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Allerleirauh

Otto Stoeßl: Allerleirauh - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorOtto Stoessl
titleAllerleirauh
publisherGeorg Müller
year1911
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080813
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Der Verleger

Fräulein Porzia Blumenwitz, die Tochter eines reichgewordenen Federnschmückers, vereinigte alle Bildung die man mit fügsamem Verstand, mäßigem Fleiß und Gedächtnis und mit reichlichem Schulgelde erwerben kann in ihrer kleinen Person, so daß sie, wo immer eine Anregung ihr wohlerzogenes Gehirn berührte, mit behender und aufgeputzter Antwort zu erwidern vermochte, sei es im Gespräch, sei es am Klavier, auf dem sie Tonstücke mit Seele vortrug, sei es als Malerin, denn sie wußte auf der Leinwand anstatt der einstmals üblichen frommen Blumenstücke die modernsten kühnen dekorativen Farbenflecke hervorzurufen.

Wie konnte es ihr bei so vielfältigen Gaben an Bewunderern fehlen, zumal ihr Vater mit einer großen Mitgift hinter ihr stand und ein gastliches Haus führte!

Fräulein Porzia hatte die Maturitätsprüfung bestanden, kannte Latein und Griechisch, sprach englisch und französisch, war in der Kunstgeschichte zu Hause, verfertigte Holzschnitte, trieb Kupfer, entwarf Möbel und war somit nicht bloß ein modernes Weib, sondern schien es auch. Doch genügte dies alles ihrem ungemessenen Betätigungsdrange keineswegs, vielmehr forderten die Kräfte ihres Empfindens einen umfassenderen Ausdruck, und als Schriftstellerin glaubte sie sich so recht inständig ausleben zu können. Was sie ersehnte und begehrte, wußte sie freilich nicht recht, aber indem sie es sich von der Seele schrieb, wie man so sagt, gedachte sie es zu erfahren. In dieser Gemütsstimmung entstand ihr Buch: »Eine für alle.« Ihr Vater ließ es bei einem bereitwilligen Verleger erscheinen, sie selbst besorgte den Buchschmuck: unzählige weiße Arme reckten sich auf rotem Grunde nach einem Ziele aus, das man auf dem Umschlage nicht mehr sah, wodurch offenbar symbolich angedeutet werden wollte, daß dieses Ziel jenseits der Wirklichkeit lag. In großen Frakturbuchstaben, auf holzfreiem Papier, mit vierfingerbreitem Rande stand auf hundert Seiten das Gebet einer unfreiwilligen Jungfrau. Sie schilderte einmal alle Reize ihrer Persönlichkeit, aber auch jenes Kostüm, worin eine Weibesseele sich einhüllt als in die Kostbarkeiten jedes erlesenen Gefühles, denn sie war belesen. Und diese Schätze waren insgesamt einem Manne angetragen, der doch in der Stadt der Wirklichkeiten nicht wuchs, noch jemals erscheinen konnte, einem Jüngling, unberührt wie sie, durch alle Bäder der läuternden Wünsche gegangen, aber durch keine Erfüllung befleckt, schlicht wie eine Taube und wieder schlau wie ein Fuchs, der an allen Trauben gerochen. Er sollte rein sein, wie ein Blatt Papier, das niemals unter ihre Feder gekommen und liebeskundig, wie sie selber nach diesem Buche. Sie schrie nicht bloß für sich, sondern für alle unbemannten Schwestern ihres Geschlechtes nach dem Erfüller und Erlöser, aber sie stellte zugleich ideale Forderungen auf, so daß das verheißene Geschenk ihrer Liebe an schlechterdings unmögliche Bedingungen geknüpft schien, denn sonst wäre es ja nicht Sehnsucht gewesen. Mit einem Wort: es war ein kühnes Buch, es schrie von Widersprüchen, es troff von Reinheit und zitterte dabei vor Begierde, es gellte von Verschwiegenheiten, kurz es war eine Tat, wie man nur eine mit Worten begehen kann. Schwungvolle Zeitungsnotizen, die heute den Mythos schaffen, umwitterten ihre Persönlichkeit mit dem Nebel der Öffentlichkeit. Da wurde angespielt auf das Haus der besten Gesellschaft, dessen edelgesinnte Tochter für das ganze weibliche Geschlecht den wahren, den Urmann in die Schranken gerufen, wo sei der Jüngling aus ebenso guter Familie, der wohl ihren Forderungen sich stellen wolle. Und was dergleichen ebenso ritterliche, wie zartfühlende, innig empfundene und witzige Ankündigungen des Tagespresse mehr waren. Sie hatte die Fahne ihres Geschlechtes so recht eigentlich entrollt, die Zeitungen schwangen sie beseligt in alle Winde. Es war eine Lust, in solchen Tagen ein Weib zu sein. Sie spürte diesen Hochgenuß gesteigerten Daseins fast selbst schon wie eine Erfüllung. Ihr Vater, der zu seiner Zeit freilich heiratsfähige Töchter anders schalten und versorgt werden gesehen hatte, besann sich auf seine neue Würde als Erzeuger eines modernen Weibes, bedachte auch, daß Poesie nicht wörtlich zu nehmen sei und sonnte sich im jungen Ruhme seines begnadeten Kindes, nicht ohne jedem Gaste, der seine Schwelle betrat, ein prachtvoll gebundenes Exemplar des berühmten Buches einzuhändigen.

Fräulein Porzia erlebte in diesen Tagen des Triumphes eine eigentümliche Spannung, als müsse nach dieser ihrer Tat das wahrhafte Leben, das Wunder, seit Ibsen das eigentliche Bedürfnis des modernen Weibes, notwendig und doch überraschend eintreten. Sie versah sich irgend eines ungeheuren Ereignisses und zweifelte, ob die bereitwilligen Rezensionen allein der Lohn ihrer Begeisterung bleiben sollten. Wie immer kam die Erfüllung unscheinbar und unvorhergesehen aus einem dunkeln Weltwinkel.

Sie erhielt nämlich eines Tages einen geschäftlich abgefaßten Brief. Diese Tatsache allein mußte ihr schmeicheln, da bisher ihr Ruhm keinerlei materielle Wirkung gezeitigt hatte. Vergeblich war das rote Buch mit den langenden Armen an alle Berühmtheiten der Literatur versendet worden. Von keiner drang ein herzliches Echo zu ihr, höchstens ein frostig abwehrender Dank, was sie dem allgemeinen Neid gegen jedes junge aufstrebende Talent zuschrieb, aber doch peinlich empfand. Dieser Brief war das erste Zeugnis bereitwilligen Interesses. Ein junger Verleger, namens Martin, teilte ihr in kurzen Worten mit, er habe ihre Schöpfung mit warmer Teilnahme aufgenommen und erbiete sich, sie neu und schöner herauszugeben. Er gedenke mit diesem Werke eine schwungvolle, den modernen Bestrebungen gewidmete Tätigkeit bedeutend zu eröffnen. Zu diesem Zwecke sei zunächst eine vergleichsweise bescheidene Summe erforderlich, um den Rest der alten Auflage aufzukaufen, welche Erlaubnis er im Interesse der Verfasserin erbitte. Für die Neuauflage stellte er glänzende Bedingungen in Aussicht. Obgleich für Fräulein Porzia eigentlich kein rechter Grund vorlag, ihrem bisherigen Verleger die Treue zu brechen, dem sie eine hübsche Zahlung für den Druck und die sonstigen Spesen hatte leisten müssen, reichte die Tatsache, daß sich jemand freiwillig um ihre Dichtung bewarb, hin, diesen Förderer und Entdecker ihrer Begabung jedem nüchternen Geschäftsmanne vorzuziehen, um schon für das bewiesene Entgegenkommen werktätigen Dank abzustatten.

