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Allerhand Kreuzköpf

Karl Schönherr: Allerhand Kreuzköpf - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Schönherr
titleAllerhand Kreuzköpf
publisherL. Staackmann Verlag
year1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140613
projectidd07718b2
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Der Zuchtstier

Die frische, rotwangige Lampelwirtin und ein alter, zausiger Knecht standen im Dämmerdunkel des Stalls um den Stier herum. Die Wirtin hielt noch die leere Futtermelter in der Hand, in der sie dem Stier heute wieder einmal warm abgebrühten Extrafraß zukommen ließ. Denn sie hatte ihn aufgezogen und blieb ihm dankbar, daß er so gut geraten war: Aus einem unscheinbaren Kalb war der herrlichste Zuchtstier geworden. Der Stolz nicht nur des Lampelwirts und der Gemeinde, sondern aller umliegenden Dörfer in weitem Kranz.

Er war mit einer doppelten Stahlkette eng an den Barren gehängt. Minutenlang starrte er reglos nach der Futterraufe oder er wetzte seinen Schädel, der aus geschwulstetem Hautgewamme vorschaute, bald rechts, dann wieder links an dem längst spiegelglatt gefegten schweren Barrenholz, daß die Kette aufklirrte. Die schöne Jungzeit auf grüner Weide war längst dahin.

Er hatte eisenstraffe, gleichmäßige Flanken, die kein unschöner Heubauch vorwölbte, und der mächtige Rücken verlief ohne Einsenkung bretteben, was die Bauern bei einem Zuchtstier besonders hoch einschätzen.

Von Farbe war er mausgrau, gegen den Kopf zu schwärzlich, mit einem lichten Bläß zwischen den zwei kurzen Hornstumpfen, die, unmerklich gebogen, wie zwei böse Schusterkneipe waagrecht ausgriffen und nur auf gelegentliches Bauchaufschlitzen zu passen schienen.

Er schielte auch dann und wann, so weit es die kurz genommene Kette zuließ, mit den kleinen Augen aus rotgeränderten, haarlosen Lidern recht heimtückisch hinter sich nach dem Knecht und der Wirtin.

An dem zwei- und dreifachen Muskelüberbau seiner gewaltigen Flanken sprangen bei der kleinsten Bewegung neue Stränge auf, die in der nächsten Sekunde wieder ebenso geheimnisvoll im Fleischgeschwirre verschwanden. Da er einmal mit dem linken Hinterfuß seitlich ausgriff, bleckte aus dem eintönigen Mausgrau für einen Augenblick die rosige Innenfläche der Schenkel mit dem Gehänge deutlicher auf. Seine Hufe waren beinahe zierlich im Verhältnis zu dem riesigen Körper, weil sie gar nicht abgenützt wurden. Denn der Stier kam jetzt nur selten ins Freie. Er mußte einsam im Stall sein starkes Leben vertrauern; eng an der Kette, mit trenzendem Maul vor dem Barren stehen und warten, bis ihm eine Brunstkuh zugeführt wurde. Gemein war das. Darum sah er auch so heimtückisch aus.

»Man sollt ihn doch wieder einmal ein bissel ausführen«, sagte die menschlich denkende Wirtin: »Nit immer so allein im finstern Stall stehn lassen, wo er nichts Grünes und nie einen Strahl Sonne sieht.«

Der Wirtin tat es um ihren Pflegling leid, daß er so furchtbar gemein gewertet und betätigt sein solle. Sie stellte die Futtermelter nieder und nestelte auch schon an den Kettenringen. Der alte Knecht warnte:

»Wirtin, ein Stier ist ein Stier.«

Der Stier bog ein wenig seinen kurzgestirnten Schädel nach ihr und dem Knecht und verdrehte hintergründig die Augen, daß man nur mehr das Weiße sah.

Der Knecht hatte den Stierblick aufgefangen und warnte noch einmal:

»Wirtin, habt ihr das Gschau gsehen?«

Aber die Wirtin lachte nur:

»I hab ihn ja aufzogen, er hat immer so gschaut.«

Sie löste die Kette und führte den Stier ins Freie:

»Komm nur, Hansl. Gelt, du tust mir nichts.«

Wie ein vorweltliches Ungetüm tauchte er furchtbar prächtig in der offenen Stalltür auf. Er streifte mit den Flanken beiderseits die Rahmenpfosten, als ob er sie sprengen wollte und blinzelte mit blöden Augen unsicher in den hellen Tag hinein.

Der alte Knecht kam mit einem leeren Hafersack und faltete ihn zu einer Augenbinde:

»Ich trau dem Viech nit!«

Aber die Wirtin schob den Knecht ärgerlich beiseite:

»Geh du spaziern an einem schönen Sommertag und laß dir die Augen verbinden.«

Und sie führte den Stier, der schwerfällig neben ihr hertrottete, rechtsum auf den Feldweg hinter dem Haus – ins Grüne.

