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Allah hu akbar

Artur Heye: Allah hu akbar - Kapitel 8
Quellenangabe
authorArtur Heye
titleAllah hu akbar
publisherSafari-Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
printrun4. Auflage
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171204
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7. Kapitel.

Keilerei. Der maulschellenausteilende Buddah. Ich stelle mich mit einer lila Künstlerschleife und einem blauen Auge vor. Doktor Funkelstein, sein Direktor und sein Haus. Mein Lehrer Dawud Scherif. Ich studiere den Koran, putze Stiefeln, lege elektrisches Licht, verdiene ein Sündengeld und soll platzen.

 

Eine Rotte Gepäckträger, die in den handtuchbreiten Schatten des Bahnhofs geschmiegt saß, bestand auf der Übergabe meines Köfferchens. Als ich ungerührt selber damit weiterzog, drückten sie mir ihre Verachtung mit ziemlicher Deutlichkeit aus, und ein langer Lümmel mit zerfressener Nase, der mir nachkam, tat es so unverschämt deutlich, daß ich, blitzschnell wendend, ihm den Kasten auf den Schädel schlug. Es gab einen mächtigen hohlen Knall, wahrscheinlich war der Schädel ebenso leer wie das Köfferchen, und anschließend sofort eine solenne Keilerei. Bei der bekamen zwar meine drei Gegner das meiste, ich selber aber auch etliches ab, und das peinlichste davon war ein anerkennenswert gut gelandeter Linkshaken in mein rechtes Auge, das sofort aufblühte wie ein Veilchen, sowie das Abhandenkommen meiner einzigen Krawatte. Leider kamen, als ich gerade am besten in Form war, ein paar Bahnbeamte angesetzt und entzogen mir meine Gegner, indem sie sie hinauswarfen.

Die an sich nur erfrischende Sache wurde erst ekelhaft, als sich die Beamten erlaubten, mit mir eine Art Verhör anzustellen, wobei sich ein Jüngling, der einzige, der ein ganz leidliches Englisch sprach, durch eine innige Mischung von Frechheit und Dummheit hervortat. Sie erlaubten es sich nur, weil ich dritter Klasse und nicht erster und mit einem Holzkoffer und nicht einem ledernen angekommen war, sonst hätte ich natürlich ohne Verhör von vornherein Recht gehabt. – Die herausgeschmissenen Kerle drängten sich dabei, falsch Zeugnis ablegend, in der Türe. Da sah ich durchs Fenster einen Polizisten vorbeiwandeln und brüllte hinaus: »Hallo Schawisch! Come here!«

Es riß ihn förmlich herum, im nächsten Augenblick war er in der Türe, ein Mann von zwei Meter Länge, und mit einem Gesicht wie Buddha. Und seine prompte Umsicht war wundervoll, er schmiß die Kerle nicht etwa hinaus, sondern drängte sie herein und postierte sich in der Tür.

»Sprichst du Englisch?«

»Yes, Sir! Ich war zwanzig Jahre englischer Soldat und Bursche bei Offizieren!«

»Right to! Höre – –« und ich erzählte ihm die Historie. In dem Bronzegesicht zuckte keine Miene; als ich fertig war, salutierte er schweigend, und dann geschah etwas Unvergleichliches: Mit einemmal flog die Türe auf, und in einer hundertstel Sekunde knatterten anderthalb Dutzend Maulschellen im Raume herum, und ein halb Dutzend Kerle flogen, mit blitzschnellen explosionsartigen Fußtritten abgeschossen, auf die Bahngleise hinaus, und auch der freche Rotzjunge war mit dabei gewesen!

Ganz atemlos vor Begeisterung schlug ich ihn auf die Schulter: »Wonderful! Formidable! Du, mit dir möchte ich einmal Pferde stehlen gehen! Ach so, das darfst du nicht, weil du Polizist bist! – Nimmst du eine Zigarette? Wo läuft denn der da hin? Er ist doch Bahnbeamter, nicht wahr, und wird dir Ungelegenheiten machen?«, fragte ich und zeigte auf den Jüngling, der, ohne noch ein Wort verloren zu haben, wie vom Teufel gejagt die Straße hinuntergaloppierte.

