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Allah hu akbar

Artur Heye: Allah hu akbar - Kapitel 4
Quellenangabe
authorArtur Heye
titleAllah hu akbar
publisherSafari-Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
printrun4. Auflage
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171204
projectid675bba3b
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3. Kapitel.

Ich werde größenwahnsinnig, dann suche ich Arbeit und finde Kairo. Der Zeitungsredakteur. Ich werde im Heim der menschenfreundlichen Gesellschaft verhört, für einen Stromer erklärt und mit Bohnensuppe gefüttert. Auf dem Wege zu den Pyramiden. Wettlauf mit der Sonne. Die Erfüllung eines Traumes.

 

Ich hatte den Namen des Hotels vergessen, aber als ich den Prospekt hervorzog, den mir der Schnelläufer in Alexandrien gegeben hatte, um nachzusehen, entdeckte ich kleingedruckt die Zimmerpreise. Sie fingen von fünfundzwanzig Piastern, gleich fünf Mark, an und zwölf Mark besaß ich im ganzen noch! Also konnte ich einfach nicht dahin gehen und der geschwinde alexandrinische Agent keine Provision an mir verdienen. Doch ich sollte gleich merken, daß ich die orientalische Geschäftstüchtigkeit unterschätzt hatte.

Der Zug stand noch nicht, als sich draußen ein langer Kerl aufs Trittbrett schwang und den Kopf zum Fenster hereinsteckte. »Mister Hey? Very well, good evening, Sir! Ich bin vom Khedivialhotel, unser Agent in Alexandrien telegraphierte mir, daß Sie kommen!« Dabei fuhr auch schon, noch ehe ich mein »Guten Abend!« heraus hatte, sein Arm zum Fenster herein, packte griffsicher meinen Mantel und Koffer, fuhr wieder hinaus damit und war weg.

Wie ein Dampfpflug wühlte ich mich durch die braune Menschheit zur Tür hinaus und mit spähend gerecktem Halse bis zur Sperre vor; da endlich sah ich ihn wieder, er stand schon draußen vor der Treppe und hatte den geöffneten Wagenschlag einer zweispännigen Droschke in der Hand. Koffer und Mantel waren bereits neben dem rotkäppigen Kutscher verstaut. Ich kam gar nicht erst dazu, zu protestieren, diese Leute sind ja so fabelhafte Menschenkenner. – Ein Wortschwall rauschte auf mich herab, und als ich den Arm nach meinen Sachen ausstreckte, saß ich plötzlich, durch einen sanften Schubs dirigiert, in den Polstern, und die beiden vor Leidenschaft zitternden Araberpferdchen sprangen mit einem Ruck an.

Mit der Geschwindigkeit und sinnverwirrenden Mannigfaltigkeit eines Films jagten Wagen, Trams und Autos, galoppierende Pferde und Reitesel, eine Flut weißgekleideter hastender Gestalten, rauch- und duftgeschwängerte Bazare, lichtstrahlende Paläste und Geschäftshäuser und mondscheingebadete Silhouetten von Moscheen an dem in Karriere dahinsausenden Wagen vorüber. Der Lange war verschwunden, so zupfte ich den Kutscher am Rockärmel, daß er halten sollte. Aber er sah sich nur mit freundlichem Nicken kurz um, sagte: »Yes! – Oui! Khedivial!«, tippte mit der Peitsche auf die in wundervollem Spiel arbeitenden braunen Pferderücken, und in noch erhöhter Geschwindigkeit stoben die beiden Rosse vorwärts. Ich haschte noch einen Blick auf die Kronen von Palmen, die sich vom Licht elektrischer Bogenlampen und dem des Mondes übergossen, im Nachtwind wiegten, da hielt der Wagen mit einem Ruck, und mit einem anderen schoß plötzlich hinter mir der lange Hoteldiener in die Höhe. Er hatte hinten auf den Wagenfedern gehockt.

