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Allah hu akbar

Artur Heye: Allah hu akbar - Kapitel 7
Quellenangabe
authorArtur Heye
titleAllah hu akbar
publisherSafari-Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
printrun4. Auflage
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171204
projectid675bba3b
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6. Kapitel.

Unter Spionageverdacht. Der Hahn auf dem Mist. Rund um die Alabaster-Moschee. Der Ruf der Pyramiden. Die letzten Piaster. Ich stehle Datteln. Erster Schlaf im Wüstensande. In Heluan wird ein Stiefelputzer gesucht.

 

Das Vorsprechen in Hotels, Reisebureaus, Geschäftshäusern und auf der Zeitungsredaktion brachte kein Ergebnis, um so mehr aber ein Bummel durch das Basarviertel der Muski und auf die Zitadelle hinauf. Hier setzte ich mich auf ein altes Kanonenrohr, das auf einer klobigen Mauer lag, sah auf das unbeschreibliche Bild herab, das diese Stadt im Abendsonnenglanze bot, dachte dazwischen auch einmal mit beklommenem Herzen an die Zahl der Piaster in meiner Tasche und plötzlich aber auch daran, daß ich in meiner nebenberuflichen Eigenschaft als Schriftsteller diese Zahl ja durch ein Honorar erhöhen könnte. So zog ich meinen Taschenblock heraus und fing an, meine Ankunft im Lande Ägypten zu beschreiben. Weit kam ich damit allerdings nicht, denn plötzlich sang mich von hinten eine Stimme in den zarten Ausdrücken des Tommy-Englisch an und wollte wissen, ob ich da etwa die »ganze verdammte alte Festung abgemalt hätte«.

Es war ein Wachtposten, schottische Garde, mit kurzem Röckchen und rotem versoffenen Gesicht. Ich sah ihn an, sah ein großes modernes Geschütz an, das neben mir über die Mauer lugte und tatsächlich genau auf das Palais jenes Mannes ausgerichtet war, dem man als schlechten Witz den Titel »Vizekönig von Ägypten« angehangen hatte, und dachte erst jetzt wieder daran, daß hier oben, wie der Hahn auf dem Mist, natürlich England saß und hinunterguckte, so wie es überall sitzt und hinunterguckt und spuckt! –

»Nein, bin Zeitungsmann!« sagte ich und zeigte ihm mein Geschriebenes.

»Can't read the rubbish! Polish?« (Kann das Zeug nicht lesen, ist's Polnisch?)

»No, Irish – Römisch!«

»Deine Sprache?«

»Natürlich!«

»Hast du eine Zigarette?«

»Nein, du?«

Ich mochte die Visage und den ganzen Kerl nicht leiden, aber mir gab's einen Stich, als er einen raschen Blick um sich warf, sein Gewehr zwischen die Beine klemmte, eine Schachtel mit billigen Zigaretten hervorholte und mir eine anbot. Ich nahm sie, dankte und schämte mich als ich weiterging.

Hallende dunkle Gänge, eisenbeschlagene Tore, stille Höfe mit alten Brunnen, Türen und Treppen, die durch mächtige Mauern auf- und abwärts führten, nahmen mich nun auf. In diesen Mauern hatten in den letzten hundert Jahren ein paar Dutzend islamitische Sultane und Könige residiert und fast jeder hatte seinen Vorgänger und dessen ganze Familie dazu auf bestialische Weise umgebracht, um dann früher oder später selbst umgebracht zu werden, und jeder dieser neuen Tyrannen hatte die Tradition der alten fortgesetzt und das uralte geduldige Nilvolk da unter gepeinigt und ausgesaugt bis aufs Blut. Jetzt stapften hinter den grauen Mauern khakigekleidete dürrbeinige Engländer herum, sie waren nüchtern, langweilig und hochmütig, aber sie hatten in diesem unglücklichen Lande, zum ersten Male wieder seit Jahrtausenden, Ordnung geschaffen und seine Bewohner immerhin als Menschen behandelt.

