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Gutenberg > Hans Hoffmann >

Allerlei Gelehrte

Hans Hoffmann: Allerlei Gelehrte - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAllerlei Gelehrte
authorHans Hoffmann
year1897
firstpub1897
publisherGebrüder Paetel
addressBerlin
titleAllerlei Gelehrte
pages240
created20151020
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Dialectforscher.

Ich hatte Vahrn, meine stille Sommerfrische in Südtirol, schon seit mehreren Wochen bezogen, hatte den Rasen unter den herrlichen Edelkastanien fast im ganzen Umfang der weiten Hügelfläche schon platt gedrückt und sah nach Vollendung dieses meines sommerlichen Hauptwerkes schon mit einiger Sehnsucht der Ankunft meines Freundes Erwin Liborius entgegen, der mich alljährlich dort für einige Zeit zu besuchen pflegte. Diese Besuche waren von grundlegender Bedeutung für mein geistiges Fortleben im Laufe des folgenden Jahres; denn Erwin hatte die Aufgabe und begriff sie mit sicherem Gefühl, wenn auch vielleicht nicht mit Bewußtsein, die klaffenden Bildungslücken, die der vergangene Winter in meine Seele gerissen, durch ausgiebigen Nachschub gemischten Wissensstoffes wieder auszufüllen, wenigstens so zur Noth.

Er konnte das, denn er war ordentlicher Professor der Universität Breslau, Historiker und Philologe auf germanistischem Gebiete, und zwar nicht einer von denen, die sich in irgend einem abgelegenen 2 Waldwinkel ihrer Wissenschaft einen Dachsbau graben, aus dem sie nie wieder herauskriechen, sondern ein Mann, für den die Geschichte ein weites Gebiet von sehr mannigfachen Fruchtfeldern ist, das er von einem hohen Berge gelassen überschaut und in hurtigen Ausflügen nach allen Seiten durchstreift und seinem Forscherblicke unterwirft. Seinen Vortrag habe ich im Hörsale niemals vernommen; doch da er mich, wie ich argwöhne, als frommes Versuchsobjekt für die Wintervorlesungen allsommerlich benutzt, so kann ich doch darüber mitreden und ihn aufrichtig empfehlen.

So kam er denn endlich auch in diesem Jahre; doch kam er diesmal nicht allein. Er brachte einen jungen Menschen mit sich, mit dem er zu Innsbruck in der »Krone« zufällig ins Gespräch gekommen war und der ihn seitdem schon vierzehn Tage lang auf seinen Bergfahrten im Inngebiet begleitet hatte.

Er stellte den Fremden in etwas geheimnißvoller Weise vor als Herrn Merlin; »und ich heiße Chidher«, fügte er eilig und mit Betonung hinzu. »Du mußt nämlich wissen: wir haben einen stillen Pakt miteinander geschlossen, unseren Namen und sonstige Personalien gänzlich zu unterdrücken: wir wollen während der glücklichen Reisezeit einmal einen Verkehr rein von Mensch zu Mensch genießen.«

Und nachher gab er mir allein noch die besondere Erklärung:

3 »Es ist für mich als Historiker eine äußerst anziehende Aufgabe, den Mann aus den tausend Einzelheiten des täglichen Gespräches mir langsam nach seiner äußeren Stellung und seinem inneren Wesen zurecht zu konstruiren. Im Grunde nichts anderes, als wenn ich aus den vereinzelten Angaben verschiedener Quellen mir ein rundes Bild einer historischen Persönlichkeit mit Sicherheit aufbaue. Du weißt, auch da sind mir die zufälligen Streiflichter, die kleinen anekdotenhaften Züge von besonderer Wichtigkeit. Du wirst sehen, daß meine Methode sich auch im Leben bewährt. Ich bin schon sehr weit mit ihm gekommen; eigentlich fehlt mir nur noch der Name.«

»Nun, und für was hältst Du ihn?« fragte ich in leichter Spannung.

»Still! Bis heut abend!« entgegnete er, »daß er ein junger Gelehrter von Geist, Tiefe und reichem Wissensumfang ist, wird Dir nicht lange entgehen. Im übrigen beobachte Du selbst noch ein bißchen. Aber verschnappe Dich nicht und platze nicht mit meinem Namen und Titel heraus.«

»Du meinst also, daß er noch nichts von Deiner Lebensgeschichte ergründet hat?«

»Ganz bestimmt nicht das geringste. Er ist eben kein Historiker. Ein kleiner Triumph meiner Eitelkeit. Sei nicht so boshaft, mir den zu zerstören.«

Ich verhieß stramme Selbstbeherrschung und 4 begrüßte den Gast mit aller gebührenden Freundlichkeit. Begreiflich, daß ich selbst solcherart in den Forschungseifer sogleich mit hineingezogen wurde und den Mann schärfer beobachtete, als ich sonst Fremden gegenüber zu thun pflege. Doch suchte ich mich vor Unbescheidenheit zu hüten.

Ich konnte gleich nur sagen, er gefiel mir recht gut. Er war ein hübscher Mensch mit einem etwas blassen Gesichte, das auf geistige Nachtarbeit deuten mochte, und einem stillen, ungemein höflichen, doch ziemlich zurückhaltenden, offenbar schüchternen Wesen; seine Verbeugungen waren für meinen Geschmack sogar etwas allzu tief und beflissen. Tadellos elegant sonst all seine Kleidung; nur gegen seine Halsbinde hatte ich eine Kleinigkeit einzuwenden, sie hatte irgendwie und irgendwodurch etwas zu Dreistes, Grelles, Windiges an sich, das mir dem Ernst der Wissenschaft nicht völlig zu entsprechen schien; seine Wäsche war für einen Fußreisenden fast auffallend blank und reinlich. Er stach in diesem Betracht sehr merkwürdig ab von meinem guten Erwin, dessen Reiseanzug eine eigenartige Mitte hielt zwischen dem eines Wiener Salontirolers und dem eines kalabrischen Briganten, der einige Monate lang von den Carabinieri durch den Buschwald gehetzt worden. Erwins Bartgewirre glich selbst so einem Buschwalde, während seinem Begleiter neben zwei sauber gestutzten Backenkoteletten nur ein zarter 5 Schnurrbart die Oberlippe zierte, dessen diesjähriges Alter sich auf kaum mehr als zwei Wochen beziffern konnte.

In solcher Erscheinung bot er nicht gerade das typische Bild eines deutschen Gelehrten; doch kann ja nicht geleugnet werden, daß in neuerer Zeit manche säuberlichere Kultur zuletzt sogar in die Gelehrtenwelt einzusickern beginnt; der Herr Merlin mochte als einer ihrer Pioniere zu betrachten sein.

Bis in diese Tiefe war meine Beobachtung gedrungen, als wir uns an die Wirthstafel setzten. Sehr viel weiter kam ich auch während der Mahlzeit nicht; denn Freund Merlin bewies eine Schweigsamkeit, die jede Forschung ins Geistige hinein vollständig ausschloß. Aber ja! Natürlich! sage ich mir. Schwieg ich denn nicht ebenso? Wer denkt denn in Erwins Umgegend überhaupt ans Reden? Wer wird denn als ein rieselndes Wiesenwässerlein gegen einen Bergstrom ankämpfen wollen?

Dafür aber hing sein Auge mit einer Lebhaftigkeit und Freude des Aufmerkens an Erwins Lippen, die wohl manche gesprochene Zustimmung oder Beifallsäußerung aufwiegen mochte. Die einzige Antwort, die er wirklich hören ließ – und zwar merkwürdigerweise mit auffallend lauter, ja schriller Stimme – trug einen formelhaften und in ihrer Bedeutung nicht völlig klaren Charakter. Liborius 6 sprach über die Ausgrabungen am Limes und drückte die Erwartung aus, man werde dabei höchst werthvolle Aufschlüsse über die germanische Vorgeschichte zu Tage fördern. »Bei der Unzulänglichkeit der Mittel muß man freilich Geduld haben; aber mit der Zeit werden wir schon Rosen pflücken,« setzte er hinzu.

»Gleich, Herr, gleich!« schrie Merlin hier mit einer eigenthümlichen Wendung des Kopfes nach dem unteren Ende der Tafel hin, wo jemand gerade in etwas aufdringlicher Weise mit dem Messer gegen ein Glas klappte; unser Freund mußte ziemlich nervös sein, daß er dies als eine Störung seiner Aufmerksamkeit zu empfinden schien. Liborius beeilte sich, seine allzu sanguinischen Hoffnungen auf eine schnelle Förderung des Werkes auf das rechte Maß herabzudrücken, indem er die entgegenstehenden Schwierigkeiten ausführlicher hervorhob.