Unverzüglich beantwortete sie diesen Brief höchst einläßlich, verwertete gewisse kritische Erkenntnisse, die sie erst nach dem Erscheinen des Buches gewonnen, für den Neudruck und ersetzte die ganze Einleitung durch eine andere Fassung, welche sie beischloß. Zugleich sandte sie auch die verlangte Geldsumme, mit welcher der Rest der alten Auflage eingezogen werden sollte und harrte gespannt der weiteren Erfolge.

Seltsamerweise verstrichen einige Wochen, ohne daß sie eine Nachricht erhielt. Nicht einmal der Empfang des Geldes wurde ihr bestätigt. Zuerst schob sie diese merkwürdige Nachlässigkeit auf die mutmaßliche Ueberbürdung des jungen Verlegers mit Geschäften, allmählich aber befielen sie Zweifel. Zu ihrer Ehre sei's gesagt, sie fürchtete keineswegs für die Bagatelle, die sie gezahlt hatte, nur für ihr poetisches Renommé. Wie entsetzlich, wenn dieser Mensch etwa das Werk in der ersten unreifen Fassung abdruckte, ihre Verbesserung gar außer acht ließ, oder Druck und Ausstattung ohne ihre Mitwirkung besorgte, so daß sie vielleicht eines schönen Tages sich einem völlig mißratenen Ganzen gegenüber sah und dafür mit ihrem guten Namen einstehen mußte!

Kurz, es litt sie endlich nicht mehr unter dieser quälenden Ungewißheit, sie schrieb dem Unbekannten einen entzückenden Mahnbrief, in den sie alle Feinheit ihres Geistes, alle Eigenart ihres Stils legte. Sie selbst hätte sich in die Schreiberin eines solchen Briefes verlieben mögen.

Nach ein paar Tagen kam dieses Kunstwerk uneröffnet zurück mit dem Vermerk: Adressat unbekannt. Auf dem Umschlag erschienen allerhand Notizen, an denen der Eifer von Postboten ersichtlich war, den Gesuchten um jeden Preis ausfindig zu machen.

Da mußte sie wohl selbst das ihrige tun, ein so offenkundiges Mißverständnis aufzuklären. Zunächst suchte sie im Wohnungsanzeiger die Adresse des Verlegers Martin, suchte unter »Verleger«, suchte unter »Buchhändler«, suchte bei »Papier- und Drucksorten-Erzeuger«, suchte endlich im allgemeinen Namensverzeichnisse, alles umsonst. Es gab einen Tischler, einen Korbflechter, einen Verpflegs-Akzessisten, eine Näherin, die so hießen, keinen Verleger Martin. Sie beschloß nun, der Adresse nachzugehen, an die sie geschrieben hatte. Der Mann hatte deutlich angegeben, wo er wohnte, auch war das Geld richtig in seine Hände und nicht als unbestellbar zurück in die ihrigen gelangt.

So machte sie sich eines morgens auf – die Frühstunden waren wohl die geeignetsten, einen Geschäftsmann zu besuchen – und fuhr nach der Mariahilferstraße, wohin sie ihren Brief seinerzeit hatte richten müssen. Das betreffende Haus war eines der ältesten und weiträumigsten in dieser emsigen Handelsstraße Wiens. Da kam man aus einem großen Hof in den anderen, in jedem gab es etliche Stiegen, und von allen Seiten her tönten die verschiedensten Geräusche der Hantierungen, die da getrieben wurden. In jedem Hofe spielten Kinder, rasselten Handwagen, dröhnten Leierkasten, hämmerten Hausknechte, dazwischen eilten Mägde, schütteten Kehricht und Abwaschwasser in den Kanal, so daß sich kleine Seen bildeten, sangen Hausierer. Fräulein Porzia ließ diesen ersten Eindruck eines, wer weiß, mit welchen Tatsachen erfüllten lehrreichen und großstädtisch-dämonischen Geschäftsungeheuers von Haus zunächst auf ihr immer aufnahmsbereites Künstlergemüt wirken, wanderte unschlüssig von einem Hof zum anderen, besah die Firmenschilder und bemühte sich, zu raten, welche Treppe sie wohl ersteigen müsse, um den gewissen Martin in diesem Chaos zu finden. Doch verzichtete sie schließlich darauf, sich ihrem Ahnungsvermögen zu überlassen, und nachdem sie vergeblich einige vorbeieilende Kommis nach dem Verleger Martin gefragt, pochte sie an die Glastüre der Hausmeisterwohnung. Eine breite, gutmütig aussehende und allzeit zu vertraulichen Gesprächen bereite Frau schob sich ihr entgegen und antwortete schon auf die erste schüchterne Frage, kaum daß der Name Martin gefallen war, mit einem schlitternden, herzlichen Gelächter: »Liebes Fräulein, Sie sind nicht die erste und nicht die letzte! Da waren schon viele und haben den Haderlumpen verlangt, den elendigen! Lauter noble und elegante Herrschaften! Wie der zu solcher Nachfrag' gekommen ist, möcht ich freilich gern wissen, der g'scherte Aff, der nichtsnutzige! Ein Verleger! Der Gauner ist selber verlegt! Die Herren Schriftsteller haben sich nur so gedrängt, kein Tag, wo nicht einer da war. Der geht ja über einen Heiratsschwindler!«

Fräulein Blumenwitz zögerte, weiter zu forschen, da sie solcher Auskunft doch nicht ohneweiters glauben wollte. Die gute Frau aber fuhr fort, sie mit aller Schadenfreude zu belehren, die das niedrige Volk gegenüber den genasführten Bildungsmenschen so gerne geltend macht. Der Herr Martin sei ein verkrachter Friseurlehrling, der nirgends getaugt, von seinen Meistern davon gejagt, zuletzt hier im Hause nur kurze Zeit als Aftermieter gewohnt habe, um schließlich von Schulden verfolgt, nach Favoriten zu verziehen, wo sein Onkel ihn aus Gnade und Barmherzigkeit beherberge.

