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Allah hu akbar

Artur Heye: Allah hu akbar - Kapitel 2
Quellenangabe
authorArtur Heye
titleAllah hu akbar
publisherSafari-Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
printrun4. Auflage
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171204
projectid675bba3b
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1. Kapitel.

Nebelwanderung. In die Sonne des Südens. Luigi von der »Cinfounds Castle«. Ich begleite ihn von Venedig nach Triest. Der »Baron Call« fährt in drei Stunden nach Ägypten ab; ich denke an das Steintier auf dem Schulbild, kaufe Wurst und Käse und fahre mit. Harmonische Meerfahrt mit Ochsen, Griechen und Muselmannen. Die Küste Ägyptens im Blau und ein Pfund in meiner Tasche.

 

Ich hatte meine Mutter begraben und ging zwischen Staub und stiebenden Blättern übers Feld nach Hause. Überall war es nun so leer, in den Stuben wie im Herzen. Draußen fiel plätschernder einförmiger Regen, der Wind sang unter grauem Himmel, es wollte Herbst werden. Lange lief ich in den Räumen auf und ab, rückte und stellte zwecklos Dinge hin und her, trat ans Fenster und wieder weg, – alles wie in innerer Erstarrung, die sogar das Bewußtsein eines Schmerzes lähmte. Was wollte ich eigentlich noch hier in dieser Wohnung, dieser Stadt, diesem Deutschland –?

Drüben war eine regenüberströmte Hausmauer, ich starrte verloren darauf – da glitt sie langsam zurück, löste sich auf in blauer Luft und sonniger Weite. Pfade führten hinein, ich nahm irgendeinen, jeder war recht, denn jeder führte in lockende fremde Fernen, in Tiefen des Raumes, in denen ein winziges Menschenleid so leicht und schnell in nichts verwehen konnte, – oder auch wenn's nicht anders ging, zusammen mit dem, der es trug.

Der Regen fiel, die Fernen schlossen sich, das graue Haus stand wieder da, aber ich wußte nun, was zu tun war ...

Kaum eine Woche darnach stieg ich aus einem Zuge der Rhätischen Bahn und wanderte mit langen Schritten in die Hochgebirgswelt der Graubündner Alpen hinein. Wie schon einmal, drüben im fernen Oregon, trug ich ein schweres Herz auf die Höhen der Berge hinauf. Es war rauh hier oben, der Sturm heulte über die Gletscher, Lawinen donnerten die Halden herab, in den Klüften stürzten die Wildwässer den nebelerfüllten Tälern entgegen.

Auf dieser Wanderung geriet ich zweimal nacheinander in einen Schneesturm, und beim zweiten war es nur ein Zufall, daß ich in tiefer Nacht noch das Hospiz St. Christoph am Arlberg erreichte. Ich war jenem Zufall kaum dankbar.

Durch das Oberinntal zog ich erst ostwärts und dann dem Laufe der Etsch folgend südlich weiter, gleichmütig und gleichgültig gegen alles, und erst als ich, durchwärmt vom ersten Hauch des Südens, milden Sonnenglanz auf den schweren blauen Trauben der Weinberge bei Bozen schimmern sah, wurde es auch mir in Herz und Sinn ein wenig lichter und wärmer.

Am Ufer das Gardasees, eine Wegstunde hinter Riva, blieb ich nachdenklich fünf Minuten lang vor dem italienischen Schlagbaum an der Landstraße stehen, und da ich schließlich keinen Grund sah, warum ich nicht weiter, nach Italien, in noch hellere und wärmere Sonne hineinwandern sollte, schnürte ich meinen Rucksack auf, ließ mir gelassen lächelnd von dem italienischen Zöllner meine drei Schachteln mit Sportzigaretten konfiszieren und setzte meinen ziellosen Weg nach Süden fort.

Bei Verona kreuzte ich eine Straße, die ich damals, vor sechs Jahren, als Leichtmatrose der »Westfalen«, schon gegangen war und stand eine Woche danach auf San Marco in Venedig und fütterte die flatternden Tauben. Am Abend saß ich mit einem italienischen Matrosen, der vor neun Jahren auf der »Cinfounds Castle« gefahren war und mich sofort als einen der Geretteten von der »Luise Henriette« wiedererkannte, hinter einem Fiasko Chianti. Jetzt hatte er Heuer auf einem der kleinen Dampfer, die zwischen Venedig und Triest laufen, und ihm zuliebe ging ich an Bord und fuhr um Mitternacht mit bis nach Triest.

Als wir in den in Morgensonnenglanz und frischen Wind gebadeten Hafen einfuhren, passierten wir den Dampfer »Baron Call« des Österreichischen Lloyd. von seinem Top flatterte der Wimpel »Schiff tritt heute die Ausreise an«.

»She goes to Egypt!« (Er geht heute nach Ägypten) sagte Luigi und winkte, mit all seinen weißen Zähnen lachend, einem pudelmützigen Matrosengesicht, das über die hohe Bordwand herunterschaute, einen Gruß zu.

