Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Peter Hebel >

Allemannische Gedichte

Johann Peter Hebel: Allemannische Gedichte - Kapitel 47
Quellenangabe
authorJohann Peter Hebel
titleAllemannische Gedichte
publisherVerlag von Georg Wigand
year1872
firstpub1803
illustratorLudwig Richter
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20170731
projectid2d4830a2
Schließen

Navigation:

Riedligers Tochter.

Spinnet, Töchterli, spinnet, und Jergli leng mer der Haspel!
D'Zit vergoht, der Obed chunnt und 's streckt si ins Früeihjohr.
Bald gohts wieder use mit Hauen und Rechen in Garte.
Werdet mer flißig und brav, und hübsch wie 's Riedligers Tochter!

In de Berge stoht e Hus, es wachse jez Wesme
Uffem verfallene Dach, und 's regnet aben in d'Stube.
Frili 's isch scho alt, und sin jez anderi Zite,
Weder wo der Simme-Fritz und 's Eveli ghuust hen.
Sie hen's Hus erbaut, die schönsti unter de Firste,
Und ihr Name stoht no näumen am rueßige Tremel.
»Het me gfrogt: »Wer sin im Wald die glücklichsten Ehlüt?«
Het me gseit: »Der Simme-Fritz und 's Riedligers Tochter,«
Und 's isch dem Eveli g'rothe mit gar verborgene Dinge.

Spinnet, Chinder, spinnet, und Jergli hol mer au Trieme!
Mengmol, wo der Fritz no bi den Eltere glebt het,
Het en d'Muetter gno, und gfrogt mit biweglige Worte:
»Hesch di no nit anderst b'sunne? Gfalle der 's Meiers
»Matte no nit besser zu siner einzige Tochter?«
Und der Fritz het druf mit ernstlige Worten erwiedert:
»Nei, sie gfalle mer nit, und anderst b'sinn i mi nümme.
»'s Riedligers suferi Tochter zu ihre Tugede gfallt mer.« –
»D'Tugede loß den Engle! Mer sin jez no nit im Himmel.« –
»Lönt de Chüeihe 's Heu ab 's Meiers grasige Matte!« –
»D'Muetter isch e Hex!« – »Und soll au d'Muetter e Hex si,
»Muetter hi und Muetter her, und 's Töchterli willi!« –
»'s Meidli soll's gwiß au scho tribe, d'Nochbere sage's.« –
»Sell isch en alte B'richt, und dorum chani 's nit wende.
»Winkt's mer, se mueß i cho, und heißt es mi näumis, so thuenis.
»Luegt's mer gar in d'Augen, und chummi em nöcher an Buese,
»Wird's mer, i weiß nit wie, und möchti sterbe vor Liebi.
»'s isch ke liebliger Gschöpf, as so ne Hexli, wo jung isch.« –

Näumis het d'Muetter gwüßt. Me seit, das Meideli seig gwiß
In si'm zwölfte Johr emol elleinig im Wald gsi,
Und heb Erbeeri gsuecht. Uf eimol hört es e Ruusche,
Und wo's um si luegt, se stoht in goldige Hoore,
Nummen en Ehle lang, e zierlig Frauweli vorem,
Inneme schwarze Gwand und gstickt mit goldene Blueme
Und mit Edelgstei. »Gott grüeß di, Meideli!« seit's em:
»Spring nit furt, und förch mi nit! I thue der kei Leidli.«

's Eveli seit: »Gott dank der, und wenn du 's Erdmännlis Frau bisch,
»Willi di nit förche!« – »Jo, frili,« seit es, »das bini.«
»Meideli, los und sag: chansch alli Sprüchli im Spruchbuech?« –
»Jo, i cha sie alli, und schöni Gibetli und Psalme.« –
»Meideli, los und sag: gohsch denn au flißig in d'Chilche?« –
»Alli Sunntig se thueni. I stand im vorderste Stüehli.« –
»Meideli, los und sag: folgsch au, was 's Müetterli ha will?«–
»He, wills Gott der Her, und froget 's Müetterli selber!
»'s chennt ich wohl, i weiß es scho, und het mer scho viel g'seit.« –
»Meideli, was hesch g'seit? Bisch öbbe 's Riedligers Tochter?
»Wenn de mi Gotte bisch, so chumm au zue mer in d'Stube!« –
Hinter der Brumbeerihurst gohts uf verschwiegene Pfade
Tief dur d'Felsen i. Hätt 's Frauweli nit e Laternli

