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Allerhand Kreuzköpf

Karl Schönherr: Allerhand Kreuzköpf - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Schönherr
titleAllerhand Kreuzköpf
publisherL. Staackmann Verlag
year1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140613
projectidd07718b2
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Der Wildschütz

Sie heißen ihn den Gamser.

Er ist der berüchtigtste Wildschütz, aber nur auf Gemsen zielt seine Büchse, alles andere Wild läßt er laufen. Daher sein Name.

Er ist ein mittelgroßes, hageres Männchen mit borstigem, kurz geschorenem Schnauzbart, der geradeso wie das in wirren Strähnen in die Stirne hereinhängende Haupthaar bereits ins Graue spielt. Alles an der ganzen Gestalt scheint von Stahl, jede Sehne und Ader federt scharf umrissen unter der gebräunten Haut hervor. Man sieht, daß der Mann für jedes Glied im ganzen Körper Arbeit und Verwendung hat.

Die kurzen Lederhosen lassen zwei wetterharte, mit Schwielen bedeckte Knie sehen, und an der Beugeseite spannen sich Sehnen aus, wie dicke Stricke. Sein knochiges Gesicht hat etwas Gemütliches und könnte fast weich erscheinen ohne den wunderbar klaren, scharfen Blick aus hellgrauen Augen.

Beinahe alles, was er an Schmuck und Kleidung trägt, hat der Gamser seinem Jagdtier entnommen und sich zugerichtet: Gemslederne Hosen und einen Gurt von Gemsleder; die Hornringe, die er durch quere Zerschneidung eines Gamskrikels erhielt, hatte er zu einer Uhrkette zusammengefügt. Der Griff seines Jagdmessers bestand aus einem Gemsenfuß und ein Gamsbart schlug auf dem abgefärbten Hut sein Rad. Ein Geldpreis ist dem zugedacht, der den Gamser auf frischer Tat ertappt, vor rund zwanzig Jahren wurde diese Prämie vom Jagdeigentümer, einem Grafen, ausgesetzt. Bis heute ist sie noch unbehoben.

Etliche Male war ihm schon vom Grafen eine Jägerstelle mit auffallend guter Bezahlung angeboten worden. Auf diese Weise gedachte man diesen gefährlichsten aller Wilderer unschädlich zu machen. Der Gamser wies das Anerbieten jedesmal ab: »Bin kein Jäger!«

Es war einmal spät abends im Hochsommer. Ich kehrte von einer Bergtour zurück und kam an seiner Hütte vorüber. Da ich die Tür offen fand, trat ich ein, um mit ihm ein wenig zu plaudern.

Er saß am Herd vor dem Feuer. Auf einem Dreifuß stand ein kleines Schnabelpfännchen mit schmelzendem Blei. Der Gamser war gerade mit Kugelgießen beschäftigt. Ein glänzendes Häuflein fertiger Kugeln lag schon vor ihm auf der Herdbank.

Er schaute von seiner Arbeit auf, nicht hastig, ganz langsam und bedächtig den Ankömmling musternd. Wie er mich erkannt hatte, gab er meinen Gruß zurück und arbeitete weiter.

Leute, die viel allein sind, werden naturgemäß schweigsam und wortkarg. Man darf ihnen das ja nicht übelnehmen.

»Wird jede Kugl treffen?« meinte ich, auf das schnell anwachsende Häuflein deutend.

»O beileib! Es pfeift oft eine nebenfür!«

Ich fragte ihn, wieviel Böcke er schon geschossen habe in seinem Leben.

»A paar!«

Ich wußte, daß es einige hundert waren.

Eine Weile sah ich ihm zu, wie er eine Kugel nach der andern blitzblank aus dem Model schüttelte und genau prüfte, bevor er sie zu den andern legte. Und da kam mir unwillkürlich in den Sinn, wieviel Ungemach und Gefahren wohl wieder über diesen eisernen Mann gekommen sein müßten, bis er alle diese Kugeln verschossen hätte. So entfielen mir, ohne eigentlich recht zu wollen, die Worte:

»Gamser, wenn sie dich aber einmal erwischen?«

Er fuhr, ohne von meiner Frage Notiz zu nehmen, mit der Hand um eine glühende Kohle ins Feuer und hielt sie so lange an die erloschene Pfeife, bis es brannte. Dann legte er sie wieder langsam auf den Herd zurück.

»Wer soll mi erwischn?« fragte er dann gleichgültig.

