Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Schönherr >

Allerhand Kreuzköpf

Karl Schönherr: Allerhand Kreuzköpf - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Schönherr
titleAllerhand Kreuzköpf
publisherL. Staackmann Verlag
year1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140613
projectidd07718b2
Schließen

Navigation:

Ein Perlaggspiel

Der Küchelbauer vom Bachgries ist überaus geizig, ein Geizteufel, wie er im Büchel steht.

Jedes Sechserl, das schon einmal nimmer zum Halten ist, schaut er zuerst hinten und vorn an, ob es wohl gewiß kein Zwanziger sei. Und gar, wenn er einmal mit »die Bangenotn« aus der großen Lederbrieftasche ausrücken muß, da greift er jede sorgfältig ab und bläst fünf-, sechsmal auf den Rand, ob nicht zwei zusammenkleben. Das kommt ja dort und da vor, aber dem Küchelbauer ist es dank seiner Vorsicht noch nie passiert.

An den Sonntagen, so nach dem Nachtessen herum, fühlt der Küchelbauer fast immer in seinem Schlund so eine Trockenheit oder Spere, wie die Bauern sagen. Und diese Spere kann gräßlich werden. Für den einen, der die Brieftasche in der Feiertaghose vergessen hat und nur über eine Werktaghose verfügt, und für den andern, der mit der Münze nicht herausrücken will.

Dann marsch ans Brunnenrohr.

Das will aber der Küchelbauer nicht. Am Sonntag abends gibt es daheim immer Schmalznudeln, und da noch Wasser drauf, das wär das rechte. Der Wein beim Lammbl ist ganz süffig, aber halt nichts kosten sollte er. Der Küchelbauer ist ein Abgefeimter. Der weiß schon ein Mittel, seiner Spere abzuhelfen, ohne daß er seinen Kopf unters Brunnenrohr steckt oder dem Wirt einen roten Heller für seinen Süffigen zahlt. Er ist ein arger Perlagger und versteht es ausgezeichnet, zur rechten Zeit drei in den Hanger und drei ins Gleich zu schreien oder seinen Gegner vom Spiel zu jagen, wenn der auch kein übles Blatt hat. Perlagger sind beim Lammblwirt an Sonnabenden immer zu treffen. Was sollen ältere Mannder auch sonst anfangen. Zum Kegelschieben sind sie zu wenig gelenkig; das müssen sie wohl oder übel den jungen Burschen überlassen. Also die Karten! Das Ramsen ist ein Altweiberspiel, das weiß jeder. Oder Zwicken? »Sell ist s reinste Raubergspiel« und geht viel zu hoch. Mit dem Laubbieten ist auch nichts anzufangen, »sell ist s ärgste Lugnspiel«, weil einer mit dem Siebner den König jagen kann. Aber ein Perlaggerle, da gibt s ein bißchen zu Senken und man hat dabei sein unterhältliches Stündel, wenn vier recht Verzwickte beisammen find.

Der Ärgste unter den Verzwickten ist immer der Küchelbauer gewesen. Dem haben sie noch nie »a Noggele anderhängt«, obwohl sie s recht gern getan hätten, weil der Küchler immer gar so unverschämt sauft und nie eine Halbe schuldig wird. Dabei war er stets der erste, der den Vorschlag machte, einen Wein auszuspielen, um seine Halsspere auf billige Art los zu werden.

So auch eines Abends einmal, am Schutzengelfest.

Die Mesnerknechte hatten eben mit der großen Glocke zu Abend geläutet, als der Küchelbauer mit seiner Trockenheit im Hals und die Hand fest auf den Geldbeutel im Hosensack gedrückt in die Wirtsstube zum Lammbl trat.

Das Schankmädl fragte, was er schaffe. Der Küchelbauer machte einen abwehrenden Deuter und schaute sich in der Stube um seine Perlaggkameraden um. Wo die nur heute alle stecken?

Dort in der Ecke unter dem Hausaltar saß das alte Klammüllervaterle ganz verloren bei einem Stamperl Kerscheler. Weiß man wohl, so ein Kirschgeist macht eine gute Unterlage zum Wein. Das wäre einer von den vieren.

An einem andern Tisch kauerte mutterseelenallein der malifizblonde Gärberblasig und unterhielt sich, so gut es eben ging, mit dem Tiras, der halbverschlafen auf dem Boden lag. Das wäre der zweite.