Ich ließ mir das Wenige, was ich über den früheren Zustand dieses Landes wußte, und von seinem heutigen schon gesehen hatte, beim Weitersteigen durch den Kopf gehen, und es war gut, daß ich ihn dabei gesenkt hielt, denn aufschauend stand ich plötzlich vor einem Bilde, wie sie gewöhnlich den Märchenbüchern von Tausendundeine Nacht beigegeben sind.

Vor mir lag ein weiter sandiger Platz, ein Esel trippelte darüber, auf dem ein schöner alter Mann mit weißem Bart und großem Turban saß, und nebenher schritt ein junges Mädchen in blauem Gewand, ihr wundervoll schlanker brauner Arm hielt einen großen feuchtglänzenden Wasserkrug auf dem anmutig getragenen Kopfe, die andere Hand zog an einem Strick ein bockbeinig widerstrebendes, geflecktes Zicklein nach. Und hinter diesen Figuren erhob sich etwas schneeweiß Schimmerndes, berückend fein und edel Geformtes in den blauen Himmel – die Alabastermoschee des Sultans Mohamed Ali, dieser steingewordene Traum eines begnadeten Baumeisters. Schlank wie Palmstämme strebten die Minaretts über die spiegelnde Kuppel empor, jedes Spitzchen im Blattwerk der fein ausgehauenen Ornamente zeichnete sich scharf gegen das goldüberhauchte blaue Glockenglas des Himmels ab.

Aber mehr wie drei Sekunden ruhigen Anschauens waren mir nicht vergönnt. Wie Habichte schossen aus allen Ecken des Hofes plötzlich übelaussehende Kerle hervor, schnatterten auf mich ein, boten mir Führerdienste, Einlaßkarten, nachgemachte Antiquitäten und kitschige Alben und Ansichtskarten an, und waren auch mit Grobheiten und Flüchen nicht abzuschütteln. Hier lernte ich diese ägyptische Plage zum erstenmal richtig kennen, die einem hierzulande jedes genießende Betrachten zum größten Teile verdirbt.

Ich wäre so gern in die wie transparent leuchtende, durch das bunte Glas der Fenster von farbigen Lichtströmen durchflutete Innenhalle eingetreten, aber der Eintritt kostete fünf Piaster, und zwei waren noch an den Torwächter als Leihgebühr für die Bastschuhe zu zahlen, die Europäer beim Betreten einer Mosches über die Stiefel ziehen müssen. So warf ich nur einen Blick in dies Funkeln und Glitzern von Alabaster, Gold und Silber, Seide und Brokat, einen anderen auf das zierliche dachgekrönte Alabasterbrünnlein im Hof, wo die Gläubigen die vorgeschriebenen Waschungen vorm Gebet vornehmen, und entrann schließlich doch dem Geschmeiß der Kerle, indem ich auf den letzten Eckstein der Festungsmauer hinaufkletterte. Auf ihm hatte ich erst über der, allerdings schon bös durchgefetteten und zerkrümelten Sandtorte, und dann über der Aussicht, die sich von hier aus aufrollte, bald meinen Ärger vergessen.

Gegenüber den düsteren Mauern und Türmen der Zitadelle warf die gewaltige Wand der Sultan-Hassan-Moschee einen scharfbegrenzten blauschwarzen Schatten über den orangefarbenen Sand des großen Platzes; die Fassade des Gebäudes glänzte noch in den Strahlen der sinkenden Sonne, als wäre sie aus Goldblöcken aufgebaut; dahinter erstreckte sich bis jenseits des blinkenden Stromes die Stadt, ein rotbraun schimmerndes Gewirr von Häusern, Kuppeln und Türmen; noch weiter hinaus das satte Grün der Felder, mit staubgrauen Dörfern und schwarzgrünen Palmgruppen gesprenkelt, und drüben in weiter Ferne, vor dem goldenen Lande der Wüste und dem gelbroten Schein des Himmels standen die dunkelvioletten Formen der Pyramiden.

