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Allerhand Kreuzköpf

Karl Schönherr: Allerhand Kreuzköpf - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Schönherr
titleAllerhand Kreuzköpf
publisherL. Staackmann Verlag
year1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140613
projectidd07718b2
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Das Heiligwasserweibele

Ein prachtvoller Sommermorgen war über das Inntal aufgezogen. Je heller das Morgenlicht zum Fenster hereinflutete, desto nebliger wurde mir s im Kopf. Wie ich jetzt einen Blick hinaufwarf zu den schweigenden Bergen, da schien mir mein Liebling, die Waldrastspitze, zuzunicken: »Tintenkleckser, komm zu mir herauf!«

Ich machte mich auf den Weg.

Oberhalb Igls hielt ich Rast. Ich ließ mich auf einem alten, verwitterten Betstuhl unter einem Feldkreuz nieder und schaute ins Tal. Der Anblick gemahnte mich an die Weihnachtskrippe, die der Vater uns Buben zusammengestellt hatte. Dort standen auch im Hintergrund hohe Berge mit weiß bemalten Spitzen; vorn das Hügelland war mit zierlichen Häuschen übersät. Ich erinnere mich, daß sie so hell blitzende Fensterscheiben hatten. Das hatte der Vater mit »Katzengold« zuwege gebracht. Hier besorgte es die Sonne. Da und dort ein trutziges Schlößlein auf der Höhe, im Tal zierlich abgezäuntes Wiesenfeld. Den Fluß nicht zu vergessen, den der Vater mit Glas und unterlegtem blauen Papier in dem ebenen Teil der Krippe angelegt hatte. Beide Ufer umsäumte er mit Moos, und dann entstanden Mühlen, Holzsägen und Schmieden wie durch Zauberschlag. Am meisten bewunderten wir stets das Floß, das der Vater kunstvoll zusammengestellt und mit Flößern versehen in den gläsernen Fluß gesetzt hatte.

Eben jetzt sah ich eines den Inn herunterfahren.

Der Vater wird sich von hier aus die Gegend abgeschaut und danach die Krippe daheim zusammengestellt haben.

»Dös ist sunst mei Platzl!«

Ich wandte den Kopf, um zu sehen, wer denn um alle Welt an den wurmstichigen, ungehobelten Brettern ein so energisches Vorrecht geltend machte.

Ein altes, verschrumpftes Weiblein in phantastischem Aufputz stand vor mir und blitzte mich mit ihren grauen, hellen Augen nicht gar freundlich an. Sie trug auf dem Kopf einen alten, grünen Männerhut, um den statt der Schnur einige grellrote Skapulierbänder gewunden waren. In der einen Hand hatte sie einen kleinen »Zegger«, die andere hielt einen wunderlichen Stock umklammert, der das Weiblein an Größe überragte und nach Art der Pilgerstäbe Kreuzform besaß. Er war ringsum mit kleinen Heiligenbildchen tapeziert, die zum Teil vergilbt und verblichen waren. An dem kleinen Querast hingen Messingpfennige und einige Kreuzlein aus Olivenholz. Sie Beschuhung der Alten bestand aus zwei verwitterten Sandalen, die statt der Lederriemen mit dickem Spagat an den bloßen Knöcheln befestigt waren.

»Haben wir nit beide da Platz, Weibele?«

»I will alloan sein!«

»Warum?«

»Weil mich die Leut foppn tuen!«

»Warum foppen sie dich denn?«

»Weil i das Heiligwasserweibele bin!«

Die Alte hatte mich scharf gemustert, dann nahm sie zögernd, mißtrauisch am äußersten Ende der Bank Platz.

Ich war froh, daß es mir endlich einmal gelungen war, das Heiligwasserweibele, von dem ich schon soviel gehört hatte, zu Gesicht zu bekommen. Den Namen hat das Volk der Alten nach dem bei Innsbruck gelegenen, sehr beliebten Wallfahrtsort »Heiligwasser« beigelegt, weil das Weiblein für die Leute in allerhand Anliegen nach Heiligwasser kirchfahren ging und dafür ein kleines Almosen erhielt.

