Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Stoeßl >

Allerleirauh

Otto Stoeßl: Allerleirauh - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorOtto Stoessl
titleAllerleirauh
publisherGeorg Müller
year1911
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080813
projectid561232dd
Schließen

Navigation:

Die heilige Kümmernis

Eine Legende In einer alten Stadt, wo viele Fromme wohnen, steht im Seitenaltar einer dunkeln, abseits gelegenen Kapelle die Heiligenstatue einer fürstlich gekleideten, in allen Stücken mit zierlichem weiblichem Wuchs und Wesen gebildeten, ans Kreuz geschlagenen Frauenfigur, der nur – entsetzlich anzuschauen – an den zarten Wangen und unterm sanften Kinn ein richtiger Mannesvollbart flaumet. Viele Stammgäste beten gerade zu dieser »heiligen Kümmernis« – so heißt sie – mit leidenschaftlicher Vorliebe:

»Vor deinem Bilde knieen wir hier, o wundertätige Heilige und Märtyrerin Gottes, heilige Kümmernis! Mit Lobeshymnen preisen wir Gott zugleich mit dir und danken ihm, daß er dich aus der Finsternis deines Heidentums gerissen, zum Lichte des Christenglaubens geführt, so wunderbar deine Reinheit dir erhalten und dich in Leiden gestärkt hat. Ans Kreuz geschlagene Jungfrau! Zu dir erheben wir unsere Herzen und allen unseren Kummer legen wir auf dich, heilige Kümmernis!«

Um das Jahr zweihundert nach Christi Geburt hatte der heidnische König von Lusitanien eine schöne Tochter namens Vilgefortis, die sich im stillen zu dem neuen Glauben bekehrt hatte, dessen Lehre damals in der ganzen Welt noch der Feindschaft und den Angriffen der Götzendiener begegnete. Da geschah es, daß ihr Vater aus Gründen der Politik, und weil sie in den Jahren war, wo eine Königstochter vermählt werden soll, den Prinzen von Sizilien zu ihrem Gatten ausersah. Dieser gefiel nun der lieblichen Vilgefortis gar nicht, weil er ein Heide war, weil sie sich den viel herrlicheren himmlischen Bräutigam erkoren hatte, oder sonst aus anderen triftigen Gründen, kurz, sie weigerte sich entschlossen, diesem mißliebigen Freier ihre Hand zu schenken und bekannte sich deshalb mutig zu ihrem Glauben. Doch half ihr dies nichts, denn ihr grausamer Vater wollte sie zur verhaßten Ehe durchaus zwingen und setzte schon für den nächsten Tag die Hochzeit mit dem Prinzen von Sizilien fest. Da betete die schöne Vilgefortis in der tränenvollen letzten Nacht ihrer Unvermähltheit zu Gott, er möchte ihr die Anmut ihres Antlitzes benehmen, damit sie ihrem bösen Freier zum Abscheu werde und weiter ihrem Himmelsbräutigam unangefochten dienen dürfe. Weil sie so, was einer Jungfrau das Teuerste ist, die eigene Schönheit, um des Glaubens willen zu opfern bereit war, erhörte sie Gott, und siehe da, am nächsten Morgen erfand man sie mit einem schwarzen, flaumenden Mannesvollbart um ihre rosigen Wangen. Als ihr Vater diese furchtbare Veränderung wahrnahm und den Grund erfuhr, ergrimmte er so heftig, daß er sie sogleich lebend ans Kreuz schlagen ließ, damit sie, wie er sagte, Christo nun vollkommen ähnlich sei. Derart erhielt durch die Grausamkeit des Vaters diese heilige Jungfrau zur Krone der Unschuld auch die der Märtyrerschaft, und in Erinnerung ihrer Bedrängnis nannte man sie »heilige Kümmernis« und suchte sie mit Vorliebe auf, wenn man von unabwendbarer Not ergriffen, einen verzweifelten Ausweg zu erflehen hatte.

