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Allerleirauh

Otto Stoeßl: Allerleirauh - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorOtto Stoessl
titleAllerleirauh
publisherGeorg Müller
year1911
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080813
projectid561232dd
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Ein Abenteuer der Gräfin N.

In der dumpfen bäuerischen Gaststube des kleinen italienischen Wirtshauses auf der Paßhöhe eines südlichen Alpenzuges, von wo der Aufstieg und Übergang nach den österreichischen Dolomiten gemacht wird, saß der große, breitschultrige, blonde Graf N., Legationsrat der deutschen Botschaft in Rom, mit seiner zarten, zierlichen Frau, die, obgleich schon in den Dreißigen, mit ihrem wirren schwarzen Haar, den dunkel leuchtenden Augen und der zugleich gebrechlichen und geschmeidigen Gestalt der Italienerin noch immer einem Mädchen von achtzehn Jahren glich, wie es etwa in ihrer Geburtsstadt Venedig mit einem Fransentuch um das blasse Gesicht in klappernden Pantoffeln über den Rialto zum Gemüsmarkt geht. Man sah es ihr wahrlich nicht an, daß sie schon manches Heitere und Ernste erlebt; eine geborene Principessa Trivulzi, von verarmtem, aber altem Adel, hatte sie in der diplomatischen und internationalen Gesellschaft Roms als junges Fräulein einen reichen französischen Baron bezaubert und war ihm als Gattin nach Paris gefolgt, um nach wenig Jahren einer modernen Reiseehe von Land zu Land, durch alle Sprachgebiete der gesitteten Welt, zu verwitwen, wieder in ihre Heimat zurückzukehren, in den wenig veränderten Salons der ewigen Stadt von neuem sich mit vertiefter, frauenhafter Anmut zu bewegen und schließlich den ernsten, geistig hochstrebenden, zu einer bedeutenden Laufbahn ausersehenen Legationsrat, den preußischen Grafen N. durch den widerspruchsvollen Reiz ihrer südlichen Natur, ihrer Leichtigkeit und rätselhaft vieldeutigen, gleichsam durch den Schleier des Physischen leuchtenden Leidenschaft dermaßen zu fesseln, daß er, der jüngere, sie trotz ihrer wiederholten Weigerung schließlich zur Ehe gewann.

