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Allzeit voran

Friedrich Spielhagen: Allzeit voran - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAllzeit voran
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunVierte, neu durchgesehene Auflage
year1875
firstpub1871
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130729
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Neuntes Kapitel.

Der Marquis de Flottille hatte seinen Besuch jetzt bestimmt angekündigt, auch Herr von Fischbach, der Edelmann, von welchem der Graf die Pferde gekauft, sich vorstellen zu müssen geglaubt; ebenso hatte Baron Neuhof, ein Gutsnachbar und früherer Camerad des Grafen, welchen dieser gleich in der ersten Woche aufgesucht, mit seiner jungen Gattin die Gegenvisite gemacht; die Ankunft der Frau Gräfin Mutter Excellenz war – aus naheliegenden Gründen – eine Frage der allernächsten Zeit – und so standen in der That belebtere, glänzendere Tage bevor, als Schloß Roda vielleicht seit zwei Menschenaltern gesehen.

Indessen hatte Herr von Zeisel länger als ihm lieb war Muße, Malortie's Hofmarschall wieder und wieder zu studiren. Die Verletzung des Grafen hatte sich zwar nur als eine Quetschung des Oberarmes herausgestellt, doch hatte er einige Tage stark gefiebert und mußte noch immer das Zimmer hüten; aber auch die Anderen kamen nicht viel aus den Zimmern. Ein kaltes Regenwetter war, im Anfang Juli, den schönen Junitagen gefolgt. In den Schluchten brauten unaufhörlich schwarzgraue Nebel, um dann als weißliche Wolken in phantastischen Formen an den Bergen hin- und herzuziehen und dieselben manchmal bis an den Fuß in dichte Schleier zu hüllen. Unaufhörlich tropfte es von den Nadeln der Tannen, die ihre gewaltigen Häupter hie und da drohend aus dem Dunst hervorstreckten; unaufhörlich zauste der Wind an den Büschen und Beeten in dem Schloßgarten und unaufhörlich sausten und rauschten Wind und Regen um das Fürstenschloß, das bei solchem Wetter so alt aussah, wie die Porphyrfelsen, von denen es aus dem Rodathale aufragte.

Dennoch würde der muthige Cavalier den Kampf mit den bösen Regengeistern, welche ihm die Gesellschaft in das Haus bannten, nicht gescheut haben, wenn die Gesellschaft nicht selbst, wie er sagte, die Waffen gestreckt hätte.

Aber was half es ihm, daß er das lange nicht benützte Billardzimmer wieder hatte in Stand setzen lassen? daß er in den beiden Kaminen des schönen Bibliotheksaales fortwährend behagliche Feuer unterhielt und die schönsten Blattgewächse und die herrlichsten Blumen aus den Treibhäusern in den Wintergarten bringen ließ, welcher an den Speisesaal stieß? daß er die verdeckte Reitbahn jeden Morgen wie eine Scheunendiele glattfegen ließ und die etwas kahlen Wände mit Tannenreisern gar zierlich ausschmückte? Es kam Niemand in das Billardzimmer, es wärmte sich Niemand die Kniee an dem Feuer in der Bibliothek; seine Rosen und Azaleen blieben ohne Bewunderer und in der Reitbahn machten nur die Stallknechte den Pferden die nöthige Bewegung.

