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Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
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Zehntes Kapitel.

Die Gesellschaft war heute zum erstenmal seit mehreren Tagen wieder einmal vollständig in dem sogenannten persischen Zimmer zum Thee versammelt. Nur Hermann hatte sich durch Herrn von Zeisel entschuldigen lassen. Der Graf trug den rechten Arm noch in der Binde, sonst sah man ihm die schmerzensreiche Zeit, die er durchgemacht, nicht mehr an. Er ging mit dem Cavalier in dem Gemach auf und nieder in behaglichem Gespräch,

Ich habe Ihnen noch gar nicht für die Mühe gedankt, die Sie sich mit den Gäulen gegeben haben, sagte er. Was halten Sie denn jetzt, nachdem Sie ihn wiederholt geritten, von dem Wallach?

Es wird ein famoses Chargepferd, sagte der Cavalier mit Enthusiasmus.

Nun, sagte der Graf lachend, das Pferd hätten wir, fehlte also nur noch die Charge. Aber ich denke, wir werden nicht lange darauf zu warten haben. Was meinen Sie?

Ich weiß es nicht, erwiederte Herr von Zeisel; auf jeden Fall werde ich nicht von der Partie sein.

Weshalb haben Sie Ihren Abschied genommen? fragte der Graf.

Ich hatte mich bei Königgrätz auf einer Recognoscirung ein wenig zu stark engagirt, erwiederte der Cavalier; ich will nicht sagen gegen den Befehl, denn ich hatte im Grunde keinen, aber doch gegen die nachträgliche Ansicht meines Obersten, der für einige Fehler, die er an dem Tage gemacht, einen Sündenbock brauchte, und da ich für die Rolle eines Sündenbocks keine ausgesprochene Neigung habe –

Verstehe, verstehe, sagte der Graf. Indessen, dergleichen ist nicht irreparabel, und wenn es Ihnen unbequem sein sollte, wieder in die sächsische Armee zu treten – ich habe in der unsrigen Verbindungen genug –

Verzeihen Sie, Herr Graf, unterbrach ihn der Cavalier ernst, ich glaubte gesagt zu haben, daß es bei Königgrätz war, wo ich das letztemal den Degen zog.

Ich weiß es, erwiederte der Graf, und wenn wir das nächste Mal den Degen ziehen, wird es Schulter an Schulter sein, und wir werden die Front nach Westen haben.

Die beiden Herren gingen ein paar Augenblicke schweigend neben einander her. Am Theetisch sprach der Fürst von der morgen erwarteten Ankunft des Marquis. Der Graf hob wieder an:

Haben Sie denn diesen Vogel Phönix schon gesehen? Nein; Durchlaucht hat den Marquis auf der italienischen Reise im Herbste Sechsundsechzig kennen gelernt.

Und scheint sehr viel Sympathie für ihn zu haben.

Man muß es fast annehmen.

Es giebt Zeiten, wo dergleichen persönliche Sympathien fast eine Art von politischer Bedeutung gewinnen.

Aber wir leben ja im tiefsten Frieden mit Frankreich, sagte Herr von Zeisel, der sich plötzlich der sonderbaren Aufregung erinnerte, in welcher ihm der Fürst, als sie an jenem Abend von der Fasanerie zurückkehrten, die bevorstehende Ankunft des Marquis mitgetheilt hatte.

Sie irren sich, sagte der Graf mit lauterer Stimme, als in welcher er bisher gesprochen.

Wenn man Euch Heißsporne hört, sollte man wahrhaftig glauben, es werde morgen schon losgehen, sagte der Fürst vom Theetisch her. Freilich, Ihr müßt es am besten wissen –

Wie meinen Durchlaucht? fragte der Graf an den Tisch herantretend.

Weil Ihr die Situation gemacht habt, erwiederte der Fürst.

Wir gemacht?

Nun freilich, durch Sechsundsechzig, oder wer wüßte nicht, daß seitdem die Revanche für Sadowa das Schibolet aller Parteien in Frankreich ist.

Die Situation ist durch Sechsundsechzig nicht gemacht, erwiederte der Graf, sie ist nur klarer geworden, und das ist, meine ich, allewege, im politischen wie im privaten Leben, ein Glück.

Die beiden Herren hatten ihre Stimme nicht erhoben. Sie hatten auch nicht schneller gesprochen; dennoch warf Herr von Zeisel unwillkürlich einen bittenden Blick auf die Damen, von denen Stephanie offenbar seine Empfindung theilte, während Hedwig keinen Theil an dem Gespräche zu nehmen schien.

Der Herr Doctor kommt nun doch wohl nicht mehr, sagte Stephanie.

Das sollte mir leid thun, sagte der Graf. Ich habe mich schon auf das Vergnügen gefreut, ihm in Gegenwart der Herrschaften für die liebenswürdige Pflege zu danken, die er mir in diesen Tagen hat angedeihen lassen. Und dabei erinnere ich mich, gnädige Frau, daß ich auch Ihnen noch einen Dank schulde.