Der alte Knecht sah den beiden nach, bis sie um die Ecke verschwunden waren:

»Er geht wirklich wie ein Lampel.«

Dann schloß er die Stalltür.

»No ja, sie hat ihn aufzogen, das merkt sich jedes Vieh.«

Aber ein Stier ist ein Stier. Auf dem Feldweg beim Bretterzaun wurde er plötzlich unruhig, fing an zu schnauben und »Mandeln« zu machen.

Die Wirtin redete ihm gut zu: »Hansl, halt dich ruhig. Schau der schöne Tag.« Aber der tückische Zuchtstier stampfte mit den scharfen Hufen den schwarzen Dreck vom Boden auf, daß es weit um spritzte und gabelte, ehe man bis drei zählen konnte, seine brave Pflegemutter von unten auf mit dem einen Horn an den Bretterzaun.

Die Wirtin konnte nur noch weit beide Augen aufreißen und einen Angstschrei tun:

»Hansl, was treibst?«

Aber der Stier hörte nicht. Seine Nüstern sprühten Feuer, er sah keine Sonne und keine grüne Wiese, er sah nur rot vor den Augen: Er trat mit den Hufen auf der Wirtin herum, bis sie ganz ruhig lag. Er nahm Rache für das gemeine Dasein, zu dem ihn die Menschen verurteilt hatten. Es war ihm gleichgültig, wer die Rechnung beglich – dafür war er ja ein Stier.

Nun konnte die Wirtin selbst mit brechenden Augen zum letzten Male in den hellen Tag hineinschauen, den sie dem einsam im finsteren Stall dösenden Stier so von Herzen vergönnt hatte.

Liebe, gute Lampelwirtin: Stiere und Menschen danken es einem nicht, wenn man sie ins Grüne führt.

Es war ein großes Geschrei und Weinen bei Kindern und Gesinde, als man die tote Wirtin ins Haus zurückbrachte.

Und erst, als der Lampelwirt, der auch eine Metzgerei betrieb, vom Viehmarkt heimkehrte und seine Frau, die er schon wegen ihrer Gütigkeit von Herzen leiden mochte, so schrecklich zugerichtet in der Oberstube liegen sah.

Der Stier durfte nicht mehr in den Stall zurück:

Mit dicken Stricken kreuzweis verhängt, mit Fußfesseln geknebelt, die ihn keinen raschen Schritt tun ließen, den Hafersack vor den Augen – so wurde er in den Schlachtraum geschoben.

Da drinnen roch es nach altem Tierblut. Zum ersten- und letztenmal in seinem Dasein gruselte es dem Stier über die mächtigen Flanken hin. Er blähte angstvoll weit die Nüstern auf und suchte den eingesogenen Blutgeruch aus den Nasenlöchern zu schnauben. Aber schon schlug ihm der eine Knecht mit dem verkehrten Beil zwischen die Hörner, gerade auf den weißen Bläß hin, bis er mit einem gewaltigen Plumps auf den nassen Betonboden niederbrach.

Schamlos, mit weitaufklaffenden Schenkeln lag er da.

»Schad um so ein Leben«, sagte der eine Knecht beim Messerwetzen.

»Ja«, nickte der andere: »Vor einer Stund noch so ein Sprungteufel und morgen wird er zu Würsteln aufgehackt.«

In der Oberstube stand der Lampelwirt vor seinem toten Weib, das jetzt sauber gewaschen auf den Linnen lag. Er schaute ihr lange fest ins Gesicht: ein letzter Dankblick für die sechs geschenkten, blühenden Kinder und ihr gesegnetes Walten im Haus. Sie hatte aller Kreatur immer wohlgewollt und jetzt kam ihr durch Güte ein so grausamer Tod.

Er tätschelte ihr, Abschied nehmend, die kalte Wange.

»Anna, du wirst mir gewaltig abgehn.« Dann ging er verloren treppauf und -nieder durch alle Räume und kam auch in die Küche. Dort duckten sich die Kinder, wie aus dem Nest gefallene Vögel, eng an die brave Köchin herum. Die trocknete ihnen mit dem Schürzenzipfel die verweinten Augen und sagte dazu einfache, gute Worte, ohne darüber einen Augenblick Pfannen und Töpfe auf dem Herd zu vergessen. Sie war immer zunächst um die Frau des Hauses herum gewesen, darum hatte auch deren Güte am stärksten auf sie abgefärbt.