Alles lag im milden friedsamen Schein des nahenden Abends, und in dem schwer erklärbaren Zauber von Alter und Geheimnis, der sich um jene Bauwerke spann, rief und lockte es und schlug in mir hoch in unlöschbarer Flamme heißer, wilder Sehnsucht, wieder dort zu sein in dem Zauberkreis, die Augen der Sphinx und den Glanz von Mond und Sternen wieder zu sehen, das Wehen des Windes und die ewige Stille der Wüste wieder um mich zu spüren. So stark und fast unheimlich in seiner Gewalt flammte die Sehnsucht in mir auf, daß ich in glühender, trunkener Vorfreude aufsprang, die Arme ausstreckte und taumelnd beinahe von der Mauer in den Hof hinabgestürzt wäre.

In wilder Eile schoß ich um die Ecke herum, trat einen der Kerle, der mich in der widerlich aufdringlichen Art dieses Gelichters am Arme festhalten wollte, einfach gegen das Schienbein, sauste über den Platz, dann im Trabe durch die Gänge und Höfe der Festung und im Galopp drunten zwischen den hohen Mauern der Hassan- und Rifaijehmoscheen dahin und zuletzt durch die lange lange Scharia Mohamed Ali bis zur Ataba el Khadra, der Endstation der Pyramidenbahn. Es kam mir unterwegs, während ich würdige Effendis anrempelte und aufdringliche Geschäftlhuber wegpuffte, wohl ein zwackender Gewissensbiß wegen der Piaster für die Fahrt und des voraus- und damit nutzlos bezahlten für mein Nachtquartier im Heim, und eine Angst, wie ich morgen vor Miß Norman bestehen würde, aber mir war jetzt alles egal, ich mußte heute noch wieder hinaus zu den Pyramiden – mußte!

Als die Tram aus dem brausenden Getümmel der Stadt hinaus war, blitzten schon in Gezireh die Lampen auf, und fern über der Wüste lag als letzter Tagesschimmer nur noch ein schmaler, blaugrüner Streif von klarem, kalten Licht. Ich war der einzige Fahrgast, ein Kerl pries mir durch das Fenster mit zwiebelduftendem Atem irgend etwas an, aus meiner Versunkenheit halb erwachend stellte ich fest, daß es Zigaretten waren, und daß ich selber keine mehr hatte. So gab ich die verlangten vier Piaster für eine Schachtel hin. Erst als wir neben der schwarzschimmernden Wasserfläche des überfluteten Landes dahinfuhren, bemerkte ich, daß es meine letzten vier Piaster gewesen, und daß auf der Schachtel als Verkaufspreis nur zwei aufgedruckt waren. Doch es kümmerte mich nicht sonderlich, mich kümmerte heute überhaupt nichts, als daß ich bald, bald wieder an den Pyramiden sein würde!

Dann war ich draußen, Sterne funkelten wie Silbertropfen am tief, tief dunkelblauen Samt des Nachthimmels, und der Wind der Wüste strich mit festen kühlen Händen über mein Gesicht, als ich mich auf der Höhe einer gräberdurchlöcherten Felswand an der Ecke der Cheopspyramide niedergesetzt hatte. Ich saß mit angezogenen Beinen, das Kinn auf die Knie gelegt und träumte wieder. Sah wiederum den dunkelglühenden Mond über den wilden Felsen des Mokkatam emporschweben und die Wände der Pyramiden und die Weiten der Wüste erst rosenrot und dann schneeweiß schimmern und jeden der tausend Trümmer und Blöcke ringsum wie versilbert blinken, sah wieder die ungeheuren Formen des Bauwerks über mir emporsteigen und in den weichen violetten Farben der Nacht verschwimmen, hörte wieder das verlorene Sausen des Windes, das feine Klingen der Sandkörnchen, das hohe dünne Pfeifen der Fledermäuse und das melancholische Jaulen der Schakale durch die weltferne Stille dringen. Dann wurde mir kalt, ich glitt von meinem Felsen herunter, jagte ein paar herzustürzende Backschischjäger mit dem kräftigsten englischen Schimpfwort weg, das ich kannte, und ging zur Sphinx.