»Wohin geht der Weg?« fragte ich.

»Dumme Frag«, brummte sie, »wohin sonst, als auf Heiligwasser?« dabei fixierte sie mich wieder von der Seite, lange und prüfend. Nach einiger Zeit fing sie selbst ein Gespräch an. Ihre grauen Augen blickten schon bedeutend freundlicher aus dem runzligen Gesicht auf mich.

»Das einundzwanzigste Dutzendmal mach i heut den Weg, für allerhandige Leut.« Und wie um sich bei mir gleich im Vorhinein in Respekt zu setzen, fügte sie noch mit wichtiger Miene hinzu:

»Ja, in Maria-Einsiedel bin i auch schon gwesn und in Maria Trens vielhundertmal, und in Locherboden, i weiß gar nit wie oft!«

»Na, und helfen die Heiligen?«

Jetzt verschlang mich das Weiblein förmlich mit ihrem prüfenden Blick. Lange sprach sie nichts. Sie wollte herauskriegen, ob ich ihrer weiteren Unterhaltung wert sei, oder gar vielleicht Spott treiben wolle mit ihr und den heiligen, wie so viele. Das lag mir fern, und sie schien endlich auch dieser Ansicht geworden zu sein, denn sie rückte etwas näher zu mir heran und meinte wichtig:

»Freilich helfen sie, aber umgehn mueß man kennen damit! A jeder hat seine eignen Kaprizen, grad wie die Leut; dem Petrus zum Beispiel mueßt stark kommen, sonst rührt er sich nit; und frisch von der Leber weg redn, nit lang umschwatzn! Das Süßholzraspeln kann der schon gar nit leidn. Wenn du ihm süß anfangst, schlagt er dir gleich die Tür vor der Nasn zue! Der Andrä hat s wieder grad umkehrt: der will wieder an seinen Umgang, nacher tuet er sein Möglichstes. Ja, Hear, sölle Sachen mueß man wissen, sonst schmiert man sich schiech an, so wie i mit dem Sankt Gürg!«

»Was ist mit dem Gürg?« fragte ich gespannt.

Sie schwieg ein Weilchen und fuhr sich über die Augen.

»Mei«, gab sie mir dann zur Antwort, »a Gfrött ist s und a zwidere Geschicht, mit dem Gürg und mein Hies!«

Sie rückte wieder näher zu mir und begann zu erzählen, während ihre ineinander verschlungenen Finger krampfhaft an einem großperligen Rosenkranz zupften.

»Mein Bue, der Hies, ist Holzknecht gwesen und seelenguet! Gern in Wirtshaus ist er ghockt, ja, aber ein Fehler hat jeder Mensch. Und wenn er dort zu viel kriegt hat, nacher ist er glei beim Zueschlagn gwesen, und da geht s nit klueg her, wenn a Holzknecht, wie der Hies, den Arm hebt. Da kann s leicht ein Unglück gebn! da han i mir denkt: Schau, hast schon für soviel Leut eppes derbetet und ausgrichtet, warum soll denn grad für den Hies nix helfen! Es mueß ja do auch an Heilign geben, der für das Rabiate guet ist. Und da bin i auf den Sankt Georg graten!«

»Warum grad auf den?«

»Weil der Gürg an wüsten Drachen gmeistert hat, da han i mir ausgrechnet, der werd den Hies wol auch derpackn und ihm das Wilde aberraumen!«

Die Alte schwieg, wie es schien, unter dem Druck schmerzlicher Erinnerungen. Sie zupfte nervös an dem Rosenkranz herum und machte sich an ihrem Zegger zu schaffen. Meine bescheiden vorgebrachte Frage, warum sie nicht weiter erzähle, ließ sie unbeachtet.