Mir? fragte Hedwig, ohne aufzuschauen.

Ihnen, gnädige Frau, sagte der Graf, sich mit einem Blick versichernd, daß ihn Alle hörten: für das treffliche Recept, das Sie die Güte hatten, mir noch am Abend meines Unfalls zu senden.

Ein Recept? fragte der Fürst.

In Form eines Billets, sagte der Graf lachend, in welchem ich mindestens einen feinstylisirten Dank für meine Heldenthat erwartete, und welches nichts weiter enthielt als den Rath: Halten Sie sich ruhig und sparen Sie das Eis nicht! Ein kalter Rath, für den ich Ihnen, gnädige Frau, den wärmsten Dank schulde, und den ich so treu befolgt habe, daß ich bereits heute Abend wieder meinen Platz am Theetisch einnehmen kann.

Der Graf verbeugte sich vor Hedwig und ließ sich auf einen Stuhl nieder mit einer Unbefangenheit, die wunderlich genug mit der Befangenheit contrastirte, welche sich auf den Gesichtern der Uebrigen nur zu deutlich ausprägte. Stephanie war sehr roth geworden und hatte sich schnell auf ihre Handarbeit gebeugt; Hedwig hatte nicht minder schnell die großen dunklen Augen zu dem Grafen erhoben und dann zum Fürsten, dessen Blick mit einem ungewissen Ausdruck von ihr zum Grafen, vom Grafen zu ihr schweifte. Ihr Gesicht war auffallend bleich, um ihre Lippen zuckte es. Sie schien im Begriff, ein Wort zu sprechen, das dieser seltsamen Scene ein für Alle unerwartetes Ende gemacht hätte, als ein Diener hereintrat und, den Cavalier beiseite winkend, demselben ein paar Worte zuflüsterte, über welche dieser sichtlich zusammenschrak.

Was giebt's, lieber Zeisel? fragte der Fürst, dem in diesem Augenblicke jede Unterbrechung recht kam.

Wenn Durchlaucht verstatten, so möchte ich –

Und der Cavalier winkte dem Fürsten mit den Augen nach den Damen hin, er dürfe nicht weiter fragen; aber der Fürst bemerkte in seiner Aufregung den Wink nicht und rief ungeduldig:

Aber so reden Sie doch, lieber Zeisel: Sie sehen ja, daß die Damen bereits anfangen sich zu ängstigen und das Unglück wird ja so groß nicht sein.

Ich hoffe, es ist gar kein Unglück, sagte der Cavalier, schnell gefaßt; ein sonderbarer Zufall höchstens, der sich hoffentlich bald als ganz unverfänglich herausstellen wird: man meldet mir, daß soeben das Pferd des Herrn Doctors reiterlos auf den Hof gelaufen ist.

O, mein Gott! rief Stephanie überlaut.

Hast Du noch niemals gehört, daß Jemand vom Pferde gefallen ist? fragte der Graf.

Der Doctor ist ein ausgezeichneter Reiter, sagte der Fürst, man wird jedenfalls nachsehen müssen. Wollen Sie, lieber Zeisel –

Ich habe bereits Befehl gegeben, sagte der Cavalier, möchte aber um die Erlaubniß bitten, die Nachforschungen selbst dirigiren zu dürfen.

Thun Sie das, lieber Zeisel, sagte der Fürst, thun Sie das ja, und lassen Sie mich, sobald Sie können, wissen, wie dies zusammenhängt.

Der Cavalier war im Begriffe, das Zimmer zu verlassen, als er sich plötzlich am Arm berührt fühlte und, sich umwendend, zu seinem größten Erstaunen, ja Schrecken, Hedwig, die er eben noch am Theetisch gesehen zu haben glaubte, vor sich erblickte. Ihr Gesicht war wie verzerrt und er erkannte ihre Stimme kaum, als sie mit seltsam zuckenden Lippen ganz laut und doch tonlos rief:

Er ist todt, sagen Sie es nur!

Ich weiß von nichts; ich glaube es nicht, sagte der Cavalier.

Er ist todt, wiederholte Hedwig; ich –

Hedwig, um Gotteswillen, was ist Dir? rief der Fürst, indem er Hedwigs Hand ergriff, die kalt und leblos in der seinen liegen blieb. Ich bitte Sie, lieber Zeisel, machen Sie, daß Sie fortkommen! Wir sind hier Alle in einer Aufregung, die doch wahrlich außer jedem Verhältniß mit diesem leidigen Vorfall steht.

Hedwig sah ihn mit einem wirren Blick an; aber bevor sie noch etwas erwiedern konnte, wurde die Thür abermals geöffnet und ein zweiter Bedienter trat herein.

Hat man ihn gefunden? rief der Fürst.