Hier hatte ich das Glück, auf zwei englische Offiziere zu treffen, die da still im Sande saßen und gegen die Zudringlichkeit menschlichen Ungeziefers durch ein paar wuchtig aufgebaute ägyptische Polizisten gesichert waren, die stumm, aber eindringlich mit ihren leise pendelnden Knüppeln sprachen. Ich bezog zwischen ihnen eine uneinnehmbare Stellung, und als ich nach langer Zeit wieder einmal aufschauend gewahrte, daß auch sie schon alle gegangen waren, war es auch den unentwegtesten Geldverdienern schon zu spät geworden, und ich saß allein noch hier – und fror und hatte Hunger!

Und da kam das zweite Glück! Um mich warm zu laufen, trabte ich wieder auf die Westecke vom Cheops-Bau zu, als ich ein leises Bimmeln von vielen kleinen Glöckchen hörte; es war ein langer Zug hintereinander schreitender, mit Körben und Kisten beladener Kamele, die irgendwoher aus der Wüste kamen. Der vorderste der weißgekleideten Reiter stieß einen rauhen Schrei aus, wendete sein Tier und wiegte den erhobenen Arm hin und her; die dunkle Schlange des Karawanenzugs glitt von den silbernen Dünen herab und rollte sich lagernd zusammen. Es gab ein kurzes lärmendes Durcheinander, mit hoher Stimme ausgestoßene Zurufe gellten, Hiebe klatschten auf die Knie der Kamele, mit zornigem gurgelnden Brüllen taten sie sich nieder, ihre Lasten wurden abgeladen, Feuer glühten auf, zwei weißmäntlige Gestalten führten die Tiere ein Stück seitab.

Von dem Schauspiel gepackt, trat ich heran und versuchte, die beiden Beduinen auszufragen, aber sie verstanden kein Englisch und von dem, was sie auf meine holperigen arabischen Fragen antworteten, erfaßte ich kein Wort. Ich wußte damals noch nicht, daß zwischen dem Arabisch des Niltals und dem, das die Nomaden der Wüste sprechen, ein Unterschied ist, etwa so groß wie zwischen Deutsch und Dänisch. Sie forderten mich durch Gesten auf, mit an die Feuer zu kommen, aber in einem Gefühl von Befangenheit lehnte ich ab und hockte mich zwischen den Kamelen nieder.

Die beiden gingen weg, kamen aber nach ein paar Minuten mit einem großen schweren Korbe wieder. Aus dem brachten sie erst ein Bündel Tücher heraus und breiteten sie vor den Köpfen der liegenden Kamele auf dem Sande aus. Dann fingen sie an, etwas aus dem Korbe herauszuholen, was wie Klumpen dunkler Erde aussah und es in gleichgroßen Häufchen vor jedem Tiermaul aufzubauen. Die feuchten Lippen griffen zu und die Mäuler begannen schiebend hin und her zu kauen – Erde war es also nicht, sondern etwas Freßbares. vielleicht sogar etwas Eßbares –?! Auf einmal fiel mir mein Hunger wieder ein und wurde beim Anblick dieser behaglich mahlenden Zähne gleich noch einmal so groß. Sollte ich –? Doch die beiden Männer waren noch da!

Schnüffelnd reckte ich die Nase, das roch doch wie – – wahrhaftig, es waren Datteln! Mir lief sogleich alles Wasser im Munde zusammen, und die Blicke, die ich abwechselnd auf die so entsetzlich schnell kleiner werdenden Häufchen und die beiden Weißröcke warf, waren wahrscheinlich die eines Alaska-Wolfes. Bei jedem Schritte, den die zwei sich weiter entfernten, rutschte ich dem nächsten Kamelmaul einen Zoll näher – dann griff ich zu! Es waren große, ein bißchen harte und trockne Datteln, aber wie sie mir dennoch schmeckten! Ich hatte schon die zweite Hand voll errafft, aber da fiel mir ein, daß das eine Gemeinheit war. So legte ich sie wieder hin, rutschte zum nächsten Tier, zog von dem einen kleinen Tribut ein und setzte das im Kreise herum fort, bis ich satt war.

Die beiden vom Stalldienst waren fort, doch den Korb hatten sie zurückgelassen. Ich dachte an sieben magere Jahre, die möglicherweise in meinem Kalender standen, ging hin und griff hinein. Er war richtig noch halbvoll und drei Sekunden später waren es meine beiden Rocktaschen. Dann schlenderte ich mit dem harmlosen Pfeifen des schlechten Gewissens um die Ecke der Pyramide herum und sauste dort in plötzlicher Angst durch den Hohlweg hinab.