Seine Hände holten meine Sachen herunter, zwei Paar andere mich selber aus der Droschke heraus, und ein monumentaler Portier, der aussah, wie Eberhard, der mit dem Barte, verbeugte sich vor mir so tief, wie vorhin der Feldhüter vor dem Angesichte Allahs, »Wünscht der Herr ein Zimmer mit Bad?«

Ich machte einen Satz nach meinem Köfferchen, mit dem soeben ein winziges kohlschwarzes Dienerlein zum Portal hineinschoß, und brüllte wütend los: »Look here, you confounded fools –« (Hört mal, ihr unglaublichen Dummköpfe), da traf ein Duft meine Nase, dem ich einfach nicht widerstehen konnte: es roch nach Koteletts, nach Bratkartoffeln, nach Backwerk –! Und ich war im Orient, in Kairo, ich würde morgen noch die Pyramiden sehen! Jetzt war mir alles egal.

»Ja, ein Zimmer mit Bad! Und ein Abendbrot! Wenn ich gebadet habe, muß es serviert sein!« schrie ich in einer Anwandlung von Größenwahnsinn und auf Deutsch. »Sehr wohl, mein Herr!« sagte ein semmelblonder Jüngling, der mit liebenswürdigem Lächeln auf mich zuschwebte, gab dem rabenschwarzen Dienerlein mit der Linken einen Katzenkopf, weil es nicht schnell genug die Fahrstuhltüre aufbrachte, und gleichzeitig mir mit der Rechten den Federhalter fürs Fremdenbuch.

Eine Stunde danach stand ich auf dem Dache des Hauses und starrte auf diese Stadt herunter, wo die Lebensströme der östlichen und der westlichen Welt in brausendem Strudel aufeinandertrafen, auf das Alabasterwunder der Moschee des Sultans Mohammed Ali, das wie ein aus Mondstrahlen in den Sternenteppich des Himmels gewobenes Bild über zahllosen blinkenden Dächern und Türmen schwebte, auf die scharfkantigen Silberklippen der öden Mokkatamfelsen und in die schimmernden stillen Weiten der Wüste, die sich hinter ihnen in dunkelblauer Nacht verloren. –

Am andern Morgen verblieben mir nach Bezahlung meiner Rechnung gerade noch fünfzehn Piaster als Anfangskapital für das Nilland. In richtiger Erkenntnis der damit gegebenen Sachlage steckte ich Seife und Zahnbürste und einen zerfledderten halben Baedecker, den mir mein israelitischer Mitpassagier auf dem »Baron Call« geschenkt hatte, in die Tasche, gab dem monumentalen Portier drei Piaster Trinkgeld und mein Köfferchen in Verwahrung und stieg ins orientalische Leben hinein.

Als erster Führer durch seine Wirrnisse sollte mir ein Stadtplan von Kairo dienen, den ich um nur zwei Piaster erstehen konnte, weil er einen Fettfleck hatte. Mit dem in der Hand trottete ich von einem der zahlreichen großen Hotels ins andere, fragte nach Arbeit irgendwelcher Art und bat, da nirgends etwas frei war, um gütigen Vormerk. Dasselbe tat ich auch in ein paar Warenhäusern und einer deutschen Kneipe. Aber es dauerte lange, bis ich herum war, denn so sehr ich mich auch wehrte, blieb ich unterwegs immer wieder stehen und versank in träumendes Schauen.

Und, beim Himmel, was gab es hier zu schauen!

