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Allah hu akbar

Artur Heye: Allah hu akbar - Kapitel 9
Quellenangabe
authorArtur Heye
titleAllah hu akbar
publisherSafari-Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
printrun4. Auflage
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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8. Kapitel.

Ich werde in der Gehaltsliste Buchhalter und in der Wirklichkeit Direktor und bestehe auf Lieferung eines Gehrocks. Memphis. Kamelreiten ist ein Vergnügen eigner Art. Die Wüste ruft. Saisonschluß und Abschiede in Heluan. Dawud Scherifs und Miß Normans Meinungen über die Beduinen. Der Tamariskenbaum am Rande der Wüste.

 

In den folgenden Wochen hatte ich viel zu tun; ich mußte meine tägliche Hausarbeit verrichten, die sündhaften hundertfünfzig Frank für die Elektro-Montage verdienen, die Lehre und Sprache des Propheten weiter pflegen, die mir der Mund des alten Dawud verkündete, ein paar versprochene Zeitungsskizzen schreiben und nebenher an dem Feuer, das Kirchleitner angezündet hatte, still glühende Pläne schmieden. Unterdessen ging oder flog plötzlich der Direktor aus dem Hause, je nachdem von welcher Partei Ursachen und Umstände dargestellt wurden. Und etwa eine Woche darauf kam die denkwürdige Stunde, in der mir der Doktor, durch dessen Hände alle Post für die Angestellten ging, den Betrag einer Postanweisung mit der Frage aushändigte, wieso ich Briefe und Geld von Zeitungen bekäme. Ich sagte ihm, wieso, er schielte mich über die Brille hinweg an, rieb seinen Spitzbart und fragte: »Ja, wenn Sie intelligent genug sind, Geschichten zu schreiben, sollten Sie es doch auch sein, Bücher zu führen!«

Mir ahnte, wo er hinaus wollte, und ich sagte ihm, daß ich es praktisch noch nie getan und nur einen theoretischen Kursus in der Fortbildungsschule gehabt hatte, der aber durch meinen Ausriß vorzeitig beendigt wurde.

»Nun, ich zeige es Ihnen und dann können Sie es. Auch noch die Bücher zu führen, wird zu viel für mich, was aber sonst der Windhund von Direktor getan hat, kann ich selber machen. Wollen Sie? Ich zahle es Ihnen natürlich, und für die Hausarbeit nehme ich jemand anders. Nur müssen Sie das Licht drüben fertigmachen und überhaupt die Elektrizität im Haus in Ordnung halten, da Sie es doch verstehen. Und dann können Sie sich auch ein bißchen ums Personal und die Lieferanten bekümmern. Sie können ja schon ganz gut Arabisch und auch mal bei den Gästen zusehen, wo's fehlt.«

»Und wieviel Gehalt?«

»Nun, ich kenne Sie schon und will nicht zu wenig bieten. Also: hundert.«

»Hm. – Ein Buchhalter kriegt zweihundert, der Direktor hat für Buchhaltung und Direktion vierhundert gekriegt und nichts getan. Ich soll für Buchhaltung, Direktion und Elektrik dazu hundert kriegen und etwas tun ...! Nein, danke, ich wichse weiter Stiebeln!«

»Direktion? Habe ich von Direktion gesprochen?«

»Gesprochen nicht, aber gemeint! – Ich bin kein Kind, Herr Doktor, und mache nicht gern unnötige Worte! Geben Sie mir zweihundert und ich tue in allem was ich kann!«

»Aber Sie können ja noch nicht mal Französisch!«

»Dafür mache ich's auch fünfzig Prozent billiger!«

Er fuhr dreimal um den Tisch herum, zauste sich den Bart, sah mich von unten herauf an und verschluckte einigemale, was er sagen wollte. Schließlich sank er auf einen Stuhl und sagte mit trübem Kopfnicken: »Gut, so sollen Sie es bekommen!« Auf einmal wurde die Stimme wieder energisch. »Aber ich erwarte, daß Sie Französisch lernen, und auch ein bißchen Russisch! Wenigstens so viel, daß Sie sagen können »Guten Tag«, wenn Gäste kommen und »Wie geht's Ihnen, haben Sie eine gute Reise gehabt« und so. Es sieht besser aus. Und natürlich müssen Sie einen anständigen Rock anhaben, einen schwarzen. Und nicht die Hände in die Taschen stecken, wie Sie gerade jetzt wieder tun!«