Beschämt begab sich Porzia nach Favoriten, um nichts zu versäumen, ihr enttäuschtes Gemüt durch die volle Wahrheit zu läutern und zu befreien, oder vielleicht, wie sie im stillen hoffte, doch noch wieder zu erheben. Sie fuhr mit der Straßenbahn, wanderte mühselig durch allerhand dünne, traurige Gassen bis sie vor einem hohen dürftigen Vorstadthause angelangt war. Wieder fragte sie sich durch und fand sich endlich in einer Tischlerwerkstatt, wo der angebliche Onkel als Gehilfe diente. Sie wand sich durch Bretter, die auf Hobelbänken lagen, durch Pfeifenqualm und Leimgeruch, durch angefangene rohe Möbelgestelle, an schmutzigen, hemdärmeligen Gesellen vorbei und hatte Mühe, sich nicht mit Sägescharten zu beschmutzen oder Biergläser mit Beize zu verschütten. Die Leute sahen sie verwundert an und stießen einander lachend, als sie endlich vor dem Alten ihr Begehren nach dem Herrn Neffen wiederholte. Der Onkel, ein verwahrloster Kerl, dessen wirrer, weißlich blonder Bart von Pfeifentabak und Speiseresten starrte, setzte den Hobel ab, blickte sie durch eine grobe Hornbrille an, richtete sich auf, wobei das blaukarrierte Oxfordhemd sich verschob und zu ihrem Entsetzen eine behaarte Brust zeigte. Nachdem er ihre Frage endlich verstanden, wo sein Herr Neffe wohnte, antwortete er, zornig auf sein Brett einhämmernd, so daß sie ihn bloß mit äußerster Mühe verstand, in einem czechischen Deutsch, wie es nur die Tischler in seiner großartigen Mischung und Betonung zuweg bringen, der Lausbub sei nicht da, gewiß stecke er im »Tschecherl« unten; sonst gebe er ihm freilich Unterstand da drinnen. Dabei wies er auf eine Kammer und ging brummend voran. Porzia folgte ihm. An der Schwelle schon wäre sie fast umgesunken vor dem Geruch dieser Wohnstätte, die nur eine Luke zum Fenster hatte. Da stand ein Bett, mit Fetzen bedeckt; über einem zerknitterten Strohsack, dessen Inhalt allenthalben hervorquoll, hing ein durchlöchertes Leintuch, das selbst ihre geübte Phantasie sich kaum jemals als weiß oder rein vorzustellen vermochte, ein zerwühltes, schwärzliches Kissen lag am Kopfende. Hier schliefen sie beide, sagte der Alte und wiederholte malitiös genug, was bereits die Hausbesorgerin verraten hatte, daß viele feine Herrschaften schon dagewesen seien, sich nach dem Schlingel zu erkundigen. Er bekam auch viele Bücher. Dabei wies er auf ein Wandgestell, das voll Staub und Schmutz eine verkommene Haarbürste, einen in Silberpapier gewickelten Pomadenrest, ein durcheinander gewirrtes Bündel von Briefen und Papier, ein Tintenfläschchen, einen Federstiel und – Porzia zitterte – ein von einem übelriechenden, halbgeleerten Bierkrügel beschwertes rotes Buch enthielt, in welchem sie an den weißen emporlangenden Armen ihren Seelenschrei erkannte.

Nochmals wies sie der Alte an das Kaffeehaus unten, wo der Tagdieb alle Gaunereien aushecke, bis ihn endlich Polizei und Gericht fassen würden. Schamrot, als hätte sie selbst solche Streiche verübt, am ganzen Körper zitternd vor diesem Blick in den Abgrund des Daseins, empfahl sich die Schriftstellerin, drängte sich durch die Werkstätte und war endlich auf der Straße. Ein schwerer Kampf tobte nun in ihrem Gemüte, ob sie die Angelegenheit auf sich beruhen und den Schelm laufen lassen, oder sich um ihr Recht noch weiter, wenn auch vergeblich, annehmen sollte. Aber das Gefühl der Verantwortung bewog sie, nichts unversucht zu lassen und die Sache bis zum letzten auszutragen, denn mit ihr waren viele andere Autoren betrogen worden, und wenn sich keiner wehrte, mochten noch andere gleichen oder größeren Schaden erfahren. Es war Standespflicht, einzuschreiten und die gemeinsamen Interessen rücksichtslos zu vertreten. So schaute sie denn, während ihr Herz bis zum Halse klopfte, in die ebenerdigen Fenster des kleinen Kaffeehauses, wo sich der Übeltäter aufhalten sollte. In dem dunklen Raume waren nur zwei Billardspieler. Einer mußte der Verleger Martin sein. Wenn der zurzeit, wo andere arbeiten, nach allen seinen Untaten noch gemütlich und ruhig sich vergnügen konnte, durfte sie ihn wohl der verdienten Strafe zuführen. Mutig trat sie ein.

Am Billard stand als Spieler der Kellner in einem fettigen, schmutzbefleckten Frack mit zerrissenem Vorhemd, die Serviette über der Achsel und führte eben einen sorgsamen Stoß aus, worin er sich durch den eingetretenen vornehmen Gast gar nicht weiter beirren ließ, da er offenbar eine schöne Serie machte. Ihm gegenüber, am anderen Ende des Brettes, lehnte ein junger Mann in einer zierlichen Stellung, die Rechte hoch auf den Stab, die Linke in die Hüfte gestützt, die Beine in eng aneinanderliegenden, aprikosenfarbenen Hosen, das rechte ungezwungen über das linke gelegt und mit der rechten Fußspitze den Boden nur eben berührend. Das glatte bartlose Gesicht bekam von einer kunstvoll in die Stirne gekämmten Haartolle einen kühnen Ausdruck, seine grauen Augen verfolgten das Spiel des Partners, schienen aber zugleich den ganzen Raum und alles was geschah, zu umfassen und zu verachten. Die nicht sehr saubere, doch immerhin modische Kleidung entsprach etwa dem Vorortegeschmack eines Haarkünstlers, namentlich das schwarze, kurzschößige Jackett über einer geblümten Weste, in deren Ausschnitt, an den hohen Stehkragen geknöpft, eine bunte Masche von einer Nadel durchbohrt war, die ein schwarz-rot-goldenes Wappen darstellte. Die gestärkte, leider nicht mehr tadellos reine Hemdbrust war mit kleinen verschlungenen Blümchen aus hervortretender Maschinenstickerei verziert. Fräulein Porzia stand an der Tür und maß den Jüngling mit Zorn und Staunen. Während der Markör unbeirrt seine Serie fortsetzte, erkannte sein untätiger Partner gleich den vornehmen Besuch und erwiderte den forschenden Blick der Dame mit einem feinen Lächeln, wechselte die Beinstellung, lehnte den Stab sanft an das Billard, faßte mit der freigewordenen Rechten ein Schnapsgläschen, das auf einem Nebentische stand, hob es, den kleinen Finger elegant ausgestreckt, empor, faßte das Fräulein gleichsam huldigend ins Auge und trank ruhig aus.

Als Porzia noch immer fassungslos stehen blieb, sprang er behend hinzu: »Gestatten die Dame«, nahm ihr mit einer Verbeugung den Schirm, den Muff, das Täschchen ab und faßte den Ärmel ihres Mantels, so daß sie wie im Traume sich des Übergewandes entledigt sah. Der Jüngling eilte mit diesen Gegenständen zu den Kleiderhaken an der Wand, brachte dort alles unter, kehrte im Nu zu Porzia zurück, die nun gleichsam wehrlos, noch immer vor dem Billard verharrte, bot ihr mit einer Verbeugung den Arm, den sie, wie von Sinnen, ergriff und führte sie zu einem Tisch am Fenster, wo sich das Fräulein mechanisch niederließ. Darauf faßte er den angelehnten Spielstab und stieß damit den in seine Serie vertieften Kellner sachte in den Arm, so daß dessen Ball mit einem schallenden Sprunge davonhüpfte und der Gestörte scheltend auffuhr. Mit bedeutender Gebärde wies der Jüngling auf die Dame, der Markör eilte an diesen Tisch, erbat, sich verbeugend, die Befehle und nahm die verlegene Bestellung eines Tees entgegen.

Dann verbeugte sich Martin seinerseits: »Die Gnädige haben vielleicht mich gewünscht?«

»Sind sie der Herr Verleger Martin?«

»Der bin ich sozusagen, Martin ist mein Name. Mit wem dürfte ich die Ehre haben?« Porzia gab sich zu erkennen.

Martin lächelte. »Die berühmte Eine für alle, ich bin entzückt.«

Mittlerweile hatte der Kellner den Tee gebracht und blieb neugierig oder weiterer Befehle gewärtig, vor dem Tische stehen.

