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Gutenberg > Hans Hoffmann >

Allerlei Gelehrte

Hans Hoffmann: Allerlei Gelehrte - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAllerlei Gelehrte
authorHans Hoffmann
year1897
firstpub1897
publisherGebrüder Paetel
addressBerlin
titleAllerlei Gelehrte
pages240
created20151020
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Kreuzotter.

Ich gehöre sonst nicht zu den Lobrednern der guten alten Zeit; ich glaube nicht einmal ernstlich daran, daß die Dienstboten in den Tagen meiner Jugend viel besser gewesen sind als heutzutage auch, und wenn ich mir durch diesen Mißglauben den Unwillen aller heutigen Hausfrauen zuziehe, so muß ich das dulden, wie manchen andern noch schlimmeren Vorwurf, den sie mir mit gutem Recht machen können. Aber eins muß ich doch sagen: unsere pommerschen Ostseebäder waren vor einem Menschenalter viel schöner als jetzt. Da gab es noch keine Strandpromenaden, die mit täppischem Linealstrich die weichen Rundungen der Dünen zerschneiden, keine dummen Kurhäuser und naturvergessenen Kurparks, keine Toilettenconcerte und Sommermiethskasernen; statt dessen gab es Landluft und Hemdsärmel und billige Milch, dazu harmlose Fröhlichkeit, ungestörte Jugendlust, Wälzen auf dem Rasen, Natur und Poesie.

In dieser wirklich guten alten Zeit war es, daß in dem sehr einfachen, aber sauberen Kruge eines der reizenden Stranddörfer an der Ostküste von 50 Rügen ein junger Mann erwachte und dem Bett entstieg, der nach seiner ganzen Erscheinung gewißlich kein Fischer war, sondern den bade- und erholungsbedürftigen Ständen angehörte. Er war lang und schlank gewachsen, hatte wallendes Haupthaar und einen starken Vollbart, dessen Pflege allerdings zu wünschen übrig ließ; dafür gab ihm eine goldene Brille und ein tadellos gewaschenes Hemd wieder ein achtbares Aussehen.

Aus der Vorgeschichte dieses Gastes sei hier gleich eines bemerkt: fast Jeder, dem er vorgestellt wurde, unterdrückte beim Hören seines Namens nur mit Mühe ein Lächeln. Wundern kann mich das nicht, denn der Name klingt wirklich recht sonderbar: Fortunatus Wiedehopf hieß er nämlich. Da es sich um den Helden meiner Geschichte handelt, ist mir das etwas peinlich, doch man wird mir nicht zumuthen wollen, einem leeren Wohlklange die Wahrhaftigkeit zu opfern. Jetzt, da der Naturalismus als Mode überwunden ist, habe ich mich entschlossen, ihm frei zu huldigen und dem schönen Schein zu entsagen. Uebrigens ist das Schicksal, einen so lächerlichen Namen zu tragen, auf die Entwickelung seines Charakters ohne nachweisbaren Einfluß geblieben.

Fortunatus erhob sich nunmehr zu seiner vollen Höhe, dabei fast die Decke des Zimmerchens berührend, und that einen Blick aus dem Fenster: 51 die blaue Fläche des Meeres leuchtete ihm voll entgegen, zugleich machtvoll und lieblich in der reizenden Umrahmung des buchtenreichen Landes, des üppig bewaldeten. Der weite Buchenwald schimmerte wonnig in dem ersten zartesten Frühlingsgrün; die Morgensonne goß über Meer und Land ihren strahlendsten Segen.

Er öffnete das Fenster, um den reinen Lufthauch zu genießen, doch wich er alsbald fast erschrocken zurück und schloß es mit Nachdruck: was ihm von draußen entgegenhauchte, schien eher einem kalten Bade als einem laulichen Mailüftchen zu vergleichen. Und dann wandelte sich der körperliche Frostschauer schnell in den Ausdruck dumpfen seelischen Mißbehagens.

»Nun ja, nun ja,« murrte er schwermüthig vor sich hin, »nur zu bezeichnend, dieser eisige Hauch in der scheinbaren Frühlingswelt. Das Wort Pfingsten klingt lieblich lockend, aber für mich ist es frostig und leer geworden.«

Sein Blick blieb mit dem gleichen trübseligen Ausdruck hängen an einem großen Druckheft, das breit aufgeschlagen mitten auf dem Tische lag und dessen Blätter sich spöttisch und dreist ihm entgegenzublähen schienen.

Er schlug grimmig mit der flachen Hand drauf.

»Ja wohl, Eishauch auch hier – und mehr 52 noch, ein vernichtender Hagelschlag! Fern im Süden schien das Glück mir aufzugehen, in dem eisigen Hauche des Nordens mußte es ersticken.«

Draußen erkrachte die Treppe unter einem polternden Schritte, und gleich darauf erschütterte ein kräftiger Griff die Thür des Zimmers.

»Hier Fritz Brunnemann – wer drinnen?« rief eine wuchtige Baßstimme. Ohne Zaudern öffnete Fortunatus.

Eine ungewöhnlich breite und kraftvolle Gestalt in derben Stulpstiefeln trat herein mit einem runden, tüchtig gebräunten Gesicht, aus dem zwei hellgraue Augen frisch und übermüthig blitzten. Er trug ein hölzernes Credenzbrett in der Linken, das mit einer mächtigen braunen Kaffeekanne, einem ebenso großen Milchtopf und einer bemalten Tasse besetzt war, außerdem aber mit einem dampfenden Glase verdächtigen Inhalts.

Er setzte das Brett mit starkem Klappern und Klirren auf den Tisch und reichte dem Freunde die Hand.

»Dies ist Grog von Rum,« erklärte er vergnüglich, »davon bekommst Du aber nichts, das verträgt ein gelehrter Magen in der heiligen Frühe noch nicht, und selbst ein rauher Stoppelhopser nur nach einem erfrischenden Marsch im fröhlichen Pfingstfrost. Ich komme zu Fuß, weil ich auf dem Wagen 53 in einen Pelz hätte kriechen müssen, und das schickt sich doch nicht, wenn man zu einem lustigen Wald- und Strandpicknick eilt. Ja, ja, unsere liebe Ostsee! Aber hier hast Du Deinen Kaffee, an dem unzweifelhaft die Milch das bessere Theil ist, wie am Manne das Weib; ich habe ihn der Wirthin unten gleich für Dich abgeschmeichelt. Nimm, trink und stippe, lieber Fortunatus – – Aber zum Teufel, was hast Du?« unterbrach er sich selbst, »Du machst ein Gesicht wie Unsereiner, wenn ihm sein unversicherter Weizen verhagelt ist. Da ist etwas nicht in Ordnung. Heut ist Pfingsten, nicht Aschermittwoch. Ich bitte Dich, Fortunatus, mache schleunigst ein Geständniß: dies Jammergesicht ohne nähere Erklärung kann ich nicht länger mit ansehen.«

Der Andere deutete stumm auf das aufgeschlagene Druckheft mit den höhnisch geblähten Blättern. Brunnemann nahm es und that einen verwunderten Blick hinein.

»Donnerschlaghagel!« rief er überrascht und fuhr sich mit der Hand durch das dichte röthliche Haar, »die Ueberschrift gefällt mir: Der neueste Nothhelfer der homerischen Poesie. Das bist Du natürlich, und den Hohn hört man förmlich zischen. Und – na, aber! Da schlag' doch Gott den Teufel todt! Und das stammt von unserm guten, menschenfreundlichen Kiesewetter, der so vorzügliche Maibowlen braut und 54 dazu so furchtbar gutartige Witze zu verfassen pflegt? Da werden ja wohl nächstens meine Mutterschafe bissig werden und gegen den Hund losgehen. Das sind Zeichen und Wunder.«

»Lies weiter!« seufzte Fortunatus.

Brunnemann begann kopfschüttelnd zu lesen.

»Allerhand Achtung!« rief er nach einiger Zeit, «das hat herzhaften Klang! Vorschnelles Unterfangen – weithergeholte Gelehrsamkeit an falscher Stelle – kleinlicher Scharfsinn, durch Ueberspannung stumpf werdend – wüste Selbstberauschung am eigenen Fürwitz – anmaßliches Ueberbordwerfen aller festen Ergebnisse – schülerhafte Dreistigkeit – – Sag' mal, Liebster, geht die zierliche Blüthenlese so weiter?«

»Es kommt noch besser,« sprach jener grimmig.

»Ich bin entschlossen, noch ein Colleg bei ihm zu belegen,« sagte Brunnemann weiter lesend, »mein armseliger Sprachschatz beim Abkanzeln der Hofjungen schreit nach Bereicherung. Aber grade unser Kiesewetter! Daß die vergnüglichen Aeuglein hinter den runden Brillengläsern so täuschen können! Aber weißt Du, Du mußt ihm ganz scheußlich an den Wagen gefahren sein; und dann natürlich: selbst der Löwe in all seiner Milde und Großmuth brüllt, wenn man ihm in den Schwanz kneift.«

Fortunatus zuckte die Achseln. »Einer 55 wissenschaftlichen Ueberzeugung gibt man eben Ausdruck,« versetzte er kurz.

»Ganz schön,« bemerkte Brunnemann, »wenn auch manchmal unpraktisch. Dies bedeutet nun also zwischen Euch einen Religionskrieg im Kleinen, nur daß der nicht mit Kanonen und Säbeln ausgefochten wird, sondern mit den feinen geistigen Waffen der schlichten Verbalinjurie. Ich verstehe aber nicht recht, warum Du deshalb diese Jammerfahne aufziehst? Auf diesem Felde mußt Du ihm doch gewachsen sein. Geh doch irgendwo ans Bollwerk, lege Dein Ohr an den Mund des Volkes, lausche, wie sich die Matrosen und Holzknechte mit Kosenamen schmeicheln, lerne das auswendig und laß es drucken.«

Fortunatus that einen tiefen Seufzer.

»Nimm mir's nicht übel,« sagte er matt, »wenn Deine treffendsten Witze heut bei mir keinen Widerhall finden. Allein bedenke: zum ersten ist Kiesewetter ein Gelehrter von glänzendem Verdienst, vor dessen Leistungen Niemand mehr Respect hat als ich: wie dürfte ich da mit gleichen Knüppelhieben ihm Antwort geben? Und zum andern betrachte meine äußere Lage. Ich bin ein schwach begüterter Privatdocent der kleinen Universität Rostock. Kiesewetters Einfluß ist in den Fachkreisen gewaltig groß, man kann sagen, maßgebend; gegen seinen Willen wird kein philologisches Katheder erklommen. Er selbst 56 würde ja längst in Berlin auf einem der ersten Ehrenstühle sitzen, wenn nicht sein liebenswürdiger Eigensinn, sein zähes Haften an unserer pommerschen Heimath, ihn in dem bescheidenen Greifswald festhielten. Meine Aussichten auf eine baldige Berufung zu einer Professur beruhen, da ich gerade auf seinem eigensten Gebiete, der homerischen Frage, arbeite, ganz und gar auf seiner Gunst, seiner Fürsprache, zum mindesten seinem Geschehenlassen – würden darauf beruht haben, muß ich jetzt nach dieser Schrift leider sagen: denn sie sind vernichtet. Seine Erbitterung gegen mich muß maßlos sein; in diesem Tone schreibt man selbst gegen einen Unbekannten nur aus der Tiefe eines unversöhnlichen Zornes heraus, geschweige denn gegen einen guten Freund, den man noch eben in sein Haus und zu Frühlingsfesten einlud. Ich habe für absehbare Zeit keine Zukunftshoffnung mehr; es ist ja in unserer gepriesenen Gelehrtenrepublik nichts grade Seltenes, daß die Autorität eines berühmten Gelehrten zur vollen Tyrannis wird. Mein Lebensschiff ist gestrandet.«

Fritz Brunnemann fuhr sich mit den gespreizten Fingern seiner breiten Hand durch den röthlichen Bart, und ein unmerkliches Lächeln glitt über sein behäbiges Gesicht.

»Das klingt ja recht trostlos,« bemerkte er trocken, »ich meine aber doch, es gibt ein sehr 57 sicheres und einfaches Mittel, Dein Lebensschiff wieder flott zu machen.«

Mit einem unsicher fragenden, sogar etwas mißtrauischen Blicke sah der Privatdocent zu ihm auf.

»Ich meine nur,« erklärte Brunnemann gelassen, »Du müßtest der Schwiegersohn Deines wissenschaftlichen Tyrannen werden. Wie man sagen hört, ist dies ein nicht ungewöhnlicher Weg für strebsame junge Gelehrte, sich die akademische Laufbahn sperrangelweit zu erschließen.«

»Aber!« fuhr Fortunatus heftig auf und schien nach kräftigeren Ausdrücken seines Zornes zu suchen. Doch Brunnemann schnitt ihm das Wort ab, indem er hinzufügte:

»Du brauchst nicht wüthend zu werden. Wenn Du einen unbezwinglichen Widerwillen gegen die immerhin dazu gehörige Tochter empfindest, will ich gar nicht zureden.«

Fortunatus warf ihm einen Blick vollendeter Hülflosigkeit zu und bemühte sich vergebens, seine Verlegenheit zu bemeistern. Der Freund betrachtete ihn grinsend mit einem Anflug von Grausamkeit.

»Siehst Du wohl!« sagte er endlich, »so mußt Du stolzer Jünger der Wissenschaft Dich von einem Bauern zum Besten halten lassen. Warum? Bloß weil Du unehrlich warst. Oder soll ich Dir etwa wirklich glauben, daß Dich eine derbe Streitschrift so 58 elend zu Boden schlüge? Dich, den fröhlichen Raufbold, dem sonst allezeit im Kugelregen ehrlicher Grobheiten am wohlsten war? Du solltest an Deiner Zukunft verzagen, Du, der sich allezeit die dürre Erwerbsfrage lachend um die Ohren schlug, an der wir schwereren Naturen betrübsam kauten? Nein, Liebster, da hilft kein Leugnen: Deine Verdrießlichkeiten hast Du mir gebeichtet, Deine Schmerzen hast Du mir unterschlagen. Zur Strafe verurtheile ich Dich jetzt dazu, mir in aller Vernünftigkeit eine Frage kurz und klar zu beantworten, auf die ich selbst keine Antwort finde: warum hast Du Dich nicht schon im Herbst oder mindestens zu Weihnachten mit Fräulein Cilli Kiesewetter verlobt?«

Fortunatus Wiedehopf lachte bitter auf. »Also die Spatzen auf dem Dache pfeifen schon mein zartestes Geheimniß!« sagte er düster.

»Keine Injurie, alter Junge!« unterbrach ihn Fritz, »Du bist noch kein berühmter Professor und ich kein rebellirender Privatdocent. Für einen Spatz brauche ich mich nicht halten zu lassen. Ich fresse keinem Menschen seine Kirschen an, am wenigsten Dir Deine schöne Herzkirsche. Doch ich darf Deinen Zornausbruch immerhin als ein verschämtes Geständniß nehmen. Aber nun beantworte mir gütigst die weitere Frage: Wozu hast Du überhaupt die grauenhafte Postfahrt von Rostock bis hier unternommen? 59 Doch nicht etwa um mich alten Esel hier zu besichtigen? Ja, wenn ich ein Codex wäre, wollt' ich's schon glauben. Oder um Angesichts der blauen Ostsee Deine Verzweiflung auszutoben? Aber das konntest Du in Warnemünde viel bequemer haben. Also ich bitte ernstlich um eine ehrliche Beichte.«

»Nun denn, es sei,« sagte Fortunatus nach einigem Zögern, »es mag wohl am besten sein, ich erzähle mir's einmal von der Seele herunter, wie dies alles gekommen ist, so schwer es mir auch wird und so wenig Du mir helfen kannst.

Du weißt es ja wohl, kannst es aber doch nicht vollkommen übersehen, in wie hohem Maße ich dem Professor Kiesewetter wissenschaftlich verpflichtet bin. Zwar sein Schüler im eigentlichen Sinne, nämlich sein Hörer in Greifswald bin ich nie gewesen; mich zog es vom Anfang meiner Studien an nach Süddeutschland und hielt mich dort fest –«

»Bis der ehrenvolle und einträgliche Posten eines Privatdocenten Dich wieder an die Ostsee rief, um der mecklenburgischen Kultur endlich auf die Beine zu helfen,« unterbrach ihn Fritz Brunnemann lachend.

Fortunatus ließ sich nicht stören; nur eifriger fuhr er fort:

»Dafür übten die Schriften Kiesewetters einen desto mächtiger eingreifenden und wahrhaft bestimmenden Einfluß auf den Gang meiner Studien. In seine 60 prachtvollen Untersuchungen zur Genesis der homerischen Gedichte habe ich mich geradezu hineingewühlt, seine Methode entzückte, seine Ergebnisse bezwangen mich; ich hielt sie für unerschütterlich, wie auf Erz gegründet. Mit Begeisterung und innigem Dank blickte ich zu ihm auf als zu meinem geistigen Führer, gleichsam einem zweiten Vater im edelsten Sinne.

Diese Vertiefung in seinen Geist wies dann mir selbst meine wissenschaftliche Bahn. Ich versuchte auf seinem so machtvoll aufgemauerten Grunde weiter zu bauen, die von ihm gebrochenen Steine zu neuen Gebilden zusammenzufügen. Ich fühlte mich wahrhaft beglückt, der Geselle, der Handlanger des trefflichen Meisters zu sein, ohne daß er selbst davon wußte.

Allein unvermerkt geschah mir's, wie es ja nicht anders sein konnte, daß meine Meinung in einzelnen Punkten von der seinigen abwich, daß mein Weg mich weiter führte, als mir im Anfang das Ziel vorgeschwebt hatte. Einige Steine seines Baugrundes lockerten sich unter meinen nachgrabenden Händen, einige Bauglieder zeigten sich brüchig, fielen langsam in sich zusammen. Mir wurde schier unheimlich zu Muth bei diesen ersten Entdeckungen; ich hatte ein Gefühl wie bei einem Erdbeben: der feste Boden wankt, auf dem wir so sicher zu wandeln wähnten.

Doch selbstverständlich konnte ich mich dadurch 61 in meinem Forschen nicht beirren lassen. Immer weiter führte mich Schritt für Schritt mein Weg von dem seinigen ab. Es war ein hartes Ringen mit ihm und mit mir selbst, doch ich konnte nicht nachlassen. Das Endergebniß war: den Boden freilich hat er geebnet für alle Zeiten und die festen Grundmauern gelegt; was er aber aufgebaut hat auf diesem Grunde, das ist wohl ein Kunstwerk, prächtig und alles Preisens werth, aber doch ein Gebäude von Menschenhand, das nicht der Ewigkeit angehört. Es ist denkbar, daß ein Anderer es niederreißen könnte, um ein neues noch festeres, noch klarer gegliedertes Gebilde an dessen Stelle zu setzen. Laß Dir an einem Beispiel erklären, wie ich's meine. Im zehnten Gesang der Ilias finden wir eine Stelle –«

»Halt ein, Unseliger,« fiel ihm Fritz Brunnemann kräftig in die Rede, »wie ich Dich kenne, stehst Du jetzt im Begriff, Dein ganzes Buch von der ersten bis zur letzten Seite herunter zu deklamiren. Ich flehe Dich an, verschone mich mit jedem Beispiel! Bleib nur getrost bei Deinem netten Vergleich mit dem schönen Bauwerk, dabei läßt sich genug denken«.

»Du magst Recht haben,« sagte Fortunatus, in seinem Eifer heilsam herabgestimmt. »Nun also: wahrlich nicht leicht und leichtfertig ist mir der Gedanke, an jenem Werke zu rütteln, gekommen; Jahre lang hat es in mir gewühlt und gearbeitet in halb 62 unklarem Gähren. Ich durfte an ein Niederreißen auch nur eines Theiles nicht denken, ehe der Neubau mir in voller Klarheit vor dem geistigen Auge stand. Das aber wollte und wollte nicht glücken. Und doch konnte ich nicht loskommen von dieser großen Aufgabe und wurde mehr und mehr unfähig zu jeder anderen Arbeit.

Und eines Tages, es war im vorigen Jahre um die Osterzeit, ward diese innere Noth so groß, daß ich meinte zu Grunde gehen zu müssen, wenn ich's nicht zu Stande brächte. Da faßte ich einen Entschluß: nach dem Süden wollte ich reisen, nach Ithaka, nach Troja, ich wollte die homerischen Gestade mit eigenen Augen betrachten, vielleicht daß die schwebenden Schatten dort Blut und Leben gewannen.

Ich fuhr über den Brenner, ins Etschthal hinab, ich machte einen Abstecher seitwärts an den Gardasee. Und siehe, schon hier geschah mir wirklich das Wunder, das ich von südlicheren Meeren erwartet hatte. Als ich hinter der öden Paßhöhe von Loppio durch das berühmte Festungsthor von Nago hinaustretend mit einem jähen Blicke all die weite Herrlichkeit umfaßte, in dem Kranz riesiger Bergschroffen die fruchtstrotzende Ebene, von der glitzernden Schlange der Sarca durchzogen, und dann zur Linken die blaue strahlende Fluth, zwischen mächtigen Bergen 63 gelagert. südwärts wie eine uferlose Meeresbucht in die Ferne sich reckend: da schlug es mir wie ein Blitz in die Seele: Dies ist homerisches Land wie irgend eins. Hier die Enge des Hellespont, fern ins Meer sich öffnend, gethürmte Städte daran mit ragenden Burgen – warum nicht Troja? Sind jene himmelhohen Gipfel nicht werth, der Ida zu heißen und dem großen Zeus als Ruhesitz zu dienen? Und der Oelbaum wächst hier und der edle Weinstock, die dunkle Cypresse, aller Blüthen- und Fruchtglanz der Gärten des Alkinoos: dies ist der Phäaken üppiges Gelände voll nie versiegenden Segens; hier der Fluß der Nausikaa, ihre Wäsche zu spülen, am lachenden Ufer mit den Mägden den Ball zu schlagen, – ja, hier ist alle homerische Herrlichkeit in einem einzigen Blicke!

So schwärmte ich, wundervoll überrascht und geblendet. Und seltsam, die rasche Begeisterung setzte sich alsbald um in eine heiße Lust zu schaffen, eine regsame Kraft, zu denken, zu erkennen. Gleich einer Vision überkam mich's; ich sah plötzlich vor mir, was ich dämmernd geahnt, ich sah mein geistiges Gebäude vollendet in allen seinen Theilen. Mein Geist zog in jäher Zusammenfassung und Steigerung seiner Kräfte in diesem Augenblicke zupackend die Summe dessen, was ich in Jahren geforscht und gedacht hatte.

64 Noch an diesem selben Abend warf ich in dem schlichten Gasthause von Torbole meinen Grundplan in großen Zügen aufs Papier, und an der Leichtigkeit, mit der dies gelang, an der Fülle der zuströmenden Gedanken erkannte ich erst sicher, daß ich den Faden fest in meiner Hand hielt, der zum Ziele führen mußte. Jetzt durfte das alte Gebäude fallen, damit ein neues entstehen könnte.

Ich arbeitete fast die ganze Nacht hindurch, und noch mehrere Tage rastlos so weiter. Dann waren die Grundlinien gezogen, meine Bahn abgesteckt, ein Abirren vom Wege war nicht mehr möglich. Die Ausführung im Einzelnen, auf die ich eine Reihe von Monaten rechnen mußte, konnte erst zu Hause geschehen unter meinen Büchern und Papieren.

Einige Tage wollte ich mich erholen, mich unter dem homerischen Himmel sonnen, dann gradeswegs heimkehren.

An diesem ersten Rasttage geschah es, daß ich einsam unter den Oelbäumen am Seeufer dahinstreichend und des ausgebreiteten Sonnenzaubers genießend auf einmal am Boden ein aufgeschlagenes Buch erblickte, dessen Blätter sich leise im Winde bewegten. Ich hob es auf; es war ein deutsches Buch, es waren Verse, lange Hexameter: es war nichts Schlechteres als die Odyssee in der Vossischen Uebersetzung. Der Fund erschien mir in meiner hellen 65 Stimmung wie ein freundlicher Gruß aus der Heimath zugleich und aus dem Lande Homers.

Ich legte mich nieder und las einige Seiten. Sehr bald aber, wohl unter dem Zauber der Mittagsstunde, that ich dem alten Homer oder mir selber die Schande an, über seinen Versen einzuschlafen. Er rächte sich und bewies mir spöttisch seine seelenbeherrschende Macht, indem er mir seine Gebilde in den Traum nachschickte. Ich war der heimgekehrte Odysseus und stand in hitzigem Pfeilkampf mit den Freiern, deren ich schon eine erfreuliche Anzahl zum Orkus hinabgeschickt hatte. Plötzlich schwebte von oben her eine Göttin auf mich zu, die sich mir jedoch alsbald als feindlich erwies, denn sie suchte mir mit leisem Ziehen und Drehen den Bogen aus der Hand zu winden. Ich krallte die Finger nur fester um ihn und rang heftig mit ihr, die immer gewaltsamer zog, bis ich von der Anstrengung erwachte.

Und da sah ich die Göttin wahrhaftig immer noch über mich gebeugt und leise mit mir ringend, nur freilich um keinen Bogen, wohl aber um das Buch, das ich fest zwischen die Finger gepreßt hatte. Einige Augenblicke war ich völlig benommen, ich überlegte ganz ernstlich, als welche der Himmlischen ich diese holdselige Erscheinung ansprechen sollte, ja, ich bestimmte sie schon als Artemis: da sah ich sie 66 vor meinen geöffneten Augen zurückfahren, erröthen und ein halb ärgerliches, halb verlegenes Gesicht machen.