Zu Befehl, Durchlaucht, erwiederte der Mann, ganz vorn im Walde; Leute, die nach Hühnerfeld hinaufwollten; sie sind gleich wieder umgekehrt und haben sich eine Tragbahre aus den Forellen geholt, auf der sie ihn eben brachten.

Nun? fragte der Fürst, der sehr blaß geworden war.

Er war wie leblos, sagte der Diener, aber Doctor Strupp –

Das ist der alte Arzt aus Rothebühl, sagte der Fürst, zu den Damen gewendet.

Er war gerade in den Forellen, als die Leute kamen, fuhr der Diener fort, und ist auch gleich mit hinausgegangen. Er sagt, es sei nur eine Ohnmacht und habe weiter nichts zu bedeuten.

Ich werde zur Beruhigung der Damen selber einmal nachsehen, sagte der Fürst. Wollen Sie mich begleiten, lieber Zeisel?

Du thätest gewiß auch gut, wenn Du Dich zurückzögest, liebe Stephanie, sagte der Graf, sobald die Herren das Zimmer verlassen hatten. Du warst vorhin so ernstlich erschrocken und ich sehe Dir an, daß Du Dich unwohl fühlst. Der Geheimrath wird Dir von Tage zu Tage nöthiger.

Er bot seiner Frau den Arm.

Es thut mir so leid, liebe Hedwig, sagte Stephanie, die jetzt gern geblieben wäre, aber nicht wagte, der Aufforderung ihres Gatten keine Folge zu leisten.

Hedwig antwortete nicht; sie regte sich nicht. Sie schien nicht zu bemerken, daß der Graf mit ein paar entschuldigenden Worten Stephanie zum Salon hinausführte.

Dazu also hatte sie ihn gebracht! Das hatten seine düsteren Blicke, sein trübes Lächeln bedeutet: siehst du denn nicht, daß du mich zum Leben hinaustreibst, wenn du mich von hier treibst? Sie hatte es nicht verstehen wollen, nun war es da. Er war gegangen – ohne Abschied – auf Nimmerwiederkehr!

Sie blickte wirr in dem Gemache umher; da schaukelten sich auf den gestickten Tapeten die bunten Papageien auf den schwanken Stielen der Palmenblätter; da glänzten in dem Schein der Lichter der Krystallkrone die silbernen Kannen und Schalen auf dem Theetisch; da waren die durcheinandergeschobenen Fauteuils, und da stand sie mitten in dem Prunkgemache allein. Alle waren gegangen, Jeder hatte seine Theilnahme zeigen dürfen, seinen Interessen folgen dürfen, wie sie nun eben waren. Und sie durfte sich nicht regen, durfte nicht mit einer Miene verrathen, was in ihrem Herzen vorging, sie mußte zurückbleiben, geduldig warten, bis sie wiederkamen – o Schmach, o Schmach!

Sie that ein paar hastige Schritte nach der Thür und blieb wieder stehen.

Und werden seine Wunden nicht wieder zu bluten beginnen und werden seine stummen todtenblassen Lippen nicht in einer fürchterlichen Sprache, die nur ich verstehe, sagen: du wagst, zu mir zu kommen, die du dir jahrelang meine Liebe gefallen ließest und mich jetzt ruhig hast sterben lassen, damit du den Andern lieben kannst! Wie kannst du sagen, daß ich ihn liebe? Wer darf es sagen? O, mein Gott, mein Gott!

Sie warf sich wie zerschmettert in den Sessel, das Gesicht in die Lehne gedrückt.

Aber was heißt dies nur? fragte der Graf.

Er war, von Hedwig nicht bemerkt, in das Gemach getreten und stand jetzt vor ihr.

Ich begreife nicht, fuhr der Graf fort, wie ein Vorfall, der doch, weiß es Gott, herzlich unbedeutend ist, die ganze Gesellschaft in eine solche Aufregung versetzen kann. Ich bin mehr als einmal in meinem Leben gestürzt und für todt liegen geblieben. Ich komme eben von unserm interessanten Patienten und bin ganz der Meinung des alten Rothebühler Arztes, ein solcher Dummkopf der Mann auch sonst zu sein scheint, daß der Doctor in wenigen Tagen so wohlauf sein wird, wie Einer von uns. Ich habe das dem Fürsten gesagt; er glaubt mir nicht, oder thut, als ob er mir nicht glaubt. Ich habe es Stephanie gesagt: dieselbe Scene. Sie, gnädige Frau, denke ich, sind von kräftigerem Stoff als diese so überaus zart organisirten Naturen.