Der Jüngling winkte ihm ab, doch ließ sich der Markör nicht beirren, sondern blieb, bis die Dame verlegen ihr Gegenüber ansah, und Martin hochmütig, das rechte Auge zukneifend, die Stirne runzelnd, zwischen den Lippen hervorstieß: »Verduften!«

»Endlich allein!« flüsterte der Verleger, zog Porzias Hand an seine Lippen und drückte einen respektvollen Kuß auf den duftenden Handschuh, den ihm die Entsetzte eiligst entzog. »Wie können Sie sich so etwas erlauben, rechtfertigen Sie zuerst Ihr unerhörtes Verhalten.«

Martin fuhr mit der Hand über die Stirn, wobei er die Haartolle gleichsam kontrollierte, nahm einen sorgenvollen Ausdruck an und antwortete leise: »Richten Sie nicht, auf daß Sie nicht gerichtet werden, Gnädigste. Man ist das Opfer seiner Verhältnisse.« Damit stützte er das Haupt in die Stirne und sah Porzia tief ins Auge, die seinen Blick zu meiden suchte und ihn immer wieder traf. Die Vorsätze ihres Mutes und ihrer Anklage wurden schwankend, sie brachte nur hervor: »Wie haben Sie so schändlich handeln können?«

»Der Mann ist ein Produkt seiner Zeit, ein Verbrechen der Gesellschaftsordnung, mein Fräulein, ich bin unschuldig. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, ich kann nicht anders. Im Elend erzeugt, von den Umständen verfolgt, durch Berufe gehetzt, zu denen man nicht auserwählt ist, nach Höherem strebend, edle Ziele vor Augen, strauchelt man und springt, den Blick nach dem Schönen gerichtet, in den Abgrund des Verderbens.«

Porzia horchte erstaunt auf, der Mann redete eine gewissermaßen ideale Sprache, wenn sie sich gleich nicht darüber täuschte, daß er den Ausdruck aus schlechter Lektüre bezogen; aber aus jedem Worte drang immerhin eine tiefere Empfindung. Sie ermutigte ihn fortzufahren, indem sie schwieg. Er sprach weiter, immer wieder seinen Kampf mit allen widerstrebenden Mächten der Gesellschaft betonend, die an den Tischen des Lebens praßte und den Hungernden, der an den höchsten Gütern teilzunehmen begehrte, mit einem Fußtritt zurückstieß. Er habe sich dessen würdig gefühlt, die Schöpfungen begnadeter Dichter, dabei berührte er Porzia abermals mit einem tiefen Blicke, der Welt zu vermitteln, die solche Werte ebenso mißachtete, wie ihn.

Sie schüttelte schmerzlich bewegt das Haupt. So war es in der Tat. Nun wurde er kühn, sarkastisch, drohend.

»Zeigen Sie mich der Polizei an, tun Sie es! Man steckt mich ins Loch und aus ist's mit mir. Aber was haben Sie davon? Sie werden nur verhöhnt. Wenn man mich einsperrt, machen Sie sich lächerlich und sind ebenso gestraft, wie ich. Wenn aber meine Pläne gelingen, mache ich Ihnen einen Namen.«

»Warum gerade mir?« stammelte Porzia.

Mit vielen, hochfliegenden Worten erzählte Martin seine Taten und sein Mißgeschick.

Als Kind armer, aber ehrenwerter Leute – das Geschlecht seines Vaters habe vorzeiten hoch angesehen zu Ehrenbreitstein am Rheine geblüht und seine Söhne in alle Weltgegenden entsandt, um das Reis der Familie da und dort frisch in neuem Grün treiben zu lassen – wies er so frühe Zeichen von Begabung auf, daß seine Mutter trotz der dürftigsten Verhältnisse ihn nach der Volksschule ins Gymnasium zu bringen gewußt, wo er zwei Klassen überstanden. Gerade inmitten der aufstrebenden klassischen Studien wurde der Vater von einem einstürzenden Gerüst erschlagen und hinterließ seine vielköpfige Familie ohne jegliches Vermögen, dem Elend preisgegeben. Das Fräulein könne sich denken, daß es jetzt mit dem Studieren aus war. »Wissen Sie, was es heißt, ›dira necessitas‹, wie der Lateiner sagt?« fragte Martin und übersetzte auf jeden Fall: das rauhe Muß. Porzia nickte Bejahung. Nun sei er in die Lehre gekommen, zuerst zu einem Schuster, welche schmutzige Hantierung, das Herumtragen der Kinder des Lehrherrn, das Windelwaschen und Schuheliefern! Er sei davongegangen, um sich wegen der freieren Sitten dem Kellnergewerbe zuzuwenden, da mußte er als Piccolo mit Bier und Wein bedienen, von den herrschsüchtigen Zahlmarkören bei den Ohren gebeutelt, die Nächte und Tage auf den Beinen, ohne Schlaf, von den Speiseresten auf den Tellern kärglich genährt. Wieder habe es ihn nicht gelitten, daß sein Drang nach geistiger Betätigung und Fortbildung schonungslos verkümmern sollte. Wochenlang sei er dann ohne Beschäftigung und Lohn gewandert, durch alle Straßen, weit über Land.

»Kennen Sie, meine schöne Gnädige, das Quartier an Brückenpfeilern oder das Hotel bei der Mutter Grün im Sommer, beim Vater Kanal im Winter?«

Porzia schauerte. Aber in all diesen Wechselfällen des Schicksals hält man die Fahne der Bildung und des Ideals hoch. Als Friseurgehilfe schließlich fand er eine zusagende Beschäftigung, indem er in den Arbeitspausen die Zeitung in die Hände und von den Weltereignissen Kunde bekam, wenigstens sozusagen das trockene Brot der Bildung essen durfte, während er bei Nacht sich seinen Phantasieen und Träumen überließ, die ihm ein höheres Schicksal versprachen. In all dieser Zeit habe er von Hunger gequält, von Stellenlosigkeit, von den Versuchungen der Großstadt und eines jungen, schutzlosen männlichen Geistes erschüttert, bei seinem idealen Streben ausgeharrt, wovon seine Tagebücher und Gedichte wohl Zeugnis geben konnten, wenn irgendein erleuchteter, gebildeter Verstand sich herabließe, sie zu würdigen. Wo aber sollte seinesgleichen Teilnahme finden bei den Satten und Egoisten dieser Stadt. Doch trifft jeden, der es verdient, einmal eine Erleuchtung: eines Tages studierte er den Büchereinlauf eines großen Blattes, dem so recht im Überfluß all die Erzeugnisse der Literatur gespendet würden. Wie wäre es, wenn er sich der fremden Talente annähme und als Verleger aufträte, eine Laufbahn, zu der er sich wie in hoher Offenbarung berufen, ja auserwählt dünkte! Wie schön sei doch dieses Gewerbe! Da sitze ein Mann in seinem wohlausgestatteten Kontor, ganz allein, denn im Anfange bedürfe er nicht einmal fremder Hilfe, er sitze also am Schreibtische, ein reinliches Tintenfaß, eine Löschpapiermappe, eine Schere und etwa ein Glas Bier vor sich und empfange den Einlauf. Aus aller Herren Ländern, wo man Deutsch spricht, fühlt und sozusagen auch schreibt, strömen ihm mit jeder Post hoffnungsvolle Manuskripte in jedem Format zu, packende Dramen, handlungsreiche Romane, lebende Gedichte. Er hat nicht einmal »herein« zu sagen, denn der Briefträger weiß ihn auf jeden Fall zu finden. Nachlässig nimmt er die Sendungen in Empfang, er zahlt niemals Strafporto, denn alles ist wohl frankiert. Und nun sitzt er da und braucht eigentlich bloß die Papiere in der Hand zu wägen und zu knobeln: bring ich das oder weis ich's ab, denn erstens sei der Erfolg solcher Erzeugnisse sicherlich eine Lotterie, und zweitens könne man die schönsten Treffer nicht nur umsonst, sondern gegen einen reichlichen Ersatz der Kosten sich aneignen und dann noch das Lob des Verständnisses und der Prophetengabe des besten Geschmackes dazu genießen.