»Schön, Herr Doktor, Französisch werde ich büffeln, Russisch nicht, die Zischelei liegt mir nicht. Und daß ich einen schwarzen Rock bekommen soll, freut mich. Ich werde auch nicht die Hände hineinstecken. – Soll ich ihn bei Ihrem Schneider bestellen, oder wollen Sie mir einen von der Stange kaufen?«

Ob dieser Zumutung fand Doktor Funkelstein in all den neun Sprachen, die er kannte, keine Worte mehr. Er guckte erst über, dann unter der Brille weg in mein tiefernstes Gesicht, dann ging er schweren Schrittes hinaus. Und ich ging hinterher und in das kleine halbdunkle Bureau, in dem es immer ein bißchen muffig roch, hinab, setzte mich auf das Ledersofa des entschwundenen Direktors und sah durch das rankenverhangene, niedere Fenster auf das rotgefleckte Blaugrün der Kakteen und auf den schuppigen Stamm einer großen Dattelpalme hinaus und wunderte mich ein bißchen, wie es mit mir gegangen war, seit ich vor acht Wochen zum ersten Male durch dieses Fenster geschaut hatte und ahnte doch nicht, daß ich noch nach Jahren hier hindurchschauen sollte.

Es ging alles gut und sogar besser, als ich es trotz meiner gemimten ruhigen Sicherheit selber geglaubt hatte. Anfangs brachte ich manchmal einen Blödsinn zu Buche, der aber vom Doktor nicht tragisch genommen wurde. Oder ein aufgeregter Gast kam und erhob in gutem Russisch Protest, daß ich ihm ein Extra zuviel auf die Rechnung gesetzt hatte. Das nahm ich nicht tragisch, denn ich verstand ihn ja doch nicht. Und sogar mit dem Gehrock ging es noch gut, den der Doktor unter lautem Wehklagen schließlich doch bezahlte. Das von mir bestellte seidene Futter allerdings hatte er still in ein billigeres baumwollenes umbestellt –

In den Nachmittagsstunden, wenn alles im Hause schlief und mich in Ruhe ließ, legte ich den Federhalter und den würdevollen Direktorschwenker weg, ging hinüber in die stille Dependance, krempelte mit einem wohligen Gefühl die Hemdsärmel auf und nahm Hammer, Schraubenzieher und Drahtzange in die Hand. Und während ich oben unter der Decke Isolierrohr annagelte, hielt unten der alte Choga die Leiter und rezitierte dabei mit tönender Stimme feierliche Koransuren, die ich ihm droben nachsprechen mußte. Dann und wann packte mich plötzlich einmal die Verdrehtheit der ganzen Situation, dann hämmerte ich mit Getöse eine Krampe krumm und wieder gerade, um mich dabei, ohne den Alten zu kränken, einmal richtig auslachen zu können.

Es mußte noch etwas Material nachbestellt und schließlich mußten auch noch Beleuchtungskörper angeschafft werden, Dinge, die dem Doktor die Seele zerrissen; aber als ich ihn dann eines Tages stolz durch die Räume führte und überall ein Lämpchen glühte, wenn er knipste, schmunzelte er doch in Gedanken an den gemachten Rebbach von beiläufig fünfhundert Frank und gab mir zum ersten und einzigen Male eine Zigarre. Ganz fachmännisch war die Anlage freilich nicht ausgeführt, aber sie funktionierte.

Von da ab hatte ich etwas mehr freie Zeit, oder richtiger nahm sie mir. Nachmittags fuhr ich öfters einmal nach Kairo und streifte dort allein oder mit Kirchleitner zusammen durch die Gassen, Bazare und Moscheen. Wir hatten uns ganz langsam, aber sehr dauerhaft aneinander angeschlossen, und meine beduinischen Pläne waren bei seinen Erzählungen bereits zum Entschluß gediehen. – Ganz freie Tage konnte ich mir in dieser Saison nur insgesamt vier erkämpfen, am ersten machte ich mit Kirchleitner und einem jungen deutschen Architekten einen Ausflug nach dem Gräberfelde von Sakkarah, der Stätte des alten Memphis.