Der Graf sagte das in seinem leichtesten Ton. Er wollte sich nicht merken lassen, daß er über Stephanie's Betragen in innerster Seele empört war, während in demselben Augenblick die eifersüchtige Wallung seine Leidenschaft für Hedwig zum Ueberschwellen brachte. Daß die Aufregung, in welcher er Hedwig fand, dem Doctor gelten konnte, war ihm nicht im Entferntesten in den Sinn gekommen; er wußte ja, was dies zu bedeuten hatte, und so sagte er denn, sich auf einen Stuhl an ihrer Seite setzend, in leisem vertraulichen Ton:

Verzeihen Sie, gnädige Frau, meine Indiscretion von vorhin. Ich pflege mit der Gunst einer Dame nicht zu prahlen, und es war keine Prahlerei, nur einfache Abwehr, für Sie selbst. Es scheint, daß die Leute geschwatzt haben; jedenfalls weiß Stephanie – durch ihre Kammerjungfer, glaube ich, die es wieder von meinem Kammerdiener hat – daß Sie an mich geschrieben. Stephanie hat sich selbstverständlich ein so dankbares Motiv zu einer rührenden ehelichen Scene nicht entgehen lassen, und bei Stephanie's Unberechenbarkeit ist nicht abzusehen, wer es noch erfahren wird, oder bereits erfahren hat. Ihre Mutter sicher, wahrscheinlich auch der Fürst. Es lag mir natürlich daran, das Gerede zum Schweigen zu bringen. Sollte ich nicht das rechte Mittel gewählt haben – und ich muß nun fast annehmen, daß ich ein falsches gewählt – so bitte ich, sagen Sie mir's offen, von Ihnen will ich gerne gescholten sein.

Der Graf wartete auf Antwort, die seiner Ungeduld zu lange ausblieb.

Haben Sie kein Wort für mich, gnädige Frau? fragte er leise und dringend.

Verzeihen Sie, ich hörte nicht, was Sie sagten, erwiederte Hedwig, die sich plötzlich erhob und in dem Gemache hin- und herzugehen begann.

Der Graf biß sich in die Lippen. War Hedwig so erzürnt, daß sie nicht hören wollte; war sie so aufgeregt, daß sie nicht hören konnte, und durfte er diese Aufregung zu seinen Gunsten auslegen? Er würde das Letztere in einem andern Falle vielleicht gethan haben, aber während seine Augen Hedwigs schlanke Gestalt verfolgten, wie sie jetzt, scheinbar seiner gar nicht achtend, in dem Gemache hin- und wiederging, sprach er bei sich: Ein einziger falscher Schritt, ein unrichtiger Ton, und das Spiel ist für immer verloren.

So will ich es nicht wiederholen, sagte er, will Ihnen lieber für die paar köstlichen Zeilen danken, mit denen Sie mir – jetzt darf ich es aussprechen – eine Last vom Herzen genommen haben. Aber Sie hören wieder nicht, was ich sage.

O doch, doch, erwiederte Hedwig, ich habe Ihnen eine Last vom Herzen genommen. Wie schwer wog sie wohl, diese Last!

Ich begreife Sie nicht, sagte der Graf, begreife Ihren Spott nicht und Ihre Bitterkeit, jetzt nicht mehr, nachdem Sie, Sie selbst mir die Hand zur Versöhnung geboten; nachdem ich es von Ihrer eigenen Hand gelesen, daß das Vergangene vergangen sein soll, daß wir fortan wie Menschen leben wollen, die ihre Forderungen gegen einander verglichen und ausgeglichen haben.

Ich hätte das nicht schreiben sollen!

Weil es den Geschichtenträgern einen willkommenen Stoff gegeben hat?

Was kümmert mich das!

Warum denn sonst nicht?

Weil es eine Unmöglichkeit in sich schließt; weil Ihr nun und nimmer mit uns einen ehrlichen Vertrag ehrlich halten werdet; weil, wenn Ihr tausendmal behauptet, daß wir quitt sind, Ihr in Eurem egoistischen Herzen noch immer unsere Gläubiger zu sein wähnt, die sich Wunder wie großmüthig dünken, wenn sie ihre Forderungen nicht gerade mit Gewalt eintreiben, aber es niemals für zu klein erachten, auf einem andern Wege zu ihrem Ziele zu kommen, und ginge dieser Weg mitleidslos über unser Herz.

Sie schritt, während sie so sprach, immer im Gemach auf und nieder, daß die Schleppe ihres seidenen Kleides rauschte und knisterte, während das Licht von dem Kronleuchter jetzt hell über sie hinstrahlte, und dann wieder, in der Tiefe des Gemaches, ihre hohe Gestalt von weichen Schatten umflossen war, gerade wie ihre Stimme jetzt in heller Leidenschaft vibrirte und dann fast zu einem Murmeln herabsank. Nicht zum erstenmal fühlte der Graf, der wie gebannt in seinem Fauteuil sitzen blieb und jede ihrer Bewegungen mit aufmerksamen Blicken verfolgte, daß hier eine schrankenlose fessellose Kraft daherbrauste, die zu zügeln, zu bändigen, außer seiner Macht lag; und er fragte sich, ob ein Wesen zu lieben, daß ihm in jedem Augenblick unfaßbar werden konnte, unfaßbar wurde, nicht Zeit und Mühe verlieren heiße.

