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Allah hu akbar

Artur Heye: Allah hu akbar - Kapitel 15
Quellenangabe
authorArtur Heye
titleAllah hu akbar
publisherSafari-Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
printrun4. Auflage
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171204
projectid675bba3b
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14. Kapitel.

Die Stimme in der Leere. »Schnell wie ein Reiter herbei kommt der Tod ...« Lange Nacht. Die Verwandlungen der Katze. Mareks Vermächtnis. Gesundung. Gastfeindschaft. Ein frommer Snussi. Zurück in Allahs Garten.

 

Wie aus endloser Weite her hallten mir Laute ins Ohr, abgerissene Worte, die allmählich näher und in Zusammenhang kamen und Sinn gewannen in meinem Bewußtsein. Durch das Pfeifen des Windes, durch das prickelnde Sausen des Sandregens drang die einsame Stimme neben mir empor: »Gnade, o Herr, hinter uns ist der Tod! – Erbarmen, o Gott, verlassen sterben wir hier, schnell wie ein Reiter herbei kommt der Tod; wie glüht sein Gesicht im Feuer des Sturmes! – Flehe für uns, o Herr und Prophet, niemand ist um uns, der uns beweint; wo sind die Brüder, wo Mutter und Schwester! – Verzeihung, o Allerbarmer, dunkel öffnet sich vor uns das Grab; wie blinken die Schwerter der Engel des Todes!! – Gnade, Gnade, o Herr des Gerichts!«

Die Stimme neben mir schwieg, nur Sturm und Sand fuhren brausend daher, etwas Unsagbares erklang in mir, wie ein tiefer voller Ton. Dann schlug der Durst wieder in mir hoch in verzehrender Flamme. »Wasser! Wasser!« röchelte ich, meine Zunge war wie angeschwollen und nur mit großer Mühe zu bewegen. Schwerer Sand drückte auf mein Gesichtstuch, ich riß es ab, hob in Qualen des Durstes den Kopf und schrie nochmals »Wasser!« Rauh und wie zerbrochen brachte meine Kehle das Wort heraus. Da antwortete die Stimme neben mir mit einem freudigen Laute, ein dunkles unnatürlich flackerndes Augenpaar erschien dicht über meinem Gesicht, hinter dickem weißen Tuche hervor fragte die Stimme: »Aiß eh?« (Was willst du?)

»Moije (Wasser), o gib mir Wasser!«

Die Augen verschwanden, und gleich darauf hob mir ein Arm den Kopf hoch, eine Hand preßte den Aluminiumring meiner Feldflasche zwischen meine vertrockneten, aufgesprungenen Lippen, warme, dumpf und bitterlich schmeckende Flüssigkeit rann mir in den Mund, ich schluckte in gieriger Seligkeit – da wurde die Flasche weggezogen, und Mareks Stimme sagte: »Nicht zu viel auf einmal, mein Freund!«

»Doch! Gib!«, rief ich, wollte mich aufrichten und nach der Flasche greifen, erstarrte plötzlich, mit halbaufgerichtetem Oberkörper in ratlosem Entsetzen, sank dann langsam um, schnellte mich wieder auf bis in dieselbe Lage, wand und bäumte mich in rasender Anstrengung – es ging nicht, ich konnte meinen Körper unterhalb der Hüften nicht mehr bewegen. Marek kniete neben mir, eine Hand auf den Boden gestützt, in der anderen die Flasche, sein Burnus flatterte und blähte sich im Winde, mit verstörten Augen sah er mich an: »Was ist, was tust du? – hast du Schmerzen?«

Ich konnte nicht antworten, sah zu dem verschleierten, fahl erglühenden Himmel hinauf, unter dem die letzten ersterbenden Wirbel des Sturmes dahinfuhren, schloß die Augen und lauschte dem gewaltigen Lied, das der Wind im weiten öden Raume seines Reiches sang – der Wind, den ich immer meinen Bruder genannt hatte, und zum erstenmale wieder fielen mir die Strophen ein, die zum Ausdruck der Fernensehnsucht meiner Kindheit geworden waren: »... ich tanzt' im gelben Wüstensand, ich sang mein Lied am Eismeerstrand.«

Ohne die Augen wieder zu öffnen, sagte ich dann dem Alten, was war, daß ich glaubte, bei dem Sturz vom Kamel das Rückgrat gebrochen zu haben, sagte es kurz, gleichgültig, wie beiläufig. Was er antwortete, weiß ich nicht mehr, ich schlief oder dämmerte aufs neue ein und lag so lange Stunden hindurch.