Wieder an einem andern Tisch (es ist rein zum Verzweifeln, wie sie heute alle einschichtig herumkauern) ist der Grundinger Roßknecht Lenz und stiert auf sein Seidel Roten. Das wäre Nummer drei.

Und der vierte war der Küchelbauer selbst. Der vierte und der Abgefeimteste.

Rückte also der Küchelbauer gleich mit seinem Wunsch noch einem Spielchen hervor und schaute erwartend den malifizblonden Blasig an.

»Hm, zu an kleinen Spiel tät i schon mithelfen«, brummte der in seinen Ratzebart hinein. »Müeßt s euch halt noch um zwei schaugn.«

»He, Lenz! Was habts denn heut alle für ein gspassiges Gschau«, rief der Küchler zum Roßknecht hinüber, »her da zu an Perlagger.«

Wie die drei heute sonderbar taten! Als ob sie einander wildfremd wären. Und doch sind sie vor Ankunft des Küchlers ganz enge beisammen gesessen, haben die Köpfe zusammengesteckt und gewispert. »Wenns noch zwei findets, will i kein Ungraden machen, Küchler«, lautete des Rossers Antwort.

Und gar das alte Klammüllervaterle in der Ecke unter dem Hausaltarl, wie der verschmitzt dreinschaute und an seinem Pfeifenstummel sog, daß man es durch die ganze Stube paffen hörte. Er wolle ebenfalls keinen Ungraden machen, wenn der Küchler noch zwei aufstöbere.

Der Küchelbauer bestellte Karten und Kreide.

Das war immer so ziemlich die ganze Bestellung, die der Küchelbauer bei der Lammkellnerin zu machen pflegte, höchstens dort und da noch eine Bretze zum Perlaggwein heraustunken, weil so die Kraft im Magen bleibt.

Rückte also der muckete Rosser mit seinem Seidel an den großen Tisch, wo sich der Küchler neben dem Blasig niedergelassen hatte. Zum Bauer sagte er: »mit Verlaub«, den Gerber würdigte er keines Blickes und kehrte ihm seinen breiten Rücken zu.

Langsam, ganz langsam wuzelt sich endlich auch das alte Vaterle hinter der Ecke heraus und humpelt gemächlich an den großen Tisch, wieder zu hinterst hinein in die Ecke, weil es dort drinnen soviel sicher ist vor dem Fallen, wenn der Schwindel kommen täte; dem Küchler nickt das Vaterle freundlich zu, der Blasig und der Rosser waren ihm heute fremde Leute.

Die Kellnerin hatte eben dem Küchler das Bestellte gebracht.

»Bei der ersten Maß bleiben wir just, wie wir sitzen«, rief der jetzt und mischte die Karten.

Dem Küchler gegenüber saß der Roßknecht. Der war also sein Helfer, das Vaterle und der Gerberblasig ihre Gegner.

»Zu elfe a Maß!«

Es ging nicht übel. Der Küchler bekam gleich das erstemal schon einen drittzigen Hanger und zwei Trümpfe für das Spiel.

Er schrieb sich und dem Rosser schmunzelnd ein Fünfer! auf den Tisch und klopfte dann der Kellnerin um eine Maß Guten.

Die anderen schauten nur so drein.

Beim zweiten Gang hatte der Rosser das Spiel verpatzt, weil er sich mit dem Laubkönig verworfen hatte. Aber der Küchler machte zwei im Gleich. Also hatten sie sieben. Das Vaterle und der Blasig machten vier.

»Wie kannst denn du dem Blasig drei in Hanger halten mit deinem Siebner und Achter«, schnauzte das nächste Mal der Küchler ärgerlich den Grundlingerknecht an.

Der Roßknecht entschuldigte sich, er hätte Leben und Seligkeit darauf verwettet, daß der Blasig auch nur einen Siebner und Achter habe. Der sei soviel ein Abgedrahter und mit allen Salben geschmiert.

Das alte Vaterle kreidete mit zitternder Hand unter ihre Rubrik einen Sechser, dem Küchler und Rosser eine unförmliche Null.

Der Küchler und sein Helfer waren jetzt um vier zurück.