Jetzt war es der Blick in eine Straße, so eng, daß ich mit ausgestreckten Armen fast ihre beiden Häuserreihen berühren konnte, Matten und alte Teppiche waren über ihre Breite gespannt, um die Glut der Sonne abzuhalten. Wo ein einzelner Strahl herabbrach, erglänzte die dämmrige Luft, als wäre sie mit feinem Goldstaub erfüllt. Aus dunklen, höhlenartigen Läden quollen Wolken von scharfen, fremdartigen Düften, zwischen blitzenden Kupfer- und Messinggeschirren, farbigleuchtenden Teppichen und Seidenstoffen, Büschen von Straußenfedern, Bergen von gelben und roten Pantoffeln, schimmernden Elfenbein- und Perlmuttergeräten, wandelten und standen kaftanbekleidete Gestalten herum und prüften, handelten und feilschten mit leidenschaftlich erregten Worten und ausdrucksvollen Gebärden. Zwischen den aus dem Halbdunkel der Verkaufsgewölbe gleißenden Kostbarkeiten, glitten schmalhüftige Frauen auf und ab, Spangen und Ringe klirrten ihnen an Knöcheln, Armen und Ohren, aus ihren mattgetönten, von kurzen, weißen Schleiern halbverhüllten Gesichtern brannten große dunkle Augen hervor. Vor seinem kleinen Geschäft saß ein alter Mann mit untergeschlagenen Beinen auf einem Kissen, die schmale, braune Hand führte ruhevoll das Bernsteinmundstück einer Wasserpfeife an die Lippen, das scharfgeschnittene, weißbärtige Gesicht unter dem seidenen Turban verkörperte eine Patriarchengestalt wie aus einem der Märchen von Tausendundeiner Nacht.

Ich riß mich los, trabte weiter und kam an der von Menschenströmen umspülten Ecke eines Marktes wieder zum Stehen. Kamele und Lastträger, beide gleicherweise mit ungeheuerlichen Lasten bepackt, zweirädrige, ungefederte und ungefüge Karren, mit aneinandergepreßt hockenden Frauen und Kindern besetzt, zierliche Eselein, die einen grobknochigen Bauern, seinen Sprößling und dazu noch einen mächtigen Korb mit Marktwaren trugen, und trotzdem immer noch Mut und Lust zu allerhand Kapriolen fanden, strömten in buntem, tosendem Gewimmel vorbei. Aus dem Markte stieg ein ungeheurer dumpfbrausender Lärm zu dem blaublitzenden Himmel hinauf, von den Ständen leuchteten in satten, prunkenden, brennenden Farben Massen von Fleisch, Früchten und Gemüsen. Ein graubärtiger Hausvater wühlte unzufrieden in einem Berge goldfarbiger Mandarinen, ein Koch mit schneeweißer Mütze und tiefschwarzem Gesicht feilschte erbittert mit einem zähen, alten Bauern um einen wutgeschwollenen Truthahn, ein keifendes Fellachenweib fuhr mit einem Palmwedel einem dreckstarrenden Straßenjungen nach, der mit einer gestohlenen Handvoll lackbraunglänzender Datteln davonlief, mit tiefer Verbeugung überreichte ein Gemüsehändler der weißen Käuferin eine große, graugrüne Zuckermelone und preßte mit ehrfürchtiger und dankbarer Geste den empfangenen Piaster an die Brust, ehe er ihn in seinen Lederbeutel tat. Unter Geschrei und Geklirr flogen aus einmal ein halb Dutzend der Gäste eines kleinwinzigen arabischen Kaffeehauses von den niederen Stühlen vor dem Lokal – ein mit einem Schober Zuckerrohr beladenes Kamel hatte sie im Vorbeischwanken heruntergewischt. Hinter einem der umgeworfenen Tische sprang einer auf, wischte sich den Kaffee aus dem Vollbart, zog den Pantoffel aus, spie in wildaufschäumender Wut auf die Sohle und drosch damit auf den schuldigen Kameltreiber los. Ein tumultöses Durcheinander erhob sich, die aufgestaute Verkehrsflut brandete übereinander, zwei braune baumlange Polizisten teilten in gerechtbemessenen Portionen Ermahnungen, Flüche, Fußtritte und Knüppelhiebe unter die Kämpfenden aus, und ein lebendes Lumpenbündel, aus dem ein schafsdummes Gesicht sah, wurde schließlich als Sündenbock von den beiden Grenadiergestalten der ägyptischen Gerechtigkeit zugeschleppt. Jetzt verdunkelte eine herbeiwimmelnde Hammelherde unter wirbelnden Staubwolken das sprühendbunte, lebensheiße Bild dieses Marktes und trieb mich weiter.