Nun waren sie auf der Hochzeitsreise. Unter der kundigen Führung des gewissenhaften und in allen Gebieten unablässig nach der vollkommensten Bildung strebenden Mannes hatten sie wochenlang die oberitalienischen Städte bereist, wo er sie, ihr geheimes Wiederstreben gegen die systematische Anstrengung solch ungewohnten Anschauungsunterrichtes nicht achtend oder nicht bemerkend, von Museum zu Museum, von Kirche zu Kirche und durch alle alten Paläste geführt hatte, um sie die hohe Vergangenheit ihres Vaterlandes so recht erst kennen zu lehren. Zuletzt wollte er ihr aber deutsches Wesen und seine eigene Muttererde zeigen; begehrte er doch selber nach vielen Jahren der Abwesenheit das redliche Gut der angestammten Sitte, Offenheit, Kraft und Treue, das er im Süden und namentlich bei dem verschlagenen Treiben der Diplomatie doppelt vermißt. Was Wunder, daß er, ein starker, körperlich geübter junger Mann, zuerst die schönste Lust des nordischen Menschen: die Wanderschaft, das Ersteigen der strengen Berge, den Blick von schwer bezwungenen Gipfeln auf das inständigste ersehnte. So wollte er die Alpen von der italienischen Grenze mählich nordwärts bis zum bayrischen Hochland durchqueren, um samt seiner Frau bloß mit Rucksack, Alpenstock, schweren Nagelschuhen und Lodenkleidern ausgerüstet, einige Wochen lang einzig der großen Natur anzugehören. In München gedachte er wieder den leidigen Apparat des Gesellschaftsmenschen anzunehmen, und die ebenbürtige Gattin seinen über das ganze Reich verstreuten, im Süden und Norden Deutschlands begüterten Anverwandten vorzustellen. Wie es die Art der geschmeidigen Frauen nun einmal ist, sich der Willkür männlicher Wünsche liebevoll zu fügen, ja in einer gewissen Überwindung eigener Widerstände und entgegengesetzter Neigungen sich eine Würze und einen Reiz mehr einzureden, ergab sich die Gräfin in allem den Anordnungen und anstrengenden Zumutungen dieser für ihre Begriffe doch recht unbequemen Art zu reisen. Sie verzichtete schwer genug auf alle gewohnten Annehmlichkeiten, als da sind: langes Schlafen in weichen Daunen, spätes Aufstehen und weitläufige Toilette mit umständlicher Körperpflege, mehrfacher Wechsel der modischesten Kleidung zu allen Gelegenheiten des Tages, Spazierfahrt zu Wagen auf dem Korso oder nach den Kascinen, oder in der Gondel über den Canal grande, je nachdem sie in Rom, Florenz oder Venedig die freie Einteilung ihres Daseins beobachtete, Gastmähler in vornehmer Gesellschaft unter lächelndem Entgegennehmen der Huldigungen vieler Schwärmer, Besuch des Theaters oder Konzerts am Abend und schließlich ein höchstes Erwachen aller Kraft und Laune, aller weiblichen Zuversicht und Heiterkeit auf den spät bis zum Morgengrauen erstreckten Festlichkeiten. Sie war gutwillig und munter genug, diese anstrengende Wanderung als eine neuartige und drollige Maskerade auf sich zu nehmen und vor den trüben Wandspiegeln der dürftigen Wirtshäuser – vermied doch die Natursehnsucht ihres Gatten geflissentlich den verhaßten Prunk der großen Alpenhotels mit komischer Verzweiflung den Aufzug zu mustern, in dem sie sich tagtäglich bewegen mußte: das grüne Jagdhütlein über ihrem schwarzen Haar, die bunte schottische Flanellbluse und – ein immer erneuter Gegenstand ihrer ingrimmigen Selbstverspottung – die weiten Pluderhosen aus Tirolerloden, die ihr Mann eigens für sie hatte anfertigen lassen, denn nur diese halbmännliche Tracht gezieme sich für die Alpenwanderung einer Frau und gestatte das notwendige freie Ausschreiten. Daß sie dabei erst recht allerhand körperliches Unbehagen empfand, wollte er nicht Wort haben. Gewohnheit sei alles, und schließlich werde sie den Zwang der modischen Unnatur verachten, wie er. So mußte sie ihre zarte empfindliche Haut an das rauhe, heiße Tuch, ihre weißen Hände an den starken Alpenstock, ihr Gesicht an den schonungslosen Sonnenbrand und ihre kleinen, zierlichen Füße gar an die schweren, doppelt genagelten Schuhe gewöhnen. Am Abend, wenn sie wie heute nach acht- bis zehnstündiger Wanderung über Berg und Tal und Stock und Stein endlich in eine einsame Gastwirtschaft gelangten, empfand sie selbst die derbe und einfältige Nachtkost, das harte Lager als eine Erlösung, und daß sie die Schuhe ablegen, die Pluderhosen ausziehen und acht Stunden lang an keine Berge zu denken brauchte, als Belohnung der ausgestandenen Mühe. Wie oft seufzte sie im stillen über die wunderliche Art der Deutschen, die Höhe des Lebens in einer selbstauferlegten Entbehrung und äußersten Anstrengung erzwingen zu wollen, recht als hänge die irdische Seligkeit von einem wahren und vollkommenen Martyrium ab.

So saßen sie nun wieder einmal an dem grobgehobelten Wirtstische, von einer pfiffig lächelnden Padrona bedient: der Graf, behaglich seine kleine Pfeife rauchend, vor deren Dampf sie jedesmal einen ständigen Hustenreiz unterdrücken mußte, in eine große Gebirgskarte vertieft, auf welcher er den morgigen Tagesmarsch feststellte, sie selbst, müde, aber zufrieden, ein wenig Ruhe zu haben, und nicht ohne Sehnsucht, endlich nach dem Essen in ihr Zimmerchen hinaufzukommen, um die verfluchten Pluderhosen und Nagelschuhe loszuwerden. Zum Nachtmahl gab es auch eine der Marterspeisen des deutschen Gemütes, das einzige, was ein verstecktes, armseliges Gasthaus auf der Höhe bieten konnte: Geselchtes. Ein Glück, daß die Padrona sich zu einer Omelette verstand und ein Tellerlein Parmesan im Hause hatte, so daß sie zu dem gesalzenen, grobfaserigen Fleisch wenigstens etwas Sanftes, Warmes, in Öl Gebratenes, bekam. Und dann bot ein merkwürdiger Landwein einigen Trost, ein honiggelber, der auch ein wenig, aber wie süß, nach Honig und nach Blüten duftete und ein angenehmes, zärtliches Feuer in alle Adern schmeichelte, recht als eine Erlösung, die eine wesenlose Gehmaschine, die sie tagsüber vorgestellt, mählich beseelte und wieder erhöhte zu einem Weibe und heiteren Geschöpfe.