Endlich platzte sie wütend heraus: »Zu Fleiß hat er mier s tan, der Gürg! Ja, zu Fleiß!« Nach einer kleinen Pause fuhr sie etwas ruhiger fort: »Über an Heilign darf man nit schimpfen, aber den Text hab i ihm schon glesen, und das Gsims hab i ihm abkehrt, weil er miers so gmacht hat, grad, als wenn er mi hätt foppen wölln! Und foppn lass i mi nit! von niemand!« Sie schaute herausfordernd nach rechts und links, ob es etwa jemand wagen wollte. Dann erzählte sie weiter: »Zwei Büschlstöck und zwei Leuchter han i kauft für den Gürg seine Kapelln, mit meine zsammgsparten Kreuzer; und so bin i gwandert zu ihm, drei Stund weit, für den Hies sein wilden Trutz! Und oben han i mein Präsent aufgstellt, und betet han i ganz wüetig drauf los, ich weiß nit, wie lang! Federleicht ist mir wordn! Und nacher, auf dem Heimweg, och du mein Gott!«

Das Weiblein machte bei den letzten Worten gar keinen Versuch mehr, die Tränen zurückzuhalten.

Mit erstickter Stimme fuhr sie fort: »Wie i durchs Dorf geh, siech i an Haufn Leut und zwei Schendarm, ja, den Hies in der Mittn, mit die Händ überkreuz. Und die Leut habn erzählt, er hätt grad im Wirtshaus ein erschlagn in sein Zorn.«

Sie strich mit einer kleinen Handbewegung einen Berg voll Leid von sich und erhob sich zum Gehen.

»Aber a Wuet hon i dort ghabt auf den Gürg, das darfst mier glauben! Halb Weg zur Kapell«, bin i schon gwesen, meine Leuchter und die Büschlstöck zu holen, aber i bin wieder umkehrt. Na, han i mir denkt, er soll sie bhalten und soll sich schämen, soweit er warm ist!« Dann nahm sie ihren Zegger und ging.

Was mit dem Hies sei, rief ich ihr nach.

Sie drehte sich unwirsch herum:

»Was soll denn da sein? Seine drei Jahr abhocken mueß er halt. In sechs Wochen kommt er aus!«

Mit gekrümmtem Rücken, ganz in sich versponnen, stieg sie Heiligwasser zu und schaute sich nicht mehr um.

Nach einem halben Jahr begegnete ich auf dem Höttinger Ried wieder dem Heiligwasserweibele. Ihr Kostüm war das gleiche wie damals, der grüne Hut mit den roten Bändern, die Sandalen, auch Zegger und Pilgerstock nicht zu vergessen.

Als neue Zutat hatte sie diesmal einen riesigen Kranz aus frischen Feldblumen um den Hals hangen. Sie schien seit unserem letzten Zusammentreffen jünger geworden zu sein. Wenigstens war sie merkwürdig aufgeräumt und von einer auffallenden Lebhaftigkeit. Nach der ersten Begrüßung fragte ich nach dem Hies.

Das Weiblein konnte vor Schmunzeln kaum reden:

»Mei, der Hies ist a goldener Loder, nimmer zu kennen, jedem Wirtshaus weicht er auf hundert Schritt aus, und a Gmüet hat er wie a Osterlammbl.«

»Also hat ihm der Gürg doch das Wilde abgeraumt?«

Wie ich auf den »Gürg« zu sprechen kam, machte das Weiblein ein schuldbeladenes Gesicht und sagte kleinlaut:

»Freilich hat er gholfen, gründlich, i bring ihm jetz den Kranz!« Sie deutete auf ihren blumengezierten Hals. »Alle Wochen kriegt er an frischen! Zuerst han i mi wol gschamt in Bodn eini, wie i ihm hab müessn kommen abbittn! Aber gsagt han ich s ihm auch: Weißt Gürg, sag i, du bist doch a gspassiger heiliger, zuerst ein totschlagn lassn, und nacher erst an Mensch brav machen. Aber mei, vielleicht wär s anders nit gangen, man mueß die heiligen grad lassen! Sie haben halt auch ihre Muggn! So Hear, pfüet Gott, i mueß gehn, er wartet schon auf den Kranz!«

Das Heiligwasserweibele nickte mir vergnüglich zu und humpelte wohlgemut den steil ansteigenden Weg zur Gürgenkapelle hinauf.

*

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