Genau derselben Worte bediente Merlin sich nachher noch einmal mit derselben nervösen Bewegung, jedoch an einer Stelle, wo eine innere Beziehung auf einen Ausspruch Erwins durchaus nicht zu entdecken war; sie klangen da fast wie eine orakelhafte Formel. Sein Geist mochte nach zerstreuter Gelehrtenart trotz der scheinbaren Theilnahme in eigene Gedanken versenkt sein und irgendwie sich selbst solche Antwort geben. Auch unserm Professor war dies aufgefallen, und er gab mir einen Wink mit den 7 Augen, daß dies wieder eine Handhabe seiner Quellenforschung sei.

So verlief die Mahlzeit gleich nahrhaft für Geist und Leib. Eine mäßige Serie von Wissenschaften war bereits durchgesprochen; beim Kaffee förderten wir unsere Verdauung durch Streiflichter auf die landschaftlichen Hintergründe des Benozzo Gozzoli im Vergleich mit denen der Brüder van Eyck. Merlin schwieg und schlürfte, ich schlürfte und schwieg, Liborius-Chidher goß seine Tasse hinunter und erledigte in langhinrauschendem Vortrage sein Thema. Als wir aufstanden, würde ich mich in sämmtlichen Oel- und Freskolandschaften des Quattrocento bequem im Dunkeln zurechtgefunden haben, in Merlins Natur und Wesen aber war mir noch kein neuer Lichtstrahl gefallen.

Wir machten nun einen ausgedehnten Spaziergang das köstliche Waldthal hinauf, das hier schnell in das Herz des Hochgebirges führt. Unter dem Wandern stattete Chidher Bericht ab über seine letztjährigen Streifzüge in die Höhengebiete der Moralphilosophie, wo er sich indessen nicht lange aufhielt, sondern sich begnügte, einige bizarr aufragende Felshäupter wie Stirner und Nietzsche dem Erdboden gleichzumachen; dazwischen gab er umfangreiche Exkurse über die völkerpsychologische Bedeutung des Waldes und der Entwaldung mit besonderem 8 Hinblick auf das untere Etschland und die deutsch-welsche Sprachgrenze.

Merlin und ich schritten zu seinen beiden Seiten still achtsam dahin; wir hörten und sahen fast nichts voneinander, und doch schlang sich allmählich ein Band sanfter Sympathie, wie aus fliegenden Sommerfäden gewoben, zwischen uns herüber und hinüber. Gemeinsame Freude und gemeinsames Leid knüpft immer die Seelen schnell und freundlich aneinander. Worte zwischen ihm und mir wurden gar keine gewechselt; die wir durch Chidhers Vermittelung einer aus dem Munde des anderen vernahmen, hießen ja, ja–nein, nein; was darüber war, hätte uns nicht gerade vom Uebel geschienen, aber es wurde uns bei jedem Ansatz wie durch rastlos beschwichtigende Geister vom Munde gleichsam hinweggepflückt und in das Tosen des Schalderer Gießbaches hineingeschlungen, der neben unserem Wege unablässig rauschte.

Als wir in unser Stadtquartier heimkehrten, war mein Haupt müde wie von schwerem Wein, und ich hatte physisch ein Gefühl wie sonst körperlich manchmal nach einer überreichlichen Speisung, als müßte es nun unverzüglich an ein Platzen gehen. Auch Merlin schien an leisen Beschwerden zu leiden; doch ließ auch er sich nichts weiter merken, sondern schien gleich mir seinen geistigen Schmachtriemen noch ein Loch weiter zu schnallen.

9 Ich schlug vor, trotz der vollen Hitze des sich nur langsam neigenden Tages ein warmes Bad zu nehmen; ich hoffte heimlich auf eine Isolirzelle; doch die List mißglückte; wir waren nur durch dünne Tapetenwände voneinander getrennt, und Chidhers Vortrag über Giordano Brunos Verhältniß zu Dante und zur Scholastik im Allgemeinen fand keinerlei Hemmniß. Erschöpfter noch als zuvor erschienen wir zur Abendtafel.

Ich hatte Krebse bestellt, in der scharfsinnigen Erwägung, daß nicht nur die Finger und der spähende Geist, sondern auch Lippen und Zähne mit dem Bewältigen dieser Panzerthiere für eine beträchtliche Zeit vollauf beschäftigt zu werden pflegen. Dieser Schachzug schlug noch viel gründlicher fehl. Mein guter Erwin half sich in zerstreutem Eifer damit, daß er dem gutmüthig hülflosen Merlin die von diesem mit vollendeter Kunst herausgearbeiteten Schwänze und Scheren vom Teller wegnahm und Händevoll verschlang, sodaß wir um die neueste Theorie der Sonnenflecken keineswegs herumkamen.

Nach dem Essen setzten wir uns in den Garten, der eine wundervolle Aussicht über das üppige Thal hinweg auf eine der machtvollen Dolomitgruppen bot, und ließen uns etliche Literchen vom besten Bozener kommen. Ich operirte – in stillem Einverständniß mit Merlin, hoffte ich – so, daß wir 10 unserem Professor den schönsten Platz mit dem vollen Blick auf die beginnende Sonnenuntergangherrlichkeit freigaben, während wir uns ihm gegenüber aneinander gedrängt nach diesem Genusse fast die Hälse abdrehen mußten.

Auch dies Kunstmittel verfing nicht; das Abendroth störte ihn so wenig wie ein Krebsschwanz; er belehrte uns schonungslos über das Verhältniß des modernen Idioms der Far-Oeer zum Altnordischen der älteren Edda.

Wir ergaben uns schweigend dem stillen Trunke; ich reichte Merlin zuweilen unter dem Tische die Hand zu einem Drucke, den er herzlich erwiderte. Unsere junge Freundschaft begann immer inniger zu erwarmen. Ich hatte das ernste Gefühl, als hätte ich mit diesem eben noch fremden Manne schon große Schicksale gemeinsam durchlebt.

In einer Sekunde der Selbstvergessenheit summte ich leise:

»Ich hatt' einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit;
Die Trommel schlug zum Streite,
Er saß an meiner Seite –«

Aber die Trommel uns gegenüber schlug weiter und übertäubte mein zartes Wispern. Der historische Quellenwerth des Ammianus Marcellinus stand zur Untersuchung, ohne daß darüber die Klärung der 11 Irrthümer des modernen Naturalismus lange vernachlässigt worden wäre; Zola und Tolstoi mit den Scharen ihrer Nachtreter verschwanden in einem Massengrabe.

Nach einigen Stunden, als der volle Mond schon hoch über unsere Häupter hinaufgezogen war und faustschillernde Lichter auf dem Plätscherstrahl des Springbrunnens neben uns spielen ließ, fühlte ich mich so bis ins Mark von Bildung durchsättigt, daß mich ein jäher Anfall von Geisteshochmuth wie ein Schwindel ergriff und ich gleichfalls anhub, rücksichtslos in Zungen zu reden und einen wüthenden Angriff auf die unbeschützte Festung der mittelhochdeutschen Metrik unternahm. Zwar schlug mich Liborius mit leichter Mühe vollständig zurück und wies mich für heute dauernd in meine Schranken; aber doch hatte meine Unbesonnenheit eine anscheinend traurige Folge.

Hatte ich bisher nicht ohne leise Beschämung die lauschend andächtige, fast kirchlich gesammelte Miene bewundert, mit der mein neuer Herzbruder sich von den geistigen Wirbelstürmen seines Chidher von Welten zu Welten dahintragen ließ, so vergesse ich nie den Ausdruck dumpfer Tragik in seinen hübschen Zügen, als auch ich so anfing!

Mein Freund, der Tragödiendichter, soll irgendwo gesagt haben: 12

                        Das schweigende Entsetzen
Sitzt auf den Trümmern und gebiert das Nichts.

Ich weiß nicht, ob es wahr ist, und kann's mir eigentlich nicht denken; wenn aber doch, so ist es mir nur dadurch erklärbar, daß er jenen Auftritt aus einem stillen Winkel hinterrücks belauscht hat. Denn genau so sah es in dem Gesichte des armen Merlin aus. Man könnte auch das alte anschauliche Wort Schafsmelancholei hier zur Verwerthung bringen.