Bald hielt mich das stillträumende Idyll, das sich hinter einem aufgehenden, reichgeschnitzten Tore auftat, wieder für ein paar Minuten unlösbar fest. Ein Hof mit Marmorplatten gepflastert, in der Mitte ein leisplätschernder Springbrunnen, von der braunen Täfelung der Veranden leuchtet das Goldgefunkel von Koransprüchen nieder, hinter blühenden Oleanderbäumen lugen kleine vergitterte Fenster hervor, am steingrauen Stamm einer Dattelpalme rieseln in violetter Flut die Blütenglocken einer Schlingpflanze herunter, aus den schlanken, feingegliederten Wedeln ihrer Krone, die, als wäre sie eingeschmolzen in das tiefdunkelblaue Glas des Himmels, reglos im Sonnenscheine steht, klingt einsam und eintönig der heiser pfeifende Ruf eines Milans herab.

Ein nubischer Türwächter schiebt mit dem sich schließenden Torflügel einen Eseljungen hinaus, der Junge protestiert mit schwarzfunkelnden Augen, er hat scheint's nicht genug dafür bekommen, daß der Hausherr seinen Esel benutzt hat, da zuckt der nackte schwarze Fuß des Nubiers vor, und der Junge fliegt mit ausgebreiteten Armen gerade seinem weißen, großköpfigen Esel um den Hals. Mit einem Schimpfwort rafft er sich auf, spuckt vor das geschlossene Tor, blinzelt dann plötzlich ganz beruhigt in die Sonne, zieht seinen langohrigen Genossen in den Schatten der Hausmauer, sie tun sich beide nieder und zwei Minuten später schlafen sie tief und einträchtig, der braune, anmutige Kopf des Jungen auf den weißen Bauch des Esels gebettet. –

Doch nun rappelte ich mich zusammen, schoß davon und drehte einfach den Kopf weg, wenn immer wieder Szenen und Bilder zum Anschauen lockten.

Das letzte Eisen, was ich ins Feuer legte, war die Redaktion der deutschen »Ägyptischen Nachrichten«.

»Ja, Arbeit, mein Lieber –!« sagte der Redakteur, der gerade zu Tisch gehen wollte, »das wird nicht so leicht und so schnell gehen. Wo logieren Sie denn?«

»Na, die Wahrheit zu sagen, von heute abend ab eigentlich nur postlagernd«, sagte ich und erzählte ihm kurz von meiner Notlandung im Khedivial-hotel.

»Das ist natürlich nix für Sie. Da gehen Sie mal dahin, Philantropic Society Home, Sharia Dawawine. Die ist draußen in der Nähe des vizeköniglichen Palais. Dort ist es billig. Will mir mal überlegen, was ich für Sie tun kann, aber jetzt nicht, jetzt muß ich erst ein Pilsener trinken gehen, das tut gut bei dieser Affenhitze. Kommen Sie morgen oder übermorgen mal wieder mit vor, nicht? Mahlzeit!«

Ich steckte die Karte mit der Adresse ein, lief nach dem rauflustigen bunten Markt zurück und quetschte mich dort in ein kleines arabisches Kaffee hinein, wo ich vorhin beobachtet hatte, daß man für ein paar Kupfermünzen eine Schüssel mit saurer Milch und einen ganzen Haufen flacher arabischer Brotfladen bekam. Hier hielt ich eine billige Mahlzeit, die ich mit einem Fingerhut voll suppendickem Mokka abschloß.

Ich sah nach der Uhr, wobei mir einfiel, daß ich die übrigens, wenn alle Stränge rissen, verkaufen konnte; es war um Eins und, wie sich aus dem Stadtplan erwies, höchstens eine Viertelstunde zu gehen bis nach der Dawawinenstraße. Vielleicht war es besser, erst noch einmal dorthin zu laufen und nach Arbeit zu fragen; denn solche gemeinnützige Institutionen haben meist allerlei Verbindungen. Ferner konnte es auch gut sein, sich bei Tage noch ein möglicherweise erschwingliches Nachtlager zu sichern, denn wer konnte wissen, wie spät ich von den Pyramiden zurückkommen würde. Und zu denen hinaus wollte ich, heute noch! Morgen mußte ich vielleicht schon einsehen, daß es besser war, sich aus Ägypten wieder davon zu machen.