Hinwiederum welche Lust, ein solches Buch auszustatten, gleichsam so recht zu bekleiden er neigte bei diesem Vergleiche huldigend sein Haupt vor der errötenden Porzia – denn wie nur ein schönes Weib, ist auch ein schöner Roman erst etwas wert im Schmucke der Ausstattung, etwa im Goldschnitt mit vorzüglichen Ornamenten und dergleichen. Bei schlechter Laune könne man seine Stimmung mit Macht und Nachdruck entladen, indem man durch einen hingeworfenen Brief ein hoffendes Herz vernichte und einen Dichter durch den tätlichen Hohn der Ablehnung sozusagen abmurkse. Auch sei dabei nichts gewagt, denn im Grunde sei ja doch alles nichts wert oder zumindest gleichgültig.

Porzia blickte erstaunt auf.

»Hand aufs Herz, meine Gnädigste, sind nicht fünfzig Prozent von Goethes Werken, aufrichtig gesprochen, ein Schund?«

Porzia schwieg.

»Es kommt nur auf den Geschmack an, ich bin für das Aufregende, Spannende, Belehrend-Unterhaltende.«

Mit einer großen Gebärde seiner ausgestreckten Rechten beschrieb er einen weiten, gleichsam das ganze Gebiet der schönen Literatur umfassenden Kreis, wobei sich die schottisch-karrierte Zelluloidmanschette ungestüm hervordrängte und mit nachlässigem Ruck wieder unter den Ärmel verwiesen wurde. Freilich habe er noch kein eigenes Kontor, nicht einen Heller Anfangskapital besessen, aber dies alles zu beschaffen war eben die Aufgabe seines Genies. Warum sollten die Dichter nicht auf einen Lockruf herbeifliegen, wie Spatzen? So schrieb er denn an einem recht heiteren Morgen, gleich als sein Entschluß ihm aus den Wolken zugefallen, ein Dutzend Briefe, indem er den Büchereinlauf eines Journales und einen alten ausgeliehenen Literaturkalender zu Hilfe nahm, an verschiedene Autoren. Postwendend bekam er Antwort, mehr als das, schwere Sendungen von unverkauften Auflagen noch nicht gewürdigter Werke.

Porzia fragte schüchtern : »Was taten Sie nun ?«

»Ich dachte an das Anfangskapital!«

»Wie das?«

»Ich habe die Bücher versilbert, meine Gnädigste.«

»Alle ungelesen?«

»Freilich. Es waren ja lauter unaufgeschnittene Exemplare, also für neu zu verkaufen. Sie gingen wie die frischen Semmeln ab, allerdings zu Spottpreisen, auch etliche Vorschüsse in barem kamen mir zugute.«

»Und alles haben Sie so verschleudert?«

»Ja, ich bekenne mich schuldig, aber der Mensch muß leben, denken Sie gütigst an die heutige Teuerung, man muß den Schneider bezahlen, anständige Schuhe tragen, man hat als Kulturmensch doch gewisse Bedürfnisse, nicht wahr: Kaffeehaus, eine Partie Billard und dergleichen. So könnte ich mich beispielsweise nicht ohne die Pejacsevichhose denken«, dabei schlug er leicht auf sein in der Tat schönfarbenes Beinkleid und erläuterte der Porzia in einem Seitenwege des Gespräches, dem nachzugehen zu weit führen würde, die besonderen Vorzüge dieses Offizierstuches, das nach einem Heerführer so heißt, der sich offenbar in der Erfindung von Hosen ausgezeichnet.

»Es ist ja ein Leichtsinn gewesen, sozusagen«, fuhr er fort, »aber ich habe diese Summen eben nur als eine Art von Vorschuß angesehen, den mir niemand aus freien Stücken bewilligt hätte. Zuerst kommt das Leben, dann die Bildung, zuerst mußte ich mir auf die Beine helfen, dann konnte ich vielleicht einmal die Literatur unterstützen. Wir sind ja praktische moderne Menschen, nicht wahr? Wenn ich nicht wüßte, daß Sie, mein Fräulein, die Taten des Genies und eines, ich darf wohl sagen, nicht gewöhnlichen Menschen, besser zu würdigen wissen, als die gemeine Plebs, würde ich nicht so unumwunden zu Ihnen sprechen. Nämlich, so bin ich.«

Porzia dachte bei diesen Worten an den Vers eines großen Dichters: »Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.«

»Und jetzt?«, fragte sie.

»Jetzt? Gibt es für den denkenden Menschen ein Jetzt? Ich weiß zuversichtlich, kann ich nur ein paar Monate ausharren, läßt man mir Zeit, so mache ich die Sache, denn ich bin der Richtige, aber man fasse sich in Geduld, ein solches Geschäft wird nicht auf ja und nein, es verlangt seine Vorbereitung, wenn diese Dichter nur nicht gar so ungeduldig wären, ein Verlag braucht nicht so lang, wie die Unsterblichkeit. Aber anstatt mir unter die Arme zu greifen, schicken sie mir Drohbriefe, man hetzt mich wie mit Hunden.«

»Warum beantworten Sie kein Schreiben?«

»Ja Gnädigste, was sollte ich denn antworten? Schweigen ist auch eine Antwort. Literatoren sind unverschämt, man straft sie mit Stillschweigen. Es wird schon die Zeit kommen, wo ich diesen armen Teufeln ihren Bettel hinwerfe. Aber freilich, wenn man mich so jagt, muß ich meine Wohnung geheim halten und meinen Betrieb einstellen und stehe wieder dort, wo ich vordem war.«

Porzia schüttelte den Kopf: »Auf diese Art finden Sie doch niemals aus den Schwierigkeiten heraus?«

»Allerdings nicht, meine Gnädigste sind die erste, die mich wirklich edelmütig angehört und verstanden hat. Warum haben die anderen nicht Vertrauen zu mir gehabt? Auch Vertrauen ist ein Vorschuß. Entziehen Sie einem Geschäftsmanne das Vertrauen, so fällt er um und kommt ins Kriminal. Diese Schwärmer zäumen das Pferd beim Schwanz auf, sie verlangen zuerst die Auflage und das Honorar, dann soll das Vertrauen kommen. So geht es nicht. Entweder werde ich ein moderner Verlag, oder ich sitze im Gefängnis. Schlechter als es mir schon ergangen, wird's nicht werden. Was nützt mir der ehrliche Name, wenn er nicht einmal ein bißchen Geduld und Kredit wert ist? Alles oder nichts. Sie verstehen mich, da haben Sie meine Geschichte. Das ist mein Leben. Jetzt zeigen Sie mich an.«