Von dieser gewaltigen Hauptstadt des frühesten alten Aegyptens selbst ist außer einigem Mauerwerk aus schwarzen, bröckligen Nilschlammziegeln, zwei kolossalen Königsstatuen und einer kleinen, granitnen Sphinx nichts Sichtbares mehr vorhanden. Vielleicht lag noch einiges tief unter den Häusern und Palmenhainen des Dorfes Bedraschen begraben, dessen von Bettlern, Hunden und Fliegen wimmelnden Gefilde wir durchwanderten. Dann aber draußen, wo die hochgetürmten, aus Unerschöpflichkeit und Unermeßlichkeit geborenen Sandwogen der Wüste über dem Fruchtlande standen, drohend wie ein in wildem Bewegen erstarrtes Meer, das, wenn sein Bann gelöst würde, diese gelben Massen vorwärtsschieben und den schmalen grünen Riß auf seinem Grunde, der sich Aegypten nennt, in leisem gelassenen Gleiten ersticken, ausfüllen und auslöschen konnte aus dem Gesicht der Erde – dort draußen war mehr übrig geblieben vom alten Memphis. Doch es waren nicht die Wohnungen seiner Lebendigen, sondern die seiner Toten. Hier bestand fast der ganze Boden aus Menschengebein, Bruchstücken mumifizierter Körper von Menschen und heiligen Tieren, Scherben von Totenmasken und -figuren, Eingeweidekrügen, Opferschalen und Grabsteinen. Ausgehauene Schächte führten lotrecht in den Felsengrund hinab und verzweigten sich zu übereinander gelagerten Stockwerken von Gängen, Kammern und Hallen, und alles war bis unter die Decken angefüllt von bandagierten schwarzverschrumpften Körpern, zerfallenen Gliedern oder nur noch von beißendem, in dunkler Wolke aufwirbelndem Staub. Unterirdische Labyrinthe waren ausgemeißelt, in reliefgeschmückten Kammern standen gewaltige schwarzspiegelnde Granitsarkophage – die Hunderte von Zentner schweren Massen waren tausend Kilometer weit herbeigeschleppt worden, um die mumifizierten Kadaver göttlich verehrter Stiere aufzunehmen. – Zwischen hochaufgeschaufelten Sandwällen ging es in die ewige Wohnstätte eines alten Baumeisters der Pharaonen hinab, die Räume waren gleicherweise wundervoll in ihrer Ausstattung wie in ihrer Erhaltung bis auf den heutigen Tag. Alles, was das Herz eines Großen jener Zeit erfreut hatte, war ihm im Bilde mitgegeben worden in die Ewigkeit, schöne Frauen, Gastmähler und Tänze, Spiel und Kampf, Jagden und Fischzüge, und alles leuchtete in Gold und bunten Farben so neu und frisch von den Wänden herunter, als wäre es gestern gemalt worden und nicht vor fünftausend Jahren. – Und über dem ganzen riesigen Totenfeld, halb überspült von den wandernden Dünen der Wüste, ragten traumversunken die verwitterten, zerbröckelnden Formen des ältesten Bauwerks empor, das die ägyptische Geschichte kennt, die Stufenpyramide des sagenhaften Königs Zoser.

Wir standen droben auf ihrer vermorschten Spitze, umweht vom singenden Wind, und Kirchleitner gab dem Ausdruck, was wir alle drei empfanden: »Da schauen Sie hin, da lag Memphis, hunderttausende von Einwohnern hat's gehabt und übriggeblieben sind drei Schiebkarren voll Backstein. – Dort droben war Theben, beinah eine Million Menschen haben drin gehaust, und was heut noch da ist, sind noch net mal drei Schiebkarren voll. Mit Heliopolis und anderen Städten ist es dieselbe Geschichte. – An soliden Häusern für dieses Leben war den spinneten Teufeln nix gelegen, nur an welchen fürs jenseitige, – ein komisches Volk!«

Er hatte recht, man brauchte nur hinabzuschauen auf die weite Fläche zu unseren Füßen, die bis in die Tiefen der Felsen hinein durchlöchert war von Gräbern und Gräbern, auf die gewaltigen Massen des Königsgrabes unter uns, und auf die anderen Riesenpyramiden, die sich in langer Reihe am Stromtal des Nils entlang zogen und im Sonnendunst des südlichen Horizontes verschwanden – dieses alte Volk hatte sein zeitliches Leben wirklich nur dazu benutzt, sich für das ewige vorzubereiten. –