Nun wußte ich, daß ich es mit einem sterblichen Wesen zu thun hatte, und begriff auch sofort die ganze Lage. Ich sprang in die Höhe, erklärte ihr, wie ich zu dem Buche gekommen war, und gab es ihr dankend zurück, indem ich ihr lachend sogleich auch meinen Traum erzählte. Ich sprach ganz unwillkürlich deutsch, so offenkundig verrieth ihr Gesicht und ihre ganze Art die deutsche und sogar die norddeutsche Herkunft. Aber doch schien mir in ihrer Haltung, in ihren Mienen etwas homerisches Klares zu liegen oder etwas von jenem ewigen Zauber, der die reinen Jungfrauengestalten des Parthenonfrieses umfließt. Ihre Gestalt fügte sich dieser homerischen Landschaft so harmonisch ein, daß mich's schier wie ein Wunder bedünkte. War sie nicht Artemis, so mochte sie etwa Nausikaa sein.

Auch kamen wir nun ohne Weiteres in ein so harmloses und unbefangenes Gespräch, als gäbe es gar keine modernen Formen und Gebräuche und gar keine gesellschaftlichen Zierereien. Sie erzählte heiter, daß sie vorhin an eben der Stelle wenn nicht gradezu geschlafen, so doch halbwachend geträumt und darüber den großen Homer schnöde vergessen und sogar liegen gelassen habe. Und so geriethen wir 67 denn ganz von selbst in ein Gespräch über homerische Dinge, das uns wohl eine Stunde oder auch noch länger an diesem Platze beisammen hielt.

»Ich sehe Fräulein Cilli Kiesewetter in ganzer Figur vor mir aufsteigen,« bemerkte hier Fritz Brunnemann, »in all ihrer Klugheit und Gelehrsamkeit, der ich armes Bäuerlein niemals gewachsen war.«

»Und doch ist sie in Wahrheit gar keine Gelehrte,« sprach der Privatdocent eifrig, »und am wenigsten ein Blaustrumpf. Sieh mal, eine richtig gelehrte Person würde sicherlich bedingungslos für ihren Homer schwärmen und dadurch ihre wissenschaftliche und ästhetische Reife zu bekunden glauben. Das that sie aber garnicht, sondern gestand mir gleich offen, daß sie weder an Achilles noch an Odysseus so rechtes Wohlgefallen finde; der Eine sei grausam und bubenhaft rachsüchtig, der Andre ein gar zu gröblicher Schwindler. Die Gestalt der Nausikaa sei wohl Anfangs reizend, aber der Ausgang dieser Geschichte garnicht befriedigend. entweder zu gleichgültig oder zu traurig.«

»I sieh mal an,« rief Fritz lebhaft, »da hat sie mir recht nach dem Herzen geredet, nur daß ich niemals den Muth gehabt hätte, so was öffentlich auszusprechen, am wenigsten vor Dir. Aber in der Schule war das eigentlich unser aller Meinung, so lange die Herrn Lehrer nicht unser Urtheil verfälschten. 68 Wir mochten alle von Hause aus die Trojaner weit lieber als die Griechen, am liebsten den Hektor: dieser angebliche Barbar war in der ganzen Ilias beinahe der Einzige recht nach unserem Herzen; der hat etwas an sich von einem germanischen Helden, und wir haben die infame Person, die Athene, grimmig gehaßt, daß sie den edlen Vertheidiger mit so nichtswürdiger Heimtücke zu Falle bringt, indem sie gegen allen Mensurcomment seinem Gegner den verschossenen Speer zurückbringt. Solche Mogelei verträgt keine deutsche Seele, und ein Nibelungenrecke würde sich an Achillessens Stelle geschämt haben so was anzunehmen. Und wenn der brave Odysseus unterwegs mit allen möglichen Frauenzimmern anbandelt und zwar sehr gründlich, so will ich ja nicht behaupten, daß alle heutigen Ehemänner es besser machten; nur man pflegt solche Herren dann auch nicht extra als Muster ehelicher Treue auszuschreien. Und so geht das weiter. Ich meine, unsern Nibelungenhelden können wir Alles nachfühlen, selbst ihren Meuchelmord, den Griechen hingegen höchstens die Hälfte. Es ist nur die Schulweisheit, die uns dies ehrliche Gefühl allmählich austreibt.«

»Wenn uns diese Schulweisheit,« bemerkte Fortunatus, »eine andere Volksart innerlich verstehen lehrt, so bereichert sie uns und verdient keinen spöttischen Seitenblick. Was die homerischen Helden nach unsern 69 Begriffen auch sündigen mögen, wir sehen Menschen eben menschlich, und das ist's, was nach Goethe auch der Gott nur von uns sehen will. Hierüber verständigte ich mich mit Fräulein Cilli sehr leicht – doch ich darf eigentlich von einem Fräulein Cilli noch garnicht sprechen, denn ich kannte ihren Namen noch nicht und sie nicht den meinen. Mir fiel es garnicht ein, danach zu fragen oder auch nur Neugier zu empfinden; ich hatte ein Gefühl, als ob wir grade darum vertraulicher, harmloser mit einander redeten, weil wir durch keinen Namen noch Titel an gesellige Convention erinnert wurden.

Drei wonnige Tage durfte ich so in guter Kameradschaft mit ihr verleben. Sie war wie Nausikaa, es fiel ihr nicht ein, vor dem hergewehten wildfremden Menschen zu fliehen. Sie kam täglich von Riva zu Boot herüber, ganz allein, eigenhändig rudernd. Ihr Zweck war, eine begonnene Aquarellskizze zu vollenden. Sie war eifrig bei der Arbeit; als ich aber einmal versuchte, ihr etwas Schmeichelhaftes zu sagen, lachte sie fröhlich und sagte:

»Ich sehe, daß ich es mit keinem Kenner zu thun habe, und das ist mir lieb; um so ungestörter kann ich streichen. Es handelt sich hier um kein werdendes Kunstwerk, sondern das Blatt ist einzig zur Stütze für meine Erinnerung bestimmt.«

In heiterer Beschämung ließ ich das auf sich 70 beruhen. Mit stillem Schrecken aber sah ich das Werkchen nur zu eilig der Vollendung sich nahen. Die Folge mußte sein, daß sie dann nicht mehr nach Torbole kam, ich mußte sie in Riva aufsuchen – und dort fand ich sie unter Menschen. Diese Aenderung in unserm Verkehr empfand ich im Voraus wahrhaft schmerzlich.

Und dieser Schmerz offenbarte mir, wie es schon mit mir stand: daß ich sie leidenschaftlich liebte. Und als mir dies klar ward, überkam mich sogleich auch ein unendliches Glücksgefühl. Ich fühlte mich seltsam sicher; die Furcht, sie könne mein Liebeswerben zurückweisen, trat garnicht an mich heran.

Und nun war die Arbeit vollendet.

Ich bat, sie in ihrem Boote nach Riva begleiten zu dürfen. Ich wollte nichts weiter, als die Zeit des rein menschlichen Beisammenseins noch um eine Stunde verlängern. Und dann allerdings nachher – auch das Andere.

Es ging schon gegen den Abend, als wir in dem Boote einander gegenübersaßen und uns mehr von dem leisen Winde treiben ließen, als daß ich die Ruder rührte. Auf den Bergen lag ein rosiger Schimmer, die Fluth erstrahlte in gewaltigem Blau; süß und schwer wie die Abendluft lag über uns eine Abschiedsstimmung, die aber doch wieder in sich das Vorgefühl des Beisammenbleibens trug.

71 Mitten in solche Weichheit regte sich ein Uebermuth; wir begannen einander mit Tropfen zu bespritzen und lachten dazu wie glückliche Kinder. Fast berauschend überkam uns die Wonne, daß wir hier losgelöst vom festen Erdboden und noch mehr von den Menschen in einer eigenen kleinen Welt lebten, in der die Alltagsrücksichten und Bedenken verschwanden. Noch nie war ich so ganz unbefangen, so homerisch gestimmt.

Glückselig traumverloren ließ ich mein Auge an den herrlichen Ufern hinschweifen.

Da erblickte ich die Stadt Riva, und der Gedanke durchzuckte mich: ehe du den Hafen dort erreichst, wirst du dich verlobt haben. Und ich flüsterte diesen Satz fast hörbar vor mich hin.

Da geschah mir etwas ganz sonderbares. Das bloße gedachte Wort Verloben wehte mich an mit einem Hauch des Vernünftigen, gut Bürgerlichen, Ehrbaren, Modernen. Die homerische Ganzheit des Empfindens bekam einen leichten Riß. Das Leben ist heute eben doch anders als in der heroischen Zeit, da Götter und Göttinnen liebten: es hängt an der Verlobung so vielerlei Krimskrams drum und dran. Wie aus einem Traume erwachend machte ich mir plötzlich klar, daß es unbedingt schicklich sei, vor der Verlobung zum mindesten meinen Namen, meinen Stand, meine Heimath zu nennen, und von ihr die 72 gleichen Notizen zu empfangen. Schicklich – – ja wohl, es war unbedingt schicklich.

Wie wunderlich dies so gewohnte harmlose Wort mich berührte, ganz fremdartig, beinahe feindselig und häßlich! Und doch vermochte ich seiner Gewaltherrschaft mich nicht mehr zu entziehen.

Mit einer plötzlichen Höflichkeit, die mir merkwürdig steif gerieth, machte ich fast unvermittelt meine Angaben. Sie sah mich überrascht, ja befremdet an; etwas wie ein Unbehagen, ein heimliches Frösteln ging über ihr feines Gesicht. Doch schnell gefaßt lachte sie und rief: »Richtig, das hatten wir ganz vergessen. Uebrigens höre ich außer dem Namen kaum etwas Neues. Daß Sie Docent sind, wußte ich schon lange; seine Standesgenossen kennt man wohl auch ohne Vorstellung. Sie werden auch nicht gezweifelt haben, daß ich eine Professorengöre bin. Cilli heiße ich und Kiesewetter-Greifswald mein Vater.«

Im ersten Augenblick klang mir's wie eine helle Glücksverkündigung aus dem verehrten Namen. Allein jählings durchfuhr mich dann ein Schreck: in dieser Stunde und wirklich erst in dieser drang mir's zum Bewußtsein, daß ich doch im Begriffe stand, gegen das Lebenswerk jenes meines Meisters einen Schlag zu führen, der es nach meiner Ueberzeugung einfach über den Haufen werfen mußte. Von dieser Seite hatte ich mein Unternehmen noch 73 garnicht betrachtet, noch nicht bedacht, daß es sich nicht bloß gegen eine Sache, sondern auch gegen eine Person richtete – und daß diese Person zum Unglück gerade die war, der ich zu so reichem Dank mich verpflichtet fühlte: dieser Mann hatte mir das Schwert ja geschmiedet, das ich heimtückisch nun gegen ihn selber zückte.

Nur wenige Augenblicke freilich konnte diese Erkenntniß mich ernstlich erschüttern, nur wie eine Giftschlange häßlich schillernd flüchtig über den Weg kriecht. Ich mußte mir sogleich beruhigend sagen: Vor der Wissenschaft gibt es persönliche Rücksichten nicht, die Sache nur gilt, für ihn wie für mich. Ueberdies hat kein Werk der Forschung ein Anrecht oder eine Aussicht auf ewige Geltung: es ist nur die Sprosse einer Leiter, die zu immer reineren Höhen hinanführt. Auch das meine wird dereinst überholt werden und veralten, und ich werde dem keinen Groll tragen, der mir dies nothwendige Schicksal bereitet. Nein, beirren lassen konnte ich mich in meinem Vorhaben nicht.

Aber in dem einen wurde ich dennoch irre: in meinem Verhältniß zu Fräulein Cilli. Hier galt doch das Persönliche; wie eine stille Lähmung überströmte mich die Frage: darfst du die Tochter dieses Mannes um Liebe bitten zu eben der Zeit, da du gegen ihn Krieg führst?

74 Nur soweit wirkte diese Lähmung, daß ich mir im Innern eine Bedenkzeit setzte – bis ich den Vater kennen gelernt, mir von seinem Wesen ein Bild gemacht haben würde. Ach, ich ahnte nicht, auf wie unendlich lange diese Bedenkzeit sich ausdehnen sollte.

Die erste schlimme Folge meines plötzlichen Schwankens, Verstummens war die, daß auch Fräulein Cilli die heitere Klarheit, das reine Sichgehenlassen gänzlich verlor. Meine innere Unruhe schien unmittelbar auf sie überzufließen. Sie nahm ein scheues, sprödes, ablehnendes Wesen an; als ob eine Furcht sie überkomme, sie könne sich etwas vergeben haben durch ihre sorglose Frische. Oder – oder es konnte ihr bei meinem hastigen Anlauf ein erstes Ahnen aufgestiegen sein, daß ich ernsthaft um sie werben wolle: – und sie gab mir nun einen freundschaftlichen kleinen Wink, daß sie unser bißchen Kameradschaft durchaus nicht so aufgefaßt habe.

Dieser Gedanke verstörte mich erst ganz, immer hölzerner wurde mein Benehmen, immer kühler das ihrige; unser Gespräch floß immer matter. So war denn die Landung in Riva zuletzt nur eine Erlösung von dumpfem Drucke.

Noch befreiender wirkte auf mich die Person des Vaters. Ich fand meine Freude an seiner hellen, ungebundenen, humorvollen Art, auch an der Derbheit, 75 mit der er zuweilen gegen fremde Anmaßung, Beschränktheit und derlei Untugenden losbrach. Der Mensch wurde mir schnell fast so lieb wie das Gelehrte verehrenswerth.

Aber er nahm mich auch völlig für sich in Anspruch, er umstrickte mich mit seinem Gespräch, während die Tochter aufmerkend, aber meist stumm daneben saß.

Erst ziemlich spät Abends wanderte ich bei Mondschein nach meinem stillen Torbole zurück. Unterwegs faßte ich den glücklichen Gedanken, meinen großen wissenschaftlichen Plan dem Professor vertrauensvoll mitzutheilen, der sachlichen Feindseligkeit dadurch die persönliche Spitze abzubrechen, daß ich dem Feinde selbst meine strategische Stellung im Voraus zeigte. Und dann hoffte ich auch der Tochter gegenüber meine Unbefangenheit wiederzufinden.

Wir hatten für den nächsten Morgen einen Spaziergang auf der herrlichen Ponalstraße verabredet. Hier begann ich nun Kiesewetter meinen Plan darzustellen, nicht ohne zuvor meiner Bewunderung für seine eigenen Verdienste vollen, ehrlichen Ausdruck zu geben – als ein linderndes Pflaster im Voraus auf die Wunde.

Diese Vorsicht aber erwies sich als vollkommen überflüssig, weil er durchaus nichts von einer Wunde empfand. Er nahm meine Ausführungen mit einer 76 freundlich überlegenen Theilnahme auf, wie etwa ein wohlwollender Leyrer die täppischen Versuche eines übereifrigen Schülers mit heiterer Nachsicht behandelt. Er ließ mich reden, widerlegte mich in Kleinigkeiten, und wo ihm nicht gleich ein triftiger Einwand kam, ließ er's ruhig gehen als nicht der Mühe lohnend, sich drum aufzuregen.

Solche selbstsichere Behaglichkeit ärgerte mich denn doch, und ich fing an schärfer vorzugehen: doch nur um so gelassener wurde seine Ablehnung. Wie Wassertropfen von einer glatten Wand glitten meine glänzendsten Beweise von ihm ab.

Diese stolze Ruhe bewirkte am Ende das kleine Wunder, daß ich selbst das Vertrauen zu meiner Weisheit verlor. So wenig ich mich widerlegt fühlte, irren konnte ich ja doch auch. So beschied ich mich schließlich in Schweigen und beschloß eine neue ernste Nachprüfung meines Gedankengebäudes. – Eine erfreuliche Folge dieses Zwiegesprächs war jedenfalls eine starke Entlastung meines Gewissens.

Mein Verhältniß zu Fräulein Cilli dagegen erhielt dadurch nur noch einen neuen Riß. Vor ihr – vor dem Vater nicht – fühlte ich mich ein wenig als der still Beschämte, der dumme Schüler. Und dies Gefühl ward dadurch nur bestärkt, daß sie selbst mir auf einmal wieder freier entgegentrat, aber nicht in der unbewußten Stille wie sonst, sondern mit einer 77 leisen Beflissenheit, wie um den abgeblitzten guten Jungen zu trösten.

Jetzt wurde ich darin vollkommen fest: von meiner Herzenssache konnte ich nicht eher zu ihr reden, als bis ich gezeigt hatte, daß ich das naseweise Bürschchen nicht war, das man mit gutmüthiger Schonung abspeisen konnte, sondern eine wissenschaftliche Potenz, mit der zu rechnen war im Guten oder im Bösen.

Daher beschloß ich, ungesäumt abzureisen und mich daheim in die Arbeit zu stürzen.

So schied ich denn von dem jovialen Professor in ungetrübter Freundschaft, von seiner Tochter in unklarem Schweben zwischen Fremdheit und sehnsüchtiger Hoffnung. Aber doch wieder in Hoffnung. Ein Wiedersehen wurde für die Herbstferien verabredet; da mußte ich sie in Greifswald besuchen, aber ganz selbstverständlich! Die Einladung des Professors war so herzlich wie möglich.

Ohne Aufenthalt kehrte ich nach Rostock zurück. Die Philologen sind dort nicht eben zahlreich; so fügte es sich denn glücklich, daß ich in diesem Semester gar kein Colleg zu Stande brachte und also meine Zeit für das große Werk voll auskaufen konnte. Es wuchs mir unter den Händen über alle Erwartung, meine Ueberzeugung und Zuversicht wurde freudiger als je. Im Herbst war das Ganze druckfertig und wanderte zum Verleger.

78 Und nun kam ich, wie Du weißt, um das Ende der Ferien wirklich nach Greifswald. Ich hoffte den halb abgebrochenen Faden mit Fräulein Cilli wieder anzuknüpfen und leise zum Guten weiterzuspinnen, wenn ich auch das letzte Wort bis nach dem Erscheinen meines Buches hinausschieben mußte.

Auch weckte die erste Begegnung alle Hoffnungen voll wieder auf. Cilli legte mir mit schalkhaftem Lächeln ihre Aquarellskizze von Torbole vor; und dieses harmlose Werkchen wirkte auf mich wie ein süßes Wunder: der ganze Sonnenschein von damals die ganze freie Stimmung floß wieder in meine Seele.

Es ist möglich, daß ich schon in dieser Stunde all meine Vorsätze über den Haufen geworfen und es zwischen uns zur Aussprache gebracht hätte, wenn dann nicht zum Unglück – oder richtiger zum Glück – diese wunderliche und räthselhafte Tante sich in das Spiel gemengt hätte, die an den Kindern des Professors die Mutterstelle vertritt. Höchst merkwürdig jetzt und jedesmal, wenn es mir gelingen zu wollen schien, die alte Vertraulichkeit mit Fräulein Cilli wieder anzubahnen, tauchte plötzlich wie aus Wolken diese verzweifelte Tante auf und zerriß gewaltsam mit plumpen Künsten das zarte Gespinnst. Nun, das ist begreiflich: so ein hergeschneiter Privatdocent aus dem wilden Lande Mecklenburg mochte ihr für ihre Nichte als ein zweifelhaftes Glück erscheinen.

79 Aber wie ist das Andere zu erklären? Allemal wenn die Entfremdung zwischen uns nun wirklich ernsthaft werden wollte, ich mich verzweifelnd zurückzog: wieder war die Tante aus den Wolken da und verstand es auf eine sonderbar geschickt-täppische Art, bald verworren-geheimnißvoll, bald zaunpfahl-deutlich mich wieder zu ermuthigen. Im Ernst, diese schreckliche Tante hat mich unendlich geängstigt und gequält. Ja, hätte sie mich ehrlich und folgerichtig abgelenkt, ich wollt' ihr's jetzt von Herzen danken: aber für diesen Zwiespalt in ihrem Benehmen fehlt mir jeder Schlüssel.«

Fritz Brunnemann lachte laut auf:

»Ja, die gute Tante Laura! Den Schlüssel zu deren Hirn und Herzen zu finden, ist freilich nicht so leicht, als die homerische Frage zu lösen.«

Fortunatus seufzte und fuhr trübe fort:

»Sie hat mich gequält, so im Herbst wie zu Weihnachten wieder: aber sie hat mir wahrscheinlich weder genützt noch geschadet. Fräulein Cilli selbst wollte mir wohl ihre Freundschaft zuwenden, – aber nicht mehr; daher ihr schwankendes Wesen. Jetzt endlich durchschaue ich sie ganz. Damals zu Weihnachten schied ich trotz Allem noch mit einiger Hoffnung. Mein Buch sollte binnen Kurzem erscheinen: und dann hoffte ich zum mindesten zur Klarheit zu kommen.

80 An ein Wiedersehen freilich wollte ich erst denken, wenn ich Kiesewetter's Aeußerung über mein Werk in der Hand hielt. Ich wartete in fieberhafter Spannung. Zwar war ich voll Zuversicht, seit das Buch in die Welt gegangen war. Ich weiß, es ist eine wissenschaftliche That, an der Niemand vorüber kann. Auch hat mir's an Zustimmung und Anerkennung nicht gefehlt; noch mehr Beifall würde mir fast bedenklich sein, denn ein schneller Erfolg ist echten Leistungen in Kunst und Wissenschaft nur ganz ausnahmsweise beschieden. Aber Kiesewetter's Urtheil war doch für mich von einschneidender Bedeutung, nicht ganz allein, weil er der Vater seiner Tochter ist.

Ich wartete vergebens von Monat zu Monat, die ganzen Osterferien hindurch, jetzt in wachsender Verstimmung. Und weiter Woche auf Woche, bis Pfingsten heranrückte. Nun erinnerte ich mich der zu Weihnachten getroffenen Verabredung zu dieser Pfingstfahrt, Maibowlenfahrt nannte sie schmunzelnd der Professor. Richtiger, ich wurde daran erinnert durch eine briefliche Einladung, von seinem Famulus geschrieben, ohne persönliche Unterschrift.

Ich schwankte, ob ich ihr folgen dürfe. Da stieg in mir die Vermuthung auf, Kiesewetter wolle zuerst sich mündlich mit mir aussprechen. Das war ich sehr zufrieden, schon weil wir Gelehrten im mündlichen Verkehr uns weit größerer Sanftmuth zu 81 befleißigen pflegen, als wenn wir die Feder in der Hand haben. Und dann mochte es im freien Walde auch möglich sein, nicht nur der schrecklichen Tante zu entrinnen, sondern vielleicht auch angesichts des blauen Meeres jene erste Stimmung vom Gardasee wiederzufinden.

In so froher Ahnung begab ich mich denn endlich doch auf die Fahrt. Eben als ich aus der Hausthür trat, empfing ich die Morgenpost, ziemlich viele Briefe und Drucksachen. Ich steckte sie ein, um sie unterwegs zu lesen. Doch kam ich zwischen Rostock und Stralsund noch nicht dazu, weil ich den Wagen mit einigen Collegen theilte, deren Gespräch mir keine Ruhe ließ. Ich würde sonst, statt über den Sund zu setzen, mit wendender Post in mein Mecklenburg zurückgekehrt sein.

Also erst auf der Weiterfahrt von Altefähr nach Putbus, wo ich allein blieb, öffnete ich meine Postsachen: darunter war dies Heft, ein Sonderabzug aus einer philologischen Zeitschrift. Nun weißt Du Alles, und Du wirst es begreiflich finden, daß ich entschlossen bin, sobald der Greifswalder Dampfer in Sicht kommt, diesen Ort zu verlassen und mich auf den Heimweg zu begeben.«

»Also jedenfalls eine der größeren Narrheiten Deines Lebens zu begehen,« bemerkte Brunnemann mit Nachdruck, »und das will schon etwas besagen. Aber Mensch, um Gotteswillen, die Hauptsache ist 82 für Dich doch immer die Tochter, und was haben die gelehrten Bannflüche des Vaters mit dem Herzen der Tochter zu schaffen?«

»Leider nur zu viel,« sagte Fortunatus betrübt, »für mich bedeutet diese Schrift des Vaters zugleich einen wohlerwogenen Korb von der Tochter in einer freilich neuen und originellen Form. Denn entweder hat sie sich um mein Buch und die Antwort darauf überhaupt nicht gekümmert: das würde bei ihr, wie sie ist, das Schlimmste beweisen, nämlich vollendete Gleichgültigkeit – oder sie ist eingeweiht: dann hat auch der Ton des Artikels ihre Billigung. Und das ist eben der Korb.«

»Höre mal, lieber Doctor,« sprach Brunnemann, die Hände pathetisch gen Himmel hebend, »wenn Dein berühmtes Homerbuch in seinen Voraussetzungen und Schlüssen nicht auf festerem Boden steht als diese Behauptung, dann hätte Freund Kiesewetter getrost noch ein bißchen tiefer in den Sprachschatz des Fischmarkts greifen können, ohne Dir wesentlich Unrecht zu thun. Die Annahme, daß ein deutscher Professor keine Grobheiten schreiben könne ohne den Segen seiner Tochter, ist doch mindestens kühn.«

»In diesem Falle, nein,« sagte Fortunatus fest, »in diesem Falle geht der Weg zum Herzen der Tochter durch den Geist des Vaters. Ich habe hier nichts mehr zu gewinnen.«

83 »Logik schwach,« sprach Brunnemann etwas ärgerlich, »setz' Dich Einen 'runter. Zum mindesten liegt doch die Möglichkeit noch vor, daß sie von garnichts weiß: mir sogar der weitaus wahrscheinlichere Fall. Du aber bist denn doch auf die allerkleinste Möglichkeit hin vor Dir selber verpflichtet, zu bleiben und erst urkundlich festzustellen, wie die Sachen für Dich stehen.«

Fortunatus machte eine Gebärde der Verzweiflung.