Nun geht es aber mit der Heiligkeit wunderbar zu, das Erreichen dieses bevorzugten Standes, obschon mit manchem Ungemach verbunden, ist ein vergleichsweise rascher Leidensweg, aber das Heiligsein und -bleiben währt lange. So hatte die »heilige Kümmernis«, weiland die schöne Vilgefortis in der Einsamkeit der kühlen, dunkeln Kapelle, in der betrüblichen Bewegungslosigkeit an ihrem Marterholze und bei der Anbetung so vieler Schwerbetrübter manches Jahrhundert lang Zeit, sich zu besinnen. Bei ihrer Überlegung sah sie zuweilen in den Glastüren eines gegenüberstehenden Reliquiars mit Entsetzen ihr entstelltes Antlitz und gedachte dabei ihrer einstigen untadeligen Lieblichkeit und wie sie so recht ohne Kunde der Welt, ohne Genuß des Lebens heilig geworden und hingeschieden, denn auch für ein gläubiges Menschenkind war es doch wohl keine Sünde, wenn es das kurze Erdendasein in ehrbarer Freude zu verbringen wünschte. Was so vielen frommen, aber unangefochtenen Mädchen vergönnt ist, in ihrer Blüte einen geliebten Mann zu finden, schöne Kinder, dem Herrn des Himmels und sich selbst ein Wohlgefallen, zu bekommen, oder auch nur eine einzige Stunde irdischen Glückes innig zu genießen, war ihr versagt geblieben, und nun hing sie schon all die längste Zeit als Heilige am Kreuze mit diesem unseligen Vollbart und verdankte nur der Abscheulichkeit ihres Martyriums ihre Beliebtheit, während kein sterblicher Mensch sie sonstwo hätte freundlich anschauen mögen, das Jahrmarktwunder, das sie war. Der Gedanke, noch manche weitere hundert Jahre, ja eine ganze Christenewigkeit bis zum jüngsten Tage so bebartet hier zu hängen, schnitt ihr ins Herz, und sie litt als vollendete und geschichtliche Heilige in aller Stille noch ein weit bittereres Martyrium, als das kurze von dazumal. Und wenn zufällig gerade niemand in der Kapelle weilte, der zur »heiligen Kümmernis« betete, so daß sie sich nicht zurückzuhalten brauchte, weinte sie helle Tränen in ihren Flaumbart hinein. Gott, der alles sieht, kümmert sich gar wohl auch um seine Heiligen, weil auch sie seine Allbarmherzigkeit nötig haben, obgleich er sich auf ihre Charakterstärke im allgemeinen verlassen kann. Und da er ihren Schmerz wahrnahm, beschloß er, sie zu trösten, zumal sie bei sich gar oft dachte, sie möchte sich ja mit ihrem Mißgeschick abfinden, wenn sie nur ein einziges mal und nur eine Viertelstunde lang wieder lebendig, in ihrer einstigen Schönheit, untadeligen Gesichts sich einer schuldlosen Mädchenfreiheit sollte erfreuen dürfen. Diesen Wunsch wollte der Allgütige erfüllen, aber nur ein einziges mal, um nicht etwaige Berufungen und weitergehende Wünsche der vielen berücksichtigungswürdigen Heiligen zu erwecken, denn wenn man irgendeinen bevorzugt und eine Ausnahme erlaubt, »so kommen gleich alle und wollen auch was haben.«

Der Allgerechte führte an einem Abend, als es dunkelte, einen jungen Musikanten an den einsamen Altar der »heiligen Kümmernis«. Die bärtige Jungfrau erfreute sich ohne Arg an dem schönen, freundlichen, armen, aber aus der Maßen liebenswerten Gesellen. Zu ihren Füßen hingen so manche dankbare Weihegaben erhörter Beter: silberne Herzen, Wachsbilder geheilter Gliedmaßen und dergleichen. Der betende Musikant besaß keinen Kreuzer Geldes, geschweige denn eine kostbarere Spende, da er aber der »heiligen Kümmernis« seine Anbetung und Erkenntlichkeit bezeugen wollte, denn er fühlte sich an ihrem Altar wunderbar gestärkt wie noch nie, nahm er seine Geige und begann zu ihrem Preise zu spielen. Und dies so herrlich, daß ein warmer Strom von Jugend und Anmut, von Licht und Liebe und mailicher Lust von seiner Seele zum Herzen der einsamen Vilgefortis drang und ihre ganze hölzerne Gestalt heiß durchflutete. Da jauchzte sie zum erstenmal aus tiefster Brust und fühlte sich frei wie in jener jahrhundertweiten Mädchenzeit, da sie in Lusitanien mit ihren Gespielen getanzt und gesprungen und noch von Heiligkeit nichts gewußt. Mit einemmal spürte sie auch keinen Flaumbart mehr um ihre Wangen, sondern daß sie glatt und rund und blühend waren wie Pfirsiche. Der Geiger sah dies Wunder, welches Gott durch ihn erwirkt und spielte sich und der herrlichsten Heiligen ein Preislied und dem allmächtigen Herrn der Welt, der ihm diesen Augenblick vergönnt. »All meine Fröhlichkeit lege ich auf dich, heilige Kümmernis«, dachte er, und sie glänzte ihm mit ihren lachenden Blicken entgegen. Wäre sie nicht ans Kreuz geschlagen gewesen, so wäre sie sicherlich zu ihm herniedergestiegen, aber in ihrer ergebungsvollen Unschuld dachte sie nicht entfernt an ein so kühnes Unterfangen. Doch verspürte sie in ihren zierlichen Füßchen, welche in kostbaren Pantoffeln staken, die sie als Königstochter selbst bei der Kreuzigung getragen, den holdseligsten Anreiz, zu solcher Musik einen Walzer zu tanzen. Und sie wußte kaum, was sie tat, als sie mit der raschesten Geberde – an jeder andern war sie behindert – von ihrem rechten Fuße den seidenen Pantoffel abstreifte und dem Jüngling wie eine Blüte von einem Strauch zufallen ließ.