Mein nächster Ruhetag galt eigentlich einer Vorbereitung und wurde damit nichts weniger als ruhevoll. Mit Hilfe eines Backschischs hatte mein polizeilicher Freund, der lange Ali, es fertiggebracht, bei Kameraden von der berittenen Wüstenpolizei zwei Dienstkamele »auszuleihen«. Voller Besorgnis, mich vor den umstehenden Gaffern nicht zu blamieren, klemmte ich mich zwischen die beiden bedrohlich aufragenden hölzernen Hörner. »Hold fast yourself!« schrie Ali, aber das Teufelsvieh von Kamel war schon wie von einer Wespe gestochen mit zwei Rucken erst hinten und dann vorne in die Höhe geschossen und hatte mich dabei mit den beiden Holzknäufen des Sattels in Rücken und Magen geboxt, daß mir Hören und Sehen verging. Und ehe ich mich noch von dem Schreck erholen und wieder einen Atemzug tun konnte, ging die Reise und damit ein so wahnsinniges Rucken, Stoßen und Schleudern los, daß ich dachte, all meine Glieder flögen einzeln davon und die Seele hinterher. Nebenher und ringsum galoppierte Ali und rief mir Verhaltungsmaßregeln zu, aber ich verstand kein Wort, konnte überhaupt nicht zuhören, denn ich hatte alle Kräfte des Leibes und der Seele anzustrengen, um mich auf diesem schlingernden, rollenden und stampfenden Wüstenschiffe festzuhalten. Ich hätte ein Monatsgehalt drumgegeben, wenn ich bloß gewußt hätte, wie ich dieses bucklige Untier unter mir zum Stehen bringen konnte, aber es schleuderte seine langen Beine mit immer erhöhter Geschwindigkeit vorwärts, einzig bestrebt, seinem Genossen auf den Fersen zu bleiben. Auf dem saß der Idiot von Ali, der, weil ich bis jetzt nicht heruntergeflogen war, annahm, ich könnte es schon, und sein Tier mit heiseren Schreien zu immer größerer Schnelligkeit antrieb.

In dieser ersten halben Stunde Kamelreiten habe ich ihn, das verrückte Biest unter mir und meine Abenteuerlust dazu, mit den fürchterlichsten Flüchen belegt und mir mehrere Eide geschworen, daß mich keine zehntausend Teufel jemals wieder auf den Rücken solch eines unsinnigen Dromedars bringen sollten. Es sind allerdings Meineide gewesen. –

Nachdem ich mich eine halbe Stunde in Gott und mein Schicksal ergeben und, mit geschlossenen Augen in dem schiebenden Rhythmus mitschwingend, hatte weiterschleifen lassen, wurde mir innerlich besser, meine Beine waren bereits in das Stadium der Fühllosigkeit eingetreten; ich begann den brausenden Wind, der mir um die Ohren knatterte, mit Wohlgefühl einzuatmen, öffnete die Augen und warf einen Blick umher, wo ich eigentlich war.

Es war eine weite, weite Ebene, eine mit schwarzbraunem runden Steingeröll bedeckte Hochfläche; sie hob und senkte sich in leichtgeschwungenen Linien, ihre flachen Täler lagen in rot- und sepiabraunen Farben, ihre Weiten verliefen sich im Silberdunst des Horizontes. Zur rechten Hand blinkten weiße Lichtreflexe auf steilen Felshängen, die tief eingerissenen Schluchten dazwischen leuchteten, als wären sie angefüllt mit flüssigen Farben von Gelb und Bläulichgrün, Purpur- und Zinnoberrot. Zur Linken erhoben sich andere, graugetönte Felszüge, auf die wir zuhielten, in ihren Tälern lagen violette und dunkelblaue Schatten. Felsen, Sand und Steine, Fluten von blendendem Licht und tiefe, tiefe Stille ringsum, in dem nur das Prickeln von Steinchen widerhallte, die unter den schlurfenden Hufen der Kamele aufstiebten – sonst nichts.

Jählings klaffte ein scharfrandiger Abgrund in der geröllbestreuten Halde auf; hart an der Kante hielt Ali zum erstenmale an und wendete mir sein ruhiges bronzebraunes Buddhagesicht zu. »Wadi Hof, Herr! Wir müssen absteigen und führen! Halten Sie sich fest!« Er klopfte seinem Tier auf die Knie, es tat sich nieder, und ohne Aufforderung folgte das meinige dem Beispiel. Diesmal hatte ich nicht versäumt, das Horn mit beiden Fäusten zu packen und kam gut herunter. Aber nicht heraus aus dem Sattel, es war mir einfach unmöglich, die Beine zu bewegen, sie waren wie abgestorben. Ali begriff, er trat herzu und begann sie zu kneten. »Ja, Herr, das geht jedem so beim erstenmale, und morgen werden deine Beine ganz steif sein und noch sehr weh tun. Aber wenn du am nächsten Tage wieder reitest, wird es besser gehen, und beim drittenmale wirst du denken, es wäre schon das tausendstemal!« sagte er mit seiner tiefen, in ihrer Ruhe so tröstenden Stimme. Nach einer Viertelstunde konnte ich ihm schon, die Beine freilich so steif und schräggestellt wie bei einem Sägebock, langsam auf der schmalen Rampe nachhumpeln, die an den lotrechten Wänden der Schlucht hinunterführte.