An der Polizeiwache blieb ich stehen und guckte eine Weile mit müdblinzelnden, sehnsüchtigen Augen auf das Haus Ibrahim Solimans hinunter, wo es ein weiches Teppichlager gab; aber dort schon wieder anzuklopfen war wohl unmöglich. So stieg ich über die Schutthügel bergab, warf im Vorbeigehen einen Blick zur Sphinx hinauf, die im düsteren Licht des untergehenden Mondes wieder ganz »Abu hol« war, und befand unten den weichen Sand zwischen den Gräbern eines alten arabischen Friedhofes als sehr geeignet. In der nächsten halben Minute hatte ich eine Mulde gescharrt, mich hineingelegt und mit der Jacke zugedeckt und in einer weiteren war ich schon eingeschlafen.

Lange dauerte es allerdings nicht, bis mich die ganz empfindliche Kühle wieder weckte. Ich rollte mich noch enger zusammen, stopfte die Rockzipfel sorgfältig unter und schlief auch gleich wieder ein, aber nur, um bald aufs neue von einem Kälteschauer wachgerüttelt zu werden. Zuletzt hielt ich es nicht mehr aus, stand auf und lief, vor Müdigkeit stolpernd, wohl ein dutzendmal um die Sphinx herum.

Dabei wurde ich schließlich wieder warm, aber auch vollständig wach, und das war in Ordnung, denn rückschauend sah ich auf einmal, daß schon ein zarter blasser Schein fern im Osten schimmerte. Er dämmerte über den düstervioletten Sandbergen der arabischen Wüste, und die schwarzen wilden Felsen des Mokkatam standen wie Küstenklippen vor einem reglosen weißen Nebelmeer, das das ganze Niltal bedeckte. Hähne gröhlten drunten in Kafr el Haram auf, ein Esel schmetterte in fiepigen Brusttönen los, blauer Herdrauch stieg kerzengerade in die stille kühle Luft empor, ein Sperber schwebte hoch über dem noch in Schatten geduckten Dorfe, und plötzlich blinkten die Schwingen des Räubers auf, als wären sie aus Gold gehämmert – der Glanz der Morgensonne strahlte über dem Himmel, sank in glühenden Fluten auf die Landschaft herab und goß einen Feuerstrom über die verwitterten Züge der Sphinx und die gewaltigen Keilflächen der Pyramiden. Lang hingezogen klang das »Allah il Allah –!« eines Gebetsrufers vom Minarett der kleinen Dorfmoschee herauf, und in feierlicher Bewegung sanken die Gesichter der Karawanen-Beduinen vor ihrem Gotte auf den Boden nieder.

Da zum erstenmal spürte ich das drängende Gefühl, im Kreise dieser Menschen, in deren braunen Gesichtern etwas von der großen ernsten Einsamkeit ihrer Wüsten lag, die Stirn mit zu beugen, nicht vor einem Gotte, aber vor der feierlichen Großartigkeit dieser Landschaft, der strahlenden Schönheit dieses Himmels und dieser Sonne. Dann ging ich davon, in dem ruhigen Bewußtsein, gestern abend mein letztes Geld nicht umsonst ausgegeben zu haben.

Ich kam gerade noch zeitig genug, um in dem abgeklärten Überschwemmungswasser, das auf einem Reisfelde stand, einen Trunk und eine Katzenwäsche tun zu können, ehe die ersten Fellachen zu ihrer ewigen Fron herauskommen und den sonderbaren Europäer bestaunen kommen. Danach sockelte ich drei Stunden auf der heißen staubigen Landstraße dahin, kaute gestohlene Kameldatteln und sehnte mich innig nach einem Kaffee. Doch je mehr ich mich in der Stadt der strammen Hausordnung meiner Herberge näherte, desto langsamer wurde mein Schritt, und wahrhaft freudig begegnete ich dem Gedanken, vorerst einmal auf der Zeitungsredaktion vorzusprechen, um die Stunde des Gerichts noch ein wenig hinauszuschieben. Ich sah später ein, daß ich Ursache hatte, diesen Gedanken zu segnen für und für. –