Doch nur ganz kurze Zeit saß er so in sich gedrückt; dann ergriff er einen schicklichen, meinetwegen auch unschicklichen Vorwand, sich vor uns für eine Weile in Sicherheit zu bringen.

Liborius brachte nur die Wissenschaft, die er gerade vorhatte, mit Einschluß der nothwendigsten Hilfsdisciplinen noch zu einigem Abschluß, dann fragte er mit einem schlauen Lächeln:

»Nun, wofür hältst Du ihn?«

Beschämt mußte ich bekennen, daß ich eigentlich gerade so viel von ihm wußte wie fünf Minuten nach der ersten Vorstellung, suchte diesen Mangel an positiven Kenntnissen aber durch warme Lobsprüche auf Merlins Charakter zu ersetzen.

»Damit kommen wir nicht weiter,« sagte Erwin überlegen abweisend, »aber ich will Dir auf den Weg helfen. Suche Dir jetzt mal einen Blick zu verschaffen in die Küche oder sonstige Räumlichkeiten, wo das 13 bedienende Personal sich aufhält; wir sind die letzten Gäste; die Leute haben keine Arbeit mehr, da werden also ihrer genug bei einander sein.«

»Was soll ich denn daran sehen?« fragte ich verwundert, »ich habe noch keine von den Kellnerinnen hübsch finden können, weder die Moidl noch die Zenzi, noch die Burgi, noch die Mena.«

»Sieh Dir Merlin an.«

»Was, der ist da unten?«

»Jeden Abend, den Gott werden läßt. Er versäumt das nie. Er ist sehr pflichteifrig.«

»Na nu!« rief ich aufs höchste erstaunt, »pflichteifrig? Er ist doch kein Kellner!«

Liborius schmunzelte. »Geh hin und sieh; nachher wollen wir reden.«

Von allen Mächten der Neugier gejagt, eilte ich jenen Räumen zu, die den ehrbaren Gast sonst gar nichts angehen. Doch mit angeborener Findigkeit entdeckte ich sie bald. In Küche und Umgegend war alles schon dunkel. Dagegen aus der Schwemme drang Musik und fröhlicher Stimmenlärm. Ich begab mich dahin; die Thür stand weit offen, und ich konnte vom Flur aus alles übersehen.

Richtig, da waren Führer und Kutscher, Köche und junge Bauern mit den Kellnerinnen und Hausmädchen beisammen und machten sich einen vergnügten Abend, tanzten, sangen und zechten. Der Bären-Loisl, 14 der angesehene Führer auf die Dolomiten, spielte mit wilder Kunst die Zither.

Doch das war mir alles nichts sonderlich Neues; was mich aber doch herzhaft verblüffte, das war der Anblick Merlins, wie er mitten in der lustigen Schar schier als der Lustigste sich herumtrieb, jetzt mit der Zenzi einmal recht gewaltsam um den Saal stampfte, jetzt mit der Moidl derbe genug schäkerte und jetzt gar mit dem Loisl im Wechsel Schnadahüpfl zu singen anhub.

Donnerwetter, dachte ich, ist das ein Schwerenöther! Wer hätte dem das zugetraut! Mit welcher unbefangenen Sicherheit er sich unter diesen Leuten bewegte, als gehörte er ganz zu ihnen! Nichts von beabsichtigter Leutseligkeit, von künstlicher Herablassung!

Ich kann nur sagen, ich beneidete ihn um diese Kunst, mit dem Volke zu verkehren; zugleich kam er noch um einen Schritt meinem Herzen näher. Denn auch ich setze mich für mein Leben gern so in die Schwemme und schaue behaglich den Leuten zu, wie sie's treiben und wie sie lustig sind. Aber Schnadahüpfl mitsingen, das thue ich doch nicht, und aufs Tanzen und Karessiren lasse ich mich auch meist nicht ein. Immerhin aber doch wieder ein verwandter Zug unserer Seelen mehr! Aber daß der gute Erwin darin etwas Pflichteifriges sah – nein, wahrhaftig, 15 mit Pflichteifer habe ich mich noch niemals gebrüstet, wenn ich so mein Vergnügen hatte.

Am liebsten hätte ich mich nun auch selbst an Merlins Arm gehängt und mich von ihm so tief wie möglich in den Wirbel hineinziehen lassen: aber da meldete sich doch ein Pflichteifer, allerdings der Neugier sehr enge verschwistert, und nach einigem Zögern kehrte ich still zu Liborius-Chidher zurück, von seiner Weisheit die Erklärung zu genießen.

Ich theilte ihm das Gesehene mit. Er nickte lächelnd. »Und Du merkst noch nichts?« fragte er milde.

»Ich merke allerlei, aber doch nicht, was Du meinst,« entgegnete ich verschüchtert. »Er ist ein echter, fröhlicher Süddeutscher, so viel sehe ich, vermuthlich aus München –«

»Was Du nur vermuthest,« unterbrach er mich schnell, »daß ist vielmehr Thatsache; er lebt in München. Was Du als Thatsache hinstellst, daß er geborener Süddeutscher sei, bleibt lose Vermuthung.«

»Aber!« rief ich verwundert, »aus seiner Aussprache des Ja und Nein höre ich doch zweifellos den Süddeutschen nicht nur, sondern den Bajuvaren; nur ob er gerade Nieder- oder Oberbayer ist oder Salzburger oder Tiroler, kann ich noch nicht entscheiden; hätte ich schon ein r von ihm gehört, so wüßte ich wenigstens, ob er Südtiroler ist oder nicht; aber Ja 16 und Nein enthalten beide kein r. Wie Du die süddeutsche Herkunft ihm absprechen willst, ist mir unerfindlich.«

»Ich spreche sie ihm nicht ab,« sagte Erwin mit einem feinen Lächeln, »ich behandle sie nur noch nicht als Thatsache. Bei jedem anderen würde ich ganz sicher sein, nur gerade bei seinem Fache –«

»Nun?« fragte er sehr gespannt.

»Also Du hast auch aus Deiner letzten Beobachtung keine Schlüsse gezogen?« fragte er dagegen.

»Aber nein!« rief ich ungeduldig, »ich bin auf historische Quellenforschung ja doch nicht eingepaukt.«

»Nun,« meinte er freundlich, »zum wenigsten wirst Du doch aus den unzähligen kleinen Zügen mit Sicherheit festgestellt haben, daß er eben ein Gelehrter ist.«

»Nun ja,« antwortete ich, »erstens hast Du mir's ja gesagt; und zweitens bemerkte ich, daß er zuweilen Unsinn redete – natürlich aus Zerstreutheit.«

»Ganz recht,« sagte Chidher eifrig, »und die entstammt ersichtlich nervöser Ueberreizung durch geistige Arbeit. Er fährt oft sonderbar auf, wenn er jemand rufen oder nur ein Seidel klappen hört. Daneben aber ist er auch ein gut Stück Pedant, wie jeder Gelehrte das mit Nothwendigkeit wird, der gezwungen ist, auf die scheinbar unbedeutendsten Kleinigkeiten mit peinlicher Sorgfalt zu achten.«

17 »Die Spuren dieser Eigenschaft sind mir entgangen,« gestand ich etwas kleinlaut.

»Und doch hättest Du sie gerade heute sehr deutlich erkennen können,« beschied er mich mit Nachdruck, »hast Du nicht gesehen, mit wie kritischen Blicken er die Anordnung der Gedecke und Tischgeräthe musterte, wie er jedes kleine Ungeschick oder Unachtsamkeit der aufwartenden Kellnerinnen mit Mißbilligung aufnahm?«

»Gesehen habe ich das wohl,« mußte ich zugeben, »doch ich wußte den richtigen Schluß nicht daraus zu ziehen.«

»Das ist's!« betonte Erwin.

»Uebrigens muß ich bekennen,« fügte ich etwas trotzig hinzu, »daß gerade die gelehrte Pedanterie sich auf andere Gegenstände zu richten pflegt.«

»Bei Tisch sind andere Gegenstände eben nicht vorhanden,« erklärte er achselzuckend.