Am Abend, nach getaner Arbeit, kamen viele Bauern in das Wirtshaus, um der Toten im Oberstock Weihbrunn zu geben und dann in der Gaststube bei einem viertel Wein mit dem schwergeprüften Lampelwirt ein paar teilnehmende Worte zu tauschen.

Eine verwitterte Bäuerin mit Holzschnittgesicht, die abseitig allein am kleinen Nebentisch saß, sprach mit dem Lampelwirt sachlich und wortkarg über das Unglück. Ihre ernsten Augen schauten sinnend über ihn weg gradaus ins Weite. Die lederbraunen, furchigen Hände hatte sie, jede einzeln für sich, auf dem Tisch herumliegen, als gehörten sie nicht zu dem Körper. Ganz zufällig, wie vergessenes Arbeitsgerät, lagen sie da.

»Es ist schon eine harte Nuß, ein Mannsbild allein mit dem Geschäft und sechs kleinen Kindern. Wie soll das weiter gehn?«

»Hart genug«, seufzte der Wirt. Seine bekümmerten Augen flogen eine Sekunde lang nach dem Küchenschuber, durch den eben die Köchin der Kellnerin eine Portion Essen für einen Gast in die Stube schob. Dann sagte er lauter, als sonst seine Art war:

»So kanns auch nicht bleiben!«

Der klemmige Tablander inmitten von Bauern an einem andern Tisch hatte den größten Viehstand weitum und dachte gerade an seine beste Kuh, für die jetzt kein Stier mehr da war:

»Freilich kanns nit so bleiben«, murrte er mit schlecht verstecktem Ärger auf: »Ein frischer Stier muß wieder her!«

Der Wirt fuhr nach ihm herum und starrte ihn zornig, mit weit aufgerissenen Augen an. Er wollte ihm etwas sagen, aber er brachte kein Wort heraus, denn der Schmerz sprang neuerdings wieder hoch in ihm. So lief er wortlos aus der Stube und schlug die Tür krachend hinter sich zu.

Die alte Bäuerin saß reglos und wandte nur langsam die Augen verweisend nach dem lieblosen Bauer:

»Tablander, vom sechskindrigen Witwer ist jetzt die Red gwesen ... Und nicht vom Stier!«

Aber der Tablander ließ sich nicht einschüchtern:

»Aber vom Stier wird wohl auch noch die Red gehn dürfen. I mein, der geht uns alle an! I mein, der ist wohl auch so viel wert gwesen, daß man drüber ein Wörtel verlieren darf.«

Und er ließ seine Zustimmung heischenden Augen scharf prüfend im Kreise der Bauern herumgehen. Keiner sagte ein Wort, sie nickten nur alle stumm mit den Köpfen. Dann zahlten sie und machten sich auf den Heimweg. Denn morgen war für alle wieder ein schwerer Heutag. So wie sie beim Kommen alle zuerst der Wirtin im Oberstock die letzte Ehre gaben und aus dem kleinen Kupferkessel zu Füßen der Toten mit dem Buchsbaumwedel Weihbrunn auf das weiße Linnen sprengten, ebenso selbstverständlich sprachen sie jetzt beim toten Stier im Schlachtraum vor.

Der Stier hing jetzt beim trüben Flackerlicht einer Unschlittkerze, das nur schwer den Raum durchdrang, abgehäutet und ausgeweidet, mit grausam weit auseinander gespreizten Hinterhaken meterhoch über dem Boden. Unweit davon lag zusammengerollt wie ein Reiseplaid seine mausgraue Haut.

Die Bauern standen im flackernden Kerzenlicht mit finsteren Mienen schweigsam vor dem blutigen Rumpf.

»So einen Stier finden wir nimmer«, sagte einer. Und ein Alter ernst, bedächtig:

»Man soll nie dem ersten Zorn nachgeben.«

Alle stimmten lebhaft zu. Das Gemurre brach plötzlich ab. Der Lampelwirt war einen Augenblick im offenen Türrahmen sichtbar geworden und ebenso rasch wieder verschwunden.

Die Bauern hatten nur ausgesprochen, was ihm selber schon allmählich an die Schwelle des Bewußtseins herankroch. Denn er war ja auch ein Bauer wie die andern alle. Zum Schmerz um das verlorene Weib kam jetzt noch die Reue über den sinnlos hingeschlachteten Zuchtstier, wie es keinen gab talauf und -nieder. Er wird darüber bis an sein Lebensende noch viel böse Worte zu hören bekommen, wenn die Bauern in seiner Gaststube eng gedrängt beim Wein um den runden, großen Tisch herumsitzen und die gute Wirtin schon längst allseits vergessen ist. Der Zuchtstier drückt auch als Toter noch die Lampelwirtin spielend an die Wand.

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