Sie dürfen nicht mit mir in Räthseln sprechen, wenn Sie wollen, daß ich Sie verstehen soll, sagte er.

Ich verlange nicht, daß Sie mich verstehen, Herr Graf, Sie oder irgend einer von Euch Anderen.

Von Euch? und von Euch Anderen, gnädige Frau? Es ist etwas hart für einen Aristokraten, wie mich die Leute nennen, so ohne weiteres mit den Anderen zusammengeworfen zu werden.

Und worin bestände denn der Unterschied zwischen Ihnen und den Anderen? sagte Hedwig, stehen bleibend, indem sie die Arme unter dem Busen verschränkte und den Grafen voll mit den großen, dunklen, in Leidenschaft blitzenden Augen ansah. Immer wollt Ihr die seligen Götter sein, die sich von uns das Opfer darbringen lassen, niemals und unter keinen Umständen uns ein Opfer bringend. Aber ich will Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen: Sie sind ehrlicher als die Anderen, Sie haben nie die Heuchelei so weit getrieben, sich für einen Heiligen auszugeben, haben nie geleugnet, daß Sie zur Rolle eines Opferlammes ganz und gar nicht geeignet sind und daß Sie es uns gegenüber nicht anders zu halten gedenken, als Sie es überall im Leben halten: Allzeit voran! – Das war ja seit dem dänischen Kriege Ihr Wahlspruch und ist es ja wohl noch? Allzeit voran! Ob nun, was wir erobern wollen, eine feindliche Batterie ist, oder ein socialer Vortheil, oder ein schönes Weib – allzeit voran! Wir geben keinen Pardon, wir machen keine Concessionen, wir brechen ein Herz, das wir nicht beugen können. Daß Sie das meine nicht gebrochen haben, war, beim Himmel, nicht Ihre Schuld, war nur die Schuld davon, daß in mir ein Etwas lebt, was in allen Euren Gegnern leben müßte, wenn Ihr es mit Eurem »allzeit voran« nicht so weit bringen sollt, wie Ihr es in Wirklichkeit bringt.

Und was wäre dies Etwas? fragte der Graf.

Die Liebe zur Freiheit, der feste Entschluß, mich nicht knechten lassen zu wollen, es sei von wem es sei; nimmer mein Haupt zu beugen, wo meine Seele es nicht kann; mein Leben zu leben, wie ich es verstehe, den Weg zu gehen, den ich mir vorgezeichnet, und mich durch nichts von diesem Wege abbringen zu lassen, durch keine Schmeichelei, durch keine Drohung, mag er dann führen, wohin er will, und wäre es –

In meine Arme! rief der Graf, auf Hedwig zueilend, die keinen Schritt zurückwich, und nun, mit einem großen, strengen Blick in sein flammendes Gesicht schauend, ruhig sagte:

Sie haben den Augenblick nicht gut gewählt; wer mich halten will, müßte es schon mit beiden Armen thun. Sie vergessen, Herr Graf, daß Sie vorläufig noch den einen Arm in der Binde tragen.

Und Sie, gnädige Frau, weshalb ich ihn so trage.

Ich meine, Sie sagten vorhin, wir wären quitt? Oder wollten Sie mir nur beweisen, wie recht ich hatte, daß bei Euch die Rechnung niemals stimmt? Es bedurfte dieses Beweises nun nicht gerade, aber ich danke Ihnen dennoch. Und fürchten Sie nur nicht, daß diese unausgeglichene Differenz mich unruhig macht. Thäte sie es, würde ich sagen: geben Sie mir meine Ruhe wieder, reisen Sie sobald als möglich. Ich sage es nicht, Herr Graf, hören Sie, ich sage es nicht! Und jetzt fürchte ich, daß unser langes tête-à-tête anfängt, Sie zu langweilen. Es scheint, daß die Anderen nicht wiederkommen; ich will Sie nicht aufhalten, wenn Sie dem Beispiel folgen und sich auch zurückziehen wollen.

Sie machte eine Bewegung des Abschieds, die der Graf mit einer Verbeugung erwiederte.

Sie sind heute Abend in einer furchtbaren Laune, sagte er.

So fürchten Sie sich!

Das ist nicht gerade mein Metier, aber auch ebensowenig das, mit mir spielen zu lassen, wie Sie eben mit mir gespielt haben.

Eine kleine Zurechtweisung? Sie sind nicht in dem Gemach Ihrer Frau Gemahlin.

Spannen Sie den Bogen nicht zu straff.

Ich habe nichts dagegen, wenn er bricht.

Das könnte schneller geschehen, als Sie denken.

Ich denke, daß es nicht schnell genug geschehen kann.

Sie endigen mit Räthseln, wie Sie mit Räthseln angefangen.