Der Blasig raunte dem Vaterle zu: »Aufpassen, ja nix mehr bieten, sonst sein wir um zwei gstraft.«

Das Spiel war für den Küchler verloren. Der Blasig hatte Hanger und ein drittziges Gleich auf den Tisch gelegt. Der Rosser brummte etwas von Malefizpech und meinte dann: »Küchler, die Maß haben sie uns akurat anghängt.«

Der Küchelbauer war wie aus den Wolken gefallen und starrte ganz verdutzt bald auf seine zwei Trumpfperlaggen, bald auf den Hanger und das drittzige Gleich des malefizblonden Blasig. Dann schaute er wieder fast ängstlich auf die Maß Guten und berechnete im stillen, was der verspielte Wein koste; »halt völlig a Kueh«. Dann rechnete er zwei- dreimal in der Schrift nach, ob da wohl alles zusammengehe.

Zu seinem nicht geringen Entsetzen klappte es haarscharf.

Da brach das Donnerwetter über den dummen Rosser los, wie denn er um Himmels willen mit seinem lausigen Hanger habe dem Blasig drei sagen können. Für so einen Helfer täte er sich bedanken.

»Dös wär mir a Helfer, ja! Der möcht einem bald zu der Gant verhelfen!«

Das alte Vaterle meinte: »Nur gschwind Schrift machen, damit nix vergessen wird«, und kreidete die halbe Maß dem Rosser, die andere halbe dem aufgeregten Küchelbauer auf den Eichentisch hin. Dabei lächelte er: »Auch eimal a Noggele, der Küchler.«

Der Gerber und der Roßknecht lächelten ebenfalls und sagten dem Vaterle nach: »Auch amal ein Noggele, der Küchler.«

Der Küchelbauer aber saß wie auf Nadeln und lächelte nicht. Doch vertröstete er sich aufs Wischen.

Beim zweiten Spiel kamen das Vaterle und der Rosser zusammen. Der malefizblonde Blasig wurde diesmal Genosse des Küchelbauern.

»Küchler, verlaßt« enk auf mi! Wir werdn denen zwei schon zeigen, wie der Pudel tanzt.«

Das meinte der Küchelbauer auch.

Mit dem Blasig ließ sich s schon machen, der hat es dick hinter den Ohren. Er und der Küchelbauer hatten es bis zehn gebracht und waren gerade zum Ausgehn. Das Vaterle und der Rosser waren um zwei zurück. »An Hanger biet i«, schrie der Gerber und schlug mit der Faust aus den Tisch.

Da kam er schön an bei dem Vaterle. Der war kein heuriger Hase und wußte ganz genau, daß man mit zehn nicht mehr bieten darf, wenn zu elf das Spiel aus ist.

»Überboten«, rief er behaglich schmunzelnd dem Blasig zu. »Um zwei gstraft! Und in den Hanger sag i drei, und nachher biet i das Spiel, weil i mit meine Neune noch eins bieten darf.«

Spiel und Hanger gehörten dem Vaterle. Er und der Rosser hatten gewonnen.

Der Küchelbauer kam ganz aus dem Häusl und schimpfte den Gerber zusammen, daß er in seinen Schuh hinein mehr gut genug gewesen wäre.

Der malefizblonde Blasig schüttelte etliche Mal« seinen roten Kopf und gab selber zu, daß er sich da einmal arg verschnappt habe. Das sei ihm noch nie passiert, aber dort und da mache der beste Perlagger einen Schnitzer.

Das Vaterle drängte wieder mit dem Schrift machen, und malte dem Blasig und dem Küchler wieder je eine halbe Maß mit der Kreide auf Rechnung.

Dem Küchelbauer wurde ganz schwindlig, wie er auf seine zwei Noggelen schaute, bei welchen das Vaterle mit der Kreide nicht gespart hatte.

Jetzt kam der dritte Gang. Da traf s den Küchler mit dem Vaterle zusammen.

Der Küchelbauer tröstete sich immer noch mit dem Wischen. Diese Hoffnung konnte er keck fahren lassen. Denn wie das Vaterle jetzt spielte, das war ein Graus. Bald übersah er einen Hanger oder ein Gleich, dann warf er wieder eine Perlagge aus, wenn schon der Küchelbauer im Stich war, oder er gab einen Trumpf zu, und zuletzt konnte er den Ober vom König nimmer unterscheiden.

Wie das Spiel verloren war, hätte der Küchelbauer das erzteppete Vaterle vor Zorn am liebsten gleich in den Boden hineingeschlagen.