»Für mich ist das entschieden,« sagte er düster, »Du kennst Fräulein Cilli nicht. Und dann zum Ueberfluß bedenke das Andere, was ich schon sagte, daß ich unter dem Zorne des Vaters ein brotloser Privatdocent bleibe. Dürfte ich ihr anbieten, diese Jammerexistenz mit mir zu theilen?«

»Ja, wenn es im Ernste so steht,« meinte Fritz Brunnemann, »dann hättest Du Dich freilich zehnmal bedenken sollen, ehe Du dem Löwen auf den Schwanz tratest. Zum mindesten konntest Du das bis nach der Hochzeit verschieben.«

»Wissenschaft ist Wissenschaft,« sprach der Privatdocent kurz.

»Nun, ich will mir die Aufforderung sparen,« sagte Fritz, »Du mögest Dir den Ruhm des Laudabiliter se subjecit erwerben: Du würdest mich ja doch bloß zur Thüre hinauswerfen. Um so mehr aber bist Du darauf angewiesen, Dich noch heute mit 84 Fräulein Cilli ins Reine zu setzen und dann durch sie den Alten zu einem wenigstens äußerlichen Frieden zu zwingen. Gegen seinen Schwiegersohn kann er vielleicht noch weitere Brandschriften in die Welt setzen, aber dessen Lebensstellung untergraben kann er nicht mehr. Also Du wirst hier bleiben und den Stier bei den Hörnern fassen. Verzeih das unpassende Gleichniß.«

»Mit andern Worten, ich soll mir ein Amt durch Hinterthüren erschleichen!« rief Fortunatus heftig, »der Vorschlag kann nur ein schlechter Scherz sein. Ich sage Dir, ich gehe. Die Hauptsache bleibt: ich habe keinen Glauben mehr an Cilli's Liebe.«

Fritz Brunnemann sprang auf einmal in eigenthümlicher Erregung von seinem Stuhle empor, daß der polternd hintenüberfiel, lief eine Weile im Zimmer hin und her und sprach dann in gänzlich veränderter Redeweise und Stimme:

»Auch gut. Ich habe das Meinige gethan. Mensch bin ich auch nur. Ich bitte Dich nunmehr aber selbst sehr dringend, vor der Ankunft des Dampfers zu verschwinden und Dich nicht mehr zu zeigen, auch nicht von weitem. Und nicht wahr, ich habe die Vollmacht, Fräulein Cilli Deinen endgültigen Verzicht in irgend einer Form so beizubringen, daß sie davon überzeugt wird, es sei kein Rückfall zu erwarten? Ich habe dann nämlich noch besondere Pläne für meine eigene Person.«

85 »Was – für – Pläne?« fragte Fortunatus mit unsicherer Stimme.

»Fräulein Cilli zu heirathen,« versetzte Fritz trocken. »Natürlich nicht gleich morgen oder übermorgen. Einige Zeit muß ich ihr lassen, die jetzige Liebe zu überwinden.«

Fortunatus stieß einen dumpfen Ruf der Ueberraschung aus. »Du – Cilli?« stammelte er mühsam, »und was willst Du sagen mit der jetzigen Liebe?«

»Schäfchen!« sprach Fritz, »daß sie Dich jetzt liebt oder wenigstens noch zu Weihnachten liebte, konnte ein Pferd ohne Brille sehen. Doch so etwas geht vorüber. Ich rechne, in sechs Monaten liebt sie mich – oder irgend einen Anderen – beinahe ebenso. Und nächsten Pfingsten ist sie glückliche Gattin. Du glaubst doch nicht etwa, die homerische Nausikaa sei nach dem Abgange des Odysseus eines nachschmachtenden Todes verblichen? Ich wette vielmehr, sie hat nicht zu lange danach den Phäakenjüngling geheirathet, den Papa Alkinoos ihr bestimmt hat, und ist mit dem sehr glücklich geworden. Denn ein gesundes Herz wird zuletzt immer glücklich.«

Fortunatus starrte ihn an mit hochrothem Gesicht und brennenden Augen. »Du also wolltest –?« fragte er tonlos. »Ich meine, Du hast die Absicht?«

»Absicht eigentlich nicht,« fiel Fritz schnell ein, 86 »doch das Schicksal will es. Mein Opfer ist nicht angenommen.«

»Opfer? Ich begreife nicht –«

»Dafür bist Du auch bloß ein Gelehrter. Also kurz: Fräulein Cilli hat mir gefallen, so lange ich sie kenne, seit ich hier auf Rügen meine Pachtung habe und oft nach Greifswald komme. Und ich hätte sie für mein Leben gern geheirathet. Aber Du kennst das Loos eines Landmanns, der so wenig Geld hat wie ich, oder kennst es auch nicht. Er kann bestehen, wenn er sich ein Bauerngut kauft und das als ehrlicher Bauer bewirthschaftet, er kann sogar ganz wohlhabend dabei werden, wenn ihm nämlich eine tüchtige Bäuerin zur Seite steht; aber die ist so nöthig wie der Bauer selbst. Glaubst Du nun, daß Fräulein Cilli zu einer solchen sich eignet? Sie würde ja die Arbeit gewiß übernehmen und leisten; aber sie würde daran langsam hinsiechen, vielleicht körperlich nicht, aber auf andere Weise. Du verstehst mich ganz gut. Sie könnte dann weder Homer lesen noch sonst feine Sachen treiben. Nein, es wäre eine Sünde, sie zur Bauersfrau zu machen. Besagter Landmann kann aber auch eine größere Pachtung übernehmen und seine Geliebte als stattliche Hausfrau darüber setzen, eine tüchtige Mamsell natürlich daneben. Das geht dann vielleicht eine Weile ganz gut, vielleicht sogar ziemlich lange: vielleicht aber 87 auch nicht. Ein paar Mißernten hintereinander, und die Karre kippt um! Der Herr Gutspächter zieht als ruinirter Mann von seinem Hofe und die stattliche Gutsfrau mit ihren Kindern kann sehen, wo sie unterkommt bei fremden Leuten. Das ist nun wieder ein Schicksal, das man einem Mädchen, wie dieses ist, am wenigsten gönnt.

Summa summarum: sie ist zu schade für mich, obgleich das schlecht ausgedrückt ist, denn ich schätze mich durchaus nicht so übermäßig gering ein. Aber sie ist von einer anderen Art: und die schätze ich doch wieder noch ein bißchen höher. Du verstehst mich auch jetzt wieder.

Darum war es zweifellos besser, wir blieben hübsch auseinander. Doch weil mir das schauderhaft sauer wurde, mich immer leise von ihr fern zu halten und dies durchzuführen rein von Vernunft wegen, darum dankte ich meinem Schöpfer, als ich damals merkte, ihr beide hattet Feuer gefangen an einander.

Und jetzt kommst Du mir mit dieser Mordsschwerenothsdummheit und machst Dich und mich zum Narren und wirfst Alles durcheinander. Schön, also geh Du zum Teufel, und ich heirathe Cilli. Ihre jetzigen Thränen und ihr künftiges Unheil aber komme über Dein Haupt!«

Fritz sprach immer hastiger und heftiger, zuletzt 88 beinahe wüthend. Fortunatus aber ergriff seine Hand und sah ihm gerührt und forschend ins Auge.

»So warst Du nun immer,« sagte er leise, »ein Narr und ein Weiser in Einem zugleich. Ein Narr, daß Du Dich selbst immer vor Anderen zurückstellst, am meisten vor mir, und immer bereit bist, Deine heißesten Wünsche zu vergewaltigen: und ein Weiser, daß Du das wirklich zu Stande bringst und doch dabei Deine innere Heiterkeit siegreich behauptest. Das ist nun wieder so groß und so schön, was Du da gesagt hast, und leider auch so trübselig überzeugend. Du bist so wenig wie ich in der Lage, Cilli das Glück zu bereiten, das wir beide ihr wünschen; es ist nicht anders, wir müssen beide zurücktreten zu Gunsten eines glücklicheren Dritten.«

»Nein, sag' ich!« rief Brunnemann mit starker Betonung. »Da irrst Du Dich denn doch in mir. Vor Dir trete ich zurück, weil ich weiß, warum, aber vor keinem Menschen sonst in der Welt. Das laß Dir gesagt sein und richte Dich danach. Wenn Du sie verschmähst, treibst Du sie mir in die Arme. Ihr Glück wird das nicht, aber ich kann nicht mehr anders. Also bitte, entscheide Dich: willst Du gehen oder hier bleiben?«

Fortunatus blickte zögernd lange vor sich hin. Endlich raffte er sich auf. »Ich will noch hier bleiben,« sagte er etwas scheu, »weil Du es denn so haben willst.«

89 »Gott sei gepriesen!« rief Brunnemann schnell. »Die Vernunft kommt Dir wieder. Und Du konntest nicht anders, Dein Zartsinn mußte so entscheiden um Cilli's willen.«

»Zehntausend Donnerwetter, nein!« rief Fortunatus wild auf den Tisch schlagend. »Laß uns ehrlich bleiben, Fritz, wenigstens wir zwei vor einander. Kein Zartsinn, nein, die ganz nichtsnutzige, mordsgiftige Eifersucht hat mich gepackt bei dem bloßen Gedanken, Cilli könnte Dein werden. Das ist das ganze Geheimniß! Da hast Du den lieben Kerl, Deinen sogenannten Freund!«

»Gott sei gepriesen,« rief Brunnemann nochmals, »und nun erst recht! Ich will Dir's gestehen, ich begann schon heimlich zu zweifeln an dem Ernst Deiner Leidenschaft, da sie sich durch so krause Erwägungen lahm legen ließ. Jetzt bin ich beruhigt. Das war gegen Deine Natur; Deine Eifersucht zeigt mir, daß Du wieder Du selbst bist. Und jetzt weiß ich, Du wirst siegen.«

»Und Du?« fragte Fortunatus.

»Ich – habe meine arme Seele gerettet,« entgegnete Fritz, »und außerdem hoffe ich, Deine Frau wird einen ebenso guten Punsch brauen, wie ihr Vater: und da komme ich denn manchmal zu Euch. Gegen ganz guten Punsch hält keine unglückliche Liebe Stand.«

90 »Fritz!« sagte Fortunatus ernst, »ich fürchte, jetzt bist Du unehrlich.«

Jener lächelte etwas mühsam. »In gewisser Art kannst Du Recht haben,« sagte er langsam, »und doch wieder nicht ganz. Also halb und halb – was auch beim Punsch eine nützliche Mischung ist. Und eben in dem Wörtchen Punsch liegt der Drehpunkt dieser Frage. Fassen wir es grob leiblich, so habe ich gelogen: nein, einfach wegsaufen thut man so etwas nicht. Aber ich fasse es in viel weiterem Sinne. Es gibt auch geistige Pünsche, und zwar sehr gediegene; man muß sie nur zu brauen verstehen und namentlich auch zu trinken. Für mich zum Beispiel – Du, was gibst Du mir, wenn ich jetzt gleich einen zusammenbraue, der nicht nur mich, sondern auch unsern Professor so fröhlich berauscht, daß er all seinen wissenschaftlichen Aerger darüber vergißt? Du schüttelst den Kopf; aber unmöglich ist das nicht: ich kenne meinen Mann. Ich kann Dir sagen, wenn man Kiesewetter ordentlich zum Lachen bringen kann, wickelt man ihn in allem Ernst um den Finger. Sieh mal, ich lebe seit Jahren in einem kleinen Kriege mit ihm, der darauf hinausläuft, daß Jeder von uns den Anderen mit einem immer noch dümmeren Streiche zu übertölpeln versucht. Wenn mir das heute gelänge – das könnte Dir zu Gute kommen: mir aber erst recht. Ich könnte den Spaß 91 mit einem kecken Kartenkunststück in halben Ernst wenden und aus dem halben sachte in den ganzen. – Aber das verstehst Du nicht, Du bist eine zu steifleinene Natur; das ist immerhin ein Punkt, in dem ich klüger bin als Du, wenn auch der einzige. Aber bitte, hilf mir nachdenken; fällt Dir nicht ausnahmsweise so ein brauchbarer Witz ein, aber wirklich ein recht dummer?«

Fortunatus seufzte. »In meiner Lage ist mir wahrhaftig nicht nach Witzen zu Muthe,« sagte er etwas verdrießlich. »Und übrigens begreife ich Deine Meinung auch nur zum Theil und mißbillige sie ganz. Da hilft nun nichts, ich bin eben zu steifleinen.«

»Selbsterkenntniß gut, setz' Dich Einen 'rauf,« sprach Brunnemann feierlich. »Also mit Witzen ist es nichts, ich bin nämlich auch nicht in der Stimmung, wie ich eben merke; da bleibt nichts übrig, als ernstlich zum Ernst zu schreiten, so wenig das auch mein Fach ist. Aber was versucht man nicht für einen Freund, der sich selbst nicht zu helfen weiß? Fassen wir also die Sachlage einmal logisch und wissenschaftlich ins Auge. Du hast Dich mit dem Geiste des Professors hoffnungslos verhäkelt; bleibt nichts übrig, als ihn von der Seite des Herzens her wieder zu versöhnen. Denn etwas der Art muß doch auch ein berühmter Gelehrter haben oder mindestens 92 ein Surrogat dafür, an das Du Dich wenden könntest.«

»Ich verstehe einmal wieder nicht, wie Du das meinst,« sprach Fortunatus trübselig und etwas verdrießlich.

»Na, da muß man schon ein deutscher Gelehrter sein, um das nicht zu verstehen,« rief Fritz beinahe grimmig. »Nun, dann will ich in Gottes Namen Dir etwas vorschlagen. Aber dann auch gleich etwas Forsches, das Deiner heroisch stilisirten Gemüthsart zusagen muß. Wie wär's zum Beispiel, wenn Du Dich darauf legtest, Fräulein Cilli durch irgend eine heldenhafte That das Leben zu retten: so etwas erweicht das verstockteste Vaterherz. – Bitte, sieh mich nicht so menschenfresserisch an; es steht ganz fest und ist zwar nicht aus Homer, aber aus hundert modernen Romanen zu lernen, daß liebende Jünglinge mit einer schneidigen Lebensrettung bergehohe Hindernisse schlank aus dem Wege räumen. Obendrein wirkt man damit nicht bloß auf die Väter, sondern auch auf das vielleicht noch schwankende oder sich schamhaft verhüllende Herz der Geliebten selbst –«

»Pfui!« rief Fortunatus entrüstet.

»Sehr beliebt sind zum Beispiel,« fuhr Fritz unerbittlich fort, »bei unsern angesehensten Dichtern durchgehende Pferde, wobei der rettende Held zugleich eine höchst vortheilhafte Pose einnimmt. Leider 93 muß ich fürchten, daß Du mit Pferden nicht gut umzugehen verstehst, am wenigsten mit Durchgängern. Doch fast noch schöner macht sich die Rettung aus einem brennenden Hause, schon wegen der effektvollen Beleuchtung. Die Schwierigkeit ist nur, Fräulein Cilli in solch ein Haus zu locken; Gewalt ist ausgeschlossen, und zur List gehört Klugheit, die wir beide nicht haben. Aber wie denkst Du über einen tollen Hund? Einen Mops zum Beispiel, der schon im gesunden Zustande so eklig aussieht? Wir dressiren einen solchen auf Tollheit, er stürmt mit gefletschten Zähnen gerade auf Deine Dame zu: Du wirfst Dich ihm todesmuthig entgegen, ringst mit ihm Brust an Brust –«

»Herr des Himmels, höre auf!« rief Fortunatus verzweifelt, »Du machst mich verrückt mit Deinem Geschwätz.«

»Das ist dann jedenfalls nur gesunde Homöopathie, die Dich wieder zurechtrückt,« behauptete Fritz, »denn daß Dein Geist ein bißchen aus den Fugen ist, wirst Du selbst kaum leugnen. Im übrigen wollte ich mit all den kühnen Phantasien nichts weiter beweisen, als daß der vernunftbegabte Mensch niemals die Flinte vorzeitig ins Korn werfen soll, sondern daß er selbst in den verzweifeltsten Lagen immer noch auf unvorhergesehene Zwischenfälle hoffen darf. Deine Lage aber ist noch nicht einmal verzweifelt. 94 Ich denke also, kommt Zeit, kommt Rath. Warten wir vorläufig, bis der Dampfer in Sicht kommt.«

Er that einen forschenden Blick aus dem Fenster. »Alle Achtung,« sagte er, »für die kühnen Schiffer aus der berühmten Hansestadt. Reichlich kühl muß die Seefahrt bei dem Ostwind sein und recht schaukelig auch; aber Seekrankheit ist eine gute Unterlage für künftigen Appetit und künftiges Vergnügen.«

»Siehst Du noch keine Rauchsäule?« fragte Fortunatus etwas aufgeregt.

»Das nicht,« sagte Fritz, »aber jetzt sehe ich etwas Anderes, das mir merkwürdig scheint. Zum Teufel, wo kommt der Bengel schon her? Siehst Du die menschliche Gestalt dahinten, die am Waldessaum langsam dahinschlendert und immer andächtig am Boden herumsucht? Das kann niemand anders sein als Fritz Kiesewetter, der hoffnungsvolle Neffe unseres Herrn Professors, trotz seiner großen Jugend übrigens schon Secundaner und höchst gediegener Schwerenöther. Doch Du mußt ihn ja kennen von Weihnachten her.«

»Freilich kenne ich ihn,« bestätigte Fortunatus, »und habe ihn sogar aufrichtig gern. Er ist ein geweckter und strebsamer Junge; ich habe manche Stunde mit ihm verplaudert und sogar ein bißchen Sophokles mit ihm gelesen, und zwar mit Glück. Auch ergötzte ich mich im Stillen an der scheuen 95 Verehrung, mit der er von seiner Base Cilli zu sprechen pflegte.«

»Sieh, sieh,« sagte Brunnemann, »dieser junge Knabe hat auch schon Gefühle; und obendrein Geschmack. Ein Räthsel ist mir nur, wie er hierherkommt ohne die Anderen. Ich will doch mal gleich hingehen und ihn ins Gebet nehmen. Es steckt sicher etwas dahinter. Zu mir hat er in manchen Punkten Vertrauen, nämlich in dunkeln, weil der ahnungsvolle Engel weiß, daß trotz meines ehrbaren Aeußern Affenstreiche auch meiner Seele nicht fremd sind. Um dieses Aeußern willen beehrt er mich respektlos mit dem Namen einer altgermanischen wilden Völkerschaft, Cherusker oder Rugier oder Turcilinger, und ich muß mir das gefallen lassen, weil ich mich im Grunde meiner Seele als so ein bärenhäutiges Ungethüm fühle. Gehab' Dich wohl, ich bin gleich wieder zurück. Vielleicht hat der Racker aus Zufall eine Witterung, wie im Hause seines Oheims die Stimmung gegen Dich ist. Dieser Forschung will ich mich unterziehen.«

* * *

Mit kräftigen Schritten eilte Fritz Brunnemann aus der Gaststube des kleinen Wirthshauses ins Freie und dem nahen Walde zu. Nach wenigen Minuten konnte er den Gesuchten mit seinem Zuruf erreichen. 96 Der junge Mensch drehte sich um und erkannte den Rufenden. Mit langbeinigen Sätzen kam er herbeigehüpft und begrüßte den Landmann mit einem beträchtlichen Freudengebrüll.

»Hurrah, Meister Fritz, großer Häuptling der Rugier, Scyren und Turcilinger,« schrie er ihm entgegen, »famos, daß Du da bist. Freue mich diebisch. Aber Du hast mir meine Kreuzotter doch mitgebracht?«

»Natürlich,« gab Brunnemann zur Antwort, »sogar ein ganz unlädirtes Prachtexemplar. Ein Forstgehülfe hat sie mir aufgestöbert; sie schwimmt seit acht Tagen säuberlich in Spiritus. Du siehst, wie ich für Dich sorge in Deinen wissenschaftlichen Trieben. Ich habe sie in der Gaststube, Du kannst sie gleich besehen und Deinen Dank stammeln. Uebrigens, Bengel, Du bist ja ganz blau gefroren. Leichtsinniger Hund, bei dem Mailüftchen ohne Mantel oder Tuch und wahrscheinlich auch ohne Unterhosen.«

»Selbstverständlich,« versetzte Fritz Kiesewetter stolz, »die alten Germanen trugen so etwas doch wohl auch nicht.«

»Ja, die tranken aber etwas Warmes,« belehrte ihn Fritz der Aeltere. »und das sollst Du jetzt auch. Komm mit hinein. Willst Du Kaffee oder Grog?«

»Grog natürlich,« sprach Fritz der Jüngere ohne Zaudern, obgleich er in seinem Innern leise erschrak; 97 denn die großen Kräfte dieses Getränkes waren ihm nicht unbekannt.

»Jetzt aber erkläre mir,« ermahnte Fritz Brunnemann, »wie Du eigentlich hierherkommst. Du bist doch allein?«

»Selbstverständlich,« versetzte Fritz der Zweite, »was brauche ich Gesellschaft? Das sind ja doch meist bloß Frauenzimmer. Und dann, weißt Du, die Dampfschiffahrt! Ich neige nämlich etwas zur Seekrankheit, die bekanntlich immer die kräftigsten Leute am leichtesten befällt.«

»Ja wohl, manchmal sogar die,« warf Fritz der Erste dazwischen. »Also hast Du lieber den riesigen Umweg mit der Post über Stralsund gemacht?«

»I Gott bewahre,« rief Fritz II. verächtlich, »dann schon lieber zu Fuß, da kommt man doch schneller fort. Ich bin vielmehr mit einem Fischer gesegelt, der grade herüberfuhr.«

»Was??« fragte Fritz I. sehr erstaunt, »Du fürchtest Dich vor der Seekrankheit und fährst bei dem Winde mit einem Fischerboot, statt mit dem Dampfer? Junge, blödsinnig warst Du sonst nicht, wenn auch reichlich verdreht.«

»Fürchten?« rief Fritz II. sich hoch aufreckend, »vor so etwas? Lächerlich. Ich mache mir nicht so viel draus. Aber weißt Du, auf dem Schiffe, unter all den Frauenzimmern – und Onkel Kiesewetter 98 macht dann immer so anzügliche Witze; denn er selbst ist natürlich seefest wie die meisten schwächlichen Menschen. Und Cilli hat dann so ein halb mitleidiges Lächeln – das kann ich nicht aushalten. Lieber die doppelte Portion Seekrankheit.«

»Und die hast Du natürlich auf dem Boote genossen?« vermuthete Fritz I.

»Allerdings,« gestand Fritz II. ehrlich, »wie immer die kräftigsten Menschen. Aber was thut das? Es geht schnell vorüber, und man kriegt nachher immer einen so prachtvollen Appetit.«

»Wie immer die kräftigsten Menschen,« nickte Fritz I, »jetzt begreife ich übrigens Alles und Vieles noch außerdem. Alle Hochachtung vor diesem Deinem Heldenstück! Das verdient unter den Thaten berühmter Liebeshelden aufgezählt zu werden. Ulrich von Lichtenstein hat nichts Größeres geleistet. Eine doppelte Portion Seekrankheit freiwillig aufsuchen, bloß weil man den Mitleidsblick seiner Dame nicht aushält, das ist so gut wie ein Kampf mit dem Drachen. Zu solcher ungeheuren Narrheit habe selbst ich es in diesem Zustande noch nicht gebracht. Jetzt glaube ich auch, daß Du einen Grog verträgst, und Du sollst ihn haben.«

»In welchem Zustande?« fragte Fritz II. unschuldig.

»Heuchler!« beschied ihn Fritz I., »in dem, wo man Fräulein Cilli's Mitleid nicht aushält.«

99 Sie hatten das Wirthshaus erreicht und traten in die jetzt leere Gaststube. Der Secundaner stürzte sogleich auf ein hohes Glasgefäß zu, das die verheißene Kreuzotter enthielt, und betrachtete sie mit Entzücken.