Es ist schön, wenn das Ende dem Anfang entspricht.

Und doch wird es nicht das letzte Wort sein, das zwischen uns gesprochen wird.

Da Sie dessen so sicher sind, wird es Ihnen ja recht sein, wenn wir uns für heute mit dem, was gesprochen ist, begnügen.

Ganz wie Sie befehlen, gnädige Frau.

Der Graf verbeugte sich noch einmal und ging nach der Thür, in welcher er mit dem Fürsten zusammentraf.

Ah, sagte der Fürst, Sie Beide allein? Wo ist die Gräfin?

Stephanie hat sich bereits auf meinen Wunsch zur Ruhe begeben, erwiederte der Graf. Der leidige Vorfall hatte sie doch etwas angegriffen; auch ich war im Begriff zu gehen. Mit dem Herrn Doctor steht es hoffentlich gut?

Ganz gut, das heißt, ich denke; sagte der Fürst.

So will ich nicht länger stören; sagte der Graf.

Es vergingen mehrere Minuten, bevor in dem persischen Gemache das Schweigen gebrochen wurde. Der Fürst war in einer fieberhaften Aufregung; ein fürchterlicher Verdacht, der ihn alle diese Tage verfolgt hatte, war ihm heute Abend fast zur Gewißheit geworden. Als der Graf vorhin des Billets erwähnte, das ihm Hedwig geschrieben, hatte es ihn durchzuckt, als sei er unversehens auf eine Natter getreten. Eine ahnungsvolle Stimme hatte ihm gesagt, daß es mit dem Billet eine andere Bewandtniß haben müsse, um die Stephanie bereits wußte. Weshalb wäre sie sonst so sichtlich erschrocken gewesen? Nun traf er sie hier, gegen sein Erwarten allein und Beide in einer Aufregung, die unmöglich durch ein ruhig gesellschaftliches Beisammensein hervorgebracht sein konnte. Er schenkte sich an dem Theetisch ein Glas Wasser ein und netzte seine zuckenden Lippen. Als er das Glas niedersetzen wollte, entglitt es seinen zitternden Händen und fiel klirrend auf das silberne Präsentirbrett. Hedwig schien es nicht zu hören, sie regte sich nicht; sie starrte mit gespannten Brauen vor sich hin.

Hedwig! sagte der Fürst.

Sie blickte empor. Er hatte fragen wollen: Liebst Du den Grafen? aber als seine Augen ihren dunklen Augen begegneten, entsank ihm der Muth, das entscheidende Wort kroch scheu zum Herzen zurück und über seine Lippen kam, er wußte selbst nicht, wie:

Es scheint, daß Du an dem Vorfall geringeren Antheil nimmst, als selbst Stephanie.

Hedwig strich sich mit der Hand über die Stirn.

Was sagtest Du?

Ich sagte, der Unfall unsers Horst, für den Du doch sonst einiges Interesse an den Tag legtest, scheint Dich im Grunde wenig zu kümmern.

Er ist ja nicht todt.

Müssen denn die Leute erst sterben, bevor sie Dir interessant werden?

Wieder strich sich Hedwig über die Stirn.

Er ist ja nicht todt, wiederholte sie.

Sie erhob sich und schritt wieder im Gemach auf und nieder. Sollte sie Allem ein Ende machen, jetzt gleich? Sollte sie sagen: Ihr quält mich; der Starke mit der beleidigenden Zuversicht auf seine Stärke, der Andere mit seiner schwankenden Seele, die sich nicht entschließen kann zum Bleiben und nicht zum Gehen, zum Leben nicht und nicht zum Sterben; du, alter Mann, der du forderst, was dir nicht zukommt, in keinem Sinne; ihr Alle quält mich und ich will die Qual nicht länger dulden. Sollte sie das sagen? Vor dem, was dann kam, fürchtete sie sich nicht, und nicht aus Furcht hatte sie vorhin geschwiegen und dem Grafen die plumpe Lüge durchschlüpfen lassen. Was galt es ihr, was aus ihr wurde! Aber der alte Mann! Der alte Mann mit dem ergrauenden Haar und den bleichen angsterfüllten Zügen, er würde den Schlag nicht verwinden, den tödtlichen Schlag in sein weiches, edles Herz. Er war sehr, sehr gut gegen sie gewesen – damals! und hatte wohl ehrlich geglaubt, seinen Schwur erfüllen zu können. Und er war derselbe geblieben, voll immer gleicher liebenswürdiger Zuvorkommenheit und ritterlicher Zärtlichkeit. Nein, sie konnte ihm das nicht anthun, es durfte nicht sein, sie durfte den Bund nicht brechen, bevor er selbst ihn brach; sie mußte schweigen und leiden, so lange er schweigend litt, wie jetzt, wo ihm der Schmerz die noch immer schönen Augen tief in die Höhlen zurückdrängte und tiefe Furchen über seine feine Stirn, durch seine bleichen Wangen zog.