»Ich habe aber einen anderen Zug an ihm beobachtet,« wandte ich ein, »der wahrlich nicht nach Pedanterie aussieht, sondern recht nach deren Gegentheil, nach offenbarer Liederlichkeit. Er trägt sein Geld nämlich ganz lose in der Hosentasche, greift beim Bezahlen hinein und holt eine ganze Hand voll verschiedener Münzen und Guldenzettel heraus, aus denen er dann heraussucht, was er gerade gebraucht. Auch gibt er auffallend anständige Trinkgelder.«

18 »Nun, siehst Du?« rief Chidher triumphirend, »wenn irgend etwas den Gelehrten charakterisirt, so ist es die Geringschätzung des baren Besitzes und das unpraktische Verfahren in allen Geldsachen.«

Das leuchtete mir ein; doch machte ich eine Nebenbemerkung, die ohne wissenschaftlichen Forscherzweck nur in der angeborenen Bosheit meines Gemüthes ihren Ursprung hatte.

»Daß die Geringschätzung des Geldes sich bis zu dem groben Unfug anständiger Trinkgelder verstiegen hätte, habe ich bei Dir wenigstens bisher noch nicht festgestellt.«

»Ich bin eben schon bedeutend weltmännischer geschult als die große Mehrzahl meiner Collegen,« entgegnete er mit einer Kaltblütigkeit, die bei der beispiellosen Kühnheit dieser Behauptung mich wahrhaft verwirrte und für längere Zeit mundtodt machte.

»Nun also,« sagte Erwin, »laß uns zur Hauptsache zurückkommen, zu der Frage nach dem Spezialfache unseres Gelehrten. – Oder bist Du vielleicht nach dieser Einführung in meine Methode inzwischen schon selbst zu einem Ergebniß gekommen?«

Ich schüttelte trübe den Kopf.

»Es ist so einfach,« beschied er mich endlich mit ruhiger Freundlichkeit, »er ist Dialektforscher und Liedersammler.«

»Ah!« rief ich überrascht, überzeugt, bewundernd, 19 und schlug mir siebenmal mit der Hand wider die Stirn.

»Sein Spezialgebiet sind die bajuvarischen Idiome,« fuhr er gelassen fort, »in ihrer ganzen Ausdehnung innerhalb der Grenzen gegen das Alemannische, das Fränkische, das Slavische und Magyarische, das Italische mit seinen Nebenformen des Ladinischen und Rhäto-Romanischen. Am allermeisten interessirt ihn das Wippthal und die südlichen Grenzgebiete; er fahndet mit besonderem Eifer auf hängen gebliebene Dialektreste des Gothischen und des Langobardischen. Natürlich ist er auch ein Kenner der Sprachinseln, der tredici communi und der sette communi

»Ei sieh doch,« sagte ich, immer noch im stillen überrascht, »so redselig also kann der schweigsame Freund zu Zeiten sein, daß er Dir das alles verrathen hat?«

»Schweigsam?« fragte Erwin verwundert, »ist er denn schweigsam? Das habe ich nie bemerkt.«

»Dann muß er heut starke Kopfschmerzen gehabt haben,« bemerkte ich.

»War er denn heut schweigsam?« wiederholte Erwin, »vorsichtig in seinen Aussagen, das ist ja natürlich. Das ist eben unsere hübsche wissenschaftliche Neckerei. Er sucht sich mir zu verhüllen. Ich mache es ja ebenso, nur mit besserem Erfolge. Er ist eben 20 kein Historiker. Du mußt auch nicht denken, daß er mir die Notizen über seine Studien so plump auf dem Präsentirteller dargereicht hat; im Gegentheil, er hat sich wohl wacker gewehrt; da war er wirklich ganz schweigsam. Aber Du weißt ja, aus den kleinsten Zügen baue ich mir ein Ganzes auf: ein hingeworfenes Wort, ein lebhafteres Aufblitzen der Augen, ja eine flüchtige Handbewegung muß mir genügen: dazu eine blitzschnelle Kombination in meinem Geiste, und die Thatsache steht vor mir.«

»Alle Achtung!« sagte ich und fühlte mich sehr klein, »jetzt will ich doch morgen sehen, ob er mir nicht etwas zukommen lassen will von den Perlen der Volksdichtung, die er jetzt eben fischt. Du weißt, ich habe große Freude an diesen Dingen; leider bin ich zu ungeschickt, mich so frei wie er unter dem Volke gehen zu lassen; sie wittern doch gleich den Norddeutschen in mir und halten hinterm Berge. Ihm kommt ja auch die intime Kenntniß des Dialektes zu gute. Trotzdem setzt mich die Frische seines Auftretens doch immer noch in Verwunderung: für einen Professor oder auch nur Docenten ist das alles mögliche, nimm mir's nicht übel.«

»Er ist nicht Dozent,« versetzte Erwin schnell, »er ist Privatgelehrter in München.«

»So? Auch das hast Du herausgebracht, trotz seiner Vorsicht?«

21 »Ganz einfach. Er pflegt näheren Umgang mit verschiedenen meiner Bekannten unter den jüngeren Dozenten dort; er schilderte sie mir ganz genau nach ihrem Aeußern und all ihrem Benehmen, zum Greifen deutlich; dagegen die älteren Herren von der Universität und noch mehr deren Damen sind ihm ganz unbekannt; er hat also gar keinen Verkehr mit diesen; folglich kann er nicht Docent sein. – Da hast Du eine meiner leichteren Kombinationen.«

»Sehr einleuchtend,« mußte ich zugeben, »er wird also mit den jüngeren Herren anderswo zusammenkommen, vielleicht nur am Biertisch.«

»In München ist das selbstverständlich,« bemerkte Erwin, »übrigens verräth er eine so tiefgründliche Kenntniß der verschiedenen Bräue, eine so subtile Unterscheidungsfähigkeit für deren Geschmacksmerkmale, auch eine so ausgebreitete Kenntniß aller Münchener Lokale und ihrer Wirthe, daß er mich geradezu in Erstaunen setzt. Nach einem echten Kneipbruder sieht er sonst nicht aus.«

»Vielleicht betrachtet er das als eine Hülfswissenschaft für die Dialektforschung,« meinte ich scherzend.

»Warum auch nicht?« entgegnete Erwin sehr ernst, »gerade in den Bierhäusern großer Städte, wo viel Volk aus allen Landschaften zusammenströmt, ist die beste Gelegenheit für solche Studien.«

Ich war wieder überzeugt.

22 »Jedenfalls eine Art der Quellenforschung, die mir im ganzen noch am besten zusagen würde; die Quellen sind nicht so trocken,« bemerkte ich nur nebenher. Und wieder empfand ich warm den stillen Zug der Sympathie mit meinem Herzbruder Merlin.

»Und meinst Du wirklich,« fragte ich dann, »daß er von Deiner Naturgeschichte noch gar nichts herausgebracht hat? Jedenfalls muß er doch wissen, daß Du auch ein Gelehrter bist?«

»Davon mag er etwas ahnen,« gab Erwin nach einigem Nachdenken zu, »aber nichts von meinem Fachstudium, nichts von meinem Amt und meinem Wohnsitz, noch weniger von meinem Geburtslande. Aus einigen Andeutungen schließe ich, daß er mich für einen Hamburger hält.«

Ich stieß einen Ruf des tiefsten Erstaunens aus.

»Daran ist nichts zu verwundern,« sagte Erwin ruhig, »das reine Schriftdeutsch, das in meiner Heimath ja ausschließlich gesprochen wird, umgibt mich in dieser Hinsicht mit einem undurchdringlichen Schleier.«

Ich versank in ein bekümmertes Schweigen. Die wissenschaftliche Zukunft meines Herzbruders Merlin machte mir schmerzliche Sorgen. Sein Talent für Dialektforschung mußte geradezu verschwindend gering sein. Denn Erwin Liborius nicht nach drei Worten als geborenen Balten zu erkennen, dazu gehörte eine geradezu verstockte Klangfarbenblindheit!

23 Nach dieser Erschütterung mochte ich nichts mehr reden, auch nicht mehr hören. Ich schützte Müdigkeit vor und begab mich zu Bette.

Mein Schlaf war unruhig. Ich sah im Traum fortwährend den armen Merlin vor mir als schmählich entthronten Dialektforscher, in erbarmenswerther wissenschaftlicher Nacktheit. Was sollte aus ihm werden?

Ja, diese Sorge trieb mich morgens zu ungewohnt früher Stunde schon aus dem Bette.

Ich fand noch Niemanden wach. Doch, ja, da kam etwas leise die Treppe herunter. Es war Merlin. Er ward etwas verlegen, als er mich erblickte; ich bemerkte, daß er völlig zur Wanderung gerüstet war; mit Bergstock und Rucksack.