Drunten war es schattig und kühl, zwischen staubfeinem Sande und rundgeschliffenen Steinen wuchsen graugrüne bizarrgestaltete Wüstenpflanzen, die sich mit langen elastischen Fingern am Boden fortgegriffen hatten. Ich nahm eine auf, mit leisem Knall zersprang eins der strotzenden Glieder, und reines klares Wasser drang in großen Tropfen heraus. Da begriff ich, wieso Kamele so unfaßbar große Strecken zurücklegen können, ohne getränkt zu werden. Ringsum aber war es als wäre ein Märchen zu Stein geworden, da erhoben sich Schlösser, Burgen und Türme, verschlangen sich Ungeheuer in grotesken Formen miteinander, grinsten Menschen-, Tier- und Teufelsfratzen aus dem buntfarbigen Gestein, das der Sonnenbrand der Tage und die Eiseskälte der Wüstennächte zerklüftet und zersprengt und die Sand- und Regenstürme der Zeiten zernagt und zerfressen und wieder geglättet und abgeschliffen hatten.

Eine Strecke weit führte Ali die Tiere um steilabstürzende, zwei und drei mannshohe Stufen herum auf dem Grunde der Schlucht entlang, dann bog er in ein Gewirr von Seitentälern ein, deren jedes ein Zaubergarten von immer neuen abenteuerlichen Felsgebilden war, und auf einmal standen wir wieder droben auf dem windüberfegten Plateau der Wüste mit ihren glatten, wie geharkten Schotterflächen. Mit einem resignierten Seufzer hing ich meine bocksteifen Beine wieder zwischen die beiden tückischen Sattelhörner, sicherte sofort Bauch und Rücken durch eine zuverlässige Versteifung der Arme, fühlte mich im nächsten Augenblick der Sonne zugeschleudert und dann im gleichmäßigen Wiegen aufs neue über die Kiesebene dahingetragen.

Die weichen Hufe ratschten in geschwindem gleichmäßigen Schlurfen über klappernde Kiesel dahin, im Takte klatschten dazu die Brokatfransen des Halfters gegen den grausamtnen Hals des Tieres, der hin- und hergehende messingbeschlagene Sattelknauf warf regelmäßig wie ein Blinkfeuer goldene Blitze in mein Gesicht, und aus lichtflimmender Unermeßlichkeit fuhr kühlwarmer Wind daher und sauste mir um Kopf und Hände. Aber der scharfgezackte Rücken des Turagebirges blieb immer gleich weit, und doch schien jeder Kamm und Grat, jeder Stein auf seinen schimmernden Abhängen und jeder Ritz im Felsen so greifbar nahe in dieser kristallklaren, ätherleichten Luft!

Es ging wieder durch ein Wadi und dann noch einmal, diese Schluchten öffneten sich immer mit derselben Unmittelbarkeit im Boden, und als wir aus den Ausläufern der letzten auftauchten, waren wir auf einmal mitten drin in den wilden Felsmassen des Gebirges. Wir machten die Kamele fest und kletterten über glühendheiße Felsen unserm Ziele zu, den alten Steinbrüchen der Pharaonenzeit. Man hatte, wahrscheinlich Adern von besonders geeignetem Gestein folgend, manchen Berg wie einen Bienenstock durchlöchert, hier und da stießen wir in den unterirdischen Hallen und Sälen auf ein unvollendetes Werkstück oder eine halbzerstörte Hieroglypheninschrift, doch sonst erinnerte in dem lastenden Schweigen dieser dunklen Felsensäle nichts mehr an die emsige Tätigkeit, die hier Jahrtausende lang geherrscht hatte.

Gefolgt von dem getreuen Ali, den bestimmt kein Interesse an historischen Steinbrüchen und schönen Aussichten, sondern nur eine ehrliche Freundschaftsempfindung leitete, klomm ich dann der höchsten Zacke eines Felsens entgegen, bei derem ersten Erblicken ich jede Wette eingegangen wäre, daß sie von Menschenhand zu einem bekrönten Königskopf ausgearbeitet worden war. Nach dreiviertelstündigem Klettern stellte ich sie jedoch enttäuscht als einen ganz gewöhnlichen Felsbrocken fest und setzte mich schnaufend nieder.