Himmel, was hatte die ältliche Engländerin, die diese Art Herberge zur Heimat leitete, für einen Gendarmenblick! »Eine ausgefallene Idee, in Ägypten für Piaster arbeiten zu wollen, wo Sie in Ihrem Vaterland fast gleich viele Dollar verdienen könnten!« sagte sie.

»Dollar? In meinem Vaterlande werden Mark verdient, ich bin Deutscher.«

»Hallo!« sagte sie, putzte ihren Klemmer, hieb ihn auf die Nase und fuhr ganz geläufig auf Deutsch fort. »Nun, Sie sprechen das ekelhafte Englisch der Amerikaner, als ob Sie selber einer wären. Zeigen Sie mir also Ihre Papiere. Sie wissen wohl, daß dieses Land von deutschen Stromern überlaufen ist, und aus Ihren Papieren kann ich sehen, ob Sie auch einer sind. Das ist die einzige vernünftige deutsche Einrichtung, die ich kenne!«

Dieser weibliche englische Feldwebel und die Komplimente, die er mir und meinem Vaterlande machte, ergötzten mich, ich gab ihr also meine Invalidenversicherungskarte.

»Aber Sie sind ja schon seit vier Monaten außer Arbeit. Wovon haben Sie in dieser Zeit gelebt?«

»Vom Geschichtenschreiben.«

»Geschich – –! Aber hier lese ich: Bauhilfsarbeiter! Nein, etwas stimmt da nicht, und Sie sind also ein Stromer. Ich kann Ihnen kein Zimmer geben.«

Jetzt wurde ich ernst. »Hören Sie einmal, Madame, ich nehme an, daß Sie nicht genau wissen, was im Deutschen das Wort Stromer bedeutet und entschuldige es deshalb. Ich habe noch ein bißchen Geld und kann mein Zimmer im voraus bezahlen. Und daß ich Geschichten geschrieben habe, trotzdem ich vorher Bauhilfsarbeiter gewesen bin, kann ich Ihnen beweisen, indem ich Ihnen ein paar zum Lesen gebe, die ich in meinem Koffer habe.«

Sie putzte noch einmal den Klemmer und funkelte durch. »Sie sind ein merkwürdiger Mensch, aber vielleicht doch kein Stromer. Zeigen Sie das Geld!« kommandierte sie.

Ich machte Grimassen wie ein Gorilla, um nicht über dieses Unikum hellauf zu lachen, als ich ihr meinen gesamten Barbestand hinhielt.

»Das ist alles, was Sie besitzen? Und damit wollen Sie leben, bis Sie Arbeit gefunden haben? Haben Sie heute schon etwas gegessen? Sicher nicht, denn Sie sehen sehr dünn aus im Gesicht. Also kommen Sie und essen Sie erst eine gute Bohnensuppe, ich werde sie Ihnen nicht berechnen, und für das Zimmer nur einen Piaster statt zwei, den anderen geben Sie mir, wenn Sie Arbeit gefunden haben. Aber um zehn Uhr heute abend müssen Sie hier sein, dann wird das Tor geschlossen, und Liederlichkeit dulde ich nicht! Sind Sie Trinker?«

»Weder Trinker, noch Stromer, noch Mörder, Dieb und Ehebrecher«, sagte ich mit todernstem Gesicht. Sie sah mich an, als ob sie erforschen wollte, ob ich wirklich das alles nicht war, machte die stramme Kehrtwendung eines preußischen Grenadiers und befahl: »Folgen Sie mir!«

Das Zimmerchen, das sie mir zeigte, war einladend, der Geruch der Bohnensuppe ebenfalls. Ich verleibte sie mir ein, erstattete dafür einen Dank, gab für das Nachtquartier einen Piaster Anzahlung und stieg dann mit Meterschritten davon, der Verwirklichung eines Kindheitstraumes entgegen.