»Dieser Strolch Beamter? No Sir, er ist auf einer amerikanischen Mission erzogen und weniger wert als das Fell eines räudigen Hundes. Die hier haben ihn nur geholt, weil er Englisch kann – In welches Hotel wollen Sie? Ich will Ihnen den Weg weisen.«

Er führte mich über eine Bahnbrücke und zeigte mir das Gebäude. Etwas Russisch-Unlesbares stand darauf gemalt und daneben noch einmal auf deutsch: »Sanatorium Gesundheit«. So, nun wußte ich, was Sdorooje hieß. Ich gab dem Goliath Dank und eine Handvoll Zigaretten und fuhr mir erst noch einmal ordnend übers Haar, seufzend an das schwellende Auge und dann ratlos nach der fehlenden Krawatte. Da fiel mir ein Glanzstück aus vergangenen Tagen, mein seidenes Taschentuch, ein. Hinter einem Palmbaum tat ich's um, und so kam es, daß ich mit einer lila Künstlerschleife und einem blauen Auge bei Doktor Funkelstein einwanderte.

Jener mußte es sein, der da gerade mit einem Hörrohr bewehrt über die Veranda schoß; ringsum saßen unter bunten Gartenschirmen hüstelnde Damen und lebergelbe Herren mit roten Nasen.

»Herr Doktor Funkelstein?«

»Hallo! – Ah, Sie sind wohl schon der Herr Markheim aus Frankfurt?«

»Nein, ich bin der gewünschte Stiefelputzer aus Kairo.«

»Stiefelputzer! Stuß, geht mich nichts an, wenden Sie sich an den Direktor drunten im Bureau!«

Im Erdgeschoß war es nach der grellen Lichtflut draußen herrlich kühl und so dämmrig, daß ich das Bureau noch suchte, als ich schon mitten darin stand. Ein blonder junger Mann erhob sich von einem Ledersofa, legte seine Zigarette weg und sagte: »Bon jour, Monsieur!«

»Good Afternoon«, antwortete ich. »Talk English – Oder sprechen Sie Deutsch?«

Der Herr nahm seine Zigarette und seinen Platz wieder ein. »Sicher! – Sie kommen von den ›Ägyptischen Nachrichten‹, nicht? – Sie haben wohl bei dieser Hitze auch noch 'ne Klopperei gehabt? Eine ganz gute Handschrift übrigens! – Also Sie wollen in dem Affenkasten hier mitmimen? Waren Sie schon mal Hotelangestellter? Nicht? Na, schad' nix. Sie sollen die Hausarbeiten, hauptsächlich drüben in unserer Dependance, machen. Natürlich dürfen Sie vor nichts zurückzoppen. Es sind zwei Wiener Zimmermädel drüben – die eine ist übrigens hübsch – und zwei arabische Schweinehunde für Waschen und Ausfegen und Gartenarbeit. Ihr Lohn – fallen Sie nicht um, aber ich kann nix dafür! – ist fünfzehn Frank den Monat, manchmal fällt auch ein Trinkgeld ab. Russisch können Sie nicht, aber doch Französisch? – Auch nicht? Na, da müssen Sie zu unseren Gästen eben mit den Händen reden, und das können Sie beiläufig von unserem Herrn Chef am besten lernen. So, das wäre alles, wollen Sie anfangen?«