Der Redakteur kam gerade erst in sein Bureau. »Es liegt nichts vor, Verehrtester! Sie kommen wohl schon von einem Ausflug? Setzen Sie sich 'n bißchen, wenn Sie mögen!« Das Telephon klingelte, er ging hin, und ich nahm den Sitz dankbar an. »Wozu? – Zum Stiefelputzen!? – –« hörte ich ihn fragen. Mir war's, als ob mich das angehen könnte, und ich spitzte die Ohren. »Gleich? – warten Sie mal, das könnte gerade klappen. – Einen Augenblick!«

»Ich bin bereit, Stiefel zu putzen, und auch gleich!« sagte ich und stand auf.

»Gut, Sie haben's schon erfaßt. Also: wissen Sie, wo Heluan liegt? 'ne Stunde Bahnfahrt von hier, Bahnhof Bab el luk. Dort ist ein Sanatorium, es kommen hauptsächlich Russen hin, die sich die Nieren kaputt gesoffen haben, es heißt Sdorooje. Das ist Russisch, was es bedeutet, weiß ich nicht. Der leitende Arzt und Besitzer ist Doktor Funkelstein. – Na ja, er ist 'n Jude, und vom Zaster trennt er sich schwer, aber sonst ist mit ihm auszukommen. Es handelt sich so um Hausdienerarbeiten, und paßt's Ihnen nicht, so tut sich mit dem Einsetzen der Saison vielleicht auch was Besseres auf. Also sage ich, daß Sie kommen?« Ich nickte und überdachte geschwind, daß ich dazu Fahrgeld brauchte und demnach meine Uhr versetzen müßte. Er gab mir die Adresse eines Leihhauses, ich bedankte mich für alles, da fiel mir noch etwas ein.

»Bringen Sie in Ihrem Feuilleton auch Zweitdrucke?«

»Gewiß! – Warum?«

Ich zog ein paar Zeitungen mit Tramp-Skizzen von mir aus der Tasche. »Hier, vielleicht können Sie sich das gelegentlich mal ansehen und mir dann Nachricht geben.«

»Nanu –! Ja, aber wieso – –«

»Ein andermal mehr, jetzt muß ich nach Heluan. Guten Morgen!«

Der Armenier Khandarian, der in einem kleinen finsteren Loche in der Madabeghstraße hockte und aussah wie ein Geier in der Mauser, warf einen schrägen Blick auf meine silberne Uhr, kratzte mit dem Trauerrande seines Daumennagels drüber, spuckte in seinen Papierkorb und sagte etwas auf Französisch. Ich schüttelte mit dem Kopf, da schrieb er mit Kreide auf den Tisch: »15 Piastres«.

»All right, her damit«, sagte ich, steckte Geld und eine unleserliche Urkunde ein und ging vor allem anderen erst ausgiebig Kaffee trinken. Die Aussicht auf eine Anstellung als Stiefelputzer gab mir den moralischen Mut, nunmehr auch vor das Antlitz Miß Normans zu treten. Sie hörte meinem Rapport mit hellblauem Blicke zu und sagte nur: »Sie sind ein sehr absonderlicher Mensch!« Dann gab sie mir noch ein großes Stück Sandtorte und ein Empfehlungsschreiben an Dr. Funkelstein. Das entsprach, wie ich später Gelegenheit hatte festzustellen, in Ton und Inhalt genau den Leumundszeugnissen, die alte Polizeiwachtmeister auszustellen pflegen.

Mein Züglein rasselte zwischen zahlreichen, in der Mittagssonne schlummernden Stationen anfangs durch vereinzelte und kümmerlich aussehende Felder und zuletzt nur noch durch nackte steinige Wüste dahin. Der zerschluchtete Steilabfall des Mokkatam blieb dabei immer dicht an der linken Seite. Dann erschienen zu Füßen grelleuchtender, hitzesprühender Felszüge ein paar Palm- und Baumkronen und ein Haufen still in der Sonne schmorender Hausdächer – Heluan.

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