Es ist zum verzweifeln! sagte Herr von Zeisel. Aerger könnten sie's doch auch nicht treiben, wenn der Graf sich beide Arme und Beine zugleich gebrochen hätte und wir jeden Augenblick erwarten müßten, daß er zu seinen Vätern versammelt würde! Da sitzt Durchlaucht in seinem Zimmer über den alten Charteken, die ihm Gleich armweise aus dem Archiv herbeischleppen muß und die er wahrhaftig unserem Bücherwurm, dem Kanzleirath, überlassen könnte. Von dem Grafen will ich nichts sagen: er ist der einzige Gescheidte in der ganzen Gesellschaft; er würde viel lieber seine schönen Pferde selbst reiten, als daß er sie jetzt von mir reiten läßt. Aber die Frau Gräfin! – Nun, ich will annehmen, sie macht die Melancholie mit, weil sie hier einmal Mode ist, wie sie jede andere Mode mitmachen würde; und schwer genug mag's ihr werden mit den Augen! Sapristi! Doctor, sind Sie ein beneidenswerther Mensch! Sehen Sie, für solche Augen könnte ich mein Leben lassen, wenn ich's nicht schon nach einer andern Seite versagt hätte; obgleich diese Seite – unter uns, Doctor! – in letzter Zeit ganz sonderbare Saiten aufzieht. Ich sage Ihnen, Doctor, gehörte ich nicht zu den Rittern, die eine Leidenschaft dafür haben, getreu der Dame, der sie zugeschworen, für Alles, was sie will, zu sterben – ich müßte die Undankbare verlassen, die mich verlassen hat. Für wen? Ich würde natürlich in erster Linie Sie in Verdacht haben, wenn man einen Weiberfeind wie Sie in Verdacht haben könnte. Sagen Sie, Doctor, haben Sie wirklich kein Herz in der Brust? Sind Sie in Drachenblut gebadet? Oder was ist es, was Sie für Reize und Lockungen unempfindlich macht, denen wir frauenhaft Gesinnte widerstandslos unterliegen? Frauenhaft gesinnt! ein Goethe'sches Wort, dessen Tiefe nur der zu ermessen weiß, der ist, was das Wort besagt! Oskar von Zeisel schämt sich nicht, er ist stolz darauf, es zu sein. Aber Sie! Ich war noch nicht vierundzwanzig Stunden hier, da schwärmte ich für die gnädige Frau, daß ich fragte, ob die Pflicht mir nicht gebiete, mich in einen wilden Falken zu verwandeln, die Schöne mit starkem Schnabel an den Flechten zu packen und mit ihr über die Haide weit zu fliegen, wie es die Pagen in den Volksliedern thun, wenn sie in hoffnungsloser Leidenschaft für die Frauen und Töchter ihrer Lehensherren entbrennen! Sie aber blieben starr und kalt. Dann fand ich unten im Thal die holde Wiesenblume, welche die Menschen Elise Iffler nennen – ich reimte nur noch Wiese und Elise – und abermals blieben Sie kalt. Nun ist ein neuer Stern an unserem Himmel aufgegangen; ich schau' empor zu seinem milden Glanze aus meiner hoffnungslosen Erdenferne im düstern Schweigen schlummerloser Nacht, und Sie, Glücklicher, der Sie in Ihrer internationalen Heiligkeit ungestraft der Göttlichen nahen dürfen – zum drittenmal bleiben Sie kalt! Das deutet darauf, wir müssen uns in mein Zimmer zurückziehen, um mit einer Partie Piquet am flackernden Kaminfeuer in Gesellschaft von ein paar guten Cigarren und einer Flasche Burgunder dieses Juliwinters trübe Schauer ritterlich zu bekämpfen.

So sprach der heitere junge Mann, der von dem ersten Tage seines Aufenthalts auf Schloß Roda eine herzliche Neigung zu dem um mehrere Jahre älteren Doctor gefaßt hatte und den der Trübsinn, in welchen der Freund neuerdings immer tiefer zu versinken schien, mit wahrhafter Bekümmerniß erfüllte. Er, der sonst die Dinge des Lebens ernst genug nahm, grübelte ernstlich darüber nach, was wohl die Ursache dieser großen Verstimmung sein möchte. Aber vergebens, daß er hin- und herrieth, vergebens, daß er mit Ernst und Scherz in den düsteren Gefährten drang, sich auszusprechen und, wenn irgend möglich eine Last zu theilen, die ihm allein zu tragen offenbar zu schwer wurde. Hermann zeigte sich nicht unempfindlich gegen die uneigennützige Theilnahme des guten jungen Mannes. Er dankte ihm mit Worten, die aus dem Herzen kamen, er drückte ihm warm die Hand, aber das war Alles.

Und wenn dann Jener, der sein Herz immer auf der Zunge trug, auf solche Verstocktheit, wie er es nannte, bitter schalt, und, so weit es ihm überhaupt möglich war, böse wurde, sagte Hermann:

Sie dürfen mir nicht zürnen, lieber Freund, ich gehöre nun einmal nicht zu den Menschen, denen ein Gott gegeben hat, zu sagen, was sie leiden, besonders wenn sie sich das Leid in ihres Sinnes Thorheit selbst bereiteten. Und ich werde Sie nicht lange mehr quälen; in wenigen Wochen bin ich fort, und das erinnert mich, daß ich die Zeit so nützlich wie möglich ausfülle. Hier braucht man mich auf ein paar Stunden nicht und oben in den Dörfern auf dem Walde steht es wieder einmal gar nicht gut; ich will noch hinauf. Sollte ich zum Thee nicht zurück sein, entschuldigen Sie mich wohl.