Aber als der strömende Schweiß wieder das Sehen erlaubte, ließ mich die grandiose Schönheit des Landschaftsbildes, das sich hier oben darbot, fast das Atmen vergessen. Drüben über der Sahara ging die Sonne unter, die Wüste war ein Halbrund von flammendem Gold, der Himmel prunkte in einem Rot von unbeschreiblicher Leuchtkraft, im blauüberschatteten Lande glühte der Nil wie ein Strom von geschmolzenem Stahl, und tintenschwarz standen die wilden Formen des Mokkatam vor dem in Flammen gesetzten Firmamente. Sacht verlosch die Glut, sinnend folgte mein Blick dem Laufe des Stromes, und in mir wurde die Sehnsucht rege, einmal diesen Wassern entgegenzuwandern, dem Süden zu, vorbei an all den ragenden Riesenbauten dieses alten Landes, und weiter durch Urwälder und Steppen, über die vielleicht jetzt gerade Elefanten trampelten und das Gebrüll der Löwen hallte, immer weiter nach Süden, ins heiße dunkle Afrika hinein.

Einige Jahre später hatte ich Veranlassung, öfters der Sehnsucht zu gedenken, die mich an diesem Abend aus dem Turagebirge überfiel, als ich Afrika wirklich erlebte, so stark und unter solchen Umständen, daß es meine Seele nie wieder losläßt. –

Der Heimritt durch die weiten todesstillen Einöden, über denen in Sternenheeren die feine silberstrahlende Sichel des jungen Mondes schwamm, war ein einziger Eindruck voll unsagbarer Erhabenheit, und er machte meinen Entschluß jetzt unumstößlich, einmal in den ungeheuren Räumen dieser Wüsten unterzutauchen und das zeitlose, von Wind und Licht durchflutete Leben ihrer Nomaden mitzuführen.

Die letzten zwei Monate bis Saisonschluß verbrachte ich in glühender Vorfreude und einer immer gesteigerten zitternden Spannung meines Innern, die sich in gelegentlichen Ausbrüchen einer rasenden Freiheitssehnsucht entlud, so daß ich den teuren Bratenrock Doktor Funkelsteins plötzlich herunterreißen, zusammenknüllen und in eine Ecke schleudern und im Büro höchst unziemliche Bärentänze aufführen konnte. Und natürlich hatte ich das Pech, daß mich bei solchem wenig direktorialen Betragen einmal die kühlen Hechtaugen der Frau Funkelstein beobachteten, worauf sich fünf Minuten später das graulockige Haupt des Doktors vorsichtig spähend zur Tür hineinschob. Aber ich saß schon wieder über meinem Hauptbuch, und auf meine ruhige Frage, was zu Diensten stände, guckte er sinnend über seine Brille und sagte: »Nun, nix von Bedeutung. Meine Frau behauptete nur, Sie wären plötzlich meschugge geworden, und ich wollte mich überzeugen, daß sie wieder mal Unrecht hatte. – Aber was ich sagen wollte –, wie kommt es eigentlich, daß Sie noch immer ein so trauriges Französisch sprechen, wo Sie doch Arabisch tatsächlich schon besser können als ich selber? – Und wo stecken Sie immer des Abends? Ein paarmal sind Sie noch um Mitternacht nicht zu Hause gewesen! – Haben Sie eine auswärtige Liebschaft angefangen oder was ist?«

Die erste Frage überhörte ich, ich hatte kein ganz gutes Gewissen und mochte ihm aber auch nicht sagen, daß mir Arabisch aus bestimmten Gründen eben mehr am Herzen lag. Und die zweite Frage konnte ich ruhig bejahen ohne zu lügen, denn ich hatte tatsächlich eine Liebschaft angefangen – wenn auch eine von anderer Art als der Doktor meinte.

Diese Abende und Nächte hatte ich draußen verbracht in der Wüste. Manchmal ging ich zu Fuß hinaus, so oft es aber möglich war, stieg ich auf ein bejahrtes, aber noch brauchbares Reitkamel, das ich durch Vermittlung meines alten Choga für ein paar Piaster geliehen bekam und stob, eine weiße Festrobe meines Lehrers umgetan, wie ein Spuk durch die Vorstadtstraßen von Heluan und in das matte Silberlicht der Wüste hinaus. Der lange Ali hatte recht gehabt, ich spürte sehr bald schon keine Beschwerden beim Kamelreiten mehr, und die alte Hamama (Taube) zum Stehen zu bringen, hatte ich nicht die geringsten Schwierigkeiten: sie hörte augenscheinlich das leiseste »A'andak!« (Halt) immer viel besser, als auch das lauteste »Jallah!« (Vorwärts).

