelbar vor sich den Kopf Oscars von Zeisel, als ob dieser Kopf, Oscar von Zeisel zur gerechten Strafe und Anderen zum abscheulichen Exempel, auf die Glasscherben gepflanzt sei, stieß einen gellenden Schrei aus und sank, wie es schien, ohnmächtig von ihrem Schimmel in das Gras.

Herr von Zeisel fürchtete das wenigstens, wenn er auch diese absinkende Bewegung nicht mehr bis zu ihrem Ende verfolgen konnte. Der Braune, dem die Situation schon längst unbehaglich sein mochte, hatte den gellenden Schrei zum Vorwand genommen, um mit einem Satze anzuspringen, und Herrn von Zeisel würde unzweifelhaft Elisens Schicksal ebenfalls betroffen haben, wenn er ein weniger ausgezeichneter Reiter gewesen wäre. Und auch so vergingen noch mehrere Minuten, bevor er des Braunen, der lustig querfeldein courbettirte, wieder Herr werden und ihn nach der Mauer zurücklenken konnte. Aber der Rasenplatz war leer.

Herr von Zeisel würde Alles für einen Sommertagstraum gehalten haben, wäre er zu dergleichen mehr geneigt gewesen und hätte er nicht auf dem zerstampften Rasen noch die Peitsche des biederen Habermus neben dem Schleierhut Elisens, und auf der Bank unter dem Apfelbaum das Strickzeug der Frau Kanzleiräthin liegen sehen.

Er schwankte einen Augenblick, was er jetzt thun solle. Daß sein ohnehin schon so äußerst gespanntes Verhältniß zur Familie durch das eben Erlebte nicht besser geworden sein konnte, war klar; daß Elisens Herz, nachdem er sie in einer so überaus wunderlichen Situation belauscht, ihm nicht wärmer entgegenschlagen werde, leuchtete ihm nicht minder ein; ja, da er eine sehr lebhafte Empfindung für das Komische hatte, so mußte er fürchten, daß der Hauch der Poesie, der bisher für ihn seine Wiesenblume umschwebte, fortan mit dem Duft des Lächerlichen unweigerlich vermählt sein würde. Dann aber siegte seine Gutmüthigkeit. Vielleicht war das arme Mädchen an dieser tollen Situation viel weniger Schuld, als ihre thörichten Eltern, und auf jeden Fall mußte er sich überzeugen, ob sie sich keinen ernstlichen Schaden zugefügt habe. So wendete er denn den Braunen, galoppirte auf dem Fußsteige zurück bis vor das Haus, wo er aus dem Sattel sprang, das Pferd an das Gitter band und entschlossen in das Haus trat.

In der Wohnstube trat ihm der Kanzleirath entgegen mit einem so verstörten Gesicht, daß Herr von Zeisel jetzt wirklich erschrocken rief: Um Himmelswillen, Herr Kanzleirath, wie steht es mit Elise?

Fräulein Iffler befindet sich vollkommen wohl, erwiederte der Kanzleirath; ich meine so wohl, wie sich eine junge Dame befinden kann, die sich unter der Obhut ihrer Eltern einem unschuldigen Vergnügen hingiebt und dabei –

Doch nicht von einem Fremden belauscht wird, Herr Kanzleirath? rief Herr von Zeisel. Ich versichere Sie, daß ich vollkommen unschuldig bin. Und er erzählte nun, wie er bis an die Mauer gekommen sei.

Ich bitte Sie, Herr Kanzleirath, fuhr er fort, wie konnte ich ahnen, daß Fräulein Elise, bei der ich nie die mindeste Neigung zu dergleichen Künsten wahrgenommen hatte, und die, wenn sie reiten lernen wollte, aus dem Marstall des Fürsten die besten Pferde zur Verfügung hat; der ich selbst mit größtem Vergnügen die nöthigen Lektionen gegeben hätte – wie konnte ich ahnen, daß sie –

Herr von Zeisel, sagte der Kanzleirath, ehren Sie den Willen der Eltern, welche Tag und Nacht über das Wohl ihres Kindes nachdenken und am besten wissen müssen, welches ihre Pflichten gegenüber ihrem Kinde und – ich darf wohl sagen – gegenüber einem solchen Kinde sind.

Ich erlaube mir auch nicht den leisesten Zweifel, sagte Herr von Zeisel, weder an der Vortrefflichkeit ihrer Intentionen, noch an der gewiß hohen Bestimmung, welche Ihrem Fräulein Tochter vorbehalten ist.