Doch er faßte sich bald.

»Ich will heut einen einsamen Ausflug machen,« sagte er mit einem wehmüthigen Lächeln, »ich halte es nicht mehr aus, es wird zu viel, ich kann es nicht verdauen, mir schwindelt der Kopf.«

Ich verstand ihn und drückte schweigend ihm die Hand. Aber diese Aussprache! An dem urechten Bajuvarenthum dieses Mannes konnte Erwin zweifeln! Nein, so etwas sich bloß annehmen kann kein Dialektforscher.

»Machen Sie Herrn Professor Liborius ein recht schönes Kompliment,« fuhr er ruhiger fort.

»Was!« unterbrach ich ihn verblüfft, »Sie kennen 24 ihn also doch! – Und woher er stammt, das wissen Sie am Ende auch?«

»Ja, freilich, aus Dorpat in Rußland. Er ist aber jetzt Professor in Breslau. Er hat so studirt, was man Geschichte nennt, von alten deutschen Kaisern und so etwas. Aber noch vieles andere. Er hat drei Schwestern, davon sind zwei verheirathet und eine noch ganz jung; sein Vater war ein Kaufmann in Reval, seine Mutter die Tochter eines Pfarrers in Livland, das ist auch in Rußland –«

»Herrgott, aber woher wissen Sie das alles?« rief ich in immer neuem Erstaunen.

»Er hat mir's ja gesagt,« versetzte er gelassen, »nicht immer so hintereinander, es kam so mal heraus zwischen all dem anderen, da hab' ich's mir gemerkt; es behält sich am leichtesten.«

Ich lachte laut auf. O treuherziger Erwin! – »Und Sie? Wer und was sind Sie und woher des Landes? Jetzt können Sie es ja verrathen, zum wenigsten mir.«

Er machte eine räthselhafte Gebärde der Ablehnung, wandte sich um und schritt zur Hausthür hinaus. In neuer Verwunderung starrte ich ihm nach, wie er die Straße hinabschritt.

Vielleicht kein Privatgelehrter, sondern ein verkleideter Prinz? überlegte ich heimlich. Im bayerischen Königshause ist dergleichen nichts Unerhörtes!

25 Erwin wagte ich nichts von dieser Vermuthung zu sagen, verschwieg ihm auch die dialektischen Personalkenntnisse Merlins aus zarter Schonung.

Merlin kam nicht wieder und blieb verschollen.

Ich machte meinem Aerger über das sonderbare Benehmen in mancherlei Kraftworten Luft; und ich merkte bald, daß hinter dem Aerger sich etwas wie ehrliche Betrübniß verbarg, daß eine aufkeimende Freundschaft so im ersten Triebe zerstört wurde, oder auch wohl die verdrießliche Erkenntniß, daß mein warmes Gefühl für Merlin von ihm offenbar nur viel kühler erwidert worden war.

Erwin nahm die Sache viel heiterer auf. »Die rechte Reisefreundschaft,« sagte er, »wie gewonnen, so zerronnen. Uebrigens hat er diesen polnischen Abschied offenbar nur genommen, weil er merkte, wie ich ihn Stück für Stück gleichsam wissenschaftlich entkleidete und weil er die Beschämung fürchtete, mir gar keine gleichen Ergebnisse des Spürsinns entgegensetzen zu können. Er ist nun einmal kein Historiker. Entgehen soll er mir darum aber doch nicht; es wird mir im Gegentheil nur noch ein Vergnügen mehr machen, ihn in München aus seinem Bau zu graben und in meine Jagdtasche zu stecken. Es wird ja beschämend leicht sein, von den dortigen Collegen seinen Namen zu erfahren. Aber auf sein Gesicht freue ich mich, wenn er sich so der letzten Hülle beraubt sieht. Ich 26 gebe eigens einen Tag in München dafür zu, um dieses Vergnügens ganz sicher zu sein.«

Ich brummte allerlei Unverständliches zur Erwiderung, bat aber dringend, mir Namen und Wohnung des Flüchtlings gleich nach der Erforschung brieflich mitzutheilen. Ich sei entschieden gesonnen, die Bekanntschaft wieder anzuknüpfen und womöglich fortzusetzen.

Erwin sprach seine Freude aus, daß auch ich an seinem Genossen Gefallen gefunden, rühmte mit Nachdruck sein anregendes Wesen, seine lebhafte Antheilnahme auch an Wissenssphären, die seinem Fache ferner lägen, auch seine vornehme Zurückhaltung (mir schoß der Prinz wieder in die Gedanken) kurz, er war mit mir einig, daß es der Mühe lohne, die Bekanntschaft zu erneuern und weiter zu pflegen.

Liborius verweilte nun bei mir noch einige Tage und füllte meinen Geist dermaßen an, daß der gleich nach seiner Abreise ins Ueberlaufen kam und ich für einige Wochen zu einem sehr gefürchteten Tischnachbarn wurde. Alle Stammgäste rückten immer weiter von mir ab, nur die flüchtig Durchreisenden wagte der Wirth mir noch als Opfer hinzuwerfen.

Bald kam ein Brief aus München, sehr kleinlaut, sehr rathlos. Liborius schrieb, er habe nicht die kleinste Spur vom Dasein unseres Merlin entdecken können, obgleich er seinen Aufenthalt dort 27 ausschließlich behufs seiner Erforschung um vierzehn Tage verlängert habe. Keine Seele wisse etwas von einem dialectforschenden Privatgelehrten, überhaupt von keinem Menschen, auf den die Beschreibung irgendwie passe, am wenigsten die Collegen, deren Aeußeres und Benehmen jener ihm so treffend geschildert habe. Die Sache sei räthselhaft, ja geradezu unheimlich, ihm schwirre der Kopf mit jedem Tage mehr.

Mir schwirrte er ja auch ein bißchen, und ich dachte wieder an meinen Prinzen. Vielleicht aber waren Erwins Collegen bloß dumme Kerle. Damit tröstete ich mich allmählich.

Ich blieb den Winter hindurch im Etschlande und lebe der Ueberzeugung, daß die Kulturhöhe dieser Regionen sich währenddessen um ein Beträchtliches gehoben hat.

Im Frühling kam ich nach München. Wenn ich dort tagsüber den verschiedenen Theken meinen schuldigen Ehrenbesuch gemacht habe, huldigte ich abends der Dialectforschung, indem ich Erwins Aeußerung in Acht nahm, daß in den Bierhäusern großer Städte für solche Studien die beste Gelegenheit geboten sei. Auch gelang es mir, meine Kenntniß der Münchener Mundart um einige sehr bemerkenswerthe Formeln von großer sinnlicher Kraft und Anschaulichkeit zu bereichern.

Eines Tages speiste ich gegen meine sonstigen 28 Sitten an der Wirthstafel eines feineren Gasthofes. Da ich der sommerlich eingeflößten Bildung bereits wieder ledig war, so wäre ich wahrscheinlich ein sehr netter Nachbar gewesen, doch saß ich zwischen zwei Engländern, welche einen Bund mit ihren Lippen gemacht hatten, sie nur zum Zwecke des Essens auseinander zu thun. So ließ ich denn in den Erholungspausen zwischen zwei Gängen meine Augen ziellos über die Mitgäste wandern und würdigte gelegentlich selbst das bedienende Personal einer gleichgültigen Betrachtung.

Auf einmal zuckte ich zusammen wie von einer Bremse gestochen: ich sah und wollte nicht sehen und sah dennoch wieder: einer von den Kellnern war mein Merlin.

An Hallucinationen habe ich niemals gelitten, und eine andere Täuschung war ausgeschlossen. Allenfalls ein Zwillingsbruder Merlins: nein, auch das nicht: dieser feine schwermüthige Zug zwischen den Brauen konnte in seiner Eigenthümlichkeit auch bei einem Zwillingsbruder sich nicht wiederholen. Es blieb keinerlei Zweifel, dieser Kellner war Merlin, Merlin war ein Kellner.