Hermann drückte dem Freunde nochmals die Hand, entfernte sich schnell, bestieg im Schloßhof sein Pferd, das schon gesattelt stand, und sprengte hinaus in die Berge, um allein zu sein mit sich und seinen Gedanken.

Sie stimmten zu der Natur, wie sie sich seinen trüben Blicken in diesen trüben Tagen bot, und er war ihr dankbar, wie einer Mutter, die den bekümmerten Sohn nicht fragt, die nur sein Haupt an ihren Busen nimmt, daß er sich da ruhig ausweine.

Sie fragten ihn nicht, diese schroffen Felsenhöhen in ihren wallenden Trauerschleiern; sie fragten ihn nicht, die dunklen Tannen, die ihre ernsten Häupter kummervoll hinüber und herüber bogen; sie fragten ihn nicht, die Wasser, die an den Wegseiten in ihren steinernen Rinnsalen schluchzten; der Wind fragte ihn nicht, der seufzend durch das Waldthal strich und seine brennende Stirn kühlte; der Regen nicht, der lang und langsam niedersäuselte und seine heißen Lippen netzte; sie fragten ihn nicht um sein Geheimniß, denn sie kannten es längst, und so durfte er ihnen auch das noch gestehen, was er am liebsten vor sich verschwiegen hätte, wenn es sich hätte verschweigen lassen: daß zu dem Schlimmen noch das Schlimmste gekommen, daß er verloren, was ihm in seinem trüben Leben der einzige wahrhafte Halt gewesen, daß er die Achtung vor sich selbst verloren.

Ja, murmelte er, die Achtung vor mir selbst, die das widrigste Geschick, das ihn heimsucht, das furchtbarste Unglück, das ihn trifft, dem Manne nicht rauben kann, so lange er noch im Stande ist, zu handeln nach seiner Ueberzeugung, und die ihm unwiderbringlich entschwindet, sobald er fühlt, daß die Kraft von ihm weicht, daß er nicht mehr kann, was er soll; und deshalb leidet, nicht, was er leiden muß, was unser Aller Erbtheil – nein, nur das Erbtheil des Schwächlings, der das verderbliche Gift so gierig trinkt, weil es so süß ist.

So sprach der unglückliche Mann bei sich und hielt an jener einsamen Buche, auf der Haide, unter der er sie zum erstenmal gesehen. Er hörte den Wind durch die Blätter rauschen und ließ den Regen auf sich niedertropfen und dachte, was furchtbarer war als Alles; dachte, was er kaum zu denken wagte, was er dem Wind nicht anzuvertrauen wagte, der eine Stimme hatte und es weiter tragen konnte; was ihm, wenn er es dachte, das Herz zusammenkrampfte, daß er wie im Wahnsinn seinem Pferde die Sporen gab und auf den schlüpfrigen Wiesenwegen durch den dichten Nebel dahinsprengte, als wäre die Hölle hinter ihm und wollte ihn gar verschlingen.

Er ritt nach Hühnerfeld, dem elendesten der elenden Dörfer oben auf dem Walde; er stellte sein Pferd in den Schuppen eines der ersten Häuser, das Hufschmiede und Wirthshaus zugleich war, und ging, nach seinen Kranken zu sehen, deren Zahl in den letzten Tagen wieder zugenommen hatte. Es gab da viel des Elends, so viel, daß ihm die Hilfe, die er brachte, bringen konnte, erschien, wie das Thun eines Menschen, der einen faulen Sumpf mit der Hand ausschöpfen will. Er sagte sich das selbst, wie er jetzt von einer der jämmerlichen Hütten zu der anderen ging; dennoch blieb das Leid, das ihn quälte, jenseits der Schwellen dieser Hütten, durfte nicht mit hinein in die qualmenden Stuben. Hier bedurfte man seiner, hier würde man ihn, wenn er fort war, schmerzlich vermissen. Die Leute hatten erfahren, daß er fort wollte. Sie klagten nicht, aber sie fühlten es doch als ein neues Unglück zu den alten. Eine junge Frau meinte: Dann werden wir ja wohl Alle sterben und verderben. Ein alter Mann fügte hinzu: Ja, ja, und wenn nun unser Fürst nicht mehr ist, der doch noch half, wo er konnte, und der neue Herr aus Preußen an das Regiment kommt, der hat ja wohl kein Herz für den armen Menschen.