»Die erste richtige Giftschlange in meiner Sammlung!« sagte er fast andächtig. »Meine neue Ringelnatter mußt Du aber auch sehen, ein Prachtstück, sage ich Dir, die reine Riesenschlange. Schade, daß sie nicht giftig ist. Da ist diese hier doch vornehmer. Weißt Du, daß von der Kreuzotter neulich bei Brandshagen wieder ein Kind gebissen und richtig todt geblieben ist, weil nicht gleich Hülfe zur Hand war. Man glaubt das garnicht, daß man in unsern ehrlichen deutschen Wäldern von solchen Lebensgefahren bedroht sein kann. – – Was machst Du auf einmal für sonderbare Augen, Turcilingenhäuptling? – Au, laß los. Du zerquetschest mir ja den Arm. Was ist Dir denn eigentlich in die Krone gefahren? Daß Kreuzottern beißen und Giftzähne haben, ist Dir doch nichts so Neues.«

»Du, ich habe eine Idee!« rief Fritz Brunnemann mit einem kräftigen Pfeifen, »sie ist mir eben aufgestiegen, eine Idee, die sogar Deinem verhärteten Gemüthe Bewunderung abzwingen wird. Eine Idee, die so groß ist, daß Du es überhaupt nur bei einem Glase Grog wirst ertragen können, ihr frei ins Antlitz 100 zu sehen. – Zwei Glas Grog, Rickmann, das eine ganz steif und das andere ein bißchen wacklig. aber der Löffel muß immer noch drin stehen können. – So, komm her, Junge, setz' Dich, sieh mir kühn ins Gesicht und höre aufmerksam zu. Ich will Dir die Sache entwickeln. Ich brauche Deinen Beirath, und wahrscheinlich fällt Dir die Hauptrolle in dem Schauerdrama zu. Bist Du bereit zu trinken und das Schwerste zu hören?«

Fritz II. nickte lachend und nahm an dem einfachen Kientische Platz, Fritz I. ihm gegenüber; die dampfenden Gläser wurden gebracht, und Brunnemann hub an zu reden:

»Zum Ersten eine Frage: Du kennst meinen Freund Fortunatus Wiedehopf, den berühmten Privatdocenten der Universität Rostock?«

Das Gesicht des Secundaners nahm einen begeisterten Ausdruck an:

»Ich kenne, ich verehre, ich liebe ihn!« rief er feurig. »Wenn ich zur Universität gehe, werde ich überhaupt nur ihn hören. Ich nenne ihn jetzt schon mit Stolz meinen Lehrer. O Turcilinger, Du ahnst nicht, was das für ein Lehrer ist. Man hört nicht bloß, man sieht Alles, was er Einem darlegt.«

»Gut, freut mich ungeheuer, daß Du ihn gern hast,« sagte Fritz II., »denn das kommt meinem Plane gradeaus entgegen. Und nun eine zweite unschuldige 101 Frage: Bist Du gewillt, Deine Cousine Cilli Kiesewetter zu heirathen? – Na, vom Stengel brauchst Du nicht gleich zu fallen! Es ist ja nur eine Frage.«

Der unglückliche Secundaner fiel wirklich beinahe vom Stuhle, sein Gesicht war wie in Blut getaucht, und er schoß mit dem Munde auf das dampfende Glas zu, als wollte er es mit einem Schlucke vertilgen, verbrannte sich dabei gehörig den Schnabel und prustete erbärmlich. Darauf starrte er mit tief entrüsteten Blicken den Frager an, ohne ihn einer Antwort zu würdigen.

»Ich darf aus Deinem hartnäckigen Schweigen wohl ein Nein entnehmen,« fuhr Jener gemüthsruhig fort, »Du scheinst also gesonnen, großherzig Deiner Liebe zu entsagen?«

Der junge Fritz schoß noch einmal an das bösartige Getränk, verbrannte sich abermals und fuhr sich dann mit dem Taschentuche nachdrücklich über das glührothe Gesicht. »Herr Gott, wie das Zeug heiß macht!« stöhnte er in gräßlicher Verlegenheit.

»Heuchler! Lügenmaul! Verräther an Deiner Liebe!« sprach Fritz I. herbe. »Und als der Hahn dreimal krähte, hatte Petrus den Herrn dreimal verleugnet. Du aber verleugnest sogar Deine Herrin, das ist dreimal schändlicher. Glaubst Du, daß ein germanischer Krieger oder ein Kreuzritter jemals seine Liebe verleugnet hätte? Lieber hätte er sich die 102 Zunge am steifen Grog bis zum Verdorren verbrannt. Das Schlimmste ist, daß Du damit dreist zu verstehen gibst, Deine Cousine Cilli sei ein ziemlich abscheuliches Frauenzimmer –«

»Sag' das nicht noch einmal!« schrie der Jüngling mit Donnerstimme, nahm aber gleich wieder einen Schluck, selbst erschrocken über seine Heftigkeit.

»Ja, wozu brauchst Du Dich dann Deiner Liebe zu ihr zu schämen?« fragte Brunnemann dagegen. »Rühmen solltest Du Dich ihrer und die Farben Deiner Herrin freudig am Helme tragen! Statt dessen kneifst Du in der schimpflichsten Weise –«

»Nun gut, ja, ich liebe sie!« bekannte Fritz II. großartig mit wildtrotziger Miene und stieg wieder ins Grogglas.

»Na, siehst Du, das sag' ich ja!« nickte Fritz Brunnemann, »das ist nun aber, offen gestanden, grade nichts Besonderes. Denn in Deinem Alter und in Deiner Klasse liebt der Mensch immer. Aber daß Du entsagen willst, freiwillig entsagen: das ist würdig, rührend und wahrhaft groß. Und nebenbei auch sehr verständig. Denn immerhin wirst Du Dir sagen müssen: Du bist fünfzehn, sie zwanzig; das will sagen, in zehn Jahren, wenn Du sie vielleicht heirathen kannst, dreißig: und das streift für ein junges Mädchen schon ganz dicht an das Greisenalter. Sie hat ja aber mehrere kleinere Schwestern; da ist 103 nun mein Rath, die liebst Du einfach der Reihe nach durch, bis Du endlich an die Rechte kommst; das wird wohl die Jüngste sein, die jetzt noch nicht mitspricht. Doch das ist Zukunftsmusik; vorläufig bleibt Dir der ganze Schmerz der Entsagung.«

Fritz II. starrte in dumpfer Erregung stumm vor sich nieder. Das heiße Getränk stieg ihm leise zu Kopf und machte ihn großen Empfindungen besonders zugänglich.

»Fritz, weißt Du, ich glaube, ich könnte für Cilli sterben,« murmelte er endlich träumerisch.

»Ist meine feste Ueberzeugung.« versicherte Fritz I., »aber Du sollst mehr und Schwereres thun: Du sollst entsagend leben, mindestens bis morgen, bis Deine Arbeit für sie gethan ist. Bis morgen ist hoffentlich ihr Glück errungen. Wenn Du dann sterben willst, steht dem nichts Besonderes im Wege. Natürlich entsagst Du zu Gunsten eines Andern.«

Fritz II. zuckte leise zusammen. »Muß es denn so bald sein, daß sie heirathet?« fragte er schüchtern, »sie ist noch so jung.«

»Es muß heute noch sein,« entschied Fritz I. hart, »das heißt, verloben muß sie sich noch heute. Für sie ist das nämlich angenehmer als noch zu warten, und auf sie kommt es an, so viel wirst Du von der Entsagung schon verstehen. Und für Dich ist's auch besser; denn weißt Du, so was ist wie 104 mit einem kranken Zahn: das Ausziehen thut ja schauderhaft weh, ist aber immer noch besser als immerwährendes Zahnweh. Entschließ Dich also und gib sie heute noch frei. Dein Edelmuth wird dann um so leuchtender dastehen«.

»Nimm sie hin und behalte sie,« murmelte der Jüngling dumpf mit schwimmenden Blicken. »Du sollst sie heute noch haben.«

»Ich? Wo denkst Du hin?« versetzte Fritz II. kühl. »Nicht um meinetwillen sollst Du entsagen: wie würde ich so sein? sondern zu Gunsten Deines geliebten Lehrers Fortunatus Wiedehopf.«

Des Jünglings Augen strahlten hell auf.

»Zu seinen Gunsten?« rief er froh jubelnd, »er will sie heirathen? O das ist herrlich! Das Schönste, was ich mir denken kann!« Und tiefer in sich versinkend hauchte er in stiller Verzückung: »Ich beginne zu ahnen, welch' himmlische Lust die Entsagung sein kann.«

»Das kann sie,« bestätigte Fritz I., »aber um diese Lust zu verdienen, mußt Du mehr noch thun als bloß schweigend zurücktreten. Du mußt thätig mitwirken zu ihrem Glücke.«

Des Jünglings Begeisterung fing an überzuschäumen.

»Ich will für die Beiden durchs Feuer gehen,« erklärte er fest.

105 »Das kann ihnen wenig nutzen, daß Du Dir die Stiefelsohlen verdirbst,« bemerkte Fritz I., »Du mußt ein größeres Opfer bringen, nämlich kein geringeres als Deine Kreuzotter.«

Fritz II. erschrak ernstlich und warf einen schwermüthigen Blick nach dem hohen Glasgefäß, das auf dem Fensterbrett stand. »Das wird mir furchtbar schwer,« murmelte er kleinlaut. »– Aber wieso ist denn das nöthig? Was hat das mit ihrem Glücke zu thun? Das ist doch reiner Unsinn.«

»Das sollst Du erfahren,« sagte Fritz I. »Also er liebt sie, und sie liebt ihn, soweit ist alles in Ordnung. Doch der Vater will nicht, der alte Barbar, der garnicht werth ist, Dein Oheim zu heißen.«

»Aber wie ist das möglich?« rief Fritz II. verwundert. »Was kann er gegen ihn haben? Gegen diesen herrlichen Menschen? Das kann ich mir garnicht vorstellen.«

»Und doch ist's eine Thatsache,« behauptete Fritz I., »die Gründe sind Nebensache. Wissenschaftliche Eifersucht, scheint es. Jedenfalls ist unsere Aufgabe, einen starken moralischen Zwang auf ihn zu üben. Und das soll geschehen, indem wir gewaltsam an sein Vaterherz pochen. Und das soll geschehen vermittelst Deiner Kreuzotter.«

»Aber wie kann man mit Kreuzottern an 106 Vaterherzen pochen?« fragte Fritz II. kopfschüttelnd, »und noch dazu mit einer in Spiritus?«

»Sie muß wieder lebendig werden,« erklärte Fritz I. »Natürlich nur zum Schein. Denn in Wirklichkeit wird sie's nicht wollen: wer einmal mit dem Leben ganz abgeschlossen hat, kehrt freiwillig nicht mehr in dieses Jammerthal zurück. Noch deutlicher gesprochen: dies giftige Unthier soll Cilli beißen, Fortunatus soll ihr durch heldenhafte Geistesgegenwart das Leben retten, indem er ihr mit eigener Todesgefahr das Gift aus der Wunde saugt: denn der kleinste Riß in der zarten Haut seiner Lippe oder Zunge leitet unfehlbar das tödtliche Gift in das eigene Blut. Verstehst Du nun, wie man mit Giftschlangen ein Vaterherz bestürmen kann?«

Fritz II. brach in ein jauchzendes Gelächter aus, sprang von seinem Stuhle und drehte sich eine beträchtliche Zeit lang fröhlich auf einem Beine herum.

»Das machen wir! Das machen wir!« rief er entzückt. »Ich opfere meine Schlange. Und weißt Du, so richten wir's ein: wir wollen doch im Walde, auf dem Rasen unser Mittag essen; da setze ich mich neben Cilli, schiebe die Kreuzotter heimlich unter ihr Kleid und pieke sie dann vorsichtig mit einer Gabel in den Fuß oder auch mit meinem Taschenmesser – richtig, mit dem Champagnerbrecher: ich hab' nämlich 107 einen daran! Natürlich wird sie aufschreien; nun stürzest Du herbei und schlägst auf das Thier mit dem Stocke: aber weißt Du, wenn sich's machen läßt, ohne es zu sehr zu lädiren. Und dann ist's Herrn Wiedehopfs Sache, an der Wunde zu lutschen. Wenn er nicht gleich darauf verfällt, mußt Du das deichseln und ihm einen Wink mit dem Zaunpfahl geben.«

»Will ich schon besorgen,« nickte Fritz Brunnemann. »Im Uebrigen bewundere ich einmal wieder Deine leuchtende Fassungsgabe in Allem, was ernstlich nach einem dummen Streiche aussieht. – Nur nehmen wir statt des Fußes wohl besser die Hand oder den Arm, falls es unbemerkt geschehen kann; Du bist ja aber in Taschenspielerkünsten eine Art Berühmtheit. Erstens ist der Arm nämlich schicklicher; auf so etwas muß man achten, wenn es sich um Verlobungen handelt. Und zweitens ist kein Strumpf und kein Stiefel darüber: da piekt es sich leichter, nämlich für die Schlange, und auf die muß man doch Rücksicht nehmen. Und drittens gibt es ein schöneres Bild, wenn der todesmuthige Mann sich knieend mit Anmuth über den Arm beugt, als wenn er sich der Länge nach platt auf dem Bauche im Grase wälzt. In allem Weiteren kommt es nur auf Ruhe und Besonnenheit und sichere Verstellungskunst an, und darauf verstehen wir uns ja beide. Vor 108 Allem gilt es, das Biest schnell genug todtschlagen, damit es nichts ausplaudert. Das soll mein Amt sein, und ebenso werde ich die wissenschaftliche Bestimmung übernehmen, daß es sich in der That um die äußerst gefährliche Kreuzotter handelt – siehe den Fall Brandshagen. Zugleich nenne ich das Rettungsmittel, ohne natürlich für meine Person den tollkühnen Wagemuth erschwingen zu können; gut wird es sein, wenn Du den Fortunatus sachte heranschieben und irgendwie mit der Nase darauf stoßen kannst, doch wird dies kaum nöthig sein, er wird schon von selbst zuspringen. Ich kenne ihn doch. Während er nun mit der Blutsaugerei beschäftigt ist, mache ich mir's zur Aufgabe, den alten Barbaren und entarteten Vater grauenhaft zu verängstigen und so mürbe zu machen, daß er den edlen Retter noch kniefällig bitten soll, sein Schwiegersohn zu werden mit der Extraerlaubniß, über die Entstehung der homerischen Gedichte tagtäglich die ungeheuerlichsten Behauptungen ungestraft aussprechen zu dürfen. Nach vollbrachter That belohnen wir uns dann mit einem Verlobungspunsch und Du außerdem noch mit dem Bewußtsein großherziger Entsagung: das ist in Deinen Jahren an sich schon eine Art Punsch. Fürchte Dich nicht vor einem Uebermaß: ich bringe Dich nach Hause, kein Nachtwächter soll Dir etwas anhaben. Umarme mich, mein Genosse! Wir sind doch zwei gute 109 Menschen; und soviel gute Menschen auf einmal, das ist sehr viel für unsere herzlose Zeit.«

Fritz II. umarmte ihn wirklich mit aller Inbrunst; seine Rührung war so echt, wie nur Jugend und ein leidlich steifer Grog zu ungewohnter Stunde sie zu erzeugen im Stande sind. Doch überließ er sich nicht allzulange seinen Gefühlen, sondern nahm mit großer Umsicht die Schlange aus dem Glase und verpackte sie sorgfältig in ein altes Schirmfutteral, das er in seiner Tasche fand.

Sobald er aber nichts mehr zu thun hatte, ward er plötzlich von einem krampfhaften Schluchzen überfallen, setzte sich nieder, legte den Kopf auf den Tisch, schluchzte noch ein paarmal und ließ dann in einem gesunden Schlummer die Wirkungen des Frühtrunkes leise verdunsten.

Fritz Brunnemann betrachtete ihn eine Weile stumm mit einem sonderbaren, etwas schwermüthigen Lächeln und sprach zu sich selber: »So ist's recht; man muß sich so ein lammjunges und bocksnärrisches Spiegelbild seiner selbst schön greifbar vor Augen stellen, da erkennt man die Affensprünge der eigenen Seele am besten und lernt so vielleicht ihrer Herr werden. ›Ich beginne zu ahnen, welch himmlische Lust die Entsagung sein kann,‹ sagt dies junge Maischaf; wer doch auch erst am Anfang dieser Engelweisheit angekommen wäre! Alte Böcke aber sind 110 darin schwerfälliger. Nun, wenn mir dieser schwindelnde Hanswurststreich nicht darüber weghilft, ist mir überhaupt nicht zu helfen.«

Unter diesen Gedanken verließ er das Zimmer und stieg die Treppe hinauf zu seinem Freunde Fortunatus Wiedehopf. Eben als er eintrat, zeigte ihm dieser die schwarze Rauchwolke am Horizont, die das Nahen des erwarteten Festschiffes verkündete.

Der einsame Schläfer unten im Gastzimmer spielte unterdessen im Traum mit dem Verschluß seiner großen Botanisirbüchse, die vor ihm auf dem Tische lag; seine Finger öffneten sie unversehens, und heraus quoll allmählich ein buntes Gewimmel von allerhand unheimlichen Geschöpfen amphibisch-reptilischer Natur, Eidechsen, Salamander, Kröten, Frösche, Blindschleichen und dergleichen, dazu Käfer und Raupen in ansehnlichen Scharen. Das kribbelte vergnüglich auf dem Tische herum und schien auf seine Weise da Pfingsten feiern zu wollen. Er aber schlummerte fort, anzusehen wie ein jugendlicher Hexenmeister nach vollendetem Höllenwerk.

* * *

Er erwachte erst darüber, daß ein feines Stimmchen ihm seinen Namen ins Ohr rief. Und als er die Augen etwas mühsam aufthat, sah er vor sich sein jüngstes Cousinchen Trude Kiesewetter, die alsbald eifrig zu erzählen anhub:

111 »Wir sind alle da; wir Kinder alle und Papa und Tante Laura und viele Herren und Damen. Bloß Mathilde muß zu Hause bleiben; denk' mal, sie hat sich küssen lassen.«

»Was? Wer ist Mathilde?« fragte Fritz schlaftrunken.

»Aber Fritz! Das ist doch Mathilde,« antwortete das Cousinchen, »die uns unser Mittag kocht.«

»Richtig, Eure Köchin,« sagte Fritz sich besinnend, »die heißt ja Mathilde. Aber von wem hat sie sich küssen lassen?«

Auf diese seltsame Frage wußte die Kleine durchaus keine Antwort. Es ging nur ein dunkles Raunen durch die Reihe der Kinder seit diesem Morgen: Mathilde hat sich küssen lassen. Und zwar in der Hausthür. Die jungen Seelen weideten sich im Stillen an den unklaren Schauern dieser düstern Verschuldung. Daß ein Schlächtergeselle daran handelnd betheiligt war, drang nicht zu ihrer Kenntniß, war ihnen auch nebensächlich.

Fritz nahm die Kleine auf seinen Schoß, gab ihr einen Kuß und betrachtete sie wohlwollend und dennoch prüfend; denn er dachte daran, daß sie vermuthlich dereinst seine Frau werden würde. Doch er versuchte vergebens, sich diese Vorstellung zu einer recht lockenden zu machen. Sie ist ja allerliebst, die kleine Trude, dachte er, aber du lieber Gott, solch 112 ein jammerkleines Würmchen! Er dachte an die große Cilli und seine Entsagung, und neue Schwermuth ergriff ihn. Da bemerkte er plötzlich die schmähliche Flucht seiner amphibischen Klienten aus der Botanisirbüchse und ließ das Kind entrüstet zu Boden gleiten.

»Das hast Du gethan,« rief er mit noch mehr Verzweiflung als Ingrimm.

Indeß die Kleine jammernd ihre Unschuld betheuerte, gelang es ihm, die meisten der Ausreißer allmählich wieder einzufangen, obgleich sie zum Theil die verborgensten Schlupfwinkel gesucht hatten und ihm die Jagd dadurch nicht wenig erschwert wurde, daß Trudchen, im Bemühen ihm hülfreich zu sein, ihm immer wieder zwischen die Füße gerieth, wodurch er in seiner Empfindung nur noch bestärkt wurde, daß sie zu seiner Gattin doch nicht berufen sei. Doch hatte diese Mühsal den guten Erfolg, daß er völlig ermuntert und Herr seiner Geisteskräfte ward und auch von dem dämmernden Kopfweh, das ihn beim Erwachen bedrohte, keinen Hauch mehr verspürte.

»Sag' mal, Trudchen,« fragte er jetzt, »wie kommst Du denn eigentlich überhaupt so allein hierher? Das ist doch merkwürdig.« Er setzte sie dabei mit stiller Sorgfalt auf seinen Stuhl; denn eines gewissen zarten Respekts vermochte er sich jetzt auch solchem Wurm gegenüber nicht ganz zu erwehren, so ungewohnt der ihm sonst war.

113 »Tante Laura hat mich hierher gebracht,« berichtete die Kleine ein bißchen wehmüthig über solche Verstoßung, »weil Du hier drin warst. Und Du schliefst, und ich sollte Dich aufwecken. Und das hab' ich auch gethan.«

»Ich schlief nicht, ich that bloß so,« behauptete Fritz schamlos.

Und da erschien auch schon diese berufene Tante selbst, Tante Laura Kiesewetter, Schwester des Professors und Vorsteherin seines verwittweten Hauses. Sie trug an jedem Arm einen mäßigen Marktkorb mit verheißungsvoll klapperndem Inhalt; zwei Fischer trugen einen andern vielmal größeren Korb hinter ihr her und setzten ihn auf den Boden, worauf sie sich respektvoll grüßend entfernten.

Tante Laura stand eine Weile keuchend und pustend; von einem Gesicht war an ihr vorläufig noch nicht viel zu sehen; es wurde größeren Theils verdeckt durch einen Hut, der ungefähr aussah wie der obere Theil eines Planwagens, aus dem als Kutscher die Nase herausguckte. Erst als sie den mit einer gewissen umständlichen Feierlichkeit abgenommen hatte, kamen zwei lang herabfließende graue Locken zum Vorschein und zwischen ihnen ein schmales Gesicht, das den Eindruck machte, als sei es seit einiger Zeit aus der Mode gekommen und habe so lange im Schranke gelegen, möge aber vordem immerhin 114 etwas bedeutet haben. Indem sie jetzt messend den Raum überschaute, entdeckte sie Fritzen, der ihr heiter entgegenkam.

»Na, aber Junge!« rief sie verwundert. »Kein Mensch hat Dich auf dem Schiffe gesehen, und nun bist Du doch hier. Das ist doch sonderbar. Hast Du im Kohlenkasten gesteckt oder wo sonst? Na, gewöhnt ist man ja bei Dir an Streiche, und viel kommt schließlich auf Deine Anwesenheit bei der Gesellschaft nicht an, eher im Gegentheil, aber vielleicht weißt Du auch etwas von dem Anderen – sag' mal, Kind, ist am Ende dieser Herr Doctor Wiedehopf auch so auf Deine Art hier? Der ließ sich ja auch vermissen –«

»Allerdings ist er hier,« antwortete Fritz schnell.

Die Tante that einen Athemzug tiefer Erleichterung. »Gott sei gepriesen!« hauchte sie leise, »doch also wenigstens hier. Da ist doch immer noch Hoffnung. Du hast ihn also gesehen? – Sag' mal, wie sieht er denn aus? Ich meine, was macht er für ein Gesicht? Wie ist seine Stimmung?«

Fritz hatte keine Lust zu gestehen, daß er in Folge eines Frühgrogs so lange geschlafen und darum den Doctor noch nicht gesehen hatte, und versetzte dreist, die erste Frage umgehend:

»Nun, vergnügt ist er nicht; das läßt sich doch denken.«

115 Tante Laura machte ein überraschtes und sorgenvolles Gesicht.

»Das läßt sich denken?« fragte sie mißtrauisch. »Wieso denn? Was willst Du denn wissen? Garnichts weißt Du und brauchst auch nichts zu wissen.«

Fritz zuckte überlegen die Achseln.

»Ich weiß, was die Spatzen auf den Dächern pfeifen,« erklärte er kühl.

»So, und was pfeifen sie denn?« fragte die Tante ärgerlich und ängstlich.

»I, was ganz Hübsches,« sagte Fritz mit verschmitztem Lächeln, »so was von Liebesgeschichten und bösartigen Vätern und Privatdocenten und schönen Cousinen – Cousinen von mir, meine ich –«

Die Tante schlug voll Entsetzen die Hände zusammen. »O mein Gott!« rief sie jammernd. »So weit also ist es gekommen! Die Spatzen auf den Dächern und die Jungen in der Schule! Es ist zu furchtbar. Aber ich habe es kommen sehen; Cilli ist so unvorsichtig, es konnte nicht ausbleiben, daß sie sich kompromittirte!«

»Na, so schlimm ist es auch nicht,« sprach Fritz großmüthig beschwichtigend, »All und Jeder weiß es noch lange nicht. Und daß ich es weiß, daran ist Cilli ganz unschuldig. Aber man hat doch Augen und Ohren.«

Tante Laura faßte einen großartigen Entschluß. 116 Sie nahm Fritzen bei der Hand und ließ ihn neben sich am Tische niedersitzen, nachdem sie einem der Körbe ein ansehnliches Päckchen entnommen hatte, dem sehr anlockende Düfte entstiegen. Sie wickelte es auf, und es zeigten sich zahlreiche Butterbrote, vermählt mit Krabben, geräucherten Flundern, Spickaal und solchen guten Dingen.

Fritzens Augen leuchteten.

»So, mein Junge, lang' zu,« begann sie freundlich und steckte ihm ein erstes Butterbrot in die Hand, »und Du, Trudchen, nimm hier ein paar Aniskuchen, daß Du auch etwas hast; das ist so was Gesundes. – Ja, und nun sieh mal, Fritzchen, wie das solcher armen Tante so gehen kann. Mein Mädchen hab' ich plötzlich entlassen müssen, weil sie dumme Streiche gemacht hat – na, das gehört nicht hierher –«

»Ja, sie hat sich küssen lassen,« ließ Fritz gemüthsruhig fallen.