Der Kanzleirath zupfte an seinem Hemdkragen und blickte den Cavalier starr durch seine runden Brillengläser an.

Wir werden des Wohlwollens, das uns Herr von Zeisel in den Tagen unserer Niedrigkeit zuwendete, stets eingedenk sein, sagte er.

Der Cavalier; der nicht wußte, was er mit diesen in feierlichstem Ton gesprochenen Worten machen sollte, verbeugte sich.

Und zweifeln keinen Augenblick, fuhr der Kanzleirath fort, an seiner Discretion, jener obersten aller Pflichten eines Mannes, der sich in der gefährlichen Höhe des Hoflebens bewegt.

Der Cavalier verbeugte sich noch einmal.

Seien Sie dessen versichert, Herr Kanzleirath, sagte er.

Wir sind dessen versichert, Herr von Zeisel, sagte der Kanzleirath. Die Schnelligkeit, mit welcher Sie sich in eine so gänzlich veränderte Situation – ich darf wohl sagen, nicht ohne Schmerz, aber doch gefunden haben, ist uns Bürgschaft dafür.

Ohne Schmerz? sagte Herr von Zeisel. Aber ich war ja längst darauf vorbereitet.

Waren Sie es wirklich? fragte der Kanzleirath, vertraulicher werdend.

Und Durchlaucht hatte es ja schließlich an Winken nicht fehlen lassen, wo mein leicht verzeihlicher Mangel an Routine in solchen Dingen gar zu auffällig war.

Gott segne Seine Durchlaucht und Sie, mein junger Freund, sagte der Kanzleirath, indem er die Hand des Cavaliers ergriff und feierlich drückte. Wie leicht wiegt gegenüber einer so treuen und so edel ausgedrückten Gesinnung die kleine Unannehmlichkeit, welche der Zufall vorhin herbeigeführt! So darf ich denn mein Herz ganz aufschließen, darf dem Stolz und der Wonne eines Vaters Ausdruck geben, der sich endlich am Ziel seiner Wünsche sieht, die freilich Alles übersteigen –

Anton, Anton! rief hier die Stimme der Frau Kanzleirath, welche durch die nur angelehnte Thür dem Gespräch mit fieberhafter Spannung gefolgt war und es jetzt für die höchste Zeit hielt, diesen doch möglicherweise sehr unzeitgemäßen Bekenntnissen ein Ende zu machen. Anton, willst Du nicht einmal einen Augenblick hereinkommen?

Der Kanzleirath verschwand und Herr von Zeisel hörte, wie nebenan eifrig, wenn auch leise, zwischen den Gatten verhandelt wurde; auch Elisens Stimme glaubte er einen Augenblick zu vernehmen.

Der Kanzleirath trat wieder in das Zimmer.

Ich hoffe, es ist in Fräulein Elisens Zustand keine Verschlimmerung eingetreten? sagte Herr von Zeisel.

Durchaus nicht, sagte der Kanzleirath, sie befindet sich vollkommen wohl. Die Damen lassen sich Ihnen angelegentlichst empfehlen.

Der Kanzleirath war womöglich jetzt noch mehr zugeknöpft, als er es im Beginn der Unterredung gewesen war. Herr von Zeisel wußte nicht mehr, was er denken sollte.

So will ich denn nicht länger stören, sagte er, seinen Hut ergreifend. Ich war in einer Angelegenheit gekommen, die sich auf die Feier am sechszehnten bezieht und hatte eine specielle Bitte an Fräulein Elise, durch deren Erfüllung, wie ich glaube, Seine Durchlaucht ebenso erfreut wie überrascht worden wäre. Aber ich will lieber zu gelegenerer Zeit wiederkommen.

Eine Bitte – an Elise – Seine Durchlaucht ebenso erfreut, wie überrascht – sagte der Kanzleirath mit einem unsichern Blick nach der Thür zum Nebenzimmer. Soll ich nicht doch lieber – wollen Sie nicht doch lieber –

Ich denke, wir lassen es für morgen, sagte Herr von Zeisel, dessen Geduld erschöpft war. Ich habe die Ehre, Herr Kanzleirath –

Wollen Sie nicht doch lieber – soll ich nicht doch lieber – sagte der Kanzleirath.

Aber Herr von Zeisel war bereits zur Thüre hinaus, im Sattel, und galoppirte die Chaussée hinauf, allerlei ärgerliche Worte murmelnd, welche zum Glück für die Familie Iffler der Wind verwehte, der durch die Pflaumenbäume und um des Reiters zornerglühte Wangen strich.

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