Porzien war ganz verwirrt zumute; alle Begriffe von Recht und Sitte sah sie auf das kühnste verdreht, vom Standpunkte dieses nicht einwandfreien, aber zweifellos originalen, urwüchsigen Menschen betrachtet, befanden sie sich auf dem Kopf. An die Dialektik moderner Lebensanschauungen gewöhnt, fühlte sie sich mit der allgemeinen weiblichen Anempfindungsfähigkeit und mit der besonderen literarischen Schmiegsamkeit, die sie auszeichnete, in diesen Geist ein, der eigentlich das alles erlebte und in Tat umsetzte, was in so vielen Büchern verherrlicht erschien: die moralische Umwertung und die skrupellose Ausnützung der menschlichen Dinge für den höheren Zweck einer Siegernatur. Dazu unterlag sie auch dem eigentümlichen Lächeln dieses Mundes, der ungezogen, doch nicht ohne Anmut das Blaue vom Himmel herunter schwätzte, dem sicheren Herrscherblick dieser Augen, die ihr Verständnis, ihre Gnade geradezu erzwangen. Sie war in einer merkwürdigen Lage diesem jungen Menschen gegenüber, der sozusagen aus der findigen Natur heraus zu den höheren Angelegenheiten in Beziehung trat und auf seine Art die Anregungen erwiderte, unverkümmert, schlagfertig, volkstümlich und gerissen. Selbst die Phrasen, die er überall benützte, verrieten Geist, der nur der Veredlung, der Teilnahme, einer zarten Mitempfindung bedurfte, um sich vielleicht glanzvoll zu entwickeln. War sie berufen, einen solchen Menschen verständnislosen Paragraphenrichtern auszuliefern und ins Verderben zu stürzen, oder vielmehr, ihn zu retten, hinanzuführen und dem Leben recht eigentlich zu schenken?

In diesem schweren seelischen Kampfe wandte sie sich endlich errötend ihrem Gegenüber zu, das in Gedanken versunken, mit der Hand die Spuren des Schnurrbartes liebkoste und sie nun wieder bedeutend anblickte: »Warum haben Sie dies alles gerade mir gesagt?«

»Weil Sie die erste waren, die mir Gehör geschenkt, eine begnadete Dichterin, im wahrsten Sinne. Eine für alle, eine vornehme Frauenseele nämlich. Das erkennt ein Mann wie ich sofort.«

»Also haben Sie mein Buch gelesen?«

Mit leisem Lächeln, aber verbindlich erwiderte Martin: »Nein, leider nein, muß ich sagen, meine Geschäfte erlaubten mir das nicht.«

Also hatte er auch ihre ganze Restauflage verkauft! Porzia schwankte wieder zwischen Entrüstung und Gnade.

»Wie wollen Sie mich dann würdigen, wie soll ich Ihre Anerkennung für mehr als bloße Schmeichelei ansehen?«

»Verzeihen untertänigst ich konnte keine Ausnahme machen und mußte alle Autoren gleich behandeln. Aber ein gewisses geheimnisvolles Ahnen ließ mich gerade ein Exemplar von »Eine für alle« zurückbehalten. Ich will das Versäumte nachholen, aber ich brauchte das Werk eigentlich nicht zu lesen, denn ich weiß alles, was darin steht, nachdem ich die Ehre hatte, mit der Gnädigsten Bekanntschaft zu pflegen.«

»Sie müssen es aber doch wohl lesen. Erst dann werden Sie mich ganz verstehen.«

»Ja und ich will mir die Freiheit nehmen, mein Urteil unumwunden zu äußern und erbitte mir das Gleiche von dem gnädigen Fräulein.«

Er trug ihr an, auch seine Gedichte, die er in sauberer Reinschrift beim Oheim verwahrte, sogleich ihrem kundigen Urteil zu unterbreiten.

Porzia konnte ihm diesen Dienst nicht wohl versagen. Damit war das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Die Verfasserin bemerkte jetzt wohl, wie lange sie hier verweilt hatte und staunte über diese Selbstvergessenheit.

Martin pfiff dem Kellner, der beflissen herbeieilte und das von Porzien und ihrem Verleger Genossene ansagte, die Zeche rasch und hoch bemessend. Martin griff nachlässig und langsam zuerst in die rechte, dann in die linke Tasche der Pejacsevichhose, Porzia bemerkte die Verlegenheit und sagte errötend: »Ach, Sie erlauben wohl?«, beglich die Zeche mit einer blauen Note und überließ dem Markör, mit dem Martin einen raschen Blick des Einverständnisses wechselte, den ganzen Rest, wodurch Martins Kredit in diesem Kaffeehaus offenbar eine Stärkung erfuhr.

Dann erhoben sie sich. Der Verleger half Porzien in den Mantel, begutachtete mit künstlerischem Verständnis den breiten Hut, den das Fräulein vor dem Spiegel auf ihren Locken zurechtschob, reichte ihr Schirm, Handtasche und Muff. Auf der Straße angelangt, bat er sie nur um einen Augenblick Geduld, bis er sein Manuskript geholt, stürzte davon und kehrte nach wenigen Minuten atemlos zurück, in der Hand sowohl das rote Büchlein mit den ausgestreckten blanken Armen, als ein Heft weißer Blätter, das er ihr mit tiefer Verbeugung überreichte, nochmals um ihre Gnade bittend.

Porzia versprach, es genau zu lesen, sein Angebot, sie zu begleiten, wies sie zurück. Aber als er um ein Wiedersehen flehte, konnte sie nicht umhin, es zu gewähren, denn wie sollten sie ihre Meinungen und Eindrücke sonst austauschen.

Hier, wo sie gewiß keinen Menschen aus ihrer Gesellschaft treffen und durch üble Nachrede nicht beirrt werden konnte, wollte sie denn in Gottesnamen ihm wieder begegnen. Er flüsterte »morgen«. Sie warf das Haupt zurück und sagte abweisend: »Übermorgen!« Er beugte sich in Demut und küßte ihre Hand. Damit schieden sie.

Daheim machte sich Porzia gleich an die Lektüre von Martins poetischem Tagebuch. Der Umschlag war mit sorgfältiger, von zierlichen Schnörkeln umrankter Handschrift dergestalt bedeckt, daß die großen Lettern ein von einem Pfeil durchbohrtes Herz bildeten, wie denn auch der Titel als »Herzblut« zu enträtseln war. Der Inhalt erwies sich als ebenso sorgfältig kalligraphiert.

Porzia, deren feiner Geschmack recht modern ausgebildet, die merkwürdigsten Kühnheiten des Satz- und Versbaues, die ungereimtesten Gedankengänge sowohl verstand, als verlangte, mußte freilich bekennen, daß diese Gedichte zum größten Teile einfältig, ja kindisch waren. Die kümmerlichsten Reime trafen aufeinander und hatten dem Poeten wunderliche Einfallssprünge aufgenötigt. Da sie aber den Verfasser kannte und sich unablässig vorstellen mußte, verband sich der Eindruck, den sie von seiner eigentümlich dreisten, munteren Person empfangen hatte, mit der Harm- und hilflosen Einfalt dieser Poesieen und regte von neuem ihre Empfindungen an: war sie in diesem Burschen nicht eigentlich einem Charakter begegnet, der in mancher Beziehung ihren stillen Forderungen und Wünschen entsprach? War dies nicht ein Geist, der über die Hindernisse der zugleich strengen und gemeinen Bürgermoral mit beiden Füßen in die volle Freiheit des Menschentums sprang, unschuldig und naiv, wie ein Kind, dabei mehr als genug gewitzigt? Hatte er sich nicht auf seine Weise des Lebens erwehrt und war dabei recht eigentlich ein anmutiger, kecker Jüngling geblieben, eines besseren Loses würdig?