»Herr du meine Güte, weißt Du denn rein Alles?« rief die Tante schaudernd. »Infamer Spion!«

»Allwissend bin ich nicht, doch viel ist mir bewußt,« citirte Fritz großartig. Trudchen freilich schien seinen Nimbus zerstören und sich als die Quelle seines Wissens verrathen zu wollen, doch sie hatte gerade den Mund so voll Kuchen, daß sie nur unverständliche Laute hervorbrachte. Tante Laura aber wurde dadurch aufmerksam auf die kleine Zuhörerin 117 und sagte mahnend: »Weißt Du, Kind, Du kannst jetzt ein bißchen hinausgehen, da sind die schönen Puthühner und Täubchen, die darfst Du Dir ansehen. Aber nimm Dir ein Tuch um und bleib in der Sonne.«

Trudchen gehorchte bereitwillig, und als sie hinaus war, fuhr die Tante fort:

»Und nun muß ich natürlich Alles allein besorgen mit den fremden Leuten, das ganze Essen und was drum und dran hängt. Na, wenn man Jahrelang Hausfrau spielt, muß man das auch mal können. Unzuverlässig sind die Dienstmädchen ja so wie so immer. Es ist garnicht zu sagen, was man mit denen Alles erlebt.«

»Sie lassen sich sogar küssen,« bemerkte Fritz im Ton sittlicher Entrüstung.

Die Tante warf ihm einen strafenden Blick zu und redete weiter:

»Also die andere Gesellschaft macht jetzt noch einen Marsch durch den Wald, um sich aufzuwärmen, und ich besorge das Mittagbrot. Das ist aber noch eine gute Zeit hin, und nun will ich inzwischen ein verständiges Wort mit Dir reden. Du bist ja schließlich kein Kind mehr, lieber Fritz, und ich weiß, Du kannst sehr vernünftig und ernst sein, wenn Du Dich manchmal auch anders anstellst. Also ich bitte Dich, sei einmal vernünftig; denn es ist eine ernste Sache. 118 Also höre mir zu. Herr Doctor Wiedehopf hat Dich öfter ausdrücklich gelobt –«

Fritzens Angesicht strahlte.

»– und unsere Cilli ist Dir auch immer so gut gewesen –«

Fritz strahlte noch glücklicher, erröthete aber auch heftig; er überlegte sich plötzlich, ob die Entsagung nicht doch über seine Kraft ginge.

»– und nun kennst Du ja leider diese Geschichte mit den beiden, daß sie nämlich –«

»– In einander verliebt sind,« fiel Fritz hurtig ein, als die Tante ein wenig stockte und verlegen an ihren Locken spielte.

»Aber Fritz!« sagte sie erröthend und vorwurfsvoll, »mäßige Dich in Deinen Ausdrücken! Es ist ja möglich, daß sie sich für einander interessiren. Ich glaube es sogar. Ich kann sagen, ich weiß es. Und Alles schien zwischen ihnen im besten Gange: oder vielmehr anfänglich sogar in allzugutem Gange – ich muß sehr fürchten, daß Cilli ihm damals in Tirol viel zu weit entgegen gekommen ist, daß sie sich etwas vergeben hat: und das darf ein Mädchen niemals. Niemals. O wie viel habe ich dagegen gepredigt! Das merke Dir, Fritz, wenn Du einmal eine Tochter hast –«

Der Jüngling erröthete noch dreimal tiefer als vorher.

119 »– Cilli aber hat sich offenbar nicht genügend rar gemacht, ich hatte bestimmt diesen Eindruck; ich bitte Dich, Fritz, wenn ein Paar sich nur drei, vier Tage gekannt hat, kann es doch vernünftigerweise nicht schon so weit sein, daß es sich beinahe – ich möchte sagen, mit den Augen um den Hals fällt. So weit aber waren sie, das sah ich mit meinen eigenen Augen, und es war ein rechtes Glück, daß ich nachher eben noch zur rechten Zeit eingreifen und die Sache in das richtige und schickliche Tempo bringen konnte. Und nun kam Alles in guten Gang, nicht zu schnell und nicht zu langsam, und diese Pfingstfahrt sollte es nach meiner Berechnung zum freundlichen Ende bringen – da macht Dein Onkel, mein lieber Bruder, diesen dummen Streich: doch ich sollte so nicht reden vor seinem Neffen; nun, Kind, ich weiß, Du wirst darin nichts sehen als einen Beweis meines Vertrauens, wirst Dich auch in Gedanken zu keiner Pietätlosigkeit hinreißen lassen; aber es war doch wahrhaftig ein starkes Stück, grade über diesen Mann so öffentlich herzufallen, ihn vor aller Welt abzukanzeln wie einen Schuljungen und ihn damit natürlich vollkommen abzuschrecken. Er kann ja garnicht anders als sich stolz zurückziehen. Und Du bestätigst es ja, daß er das thut.«

Fritz horchte auf. Das klang wieder ganz anders, als was Brunnemann gesagt hatte. Und von 120 dem Streiche seines Oheims wußte er nichts Rechtes; natürlich durfte er sich diese Unkenntniß nicht merken lassen, aber herausbringen wollte er es doch.

»Ja, wie ist nur Onkel dazu gekommen?« fragte er vorsichtig.

»Ja, diese Gelehrten!« seufzte die Tante. »Wer kann das genau wissen? Ich ahnte ja garnichts, er hat es ganz heimlich und hinterrückisch angesponnen. Und Cilli ahnte erst recht nichts. Da finde ich sie gestern in Thränen schwimmend. Denke Dir, unsere Cilli, die immer vergnügte, die sonst niemals den Kopf verliert! Stelle Dir meinen Schreck vor! Und was hat sie? Was ist geschehen? Hat das arme Wurm da im Arbeitszimmer ihres Vaters ein bißchen Staub gewischt, was doch immer ganz heimlich geschehen muß, wenn er ausgegangen ist, weil er es nicht ausstehen kann, daß Jemand an seine Bücher und Papiere rührt, und ordentlich wüthend werden kann, wenn er so etwas merkt. Also sie wischt, und da entdeckt sie auf einmal eine Schrift ihres Vaters, die geradezu gegen Herrn Doctor Wiedehopf gerichtet ist. Und natürlich liest sie die nun mit dem größten Eifer. Und wie sie damit fertig ist, sitzt sie und weint. Und wie ich drüber zukomme, reicht sie mir stumm das Buch mit einem jammervollen Blicke, der mir geradezu ins Herz schneidet.

Meine Sache ist es nun sonst gar nicht, das 121 gelehrte Zeug zu lesen: aber jetzt mußt' ich schon dran gehen, wohl oder übel. Und das kann ich sagen: lehrreich war's. Denn man konnte daraus lernen, mit welchen Redensarten man unliebsamen Gästen die Thür weist, ohne den Hausknecht zu bemühen. Also das habe ich jetzt gelernt; und ich weiß auch, daß ein Gast, den man so behandelt hat, ganz gewiß nicht wieder ins Haus kommt. Herr du meines Lebens, es ist ja wohl immer meine Meinung gewesen, man soll sich nichts vergeben, Cilli nicht als Mädchen und mein Bruder nicht als Vater: aber das heißt doch nicht, man soll auf einen Mann, der sich ehrbar und bescheiden uns nähert, gleich mit dem Knüttel dreinschlagen. Aber das ist die Sache! man soll den Dummen keine Lebensregeln geben, sie führen sie doch immer unrichtig aus und verkehren Alles. Es ist schrecklich, daß ich so etwas von meinem leiblichen Bruder und Deinem Onkel aussagen muß.

Mein erster Gedanke war ja nun wohl, ihn mir gleich vorzunehmen, wenn er zurückkäme, und ihm gehörig den Kopf zurechtzusetzen. Aber du liebe Zeit, wie ich's mir recht überlegte, mußte ich mir doch sagen: dann macht er natürlich erst recht Unfug, vielleicht im umgekehrten Sinne und in bester Meinung, aber Unfug gewiß. Er ist im Stande, seine Tochter dem Menschen geradezu an den Hals 122 zu werfen. Ja, das brächte er fertig. Darum war es besser, ihn ganz aus dem Spiel zu lassen, zu thun, als wüßten wir noch immer von garnichts, und uns auf unsere eigene Klugheit zu verlassen.

Aber nun liegt die Sache zuletzt ganz allein auf meinen Schultern. Denn auch mit Cilli selbst ist diesmal nichts anzufangen, zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie den Kopf verloren. Sie hat da nämlich einen kuriosen Gedanken ausgeheckt: aus der Schrift ihres Vaters gehe deutlich hervor, daß der Dr. Wiedehopf ihn zuerst angegriffen habe und daraus schöpft sie einen Verdacht, daß er – na, sie drückte sich zimperlicher aus, aber ich verstand es doch – daß er sich garnichts aus ihr mache und nichts von ihr wissen wolle. Wer um die Tochter werbe, schlage nicht auf den Vater mit Keulen ein. Für andere Leute würde sie ja damit Recht haben, aber bei den Gelehrten ist Alles anders und Alles verrückt. Die sind im Stande, sich gegenseitig die Zähne einzuschlagen und zu gleicher Zeit Brüderschaft mit einander zu trinken. O, ich kenne das, man lebt doch nicht umsonst unter dem wunderlichen Volk. Fritzchen, werde Du kein Gelehrter; sonst mag es ja gut sein, aber für den Verstand taugt es nicht.

Nun, aber Cilli hat sich mit ihrem Einfall verängstigt und ist nicht davon abzubringen; sie hat 123 ihren fröhlichen Glauben verloren, wie sie selber sagt. Sie sitzt heute da wie ein Klümpchen Unglück.

So verheddert ist diese Geschichte. Und ich soll das Knäuel nun wieder zurecht wickeln. Eine Kleinigkeit ist das wahrhaftig nicht, wenn man sich doch nichts vergeben will. Darum möchte ich Dich bitten, lieber Junge, Du hilfst mir ein bißchen. Du warst ja immer gut Freund mit dem Herrn Wiedehopf; und dumm bist Du auch nicht. Vor Allem muß ich wissen, was dieser sich denkt und wie seine Meinung ist, ob er unversöhnlich zürnt oder bloß zurückgeschreckt ist oder was sonst. Ganz genau muß ich das wissen, und das kannst Du mir ein bißchen aushorchen. Es kann so schwer für Dich nicht sein, wenn Du es fein anfängst – hier, nimm noch ein Butterbrot; hier eins mit Krabben, die ißt Du ja so gern.«

Fritz, der während dieser Gespräche ein halbes Meter Spickaal mit allerhand schmückenden Zuthaten verzehrt hatte, konnte jetzt nicht mehr; doch bat er frech zur besseren Verdauung um ein Schnäpschen. Auch das ward ihm bewilligt, und während er es langsam schlürfte, fand er Zeit zum Ueberlegen.

Zuerst ward ihm klar, daß der wundervolle Plan mit dem Otternbiß eigentlich ziemlich überflüssig geworden war, denn nach allem Anschein war der Professor garnicht so sehr das böse Prinzip, das dem Glücke der Liebenden im Wege stand; 124 jedenfalls war mit der Erweichung des Vaterherzens nur wenig gewonnen. Da war also Fritz Brunnemann sehr mangelhaft berichtet. Nun war aber dieser Plan für ihn so anmuthig und reizvoll in sich selbst, daß er auf dessen Ausführung um keinen Preis verzichten mochte. Er beschloß also, dem Bundesgenossen seine neue Kenntniß der Sachlage zu unterschlagen, damit dieser nicht etwa andere minder lockende und einfachere Wege einschlüge. Und plötzlich schoß ihm ein neuer Gedanke durch den Kopf, der ihn so begeisterte, daß er Mühe hatte, seinen inneren Jubel der Tante zu verbergen.

»Tante«, sprach er mit treuherziger Miene, »wie ich Herrn Dr. Wiedehopf kenne – und Du weißt, ich kenne ihn sehr gut – kann ich Dir schon jetzt ganz genau sagen, mit dem wird in dieser Sache ein sehr böses Handeln sein. Das ist ein eherner Charakter. Da bleibt von vornherein garnichts übrig, als daß Ihr Euch entschließt, Du und der Onkel und besonders Cilli, ihm den ersten Schritt entgegen zu thun, und zwar ganz deutlich, ohne Umschweif und Winkelzüge –«

»Das ist unmöglich,« erklärte die Tante schroff, »vergeben dürfen wir uns nichts, unter keinen Umständen. Das hängt einer armen Frau nachher ihr ganzes Leben lang an; da heißt es denn bei jeder Gelegenheit, wenn sie sich einmal zanken, und alle 125 Eheleute zanken sich: Du hast mich ja durchaus haben wollen! Mit aller Gewalt hast Du mich herangezogen. – Nein, Fritz, das ist ausgeschlossen, das darf ich Cilli nicht anthun. Du wirst das später schon selbst einsehen, wenn Du einmal eine Tochter hast und die ist verheirathet und muß sich das sagen lassen.«

Der heuchlerische Jüngling that einen großen Seufzer und schwieg wieder eine Weile. Und dann machte er ein Gesicht, als käme ihm plötzlich eine neue Erleuchtung.

»Tante Laura,« sagte er, »wenn ich noch einen Schnaps kriege, habe ich einen Gedanken.«

Nicht ohne Gewissensregung willfahrte die Tante dem ungerechten Begehren, aber sie that es.

»Sieh' mal,« begann er nach gehabtem Genusse, »ich weiß nicht, wie ich darauf komme: aber ich meine, Herr Dr. Wiedehopf müßte Cilli'n irgendwie das Leben retten. Das ist dann nämlich doch die schönste Gelegenheit zu allerlei Rührung. Erstens könnt Ihr gerührt sein und könnt mit Halloh ihm Eure Dankbarkeit zeigen und ihm alles Mögliche abbitten, ohne Euch damit das Geringste zu vergeben; das ist klar wie Kloßbrühe. Einem Lebensretter darf man Alles zu Liebe thun. Und zweitens kann er gerührt sein und in eine großmüthige Stimmung kommen, wie das gewöhnlich so ist, wenn man eine 126 Heldenthat vollbracht hat, und er wird ganz von selbst Alles vergeben und vergessen. Das ist ja so natürlich: und Herr Wiedehopf jedenfalls ist so; den werd' ich doch kennen! Meinen besten Freund!«

Die Tante machte ein verwundertes und enttäuschtes Gesicht:

»Als Gedanke ist das ja nicht so ganz dumm,« bemerkte sie kopfschüttelnd, »aber doch bloß als Gedanke. Wir können doch Cilli nicht ins Wasser werfen, bloß damit er sie wieder herausholt. Und dabei weiß man noch nicht mal, ob er schwimmen kann.«

Der Schlingel Fritz stellte sich ernstlich betroffen und verfiel wieder in ein Nachdenken:

»Ja, weißt Du,« sagte er endlich, »herbeiführen müßte man die Gelegenheit allerdings, aber natürlich so, daß sie ohne Gefahr wäre für beide. Zum Beispiel, man nimmt einen zahmen Löwen – aber nein, das geht nicht, so zahm ist schließlich keiner, daß er sich gutwillig erwürgen läßt, denn Waffen hat der Herr Doctor wahrscheinlich nicht bei sich. Oder man miethet ein paar Räuber, nämlich scheinbare, sie überfallen Cilli, und Herr Wiedehopf entreißt die Keule dem nächsten gleich – aber eklig ist das auch, es könnte ruchbar werden und nachher herauskommen. Oder man läßt einer Klapperschlange heimlich die Giftzähne ausbrechen, und sie muß dann 127 Cilli beißen, wo es ihr doch in Wirklichkeit nichts schadet; aber Dr. Wiedehopf weiß das ja nicht und lutscht ihr mit Todesmuth das Gift aus der Wunde. Wahrhaftig, das ist eine Lebensrettung, die sich sehen lassen kann, – und dabei für beide ohne Gefahr. Man kann's aber auch noch angenehmer machen: man tödtet sie vorher und sticht Cilli bloß ein bißchen in die Hand und thut so, als hätte die Schlange sie gebissen.«

Tante Laura staunte und schüttelte den Kopf.

»Herr Gott, was hast Du für eine wilde Phantasie!« rief sie aus, jedoch nicht ganz ohne stille Bewunderung. Und dann versank sie in ein unruhiges Brüten.

»Ja, aber Klapperschlangen hat man doch nicht so,« sprach sie plötzlich träumerisch vor sich hin..

»Ach richtig, nein, daran habe ich nicht gedacht,« versetzte Fritz, wieder höchst überrascht über den Einwurf und ein wenig niedergeschlagen. »– Aber mir fällt ein, Kreuzottern sind auch sehr giftig, und die haben wir hier zu Lande; noch kürzlich ist bei Brandshagen ein Kind von einer gebissen und ist daran gestorben, weil nicht gleich Hülfe zur Hand war –«

»Ja; aber Kreuzottern laufen doch auch nicht überall so herum,« meinte die Tante bedenklich.

»Doch, das thun sie,« versicherte Fritz, »in den 128 Wäldern sind überall welche, man weiß es nur nicht. Und gar todte Kreuzottern – man kann wohl sagen, die trägt heutzutage doch jeder Gebildete bei sich, zu wissenschaftlichen Zwecken.«

Die Tante starrte ihn verdutzt und unsicher an.

»Mach' keine dummen Witze,« brummte sie endlich.

»Oho, Witze!« rief er triumphirend. »Ich will Dir's beweisen.«

Und er ging, holte sein Schirmfutteral und zog die Kreuzotter heraus.

Tante Laura war völlig verwirrt durch diesen Augenbeweis. »Und das ist wirklich eine Giftschlange?« fragte sie ängstlich.

»Eine so echte Kreuzotter wie die von Brandshagen,« sprach Fritz mit Nachdruck. »Aber allerdings todt. Doch das ist kein Fehler. Man legt sie heimlich so hin, als ob sie lebendig wäre, und schlägt sie dann scheinbar mit Stöcken todt. – Du, Tante Laura, mir scheint dieser Gedanke allen Ernstes vortrefflich und kinderleicht auszuführen. Ich pieke Lilli mit etwas Spitzem, und wenn sie Au! schreit, schreie ich noch lauter: ›Eine Kreuzotter‹ und mache sie todt, natürlich nicht Lilli, sondern die Schlange. Dann, verlaß Dich drauf, springt Herr Wiedehopf gleich zu und fängt an zu lutschen. Denn damit weiß jeder Privatdocent Bescheid, das gehört zum 129 Examen. Und dann kommt nachher die allgemeine Gerührtheit. – Aber liebste Taute Laura, thu doch nicht so baff, als ob die Sache nicht kolossal einfach wäre.«

»Kolossal verrückt,« urtheilte Tante Laura.

»Ja, dann weiß ich nichts mehr zu rathen,« versetzte Fritz hart, »und es bleibt nichts übrig, als die Geschichte ganz auf die lange Bank zu schieben – oder sich etwas zu vergeben.«

»Schrecklich! Schrecklich!« klagte die Tante nach längerem Besinnen, »darin hast Du ja leider Recht. Mein Gott, was hat Dein Onkel, der Unglücksmensch, angerichtet! Eine alte verständige Person, seine leibliche Schwester, zu solchem Narrenstreich zu zwingen! Ja wohl, zu zwingen! Mir bleibt ja in Wahrheit garnichts Anderes übrig. – Fritz, aber ich bitte Dich, wenn das entdeckt würde! Ich überlebte es nicht, in die Erde sinken würd' ich vor Scham und Schande.«

»Bah, wie soll es entdeckt werden?« sprach Fritz leichthin. »Na, und wenn – natürlich nehme ich dann Alles auf mich. Dann ist's ein dummer Spaß gewesen, wie das von mir Jeder gern glaubt, und Du bleibst ganz aus dem Spiele.«

Die Tante versank wieder für eine Weile in Schweigen und Schwermuth. Dann ging ein zorniges Aechzen aus ihrem Munde, das für einen 130 Kenner wie Fritz eine zwar widerwillige, aber doch ziemlich sichere Zustimmung ausdrückte.

»Es geht nicht anders; es geht nicht anders,« hörte er sie trübselig vor sich hinbrummeln, während sie aufstand und voll Hast und Eifer an ihren Geschirren, Tüchern und Eßwaaren hantirte, die unter ihren Händen nun allmählich den Körben entstiegen.

Fritz hütete sich wohl, jetzt noch ein Wort in dieser Sache zu ihr zu reden. Er wußte, sie mußte sich jetzt erst innerlich austoben und an die stillen Schrecken des Gedankens gewöhnen; nachher war er ihrer Zustimmung und Mitwirkung leidlich sicher. Der gute Jüngling war nun ganz voller Glückseligkeit. Nichts schien ihm erfreulicher und glänzender als seine eigene Stellung hoch über den feindlichen Parteien, die einander mit aller Gewalt versöhnlich entgegenstrebten und doch beiderseits einen so sonderbaren Umweg für nöthig erachteten, um einander in die weit geöffneten Arme zu gelangen. Er kam sich wie ein weltüberlegener Diplomat vor oder wie ein geschickter Marionettenspieler, der seine Figuren nach freiem Belieben hin und her tanzen läßt. Besondere Wonne versprach er sich von der stillen Beobachtung Fritz Brunnemann's und der Tante, wie sie, ohne die Gleichheit ihres Zieles zu ahnen, einander eifrig in die Hände arbeiteten. Dazu verhieß die Aufregung und Angst der Tante vor einer Entdeckung noch einen 131 besonders feinen Nebengenuß für seine schadenfrohen Augen.

Unterdessen begann ihn das geschäftige Tummeln des alten Fräuleins zu langweilen, da er immer noch satt war, und er erbat sich einen Urlaub zu einer wissenschaftlichen Waldexpedition.

»Vor Allem aber Verschwiegenheit vor Jedermann!« ermahnte die Tante mit einem flehenden und zugleich drohenden Blicke.

»Wie das Grab!« sprach Fritz feierlich, die Hand auf dem Herzen, und entschlüpfte ins Freie.

* * *

Als Fritz sich allein im Walde fand, fühlte er sich alsbald von seinen naturforschenden Leidenschaften ergriffen und begann dem wimmelnden Kleinzeug des moosigen Waldbodens emsig und mit gutem Jagdglück nach dem Leben zu trachten.

Nach einiger Zeit aber ward er durch ein verworrenes Getöse im Fernen aufgestört, das ziemlich grell und fremdartig den Waldfrieden durchdrang. Angelockt ging er ihm nach, denn er wußte, was es war, und so pirschte er sich ziemlich schnell an die lustige Pfingstgesellschaft heran, die sich auf dem Rasen einer schönen breiten Lichtung mit allerhand lärmvollen und durch Laufbewegung erwärmenden Spielen ergötzte, denn trotzdem die Sonne des 132 vorgeschrittenen Vormittags immerhin einige Kraft entwickelte, führte der Ostwind vom Meere her doch immer wieder einen äußerst scharfen Luftstrom herüber. Die Spielenden waren jugendliche Männlein und Fräulein zu ungefähr gleichen Theilen, die Letzteren in ihren bunten, flatternden Fähnchen lustig zu betrachten; es war grade die Zeit der Krinolinen, daher die weiblichen Gewänder durch ihren Umfang das Auge desto reichlicher erfreuen konnten.

Fritz suchte sich im Gebüsch einen sonnigen Platz, wo er vollkommen versteckt war und doch nahe genug, um jeden Einzelnen bequem erkennen und beobachten zu können. Es fiel ihm nicht ein, sich unter Jene zu mischen und an ihren Spielen Theil zu nehmen, obgleich er doch sonst in solchen Dingen eine erste Geige zu spielen pflegte; allein heute fühlte er sich durch die vollzogene innere Großthat der Entsagung geistig so jählings gereift, daß ihm dies leichtherzige Treiben nur läppisch und kinderhaft vorkam. Ihm war ernster und größer zu Muth. Er empfand die tiefe Schönheit der Natur, die ihn umgab, das Waldesweben in seiner Stille und Größe, das Aufjubeln des jungen Frühlingsgrüns nach dem neu erwachenden Leben hin, das leichte einschmeichelnde Blätterrauschen in seiner Ruhe und dazu den dumpfen, machtvollen Grundton des brausenden Meeres dahinten in der Tiefe: er empfand das alles so voll und schön wie 133 kaum jemals zuvor, er empfand die eigene Seele als höher beschwingt, geklärt und geläutert, und er begriff nicht, wie Leute, die äußerlich viel älter waren als er, statt auf diese Gotteswunder zu lauschen, sich mit so nichtigem Wesen befassen konnten.

Ja, er wollte sich von seinem stillen Platze erheben, um seinen Augen dieses unbehagliche Gewirre zu entziehen: da sah er die ehemals Geliebte, der er nun entsagte, in all ihrer leuchtenden Anmuth in dem Gewimmel herumschweben; und alsobald ward er von unsäglicher Wehmuth und herbem Mitgefühl mit sich selbst ergriffen, fiel platt auf den Bauch, barg das Antlitz in beide Hände und fing jämmerlich an zu heulen.

In solcher Verlorenheit hörte er nichts von dem Rascheln in den Büschen, von dem leichten Tritt kleiner Füße, die sich ihm näherten, er sah auch nicht die zierliche Gestalt, die neugierigen Augen seines Bäschens Anna, Cilli's Schwester, eines Dinges so von zwölf Jahren, herangleiten, auch nicht als diese dicht hinter ihm stand und mit dem äußersten Erstaunen seine Thränen in ansehnlichem Strome den Rasen befeuchten sah.

»Na nu!« rief sie, und er fuhr entsetzt in die Höhe.

»Donnerwetter, Fritz, hast Du Keile gekriegt – aber von wem denn?« rief sie mit ernst verwunderter Frage.

