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Allemannische Gedichte

Johann Peter Hebel: Allemannische Gedichte - Kapitel 35
Quellenangabe
authorJohann Peter Hebel
titleAllemannische Gedichte
publisherVerlag von Georg Wigand
year1872
firstpub1803
illustratorLudwig Richter
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20170731
projectid2d4830a2
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Die Vergänglichkeit.

Gespräch auf der Straße von Basel zwischen Steinen und Brombach, in der Nacht.

Der Bueb seit zum Aetti:

Fast allmol, Aetti, wenn mer 's Röttler Schloß
So vor de Auge stoht, se denki dra,
Öbs üsem Hus echt au e mol so goht.
Stohts denn nit dört, so schudrig, wie der Tod
Im Basler Todtetanz? Es gruset eim,
Wie länger as me's bschaut. Und üser Hus,
Es sitzt jo wie ne Chilchli uffem Berg,
Und d'Fenster glitzeren, es isch e Staat.
Schwetz, Aetti, gohts em echterst au no so?
I mein emol, es chönn schier gar nit si.

Der Aetti seit:

Du guete Burst, 's cha frili si, was meinsch?
's chunnt alles jung und neu, und alles schliicht
Si'm Alter zu, und alles nimmt en End,
Und nüt stoht still. Hörsch nit, wie's Wasser ruuscht,
Und siehsch am Himmel obe Stern an Stern?
Me meint, vo alle rühr si kein, und doch
Ruckt alles witers, alles chunnt und goht.

Je, 's isch nit anderst, lueg mi a, wie d'witt.
De bisch no jung; Närsch, i bi auch so gsi;
Jez würd's mer anderst, 's Alter, 's Alter chunnt,
Und woni gang, go Gresgen oder Wies,
In Feld und Wald, go Basel oder heim,
's isch einerlei, i gang im Chilchhof zue, –
Briegg, alder nit! – und bis de bisch wien ich,
E gstandne Ma, se bini nümme do,
Und d'Schof und Geiße weiden uf mi'm Grab,
Jo wegerli, und 's Hus wird alt und wüest;
Der Rege wäscht der's wüester alli Nacht,
Und d'Sunne bleicht der's schwärzer alli Tag;
Und im Vertäfer popperet der Wurm.
Es regnet no dur d'Bühne ab, es pfift
Der Wind dur d'Chlimse. Drüber thuesch du au
No d'Auge zue; es chömme Chindeschind
Und pletze dra. Z'letzt fuults im Fundement,
Und 's hilft nüt meh. Und wemme nootno gar
Zweitusig zählt, isch alles z'semme g'keit,
Und 's Dörfli sinkt no selber in si Grab.
Wo d'Chilche stoht, wo 's Vogts und 's Here Hus,
Goht mit der Zit der Pflueg. –

Der Bueb seit:

                        Nei, was de seisch!

Der Aetti seit:

Je, 's isch nit anderst, lueg mi a, wie d'witt!
Isch Basel nit e schöni, tolli Stadt?
's sin Hüser drin, 's isch mengi Chilche nit
So groß, und Chilche, 's sin in mengem Dorf
Nit so viel Hüser. 's isch e Volchspiel, 's wohnt
E Riichthum drin, und menge brave Her,
Und menge, woni gchennt ha, lit scho lang
Im Chrüzgang hinterm Münsterplatz und schloft.
's isch eithue, Chind, es schlacht emol e Stund,
Goht Basel au ins Grab, und streckt no do
Und dört e Glied zuem Boden us, e Joch,
En alte Thurn, e Giebelwand; es wachst
Do Holder druf, do Büechli, Tanne dört
Und Moos und Farn, und Reiger niste drin –
's isch schad derfür! – und sin bis dörthi d'Lüt
So närsch wie jez, se göhn au Gspenster um,
d'Frau Faste, 's isch mer jez, sie fang scho a,
Me seits emol, – der Lippi Läppeli,
Und was weiß ich, wer meh. Was stoßisch mi?