Auf dem letzten Blatte der Gedichte las sie einen wissentlichen und willentlichen Unsinn, welcher ihr so recht den ganzen Schalk aufs glücklichste vorzustellen schien.

»Stammbuchblatt.

Erinnerung ist die Taucherglocke, mittelst welcher der Mensch in den Ozean seiner Vergangenheit hinabgelangt. Wohl dem, der aus diesem reißenden Strome des Daseins nur Korallen hervorgefischt, die er sich zu einem grünen Kranze verknüpft, in ernsten Stunden an einem dürren Aste seines Lebensbaumes aufhängt.«

Sie wurde an diesen beiden Tagen in einem unveränderlichen, immer wieder und wieder begangenen Kreise der Empfindungen von Abwehr und Neigung, deren sie sich gleich auch schämte, sozusagen umgetrieben, bis sie zur bezeichneten Stunde – die frühe winterliche Dämmerung erleichterte das immerhin fragwürdige Vorhaben – von demselben Gedanken unaufhaltsam fortgehetzt, erst mit einiger Sorgfalt sich zum Stelldichein rüstete, den großen Hut vorsichtig und ein wenig schief, wie er es damals vor dem Spiegel empfohlen, auf die in die Stirne gekämmten und wohlgerollten Locken setzte. Schirm und Täschchen und auch das Manuskript von Herrn Martins Lebensbeichte ergriff, dann ohne Abschied von der besorgten Mama, deren Fragen sie ausweichen wollte, auf die Straße eilte, erregt einen Tramwaywagen bestieg und unversehens vor dem kleinen, schmutzigen und unwürdigen Kaffeehäuschen stand, wo der Verleger sie erwarten sollte.

Hier pflegten wohl die Arbeiter und kleinen Handwerker nach Feierabend einen späten Jausenkaffee einzunehmen, oder bei Rum und Bier, Grog oder Punsch Karten zu spielen, ein paar Zeitungen zu lesen und dergleichen. Um diese Zeit – vor vier Uhr nachmittags – lag der dumpfe, schmale, dürftige Raum noch ganz still und leer da, wie damals am Morgen. Aus Sparsamkeit war auch nur ein Gaslicht angezündet und dieses tief herabgeschraubt, so daß es ganz düster brannte. Am Büfett, wo bei reichlicherem Verkehr gewiß eine sogenannte Sitzkassiererin zu thronen pflegte, standen ungeordnet ein paar verwahrloste Geschirre, lehnte der Markör und rauchte im Halbschlafe eine Zigarre. Als sie eintrat und in der gewohnten Ecke Martins Tisch leer fand, wollte sie schon umkehren, um ihn lieber draußen zu erwarten. Aber der Kellner hatte gleich den vornehmen Gast bemerkt, wie eine scheinbar im Netze hindämmernde Spinne eine goldschimmernde Fliege wahrnimmt und im Sturze ergreift, eilte mit einem höflich freudigen Ausruf auf sie zu, packte ihre Habseligkeiten, trug Täschchen, Muff, Schirm nach dem bekannten Platze, fragte mit sicherem Ton, ob sie einen Tee befehle, schob den Stuhl zurecht, so daß sie widerstandslos darauf Platz nahm, häufte alle vorhandenen Zeitungen vor ihr auf, brachte bald den Tee und blieb, offenbar begierig, ein Gespräch anzuknüpfen, in ihrer Nähe stehen. Porzia fügte sich beschämt ins Unvermeidliche und saß recht in sich versunken da.

Endlich zog sich der Kellner wieder auf seinen beherrschenden Posten am Büfett zurück und so verging eine Viertelstunde, bis endlich Martin rasch und wie es schien, erregt zur Tür hereinstürmte, mit scheinbar geistesabwesender Höflichkeit Porzien begrüßte und seufzend neben ihr Platz nahm.

Der Markör brachte ihm, ohne seine Bestellung abzuwarten, den offenbar gewohnten Kognak. Endlich flüsterte der junge Mann zu Porzia: »Sie sind ein Engel.« Trotzdem sie unter anderen Verhältnissen diese Anrede sowohl als banal, wie auch als etwas allzu vertraulich verachtet hätte, würdigte sie sie hier als bezeichnenden Ausdruck eines durchaus ungewöhnlichen Menschen, zumal Martin auch sofort in überstürzten Worten erzählte, daß die Verfolger ihm auf den Spuren seien, schon habe die Polizei nach ihm geforscht und ein Verhör, am Ende gar eine Verhaftung stünde ihm bevor, wenn er nicht einen neuen Ausweg fände. »So sind diese Autoren«, schloß er voll Bitterkeit. Sein Schuster und Schneider hätten Geduld, sein Oheim, selbst ein armer Teufel, quartiere ihn im eigenen Bette ein, nicht recht nobel zwar, wie sich Porzia überzeugt habe, doch immerhin geduldig, ja großmütig, aber ein Dichter besitze keinen Funken von Menschlichkeit oder Gemüt. Da habe ihm einer auf einen Neudruck von Gedichten, von was für Gedichten müsse sie wissen, für Käspapier zu schlecht, einen Vorschuß von fünfzig Gulden gewährt, alles brieflich, ohne sich auch nur zu vergewissern, ob es denn in der Tat einen Verleger Martin gebe, und jetzt bestehe der leichtsinnige Narr darauf, daß dieser Band erscheine oder das vorgestreckte Geld sofort zurückgezahlt werde. Wie immer schreie so einer gleich nach der Polizei. Aber er werde nicht nachgeben, so einen Schund wolle er um keinen Preis veröffentlichen, dazu sei ihm sein Name zu gut. Bei diesen Worten hatte der beflissene Markör alle Gasflammen entzündet, so daß Martin mit einem Male vom hellsten Lichte bestrahlt, gleichsam in voller Verlegerglorie vor Porzien saß.

Was war nun zu tun? Das Geld zurückschicken und mit einem wohlgesalzenen Briefe, das war die einzige Antwort. Aber woher nehmen?

Infolge seiner mißlichen Geschicke hatte er schon seit Wochen auf seine an die verschiedenen Autoren ausgesandten Briefe keine Antwort mehr erhalten, noch weniger etwa Exemplare, die man zu Geld machen konnte oder gar Barvorschüsse. Da saß man nun auf dem Trockenen.