Ägypten ...! Aus glutüberhauchten Wüsteneinöden stieg vor meiner träumenden Seele das Gesicht des Orients wieder auf: Ein paar seltsame, hoch in den Himmel hineinragende Dreiecke, daneben eine Palme, davor ein riesengroßes geheimnisvoll fremdartiges Tier, aus Stein gehauen, das mit toten und doch so unheimlich lebendigen Augen über grenzenlose flammende Wüsten und über zahllose versunkene Jahrtausende hinaus träumte –

Fünfzehn Jahre war jetzt die Sehnsucht alt, diesem Steintier in die Augen zu schauen, fünfzehn Jahre – – und jetzt sofort sollte sie erfüllt werden!

»Luigi, I'm going to Egypt by this steamer! (Ich fahre mit diesem Dampfer nach Ägypten) – Weißt du, was die Überfahrt kostet?«

»Plenty cheap! (Reichlich billig) Fünfundsechzig Frank, aber nix Koje und nix Essen! Mit diesen? Aber sie gehen in zwei Stunden ab!?«

»Wo ist das Büro der Linie, sag' schnell!« rief ich und raffte meinen Rucksack auf. »You want really? Ma il ufficio della questa compagnia –?« (Du willst wirklich? – Aber das Büro dieser Linie –?) Er kratzte sich wild den Kopf, da nahm gerade ein zerlumpter Junge auf der Kaimauer einen Anlauf, auf unser Dampferchen herüberzuspringen, um es erst einmal gründlich abzufechten. Als Matrose von der Deckwache riß ihm Luigi als erstes einen Büschel Haare aus, und als mein Freund erteilte er ihm in rasend schnellem Italienisch dann den Auftrag, mich ganz rasch nach jenem Ufficio, dann zu einem bestimmten Kaufmann, wo es die beste Salami und den besten Chianti als Reiseproviant gab, und zuletzt auf »questo vapore grande per l'Egitto« (auf jenen großen Dampfer nach Ägypten) zu führen.

»Si, si, Signore!« machte der Junge, schlenkerte sich meinen Rucksack auf den Rücken und schoß davon. Ich nach einem kurzen Händedruck und einem von Luigi zehnmal nachgerufenen »A rividerci, Arturo!« hinterher.

Bei dem Trablaufen zählte ich mein Geld über und erschrak ein bißchen, ich hatte nur noch knappe hundert Mark in deutschem Gelde. Da fuhr auch schon der Junge mit Gepolter zwischen ein paar wuchtigeleganten Flügeltüren durch und in einen großen Schalterraum hinein. Ich überflog die Schilder. »Erste Klasse«. »Zweite Klasse«. Schön, aber wo war Zwischendeck? Ah, hier, ein Schild »Dritte Klasse, Eingang durch den Hof!« Ich zog den Jungen von dem Schalter erster Klasse, vor dem er sich malerisch und selbstverständlich aufgebaut hatte, hinweg, und polternd fuhren wir beide wieder zu den abweisend zuschlagenden Flügeltüren hinaus und durch den Hof hinten wiederum zum Hause herein.

»Es ist gerade noch ein Platz frei, mein Härr, hundertundsechzig Frank nach Alexandria!«

Au waih! »Ist das die billigste Überfahrtsmöglichkeit?« fragte ich.

Ein Blick wie vom Mont Blanc herunter traf mich. »Es gibt auch Deckpassage, mein Härr! Das Büro ist im Keller, dort durch die Tür hinaus, dann links.« Klapp, war das Schalterfenster herunter.

Ein junger Mann in Hemdsärmeln drunten im Keller zündete sich erst eine Zigarette an, ehe er auf meine Frage die beiden Worte sagte: »Fünfundsechzig Frank!«

Fünf Minuten später war ich im Besitz einer Fahrkarte »Deckpassage, ohne Bett und Beköstigung« nach Alexandrien, und eine halbe Stunde später in dem einer weißbepuderten Salami, eines grünmarmorierten Klumpens Gorgonzola, einer Tüte mit Biskuits, einer mit Kaffee, und zweier mächtiger Brotlaibe, die ich unter den Arm klemmte.

In einer engen Gasse hielt mich ein mosaisch aussehender Herr am Jackenzipfel fest. »Scheene Koffer, mein Herr, von drei Kronen an. Ä gebrauchter schon for zwai Kronen, hier!« Dabei hatte er auch schon ein fleckiges Segeltuchköfferchen geöffnet, mir die Brote unterm Arm vorgezogen und sie hineingetan.

Alles miteinander hatte kaum eine Stunde Zeit beansprucht, denn als ich an Bord kam, sagte mir ein Steward, daß noch eine volle Stunde Zeit wäre bis Abfahrt. Auf meine Frage, wo der Aufenthalts- und Schlafplatz der Deckpassagiere wäre, machte er eine große italienische Armbewegung über das Deck hin, von dem unter dem tobenden Durcheinander von Menschen und Vieh, schwingenden Ladebäumen, zischenden Dampfwinden, Kisten, Koffern, Fässern, Ballen und Bretterstößen kein Zoll breit zu sehen war, und entschwand.