Der Bueb seit:

Schwetz lisli, Aetti, bis mer über d'Bruck
Do sin, und do an Berg und Wald verbei!
Dört obe jagt e wilde Jäger, weisch?
Und lueg, do niden in de Hürste seig
Gwiß 's Eiermeidli g'lege, halber fuul,
's isch Johr und Tag. Hörsch, wie der Laubi schnuuft?

Der Aetti seit:

Er het der Pfnüsel! Seig doch nit so närsch!
Hüst, Laubi, Merz! – und loß die Todte go,
Sie thüen der nüt meh! – Je, was hani gseit?
Vo Basel, aß es au emol verfallt.
Und goht in langer Zit e Wandersma
Ne halbi Stund, e Stund wit dra verbei,
Se luegt er dure, lit ke Nebel druf,
Und seit si'm Kamerad, wo mittem goht:
»Lueg, dört isch Basel gstande! Selle Thurn
»Seig d'Peterschilche gsi, 's isch schad derfür!«

Der Bueb seit:

Nei, Aetti, ischs der Ernst? es cha nit si!

Der Aetti seit:

Je, 's isch nit anderst, lueg mi a, wie d'witt,
Und mit der Zit verbrennt die ganzi Welt.
Es goht e Wächter us um Mitternacht,
E fremde Ma, me weiß nit, wer er isch,
Er funklet wie ne Stern, und rüeft: » Wacht, auf!
» Wacht auf, es kommt der Tag!« – Drob röthet si
Der Himmel, und es dundert überal,
Z'erst heimlig, alsgmach lut, wie sellemol,
Wo Anno Sechsenünzgi der Franzos
So uding gschosse het. Der Bode schwankt,
Aß d'Chilchthürn guge, d'Glocke schlagen a,
Und lüte selber Betzit wit und breit,
Und alles betet. Drüber chunnt der Tag;
O, b'hüetis Gott, me bruucht ke Sunn derzu,
Der Himmel stoht im Blitz, und d'Welt im Glast.
Druf gschieht no viel, i ha jez nit der Zit;
Und endli zündets a, und brennt und brennt,
Wo Boden isch, und niemes löscht. Es glumst
Wohl selber ab. Wie meinsch, siehts us derno?

Der Bueb seit:

O Aetti, sag mer nüt me! Zwor wie gohts
De Lüte denn, wenn alles brennt und brennt?

Der Aetti seit:

He, d'Lüt sind nümme do, wenns brennt, sie sin –
Wo sin sie? Seig du frumm, und halt di wohl,
Geb, wo de bisch, und bhalt di Gwisse rein!
Siehsch nit, wie d'Luft mit schöne Sterne prangt!
's isch jede Stern verglichlige ne Dorf,
Und witer obe seig e schöni Stadt,
Me sieht sie nit vo do, und haltsch di guet,
Se chunnsch in so ne Stern, und 's isch der wohl,
Und findsch der Aetti dört, wenn's Gottswill isch,
Und 's Chüngi selig, d'Muetter. Oebbe fahrsch
Au d'Milchstroß uf in die verborgni Stadt,
Und wenn de sitwärts abe luegsch, was siehsch?
E Röttler Schloß! Der Belche stoht verchohlt,
Der Blauen au, as wie zwee alti Thürn,
Und zwische drin isch alles use brennt,
Bis tief in Boden abe. D'Wiese het
Ke Wasser meh, 's isch alles öd und schwarz
Und todtestill, so wit me luegt – das siehsch,
Und seisch di'm Kamerad, wo mit der goht:
»Lueg, dört isch d' Erde gsi, und selle Berg
»Het Belche gheiße! Nit gar wit dervo
»Isch Wisleth gsi; dört hani au scho glebt,
»Und Stiere g'wettet, Holz go Basel g'füehrt,
»Und broochet, Matte g'raust, und Liechtspöh g'macht,
»Und g'vätterlet, bis an mi selig End,
»Und möcht jez nümme hi.« – Hüst, Laubi, Merz!

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