Als ich wieder einmal völlig erwachte, war ich allein, auch keins unserer Tiere schien mehr da zu sein, Sterne funkelten klar und hell über mir, meine Hände waren kalt von der Nachtluft, aber ich lag auf einer Decke, und mein Körper war sorgsam mit einer anderen zugedeckt. Neben mir steckte meine frischgefüllte Flasche im Sande, dabei lag, in meinen Litham eingewickelt, ein Klumpen Datteln, auf der anderen Seite stand mein Medizinkasten. Ich nahm einen Schluck Wasser, doch es schmeckte so widerlich, daß ich schon einen zweiten nicht mehr hinunterbrachte. Da erinnerte ich mich an Miß Normans Fruchtsalz, schüttete eine Portion davon in die Feldflasche und trank sie darauf in einem Zuge halb aus. Danach schlief ich wieder ein, matt und ergeben in jedes Schicksal, das aus der dunklen Unermeßlichkeit, in der ich lag, an mich herantreten wollte. –

Aus diesem einsamen Schlaf in der Wüste bin ich nicht mehr richtig erwacht bis nach langen Wochen. – Dazwischen war ein langsames, mit dumpfem Schmerzgefühl verbundenes Dahingleiten auf dem Rücken eines Tieres, während über mir Sternenbilder in großen Bögen auf und niederfuhren, und dann waren rauhe fremde Stimmen und Hundegebell, brennende Feuer, über denen Palmwedel glutrot tropften, eine weißgetünchte Mauer mit einer Decke aus Bohnenstroh darüber, durch die manchmal Sonnenkringel und manchmal blaublitzende Sterne herabfielen auf ein Bett, das mit Stricken bespannt war und mir mit knarrender Stimme lange unsinnige Geschichten erzählte. Außerdem war noch eine große weißgelbe Katze da, die nachts hin und wieder in fremden Gestalten wandelte – als der wergbärtige Kapitän der »Luise Henriette«, als Doktor Morgenstern oder als Miß Norman, die mir immerfort Unannehmlichkeiten sagten –

Schließlich kam aber ein Tag, an dem sie eine gewöhnliche dicke Katze blieb, die mich aus schmalen gelben Pupillenstrichen anblinzelte und auf mein leises Streicheln hin vertraut und gemütlich schnurrte. Sie wurde mir zu warm auf dem Fuße, ich zog ihn weg – und hielt in einer plötzlichen Erinnerung wie versteinert inne. Dann wagte ichs, den Fuß ganz langsam noch einmal zu bewegen, dann das Bein, dann beide Beine, den ganzen Körper, es ging recht schwer, ich stöhnte vor Anstrengung dabei, aber das war Schwäche, keine Lähmung! Also hatte ich nur eine Zerrung, Verrenkung oder sonst etwas an der Wirbelsäule gehabt, und eins der grauenhaftesten Schicksale, das Menschen betreffen kann, war mir erspart geblieben. –

Das Haus, in dem ich Aufnahme gefunden hatte, gehörte dem Schwiegersohne jenes alten Mannes, dem Freunde Mareks aus der Oase Garah. Eines Tages kam er selber hereingetappt, er begrüßte mich und saß erst lange stumm und zusammengesunken auf dem Fußende meines Bettes und starrte mit seinen fast erloschenen Augen vor sich hin, ehe er in konfuser und weitschweifiger Weise zu erzählen begann.

Marek hatte mich in der Nacht nach jenem Unglückstage, nachdem er sich ausgeruht hatte und der Sturm vorüber war, aufs Kamel laden wollen. Aber er war zu schwach gewesen, und so hatte er sich nach der nahen Oase aufgemacht und Freunde gedungen, die mich dann hierher gebracht hatten. Doch es war das letzte gewesen, was sein verstümmelter morscher Körper hergegeben hatte, der Schlag seines Herzens, das in den letzten zwanzig Jahren nichts als Unglück und Leid erlebt hatte, war immer leiser geworden, bis es eines Morgens, als sein Freund nach ihm schauen wollte, ganz still gestanden hatte. –