Mitte April sagte mir der Doktor, daß er Ende des Monats, wie alljährlich, das Haus bis zum Herbst schließen würde und fragte, ob ich dann wiederkommen wollte, und ob ich den Sommer in Deutschland zu verleben gedächte.

»In Deutschland nicht, Doktor. Ich gedenke mich in ein bißchen sonnigere Gegenden zu verziehen. Und wiederkommen werde ich schon – wenn ich kann! Inscha allah! – –«

Am dritten Mai legte ich mit einem stillen Grinsen den Abendmahlsrock in den neuerworbenen Kabinenkoffer, übergab den dem Doktor zur Aufbewahrung, wich seinen erstaunten Kragen durch ein paar Späße aus, quetschte ihm die weiche Arzthand, weil er dabei immer so drollige Grimassen schnitt, machte noch den mißbilligenden Hechtaugen seines Hauskreuzes eine feierliche Verbeugung und verschwand.

Ernsthafter war der Abschied von meinem alten Dawud Scherif. Er wußte, wo ich hinging, und er hatte mir immer und immer wieder versichert, daß ich, wenn es nicht Gott gefiele, meinen Verstand noch rechtzeitig zu erleuchten, ganz gewiß von jenen schlechten Menschen, den Beduinen, die alle von Allah verfluchte Räuber und Mörder wären, umgebracht werden würde. Er versuchte auch jetzt noch, mich von meinem Vorhaben abzubringen, setzte mir erst einen Pillaw und dann einen Kaffee nach dem anderen vor, hing mir seufzend über meine Halsstarrigkeit dann ein silbernes Kettchen mit einer Holzbüchse, die eine Koransure enthielt, als Amulett um den Hals, gab mir unzählige Segenswünsche mit auf den Weg und stand dann mit tiefer Bekümmernis in seinem lieben alten Gesicht noch lange vor seinem Hause und sah mir nach. – Und das letzte, was ich sah, als ich aus Heluan herausfuhr, war komischerweise eine Salve von knallenden Maulschellen, die der lange Ali gewissenhaft unter eine vorschriftswidrige Ansammlung von Eseljungen am Bahnhof verteilte. –

Miß Norman in Kairo machte ihr britischstes Gesicht, als sie hörte, was ich vorhatte. »Ich denke, Sie hätten sich besser eine Stellung an der Riviera oder in der Schweiz verschafft für den Sommer, so wie andere Hotelangestellte auch tun. Jetzt, wo Sie das Glück gehabt haben, in einen richtigen Beruf hineinzukommen, denn Geschichtenschreiben ist keiner! Zu dieser Narrheit mit den Beduinen hat Sie nur der Kirchleitner mißgeführt! Ich habe keine Gewalt über Sie und muß Sie gehen lassen, aber wenn Sie totgeschlagen werden wie ein Hund, so müssen Sie wissen, daß es Ihr eigener Fehler war! – So gehen Sie und vergessen Sie unter diesen schwarzen Heiden nicht, daß Sie ein Weißer und ein Christ sind! Farewell to you!«

»Gut, Miß Norman, für den Fall, daß ich totgeschlagen werde, will ich daran denken! Aber, wissen Sie, Miß Norman, es gibt hoffnungslose Narren, für die die richtigsten Berufe und die lebenstüchtigsten Grundsätze nichts sind, die der närrischen Sehnsucht ihres Herzens folgen müssen – oder vielleicht auch der Qual ihres Herzens –, auch wenn Sie wissen, daß sie irgendwo und irgendwann einmal totgeschlagen werden wie ein Hund! Good bye!« sagte ich und ging mit Kirchleitner zum Tor hinaus. Aber von draußen rief sie mich noch einmal zurück und drückte mir eine Flasche in die Hand. »Da nehmen Sie, es ist eine gute englische Medizin, Enos Fruit Salt! Nehmen Sie es jeden Tag, denn wo Sie hingehen, ist Schmutz, und wo Schmutz ist, da ist Fieber, und dagegen hilft Fruchtsalz. Farewell!«