Im Gespräche und in der eigentümlichen Erholung, die gerade der Abend eines angestrengten Tages allen Gliedern und dem Geiste schenkt, so daß die Nerven wieder spannkräftig, die Launen belebt, das Herz erfrischt scheinen, als könnten sie noch einmal das Schwerste verrichten, in dieser Sonnenuntergangsstimmung versicherte der Graf zum wievielten Male seit dieser Wanderschaft, wie glücklich er sei, wenigstens für eine kurze Weile dem öden Treiben der gewohnten Gesellschaft und all den unerquicklichen Pflichten seines Berufes entronnen zu sein.

»Ich habe wahrlich Italien wie eine Heimat lieb, aber euere Männer kann und kann ich nicht vertragen; welch eine Sippe von Heuchlern und Gecken, welche Gewandtheit in der Verschlagenheit, welche innere Roheit bei der geschliffensten Liebenswürdigkeit des äußeren Betragens, es ist, als trüge jeder wie vorzeiten einen Dolch bei sich, um den nächsten Nachbar niederzustechen, wenn's irgendein Zufall passend erscheinen läßt. Alle gehen in einer beständigen Verkleidung umher und keiner zeigt ein wahres Gesicht, keiner hat eins. Und wie geschmacklos sind sie in ihrem modischen Zeug, die Erben einer solchen Vergangenheit, mit ihren grellen Krawatten, Schuhen, Anzügen, mit ihren zahllosen echten und Talmischmucksachen und ihrer aufgedonnerten Eleganz! Immer sind sie auf irgendeine Komödie aus, auf ein grobes Liebesabenteuer oder eine törichte Intrigue, bloß um des Betruges willen, ohne wesentlichen Zweck. Sie haben überhaupt keinen eigentlichen Lebensinhalt, bloß eine ständige, sinnlose Maskerade. Wenn ich diese schlauen und doch widerlich inferioren Theatergesichter und Komödiantengebärden sehe, kann ich nur mit Mühe mein Grauen, meinen Abscheu unterdrücken. Endlich bin ich aus dieser Redoute auf ein Weilchen draußen im Freien!«

Ein leichtes Gähnen in sanftes Lächeln wandelnd, sagte die Gräfin: »Du klagst im Grunde deinen eigenen Beruf an, denn nicht das italienische Leben, sondern das Geschäft des Diplomaten macht alles zur Maskerade.«

»Bei euch zu Lande freilich, aber wir Deutschen treiben anders Politik, seit Bismarck dürfen wir aufrichtig sein und sagen offen, was wir wollen. Um so gefährlicher fühlt man sich in all das hinterhältige Getue eurer Verschwörer- und Karbonariwirtschaft verstrickt, hinter jedem italienischen Politiker steckt ein Abenteurer, ein Camorrist, ein Jesuit und ein Faulenzer und verwirrt einem die geradeste Sache.«

»Du vergißt das liebenswürdigste Volk, die Frauen.«

»Nein, die lieb' ich, wie nur einer, das weißt du, aber auch da täte unsere heimische Freiheit, Offenheit und sittliche Energie not, ihr Italienerinnen steckt doch auch in eurer Sklaverei von Putz, Courmachern und Nichtstun, auf eine geistig bedeutende Natur, wie du, die an den Interessen des Mannes teilnimmt, alle seine Kämpfe seelisch miterlebt, kommen neunundneunzig Larven, die ihren kurzen Sommer verschwärmen, um dann als runzelige, bösartige und vergilbte Betschwestern und Kupplerinnen die Töchter und Enkelinnen zu verderben.«