134 Fritz war in tiefster Seele empört.

»Du bist eine Gans, Anna,« gab er zur Erwiderung, »erstens möchte ich den sehen, der mich keilen sollte, und zweitens plinst man darum doch nicht. Ich habe in Gedanken eine Tragödie deklamirt – König Oedipus, weißt Du; aber davon verstehst Du nichts, es ist nämlich griechisch – und da sind mir die Thränen in die Augen gekommen. Das kommt bei den ältesten Greisen und den stärksten Männern vor, es ist eine fürchterliche Tragödie, Weiber würden sie überhaupt garnicht aushalten können. Darum wurden bei den Griechen auch keine Weiber ins Theater gelassen.«

»Pfui, muß das ein ungeschliffenes Volk gewesen sein!« rief Anna entrüstet, indem sie übrigens seiner ungeheuren Lüge leidlichen Glauben schenkte. »Bei uns sagt man auch nicht Weiber, sondern Damen; wir sind eben gebildeter als die Griechen.«

»Au, da bist Du aber höllisch auf dem Holzwege,« rief Fritz sehr eifrig, »ich kann Dir nur sagen, gegen die alten Griechen sind wir vollständige Barbaren, die schlimmsten natürlich wir hier in Pommern.«

»Für die Männer und besonders die sogenannten Jünglinge wird das wohl stimmen«, bemerkte Anna schnippisch, »für uns Damen aber nicht. Schon daß wir ins Theater gehen dürfen, und es auch thun, 135 wenn auch leider nicht in alle Stücke, ist Beweis genug. Und dann noch das Uebrige. Jedenfalls muß ich aber sagen, Dein griechischer Freund und Gönner, der Doctor Fortunatus Wiedehopf, scheint mir heute ein ganz abscheulicher Barbar. So etwas Steifleinenes und Sauertöpfisches, wie der heute ist, gibt's ja garnicht wieder. Ich will nicht mal rechnen, daß er mich heute kaum angesehen hat, wo er doch sonst immer so furchtbar nett zu mir war, eigentlich so nett, wie ich's garnicht mal mag, ich bin doch kein Wickelkind: aber gegen unsere Cilli ist er auch so komisch –«

»Ach, wie denn?« rief Fritz eifrig aufhorchend.

»Na, er thut so, als könnt' er nicht Zipp zu ihr sagen,« erklärte Anna ärgerlich, »er geht ihr förmlich aus dem Wege und scheint sie mit aller Absicht zu schneiden. Und doch steckt er fortwährend in ihrer nächsten Nähe, und manchmal rückt er ihr gradezu auf den Leib, steht aber dann doch wieder da wie ein Klotz und kann den Mund nicht aufthun. Ich habe ihn ganz genau beobachtet und weiß wirklich nicht, was das heißen soll. Und Cilli natürlich macht's nun ebenso; die kann doch nicht anders.«

»So?« fragte Fritz lebhaft. »Und weißt Du auch sicher, ob sie nicht vielleicht zuerst angefangen hat mit solchem Gethue? Und da kann er wieder nicht anders.«

136 »Das weiß ich allerdings nicht,« gestand Annchen etwas überrascht, »da bin ich nicht dabei gewesen, wie sie sich zuerst gesehen haben. Aber ich kann's mir doch nicht denken. Cilli ist sonst immer lustig und freundlich gegen Jedermann.«

»Bloß gegen diesen Einen und dies einemal kann sie doch wohl ihre Gründe haben, anders zu sein,« belehrte Fritz. »Sieh, Annchen, das verstehst Du leider noch nicht recht, sonst könnte ich Dir etwas Neues anvertrauen. Weißt Du, das ist nur scheinbar, wenn die Beiden sich so verdreht gegen einander benehmen. In Wirklichkeit sind sie verliebt in einander und zwar bis über die Ohren.«

Anna machte eine sehr bezeichnende Bewegung mit dem Zeigefinger nach der Stirn.

»Und das soll etwas Neues sein?« fragte sie höhnisch. »Für Dich natürlich; ich weiß es seit wer weiß wie langer Zeit. Man hat doch seine Augen. Aber eben darum ist doch erst recht nicht zu begreifen, warum sie sich heute so dumm haben. Und nämlich auch gegen Papa war Dein Doctor so anders wie sonst, ganz kühl und zurückhaltend, als wenn das ein fremder Mann wäre, und Papa ist zu ihm doch so freundlich und vergnügt wie immer –«

»Ach, wirklich?« fragte Fritz.

»Ja, ganz bestimmt,« versicherte Anna, »aber weißt Du, was ich glaube? Aus der Geschichte mit 137 den Beiden wird nichts; es muß etwas dazwischen gekommen sein. Wenn ich bloß wüßte, was! Ich gäbe meinen kleinen Finger darum, es herauszukriegen.«

»Gib mir etwas Anderes, dann will ich's Dir sagen und noch etwas dazu,« sagte Fritz mit eigenthümlicher Hast.

»Na, was soll ich Dir denn geben?« fragte sie etwas mißtrauisch. »Ich habe doch nichts.«

»Einen Kuß,« antwortete er frech. Er hatte in dieser Stunde entdeckt, daß Anna ihrer großen Schwester auffallend ähnlich sei, jedenfalls auch bildhübsch und eigentlich beinahe erwachsen. Vielleicht nur noch niedlicher, als wenn sie ganz richtig erwachsen wäre. Aber es war in Wahrheit eine künstliche oder doch sehr flüchtige Frechheit; sobald das unerhörte Wort ihm entfahren war, erzitterte er bis ins Mark, schlug erglühend die Augen nieder und harrte in scheuer Angst ihrer Antwort. Am liebsten hätte er dem Worte nachträglich durch eine spaßhaft spöttische Wendung den Stachel blutigen Ernstes genommen; doch er brachte keinen Ton heraus, die Kehle war ihm wie zugeschnürt.

Annchen aber nahm die frevelhafte Zumuthung merkwürdig gelassen auf. Ohne jede Aufregung entgegnete sie achselzuckend:

»Dir? Warum nicht? Gott, aber solcher Unsinn! Meinetwegen immerzu.«

138 Diese seelenkühle Gewährung ernüchterte den armen Fritz mehr, als es eine schroffe Zurückweisung gethan hätte, gab ihm aber auch seinen vollen Mannesmuth und alle Sicherheit des Handelns zurück. Er gab ihr den Kuß, und sie empfing ihn ohne Sträuben. Er war aber stark enttäuscht, der gehabte Genuß entsprach seinen hochgespannten Erwartungen nur wenig. Daher begann er in aller Eile dem vielgepriesenen Hokuspokus der Liebe eine ziemliche Verachtung zuzuwenden und dachte sogar mit einer gewissen Schadenfreude an die gleiche Enttäuschung, die der ihm verlorenen Cilli bevorstand. Denn bei der Verlobung mußte die doch einen Kuß kriegen.

Trotz dieser minderwerthigen Zahlung Anna's war er ehrlich genug, seinerseits den vollen ausbedungenen Kaufpreis zu erlegen: das Vergnügen, ihr von seinem höheren Wissen zu spenden, diente ihm als Ausgleich. Er berichtete also getreulich und ausführlich Alles, was er von der Sachlage und den Stimmungen und Verstimmungen der Liebenden wußte; mit ganz besonderer Lust aber entwickelte er den hoffnungsvollen Plan mit der bissigen Kreuzotter.

Auch errang dieser Plan Anna's begeisterte Zustimmung, und sie erbot sich sogleich mit feurigem Eifer, als Handlangerin in den Kreis der Verschworenen einzutreten.

»Ich will das Pieken besorgen,« erklärte sie 139 freudestrahlend, als ihr das bewilligt wurde, »von Dir würde es doch auffallen, wenn Du ihr so nahe auf die Pelle rückst; ich kann das viel leichter machen. – Nein, weißt Du, der Tante Laura hätte ich alles Mögliche zugetraut, aber so was Verrücktes denn doch nicht. Herrn Brunnemann schon eher. Das Feinste ist aber bei der Geschichte, daß wir diese Beiden ganz in der Tasche haben und sie sich gegenseitig foppen lassen.«

»Und wir foppen sie alle beide,« fügte Fritz fröhlich hinzu, »namentlich die Tante, mußt Du wissen, schwitzt Blut und Wasser vor Angst, ihre Ränke könnten ans Licht kommen. Und sie brauchte bloß ein vernünftiges Wort zu Papa oder zu Herrn Doctor Wiedehopf oder auch nur zu Herrn Brunnemann zu sprechen, und sie könnte sich alle Schrecken ersparen.«

»Ja, es gibt nichts Schöneres, als Tante Laura zu ärgern,« bemerkte Anna tiefsinnig.

»Du darfst sie aber ums Himmels willen nicht merken lassen, daß Du etwas weißt, sie könnte vor Angst Alles aufgeben und verderben, wenn sie ahnte, daß noch Jemand im Komplott ist. Eigentlich bin ich ihr schon Einer zu viel.«

Anna verhieß unverbrüchliches Schweigen vor ihr und aller Welt. Gleich darauf versank sie in ein Nachdenken und rief dann plötzlich:

140 »Ja, weißt Du aber, Fritz, daß wir schrecklich dumm sind? Wir Alle nämlich, Du auch und ich auch und die Tante und Herr Brunnemann? Die ganze Sache kann doch gar zu leicht schief gehen, sobald Cilli etwas merkt, wie es mit dem Pieken zugeht, und daß die Schlange schon todt ist oder sonst irgend etwas. Und es wäre doch ein reines Wunder, wenn Alles so glatt ginge, daß sie garnichts merkte. Also ist das Allereinfachste, wir weihen sie von vornherein in unser Vorhaben ein; dann sind wir ganz sicher, daß nichts Störendes vorfällt. Papa und Herr Wiedehopf können ja so von Weitem nichts sehen und nicht ahnen, wie die Sache zugeht; auch sind sie beide nicht schlau genug. Diese Beiden aber zu versöhnen, darauf kommt es doch bloß an; Cilli ist ja nicht im Ernst böse, weder auf den Einen noch auf den Andern; ach Gott, eher das Gegentheil. Die kann also getrost mitthun und wird sich auch nicht lange bitten lassen – weißt Du, sie thut's schon, um Tante Laura zu uzen.«

Diesen Vorschlag fand Fritz ungeheuer einleuchtend; er schlug sich vor die Stirn und begriff nicht, daß er nicht selbst auf den klugen Einfall gekommen war, was ihm Anna indessen mit der geringeren Begabung des männlichen Geschlechts sehr einfach erklärte, jedoch ohne ihn selbst vollkommen zu überzeugen. Was ihn aber noch besonders für die 141 Einführung Cilli's in den Kreis der Wissenden einnahm, war die Erwägung, daß diese dadurch von seinem edelmüthigen Mitwirken an der Gestaltung ihres Schicksals sichere Kunde erhielt, was er ihr andernfalls vielleicht bis in die Ewigkeit hätte verborgen halten müssen.

Es wurde also beschlossen, daß Anna ungesäumt ihre Schwester bei Seite ziehen und ihr Alles offenbaren solle.

* * *

Eine halbe Stunde später sah man oder vielmehr sah man nicht, denn es war kein Zuschauer vorhanden als das unvernünftige Gethier am Boden und in den Lüften, Fräulein Cilli Kiesewetter am Arme ihres Vaters auf einem sehr einsamen Waldpfade langsam dahinschreiten. Sie hielt ein Taschentuch vor Mund und Nase gepreßt und verhielt sich also durchaus schweigend; sobald sie sich aber der vollkommenen Einsamkeit sicher fühlte, brach sie unverzüglich in einen Strom von Thränen aus, machte sich von seinem Arme los und ließ sich auf ein schwellendes Moospolster am Fuße einer mächtigen Buche sinken.

»Aber Cilli,« sagte der Vater, indem er erstaunt und etwas erschrocken vor ihr stehen blieb, »das ist ja eine sonderbare Art von Nasenbluten.«

142 »Ach, Papa, das war doch nur ein Vorwand,« antwortete sie schnell, »um mich und Dich ohne Aufsehen aus der Gesellschaft zu entfernen. Ich habe nothwendig mit Dir zu reden; und daß es ziemlich ernsthaft wird, siehst Du ja selbst – an meinem sonderbaren Nasenbluten,« fügte sie, sich tapfer die Thränen trocknend, hinzu.

»Das scheint allerdings so,« versetzte er ein wenig betroffen, »denn wenn bei Dir solche Zufälle auftreten, haben sie etwas zu besagen. Bei der guten Tante Laura gehört dergleichen weniger zu den Seltenheiten, daher es mich auch nicht mehr aufregt. So, nun darfst Du reden.«

Sie sah mit einem festen Blicke zu ihm auf.

»Papa,« sagte sie, »wie konntest Du bloß diesen abscheulich groben Artikel gegen Herrn Dr. Wiedehopf schreiben und noch dazu, ohne mir ein Sterbenswörtchen davon zu sagen? Dieser Artikel ist einfach unglaublich.«

Der Professor machte eines seiner sonderbaren Gesichter, aus denen kein Sterblicher klug werden konnte, ob sie Gutes oder Böses, Spaß oder Ernst bedeuteten.

»Ja, Du lieber Gott,« sagte er, und nun sah er wirklich je länger desto unschuldiger aus, »wenn man einmal rechtschaffen grob werden will, nimmt man doch keine Weiber zu Hülfe. Und man hat die 143 Gelegenheit im Leben so bedauerlich selten. Aber was geht Dich eigentlich dieser Vogel Wiedehopf an?«

Cilli machte ein etwas entrüstetes Gesicht über diesen unziemlichen Ausdruck, faßte sich aber schnell und sagte noch leidlich gelassen:

»Aber ich bitte Dich, gegen einen Herrn, der in unserem Hause verkehrt, sehr freundschaftlich verkehrt, mit Dir besonders, gebraucht man doch nicht öffentlich so gräßliche Redensarten! Das heißt denn doch nichts Anderes als ihm schlankweg die Thür weisen.«

Jetzt gewann die Unschuld in des Professors faltigem Antlitz einen ganz überzeugenden Ausdruck. Und nachdem er eine kurze Zeit lang die kleinen Augen grüblerisch mit einer seitlichen Wendung gen Himmel gekehrt hatte, begann er zu reden:

»Sieh, sieh, Dr. Wiedehopf, hm, hm, ja, ja, Fortunatus Wiedehopf, richtig, ganz richtig, – ja glaubst Du denn wirklich, dies könnte derselbe Herr Fortunatus Wiedehopf sein, mit dem wir allerdings sehr freundschaftlich verkehrten? Diese Möglichkeit habe ich freilich noch garnicht erwogen.«

»Aber Papa,« rief Cilli ganz außer sich, »Du kannst doch nicht im Ernst glauben, daß es mehr als Einen Privatdocenten dieses Namens auf deutschen Hochschulen gäbe? Ja, wenn er Karl Müller hieße oder Fritz Schulze oder Wilhelm Meyer oder Heinrich 144 Schmidt oder Hans Hoffmann, da wäre so etwas ja wohl denkbar: aber Wiedehopf, ich bitte Dich! Und Fortunatus!«

»O, o, da könntest Du Recht haben! Es wird derselbe sein. Schlimm, o schlimm!« rief er mit dem Ausdruck höchster Ueberraschung. Aber seine Unschuldsmiene vertiefte sich jetzt so gewaltsam, daß Cilli plötzlich entdeckte, sie sei ihm einmal wieder aufgesessen.

»Ach Du,« rief sie ärgerlich, »Du machst Deine Witze, während ich – aber warum bin ich auch so dumm, Dich nicht zu durchschauen. Ich weiß doch längst, daß Du Deinen Spaß haben mußt, und solltest Du auch Dich selbst verspotten, und das thust Du sogar am liebsten. Wie Du immer vor den Leuten Dich zerstreut und confus stellst, daß sie über Dich lachen und die tollsten Geschichten von Dir erzählen – das ist – nun, meinetwegen, sonst will ich es Dir ja gönnen, denn Du lachst zuletzt am besten: aber jetzt thu' mir den einzigen Gefallen und sei eine kurze Zeit lang ernst. Du weißt nicht, wie traurig mir ums Herz ist.«

Des Alten verzwicktes Gesicht verrieth nun wirklich etwas wie Rührung und Mitgefühl, aber nur sehr flüchtig, dann zeigte wieder es die unmerkliche Schalkheit, die ihm eigen war und die nur ein sehr feines und geübtes Auge unter der scheinbaren Harmlosigkeit herauszufinden vermochte.

145 »Traurig?« sagte er, »das ist aber sehr merkwürdig. Was brauchst Du traurig zu sein, wenn ich einem jungen Menschen, der weder Dein Bruder noch Dein Vetter ist, eine kleine polemische Tiefquart ins Gesicht setze? Ein bißchen menschliches Mitgefühl magst Du meinetwegen mit ihm haben, aber Trauer? Das verstehe ich nicht.«

Und dabei funkelten seine kleinen, listigen Augen sie so unbeschreiblich liebenswürdig an, daß sie jählings in die Höhe sprang und ihm schluchzend um den Hals fiel.

»O Papa,« rief sie, »Du bist entsetzlich! Jetzt weißt Du auch das schon wieder! Man denkt, Du sitzest versunken über Deinen Büchern, Jedermann glaubt das, und dabei siehst Du um Dich her jeden Stecknadelknopf, der irgendwo zur Erde fällt. Du bist der größte Heuchler, den ich in der Welt kenne.«

»Nun, nun, erlaube mal,« sagte der Vater sie leise streichelnd, »einer Stecknadel darfst Du das Schwert, das Dir im Herzen sitzt, doch wohl nicht vergleichen, da thust Du Dir Unrecht. Und nun will ich Dir sagen: gar so schlimm ist dieser kleine wissenschaftliche Zwischenfall am Ende nicht. Er wird sich ausgleichen lassen. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Ich trage ihm keinen Groll mehr.«

»Du – ihm?!« rief Cilli sich heftig losreißend, »das ist allerdings großmüthig, wunderbar edel! Du 146 schlägst mit Keulen auf ihn los und trägst ihm keinen Groll dafür! Reizend, wahrhaftig. An ihn natürlich, den gröblich Mißhandelten, wird garnicht gedacht. Der darf nicht mucksen. Wenn er es aber doch thut? Wenn er nun erklärt: Für die Tochter solchen Grobians danke ich bestens, die wird doch auch wohl ein Drache sein oder jedenfalls mal einer werden; der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Und das erklärt er ja selbstverständlich. Und wenn dann diese Tochter – aber natürlich, an solche dumme Tochter wird erst recht nicht gedacht. Du sagst gemüthlich: Ich trage ihm keinen Groll.«

Als sie dieses gesagt hatte, vollführten seine Gesichtsmuskeln ein so wundersames Zucken und Arbeiten, daß sie ordentlich erschrak, denn sie wußte wahrhaftig nicht, was dies bedeutete: hatte er einen ungeheuren Spaß mit ihr vor oder ganz etwas Anderes. Er aber legte nunmehr seinen Arm um ihre Schulter, zog sie sanft nieder und setzte sich an ihrer Seite in das Moos unter die Buche.

»Nun, liebes Kind,« sprach er mit ruhiger Stimme, »ganz verstehst Du dies doch nicht, so gescheidt Du sonst bist. Aber ich will Dir's erklären. Ob ich mit Keulen auf Deinen Freund geschlagen habe oder mit dem Rohrstock, bleibe unerörtert; ist auch das letztere nur der Fall, so ist doch richtig: ich habe ihm Unrecht gethan, und das thut mir 147 leid. Doch davon später. – Weißt Du aber auch, was ich zuvor von ihm besehen habe? Nicht etwa bloß Prügel, sondern einen Schwertstreich mitten ins Herz. Nein, das Bild ist nicht richtig, denn da wäre ich ja todt und könnte nicht wiederschlagen, was Euch natürlich das Liebste wäre. Sagen wir also, in den Magen. Oder noch ein besseres Bild. Denke Dir, ich habe mir ein herrliches Schloß am Meer erbaut, an dem mein ganzes Herz hängt, das mir mehr werth ist als mein eigenes Leben, weil es meines Lebens Werk ist, mein Sieg und meine Ehre: und siehe, da kommt leichtherzig trällernd ein Jüngling daher und entdeckt eine klaffende Fuge daran; kaltblütig legt er Pulver hinein und sprengt es in die Luft. Dann baut er ein neues Schloß an derselben Stelle und wohnt nun darinnen. Es mag schöner sein als das meine und fester gebaut: aber es ist das meine nicht mehr, ich bin daraus vertrieben. Denn armselig bei ihm zu Miethe wohnen mag ich nicht, wo ich vordem der Hausherr war. Ich bin heimathlos geworden, ein wissenschaftlicher Landstreicher. Meinst Du, daß es so leicht ist, das zu ertragen? Dem Sieger nicht zu grollen?«

Ganz entsetzt blickte Cilli ihn an. »Aber ich begreife nicht,« sagte sie ängstlich, »jetzt nennst Du ihn Sieger – und in Deiner Schrift behandelst Du ihn ganz anders, nämlich wie einen vorwitzigen 148 Schuljungen; wie reimt sich das zusammen? Ich verstehe Dich nicht. Das ist ein vollkommener Widerspruch.«

Er nickte trübselig. »Ein so vollkommener,« sagte er, »wie das ganze Leben und der ganze Mensch. Doch ist er diesmal ausnahmsweise noch aufzulösen. Als ich das nichtsnutzige Buch dieses jungen Doctors las, gerieth ich in heftige Empörung; ich wehrte mich zornig, ich schlug dagegen mit aller Kraft, es gab Hieb auf Hieb, ich suchte es zu vernichten. – Ach, hätte ich mich selbst gleich tiefer geprüft, ich hätte mir sagen können: gerade diese leidenschaftliche Hitze, diese redselige Grobheit beweisen allein schon, daß Du heimlich Dich besiegt fühlst. Der Sieger ist groß und ruhig. – Und auch das Andere hätte mich aufklären können über mich selbst: daß ich Dir sein Buch nicht zu lesen gab, es in der Stille bei Seite schob. Es war nichts weiter als die unbewußte Angst, Du möchtest mit Deinen stillen Augen meine Niederlage entdecken. – Aber wer vermag sich gleich von Anfang so zu durchschauen? Erkenne Dich selbst! Das schwerste und gewaltigste aller Gebote. Die zehn des Moses sind Kinderspiel dagegen. Aber langsam, langsam habe ich mich besonnen. Der dunkle Untergrund meines Gewissens kam leise an die Sonne. Ich habe das Buch noch einmal geprüft bis in die feinsten 149 Fugen und wieder noch einmal, und bin nun ganz zu dem Ende gekommen: Der Feind hat Recht, und ich hatte Unrecht. Aber nun bleibt doch das eben bestehen: Dieser junge Mensch hat mir zerstört, was mir das Werk und der Werth meines Lebens gewesen ist. Und das soll ich so leichtherzig verzeihen und verwinden? Ich soll diesem Todfeinde gemüthlich die Hand drücken?

Einem Wildfremden vielleicht – allenfalls – mit der Zeit. Aber nun kommst Du und erinnerst mich daran, wer dieser Todfeind ist: der Ruf dringt zu mir, ich soll ihm nicht bloß verzeihen, ich soll ihn an mein Herz nehmen, ihn meinen Sohn heißen. Ich soll im letzten, schwersten Sinne das Gebot erfüllen, das doch noch schwieriger ist als jenes hellenische, unser: Liebet eure Feinde! Liebe deinen Mörder als deinen Sohn! Ist das nicht wirklich sehr viel verlangt? – War es nun so sehr unbillig, mein Kind, wenn ich sagte: Ich trage ihm keinen Groll mehr? Ich will ihm die Ohrfeige, die ich ihm gab, verzeihen? Darf ich nicht so sagen? – Uebrigens gefällt mir dieser Satz mit der Ohrfeige; ich will ihn mir stehen lassen.«

Sein Gesicht war nun schon wieder in lachende Falten verzogen. Cilli aber lehnte ihren Kopf still weinend an seine Brust, und er streichelte stumm ihre weichen blonden Flechten mit etwas hastigen und unruhigen Fingern.