Der Tiroler begleitete mich zum Bahnhof, er war heute noch schweigsamer als sonst, und erst, als ich meinen Rucksack durch ein Wagenfenster der dritten Klasse geworfen hatte und ihm die Hand hinhielt, brach er los: »Lumperei verfluchte, daß ich Schulden hab bei der Norman! Sonst würd ich dem Katzelmacher, dem dreckaten, bei dem ich den Kontorbock reit, natürlich heut noch den Plunder vor die Füße schmeißen und mit Ihnen losgehen, um lieber mal wieder Kamele zu reiten und die Fatha zu beten und verräuchertes Brot zu fressen und zehntausend Läuse aufzusacken und bei allem ein freier Mensch zu sein! Kruzifix! – Aber den Sommer muß ich's aushalten! – Also grüßen Sie den alten Abd er Rat und die Sahara, und wenn Sie einen Snussi sehen und 's schaut grad keiner zu, so schlagen's ihm gleich den Schädel ein, schad drum ist's nimmer! Behüt Sie Gott!«

Es war schon später Nachmittag, als mich aus einem Nickerchen, das durch drängende Mitreisende und summende Fliegen immer wieder gestört worden war, der hallende Ruf weckte: »El Wasta! El Wasta! – Ja nas bedah el Faijoum iki barra!« Also: Wasta, o Menschen, die ihr nach dem Faijoum wollt, kommt heraus, sagt der arabische Schaffner, der deutsche sagt: Umsteigen! – Ein niedliches Züglein zockelte dann mit mir und einem knappen Dutzend anderer Reisender seitab durch die Wüste. Die Strecke wurde fast auf ihrer ganzen Länge von Faschinenwänden und Arbeiterkolonnen begleitet, die die Schienen von den ruhelosen Sandmassen freizuhalten hatten.

Am Abend hatte ich mein heutiges Ziel erreicht, Medinet el Faijoum, die Hauptstadt der Faijoum-Oase. In einem kleinen griechischen Hotel fand ich für gutes Geld ein schlechtes Bett; am anderen Morgen ging es noch ein Stückchen weiter durch die von einer geradezu unwahrscheinlichen Fruchtbarkeit gesegneten Fluren der Gase nach dem Marktflecken Senuris. Hier war das Bahnfahren zu Ende, für mich gleich auf sechs Monate hinaus. –

Kirchleitner hatte mir alles gut beschrieben und mir eine kleine Wegekarte mitgegeben, die mich befähigte, durch das wimmelnde Städtchen und auf den richtigen Feldweg hinauszufinden, ohne ein einziges Mal einen der Söhne des Propheten, die stumm und baff diesen zu Fuß gehenden Europäer mit dem merkwürdigen Beutel auf dem Rücken anglotzten, nach dem Weg fragen zu müssen. Die Straße führte auf hohem Damm durch Palmen-, Oliven- und Orangenwälder, durch Feldfluren, auf denen in der Glut des hereinbrechenden Sommers Scharen von Fellachen ihre fruchtschweren Ernten bargen, durch verlumpte schmutzige Dörfer, in deren einsamen Gassen sich kleine Kinder mit fliegenumkribbelten Augen zwischen Hühnern, Ziegen und Eseln im heißen dicken Staube wälzten, vorbei an langsam dahinschaukelnden Kamelzügen und trägen, schwarzen Büffeln, die bis an den Hals im grünschillernden Wasser der Kanäle standen und an Sakkien (Wasserschöpfrädern), deren ächzendes, knarrendes Singen weithin über das mittagsstille Land hallte, und langsam verlor sich der Weg in einzelnen halbverwehten Fußspuren, wie sich auch das frohe Grün der Felder verlor in immer kleineren verstreuten Flecken. An Stelle der speckfetten schwarzen Erde trat grauer, leichter, mit Sand gemischter Boden, mit Disteln und anderem stachlichem Unkraut bewachsen. Zungen von grellweißem Sande schlängelten sich dazwischen, verbreiterten sich und flossen schließlich zusammen in eine einzige schimmernde Fläche – die Wüste.

Die letzte Wegspur hatte sich verloren, ich blickte suchend auf, ja es stimmte, dort war der Richtweiser, von dem der Tiroler gesprochen hatte, eine bläulichleuchtende Kette hoher Dünen, davor ein weitgeschwungener Halbmond, mattschimmernd, wie aus altem Silber geschmiedet, der Kurun-See. Und da, scharf links von mir, stand auch die einsame alte Tamariske, von der aus sollte ich nach dem jäh abbrechenden westlichen Hang der Düne peilen, und ich würde auf halbem Wege das Lager der Beduinen finden.

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