»Er ist ein guter und frommer Mann und ein Fiki gewesen, so haben wir ihn dort oben neben dem Marabut des heiligen Sidi Omar Bekr begraben, heute ist es gerade eine Woche her! Er hat mir von dir erzählt, o Abu Kitab, und dieses Papier hat er mir für dich gegeben. – Seine Hedjine und ihre beiden Füllen weiden in meinem Garten, das deinige aber hat ein Mann namens Bu Mughreb Fadl vom Stamme der Welad Ali mit zurückgenommen nach dem Birket el Kurun. Er läßt dich grüßen, und wenn dir Allah deine Gesundheit wiedergegeben hat, sollst du wiederkommen in die Zelte seines Stammes. – Die andern aber hätte Allah zurückbehalten in seinem Garten.«

Ich saß lange und immer wieder über dem Stück beschriebenen Papiers, das mir der alte Mann anderntags brachte, aber ich konnte nur wenige Worte daraus entziffern und der Sinn des Ganzen blieb mir unklar. Und als ich mein Wörterbuch zu Rate ziehen wollte, stellte ich fest, daß das und mit ihm ein großer Teil meiner anderen Sachen in dem Packen, der in meinem Zimmer lag, fehlte. Mein Gastgeber, ein ziemlich unfreundlicher, wortkarger Bursche, sagte unwirsch, daß er nichts über den Verbleib meines Eigentums wüßte. Die Mauser war zum Glück noch da, ich hatte sie stets an einem Gürtel direkt über dem Schirwal, den Pumphosen getragen, dafür fehlten aber die fünf Reserverahmen mit Patronen, ich hatte nur noch die sechs Schuß, die in der Kammer der Waffe waren. Auch mein Silbergeld war verschwunden und ich war froh, am Kurunsee drei ägyptische Pfund in meinem Haram eingenäht zu haben. In dem Gedanken, das borstige Gemüt meines Hausvaters mit Hammelfett geschmeidiger zu machen, gab ich ihm eine der Noten, mit der Bitte, einen Braten einzukaufen. Der kam auch an, aber der Rest des Geldes nimmermehr –

Da beschloß ich, dieses ungastliche Dach so bald als möglich zu verlassen, und um wieder zu den dazu nötigen Kräften zu kommen, tat ich mir ein gehöriges Stück Hammelbraten in den Magen. Mit dem Erfolge, daß ich am nächsten Tage einen Dysenterie-Rückfall hatte und mich elender fühlte als zuvor.

So lag ich eine weitere Woche fest, nährte mich von Gerstenbrei, den mir die ebenso mürrische Hausmutter brachte, und auch manchmal nicht brachte, und lief, um mich wieder gelenkig zu machen, in stundenlangen Exerzitien in dem engen Raume auf und ab; denn auf die Straße zu treten hatte mir der Hausherr mit der unbestimmten Begründung abgeraten, daß es nicht gut wäre, wenn ich draußen gesehen würde.

Die Erklärung wurde mir an einem der folgenden Abende, als der alte Mann verstohlen und ängstlich mit einem jungen Menschen hereingeschlichen kam, den er mir als seinen, von einer Handelsreise zurückgekommenen Sohn vorstellte.

Ich hatte dem schon ein wenig schwachsinnigen Greise den Brief Mareks mit der Bitte übergeben, ihn sich irgendwo vorlesen zu lassen, jetzt brachte er ihn aus seinem Gewande und legte ihn mit zitternder Hand auf mein Bett. Dann winkte er seinem Sohne, und der berichtete mir, daß sein Vater den Brief zu einem der Snussi-Mönche getragen hätte, die hier in der Sauje (Klosterschule) lehrten. Der fromme Manu hatte das Schreiben auch vorgelesen, aber als er hörte, daß es an einen Europäer gerichtet war, wäre er sehr böse geworden, hätte Marek noch im Tode dafür verflucht, daß er einem Christen den Gruß der Gläubigen »Salem alek« gegeben hatte und hätte auch dem Greise harte Worte gesagt, daß er entgegen den Vorschriften des Koran Freundschaft mit einem Ungläubigen hielte. Der Eiferer hatte sich auch zur Rückgabe des Briefes erst entschlossen, als ihm der Sohn des Alten, ein weit herumgekommener und geweckter Jüngling, energisch ans Leder gerückt war.

»Was steht in dem Briefe?« fragte ich.