In der Linke treit, und 's Eveli sorgli am Arm gfüehrt,
's hätt der Weg nit gfunde. Jez goht e silberni Thür uf:
»O Her Jesis, wo bini? Frau Gotte, bini im Himmel?« –
»Nei doch, du närrisch Chind. In mi'm verborgene Stübli
»Bisch bi diner Gotte. Sitz nieder und bis mer Gottwilche!
»Gell, das sin chosperi Stei an mine glitzrige Wände?
»Gell, i ha glatti Tisch? Sie sin vom suferste Marfel.
»Und do die silberne Blatten, und do die goldene Teller!
»Chumm, iß Honigschnitten und schöni gwundeni Strübli!
»Magsch us dem Chächeli Milch? magsch Wi im christallene Becher?« –
»Nei, Frau Gotte, lieber Milch im Chächeli möchti.« –

Wones gesse het und trunke, seit em si Gotte:
»Chind, wenn d'flißig lehrsch, und folgsch, was 's Müetterli ha will,
»Und chunnsch us der Schul und gohsch zum heilige Nachtmohl,
»Willi der näumis schicke. Zeig, wie, was wer der am liebste?
»Wärs das Trögli voll Plunder? wärs do das Rädli zum Spinne?« –
»Bald isch 's Plunder verrisse. Frau Gotte, schenket mer 's Rädli!« –
»'s Rädli will gspunne ha. Nimm lieber 's Trögli voll Plunder!
»Siehsch die sideni Chappe mit goldene Düpflene gsprenglet?
»Siehsch das Halstuech nit mit siebefarbige Streife,
Und e neue Rock, und do die gwässerti Hoorschnur?« –
»Jo, 's isch mer numme z'schön. Frau Gotte, schenket mer 's Rädli!« –
»Willsch's, se sollsch's au ha, und chunnts, se halt mer's in Ehre!
»Wenn de's in Ehre hesch, solls au an Plunder nit fehle,
»Und an Segen und Glück. I weiß em verborgeni Chräfte.
»Sieder nimm das Rösli und trag mer's sorglich im Buese,
»Aß denn au öbbis hesch von diner heimliche Gotte!
»Los, und verlier mer's nit! Es bringt der Freuden und Gsundheit.
»Wärsch mer nit so lieb, i chönnt der jo Silber und Gold ge.« –
Und jez het sie's g'chüßt und wieder usen in Wald gfüehrt:
»Bhüet di Gott und halt di wohl, und grüeß mer di Muetter!« –
So viel isch an der Sach, und deshalb het me ne nogseit,
D'Muetter seig e Hex, und nit viel besser ihr Meidli.