Ein Zahnrad wirr wechselnder Gefühle wälzte sich durch meine Seele. Erbitterung und Zerknirschung waren die vornehmsten. Zuletzt kam ich auf den Einfall, den Menschen vom Staatsanwalt wegen 29 Betruges belangen zu lassen. Aber gleich darauf griff ich ernstlich in meinen Busen. Wo war denn ein Betrug gewesen, wo eine Vorspiegelung falscher Thatsachen? Erwin Liborius hatte das Gelüst empfunden, mit ihm rein von Mensch zu Mensch zu verkehren, das war ihm gewährt worden. Was war dabei anfechtbar? Wenn einer Strafe verdiente, war es Liborius; aber wiederum, wenn jeder Gelehrte wegen einer falschen Hypothese strafrechtlich verfolgt werden sollte, in einem Tage würden unsere Universitäten entvölkert und unsere Gefängnisse überfüllt sein. Ich griff noch tiefer in meinen Busen und beschloß, Erwin mit der Kunde von dieser entsetzlichen Aufklärung zu verschonen; denn ich mußte ernstlichen Schaden für seine geistige Gesundheit davon befürchten, wo selbst ich schon so gewaltsam aus dem Häuschen gekommen war.

Kaum eine Minute lang mochte ich mit diesem Gedankenwirbel gerungen haben; dann stand ich auf und verzichtete auf die folgenden Gänge, obgleich mir das sehr sauer wurde, denn ich mußte sie doch bezahlen. Aber der Gedanke war unerträglich, von jenem erkannt und begrüßt zu werden. Mir war ganz schlimm zu Muth.

Ich entkam ihm glücklich und habe die folgenden Jahre hindurch mein schweres Geheimniß mit keuscher Strenge unverbrüchlich gewahrt. Nicht aber kann ich 30 leugnen, daß ich oft genug, wenn mein gelehrter Freund einmal wieder mit feuriger Sicherheit eine wackelnde Hypothese verfocht, im tiefen Herzen mit hämischer Schadenfreude gedacht habe: O Erwine Libori, wenn du wüßtest, was ich weiß!

Erwine Libori, so weit bin ich mit meinen Aufzeichnungen gekommen, und nun soll die Hauptsache folgen – als mir jäh ein Stachel ins Herz fährt.

Wehe mir! Wenn du dieses liesest, o vielkundiger Chidher, wirst du mit herber Mißbilligung dein kritisches Haupt schütteln und verzweiflungsvoll sprechen:

»Er ist unverbesserlich! Er bleibt immer der Alte. Er kann die Unart nicht lassen in allem, was er schreibt. Die Thatsachen erzählt er richtig, aber in welchem Ton! Wie weit entfernt von ernster Objectivität, vom echt epischen Stil! Wohl sind es nur leichte subjective Striche, die er spottlustig hinzufügt, nur hier und dort ein paar Farbenkleckse zu viel: aber doch genügt dies wenige, die Urbilder seiner Geschichten zur Carricatur zu verzerren. Nicht um meinetwillen beklage ich das, der ich solch ein Urbild bin, sondern um seines Stiles willen und darum, daß er sich den Glauben seiner Leser an die Wahrheit seiner Mären muthwillig verscherzt. Exempli gratia: wer wird ihm denn glauben, daß 31 je ein deutscher Professor von so windbeuteliger Art die Tiroler Berge und die königlich preußischen Hörsäle bevölkert habe? Man wird ihn für einen Aufschneider erklären, obgleich er nicht lügt. Es ist schade um ihn, er ist nicht talentlos.«

So wirst du sprechen, lieber Chidher, und ich beuge mein Haupt und sage: Du hast Recht! Und des zum Erweise will ich in eben diesem Augenblicke endlich anfangen, mich mit Emsigkeit zu bessern. Spät ist es, aber zu spät ist es niemals zur Buße und zum Guten. Zwar was ich geschrieben habe, kann ich nicht mehr ändern, dazu bin ich zu faul: aber was ich jetzt hinzufügen will, das soll ernsthaft tönen und soll ein vollgültig Zeugniß ablegen, daß du ein anderer bist als die scheußliche Fratze, die ich an Stelle deines echten Schattenrisses frech an die Wand geworfen habe. Ach, würde ich selbst doch deine Gespräche und Lehren (obgleich sie ein wenig sprudeln) nicht hingeben wollen um ein kleines Vermögen (um ein großes, dafür kann ich nicht gut sagen), so werth sind sie mir geworden. Was wunder, wenn sie an einem anderen Großes vollbracht haben?

Also höre, wie ich weiter erzähle und wie mir der Ernst zu Gesichte steht; und mit dir höre der treuherzige Leser.

Es ist dir bekannt, daß von jener Begegnung 32 her mir seltsamerweise ein kleines Interesse für deutsche Mundarten, ihre Verästelungen und Wandlungen zurückblieb; und wenn ich es auch vermöge meiner geruhsamen Natur zu selbständigen und wahrhaft gelehrten Forschungen nicht gebracht habe, so verfolge ich doch die Leistungen anderer aus diesem Gebiete mit Eifer und Freude und horche auf meinen Reisen recht fleißig umher, in welchen Zungen allerorten die Leute reden.

Dieses Stückchen Wissenschaft aber. wenn man das so nennen will, sollte mich auf eine sonderbare Weise mit Merlin, dem Kellner, noch einmal zusammenführen.

Ich kam auf meinen Wanderfahrten nach langer Zeit einmal wieder in mein liebes Städtchen Stolpenburg in Hinterpommern, wo ich mich einst als Gymnasiallehrer unnütz gemacht hatte und hinterher durch Erzählungen und Lügen noch viel unnützer. Trotz meines schlechten Gewissens konnte ich es nicht übers Herz bringen, da kalt vorüberzufahren; ich verweilte einen Abend.

Ich machte eine lange Wanderung durch alle Gassen, frischte hundert Erinnerungen auf und kehrte mit Einbruch der Dunkelheit in einer wohlbekannten Bierstube ein, um zu Abend zu essen. Ich setzte mich an einen einsamen Tisch und stellte wehmüthige Betrachtungen darüber an, daß ich in dieser Stadt doch 33 so gar niemanden mehr hatte, der meinem Herzen nahe stand, und wie schnell all die lieben Freunde von damals in die Welt zerstreut oder auch ganz aus der Welt gegangen waren.

Da traf sich's, daß die jüngere Lehrerschaft des Gymnasiums gerade ihren geselligen Abend hatte; sie saßen mir nahe an einem langen Tische und hielten ehrbare Gespräche, an deren Inhalt ich schnell das Handwerk erkannte. Freilich waren auch diese Herren mir sammt und sonders fremd, und doch wehte mich aus ihrer Nachbarschaft ein trauliches Gefühl an, als wären das lauter gute Kameraden, und ich brauchte mich bloß zu ihnen zu setzen, um ihrem Kreise ganz anzugehören. Das hätte ich ja auch wohl thun können ohne Furcht vor einer groben Abweisung, doch unterließ ich es, sei es, weil mein Gewissen wieder leise rumorte, sei es, weil ich mich als bequem hingelehnter Zuhörer am allerbehaglichsten fühlte.

Das Gespräch spielte zunächst überwiegend mit mehr vertrauten als anregenden Gegenständen aus dem qualenreichen Leben des deutschen Schulmeisters, was man Fachsimpeln nennt; nur einige dünne, wissenschaftliche Fäden wurden hier und da angesponnen und schlängelten sich eine Weile, um bald wieder von Heftecorrecturen, Conferenzen und Prüfungsresultaten erdrückt zu werden.

34 Da auf einmal spitzte ich die Ohren wie ein Pferd, das Hafer wittert; ich hörte etwas von deutschen Mundarten reden. Richtig, mein Ohr trank die Worte: niedersächsisch und friesisch, hessisch, thüringisch, mittelfränkisch und so weiter; scharfe Grenzen, Uebergangs- und Mischungsgebiete; Harzgegend; Lechgrenze; immer so weiter; da jetzt, der Tausend, Nord- und Südbajuvarisch – – das war ja an sich nicht gerade so sehr merkwürdig, aber was mich verblüffte, fast aufschrecken ließ: die Stimme, die sich jetzt hören ließ, verrieth ganz unzweifelhaft den allergediegensten Münchener Tonfall, wenngleich ein wenig schriftdeutsch gebändigt und abgeschliffen.

Nun ist es schon keineswegs so sehr alltäglich, daß ein bayerischer Pädagoge sich nach Hinterpommern verschlagen läßt; aber doch war es nicht das, was mich in so besonderer Erregung aufhorchen ließ, sondern es kam dazu: ich kannte diese Stimme nicht nur nach ihrer Stammesart, sondern in ihrer ganz persönlichen Ausprägung.