Ich gedachte die Tram nach den Pyramiden zu benutzen, aber als der Schaffner sagte: »Four big Piasters« (vier große Piaster), fuhr mir ein gewaltiger Schrecken durchs Herz, und ich sprang, bevor er in die Beine kam, blitzschnell wieder ab und beschloß, die Wallfahrt zu Fuß zu machen. Nach einer Viertelstunde hatte ich mich wieder in meinen langen pendelnden Trampschritt gefunden, der mich jetzt zwischen den Schienen der ägyptischen Pyramidenbahn gerade so rasch und stetig vorwärtsbrachte wie ehemals zwischen den der amerikanischen Pazifik.

In der häßlichen, griechisch-italienisch-arabisch gemischten Vorstadt Boulak verlor ich einmal meinen eisernen Leitfaden, aber ein Tommy, den ich nach dem Wege fragte, nahm mich mit bis zu seiner Kaserne an der großen Nilbrücke und erklärte mir dann in männlich-kraftvoller Rede, ich solle über diese »verdammte« Brücke gehen, drüben würde ich dann auf die »dreckige Tram« stoßen, und wenn ich der »anderthalb blutige Stunden« nachgegangen wäre, vor den »besch... Pyramiden« stehen. Im übrigen aber könnte natürlich nur ein »Yank« auf die blödsinnige Idee kommen, in dieser Bullenhitze nach den alten Steinhaufen zu Fuß hinauszurennen ...

Unter der Brücke trieben die schmutziggelben gurgelnden Fluten des alten Nil dahin, plumpe urwüchsige Segelboote, moderne Luxusjachten und Touristendampfer belebten die gewaltige Bahn seiner Gewässer. Drüben ragten über Dampfern, Landungsbrücken und weißen Häusern schlankstämmige hohe Palmen in die heiße, blaue Luft, und dahinter, ganz fern, bläulich silbergrau umwoben, drei, vier mächtige Dreiecke, mit strengen klaren Linien in die Senkung des unendlichen Himmels geschnitten – die Pyramiden!

Mit einem tiefen Atemzug stand ich mitten auf der von Mittagsglut übergossenen Brücke still, und etwas wie Beklemmung griff mir ans Herz, eine unbestimmte kindische Furcht, den Zorn des Schicksals damit herauszufordern, daß ich einer der so wenigen Menschen sein sollte, denen Jugendträume zu Wirklichkeiten werden.

»Oh, die Pyramiden – die Pyramiden!« sagte ich still vor mich hin, dann lief ich los und weiter, die Fäuste geballt und bereit, jeden Preis des Lebens zu zahlen für die Erfüllung meiner Jugendträume, den steinernen Dreiecken entgegen.

Drüben durch die Insel Gezireh mit europäischen Villen- und orientalischen Lumpenvierteln, dann nochmals über eine Brücke und ich stand neben den Tramgleisen auf der großen Pyramidenstraße.

Hier hatte ich noch einen Strauß mit einem Haufen von Droschkenkutschern und Eseljungen auszufechten, denen es anscheinend ein unstatthaftes Greuel war, daß ein anständig gekleideter »Chowaga« den weiten Weg zu Fuß machen wollte.

Nun leuchtete das tiefe satte Grün der Felder vor mir auf, andere waren noch bedeckt mit trübem Wasser, aus dem sonnengierig die ersten grünen Spitzchen der Saaten lugten. In der weiten heiterglänzenden Landschaft lagen erdfarbene, aus Nilschlamm zusammengepappte Fellachendörfer und von Palmengruppen umstandene schimmernde Weiher eingesprenkelt, auf kleinen Erdhügeln erhoben sich hölzerne, eintönig knarrende Schöpfräder, die von einem lang und gelassen dahinschlendernden Kamele oder einem stumpftrottenden Ochsen gedreht wurden.

