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Allah hu akbar

Artur Heye: Allah hu akbar - Kapitel 13
Quellenangabe
authorArtur Heye
titleAllah hu akbar
publisherSafari-Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
printrun4. Auflage
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171204
projectid675bba3b
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12. Kapitel.

Am Gestade der Verlassenheit. Das Antlitz der Wüste. Ein Mord. Die Rette der Sakkie. Mir wird unheimlich. Im Lande des Durstes. Das Echo der Schluchten. Die Raml.

 

Dumpf rohrten die Kamele beim Erheben, »Jellah bina!« (Wohlan) rief Marek und klopfte den vorschießenden Hals seines Hedjins, ein brausendes Geschrei der Zurückbleibenden stieg auf, »Ma assalama!« (Zieht in Frieden) scholl es uns nach, und »Allah jisalimkum!« (Gott schütze euch) zurück, und in weichem weiten Schritt setzten sich die Hedjinen in Bewegung. Bis zum Seeufer begleiteten uns noch die Männer und Knaben und halfen mit, die Tiere, die in verbohrter Angst und mit schauerlichem Gebrüll jeden nur möglichen Widerstand leisteten, in das bereitliegende Boot zu bringen.

Ein letztes Umarmen und Händeschütteln, im kühlen Winde der Nacht blähte sich das Segel, und rauschend glitt das Fahrzeug in schwerflüssig blinkendem Silbergerinnsel nach Norden. Die Männer hockten frierend und stumm neben ihren Tieren, Sternenfunken schaukelten auf dem leisen Gewoge der Flut, und seltsam ergreifend schwebte der schwermütige Gesang der beiden Bootsleute über dem stillen Wasser. In zartem Silbergrau wuchs ein gezahntes Band vor dem Bug empor, es gliederte sich in tiefschwarze Täler und grellbestrahlte Hänge, das Segel fiel, die Planken scheuerten auf Sand, und der Tumult der Landung schreckte mich aus meinen Träumereien auf.

Ein kurzes Durcheinander von rauhen Zurufen und widerspenstigem Gegröhl, dann waren die Kamele über die ausgelegte Planke, und patschend wateten Mann und Tier durch das flache Wasser aufs Trockene hinauf. Das Echo des letzten »Ma asalama!« hallte von den Hügeln zurück und erstarb in der Verlassenheit des öden Gestades, sachte begann der Wind am Ohr zu sausen, scharf und kalt wie Eis, und die langgeschleuderten Beine der Hedjinen trugen uns durch stille Täler, aufwärts, dem Antlitz der Wüste entgegen, das einsam und weltentrückt vor uns im Glanze der Gestirne lag.

Das Riemenzeug der Sättel knarrte, hinter den schlagenden Hufen stiebte mit leisem Zischen der Sand, über schwarze zerfressene Felskämme, die aus mondbeglänzten Sandhügeln starrten, strich mit pfeifendem Winseln der Wind, sonst war alles nur erhabene Ruhe rundum, klarer Sternenglanz, der durch kalte bläulichweiße Mondflut funkelte, schweigender, unendlich weit- und hochgewölbter Raum. In grotesken Formen sprangen unsere harten schwarzen Schatten zur Rechten nebenher, außer einem gelegentlichen eintönigen »Zap! Zap!« an die still wie Geister dahinfliegenden Tiere fiel Stunden hindurch kaum ein Wort.

Der Morgen war nicht mehr fern, als die drei Reiter, die von Anfang an die Führung gehabt hatten, an einem isolierten Felszahn haltmachten, der wie ein Riesenpilz am Verlauf eines Tales aus dem Sande wuchs.

»Es ist hier nahebei, laßt uns langsam reiten, um nicht vor Tageslicht dort zu sein«, sagte der eine. Er gehörte zu jenen, die damals aus der Wüste her plötzlich im Wadi Harb erschienen waren, ich erkannte ihn an seiner heiseren Stimme. »Al hamd ul illah!« stöhnte der alte Marek von seinem Tier herunter, »an meinem Körper schmerzt bereits jede Wunde, die mir die Hunde der Welad Sliman damals gerissen haben – das ewige Feuer röste ihr Fleisch!« Er hatte um seiner Unbehilflichkeit wegen, beim Reiten liegen zu können, seinem Kamele außer dem Packen mit Proviant und Ausrüstung einen riesigen Sack aufgeladen, der mit Tibben, gehacktem Stroh, das als Kamelfutter dient, gefüllt war.

Im Schritt ritten wir jetzt am nördlichen Rande des Tales entlang, und zwar, wie ich verwundert bemerkte, in genau östlicher Richtung. Ein matter silbergrauer Streifen dämmerte vor uns über der dunkel gewordenen Wüste, er glomm rasch am Himmel empor und ertränkte die Sterne in kühlgrauem Lichtnebel, ein glasiggrüner Schein erstrahlte am Horizonte, blinkend flutete das gespenstische Licht über die messerscharfen Konturen dunkler, zerrissener Felsen, wurde im Augenblicke tiefer, wärmer, brennender in seiner Tönung, brandete auf in rotgoldenen Flammen und ließ die kiesigen Halden der weiten Ebene in Farben erglühen, vor denen das Wort des beredtsten Mundes wie der Pinsel des begnadeten Malers gleicherweise versagen muß.

Als das Licht der dunkelroten Sonnenscheibe wie ein purpurner Quell zwischen den Felsen aufsprang, erklang Mareks Stimme aufs neue klar und kraftvoll in ihrer tiefen Gläubigkeit: »Heija el asalah! Allah hu akbar! Allah hu akbar! La illaha il allah! (Auf zum Gebet, Gott ist groß, Gott ist der Einzige).