Der Sprecher kehrt mir den Rücken zu; ich sprang auf und that einen Gang durch das Zimmer, des Vorwands, mir eine Zeitung zu holen; so gewann ich seine Vorderansicht: sakra, das war gewiß und wahrhaftig in der Welt kein anderer als mein Freund Merlin! Eine Täuschung war nicht denkbar; mein Gedächtniß für Physiognomien hatte sich auch 35 nach viel längeren Zwischenzeiten stets als untrüglich erwiesen.

Die Ueberraschung war fast noch größer als die damals in München; ich muß ganz blaß geworden sein, und mir zitterten die Kniee.

Ich setzte mich zunächst wieder an meinen Platz und überlegte.

Entweder war also dieser Mensch ein Proteus oder Gottseibeiuns – oder Liborius-Chidher hatte damals doch recht gehabt: und ich war der grenzenlos Beschämte, vor mir selber Blamirte!

Aber was hatte dann die Vermummung damals als Kellner zu bedeuten?

Nun, man könnte denken: ihm war das Reisegeld ausgegangen, das kann einem Studenten schon passiren, einem Lehramtskandidaten erst recht.

Doch solches Grübeln war ziemlich sinnlos, wo ich den Mann nur zu fragen brauchte nach des Räthsels Lösung.

Nun, das that ich denn endlich, trat an ihn heran, stellte mich vor und erinnerte ihn an Südtirol und Liborius-Chidher, nannte ihn auch Herr Merlin.

Da ging ein helles Lächeln freudigen Erinnerns über seine Züge, und wenig fehlte, so wäre er mir um den Hals gefallen. Und sehr bald dann erkundigte er sich mit feuriger Theilnahme nach meinem Freunde.

36 »Ich weiß natürlich, wo er jetzt lebt und lehrt,« fügte er hinzu, »ich verfolge sein Wirken mit beständiger Aufmerksamkeit; auch von Ihnen, Herr Doktor, weiß ich genug. Gern hätte ich Herrn Professor Liborius schon einmal geschrieben und über mein Schicksal Auskunft gegeben; ich bin ihm ja zu so reichem Danke verpflichtet, wovon er garnichts ahnt; aber – aber – ich war so kindisch, mich doch zu schämen, meiner Vergangenheit nämlich. Aber das soll ein Ende haben, gleich jetzt lege ich Ihnen und allen Collegen meine Beichte ab. Und morgen schreibe ich dem Herrn Professor.«

In großer Spannung nahm ich Platz an dem Tische und mußte nun zunächst den Collegen ausführlichen Bericht erstatten, in welch' wunderlicher Art unsere Bekanntschaft vor Jahren sich angesponnen. Das Wiedersehen in München verschwieg ich vorläufig. Er aber fing gleich mit dem an, was ich umgangen hatte.

»Ich war damals Kellner,« sagte er kurzweg. »Aber das war schon die zweite Laufbahn, für die ich bestimmt wurde. Ursprünglich sollte ich Pfarrer werden und hatte zu dem Zwecke die unteren Gymnasialklassen bis Tertia einschließlich schon durchgemacht; als nun aber meine Lehrer mir einstimmig eine nicht gewöhnliche Begabung für Sprachen nachrühmten, fand mein Vater, zum Studiren sei ich 37 doch zu schade, ich werde, mit Sprachkenntnissen ausgerüstet, als Gasthofkellner einen sehr viel besseren Weg machen. Er war selbst ein kleiner Bierwirth und mußte das wissen; und er hatte auch vollkommen recht: wäre ich bei der Stange geblieben, mein Einkommen würde zweifellos längst das Doppelte meines Lehrergehalts betragen. Daß ich doch abtrünnig wurde, fällt Herrn Professor Liborius zur Last. Ich war damals gerade aus Frankreich und England zurückgekommen und befand mich auf dem Wege nach Italien, um mich auch dieser Sprache zu bemächtigen. Zu Innsbruck in der »Krone,« einem übrigens bescheidenen Gasthause, machte ich mir das Vergnügen, einmal auch ein bißchen den Herrn zu spielen und mich bedienen zu lassen. Geld genug hatte ich. So gerieth ich am Tische mit dem Herrn Professor zusammen, der sehr schöne Reden hielt, denen ich aufmerksam zuhörte. Er wird das gemerkt haben und ist daher wohl auf den Gedanken gekommen, mich für jemanden zu halten, der etwas davon verstände, also auch etwas von einem Gelehrten. Ein bißchen verstand ich ja auch, gerade genug, um meine Aufmerksamkeit zu spannen, aber doch recht wenig. Er jedoch richtete bald seine Worte fast ausschließlich an mich, so daß ich anfangs stark in Verlegenheit gerieth, bis ich es heraus hatte, daß er niemals eine Antwort verlangte, sondern mit einem gelegentlichen Ja 38 oder Nein vollkommen zufrieden war. – Nun erfüllte mich diese Bevorzugung mit großem Stolz, und mein Behagen ward dadurch nicht geringer, daß mich alle Welt in Hörweite – und die war sehr groß – für einen jungen Gelehrten ansehen mußte.

Ich ging mit Freuden auf den Vorschlag des Herrn Professors ein, am nächsten Tage mit ihm gemeinsam zu wandern, allerdings auch mit einer großen Furcht, daß mein ungelehrter Stand schließlich irgendwie an den Tag kommen müßte; das aber empfand ich jetzt schon als eine harte Beschämung; so schnell gewöhnt sich der Mensch an eine Standeserhöhung. Begreiflicherweise wurde ich daher durch seinen absonderlichen Gedanken, eine Vorstellung auch ferner mit Absicht zu vermeiden, in das höchste Entzücken versetzt.

Wir blieben nun Tag für Tag bei einander, und das wurde die schönste Zeit meines Lebens. Vom Morgen bis zum Abend immerfort andächtig zuhören zu können, immer Neues zu lernen, die ganze Welt mit neuen Augen zu sehen, ja, unbekannte Welten neu zu entdecken; dazu das herrliche Gefühl des eigenen Wachsens, das Bewußtsein: jeden Tag verstehst du mehr von diesen Dingen, es ist dir die Fähigkeit nicht völlig versagt, dich ganz dahinein zu leben: Sie können mir glauben, ich war so glücklich, wie nur je ein frisch erhörter Liebhaber gewesen ist, und meine 39 Verehrung und Dankbarkeit für den Herrn Professor war ohne Grenzen.

Abends allerdings fühlte ich mich regelmäßig vollkommen abgeschlagen und im Kopfe verworren und benommen, und ich wußte mir nicht anders zu helfen, um nur zum Schlafen zu kommen, als daß ich dann noch auf ein Stündchen heimlich meinesgleichen aufsuchte in der Küche oder der Schwemme und mich mit ihnen lustig machte, so toll ich nur konnte. Ich hatte aber doch immer eine schreckliche Angst dabei, daß mich der Herr Professor etwa in solcher Gesellschaft entdecken und derart mich entlarven könnte. Aber zum Glück betrat er diese Räume ja niemals.

Ich wäre nun mit Vergnügen wohl noch Monate lang in solcher Herrlichkeit durch die Welt gezogen; doch leider mußte ich sehr viel früher schon zu der Erkenntniß kommen, daß meine Geldmittel ihrem Ende entgegengingen. Gerade für den Tag, wo wir Sie besuchten, Herr Doktor, reichten sie zuletzt noch und dann nur sehr knapp für die Heimreise nach München.

Denn das stand mir nun schon ganz fest: Kellner konnte ich nicht bleiben. Schon allein darum nicht, weil ich mir dann dem Herrn Professor gegenüber all mein Leben lang wie ein Betrüger vorgekommen wäre. Ich hatte ihn doch, wenn auch zunächst ohne 40 meine Absicht, zu dem Glauben verleitet, daß ich ein Gelehrter sei, und dies konnte ich nur dadurch wieder gut machen, daß ich wirklich nachträglich das wurde, wofür er mich gehalten hatte. Und außerdem war meine Begierde übermächtig erwacht, zu lernen und immer zu lernen. Das Leben wäre mir unerträglich gewesen, hätte ich sie gar nicht befriedigen können.