In flachen Bewässerungsgräben standen in beschaulichem Dösen riesige blaugraue Büffel, die sich soeben eine neue Schlammdecke gegen die Fliegen zugelegt hatten, schokoladenbraune nackte Fellachenkinder plantschten zwischen Gänsen und Enten im Wasser herum, aus einem weitausgedehnten Baumwollfelde klang der schwermütige rhythmische Arbeitsgesang jätender Frauen herüber.

Hinter mir lagen die weißen Häusermassen Kairos, über den leichten Dunstschleier, der die Stadt bedeckte, ragten die mächtigen bronzefarbenen Mauern der Zitadelle auf, und darüber noch, leicht und zierlich in den Himmel gehoben, standen die nadelfeinen Minaretts und die strahlend-weiße Alabasterkuppel der Mohammed-Ali-Moschee. Und vor mir, am fernen Ende meiner baumbeschatteten Straße, die Pyramiden – Noch immer hing der bläuliche Schimmer der Ferne um ihre gewaltigen Formen, und die gelbe, durch keinen Dunstschleier getrübte Flammenscheibe der Sonne hatte auf ihrem absteigenden Wege schon fast die Spitze der Cheopspyramide erreicht!

Ich ließ mich nicht täuschen durch die fast greifbare Nähe meines Zieles; ich wußte, daß es noch weit und nicht mehr lange Tag war, und griff noch rascher aus. So rasch, wie ich wollte, ging das Wandern freilich nicht, und angenehmer wurde es auf dieser Straße mit der fortrückenden Tageszeit auch nicht, denn jetzt fuhr ein ununterbrochener Strom von Equipagen und Automobilen aus der Stadt heraus dem Sonnenuntergang und dem Mondzauber der Wüste entgegen und hüllte mich von der einen Seite her in Staub, und von der anderen her wurde ich durch heimwärts ziehende Kamel- und Eselkarawanen, Ziegen- und Hammelherden eingepudert. Und die Sonne sank, sank unbeirrbar, und die Pyramiden schienen in immer gleicher Weite zu bleiben! Die Blicke, die ich den vorbeirollenden Trambahnen nachwarf, waren voller Sehnsucht und im Gedenken meiner gestrigen Luxusorgie voller Reue.

Ich schwitzte, schluckte Staub und machte längere und immer noch längere Schritte. Die Sonne glitt tiefer, der Wüstenstreifen am Horizont begann im blutroten Feuer zu erglühen, Dörfer und Palmen schimmerten in goldfarbenem Licht, purpurne Streifen spielten über die Gewässer, und in tiefem Kobaltblau immer höher und gewaltiger in den stillodernden Himmel emporwachsend, leuchteten die wuchtigen Massen der Pyramiden.

Jetzt begann ich mit dem verlöschenden Tageslicht um die Wette zu laufen. Ich mußte diese Bauwerke noch von der Gloriole des Sonnenunterganges umlodert sehen! In langen Sätzen schoß ich in den dunklen Schatten der Bäume dahin, an verwundert stehenbleibenden Menschen und Tieren vorüber, hielt mit einem galoppierenden Eselreiter Schritt. Wollte denn diese endlose Baumreihe nie aufhören!

Plötzlich hörte sie auf, und ich war nun im besten Schwunge. Wie ein Windhund fegte ich an dem schon hellerleuchteten Prachtbau des Mena-House-Hotels und an einem auf mich zustiebenden Schwarm von Esel- und Kamelverleihern vorüber und die steilaufsteigende Rampe hinauf. Und gerade, als ich den Fuß auf das Felsplateau des Wüstenrandes setzte, rückte der letzte schmale Feuerstreif des Sonnenballs unter den Horizont, ein purpurglühendes Leuchten umspielte die verwitterten Formen der Cheopspyramide, tauchte ihren granitnen Gipfel in Blut und Flammen, löste sich still vom letzten Steine und verlöschte in den dunkelblauen Tiefen des Himmels.

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