Nu, das Meideli isch mit si'm verborgene Blüemli
Hübscher vo Tag zu Tag und alliwil liebliger worde;
Und wo's us der Schuel mit andere Chindere cho isch,
Und am Ostertag zuem Nachtmahl gangen und heim chunnt,
Nei, se bhüetis Gott, was stoht im heitere Stübli?
's Rädli vo Birbaumholz, und an der Chunkle ne Riste,
Mitteme zierlige Band us rosiger Siden umwunde,
Unte ne Letschli dra, und 's Gschirli zum Netze vo Silber,
Und im Chrebs e Spüehli, und scho ne wengeli gspunne.
D'Gotte het der Afang gmacht mit eigene Hände.
Wie het mi Eveli gluegt! Was isch das Eveli gsprunge!
Gsangbuech weg und Meje weg und 's Rädli in d'Arm gno,
Und het's g'chüßt und druckt. »O liebi Frau Gotte, vergelts Gott!«
's het nit z'Mittag gesse. Sie hen doch e Hammen im Chöl gha.
's isch nit usen ins Grüen mit andere Chindere gwandlet,
Gspunne hätts mit Händ und Füeße, het em nit d'Muetter
's Rädli in Chaste gstellt und gseit: »Gedenke des Sabbaths!
»Isch nit Christus, der Her, hüt vo de Todten erstande?« –
Nu, di Rädli hesch. Doch, Eveli, Eveli, weisch au,
Wie me's in Ehre haltet, und was d'Frau Gotte wird gmeint ha?
Frili weisch's, worum denn nit, und het sie 'm verheiße:
»Wenn de 's in Ehre hesch, solls au an Plunder nit fehle
»Und am andere Sege«, se het sie's ghalte, wie's recht isch.
Het nit in churzer Zit der Weber e Trogete Garn gholt?
Hets nit alli Johr vom finste glichlige Fade
Tuech und Tuech uf d'Bleichi treit und Strängli zuem Färber?
He, me het jo gseit: und wenn's au dussen im Feld seig,
's Rädli spinn elleinig furt, und wie si der Fade
Unten in d'Spuehle zieh, wachs' unterm rosige Bendel
D'Riste wieder no – sell müeßt mer e chummligi Sach si; –
Und wer het im ganze Dorf die suferste Chleider
Sunntig und Werchtig treit, die reinlichsten Ermel am Hemd gha,
Und die suferste Strümpf und alliwil freudigi Sinne?
's Frauwelis im Felseghalt si liebligi Gotte.
Drum het's Simme's Fritz, wo 's achtzeh' Summer erlebt het,
Zue der Muetter gseit mit ernstlige Minen und Worte:
»Numme 's Riedligers Tochter zu ihre Tugede gfallt mer.«
Muetterherz isch bald verschreckt, zwor sotti's nit sage.
Wo sie wieder emol vo 's Meiers Tochter und Matte
Ernstlig mittem redet, und wills mit Dräue probiere:
»'s git e chräftig Mittel,« seit sie, »wenn de verhext bisch.
»Hemmer für 's Riedligers ghuust? Di Vater setzt di ufs Pflichtteil,
»Und de hesch mi Sege nit, und schuldig bisch du dra.« –
»Muetter,« erwiedert der Simme, »soll euer Sege verscherzt si,
»Stand i vom Eveli ab, und gehri vom Vater ke Pflichttheil.
»Z'Stette sitzt e Werber, und wo men uffeme Berg stoht,
»Lütet d'Türkeglocke an allen Enden und Orte.
»Bluet um Bluet, und Chopf um Chopf, und Leben um Lebe.
»Färbt mi Bluet e Türkesebel, schuldig sin ihr dra!« –
Wo das d'Muetter hört, se sitzt sie nieder vor Schrecke:
»Du vermesse Chind, se nimm sie, wenn de sie ha witt;
»Aber chumm mer nit go chlage, wenns der nit guet goht.« –
's isch nit nöthig gsi. Sie hen wie d'Engel im Himmel
Mit enander glebt, und am verborgene Sege
Vo der Gotte hets nit gfehlt im hüsliche Wese.
He, sie hen jo z'letzt vo 's Meiers grasige Matte
Selber die schönste gmeiht, 's isch alles endlich an Stab cho,
Und hen Freud erlebt an frumme Chinden und Enkle.
Thüent jez d'Räder weg, und Jergli, der Haspel ufs Chästli!
's isch afange dunkel und Zit an anderi Gschäfte.

Und so hen sie's gmacht, und wo sie d'Räder uf d'Site
Stellen, und wen go und schüttle d'Agle vom Fürtuech,
Seit no 's Vreneli: »So ne Gotte möchti wohl au ha,
»Wo eim so ne Rad chönnt helfen und so ne Rösli.«
Aber d'Muetter erwiedert: »'s chunnt uf kei Gotten, o Vreni,
»'s chunnt uf 's Rädli nit a. Der Fliß bringt heimlige Sege,
»Wenn de schaffe magsch. Und hesch nit 's Blüemli im Buese,
»Wenn de züchtig lebsch und rein an Sinnen und Werke?
»Gang jez und hol Wasser und glitsch mer nit usen am Brunne!«

 << Kapitel 46  Kapitel 48 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.