Ich fing an. Mein zuständiges Revier war die Villa eines pleite gegangenen Paschas, die der Doktor billig erworben und für schwere oder weniger zahlungskräftige Fälle bestimmt hatte. Es war ein knalligweißer, stuckbekleisterter Kasten, der mit heruntergelassenen Jalousien grabesstill in praller Sonne stand. Ringsum war ein sandiger, öder Hof, auf der feierlichen Freitreppe führten ein paar staubbedeckte, halbtote Oleander- und Palmbäume in Kübeln ein bejammernswertes Dasein. Mein Zimmer lag im Erdgeschoß und war kühl und stockduster. Am Ende des Ganges schnarchte ein Araber, den der Direktor mit einem Fußtritt weckte, und in einem Salon des ersten Stockes saß ein Zimmermädchen am Klavier, spielte und sang aus »Rigoletto« und war blond und rosig anzuschauen. Ich war es anscheinend nicht, denn der Blick, den sie auf den Regenbogen über meinem verquollenen Auge und auf meine verwegene Krawatte warf, war mißbilligend. Nachdem ich untergebracht war, nahm mich der Direktor, da es hier noch keine Patienten gab, mit zurück ins alte Haus und zeigte mir hier alles Nötige.

Hier war's viel lebendiger und heimischer; die ganze Vorderfront des Hauses war mit blau und violett blühenden Schlingpflanzen übersponnen, und ringsum krochen allerwärts dieselben Blütenglocken an den Stämmen schöner, alter Palmen und Sykomoren in die Höhe und rieselten über die Dächer kleiner Lauben wieder herab. Mächtige bizarre Kaktusfeigen trugen blutrote Kelche, aus glänzendgrünem Rasen glühten tausendfältige bunte Blumen, und schwerer Duft wehte aus ganzen Wildnissen von mannshohen Rosenbüschen. Und doch war dieser Boden, wie der von ganz Heluan, vor einigen Jahrzehnten noch ausgeglühte sterile Wüste gewesen. Aber aus ihm sprudelten heilkräftige Schwefelquellen empor, die schon von den alten Ägyptern und Römern gekannt und geschätzt wurden, und jetzt war eine Pumpstation mit einer Rohrleitung zum Nil hinunter errichtet und in diesem hoffnungslosen Wüstental ein richtiger Kurort mit Gärten, Parks und Bars, Luxusläden, Riesenhotels und Autostraßen aufgebaut worden, denn: »Wasser tut's freilich hierzulande!«, wie der Direktor sagte.

Er zeigte mir die verschiedenen Räumlichkeiten, die Kammer für Handwerks- und Stiefelputzzeug, erläuterte mir, wie ich früh die Gartenschirme und -möbel zu placieren, die ägyptische und die russische Flagge auf dem Dache zu hissen und abends wieder niederzuholen, die elektrischen Lampen zu behandeln, die Journale zu wechseln, Gepäck von und nach der Bahn zu schaffen und mich gegen die Gäste zu benehmen hätte, wies mir dann noch den Eßraum der Angestellten, wobei er etwas Deprimierendes von »elendigem Schlangenfraß« knurrte und schob mich auf ein Klingelzeichen endlich in das Sprechzimmer, wo der Doktor mit Reagenzgläsern hantierte.

Er war ein kleiner dürrer und zappliger Herr mit einem unverkennbaren Zug von etwas melancholischem Humor im Gesicht und einem gelegentlichen Anhauch von Jiddisch in seinem Deutsch, heute guckte er mich nur zerstreut über seine Brille an, fragte nach Namen und Herkunft, kniff plötzlich den Blick zusammen und betrachtete mit freudigem Interesse die Farbenpracht meines rechten Auges.

»Haben Sie sich da gestoßen?«

»Ja, an der Faust eines Ganeffs am Bahnhof!« platzte ich heraus.

»Woher haben Sie ›Ganeff‹?«

»Das – ja so, aus dem Deutschen Theater in Chicago!«

»So, also doch – ich sah es Ihnen schon an; 's ist merkwürdig, Menschen, die einmal drüben waren, tragen alle denselben Stempel auf dem Gesicht. – Da ist Bleiwasser, machen Sie Umschläge. Das heißt, heut abend, wenn Sie fertig sind mit Ihrer Arbeit!« Damit glitt sein Blick wieder ab und ich mit dem Direktor zur Tür hinaus.

»Na, wie gefällt Ihnen Ihr Chef?« fragte der draußen.