150 »Vater,« flüsterte sie endlich, »sie verstehen Dich alle nicht, sie sind alle zu dumm: und ich war's erst recht; aber jetzt will ich klug werden und würdig, Deine Tochter zu heißen. Und Du kannst mir glauben, ich bin jetzt im Stande, gelassen auf alles Glück für mich zu verzichten, und es soll mir ganz leicht werden. Dir ist ja viel Größeres genommen worden.«

»Herr du meine Güte!« unterbrach sie der Professor, »jetzt will dies Frauenzimmer klug werden und redet die großartigsten Dummheiten von der Welt! Nein, mein Schäfchen, so haben wir nicht gewettet. Ich für mein armes Theil bin noch lange nicht fertig, weder mit dem Leben noch mit dem Glück; ich bitte Dich, wenn man so affenjung ist, noch nicht mal sechzig Jahre! Es fällt mir auch nicht ein, in Sack und Asche zu kriechen und thatenlos zu versauern; vielmehr denke ich noch eine ganze Reihe vergnügter Jahre vor mich zu bringen und noch manche Maibowle zu brauen und austrinken zu helfen. Zuvörderst habe ich allerdings jetzt eine bittere Pille zu verschlucken: ich muß dem jungen Herrn öffentlich eingestehen, daß ich ihm Unrecht gethan habe. Aber so schlimm ist das auch nicht, denn man ist es gewohnt; man hat ja schon hundertmal Unrecht gehabt im Leben und hat es laut bekannt, wenn auch nicht so im Großen und Ganzen. Aber dafür wird es 151 mir diesmal dadurch sehr erleichtert, daß ich sogleich meine Rache daran knüpfen kann. Ja, mein Kind, es ist nicht anders: ich habe den Pfeil meiner Rache schon fertig auf dem Bogen liegen. Genauer: ich habe des Gegners Pfeil, der auf mich gerichtet war und mich freilich auch tief ins Fleisch getroffen hat, hurtig aus der Wunde gezogen und bin im Begriff, ihn auf Jenen selbst wieder abzuschießen. Wie das zu verstehen ist? Ganz einfach: als ich mich beim Nachprüfen seiner Arbeit wider Willen überzeugen mußte, daß er durchaus auf dem richtigen Wege war, da entschloß ich mich kurz – was kein so ganz leichter Entschluß ist – meine eigene alte, nunmehr verschüttete Straße zu verlassen und ihm auf der seinen, der neugeöffneten, zu folgen: nein, nicht zu folgen, sondern neben ihm her zu gehen. Nun, und da ist mir's geschehen, daß ich unvermerkt die sichere Spur einer dritten Straße entdeckt habe, die von der seinigen plötzlich wieder abzweigt und in noch freiere Höhen, noch sonnigere Lüfte hinaufführt. Begreifst Du den stolzen Gedanken solcher Rache? Wir können auch so sagen: Um unsere Erkenntniß von der Entstehung der homerischen Poesie war eine Mauer gezogen, über die mir's zuerst hinüberzuschauen gelang, indem ich auf einen hohen Stein stieg, den vor mir Niemand entdeckt hatte. Und ich meinte, nun ungehindert in alle Weiten zu blicken. Da kommt unser Freund 152 Fortunatus, schwingt sich mit einem kühnen Ruck auf meine Schultern und bemerkt hinter der ersten noch eine zweite Mauer, die in größerer Ferne den Ausblick begrenzte. Er freilich sieht nun aus seiner größeren Höhe darüber hinweg und staunt in unerschlossene Fernen, während ich noch in die Tiefe hocke. Aber ich, nicht faul, thue noch einen größeren Ruck, klettere an ihm wie eine Katze in die Höhe und springe auf seine Schultern. Und da stehe ich nun und lache ihn aus und blicke weit über eine dritte Mauer hinweg, die er wieder noch nicht bemerkt hatte. Verstehst Du nun meinen Racheplan? Denn freilich ist's nur erst ein Plan, wenn auch ein sehr sicher gegründeter, zu seiner Ausführung wird es vermuthlich manches Jahres bedürfen: aber das ist gerade die Freude: es gibt auf Jahre hinaus wieder kräftiges Schaffen und ein herrliches Ziel. Und weil ich diese neue Lebenshoffnung in letzter Linie diesem Vogel Wiedehopf verdanke, darum will ich ihm in Gnaden Alles verzeihen, sogar das Allerschlimmste: daß er mich in einer schwachen Stunde zu einem ungerechten Grobian gemacht hat –«

»Ja, aber Papa,« fiel Cilli hier etwas ängstlich ein, »nun sag' mir auch endlich: bist Du ganz sicher, daß er Dir dies auch so im Handumdrehen verzeihen wird?«

»Muß er!« entgegnete Kiesewetter gelassen, »ich 153 halte ihm einfach meine älteste Tochter als Schild entgegen, auf die wird er doch nicht losschlagen.«

Sie lächelte etwas trübe. »Ja, aber wenn ich nur überzeugt wäre,« meinte sie kleinlaut, »daß er mich wirklich – daß er sich wirklich etwas aus mir macht. Mir scheint doch, sein Buch beweist deutlich das Gegentheil. Man führt doch nicht offenen Krieg gegen den Vater, wenn man mit der Tochter gut Freund sein will. Sieh, dieser Gedanke hat mich ganz stutzig gemacht und mich eine Zeitlang völlig verstört.«

»Oho!« rief der Alte eifrig, »was haben unsere wissenschaftlichen Späne mit dem alltäglichen Leben und zumal mit Euch Frauenzimmern zu schaffen? Wehe dem Gelehrten, der solche Rücksichten kennt! Ja, ich kann Dir getrost sagen: wenn dieser Freund Wiedehopf in seinem Buche um Deinetwillen ein einziges Wort weniger oder mehr geschrieben hätte, dann – nun nein, mein Schwiegersohn zu werden könnte ich ihn vielleicht nicht hindern, denn Du hast Deinen Kopf für Dich: aber eine Professur kriegte er niemals, so lange mein Wort und Urtheil noch etwas gilt; denn Schwächlinge und Weiberknechte können mir als Bürger unserer Republik nicht gebrauchen. Also über diesen Punkt tröste Dich; an seinem Herzen brauchst Du nicht zu zweifeln, aber an seinem Fortkommen auch nicht: für dieses bürge ich, auch wenn 154 er mein Schwiegersohn wird, obgleich ich ohne das etwas flotter für ihn ins Zeug gehen könnte. – Ueberleg' Dir's also, ob Du ihm nicht doch lieber einen Korb gibst im Interesse seiner Wirthschaftskasse! – Aber nun mache gefälligst einmal wieder vernünftige Augen, wie man sie von Dir gewöhnt ist; solche händeringenden Madonnenblicke stehen Dir ganz und gar nicht, lachen muß ich Dich sehen, zum mindesten mit den Augen. Und daß ich's gestehe, auch mir thut jetzt ein kraftvolles Lachen noth, aber nicht bloß mit den Augen. Denn schwer in den Gliedern liegt mir dieser Krach auch so noch, ganz trägt mich die Hoffnung doch nicht darüber hinweg. Auch nicht einmal die Hoffnung auf Dein künftiges Glück. Eine Kleinigkeit ist's immer nicht, mit bald sechzig Jahren sein Lebenswerk von vorne zu beginnen, seine besten Gedanken von Grund aus wieder umzuschmieden. Zu kauen hat man doch daran. Weißt Du, was mich jetzt herausreißen könnte? Ein recht ausbündiger Narrenstreich, mich daran auszutoben und auszulachen. Aber mir fällt keiner ein.«

Sie lachte nun wirklich, und ihre strahlenden Augen blitzten.

»Ja, weißt Du, Papa,« sagte sie, »mit einem Narrenstreich kann ich aufwarten, allerdings einem umgekehrten, der an uns sollte begangen werden und 155 um dessen willen ich mein Nasenbluten kriegte. Aber Spaß wird er Dir doch machen, schon weil Tante Laura die Ränkespinnerin ist. Denke Dir bloß, sie hat sich in den Kopf gesetzt, Dich mit Herrn Doctor Wiedehopf zu versöhnen. Das wäre ja nun sehr an sich schön, aber wie sie es anfangen will, das ist das Tolle. Anna hat es mir eben verrathen, die hat sie auch dabei betheiligt. Im ersten Augenblick war ich ganz empört über die alberne Art, in der mit Euren heiligsten Gefühlen gespielt werden sollte; aber jetzt, muß ich sagen, sehe ich es doch schon anders an, vielleicht so mit Deinen Augen, ich kann es nur noch über alle Maßen lächerlich finden, nachdem die Ausführung der Posse nun glücklich vereitelt ist. Vernimm also und staune: Tante Laura wollte mich scheinbar von einer Kreuzotter beißen lassen, dann sollte Herr Doctor Wiedehopf mir das Leben retten, indem er das Gift aus der Wunde sog, und so sollte Dein Vaterherz und seines zugleich im Innersten gerührt werden und ihr einander versöhnt um den Hals fallen. Was sagst Du zu diesem wunderbaren Plane? Und vor Allem, was sagst Du zu Tante Laura's Erfindungsgeist?«

Der Professor begann jetzt ein Thun, das entschieden etwas Mystisches und beinahe Unheimliches an sich hatte. Er griff nach seinem Kopfe, nahm den Hut ab und ließ ihn ins Gras fallen, griff 156 nochmals hinauf und nahm noch etwas ab, und dies war nichts Anderes als seine Perrücke; die hielt er nun ausgestreckt mit beiden Händen in die Höhe, als wollte er sie den Göttern als ein Weihegeschenk darbringen, stand bar und kahlhäuptig, und seine Züge gewannen ungefähr das Aussehen einer tragischen Maske bei den Hellenen.

»Das ist ganz groß!« sagte er feierlich, »so groß, daß es nicht nur von der Sonne beschienen zu werden verdient, sondern auch von dem Monde, und diesen liefre ich hiermit. Von diesem Gedanken her kommt mir die Rettung und Aufrichtung meiner Seele. Aber weißt Du, liebe Tochter, auf eins will ich schwören: aus Tante Laura's Hirn stammt dieser Riesengedanke nicht. Da steckt ein tiefsinnigerer Geist dahinter.«

»Es mag sein,« sagte Cilli, »daß Vetter Fritz ihr den Gedanken zuerst eingeblasen hat; jedenfalls ist er mit im Komplott, und dem Schlingel ist das schon zuzutrauen.«

»Nein,« sagte der Professor mit großer Bestimmtheit, »dies auch ihm nicht. Er ist ja ein reifer Geist für seine Jahre, aber so reif denn doch nicht. Auch er hat noch einen Hintermann. Und ich weiß, wer der ist, ich erkenne dessen Handschrift mit dämonischer Klarheit: es kann kein Anderer als Fritz Brunnemann sein.«

157 »Der?« fragte Cilli erstaunt. »Aber wie soll der dazu kommen? Was gehen Herrn Brunnemann diese Geschichten an?«

»Das weiß ich nicht,« erwiderte der Vater, »aber es ist einer von seinen Streichen. Die Sorte kenn' ich. Immerhin steht auch fest: er ist mit Wiedehopf durch eine alte Knabenfreundschaft verbunden – wer weiß, ob dieser Vogel nicht am Ende selber dahintersteckt –«

»Vater!« unterbrach ihn Cilli in tiefer Entrüstung und heiß erglühend. »Aber so etwas darfst Du nicht einmal aussprechen, auch nicht im Scherz. Das ist ganz häßlich.«

»Recht hast Du,« bekannte er schnell, setzte seine Perrücke wieder auf und streichelte ihr beschwichtigend die Hände, »dieser dumme Witz soll schleunigst unter den Tisch fallen. Doch an Brunnemann halte ich fest. Und ich ahne auch seinen innersten Beweggrund: dieser Pfeilschuß gilt mir. Wir stehen ja seit Langem in einem Schabernackstreite, und ich muß leider zu meiner Schande bekennen: er hat mich öfter überlistet als ich ihn. Aber heut ist der Tag der Rache. Heut soll er mir eingehen. In seiner eigenen Grube will ich ihn fangen. Seine Giftschlange soll sich selbst in den Schwanz beißen. Das soll eine großartige Scene werden. Also Kind, diese Tragödie muß genau so zur Aufführung gebracht werden, wie 158 er und Tante Laura sie gedichtet haben – welcher Dämon aber diese beiden ungleichen Geister zu gemeinsamer Verschwörung zusammengeführt hat, das bleibt mir freilich ein unergründliches Räthsel.«

»Aber Papa!« rief Cilli erstaunt, »Du denkst doch nicht im Ernst daran, dieses läppische Possenspiel zur Ausführung kommen zu lassen; das wäre denn doch –«

»Allerdings denke ich daran,« fiel er schnell ein und beinahe scharf, »und ich will von meiner Tochter hoffen, daß sie mir heute – ich sage heute, meine liebe Tochter – ein Spiel nicht verderben wird, wie man es nicht alle Tage in die Hände bekommt.«

»Ja, weißt Du, Vater,« sagte Cilli seufzend, »jetzt verstehe ich Dich aber doch wieder einmal nicht.«

Er schwieg eine Weile nachdenklich.

»Ich will versuchen, es Dir zu erklären,« sagte er dann ruhig. »Sieh mal, es ist meine Natur so: wenn mir im Leben einmal etwas ganz tief an die Wurzel greift, und ich bin in Gefahr umzukippen, dann gibt es in der Noth ein letztes Rettungsmittel für mich: ich muß einen Spaß haben, je dummer er ist, desto besser; der stellt das Gleichgewicht meiner Seele wieder her. Wie das zugeht, werden wohl nur Wenige ganz begreifen, die auch diese tolle Natur haben – Brunnemann zum Beispiel; es mag 159 wohl so sein: ich sehe dann wie in einem Spiegel die ganze nichtsnutzige Kleinheit aller menschlichen Dinge, ihre ungeheure Lächerlichkeit: und da lohnt sich's denn nicht länger, dem Verlust eines winzigen Theiles solcher Armseligkeit nachzutrauern. Mein Geist ist wieder frei und schwebt über den Wassern. Als Deine Mutter mir starb, war ich nahe daran, an meinem Kummer zu Grunde zu gehen und Euch hülflos in dieser Welt mit ihren Schrecknissen und ihrer Tante Laura zurückzulassen; da fand ich einen dummen Witz, den ich an Brunnemann loslassen konnte, und ich war gerettet. Zum Glück hat damals Niemand sonst davon erfahren, alle Welt würde es verschrien haben als eine empörende Frivolität. Brunnemann freilich verstand mich; der muß auch so ähnlich verschroben construirt sein. Jedenfalls steht nun fest: diese Komödie mußt Du mir lassen. Ich komme ohne sie nicht zurecht. Ein Opfer mußt Du auch bringen. Das meinige ist größer.«

Da schmiegte sie sich innig an ihn und sagte:

»Ich will versuchen, Dich immer zu verstehen und will Dir jetzt gehorchen. Nur noch eine Bitte: darf ich Herrn Wiedehopf nicht einweihen in den Plan?«

Er schlug sich vor die Stirn. »Es geht doch nichts über kluge Töchter,« sprach er vergnügt, »ich bin einmal wieder geschlagen. Aber selbstverständlich darfst Du's ihm sagen! Und damit ist denn der 160 letzte Knoten gelöst. Und obendrein wird sich die Tragödie so am glattesten abspielen; ein störender Zwischenfall kann schlechterdings nicht mehr eintreten, weil alle betheiligten Spieler ohne jede Ausnahme mit im Komplott sind. O wenn Tante Laura das wüßte! Ja, weißt Du, auf deren Gesicht freue ich mich doch am allermeisten.«

»Aber leid thut sie mir doch,« bekannte Cilli.

»Sie hat die Suppe eingebrockt, sie muß sie ausessen,« sprach der Professor erbarmungslos. »Aber weißt Du, Kind, Alles darfst Du diesem Vogel Wiedehopf doch nicht sagen. Das Eine nämlich nicht, daß ich schon so ganz zur Versöhnung gestimmt bin. Ein bißchen muß er noch zappeln; das hat er verdient, soviel wirst Du selbst zugeben. Du darfst nur sagen: Die Tante hat die Sache angezettelt, und ich gehe darauf ein, um sie zu uzen, aus brüderlicher Neckerei, einzig aus diesem Grunde. Und er soll mir den Spaß nicht verderben, um mich nicht noch mehr zu reizen. Daß ich überhaupt Mitverschworener bin, muß er ja leider erfahren, denn sonst läßt er sich überhaupt auf nichts ein, soweit glaube ich ihn zu kennen. Er ist eine grausam ehrliche Haut und bitterlich ernsthaft; von der fratzenhaft lustigen Komödie des Lebens wird er nie etwas verstehen. Darin wirst Du ihm wahrscheinlich über sein, denn Du bist immerhin meine Tochter, wenn auch nur 161 eine Hälfte von Dir mein Fleisch und Blut. Und das ist mir ein angenehmer Gedanke, daß Du ihm in etwas über bist: denn er ist im Uebrigen ein verfluchter Kerl, und ich möchte meine Tochter nicht gern ganz unterjocht wissen.«

Sie lächelte verschämt und glückselig und warf sich schweigend in seine Arme.

* * *

Fräulein Cilli begab sich nunmehr auf die Waldlichtung zu der spielenden Jugend zurück und verkündete die Freudenbotschaft, daß sie von ihrem Nasenbluten glücklich genesen sei. Darauf stellte sie sich die Aufgabe, den Doktor Fortunatus Wiedehopf zu einer kurzen Unterredung unter vier Augen einzufangen, ohne daß es ihm und Andern allzusehr auffiele. Das war keine so ganz leichte Sache; denn wenn er ihr auch anscheinend häufig genug auf halbem Wege entgegenkam und offenbar ihre Nähe suchte, so wich er doch jedesmal im entscheidenden Augenblick wieder zurück und war nicht festzunageln, wollte sie ihm nicht Winke geben, die er mißverstehen konnte.

Endlich gelang es ihr, ein Spiel vorzuschlagen und durchzubringen, das die Gesellschaft für eine Zeitlang in einzelne spazierende Paare auflöste, die aber ihre Zusammenstellung wechselten; »Begegnen« nannte man es damals, und man spielt es wohl noch 162 heute. Als sie auf die Art nach manchem andern Partner endlich ihres Doktors habhaft geworden war, zog sie ihn mit unmerklichem Armdruck allmählich etwas abseits, bis sie nahe dem Waldrande außer Gehörweite der Andern waren. Er folgte ihr jetzt sehr willig, ja, er schien sogar den geheimen Plan zu verfolgen, sie nun seinerseits bis in die Waldtiefe hinein zu verschleppen, doch stieß er da schnell auf sehr nachdrücklichen Widerstand.

»Eine Frage, Herr Doktor,« begann sie nun hastig. Doch da schlug ihr das Herz so heftig bis in den Hals hinauf, daß sie nicht sogleich weiterreden konnte. Als sie aber seine Blicke in gar zu heißer Spannung auf sich gerichtet sah, stieß sie mit gewaltsamer Anstrengung die weiteren Worte hervor: »Was würden Sie thun, wenn ich – oder jemand Anders – von einer Giftschlange gebissen wäre?«

Sein völlig verblüfftes Gesicht gab ihr eine innere Erleichterung, und in ihren Augen begann schon wieder eine leise Schalkheit zu spielen. Er faßte sich indessen auch endlich und gab fast etwas ärgerlich die trockene Antwort:

»Heilmittel gegen Schlangenbiß gehören zwar nicht in mein eigentliches Fachstudium, doch ist mir irgendwoher bekannt geworden, daß man Alkohol für ein specifisches Gegengift hält.«

Jetzt war die Reihe, verblüfft auszusehen, an ihr.

163 »Aber!« stotterte sie, »das meinte ich nicht. Ein so abscheuliches Mittel! Und wahrscheinlich nicht einmal sicher. Ich meinte ein anderes. Man saugt das Gift aus der Wunde – allerdings mit eigener Lebensgefahr; aber das macht sich doch viel schöner. Namentlich wenn die Gebissene eine Dame ist,« fügte sie nun wieder schalkhaft hinzu. »Trauen Sie sich den Muth zu, solche Heldenthat zu vollbringen?«

»Ich weiß nicht,« antwortete er mit verwundertem Kopfschütteln, »ob Sie das schön finden würden, wenn ich im Voraus mit einem Heldenmuthe prahlen wollte, den zu beweisen ich vermuthlich niemals Gelegenheit haben werde.«

»Doch!« sagte sie mit einem schlauen Lächeln. »Heute noch. Ich soll heute von einer Kreuzotter gebissen werden.«

Er sah sie mit einem sehr, sehr sonderbaren Blicke an.

»Ich merke, was Sie jetzt denken,« fügte sie hinzu, »nämlich über mich und den Zustand meines Gehirns. Und das kann Ihnen Niemand übelnehmen. Ich thue es gewiß nicht. Aber ich möchte doch wieder eine bessere Meinung bei Ihnen erwecken. Also hören Sie. Ihr Freund Brunnemann und meine Tante Laura haben mit einander einen überaus verdrehten Plan ausgeheckt, Sie und meinen Vater wieder zu versöhnen. Denn sie gehen von der Meinung aus, 164 Sie und er stünden einander in Folge eines wissenschaftlichen Streites in unversöhnlichem Grolle gegenüber. Eine offenbar wenig begründete Meinung; sie verstehen eben beide nichts von gelehrten Dingen –«

»Und ist denn Ihr Herr Vater nicht unversöhnlich?« unterbrach er sie mit hastiger Frage. »Ich meine doch eine genügende Probe seines schweren Grolles zu haben.«

»Haben Sie niemals im ersten Zorne mehr gesagt oder geschrieben, als Sie später verantworten mochten?« fragte sie dagegen mit einem freundlich glänzenden Blicke. »Und waren Sie dann nicht zum Nachgeben und zur Versöhnung gestimmt?«

»Ist das die Stimmung Ihres Vaters?« rief er, und seine Augen leuchteten freudig auf.

»Ich bin nicht mein Vater,« erwiderte sie mit einem schelmischen Achselzucken. »Indessen ich meine, ein Mann von der wissenschaftlichen Bedeutung, die er doch hat, kann sich unmöglich auf die Dauer in seinen ersten Grimm verbeißen gegenüber einer Leistung wie die Ihrige –«

»Sie haben mein Buch gelesen?« fiel er ängstlich ein, »und Sie kennen seine Gegenschrift?«

»Nein,« versetzte sie ernst, »er hat mir leider beide unterschlagen; – die letztere aus Furcht vor mir: denn er hat wohl gewußt, er hätte seine Ausdrücke dann doch ein klein wenig mildern müssen. 165 Nicht gar zu sehr, aber ein ganz klein wenig! – Ueber Ihr Buch kann ich nur reden gemäß dem letzten Urtheile meines Vaters –«

»Und das lautet also?« fiel er aufgeregt ein.

»Fragen Sie ihn selber!« antwortete sie mit einem fröhlichen Lächeln. »Aber ehe Sie das dürfen, müssen Sie zuvor nach der Methode meiner Tante sein Vaterherz bestürmen. Im Ernst, Sie müssen das, mein Vater will es, Sie müssen das Gift aus einer Wunde saugen, die Tante Laura mir beibringen wird – in Vertretung einer Kreuzotter. Sie begreifen den unsinnigen Plan –«

»O pfui, Brunnemann!« rief er entrüstet, »ich entsinne mich, er redete solch läppisches Zeug – aber ich konnte unmöglich denken –«

»Nehmen Sie es nicht mehr tragisch,« mahnte sie heiter, »wir haben es längst zur Komödie umgeschaffen. Mein Vater nämlich. Er hat durch einen Zufall davon erfahren und brennt nun vor Begierde, den Spieß umzudrehen und Ihrem schlauen Herrn Brunnemann ein lustiges Schnippchen zu schlagen. Was er eigentlich vor hat, weiß ich noch nicht, aber ich gönne ihm sein Vergnügen. Und Sie müssen das auch; denn immerhin: Sie haben wohl auch an ihm etwas gut zu machen! Also ich bitte Sie herzlich, gehen Sie darauf ein, mag es Ihnen auch als vollendete Narrheit erscheinen. Verschanzen Sie sich 166 nicht hinter Ihrer Würde, sondern heulen Sie mit den Wölfen. Also, sobald ich aufschreie: »Eine Schlange!« oder so etwas, auf dies Stichwort stürzen Sie unverzüglich herbei und werfen sich todesmuthig auf meine Wunde –«

Er sah sie auf einmal mit einem leuchtenden Blicke an. »O Fräulein Cilli,« sagte er schwärmerisch, »warum haben Sie mir verrathen, daß dies nur eine Posse ist? Ich hätte es ja viel lieber in gutem Glauben und ehrlichem Ernste gethan.«

»Wenn ich eine solche Probe Ihrer Herzhaftigkeit für nöthig gehalten hätte,« versetzte sie mit übermüthig blitzenden Augen, »würde ich nicht gezögert haben, wie Fräulein Kunigund meinen Handschuh zwischen den Tiger und den Leun mitten hinein zu werfen und Sie um die kleine Gefälligkeit des Aufhebens zu bitten; aber ich bin von Ihrem Muthe ohnehin überzeugt: Sie haben ihn ja zur Genüge gegen meinen Vater bewiesen – bitte, jetzt rede ich völlig ernst; es gehörte wirklich ehrlicher Muth dazu, dieses Buch zu schreiben. Soviel versteh' ich von diesen Verhältnissen.«

»Fräulein Kunigund,« sagte er freudig erröthend, »wollte aber nicht sowohl den Muth ihres Ritters Delorges auf die Probe setzen als ein anderes Gefühl: und eben ein solches würde ich gerne durch die That erwiesen haben – denn die Worte findet man oft viel schwerer –«

167 Er wollte ihre Hand ergreifen und sie festhalten, doch sie entschlüpfte ihm gewandt, obgleich erglühend und erbebend, und rief im Davonlaufen:

»Erst versöhnen Sie meinen Vater und zeigen Sie ihm, daß Sie einen Spaß verstehen und sogar einen dummen!«

Damit tauchte sie wieder in den Wirbel der spielenden Jugend, und er mußte ihr dahin folgen.

* * *

Die Mittagszeit war gekommen.

Das Mahl sollte im Freien eingenommen werden; die Luft war von der hohen Sonne immerhin leidlich durchwärmt, wenn auch von der See her der Ostwind mit gleichmäßig eisigem Hauche herüberwehte. Indessen an geschützten und sonnigen Stellen war's auszuhalten. Man hatte eine solche im Walde näher dem Gasthause gewählt, so daß Töpfe, Terrinen und Schüsseln noch warm herüber gelangen konnten; es war eine kleinere Blöße, von reichlichem Haselgebüsch gedeckt: auf den Ausblick auf die schäumende See freilich mußte man so lange verzichten.

Man lagerte sich ins Gras auf untergelegte Tücher; in der Mitte trug ein großes Brett die Speisen und Getränke. Bequem war diese Art von Speisung nicht, aber sehr romantisch. Professor Kiesewetter verglich das Ganze einem Zigeunerlager, 168 sein Neffe Fritz sprach mit kühnerer Phantasie von einem antiken Symposion, indem er die Damen belehrte, daß die alten Griechen ebenfalls liegend zu speisen pflegten, was er mit einem bedeutsamen Blick auf sein Cousinchen Anna als einen Beweis ihrer höheren Kultur ausdeutete.