Mit diesem Gegengeschenk flüchtete der Beseligte. Übermütig und wonnetrunken begab er sich in eine Schenke, wo er zum Tanz aufspielend, ein Stück Geld zu verdienen gedachte. In seiner gehobenen Stimmung geigte er dort so trefflich, daß er manchen Schluck Wein bekam, der ihm schließlich seine Besinnung vollends raubte, so daß er in höchster Erinnerung an das widerfahrene Glück den Pantoffel aus seiner Brusttasche hervorzog, einen dargereichten Becher Weines hineingoß und aus dem heiligen Schuh wie die himmlische Seligkeit schlürfte. Der kostbare, mit Perlen besetzte Schuh im Besitz eines blutarmen Burschen fiel auf und erweckte Verdacht, man drang in ihn, und da schrie er es in alle Welt hinaus, die »heilige Kümmernis« habe ihm selbst dieses Geschenk gemacht. Nein, er mußte es geraubt und den Altar geschändet haben. Heulend und unter furchtbaren Androhungen schleppte man ihn vor die Obrigkeit, die ihn, aller Beteuerungen ungeachtet, zum Tod am Galgen verurteilte. Die einzige Vergünstigung, noch einmal am Altar der »heiligen Kümmernis« beten zu dürfen, bevor er hingerichtet wurde, glaubte man dem armen Jungen doch nicht verweigern zu sollen und brachte ihn denn am nächsten Morgen, von einer Schar von Wächtern, Neugierigen, Lästerern und Frommen umringt, in die Kapelle.

Da hing die arme »heilige Kümmernis« gar betrübt und mit traurigem Gesichte, den rechten Fuß ohne Pantoffel, den ewigen schwarzen Flaumbart wieder um ihre Wangen, an dem Marterholze. Sie hatte eine böse Nacht hinter sich. So ging es, wenn ein Wesen ihresgleichen auch einmal eine gute Stunde begehrt! Es soll sein Glück mit dem Tode des unschuldigen, liebsten Nächsten bezahlen! Und ihrer unwiderruflich wiedergekehrten, bärtigen Häßlichkeit schämte sie sich bitterlich, denn wie mußte sie der arme Jüngling jetzt anschauen, der sie gestern so schön erfunden. Gestern war sie für eine Stunde die Königstochter Vilgefortis gewesen, die reich und frei in ihrem Glücke, sich selbst und damit auch ihm den höchsten Trost geschenkt hatte, heute und von nun an, die graueste Ewigkeit lang, blieb sie nichts anderes mehr, als eben die »heilige Kümmernis«. Der Gefangene kniete vor ihr nieder, betete mit Inbrunst und schien – der Allgütige würdigte seine schwache Magd zum zweitenmal seines Trostes – von ihrer Häßlichkeit nichts zu merken, sondern zog, als sei sie die blühende Vilgefortis von gestern, seine Geige an die Brust, welche er wie ein lebendes Wesen liebkoste, so daß das selige Holz – Gott wohnte in seinen Saiten – sang und klang, noch viel schöner als das erstemal zum Preise der »heiligen Kümmernis« und Gottes. Da lauschten alle Anwesenden tief ergriffen, denn eine gute Musik ist immer ein Wunder.

Und Vilgefortis lebte noch einmal auf, aber mit anderem Gefühl als gestern, nicht für sich und ihre Lust, sondern für diesen Erdensohn zu ihren Füßen besorgt, den sie nicht mehr als einen anmutigen Jüngling, sondern als ein bedrohtes armes Kind liebte. Bleich und schmerzenreich blickte sie auf ihn herab wie eine Mutter, denn nach ihren heiligen Jahren war sie es ja auch; und nun verspürte sie in ihren zarten Füßen abermals den Drang, sich zu rühren, aber nicht zum Tanz. Hätte sie sich befreien können, so wäre sie zu diesem Spielenden hinabgestiegen, um ihren königlichen Mantel schützend über ihn zu breiten. Dies durfte sie nun nicht, durfte kein Wort sprechen und war an ihr Holz geschlagen. Da löste sie mit einer himmlischen Sanftmut, anders als gestern, den zweiten Schuh, den von ihrem linken Fuß und ließ ihn sanft hinabgleiten, wie eine Träne, so daß er vor den Geiger hinfiel, als stummes Zeichen ihres Dankes und seiner Unschuld. Die Menschen, welche Wunder brauchen, um die Übermacht des Schicksals zu verstehen, begriffen jetzt freilich die Sache und jauchzten mächtig der »heiligen Kümmernis« zu, die ihre Kraft an einem Schwerbedrängten neuerdings so herrlich erwiesen. Sie führten den Geiger dann ins Freie und feierten einen guten Tag mit ihm.

Das wußten sie freilich nicht und ließen sich's nicht träumen, einen wie schweren Kampf die stille Vilgefortis zwischen zwei Tagen bestanden, und daß sie viele hundert Jahre nach ihrer Heiligung erst das eigentliche Wunder ihres Lebens erlitten und überlebt und daß sie sich ihren Namen »heilige Kümmernis« noch einmal bitter hatte verdienen müssen.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.