Also ich lief Ihnen davon und ging zurück nach München; dort diente ich noch ein Jahr als Kellner – ein schauerliches Jahr! Aber es gewann mir die Mittel, mein Vorhaben auszuführen. So ganz leicht war das auch nicht. Mit vierundzwanzig Jahren sich noch wieder auf die Schulbank zu setzen in eine Reihe mit Burschen von vierzehn, das will schon etwas sagen. Aber die Lehrer waren gütig, erleichterten mir nach Kräften die Beschwerde und schoben mich schnell vorwärts, so daß ich eher die Universität beziehen konnte, als zu erwarten gewesen. Durch ihre Vermittelungen wurde auch mein Vater mit der Sachlage ausgesöhnt und gewährte mir einige Unterstützung.

Immerhin aber bin ich gut dreißig Jahre alt geworden, ehe ich mich mit dem Ehrentitel eines Schulamtscandidaten schmücken konnte. Dafür aber bin ich jetzt mit meinem Schicksal ganz und gar zufrieden und wünsche mir nichts Besseres.«

41 »Das können nicht allzuviele Sterbliche von sich sagen,« bemerkte ich, »aber sagen Sie, welcher abenteuerliche Wind hat Sie in dieses weltfernste aller Nester geführt?«

»Das war mir gerade recht,« entgegnete er, »so weit wie möglich mich aus jener Welt zu entfernen, in der ich einst den Kellner gespielt hatte. Nicht, daß ich dies für eine Schande hielt – dann würde ich jetzt doch wohl geschwiegen haben – aber für die dummen Jungen ist es nicht gut, dergleichen Dinge aus der Vergangenheit ihrer Lehrer zu wissen; sie haben noch kein Verständniß dafür und machen leicht Abzüge an dem bißchen Respekt, das sie uns bewilligen.

Aus diesem Grunde habe ich meine Heimath verlassen und mich in Preußen beim Geheimrath Bonitz persönlich gemeldet. Der hat mich hierhergeschickt, und ich bin ihm dankbar dafür. Denn Hinterpommern ist sehr viel besser als sein Ruf.«

»Das ist es!« bestätigte ich mit Nachdruck und Ueberzeugung, »sowohl das Land wie die Leute. Unser Pommern soll leben!«

Und wir erhoben im Kreise die Gläser und tranken heftig auf das Wohl unseres viel beschrieenen Ländchens.

Unter diesen Gesprächen war die Stunde gekommen, wo der ehrbare Bürger nach Hause wandelt, 42 wenn er am nächsten Morgen in schreckhafter Frühe zum Unterricht eilen muß. Die Versammlung löste sich also auf; Freund Merlin begleitete mich bis zu meinem Gasthofe.

»Und wie sind Sie gerade auf die Dialectstudien verfallen?« fragte ich unterwegs, »Sie müssen nämlich wissen, daß unser weiser Chidher Sie schon damals in dringendem Verdacht hatte, Specialist für dieses Fach zu sein. Wir werden ihm also den Namen eines großen Propheten schwerlich versagen können.«

Er stieß einen Ruf der Verwunderung aus und sann ein wenig nach.

»Das ist allerdings sehr merkwürdig,« meinte er endlich, »aber es muß doch wohl seinen Grund haben. Es ist richtig, daß seine Gespräche über diese Dinge in ganz besonderem Maße meine Aufmerksamkeit erregten, und das hat er mir wohl angesehen. Es war mir so wunderbar, daß ein gelehrter Herr aus dem fremden Norden etwas mir so Alltägliches als einen Gegenstand ernster Wissenschaft behandelte und dahinter gar seltsame Aufschlüsse über vergangene Zeiten fand; daß unsere gemeinen Schnadahüpfeln ihm Freude machten, schmeichelte mir auch und verwunderte mich zugleich: das mögen so die ersten Ansätze zu meiner späteren Neigung gewesen sein.«

43 »Ich finde, unser Prophet wird dadurch nicht kleiner,« bemerkte ich nachdenklich, »er hat schöpferisch gesehen.«

Wir nahten meinem Gasthofe. Der dicke Wirth saß wohlbehäbig auf der Bank vor seinem Hause und genoß der Nachtkühle.

»Sehen Sie,« sagte ich, »diese goldene Zukunft haben Sie sich nun entgehen lassen. Auf wie hoch wohl schätzen Sie den Mann nach seinen Einkünften?«

»Auf das Doppelte unseres Directors,« versetzte er schnell, »ich kann es so ziemlich genau berechnen.«

»Und was empfinden Sie dabei, mehr Neid oder mehr Reue?« fragte ich lachend.

»Neid empfand ich einst,« entgegnete er ganz ernst, »gegen jedermann, der keine Trinkgelder zu nehmen braucht.«

»Nun, der nimmt doch längst keine mehr,« wandte ich ein.

»Aber er muß vor jedem Lumpen tiefere Bücklinge machen als ich vor dem Minister,« sagte er ruhig, »das kommt fast auf dasselbe heraus. Uebrigens wenn jemand Lust hat: er hat eine einzige Tochter, ein ganz sauberes Ding –.«

»Ei, da sollten Sie zugreifen; so etwas gibt einem armen Lehrer immer einen schönen moralischen Halt,« rief ich scherzend.

44 Er brummte etwas vor sich ihn und legte dann stehen bleibend die Hand auf meinen Arm:

»Ich will Ihnen etwas erzählen,« sagte er langsam. »Ich deutete Ihnen schon an, eine rechte Plage in meinem früheren Berufe war mir das Trinkgeldnehmen. Zwar auch das mit Unterschieden. Es gibt Leute, die ein Trinkgeld zu geben verstehen, das einem wie eine ehrliche Bezahlung erscheint; und es gibt andere, die sich so dabei gebärden, daß man's ihnen am liebsten gleich an den Kopf würfe: der schrecklichste der Schrecken aber war für mich allezeit, von einer hübschen jungen Dame oder auch nur in Gegenwart einer solchen ein Trinkgeld zu empfangen. Das war mir der Gipfel aller Demüthigung und hätte allein schon genügen können, mir meinen Stand zu verleiden.

Sehen Sie, und ebenso empfinde ich es jetzt umgekehrt mit besonderem Behagen als eine der schönsten Folgen meines Berufswechsels und eine, die jeden Geldgewinn in den Schatten stellt, daß ich mit jeder jungen Dame, auch der vornehmsten oder reichsten als ein Gleicher mit einer Gleichen verkehren darf. Ist eine höheren Standes, so ist sie doch nur eine Höhere unter Gleichen. Keine Grafen- noch Excellenzentochter wird es sich herausnehmen, mich in trinkgeldmäßiger Herablassung zu behandeln: denn thäte sie es, so würde sie mir ja unvorsichtig 45 das Geheimniß verrathen, daß sie eine ungebildete Pute ist. – Sehen Sie, und ich kann die kleine Eitelkeit nicht leugnen: dieses Gleichheitsgefühl macht mich sehr glücklich.«

Ich ahnte leise noch etwas weiteres.

»Sie wollten noch etwas erzählen,« sagte ich mit einem ruhigen Frageton.

»Nun in Gottes Namen,« rief er vergnügt, »ich habe gestern den Treueschwur gewechselt mit einem nicht reichen, aber bildhübschen Mädchen, der Tochter eines pensionirten Obersten, ich hoffe auch dessen Einwilligung zu erlangen, er ist zur Zeit nur verreist.«

»Doch nicht etwa Oberst Brennicke?« fragte ich freudig überrascht, indem ich ihm die Hand drückte.

»Eben der,« bestätigte er, »Sie kennen meine Braut?«

»Sie war ein Kind, als ich hier lebte,« erwiderte ich. »Aber sie hatte eine ältere Schwester, für die ich lichterloh geschwärmt habe. Diese ist längst verheirathet.

»Und nicht mit Ihnen?« rief er fast vorwurfsvoll, »wie ist das gekommen!«

»Wie so etwas kommt,« versetzte ich achselzuckend, »zum ersten hat sie meines Erinnerns nicht dem entsprechend für mich geschwärmt, und zum zweiten 46 schwärmte ich nicht für sie allein, sondern zugleich noch für mehrere andere fast ebenso reizende junge Mädchen. Und um alle die zu heirathen, dazu reichte mein Hülfslehrergehalt nicht.«

»Da hätten Sie Kellner werden sollen,« rief er heiter lachend.

»Vernünftig wär's gewesen,« antwortete ich mit einem Seufzer, »das hätte geheißen, vom Esel aufs Pferd steigen; ich aber that's umgekehrt, stieg vom Esel auf den Hund und wurde Dichter.« 47

 


 

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