»Der Graf!«

»Der ist krank und kommt kein Schritt aus der Stubn!«

»Seine Jäger!«

»Warum denn? I tu ja nix Unrechtes!«

Das klang wahrlich naiv aus dem Mund des Erzwildschützen.

»Halt, weil du dem Grafn die Gamsen wegschießt!«

»Ah, hat der Graf Gamsn?« fragte der Wilderer in gut geheucheltem Erstaunen. »A Gams hat kein Hearn, mei Lieber! So a Viech steht heut auf dem Gwänd, und morgn ist s schon wieder viel Stundn weit weg, über alle Klüft und Jöcher aus!«

»Aber der Graf hat die Jagdpacht!«

Jetzt fuhr der Gamser auf.

»Pacht«, höhnte er. »Es wird nimmer lang dauern, und wir können nimmer schnaufn, weil so ein Dukatenfresser uns die Luft wegpachtet hat. vielleicht derlebn wir s noch, daß s Firmament vom Hundsstern weg bis zum Mondscheinanfang so einem rostigen Grafn ghört! Dann kriegn wir am End noch an Zaun um die Stern und a Glashaus vor die Sonn!«

Eine Kugel war ihm mißraten. Er warf sie ins Schmelzpfännchen zurück und rührte darin mit einem Eisendraht um.

»A schlechts Blei«, murmelte er. Dann schaute er eine Weile schweigsam ins Feuer, den hochaufstiebenden Funken nach.

Plötzlich, als ob er sich auf etwas besänne, zupfte er mich am Ärmel.

»Und meinst denn, der Herrgott hat die Gamsn wachsn lassen für an Grafn, der vor Vergicht nit aus der Stubn kommt?«

Ich zuckte die Achseln.

»Die Gamsn ghörn an jedn, mein Lieber! Keine hat a Taferl um den Hals, wo draufsteht, wem sie zughört. An jedn ghört die Gams, der sie nit hinterrucks umbringt!«

»Was tust denn du anders?« warf ich dazwischen.

»I?« fuhr er auf. »I wag mein Löbn dafür! I mache nit, wie oft die hochn Herrn, die sich die Gamsn von etliche Treiber in a Felsenklamm zsammenjagen lassen; und dort passen sie nacher auf an polsterten Schlaffessel, bis die armen Viecher daherfliegn rudlweis und koan Ausweg mehr haben umadum! Nacher druckn sie ab! Pfui Schand und pfui Teufl!«

Der Gamser richtete sich hoch auf und hob den Zeigefinger.

»Dös ist Mord, mei Lieber! I tät mich der Sündn fürchtn! I und die Gams, wir raufn mitanand! Wenn i mein Hahn spann auf an Bock, und außen häng über einer kirchturmhohen Wand mit blutig gschundne Finger und Knie, da darf i abdruckn! Schau dier den Kaiser Maxl an; der ist a richtiger Gamsenjäger gwesen! Drum hat ihm der Engl den Weg zeigt von der Martinswand, wo er sonst hätt verhungern müeßn! Der hat auch grauft mit die Gamsn! Und grad dös ist die Lust für an richtigen Schütz!«

Er hatte nun lang genug Kugeln gegossen. Er legte den Kugelmodel beiseite und trat vor die Tür. Lange und bedächtig sah er wetterprüfend gegen das Gebirge hinauf. Dann holte er vom Heuboden herab seinen kurzen Kugelstutzen und einen verwitterten Rucksack von unbestimmbarer Farbe. Nachdem er darin etwas Schwarzbrot, Speck und ein Fläschchen Vogelbeerschnaps untergebracht hatte, nahm er einen glimmenden Span vom Herd und entzündete ein Öllämpchen, das vor einem rußigen, rauchgeschwärzten Madonnenbild in der Ecke hing. Dann nahm er die Pfeife aus dem Mund, kniete sich hin und betete, nach einer halben Minute meinte er, sich erhebend und auf die Madonna zeigend:

»Sie verlaßt an ehrlichen Wildschütz nit!«

Dann schraubte er die Büchse auseinander, versorgte die einzelnen Teile in seinen geheimnisvollen Wildschütztaschen, legte sich den Rucksack um und wir traten ins Freie.

Auf meine Frage, warum er schon vor Mitternacht aufbreche, erwiderte er:

»I mueß an weiten Umweg machn, auf dem Felsengrat obn passn mir seit gestern drei Jäger auf! Pfüet Gott.«

Und schon war er im Dunkel verschwunden, mit geräuschlosem, echtem Wildschütztritt.

*

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