Seinen Platz und seine Nachbarschaft wählte Jeder nach Belieben. Es konnte Niemandem auffallen, daß Anna und Fritz die Plätze zu Cilli's beiden Seiten mit starkem Eifer suchten und auch errangen. Auch daß der Professor, Brunnemann und Wiedehopf in ihrer nächsten Nähe saßen, war nur natürlich. Tante Laura verschmähte überhaupt einen festen Sitz; sie hatte zuviel mit der Anordnung und Leitung der großen Eßschlacht zu thun. Uebrigens konnte auch ein weniger aufmerksamer Blick an ihr eine geradezu fieberhafte Unruhe beobachten; sie war völlig zerstreut und beging unerhörte Verwechselungen und Ungeschicklichkeiten beim Anrichten und Bedienen. Dem Einen füllte sie die Suppe in sein Punschglas, dem Andern legte sie ein Stück Braten in die blanke Hand, und einem Dritten, einem baumlangen Assessor, versuchte sie die Serviette eigenhändig um den Hals zu knüpfen statt der kleinen Trude, die zufällig neben ihm saß. Es war ersichtlich, auch an ihren scheuen Blicken und der hastig wechselnden Farbe ihrer Wangen, daß eine geheime Sorge und Angst sie völlig 169 beschäftigte. Ihr Bruder, der Professor, betrachtete sie unterweilen mit boshaften Blicken. Auf einmal sagte dieser, ehe noch alle völlig seßhaft geworden waren, mit erhobener Stimme:

»Ich möchte übrigens zu einiger Vorsicht mahnen und bitte Jeden, seinen Sitzplatz sorgfältig vorher zu prüfen; es gibt in diesem Jahre ungewöhnlich viele Kreuzottern hier im Walde.«

Der Tante fiel klirrend ein Dutzend Löffel aus der Hand, und wenig fehlte, so wäre sie selbst daneben gefallen. Erst ein forschender Blick in ihres Bruders unschuldsvolles Antlitz und die Bemerkung, daß sie in dem allgemeinen Staunen und stillen Erschauern ziemlich unbeobachtet zu bleiben schien, gab ihr wieder einige Fassung. Ja, bald deutete ein Aufleuchten in ihren Augen an, daß sie die zufällige Notiz als eine günstige Vorbereitung ihres Unternehmens anzusehen beginne. Sie ärgerte sich nur entsetzlich über ihren Neffen Fritz, der ganz unheimliche Gesichter schnitt, und suchte ihn durch wüthende Blicke zur Ordnung zu rufen; selbstverständlich vergebens.

»Was, Kreuzottern? In unserem Walde?« fragte jetzt der Assessor erstaunt, »davon hat man aber noch niemals das Geringste gehört.«

»Dieselben scheinen auch seit Kurzem erst eingewandert zu sein,« belehrte der Professor im Ton 170 stiller Sachlichkeit, »und eben weil Niemand sie hier gesucht und verfolgt hat, haben sie sich mit erstaunlicher Schnelligkeit vermehrt. Bitte, lieber Brunnemann, Sie müssen ja darüber etwas wissen.«

Dieser warf zwar auch einen verdutzten und unsicheren Blick auf den Frager, wußte sich aber sehr schnell zu fassen und fand eine rasche Antwort:

»Es ist leider richtig. Die Forstverwaltung hat aber beschlossen, einige hundert Igel zu ihrer Vertilgung auszusetzen. Schweinigel natürlich, Erinaceus vulgaris, nicht zu verwechseln mit dem Schmutzfinken oder der Dreckschwalbe, denn diese fressen keine Giftschlangen. Ohne Zweifel wird also im nächsten Jahre die Gefahr beseitigt oder doch sehr verringert sein.«

»Aber besteht denn wirklich eine ernsthafte Gefahr von der Kreuzotter für Menschen?« fragte eine angstvolle Stimme.

»Erst ganz vor Kurzem«, antwortete Fritz schnell, »ist bei Brandshagen ein Kind gebissen und leider auch gestorben, weil nicht gleich Hülfe zur Hand war.«

Und wieder schnitt er zum Schrecken der Tante die gräßlichsten Gesichter.

»In der That lehrt die Statistik«, fügte Brunnemann hinzu, »daß die Zahl der durch Giftschlangen verursachten Todesfälle in Deutschland weitaus größer ist, als man gemeinhin anzunehmen pflegt.«

171 »Ganz besonders ist zu bedauern«, sagte der Professor tief ernst, »daß die Kreuzotter ähnlich wie der Floh und andere reißende Thiere es am meisten auf weibliche Individuen jugendlichen Alters abgesehen hat.«

»Das scheint mir nur auf die größere Länge und Festigkeit der männlichen Stiefel zurückzuführen zu sein,« suchte der Assessor zu erklären.

»Diese Behauptung scheint mir eine Unhöflichkeit zu enthalten,« bemerkte Brunnemann, »jedenfalls findet das doch auf den Floh keine Anwendung; und außerdem zeigt auch der bimane Mann, homo sapiens maxculinus, auffallend häufig eine ebensolche Vorliebe für weibliche Individuen jugendlichen Alters: die kann doch kein vernünftiger Mensch auf die dünnen Stiefel allein zurückführen.«

»In der That nicht,« bestätigte der Professor gewichtig, »doch ist andererseits zu bemerken, daß man die Vergleichung des giftigen Reptils mit dem männlichen Menschen nicht zu weit treiben und nicht zu sehr verallgemeinern soll, am wenigsten bezüglich der Anwesenden, mit einer Ausnahme freilich, die ich indessen nicht namhaft machen will. Insbesondere besteht nachweislich ein fundamentaler Unterschied zwischen beiden Arten von Wirbelthieren: der nämlich, daß die Otter eine tiefgehende Abneigung gegen Alkohol und besonders gegen Maibowle hat und 172 schon durch den bloßen Geruch fast unfehlbar vertrieben wird, was ich zur allgemeinen Beruhigung mitgetheilt haben will: beim männlichen Individuum des genus homo hingegen ist eine ähnliche Abneigung ungemein selten beobachtet worden, am seltensten bei den germanischen Völkern und am allerseltensten bei denjenigen ihrer Stämme, welche die Ostseeküste bewohnen, woraus mit erfreulicher Sicherheit hervorgeht, daß der geringere Salzgehalt dieses Binnenmeeres keinen merkbar drückenden Einfluß auf die Stärke und Häufigkeit des Durstes ausübt.

Gestatten Sie deshalb, daß ich Sie nunmehr zum Werke schreiten lasse und hiermit das Siegel von unserer heutigen Maibowle nehme.«

Er legte die Hand mit einer feierlichen Gebärde auf einen ungeheuren gebauchten Topf, der vor seinem Platze stand, hob den Deckel in die Höhe, daß ein kräftiger Dampf hervorquoll, und redete weiter:

»Vergönnen Sie mir zuvor noch einige Worte über das innere Wesen der Maibowle und ihre Kulturbedeutung. Ihren Namen hat sie, wie selbst philosophisch ungeschulte Köpfe nicht leicht verkennen werden, von dem bekannten Monat Mai, dem Majus der Römer, von den Deutschen mit schwer zu deutender Symbolik auch Wonnemond genannt. Wenn wir nach den unterscheidenden Merkmalen dieses interessanten Monats an unsern Küsten fragen, so muß die Antwort 173 lauten: Es ist derjenige Monat, der uns die trefflichste Gelegenheit zur Abhärtung bietet. Denn einem uralten tiefsinnigen Aberglauben folgend, hat man die Oefen ausgehen lassen und die Pelze abgelegt; das ist so ziemlich die einzige Veränderung, die in der Natur seit sechs Monaten zu beobachten war. Ich nannte den Aberglauben tiefsinnig und füge hinzu: wenn der Kulturmensch sich ohne jeden Zwang, vielmehr höchst muthwillig aufs Frieren verlegt, so muß er einen Grund haben und zwar einen vernünftigen: denn die absolute Unvernunft ist nur durch die absolute Vernunft zu erklären. Der innere Zweck solcher Selbstkasteiung aber ist durchsichtig genug: der Mensch will sich würdig machen der Erwärmung durch die Maibowle. Er will dem vernünftigen Zwecke der Maibowle seinerseits vernünftig entgegenkommen.

Was ist aber eine Maibowle und wie entsteht sie? Die Definition ist unermeßlich klar: es ist eine Bowle, die man im Mai trinkt und zwar als Gegengift gegen die zahllosen Schnupfen und sonstigen Katarrhe, die dieser Monat mit sich bringt. Wie aber entsteht sie? Zunächst durch ängstliches Vermeiden des Wassers, auch des kohlensäurehaltigen, als des schlechthin kalten, menschenfeindlich frostigen Elements. Man nimmt statt dessen Wein und zwar am besten guten, schweren Rothwein und kocht ihn mit Zucker auf. In geistig zurückgebliebenen 174 Landstrichen nimmt man dünnen Mosel, unterläßt das Kochen und trinkt das Zeug roh, ja sogar kalt, offenbar sehr mit Unrecht, denn kalt ist man ja selber, und warm will man eben werden. In eben jenen Ländern thut man Waldmeister hinzu. Das will ich nicht tadeln; doch eine bei Weitem edlere Zuthat ist ohne Zweifel das Kind einer sonnigeren Zone, also Vertreterin der Wärme, die köstliche Citrone. Die allerwichtigste Hauptsache aber vergessen jene wilden Stämme, die beispielsweise die Ufer des Rheines bewohnen, überhaupt und vollkommen: nämlich das überaus reichliche Hineinschütten eines sehr guten Cognac. Kann man den nicht erschwingen, so nimmt man einen geringeren oder auch Rum oder selbst Arac. Das Quantum ist Geschmackssache; ein geringes Quantum jedoch einzig Sache des schlechten Geschmackes.

So, meine jungen Freunde und Freundinnen, die Maibowle ist fertig und nunmehr auch geistig durchdrungen; so kommt denn und wärmet euch.«

Heller Jubelruf ward ihm zur Antwort, und fröhlich lärmend reichten Alle die Gläser zur Füllung dar. Sie tranken emsig von dem köstlich dampfenden Gebräu, und eine wohlthätige Wärme durchquoll ihre Glieder und belebte die Stimmung. Alle vorigen Schauer vor giftigen Kriechthieren waren völlig verflogen.

175 Bald begann man an einzelnen Personen sogar schon Anzeichen eines angenehmen Räuschchens mit Wohlwollen zu beobachten; am deutlichsten bei der jungen Anna und ihrem Vetter Fritz, die einander unausgesetzt seltsame Blicke zuwarfen und sich darauf ohne irgend eine ersichtliche Ursache vor Lachen krümmten, das sie vergebens in ihren Taschentüchern zu ersticken versuchten. Fast noch auffallender, wenigstens in Ansehung ihrer viel gesetzteren Jahre gebärdete sich Tante Laura, die zeitweilig geradezu irre redete, augensichtlich an krankhaften Angstzuständen litt und sogar mehr als einmal in ganz grundlose Thränen ausbrach, so daß ihr Nachbar, der Assessor, in den Tiefen seiner Seele etwas von besoffenem Elend zu raunen begann.

Im Uebrigen bewirkte die steigende Lustigkeit der Gesellschaft ein so kraftvolles Getöse, daß Cilli daran verzweifeln mußte, ihre klagende und hülferufende Stimme irgend vernehmbar zu machen. Sie flüsterte deshalb Fritz zu, er möge versuchen, ihr einige Ruhe zu verschaffen zu einem wirkungsvollen Aufschrei, während sie sich zugleich, ihm sichtbar, doch den Andern durch ihren Umhang verborgen, mit einer kleinen Schere am Handgelenk eine Wunde beibrachte, aus der deutlich mehrere Blutstropfen hervorsickerten. Fritz konnte nicht umhin, ihre Kaltblütigkeit zu bewundern, und indem ihm dabei wieder 176 zum Bewußtsein kam, welchem Juwel er entsagen sollte, verwirrten sich seine Sinne ein wenig, und er verschaffte ihr die gewünschte Ruhe auf die allerdings denkbar einfachste, aber nicht ebenso zweckentsprechende Weise, durch ein donnerndes »Silentium! Silentium für Cilli!« –»So, nun schrei!« raunte er, »meine Schlange liegt schon.«

Fräulein Cilli war höchlich verwirrt und blickte ziemlich hülflos um sich; doch Dr. Wiedehopf, der sie und Fritz unausgesetzt beobachtet hatte, ahnte den Zusammenhang und rief laut in das erwartungsvolle Schweigen hinein:

»Ich war es, der ums Wort gebeten hat, mein junger Freund hat mich in seltsamer Weise mißverstanden. Ich wollte nur versuchen, im Namen aller Anwesenden meinen feurigen Dank auszusprechen –«

»Au!« schrie Cilli jetzt auf, schnell die Gunst der Sachlage erkennend, und ließ jäh aufspringend ein länger gezogenes Kreischen folgen, das allerdings weder so gellend noch so angstvoll ausfiel, wie es eigentlich beabsichtigt war, aber doch allenfalls genügte, ganz unbefangene Gemüther zu täuschen.

»Eine Schlange!« rief nun Fritz, der ebenfalls aufgesprungen war, und deutete mit einer Miene starren Entsetzens auf den Boden. Seine Schauspielerkunst war so vollendet, daß Tante Laura im 177 ersten Augenblick wahrhaftig an die Wirklichkeit der Schlange glaubte und einen viel natürlicheren Aufschrei that als ihre Nichte.

Nun erst fuhr die Angst in die ganze Gesellschaft; Alles sprang auf die Füße und schrie durcheinander, die Damen rannten zumeist sinnlos kreischend hin und her; einige blieben starr an demselben Flecke stehen und trampelten leidenschaftlich die Erde, als ob sie jede so ein Scheusal von Otter unter den Füßen hätten. Die Herren, im Stolz ihrer derben Stiefel und voll hohen Muthes, riefen nach Stöcken, einige nach Schießwaffen, oder suchten sich von den Sträuchern einen Prügel abzubrechen.

Unterdessen war das Schicksal des Unthiers längst entschieden: Brunnemann hatte mit einem gewaltigen Stockhiebe seinem Leben ein Ende gemacht. Er hob es nun am Schwanze in die Höhe und untersuchte es aufmerksam; doch auf einmal gewann sein Blick eine seltsame Starrheit; er faßte sich an die Stirne, als ob er sich selbst nicht recht traute, und war augenscheinlich, was so leicht noch Niemand an ihm gesehen hatte, in gründlicher Verwirrung.

»Fritz, wahnsinniger Bengel, was hast Du gemacht?« zischte er diesem mit unsicherer Stimme zu.

»Ich? Nichts!« antwortete dieser, ebenfalls ziemlich verstört, »ich habe meine Kreuzotter auf 178 Cilli's Kleid gelegt; dies muß sie doch sein, aber sie hat sich allerdings sehr verändert –«

Jetzt trat der Professor hinzu und nahm das Geschöpf mit einem kräftigen Griff Brunnemann aus der Hand.

»Eine Kreuzotter!« rief er mit schallender Stimme, »da ist kein Zweifel. Laura, schnell, komm her und sorge für meine Tochter, es gilt ihr Leben!^

Tante Laura kam wirklich herbeigewankt und sagte unsicher: »Es muß ihr Jemand das Gift aus der Wunde saugen – aber das ist zu gefährlich – doch ich will es wagen –« Sie suchte ängstlich den Blick des Dr. Wiedehopf.

»Halt!« rief der Professor, »niemals kann ich das dulden, daß Du Dein Leben in Gefahr setzest, Du hast für meine anderen Kinder zu sorgen. Ich darf es natürlich auch nicht, ich bin mich der Wissenschaft und dem Staate schuldig, den ich nicht um das Gehalt betrügen kann, das er mir für die mir noch vergönnten Jahre zahlen soll. Wenn sich aber vielleicht zufällig ein Privatdocent fände, der noch kein Gehalt bezieht, dessen Leben also werthlos ist –«

Schweigend trat Wiedehopf jetzt heran, neigte sich tief über Cilli's Hand und drückte seine Lippen inbrünstig darauf, allerdings an einer ganz anderen Stelle, als wo die Wunde saß; doch das bemerkte nur Anna, und die behielt es für sich.

179 Währenddessen unterzog der Professor das erschlagene Reptil einer erneuerten Prüfung; indem er es insbesondere längere Zeit witternd unter die Nase hielt.

»Ich weiß nicht, Brunnemann,« sagte er dann mit betroffener Miene, »mir kommt dies todte Lebewesen doch recht fremdartig vor. Es ist am Ende doch gar keine Kreuzotter, obgleich die dämonische Bosheit und Blutgier, die sich in seinen verbissenen Zügen äußert, dafür zu sprechen scheint. Aber die Zeichnung ist anders: der Rücken gleichmäßig schwarzbraun, der Bauch von hellerer Farbe. Das Allermerkwürdigste aber ist der Geruch des Thieres, der mich an irgend etwas angenehm erinnert, etwas mir Wohlbekanntes, ich kann nur nicht darauf kommen – Tante Laura, willst Du nicht einmal zusehen, ob Du es nicht herausbringst? Du bist doch berühmt für Deine feine Nase in jeder Hinsicht.«

»Aber das ist ja ein Spickaal!« rief die Tante entsetzt und brach in einen Strom von Thränen aus.

»Ein Spickaal! Ein Spickaal!« scholl es weiter in der Runde, und ein unermeßliches Gelächter war die nächste Folge dieser Entdeckung. Nur die Tante hing ihrem Bruder wie gebrochen am Arme.

»Ganz recht, ein Spickaal,« sagte der Professor mit tiefer Ruhe, »es ist ein Spickaal. Ich hätte nicht gedacht, daß diese Thiere so gefährlich werden 180 können. Brunnemann, Sie haben ja Kenntnisse in solchen Dingen: ist Ihnen je schon ein ähnlicher Fall zu Ohren gekommen?«

Brunnemann hatte inzwischen Zeit gefunden, sich zu fassen und den Zusammenhang ungefähr zu begreifen.

»Sie sind ein dämonischer Mensch, Professor!« sprach er mit tragischem Ton. »Für diesmal bekenne ich mich als überwunden. – Fortunatus, alter Vampyr, höre auf mit dem Blutsaugen! An dieses Vaterherz pochst Du doch vergebens, es ist längst ausgedörrt wie ein alter Spickaal – aber wo ist Wiedehopf denn geblieben? Und wo Fräulein Cilli? Das Schlangengift kann sie doch nicht beide spurlos weggezehrt haben? Es war ja doch gar keine Kreuzotter –«

In der That waren jene beiden Menschenkinder vollständig verschwunden, ohne daß in dem allgemeinen Tumult irgend Jemand etwas davon bemerkt hatte.

»Ueberlassen wir sie ihrem Schicksal!« entschied der Professor. »Wie hart es auch ausfallen mag, unverdient ist es nicht. Denn ich habe eine Ahnung, sie haben sich in eine verabscheuenswürdige Verschwörung gegen unsere allgemein verehrte Tante Laura, meine treue Schwester, eingelassen. Sie aber, Brunnemann – ich möchte nicht gern fürchten, 181 daß auch Sie an dieser tückischen Kabale betheiligt seien –«

»Gott behüte,« erwiderte dieser, »Tell's Geschoß sind keine Spickaale. Wenn ich aber den Bengel, den Fritz erwische – ich bitte, meine Herrschaften, fallen Sie mir in den Arm, es gibt sonst ein Unglück.«

»Ich glaube, da hinten liegt er,« sagte Anna, die vor Lachen schon schluchzte, und wies auf einen dichten Haselbusch, aus dem ein Paar lange dünne Beine männlichen Geschlechts regungslos hervorragten. »Er hat während dieses ganzen Lärms immerfort Punsch getrunken,« fügte sie zu seiner Entschuldigung hinzu.

»Ich verstehe, er ist mit Entsagen beschäftigt,« sagte Brunnemann milde. »Nun, einem todten Löwen soll man keinen Eselstritt versetzen. Ruhe sanft, armes Opfer eines barbarischen Getränkes!«

»Lästern Sie nicht!« sprach Kiesewetter streng. »Greifen Sie meine Bücher an, wenn Sie wollen, aber meinen Cognac halten Sie in Ehren! Uebrigens ist bekanntlich Alkohol ein Antidot gegen Schlangengift: sollte nicht Schlangengift umgekehrt die Wirkung des Alkohols aufheben? Mir scheint das sogar eine streng logische Folgerung. Schade wahrhaftig, daß wir keine Kreuzotter haben, sonst wäre dem armen Jüngling schnell zu helfen.«

182 Unter diesen Worten schob er den Spickaal von oben her langsam unter seinen fest zugeknöpften Rock. »Er soll mir ein dauerndes Andenken bleiben,« sprach er zur Erklärung.

»Aber Du machst Dir Fettflecken in die Weste,« rief Anna warnend.

»Richtig, Fettflecken! Um Gotteswillen!« versetzte er mit einer großen Gebärde des Schreckens, griff hastig unter den Rock und zog das Ding wieder heraus. Er hielt es nochmals am Schwanz in die Höhe und betrachtete es liebevoll.

»Mein Gott,« rief er plötzlich, »es ist aber doch eine Schlange! So sieht doch kein Spickaal aus.«

Er zeigte das Thier in der Runde umher, und staunend überzeugten sich alle, daß man es nach der Rückenzeichnung mit einer unverkennbar echten Kreuzotter zu thun hatte.

Tante Laura stieß jetzt einen Schrei aus, als ob sie den Todesstoß empfangen hätte. Darauf sank sie ins Gras und ergab sich fortan einem andauernden stillen Schluchzen.

Brunnemann aber sagte gelassen:

»Es wird immer dämonischer. Eine solche Sinnestäuschung habe ich noch niemals erlebt. Das kann nur an der Maibowle liegen. Sie müssen doch schlimmen Cognac genommen haben, Professor.«

»Pfui,« antwortete dieser, »ich merke, ich habe 183 auch an Ihnen statt eines Spickaals eine Schlange an meinem Busen gewärmt. – Uebrigens riecht diese ganz merkwürdig, garnicht nach Spickaal, aber es ist jedenfalls auch ein sehr bekannter Geruch – vielleicht erkennen Sie ihn, Brunnemann – mir kommt es fast vor, als ob es nach Spiritus wäre.«

Brunnemann hielt seine Nase daran und sprach mit eherner Ruhe: »Nein, ich erkenne ganz deutlich Ihren Cognac. Es ist kein Zweifel, die Schlange hat sich an Ihrem Punsch betrunken, daher der Geruch. Nehmen Sie sich in Acht, Professor, das schändliche Geschöpf ist wahrscheinlich so wenig todt wie Ihr frommer Neffe Fritz; es könnte aus seinem Rausch erwachen und dann unangenehm werden. Im Katzenjammer ist selbst der vernunftbegabte Mensch leicht verstimmt und giftig, geschweige denn solch Otterngezücht. Und welch ein Katzenjammer muß sich hier entwickeln! Denn, so leid es mir thut, lieber Professor, daß ich Ihre Bowle so discreditiren muß, aber überzeugen Sie sich selbst: Ihr Cognac riecht aus diesem Ungethüm schändlich nach Fusel. – Aber was gibt es da wieder?«

Während die Gesellschaft noch staunend mit diesem seltsamen Gaukelspiel beschäftigt war, kam auf einmal das kleine Trudchen erhitzt und aufgeregt aus dem Gebüsche gestürzt und schrie mit schriller Stimme:

184 »Papa! Tante Laura! Papa! Papa!«

Jetzt fuhr die Tante aus ihrer schmerzlichen Versunkenheit auf. »Was ist geschehen? Um Gottes willen! Doch nicht ein Unglück?«

»Ich hab' etwas gesehen!« rief das Kind sehr aufgeregt und wichtig. »Denk' Dir, der Onkel Wiedehopf –«

»Was? Was denn, Kind?« drängte die Tante voll Angst, »er hat sich doch nicht ins Wasser –?«

»Er hat sich küssen lassen,« sprach Trudchen still schaudernd in dumpfem Ton.

»Was soll das heißen? Was redest Du für Unsinn?« fragte die Tante streng.

»Ich hab' es doch gesehen! Er hat sich küssen lassen,« wiederholte Trudchen weinerlich, »und das nächste Mal muß er mit Mathilden zu Hause bleiben.«

»Nun, zum Teufel, von wem hat er sich denn küssen lassen?« forschte ihr Vater.

»Von Cilli, von unserer Cilli,« bekannte die Kleine in Thränen ausbrechend, »und gerade auf den Mund.«

»Oho, das ist aber sehr merkwürdig!« behauptete der Professor.

»Um des Himmels willen, sie hat sich am Ende doch noch etwas vergeben!« hauchte Tante Laura trostlos.

»Ich erkläre mir den Vorfall sehr einfach,« 185 bemerkte Brunnemann gemüthsruhig, »gewiß hat ihn eine Kreuzotter in die Lippe gebissen, und sie rettet ihm nun das Leben.«

»Sie haben es getroffen; Gott segne die junge Heldin!« sprach Kiesewetter feierlich. »Sie aber, guter Freund, haben jetzt noch meine Ehre zu retten, die mehr werth ist als das Leben, indem Sie meinem Punsch Ihre Verleumdungen durch die That abbitten.«

»Prosit!« rief Brunnemann, nach seinem Glase greifend, »in der That scheint mir Ihre Maibowle vortrefflich geeignet, schwache Herzen zu trösten, die etwas von Bedeutung verloren haben – ich meine beispielsweise Tante Laura –«

Doch da erschien Cilli am Arm ihres Privatdocenten; und diese Beiden bemühten sich ernstlich, die bekümmerte Tante durch zahlreiche Umarmungen leise wieder aufzurichten. 187

 


 

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