Das ist nicht wahr, Großvater, sagte ein junger Bursche. Er hat mir neulich, als ich oben im Walde Holz fuhr, einen Thaler geschenkt, blos daß ich ihm sagte, er müsse rechts über die Fasanerie reiten, wenn er die gnädige Frau noch einholen wolle, die eben vorbei geritten war. Weiß nicht, ob er was für seinen Thaler gehabt hat. Und der Bursche lachte.

Er hatte sich gewiß nichts gedacht, der plumpe Bursche mit seinem plumpen Lachen; aber Hermann, als er jetzt im Nebelgeriesel über die Haide heimwärts ritt, gellte es im Ohr wie das Gelächter eines schadenfrohen Dämon, der frech herausschreit, was der fromme Mensch im tiefsten Herzen scheu verbirgt. Ja, da war sie wieder, die Schreckgestalt, die ihn vorhin verfolgt, da huschte sie wieder neben ihm her durch den Nebel, da hing sie wieder auf seinem keuchenden Roß, da klammerte sie sich wieder an den Reiter und schlug die Krallenhände in sein Herz.

Herein, herein! rief der alte Prachatitz, den das Geräusch der Pferdehufe in die Thür getrieben. Das ist ein böses Wetter, um darin herumzutraben; ich will den Gaul in den Stall ziehen.

Hermann hatte sich vom Pferde gleiten lassen; er wußte nicht, wie er zu der Försterei gekommen war; er fühlte sich gänzlich erschöpft und sank, in die Stube getreten, fast ohnmächtig auf einen Stuhl.

Der Alte holte dienstfertig aus dem Schrank eine Flasche und nöthigte Hermann ein Glas Branntwein auf.

Noch eins, sagte er, das bringt Leib und Seele wieder zusammen; und ziehen sich der Herr Doctor den nassen Rock aus, ich will selbigen in der Küche trocknen, wenn Sie sich unterdessen diese Decke gefallen lassen wollen. Von mir kleinem Kerl kriegten Sie doch keinen Rock über die Schultern.

Hermann lehnte das Anerbieten des Alten ab; er fühle sich wieder ganz wohl und müsse doch in wenigen Minuten aufbrechen. Erst jetzt blickte er auf und war verwundert, in dem halbdunklen Gemach eine Menge Bilder herumliegen und herumstehen zu sehen.

Das sind der gnädigen Frau ihre, sagte Prachatitz. Ich sollte sie ihr aufheben, als sie das Theehaus in Ordnung brachten, wie sie es nannten. Ich hatte sie oben auf den Boden geschlossen, aber es regnete da herein und nun wollte ich sie eben in die Kammer tragen. Sie bekümmert sich ja gar nicht mehr darum, als wär's Trödelwaare, und es sind so schöne Sächelchen, sehen Sie mal hier, Herr Doctor! nun, ich dächte doch, das wäre ein Meisterstück! Aber die arme gnädige Frau kann's schon Niemandem recht machen.

Und er trug das Bild, da Hermann noch immer schwieg, unwillig fort.

Niemandem? sagte Hermann.

Ja, sagte der Alte, und von Ihnen, Herr Doctor, hätte ich's nun am wenigsten geglaubt. Sie habe ich noch immer für ihren besten Freund gehalten und mir immer gesagt: der bleibt ihr treu, wenn die Anderen sie verlassen.

Die Anderen? sagte Hermann.

Ja, die Anderen, sagte Prachatitz, wie sie da sind; es gönnt ihr ja Keiner die liebe Luft, die sie athmet, und hat ihnen doch nur Gutes gethan, wo sie gekonnt, und hat Niemand jemals ein böses Wort von ihr zu hören bekommen. Die Menschen sind zu schlecht, zu schlecht! Aber dem Dietrich will ich's eintränken; der Galgenstrick kann lange warten, bis er die Meta zur Frau bekommt.

Was giebt's?