»Mein Chef? Er ist doch auch der Ihrige!«

»Ja, aber er wird's wohl bald gewesen sein – Gott ja, er hat natürlich auch seine Mucken, er knausert schrecklich und kann nicht sehen, daß man fünf Minuten lang nichts tut. Wogegen ich protestiere, indem ich gleich fünf Stunden lang nichts tue. – Aber sonst ist er genießbar und eigentlich bloß ein armer Hund, der seine ewige liebe Not mit seinen Patienten hat, die immer wieder Zicken machen in punkto Alkohol, Veneris und so weiter. Und noch größere Not hat er mit seiner Alten. Die ist noch viel knickriger als er und ein Patentekel in jeder Hinsicht. Sie werden sie ja noch kennen lernen. – So nun fangen Sie im Namen des Propheten mal an und setzen Sie Kohlen in die Bogenlampen!«

»Im Namen des Propheten!« hatte er gesagt, und wirklich sollte mein Leben im Morgenlande, das ich hier in Heluan begann, und das mich bis in die Schluchten des Sinai und die Oasen von Kufra im Herzen der Sahara führte, wenn auch nicht im Namen, so doch im Zeichen des Propheten verlaufen. –

Der lächerliche Kram, der hier meine Tagesarbeit bildete, sie wenigstens anfangs bildete, ging nur meine Hände etwas an, mein Bewußtsein war ausschließlich von dem erfüllt, was außerhalb lag – das Land und seine Bewohner und ihre Lebensformen. Mein ganzes Trachten war darauf gerichtet, auf jede irgendmögliche Art damit in Berührung zu kommen. Das, was im Hause zu schaffen war, tat ich in der geschwinden, griffsicheren Art, die mich Amerika gelehrt hatte, und jede ganze oder halbe Stunde, die ich damit gutmachte, wurde benutzt, um hinter einem Rosenbusch hervor über eine bald ausfindig gemachte schadhafte Stelle der Gartenmauer hinweg ins ägyptische Volksleben hineinzuspringen.

Anfangs trieb ich mich auf Markt und Gassen des Araberviertels herum, lauschte, spannte und schnüffelte in jede Unterhaltung, jede Schimpf- und Keilerei, jede Handwerker-, Markt- oder Kaffeebude hinein, wurde dabei auch manchmal aus privaten Lokalitäten wie winkligen Höfen, dämmerig-kühlen Moscheen und verträumten Paschagärten, in die es mich wie am Schopf hineingezogen hatte, wieder hinausgeworfen und vermißte dabei immer wieder und immer schmerzlicher die Kenntnis der Landessprache. Das, was ich bei allem Bemühen von unserer arabischen Dienerschaft profitieren konnte, waren armselige Brocken und ging mir viel zu langsam, denn die verstanden außer ihrer eigenen keine andere Sprache, in der ich sie etwas fragen konnte.

Da sah ich eines Tages den langen Schlagetot von Polizisten über das Basargewühl emporragen, und froh über den Anblick dieses handfesten, gradlinigen Burschen zog ich ihn in das bißchen Schatten, das ein vor einer Schusterwerkstatt aufgespannter, mottenfräßiger Teppich bot, und fing einen längeren Schwatz mit ihm an. Als ich dabei über meine Sprachschwierigkeiten jammerte, sagte er, er wüßte einen kleinen Chawaji (Kaffeewirt), der sehr gut englisch spräche; wenn ich bei dem meinen Kaffee tränke, könnte ich mich mit ihm unterhalten. Das war gerade das, was ich brauchte; er führte mich hin, und mir gefiel das winzige, räuchrige Loch mit den niedrigen Bänken und Tischchen und der Holzkohlenglut über die Maßen, und der alte Ismael, ein vertrocknetes Männchen mit einem Paar aus wüstem Bartgestrüpp funkelnder Mausaugen nicht minder.

In vielen, vielen, eigentlich dem Doktor Funkelstein gestohlenen Stunden und bei vielen, vielen Mokkas habe ich da von dem lebensweisen, alten Knaben allerlei gelernt und erfahren und ihm ehrlich nachgetrauert, als er zwei Jahre später durch Mörderhand ums Leben kam.