Dann wandte sich das Gespräch wieder anderen Dingen zu; der honigfarbene Weiße stimmte die Gräfin heiter, ja spöttisch und wieder zärtlich und sehnsüchtig, doch schien ihr Gemahl von allen diesen schillernden Verwandlungen einer graziösen Seele heute wenig zu merken, ja es mißfiel ihm, daß sie so reichlich dem süßen Weine zusprach, der tückisch den Augenblick belebe, um am nächsten Tage die Glieder zu beschweren und leistungsunfähig zu machen. Er selbst trank nicht. Vergeblich suchte sie ihn zu überreden – auch Bismarck habe einen guten Becher geliebt – indem sie auf das zierlichste einen Kelch füllte, gegen das rote Abendlicht hielt und leuchten ließ, ihm anbot und zugleich für den kommenden Tag auf das einschmeichelndste eine längere Ruhepause erbettelte. Den Wein verschmähte der standhafte Gemahl, für ihren zärtlichen Blick und ihr liebenswürdiges Betragen dankte er mit einem galanten Handkuß, und was den morgigen Tag betraf, so mußten sie mindestens acht strenge Stunden gehen, um das nächste Ziel, das Ampezzaner Tal zu erreichen, so daß er keine einzige Minute des Morgens verschenken durfte. Um sieben Uhr früh mußte aufgebrochen werden. Seufzend trank die Gräfin ihren Kelch, lächelnd den ihrem Gemahl zugedachten aus und fügte sich in das Unvermeidliche.

Da erhob sich plötzlich draußen ein leises Stimmengeräusch, Rede, Gegenrede, und nach einem kurzen Durcheinander des Parlamentierens betrat eine wunderliche Gestalt die Gaststube: eine alte Dame, in weitfaltige, spitzenbesetzte schwarze Seide gehüllt, die recht um ihre hageren Glieder schlotterte, bewegte sich an einem Krückstocke, dessen elfenbeinener Griff in einer braunen, dürren, muskulösen Hand lag, und trug einen dunklen Kapottehut, von welchem ein dichter, schwerer Schleier über das vermutlich häßliche und verrunzelte Gesicht fiel. Sie ließ sich mühevoll und erschöpft ächzend an dem entferntesten Tisch in der Ofenecke nieder, von der Dämmerung verborgen und überdies den neugierigen Blicken durch ihre seltsame Kleidung sowohl entzogen als dargeboten. Die Wirtin hielt sich bei ihr eine Weile auf, es ging ein flüsterndes, unverständliches Zwiegespräch. Schließlich begab sich die Padrona kopfschüttelnd und mit verlegenem Ausdruck zu unserm Paare und bat in einem lauten Redeschwall mit fortwährendem Lachen, Achselzucken und bedauernder Gebärde, nicht ungehalten zu sein, wenn sie ein unangenehmes Ansinnen zu stellen habe.

Die alte Dame dort in der Zimmerecke sei auf der Reise nach Österreich zu Verwandten begriffen und habe, krank und beschwerlich genug, auf einem Maultier die Höhe erreicht, sei nun sterbensmüde und einer unentbehrlichen Nachtruhe gewärtig. Welch ein unerhörter Zufall für sie, die Wirtin, zu gleicher Zeit mehr Gäste beherbergen zu sollen, als sie eben könnte, da sie doch bloß eine Wohnstube mit Betten bereit habe, während für andere, etwa ankommende, unverwöhnte Touristen nur Platz auf dem Heuboden verfügbar sei. Sie möchte nun um alles in der Welt die Exzellenzen nicht in ihrem wohlerworbenen Recht auf das bestellte Zimmer verkürzen, doch könne sie um Gottes Christi willen die alte Kranke auch nicht auf den Heuboden schlafen schicken, noch zu dieser Nachtzeit davonjagen, da der nächste Ort mindestens drei Stunden weit entfernt und kein Führer noch Maultier gegenwärtig aufzutreiben sei.

Lächelnd sah die Gräfin ihren Mann an: »Sollen wir beide auf den Heuboden schlafen gehn und unser Zimmer der Alten dort einräumen?«

»Um keinen Preis. Wenn du sie schon aufnehmen willst, es ist peinlich genug, so teile eben mit ihr dein Zimmer, ich habe ja oft genug auf dem Heuboden geschlafen, ich will's auch heute.«

Nach einigem Sträuben und Hin- und Herreden fügte sich denn die Gräfin; auf ein Bett zu verzichten wäre ihr im Grunde doch allzu arg erschienen. Man trug also der Padrona auf, die alte Dame notgedrungen zur Mitbenützung des Zimmers einzuladen. Mühselig erhob sich auf diese Nachricht die Greisin und brach sofort auf, die Stube zu gewinnen, wobei sie sich im Vorübergehen vor dem jungen Paare tief verneigte, grüßte und ein paar unverständliche heisere Worte des Dankes und der Entschuldigung flüsterte. Bald darauf standen auch die beiden Reisenden auf, die Gräfin trotz dem ärgerlichen Zwischenfall heiter aufgeregt und voll Scherz und Fröhlichkeit, der Graf in komischer Verdrossenheit, auf sein gerechtes Quartier verzichten und eine solche alte Hutzel bei seiner Frau in aller Bequemlichkeit lassen zu müssen, während er sich mit dem Heuboden getrösten sollte. Resigniert küßte er die Gräfin auf die Stirn, schärfte ihr allerhand Vorsichtsmaßregeln und insbesondere ein zeitiges Aufstehen am Morgen ein, und mit einer verächtlichen Gebärde nach der abgehumpelten Störerin: »Wünsche gute Unterhaltung« sagend, begab er sich unter das Dach, während seine Frau ihr Zimmer aufsuchte.