Armer alter Mann!

Sie trat an ihn heran und beugte sich nieder und berührte seine Stirn mit den Lippen. Im nächsten Augenblick hatte sie das Gemach verlassen.

Der Fürst saß da, die Hand an die Augen gepreßt, als wolle er vor sich verbergen, daß er weine. Er wußte es ja, es war nur Mitleid gewesen, Mitleid! Und er war so schwach, dies zu dulden, so arm, daß er dankbar für den Brocken war, der von dem Tisch ihrer Liebe für ihn abfiel, ihrer Liebe zu dem verhaßten Mann, dem Verräther an dem heiligen Vermächtnis seines Hauses, dem Söldling des fremden Herrn, dem Glücksritter, der die ruchlose Hand nach seinem Fürstenhut ausstreckte, und nach ihr, die ihm theurer war als seine Fürstlichkeit, als die ganze Welt!

Durchlaucht haben gerufen, sagte Herr Gleich, der schon seit einer Minute hinter seinem Herrn stand und jetzt that, als ob er eben in das Zimmer getreten sei.

Ah, Du bist es, Andreas, sagte der Fürst; es ist gut, daß Du kommst. Du kannst mich zu Bette bringen, ich fühle mich sehr unwohl; gieb mir Deinen Arm.

Durchlaucht nehmen sich Alles so sehr zu Herzen, sagte Herr Gleich, als er seinen Herrn zu Bett gebracht hatte, und nun, ein paar Garderobestücke über dem einen Arm und die andere Hand an dem Zuge der Gardine, vor dem Bette stand. Die Menschen danken es Durchlaucht schlecht genug. Wenn ich sehe, wie Durchlaucht um den Herrn Doctor bekümmert ist, und der Herr Doctor nichtsdestoweniger fort will, ich sage immer bei mir: Andreas, sage ich, der geht auch nicht von ungefähr, den treibt etwas von hier.

Du hast ihn nie leiden können, sagte der Fürst.

Und ist doch sonst ein recht leidlicher Mensch, sagte Herr Andreas so vor sich hin. Es werden viele Thränen vergossen werden, wenn er nun fortgeht. Befehlen Durchlaucht, daß ich die Gardine schließe?

Ich befehle Dir, daß Du heraussagst, was Du auf dem Herzen hast, rief der Fürst heftig.

Herr Andreas zog die buschigen Brauen zusammen. Die Entscheidung kam ihm ein wenig zu früh; war er doch selbst noch nicht ganz entschlossen, welchen von beiden Trümpfen, die er in der Hand hielt, er ausspielen solle. Was sein Herr hören wollte, wußte er sehr genau, und möglich war es ja auch, daß sie es jetzt mit dem Grafen hielt, wie vorher mit dem Doctor. Der Brief, von dem ihm Dietrich erzählt, war verdächtig genug, und wenn der Dummkopf ihn aufgebrochen hätte, wäre vielleicht was zu machen gewesen, so aber war das nichts. Und den Grafen haßte der Fürst ohnedies. Und dann, sobald der Graf in's Spiel kam, nahm die Sache eine gefährliche Wendung; mit dem Doctor war es weniger gefährlich und schließlich sicherer.

Wird's? sagte der Fürst.

Da Durchlaucht befehlen, sagte Herr Andreas, so ist's freilich meine Pflicht, und da es ja nun doch zu Ende geht, ist's auch schließlich einerlei, wenn ich sage, er hätte niemals kommen sollen.

Ich hätte freilich alles Andere eher erwartet, murmelte der Fürst.

Er will nicht darauf anbeißen, sagte Herr Andreas bei sich, und laut sagte er:

Wenn man so drei Jahre lang Tag für Tag sich sieht und jung ist und schließlich doch –

Von wem sprichst Du? rief der Fürst in die Höhe fahrend.

Von dem Herrn Doctor Horst, Durchlaucht.

Du bist ein Dummkopf, Alter, sagte der Fürst, sich wieder in die Kissen lehnend.

Herr Andreas biß sich auf die dünnen Lippen. Aber er war jetzt zu weit gegangen, um nicht noch weiter gehen zu müssen; und daß er ein Dummkopf sein solle, ärgerte ihn auch.

Durchlaucht meinten sonst wohl, daß ich Alles höre und sehe, was um mich her passire; und wenn man so zusammennimmt, was man in diesen drei Jahren gehört und gesehen hat –

Er schwieg; der Fürst lag nachdenklich da.

Unmöglich wäre es nicht, murmelte er, und erklärte mir schließlich Manches. Der arme Mensch, freilich – da konnte er wohl nicht länger bleiben. Aber weshalb hast Du mich nicht früher darauf aufmerksam gemacht?

Ich dachte nicht, daß Durchlaucht es so leicht nehmen würden.