Und schon nach kurzer Zeit lernte ich bei ihm einen der wenigen Orientalen kennen, die mir wirklich Freunde wurden, den siebzigjährigen Choga Dawud Scherif. Er war fast fünfzig Jahre lang Lehrer an der Gami'el Azhar-Hochschule in Kairo gewesen. Trotzdem er nur ein bißchen italienisch sprach, war er es hauptsächlich, von dem ich arabisch lernte. Er gab mir alltäglich ein bis zwei Stunden Unterricht und wartete, in die warme Sonne an der Gartenmauer gedrückt, mit rührender Geduld, wenn ich noch keine Zeit hatte oder im Unterricht abgerufen wurde. Ich zahlte ihm späterhin ein festes kleines Honorar, und das verwendete er regelmäßig zum Ankauf irgendeines Geschenkes für mich. Er war es auch, durch den ich leidlich mit dem Dogma und dem Ritus des Islam bekannt wurde, aber ich konnte ihn nie überzeugen, daß mein Interesse daran ein sachliches war; der gute alte Mann hat bis zuletzt geglaubt, daß er mich zu seiner Religion bekehren und sich damit nach ihrer Lehre die Aufnahme im siebenten Himmel erwerben könnte –

Meine äußere Lage besserte sich entgegen jeder eigenen Erwartung im Sanatorium Sdorooje recht rasch. Den ersten Anlaß gab eigentlich ein Krach, in den ich mit der Frau des Hauses geriet. Sie behauptete, daß sie nach mir geläutet, und ich, daß ich nichts gehört hätte. Als sie bei dem Worte »Unverschämtheit« angelangt war, ließ ich sie stehen, ging zum Doktor und bat um mein Geld und ein Zeugnis. Er redete gleich vor Aufregung mit Zunge und Händen in fünf Sprachen, und es stellte sich währenddem heraus, daß die Klingelanlage im ganzen Hause nicht mehr funktionierte. Händeringend beschwor er mich, doch nicht wegen – hier machte er vorsichtigerweise erst die Türe zu! – dem dummen Geschwätz einer Frau jetzt im Hochbetrieb das Haus im Stich zu lassen, sondern »zu laufen um zu holen ä Monteur«.

Aber es war gerade ein Chamsintag, und die von heißen, graugelben Sandwolken durchfegten Straßen sahen wenig einladend aus, Monteure zu suchen. So stieg ich still in den Keller hinab und fand die Batterie natürlich ausgetrocknet, alle Polklemmen oxidiert und die ganze Anlage überhaupt schandbar zusammengepfuscht und verwahrlost. Was anfangs bloß Faulheit gewesen war, wurde allmählich Interesse und Ehrgeiz; nachdem ich erst wieder Strom und Kontakt hergestellt hatte, überholte ich nach und nach alle Leitungen, Läutewerke und Relais, und der Doktor sah bewundernd zu und schnauzte sogar seine Frau an, als sie mich von dieser erstaunlichen Betätigung weg nach Blumen schicken wollte.

»Woso können Se das?« fragte er.

»Hab mich schon als Junge dafür interessiert und später in Kanada Telegrafen und in Kalifornien Lichtleitungen gelegt. Aber bitte gehn Sie ein bißchen aus dem Weg, Doktor!«

»Lichtleitungen? – Das heißt, Se können machen, daß elektrische Lampen brennen?« sagte er, rieb in irgendeinem Gedanken seinen Spitzbart und ging davon. Was es für ein Gedanke gewesen war, wurde mir schon am anderen Tage kund, als er mich ganz beiläufig fragte, ob ich wohl imstande wäre, in der ganzen Dependance elektrisches Licht anzulegen, und ihm zu sagen, wieviel für Draht und Schalter und Lampen zu bezahlen wäre. Ich guckte ihn von der Seite an, überlegte eine Minute und antwortete, daß ich ihm das und außerdem auch ziemlich genau sagen könnte, wieviel für meine Arbeit zu bezahlen wäre.