Dort saß wieder in der dunkelsten Ecke die Alte auf einem Stuhl zusammengekauert, während eine Kerze auf dem Nachttischchen vor den beiden Betten ein Dämmerlicht über den engen Raum zittern ließ. Die Gräfin wunderte sich, daß die Greisin sich's noch nicht bequem gemacht und den kurzen Vorsprung nicht mindestens zur Nachttoilette benützt hatte, sondern auf ihren Krückstock gestützt, Hut und Schleier auf dem Kopf, unbeweglich, düster verharrte, ein Bild ratloser Torheit. Nun würde sie selbst auch noch am Ende das klägliche Zubettgehen der alten Person ansehen, gar dabei helfen müssen, müde wie sie war. Da wollte sie doch sich aufs rascheste entkleiden, ins Bett springen, sich umkehren, einschlafen und von der leidigen Nachbarin nichts mehr wissen. Sie richtete freundlich an die Alte eine Frage, doch schien diese nichts zu verstehen, sondern murmelte wieder nur etwas Undeutliches. »Ei so tu, was du willst, Närrin,« dachte die Junge und begann sich mit einer höflichen Entschuldigung auszukleiden. Sie nahm den Hut ab, löste ihr reiches, schwarzes Haar aus dem Knoten und warf das befreite Haupt mächtig zurück, zog niedersitzend die schweren Nagelschuhe aus und ließ sie befriedigt auf die Diele poltern. Dann knöpfte sie rasch die Pluderhosen los, so daß sie in kaum einer Minute befreit und zierlich dastand, sich ihrer erleichterten und verwöhnten Glieder erfreuend. In diesem Augenblicke geschah etwas Unerwartetes. Die Alte sprang wie ein Raubtier vom Stuhl und stürzte vor der Gräfin auf die Kniee. Entsetzt, keines Rufes fähig, starrte diese das Ungeheuer an, welches aber stammelnd, den Kapottehut, eine Perrücke und den Schleier vom Haupte reißend, sich als der schöne, abenteuerliche und rasende Cosimo Grimani darstellte, der ihr das letzte Jahr lang auf Tod und Leben den Hof gemacht und nach ihrer Eheschließung sich lauernd, mit ungemindertem Feuer zurückgezogen hatte, so daß sie ihn nur gelegentlich sah, aber vor seinem verlangenden und gebietenden Blicke doppelt Angst hatte, da sie einem anderen gehörte.

Der unvermutete Anblick, das komische Aussehen des erfinderischen und tollkühnen Liebhabers in diesem Altweiberaufzuge, die eigene Überraschung und leise Genugtuung, zu so maßloser Huldigung noch immer zu erregen, die Abwechslung eines solches Abenteuers in ihrer mühselig unwilligen Wanderverdammung, alles dies wirkte mit dem Feuer dieses einschmeichelnden gelben Weines zusammen, so daß sie, anstatt ihren Mann zu Hilfe zu rufen, der jetzt vielleicht über ihr auf dem Heuboden Schlaf suchte, zu lächeln, dann unter den Beteuerungen, Bitten, Seufzern, Klagen und Kühnheiten des Verkleideten leise und unaufhaltsam zu lachen anfing, womit das Schicksal dieser wunderlichen Nacht besiegelt war.

Am nächsten Morgen stand sie, noch vor der angesetzten Zeit, reisefertig und mit wohlzufriedener Ruhe im Gastzimmer, und als ihr Gatte mißmutig den Rucksack umhängte, und über die verdammte schlaflose Nacht auf dem Heuboden klagend, beiläufig fragte, was es mit der verfluchten Alten gewesen sei, die ihn aus seinem Zimmer verdrängt, antwortete sie mit einem verächtlichen Achselzucken: »Ei, die schläft noch da oben wie ein Sack.« Dann machten sie sich wieder auf den Weg.

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