»Ich will ihn dir vorlesen, Herr, ›Von Marek ibn Sarduk vom Stamme der Welad Ali, von der Sippe der Awrajeh, an Abu Kitab, den Alemanli, meinen Freund. Friede sei mit dir! Meine Füße sind sehr schwach und mein Körper krank, und ich glaube, daß mich Allah rufen wird, früher als du in das Haus Schech Ismael es Sarif kommen kannst, wo ich liege, und da von unsern Männern nur Bu Mughreb Fadl wiedergekommen ist, und Gott sein Herz mit Furcht und Trauer erfüllt hat, so wünsche und bitte ich, daß du meine Hedjine Ghasal, ebenso wie meine Flinte und mein Messer mit dem Silbergriff nehmen sollst als dein Eigentum, und daß der Fluch Allahs jeden treffen möge, der sie dir nimmt oder streitig macht, und daß du die beiden Füllen der Hedjine Risaß zu meinem Schwager Andar el Asswad vom Stamme der Welad Ali von der Sippe der Esch Schuin, von der Familie Sem Tirwan, der im Gar el Lebban am Djebel Gheme lebt, bringen und sie ihm übergeben sollst in meinem Namen.

Und ich habe den Wunsch, daß du hinfinden mögest zu der, die auf dich wartet am Birket el Kurun, wenn du den einzigen und wahren Glauben angenommen hast, den der Gesandte Gottes, unser gnädiger Herr Mohamed, verkündet hat. Sein Name sei gelobt! Möge es Gott gefallen, dir ein langes und glücklicheres Leben zu geben als mir.«

Ich saß lange auf meinem Bett in wortloser Trauer und sah immerfort das narbenzerfurchte Gesicht meines alten Freundes in Inbrunst und heiliger Schönheit erstrahlen, wenn er die Arme hob zu der Anrufung »Allah hu akbar!« –

Dann unterbrach der Jüngling das Schweigen, er legte mir mit vorsichtigen Worten nahe, doch bald aufzubrechen von hier, da er befürchtete, die Snussi würden die Bevölkerung aufwiegeln gegen mich und mir vielleicht sogar die Tiere stehlen lassen.

»Wie weit ist es von hier nach dem Gar el Lebban? Kann ich den Weg allein finden und sind Brunnen an der Strecke?«

»Herr, wenn du gesund genug wärest, sogleich zu gehen, so würdest du auf einem Wege, den ich Dir zeigen werde, morgen oder übermorgen Esch Schuin-Leute einholen, die mit Packkamelen vor vier Tagen von hier nach ihrer Heimat aufgebrochen sind. Doch müßtest du schnell reiten, und ich weiß nicht, ob du stark genug bist dazu. Die Kamelin Ghasal und die beiden Füllen allerdings sind rund und dick und gut ausgeruht!«

Ich stand auf. »Ja, ich bin stark genug, sogleich aufzubrechen, und der Wind der Wüste wird mich vollends gesund machen. Willst du mir helfen, ich gebe dir ein gutes Bakschisch?«

Da fuhr der Alte in die Höhe. »Verflucht sei die Hand, die einen Piaster von dem Freunde meines Milchbruders nimmt, verflucht sei sie!«

Ich schüttelte den beiden dankbar die Hände, dann gingen wir ans Werk.

Früh gegen vier Uhr ritt ich mit dem Jüngling durch die schlafenden mondweißen Gassen des Oasendorfes den stillschimmernden Dünen der Wüste entgegen. Bald nach Sonnenaufgang standen wir auf den halbverwehten Fährtenbändern, denen ich nun zu folgen hatte, und wir schieden unter Danksagungen und Segenswünschen.

Die beiden Füllen am Leitstrick, hielt ich noch eine Weile auf hohem Dünenkamm und warf einen Blick des Abschieds zurück nach dem versinkenden zartblauen Strich im Sandmeer, der die Oase Garah bedeutete. Dann schaute ich fest und ruhig nach vorn. Im goldroten Glanz des Morgenlichtes dehnten sich vor mir die weiten stillen Flächen von Allahs Garten, kühl und leicht und herzerhebend wehte ein leiser Wind durch die Unendlichkeit von Erde und Himmel, mit tiefen Atemzügen sog ich ihn ein, und ein frohes Gefühl der Wiedergesundung strömte mir durch die Adern.

Unter meinem langgezogenen »Haa-Haa!« stoben die Tiere vom Hang herab und traten mit weitschleuderndem Schritt ihre lange einsame Wanderung an, dem fernen Djebel Gheme entgegen.

 

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