Was soll's geben, rief der Alte, mächtig aus seiner kurzen Thonpfeife dampfend; sind sie doch immer hinter ihr her mit lautem Gekläff wie Schäferhunde hinter dem Reh, das sie im Walde aufgetrieben. Bald hat sie dies gethan und bald das, bald dies gesagt und bald jenes; und das wird verdreht und verklatscht und verträtscht, daß Unsereiner mit der Hetzpeitsche dreinschlagen möchte. Ja, ja, Herr Doctor, das bekommen Sie nicht so zu hören, aber vor Unsereinem da genirt man sich nicht, wenn ich auch tausendmal gesagt habe, ich will davon nichts wissen, würgt's allein hinunter. So ist's alle diese Jahre gegangen; nun haben sie wieder eine Geschichte ausgeheckt, die schlimmer ist, als die vorigen und mir wollen sie's einreden, der ich doch am besten weiß, daß Alles eine grausame Lüge ist.

Um Gotteswillen, was giebt's?

Nichts um Gotteswillen und um der Heiligen willen auch nichts, sagte Prachatitz; die hören nicht hin und glauben's nicht, wenn sie's hören, wie ich's nicht glauben will, unheiliger Christ, der ich bin, was sie sich da unten in Rothebühl erzählen, wo ich gestern Nachmittags war, um Pulver zu kaufen beim Zeller. Ruft der gleich: Das ist recht, daß Sie mir endlich die Ehre erweisen, und ich habe es schon so lange gewünscht, es von Ihnen zu hören. – Was zu hören? frage ich. – Sie wissen ja, was ich meine, sagt er und gießt mir einen Kümmel ein vom allerbesten.

Ich erzählte nun, wie ich in der Wildhütte bin und sehe, daß der Zaun kurz und klein gestoßen ist und bei mir denke, da hat gewiß der Hans einmal wieder seinen Koller gehabt, und daß man das alte Thier todtschießen müsse, wie ich schon längst gethan, wenn die gnädige Frau nicht immer Nein gesagt hätte; gehe dann in den Busch, ein paar Stöcke zu schneiden und sehe meinen Musje drüben jenseits der Roda, wie er alle seine sechzehn Enden auf einmal an dem Felsen probirt. Hast wieder einmal ein Bad genommen, sage ich; ich sollte es Dir eigentlich gesegnen, daß es Dein letztes wäre, und nehme so die Büchse an den Kopf. Da kommen sie die Treppe hinab und gehen an der Roda hin, der Graf und die gnädige Frau, und will ihnen eben zurufen, sie sollten wieder umkehren; setzt sich das Thier in Galopp und ist im Nu an dem Schwanenfelsen, und ehe ich's noch denke, sind sie an einander, daß ich erst gar nicht zum Worte kommen kann, bis mir das Thier das Blatt zuwendet – na, und da war's freilich mit ihm Matthäi am Letzten.

Und das war Alles? sagt der Zeller und lacht so vor sich hin; und die Frau Zeller, die während dessen aus dem zweiten Laden, wo sie das Zeug verkaufen, wissen Sie, Herr Doctor, gekommen ist und zugehört hat, lacht auch so vor sich hin. – Was denn sonst? sage ich. – Nichts für ungut, sagt der Zeller, ich meine nur so; wie finden Sie denn das seidene Kleid, das der Graf Ihrer Meta geschenkt hat? – Meiner Meta? frage ich und muß wohl sonderbar dreingeschaut haben, denn die Frau Zeller fällt gleich ein und sagt: das sei ja nur ganz in der Ordnung, daß der Graf der Meta ein Kleid schenke, wenn ich ihm das Leben gerettet, und daß ihnen der Herr Graf auch einmal die Ehre erweise wie dem Findelmann, wenn auch nicht in Person, so doch durch seinen Kammerdiener. Nun aber werde ich fuchswild bei solchem Gerede und habe wohl den Kolben ein wenig hart auf die Erde gesetzt, denn der Zeller wird ganz blaß und das Weib fängt an zu heulen und sagt: sie habe ja nichts gegen die Meta sagen wollen und sie für ihr Theil habe ja auch nicht geglaubt, daß der Graf mit der Gnädigen ein Stelldichein in der Grotte am Schwanenfels gehabt und ich Alles gesehen, wie sie sich geherzt und geküßt, und den Grafen habe todtschießen wollen und statt seiner den Hirsch getroffen, und der Graf der Meta das Kleid geschenkt und mir tausend Thaler gegeben, damit ich reinen Mund halte. Das sei Alles gewiß erlogen, wenn auch der Dietrich gestern Abend in der Rothen Henne solche schlechten Reden geführt und gesagt habe: für nichts wäre nichts und der Graf werde wohl wissen, weshalb er auf einmal so splendid würde.