Das Vaterle ließ zuerst den Küchlee ausmaulen und putzte sich unterdessen mit dem Pfeifenstierer sein Pfeifl aus.

Danach sprach er zum Küchelbauer hinüber:

»Küchler, nix für unguet! Bin halt jetz a meeralter Kracher, der sich die halbe Zeit nimmer recht verweiß. Und die Augen tücken mich schon ganz wüetig. Das Perlaggn darf i bald aufgeben! I schau jetz schon bald an Ochs für a Kueh an.«

So zwischendrein lächelte das Vaterle wieder ein klein wenig und paffte an seinem Nasenwärmer. Der Blasig und der Grundlingerlenz lächelten auch so zwischenhinein. Der Küchler wurde bald kreideweiß, bald rot wie der Gute in der Flasche.

Sie habens noch dreimal herumgehen lassen.

So oft der Blasig mit dem Küchler war, verschnappte er sich wieder oder machte sonst einen Fehler, den man greifen konnte. Der Rosserlenz sagte auch noch öfters dem Blasig drei mit einem lausigen Hanger und entschuldigte sich bei dem Bauer immer mit dem abdrahten Gerber. Wenn aber das Vaterle mit dem Küchelbauer war und sich nicht auskannte, meinte es stets: »Mit die Augn tückt s mich schon ganz wüetig, das Perlaggn darf i bald aufgebn.«

Und endlich gab es das Vaterle wirklich auf, nachdem er dem Küchelbauer das neunte Noggele zu äußerst an die Tischecke (die Fläche um den Bauer herum war schon ganz angekreidet) hingeschnörkelt hatte.

»Jetz geht s grad nett aus und Wein haben wir auch gnueg«, meinte er, und Roßknecht und Gerber stimmten bei.

Von den andern hatte jeder drei Noggelen und der Küchelbauer, wie das Vaterle trotz des wütigen Tückens der Augen ganz richtig herausgebracht hatte, deren neun.

»So, jetz können wir wischn«, meinte der Blasig und löschte sich seine drei Zeichen aus. Desgleichen taten der Rosser und das Vaterle.

Drei durfte sich der Küchelbauer auch wischen. Am liebsten wäre er freilich mit dem Ellbogen über die ganze, weitläufige Schrift gefahren. Er fing an, auszurechnen, wie tief die sechs wampetn Saggra in seinen Geldbeutel reißen mochten.

Der Rosser reichte dem herzugekommenen Lammwirt das Glas zum Bescheid tun.

»Ah!« machte der Wirt und stellte das Glas nieder. »Gar an Guetn ausgspielt heut. Ja, ja, Gsüff ist das schon ein verteufelt«, aber soll mich der Herrgott strafen, wenn ich ihn billiger geben kann, als sechzig Kreuzer die Maß!«

Der Küchelbauer hatte sich inzwischen so beiläufig einen Überschlag gemacht, was die drei Maß, jede zu vierzig Kreuzer gerechnet, kosten könnten; und dabei perlte ihm der Schweiß aus allen Poren.

Wie er nun gar von sechzig Kreuzern die Maß hörte, da sprang er auf und stürzte zur Tür hinaus, heim zu.

Der Roßknecht, das alte Vaterle und der malefizblonde Blasig ließen sich die drei Maß Guten schmecken und lachten nicht wenig über das heutige Perlaggspiel.

Zahlen, sagten sie dem Wirt, werde der Küchelbauer, er habe es nur heute in der Eile vergessen.

Darauf meinte der Wirt: »Macht nix, macht nix, der Küchler ist mir guet gnug!«

Zwei bare Gulden hat er der Kellnerin aus der großen Brieftasche müssen auf den Tisch legen. Aber abgeblasen und abgegriffen hat er zuerst das Heidengeld, ob wohl nicht drei, vier Stück ineinanderstecken. Den Zwanziger, den er noch von der Kellnerin herauskriegte, schaute er auch die längste Weile von hinten und von vorn an, ob s wohl kein falscher sei.

Vor dem Perlaggspiel hat der Küchelbauer seit dem Schutzengelfest einen wahren Grausen.

Die Spere beseitigte er von da ab stets am Brunnenrohre, mochte ihm nun das Wasser auf die Schmalznudel den Magen umkehren oder nicht.

*

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.