Was ist da schwer zu nehmen? Freilich, freilich, die arme Motte, die sich die Flügel verbrennt – man sieht das so ruhig mit an, aber es mag wehthun, recht weh!

Ja wohl, Scheiden und Meiden! sagte Herr Andreas. Und deshalb meinte ich auch vorhin, es werden viele Thränen vergossen werden, wenn er fortgeht.

Der Fürst sah seinen Vertrauten mit großen Augen starr an.

Du kannst die Gardine schließen, Andreas.

Herr Andreas that, wie ihm geheißen und verließ leisen Schrittes das Gemach. Aber die Thür hatte sich kaum hinter ihm geschlossen, als der Fürst die Vorhänge wieder auseinanderriß und, im Bett aufgerichtet, in die Dämmerung starrte, welche die Nachtlampe in dem großen kostbaren Gemache verbreitete.

Das also meint der Andreas? Darauf haben seine Anspielungen früher und später, die ich nie recht verstand, hinausgewollt? Nun, es mag ja sein – von seiner Seite; und eine gewisse Theilnahme von der ihren ist gewiß nicht wegzuleugnen; aber auch nur ein ernsteres Engagement! – Pah, wo der Andreas die Augen gehabt haben mag! Und sollte der kluge alte Mensch wirklich nicht sehen, was ich so klärlich sehe, was auch Stephanie offenbar sieht und – sie wollte ihn fort haben, ehe der Andere kam! Fürchtete sie ihn, dessen treue Ergebenheit sie kannte, von dem sie vielleicht wußte, daß gerade er sie schärfer beobachten würde? – Und wie schlecht sie ihn seitdem behandelt; das muß ja Allen auffallen, und vorhin diese Gleichgültigkeit nach dem ersten Schrecken! Ja, ja, er weiß darum, auch er; auf mich ging es, was er da vorhin phantasirte: morde nicht den heiligen Schlaf! – ja, ja, ich habe Euch zu tief geschlafen! Wer hätte das gedacht, daß der alte Mann noch so viel Blut hat! – beim Himmel, noch habe ich Euch zu viel Blut!

Der Fürst schrak zusammen; es war ihm, als hätte eben, dort in der dunklen Ecke, eine Gestalt gestanden mit einem Messer in der Hand. Aber was er gesehen, war nur das lebensgroße Porträt seines Vaters gewesen, und das Messer eine weiße Rolle, welche der Vater in der Hand hielt. Ein Aufflackern der Nachtlampe mochte das Bild für einen Augenblick etwas heller getroffen haben.

Es ist Dein Blut, das in meinen Adern fließt, murmelte der Fürst. Du hast mir Deine Gestalt gegeben, Deine Züge, ich gleiche Dir in Allem, nur daß ich noch unglücklicher bin, als Du. Auch sie, die Du so heiß liebtest, meine Mutter – sie konnte Dich dem schlechteren Manne opfern; aber sie hatte Dich doch einmal geliebt; Du hast sie einmal besessen, und es war doch Dein Sohn, der Dir im Erbe folgte, für den Du Deine stolzen Pläne träumtest, mit dem Du von Deinen stolzen Plänen sprechen konntest. Aber ich! ach, ich muß ja immer nur von den Früchten leben, die meine Hand nicht erfassen kann, mit dem Wasser meinen Durst löschen, das unter meinen Füßen verrinnt! Und der stolze Traum Deines Lebens trat Dir doch einmal in fester, greifbarer Gestalt entgegen. Es war eine Lüge, aber sie kam von den Lippen des Herrn der Welt. Wer mag Dir verargen, daß Du daran glaubtest! Ich, ich habe den Neffen statt des Onkels, und ihn nicht einmal selber – seinen Abgesandten nur, der heimlich auf heimlichem Wege zu mir schleicht, dem Wege des Verräthers! Dennoch, dennoch! so habe ich dies Preußen nie gehaßt wie jetzt; ich könnte jetzt thun, was ich vorher nicht gethan hätte.

Und wieder schrak der Fürst zusammen.

Ein furchtbarer Sturm brach jählings herein. Vor dem Fenster des Schlafgemaches im Schloßgarten sauste und donnerte es durch die hohen Wipfel der Bäume und prallte gegen die Mauern und pfiff um die Thürme, und das alte Fürstenschloß bebte bis in seinen tiefsten Grund, als ob es fühle, daß es die längste Zeit auf seinem Felsen gestanden habe und nothwendig untergehen müsse, wenn sein Herr so furchtbare vaterlandsverrätherische Gedanken hegte, wie sie jetzt durch sein überreiztes Gehirn jagten und hasteten und immer wieder kamen, und nicht weichen wollten, wie tief er auch das graue Haupt in die seidenen Kissen drückte und den Schlummer herbeisehnte, der ihn, und wäre es auch nur auf wenige Minuten, von seinen Qualen erlösen sollte.

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