Ich will's aber auch wissen, sage ich und laufe wie toll aus dem Laden zum Städtel hinaus, die Chaussée hinauf in das Schloß, wo ich mir denn die Meta kommen lasse und in's Gebet nehme. Die fängt natürlich auch an zu heulen und sagt: sie wisse ja von gar nichts, nur daß ihr der Herr Graf das Zeug zum Kleid mit einem Compliment durch seinen Kammerdiener geschickt habe, und das habe ihr der Dietrich so übel genommen, weil er auf den Philipp des Herrn Grafen so eifersüchtig sei, und sie könne doch nicht wissen, was der Dietrich in seiner Wuth Alles geschwätzt habe. Ich also zum Dietrich und frage: Was hast Du geschwätzt, Kerl? Wird er so verlegen und dann aus purer Verlegenheit grob und sagt: nichts habe er geschwätzt, das sei aber auch nicht in der Ordnung, daß der Philipp und die Meta immer auf dem Corridor zusammensteckten, während er unten in den Ställen sei. Sage ich zu ihm: Dietrich, sage ich, wenn Dir die Meta zu schlecht ist, so bist Du mir noch nie gut genug gewesen, und damit Basta! Aber daß Du mir das Mädel in's Gerede bringst, das will ich Dir eintränken. Jetzt will ich nur eben zum Herrn Grafen und mich für die tausend Thaler bedanken, die er mir geschenkt hat, weil ich ihn nicht todtgeschossen. Wird der Kerl ganz blaß und sagt: ich solle ihn nicht unglücklich machen und er wolle auch das nächste Mal gewiß reinen Mund halten, wenn die gnädige Frau dem Herrn Grafen wieder einmal zu nachtschlafender Zeit kleine Billets schicke.

Das lügst Du wieder, Dietrich, sage ich. Verschwört sich der Mensch, es sei die pure Wahrheit. Er habe ja die Billets immer der Meta aus der Hand genommen und dem Philipp gegeben, der sie dann hineingetragen. Und was er mit eigenen Augen gesehen, das werde ihm Keiner abstreiten.

Der Alte schwieg und ging an's Fenster, das er öffnete. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen, es schimmerte für den Augenblick heller durch die Bäume. Er blieb am Fenster stehen, mächtig rauchend. Plötzlich knickte er die Pfeife entzwei, warf die Stücke hinaus und sagte, sich umdrehend, heftig:

Und es ist doch Alles erstunken und erlogen. Meinen Sie nicht, Herr Doctor?

Was wäre es denn nun, wenn es wahr wäre?

Das sage ich auch, erwiederte der Alte eifrig. Hab's mir schon hundertmal gesagt: was wäre denn daran? Warum soll die gnädige Frau dem Herrn Grafen nicht einen Brief schreiben oder auch mehrere – und – und – sehen Sie, Herr Doctor, doch wurmt mich's, daß ich närrisch werden möchte. Der Dietrich ist ein Lügenmaul, aber so frech könnte er's doch nicht treiben, wenn – wenn – Himmel-Höllen-Element! der Herr Graf mag sich in Acht nehmen, daß er nicht wieder in die Lage kommt wie neulich. Ich möchte nicht immer bei der Hand sein, und wenn ich's wäre, nicht immer so gut treffen.

Der Alte fuhr sich mit beiden Händen in die krausen, grauschwarzen Haare, lief im Zimmer hin und her; plötzlich blieb er dicht neben Hermann stehen und sagte in leisem Tone:

Ich muß es von der Seele haben, und Ihnen sage ich's lieber als dem Pfarrer oben im Kirchdorf, den ich unter Euch Protestanten hier niemals für einen rechten katholischen Pfarrer halten kann. Was der Dietrich da gesagt hat, ich glaube es Alles, und hab's geglaubt, ehe er's gesagt hat. Sie war ja ganz verstört an dem Abend, bevor sie kamen, oben im Theehaus, und kommt jetzt nimmer herauf. Aber der Graf ist alle Tage hier gewesen und ich habe ihm das Theehaus aufschließen müssen und er hat stundenlang am Fenster gestanden, wo man ein Stück von dem Wege nach dem Schloß und den Rothen Thurm sieht; und den Tag vor der Geschichte mit dem Hirsch kam er wieder in vollem Jagen und fragte so hastig, ob nicht die gnädige Frau eben über die Fasanerie geritten sei. Ich habe sie nicht gesehen, sagte ich, und hatte sie auch wirklich nicht gesehen. Schaut er mich so sonderbar an, daß mir's kalt über den Rücken läuft, sagt aber nichts, sondern läßt sich wieder das Theehaus aufschließen und bleibt eine Stunde da wie angenagelt am Fenster. Das gefiel mir schlecht, Herr Doctor, denn – es mag sich für einen gemeinen Mann nicht schicken, so etwas zu sagen – aber ich liebe sie, als wenn sie mein eigen Kind wäre. Wenn ich sie mal lachen sehe, lacht mein ganzes Herz mit, und wenn ich sie traurig sehe, schmeckt mir den ganzen Tag die Pfeife nicht. Und sie war in der letzten Zeit so traurig, Herr Doctor! Und daran ist der Graf schuld, habe ich alle diese Tage bei mir gesagt, und das fehlte noch gerade. Er hat so schon einen schwarzen Stein bei mir im Brett, der preußische Herr, der Sechsundsechzig mein schönes Heimathland mit Feuer und Schwert verwüstet hat, und kommt nun hieher, um meinem guten Herrn solch' Leid anzuthun und –

Der Alte schwieg und seine Stimme klang ganz heiser, als er nach einer kurzen Pause fortfuhr:

Und da ich sie neulich kommen sah, so ganz allein an dem stillen Ort, in eifrigem Gespräch, und ich auf der andern Seite hinter dem Busch stand, die Büchse in der Hand, da dachte ich, ob's wohl eine gar so große Sünde wäre, wenn ich ihm den Garaus machte, bevor noch größer Unglück geschieht. Aber als die Hatz mit dem Hirsch losging und ich sah, wie er mit dem wilden Thiere rang, daß es schier über Menschenkräfte war, da dachte ich – nein, da dachte ich nichts, aber ich schoß den Hirsch todt und nicht den Mann.

Der Alte athmete tief auf, als er so seine Beichte beendigt hatte, und fuhr dann in viel ruhigerem Tone fort:

Gott sei Dank, daß ich's vom Herzen habe, und nun schelten Sie mich weidlich aus, Herr Doctor, und sagen Sie mir, daß ich ein schwarzgalliger Mensch bin, der am hellen Tage Gespenster sieht. Aber das kommt von der Einsamkeit und dem Müßiggang. Ich habe zu wenig zu thun, Herr Doctor; aber der gnädige Herr kümmert sich ja gar nicht mehr um uns, und der Herr Oberforstmeister auf dem Jagdschloß macht's dem gnädigen Herrn nach. Das meint der Herr Graf auch, und das muß man ihm lassen: er hat in seinem kleinen Finger mehr Jägerblut, als unsere Durchlaucht und der Oberforstmeister zusammen. Wenn er einmal an's Regiment kommt, weiß nicht, wie die Anderen dabei fahren, aber wir Grünröcke haben's besser – das ist gewiß.

Der ehrliche Alte wollte sein Unrecht dadurch wieder gutmachen, daß er nachträglich an seinem Feinde alle möglichen guten Eigenschaften fand. Der Herr Graf habe ihn auch schon ein paarmal zu sich entbieten lassen und er habe immer taube Ohren gehabt. Nun aber wolle er morgen hin, und wenn das mit den tausend Thalern auch ein dummes Gerede sei, so müsse man doch einen Menschen, dem man das Leben gerettet, zu Worte kommen lassen, und wenn's auch nicht einmal ein so vornehmer Herr wäre.

Hermann hörte das Alles nur wie im Traum. Er antwortete, ohne zu wissen, was er sagte; und dann fand er sich auf dem Wege nach dem Schloß, ohne sich zu erinnern, wie er in den Sattel gekommen. Der Regensturm, der nach der kurzen Pause wieder losgebrochen war, heulte und sauste durch den Wald, daß die Wipfel der Riesentannen sich hinüber und herüberbogen und die Aeste knarrten und knackten. Das Pferd blieb ein paarmal stehen, aber Hermann spornte es weiter.

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