»Nun, Sie bekommen ja Ihr Gehalt. Aber wenn Sie es in den Nachmittagsstunden machen, wo Sie ohnehin nicht viel zu tun haben, würde ich Ihnen eine Extragratifikation geben, wenn alles fertig ist.«

»Und wieviel würde die betragen?«

»Mein Gott, sind Sie aus aufs Geld! Nu sagen wir – dreißig Frank!«

»Nun will ich Ihnen mal etwas sagen, Herr Doktor! Wenn Sie die Sache von einem Monteur anlegen lassen, so braucht er dazu vier Wochen, pro Arbeitstag drei Frank, macht zweiundsiebzig. Dazu schlägt er hundert Prozent auf den Einkaufspreis des Materials, das macht weiter so gegen dreihundert Frank. Und dann macht er es so saumäßig, daß Sie ihn alle vierzehn Tage zu ein paar fetten Reparaturen wiederholen müssen. – Also, Herr Doktor: Entweder Sie zahlen mir für diese Arbeit hundertfünfzig Frank, oder ich mache sie einfach nicht, denn engagiert bin ich hier als Stiefelputzer!«

»Hundertund ...! Sie sind meschugge!«

Er stob mit flatterndem Kittel davon, aber schon nach einer Viertelstunde war er wieder da; redete erst noch ein Weilchen von fünfundsiebzig und hundert herum, und als ich ihm überhaupt keine Antwort mehr gab, schrie er zuletzt erbost:

»Gut, Sie sollen das sündhafte Geld haben, aber platzen sollen Se!«

Schon am übernächsten Tage fuhr ich mit einer Bestellung für die Filiale der Siemens-Schuckert-Werke nach Kairo, holte dabei gleich von dem geierköpfigen Armenier meine Uhr wieder und sprach im Vorübergehen bei Miß Norman vor. Ich bat sie um Rückgabe meiner Trampskizzen und fragte, ob sie ihr gefallen hätten. »Nein«, sagte sie fest und machte ihren moralinsauren Mund, »ich liebe solche Geschichten von unordentlichem Leben nicht. Junge Leute sollen nicht immerfort herumlaufen in der Welt, sondern arbeiten und vorwärtsstreben. – Die Zeitungen hat übrigens Herr Kirchleitner, der ist auch solch ein Mensch. Er hat Beduinen und Löwenjagd in seinen Gedanken, und das wird der Grund sein, daß er seine Stellung verloren hat. Er ist dort in seinem Zimmer. – So, und hier nehmen Sie sich diesen Khakirock mit, ein Offizier hat ihn mir gegeben für jemand, der arm ist, zum Anziehen bei der Arbeit. Good bye!«

Ich erhielt meine Zeitungen, Kirchleitner druckste ein wenig und rieb seine starken braunen Hände, dann sagte er schnell: »Nehmen Sie mir net krumm, daß ich ein bissel per distance war letzthin, gelt? Aber Sie standen da mit dem zuwideren Berliner, und da hab ich Sie auch für einen solchen Fechtbruder g'halten und für die hab' ich nix über! Jetzt, wenn Sie a bissel Zeit hätten, mir noch was von wildem Vieh- und Menschenzeug in Amerika zu erzählen, wär ich Ihnen dankbar. Ich interessier mich für so Sachen.«

»Gern. Dafür können Sie mir vielleicht was von Beduinen erzählen, für die interessiere ich mich!«

»Aha, die spinnete Norman hat Ihnen gesteckt, daß ich bei den Räubern mal eine Gastrolle gegeben hab!« lachte er. Ich riß die Augen auf. »Sie sind bei Beduinen gewesen, richtigen, draußen in der Wüste? Wie lange? Wie war's da? –«

Ich hatte um fünf heimfahren wollen, aber um sieben saß ich immer noch in dem dunkelgewordenen, kleinen Raume auf Kirchleitners Bett, fragte ihm die Seele aus dem Leibe und betrog ihn für diesmal gänzlich um sein amerikanisches Vieh- und Menschenzeug.

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