Sie kämpfte lang mit ihren Bedenken. Durfte, konnte sie dem Bedrängten ihre Hilfe, das bißchen Geld anbieten, ohne fürchten zu müssen, daß sein Stolz sie zurückwies? Bevor er sie gekannt, mochte er sie vielleicht getrost prellen, aber jetzt! Endlich sagte sie schüchtern, wenn es sich nicht um mehr handle, könne sie ihm vielleicht behilflich sein, falls er es gestatte. O, und ob er dies tat! Er lachte, sah sie strahlend an, war sie vielleicht nicht ein Engel? Ein guter Dichter ist immer auch ein guter Mensch, versicherte er und sprühte dann vor Witz. Er war aus dem Wasser, jetzt mußten sie gemeinsam den Brief an den unverschämten Autor aufsetzen, er wollte den Hohn, Porzia sollte den Stil liefern. Der Markör mußte ein Tintenfaß und Papier bringen und die beiden verfertigten das Schreiben:

»Euer Wohlgeboren! Wenn ich die Kühnheit hatte, einen Verfasser ohne Rang und Namen der Aufnahme in einen modernen Verlag würdigen zu wollen, geschah dies in der, wie sich leider erwies, durchaus unbegründeten Voraussetzung, sein Werk würde bei aller Nachsicht wenigstens einigermaßen den Anforderungen entsprechen, die man an Gedichte zu setzen berechtigt, ja verpflichtet ist. Zu meinem Leidwesen fand ich Ihre Hervorbringungen so uninteressant, so dürftig, um es rund herauszusagen, so talentlos, daß der Betrag von fünfzig Gulden, den Sie behufs Ankaufes der Restauflage mir überwiesen haben, wahrlich nicht ausreicht, das Mißvergnügen zu bezahlen, mit dem ich die Lektüre erkaufen mußte. Sie hatten die Stirne, die Polizei zur Wiedererlangung des Bettels anzurufen. Obgleich meine Bemühungen, an eine unwürdige Sache verschwendet, wie immer in der Welt unvergolten bleiben und durch Ihr Vorgehen den einfachsten Geboten der Dankbarkeit ins Gesicht geschlagen wird, ziehe ich es vor, die Summe gleichzeitig zu retournieren, um hiedurch ein für allemal von Ihren Geistesprodukten losgekauft zu sein. Ich verlege nur Werke, zu denen ich ein persönliches Verhältnis gewinnen kann. Bei den Ihrigen bin ich dazu außerstande und zeichne mit der Ihnen gebührenden Achtung....«

Porzia schrieb, während Martin einen boshaften Satz nach dem andern vorschlug, den die wortkundige Dichterin in die richtige Form brachte, ohne auch nur die früher so stark gefühlte Solidarität mit den gekränkten Autoren, mit der beleidigten Literatur als Mahnung des Gewissens zu empfinden. So verschieben sich eben Recht und Unrecht mit dem jeweiligen Standorte der Betrachtung.

Schon sah Porzia den angehenden Verleger mit anderen als den Augen des verletzten Autors an, schon spürte sie andere als die Stimmen der unterdrückten Poesie, schon würdigte sie den jungen Mann um seiner selbst willen.

Während sie nach der köstlichen Rache an dem Lyriker über das vollendete Briefkunstwerk lachten, bemerkte Porzia, daß Martins schwarzes, ein wenig abgetragenes und leise glänzendes Jakkett an der Schulter aus einer aufgetrennten Naht das schmutzig gelbe Futter sehen ließ. Da zog sie aus ihrem Täschchen, ein sorgliches Frauenzimmer wie sie war, den immer mitgeführten Zwirn und eine Nadel hervor, mahnte den jungen Mann, still zu sitzen und begann den Schaden mit raschen Stichen zu flicken. Während sie so über ihn gebeugt stand, daß ihre blonden, gekrausten Haare seine Wangen, ihre Atemzüge sein Gesicht berührten, schlängelte er sich geschickt empor und drückte einen Kuß auf ihren Hals, was sie geschehen lassen mußte, um ihn nicht zu stechen und um die Aufmerksamkeit des Kellners nicht zu erregen.

Dann litt es sie aber nicht mehr länger in dem schwül gewordenen Raum, sie bezahlte rasch die Zeche und verließ mit Martin das Kaffeehaus. Draußen hängte er sich an ihren Arm, und wieder ließ sie es wie betäubt und willenlos geschehen. Zuerst von den beiderseitigen Gedichten sprechend, kamen sie in eine menschenleere Gegend, zu öden Bauplätzen, der Schnee fiel und glitzerte auf ihren Kleidern, in ihren Haaren, oben am Himmel glänzten die Sterne der weißen Winternacht, und da war es nicht weiter zu wundern, daß sie die Literatur vergaßen und sich dem poetischen Erlebnisse zuwandten, welches wie immer darin gipfelte, daß ein Mund sich zu einem anderen Munde fand.

In der nächsten Zeit erbat und erhielt Porzia von ihrem gutmütigen Papa eine beträchtliche Vermehrung des Taschengeldes. Bald darauf tauchte bei dem Jour, den sie Freundinnen und literarischen jungen Leuten in ihrem wohleingerichteten Boudoir allwöchentlich zu geben pflegte, ein neuer Gast auf, Martin, der durch seine gewinnende Urwüchsigkeit, durch seine ungezwungene wienerische Art unter den steifen, gesellschaftlich erstarrten Salonmenschen Aufsehen erregte. Porziens Eltern, die dem Freiheitsdrange ihres begabten Kindes seit jeher keine Hindernisse in den Weg zu legen vermochten, mußten sich, obwohl mit innerem Widerstreben, daran gewöhnen, daß man den Namen des ganz unbekannten jungen Mannes mit dem ihrer Tochter in eine verheißungsvolle Verbindung brachte. Da sie für alle Äußerungen des Genies nur ein entzücktes Ja gehabt, zum ersten bewunderten Gedicht Ah! gesagt und alle Stadien des weibtümlichen Alphabets willenlos mitgemacht hatten, konnten sie, als es das dringliche Z galt, nicht verstummen. So fand die Verlobung Porziens mit dem angehenden Verleger statt. Die reichliche Mitgift erlaubte dem jungen Manne, seine kühnen Pläne aufs großartigste zu verwirklichen. Das erste Werk, das er publizierte, war, kurz nach den Honigwochen, ein gesunder Leibeserbe, das zweite aber bald darauf, im modernsten, von einem augenblicklich höchstgeschätzten Künstler hergestellten Buchschmucke eine neue Dichtung Porziens, welche alle Stadien einer leidenschaftlichen weiblichen Liebe, Hingebung, Bewunderung, Seligkeit und Sinnlichkeit mit sozusagen antiker Aufrichtigkeit besang.

Die Presse, ordentlich vorbereitet, verfehlte auch nicht, die Novität unter dem schönen Kennzeichen »Herzenskunst« gebührend in Umlauf zu setzen. Später aber hielt Martin darauf, nur Autoren von erstem Namen für seine Firma zu gewinnen, da er gewissermaßen auf den Rang seines Geschäftes bedacht, dem neuen Verlag den Glanz eines literarischen Adels und echter Vornehmheit zu sichern wünschte, die nur bei Bewährtem sich bewährt. Die armen Schlucker von hoffenden, wünschenden, bittenden Poeten aber, die mit wohlfrankierten Manuskripten bei ihm anpochten, pflegte er mit kühlen, kurzen Briefen abzuweisen, in denen er das wichtigste Geschäftsprinzip zu betonen niemals unterließ, daß er nur solchen Publikationen näher treten könne, zu denen er ein persönliches Verhältnis zu gewinnen vermöge, was leider bei der geehrten Sendung ausgeschlossen sei.

Was Wunder, daß ihm nun alles nach Wunsch ausschlug. Sein fünfzehnjähriges Geschäftsjubiläum wurde zugleich mit dem Hochzeitstage gefeiert. Drei Kinder, ein heranwachsendes Mädchen, das bereits bemerkenswerte poetische Gaben ausstreute und zwei muntere Knaben zierten die glückliche Ehe, und der Vater unterließ nicht, die Geschichte von der Gründung seines Verlages, freilich der reiferen Jugend angepaßt, wiederholt zu erzählen, so daß sie, von Generation zu Generation als Familiensage ausgeschmückt und bereichert, erhalten bleiben und auf die Nachwelt kommen dürfte, wie so mancher rührende, kaum glaubliche und doch verbürgte Zug aus der Vergangenheit edler Geschlechter.

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