Nachdem die Dampfpfeife zum ersten Mal in die Sonnenluft hinaufgebrüllt hatte wie ein Ungeheuer der Urzeit, wurden doch schon einige Deckplanken frei. Sie blieben es allerdings keine fünf Sekunden. Bis ich mich hingedrängt hatte, saß entweder bereits eine jüdische Familie von unzählbarer Kopf- und Gepäckstärke darauf oder ein langbärtiger Muselmann breitete würdevoll seine Teppiche darauf aus, oder eine Gruppe balkanischer Hammeldiebe mit verwegenen Schnurrbärten und wilden Augen hatte Besitz davon ergriffen und holte die Würfelbecher hervor.

Auf einmal entdeckte ich von der Kajütstreppe herab Luigi. Der freundliche kleine Kerl war zu einem nochmaligen Abschiednehmen und zu einer Frage, wie ich mich eingerichtet hätte, an Bord gekommen. Auf mein Achselzucken hin nahm er mich erst einmal mit zu Koch und Bäcker hinunter, stellte mich denen als »Amico« (Freund) vor und redete dann mit ungeheurer Gelenkigkeit von Zunge und Händen auf sie ein. Das Ergebnis war, daß ich mir jeden Tag bei ihnen frisches Brot, Kaffee und auch einen Teller Essen abholen könnte und dafür nichts als in Alexandrien ein paar Kronen Trinkgeld zu zahlen hätte. Aus weiteren Erkundigungen ergab sich der Ratschlag, ich sollte aufpassen, wo die Bretterladung festgelascht würde, und sofort darauf einen sauberen und luftigen Schlafplatz mit Beschlag belegen.

Nachdem ich der durstigen Seele dann in der Kantine noch eine Flasche Chianti bezahlt und mich endgültig von ihr verabschiedet hatte, verblieben mir außer sechs Kronen gerade noch ein englisches Pfund an Geld. Damit trat ich meine erste Reise nach dem Orient und Afrika, dem Lande meiner wildesten Erlebnisse und meiner größten und nachhaltigsten Eindrücke, an.

Die Überfahrt wurde sehr gemütlich, der Platz blieb allerdings immer sehr beschränkt. Mein Nachbar zur Rechten war ein großer schwarzweißer Zuchtbulle, meiner zur Linken ein Grieche, der mit seiner jungen Frau in bemerkbar glücklicher Ehe lebte. Da aber das Wetter still und herrlich blieb, ließ sich's aushalten. Ich freundete mich mit einem netten alten Juden aus Jerusalem und zwei ägyptischen Schiffsheizern an, von denen ich allerlei nützliche Winke über die Lebensverhältnisse im Orient und mehrere hundert Meter ebenfalls sehr brauchbare arabische Flüche und Schimpfworte bezog.

Adria und Mittelmeer lagen still und leuchtend vor uns wie eine Schüssel voll himmelblauer Tinte. Einige in Felsen gebettete und von hohen düsteren Bergen gegen die Welt abgeschlossene Hafennester in Dalmatien und Albanien nahmen uns für ein paar Stunden auf, die wein- und lorbeerbewachsenen Klippen von Korfu standen eines Morgens wie ein Mythos des alten Griechenlands vor dem Bug und verschmolzen dann hinter dem Schiffe wieder mit Himmels- und Meeresbläue, und nur das weißschäumende Bug- und Kielwasser brachte für drei weitere Tage einen anderen Farbenton in diese Welt voll unendlich tiefem Blau. Gegen Abend des dritten Tages entstand eine Bewegung an Deck, und auf meine Frage hin rief mir der Heizer Mustafa die vier Worte zu: »Misri, Allah hu akbar! (Ägypten, Gott ist groß!)«

Da unterbrach ich das Auswendiglernen der arabischen Vokabeln, die ich mir aufgeschrieben hatte, und kletterte hinauf. Fern im Südwesten schloß ein grauer Strich die blaue Unendlichkeit ab, und an einer Stelle schimmerten ein paar verschwommene weiße Flecken, die Mustafa mit strahlendem Gesicht für »Eskanderije« Alexandrien erklärte.

Spät abends gingen wir unter dem huschenden Blinklicht eines Leuchtfeuers weit draußen auf der Reede vor Anker, Schnüre von Lichtern schimmerten vor uns aus der sternenglitzernden Nacht, und der Wind warf den eigenartigen fremden Duft des Orients über das Schiff.

Ein sonnenklarer Morgen brach an, ich warf die alte Bastmatte, die mir als Matratze gedient hatte, von dem Bretterstapel in das unratbedeckte Wasser hinunter, rollte den Mantel zusammen und steckte ihn ins Köfferchen und darauf meinem vierbeinigen Nachbarn den letzten Rest des Kaffeezuckers ins naßglänzende Maul. Dann war ich bereit, mein afrikanisches Leben zu beginnen.

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