Die Hedjinen, die diesen Ruf so gut schon kannten wie ihre Reiter, knieten von selbst nieder, ich half dem Alten herunter von seiner Hauja, wir wuschen uns der Sitte auf Wüstenreisen gemäß mit Sand und knieten dann auf unsern Matten und Teppichen, winzig klein in dem ungeheuren Raum von Wüste und Himmel, nieder zum Subh, dem Morgengebet – alle, auch ich.

Die Sonne stand schon handbreit über den fernen Randgebirgen Ägyptens, und gegenüber rollte eben der düsterglühende Ball des untergehenden Mondes in die dunstverschleierten Tiefen der westlichen Sahara hinab, als wir uns erhoben.

Wir stiegen nicht wieder auf, meine Genossen führten die Tiere ein Stück ins Wadi hinein, und Marek, der sich lahm und krumm auf seinen dicken Stock und auf meine Schultern stützte, sagte nach einem einleitenden Räuspern: wir müssen dich bitten, uns hier nicht zu folgen, sei so gut und achte auf die Hedjinen, wir kommen bald zurück!« Ich nickte nur, ohne etwas zu fragen, ich wußte schon, daß sich meine braven Welad Ali von mir nicht in alle ihre zweifelhaften Töpfe gucken lassen wollten. In diesen hier aber warf ich ganz ungewollt doch einen Blick, und was darin bereitet wurde, war nicht sehr erbaulich. –

Die Veranlassung dazu gab die Feststellung, daß zwei von den zwölf Häuptern meiner Lieben fehlten, als ich von einem andächtigen Kaffeekochen wieder einmal aufschaute. Es waren die beiden Jungtiere, die, wie ich an den Fährten sah, sich in das Felsental hinein verzogen hatten. Um ihnen den Weg abzuschneiden, klomm ich auf den Rand des Wüstenplateaus, schnitt eine Krümmung des Tals ab und spähte durchs Glas hinunter. Die Ausreißer sah ich nicht, aber an einem der charakteristischen treppenartigen Abstürze des Wadi, der hell von der Morgensonne beschienen war, etwas anderes ...

Aus einem dunklen Loche sprang gerade der lange Fadl heraus, drehte sich um und packte ein längliches weißes Paket, das von drinnen über einen vorliegenden Stein geschoben wurde. Es schien schwer zu sein und glitt ihm ein Stück durch die Arme, dabei schob sich die Umhüllung herauf, und was darunter schwarz und verdorrt zum Vorschein kam, waren zwei menschliche Füße –!

»Hallo! – Teufel!!« stieß ich ein bißchen erschreckt aus und ließ in einem instinktiven Von-nichts-wissen-wollen das Glas sinken, hatte aber doch noch gesehen, daß ich mich nicht geirrt hatte, denn am andern Ende des Paketes war auch noch ein halbentblößter verschrumpfter Schädel zum Vorschein gekommen. Um nicht gesehen zu werden, warf ich mich sofort platt hin, schob mich auf dem Bauche bis zu einer geeigneten Stelle vor und rutschte und sprang dann an der steilen Wand auf die Talsohle hinunter und gerade den beiden Gesuchten vor die Füße. Als ich sie, innerlich stark beschäftigt, zurücktrieb, fiel mir noch etwas ein, und ich tat mein möglichstes, hier und da auch ein paar herwärtsführende Fußspuren in den Sand zu drücken –

Das Gesehene gab mir den ganzen Tag lang Stoff zum Grübeln und zu nachdenklichen Blicken auf die dunklen funkelnden Augen meiner Begleiter, die als einzig Sichtbares über den weißen Lithams (Gesichtstüchern) glühten.

Es wurde schon am frühen Vormittag windstill und sehr heiß, die Luft zitterte über der Kieswüste, so daß ferne Sand- und Felsenkuppen, umspielt von flirrendem, schmerzhaft intensivem Licht, wie vom Boden losgelöst mit verschwimmenden Umrissen in der Glut der Atmosphäre schwebten. Die Hitze dörrte Augen und Zunge und jede Gehirntätigkeit aus, wortlos und versunken saßen alle auf den unermüdlich wie Maschinen vorwärtseilenden Tieren. Ich war hungrig und müde und fragte Marek, wann wir einmal rasten würden. »Bald, im Wadi Tawarije«, sagte er einsilbig hinter dem Litham vor und versank wieder in Schweigen.

Immer wieder ließ ich mich täuschen, sah vor uns mächtige Felsen sich über der tischglatten Serir erheben, begrüßte sie als das ersehnte Wadi und sah sie beim Näherkommen mit kummervollem Herzen zu Blöcken und zuletzt zu kaum faustgroßen Kieseln zusammenschrumpfen und erboste mich über die Narrenstreiche, die mir das Licht der Wüste immer aufs neue spielte. Früh hatten wir zwei oder drei jener Alamas, als Wegzeichen aufgeschichtete Steinhaufen, passiert, dann aber lag die Einöde so unendlich verlassen, als hätte sie noch kein Menschenfuß betreten seit dem ersten Tage der Welt.

Es war schon fast Mittag, als mich Marek anrief und auf einen dunkler getönten Strich im Geflimmer der Luft zeigte. »Dort werden wir trinken und essen und schlafen bis zum Asr und bei Nacht weiter reiten. – Ja nebbi (o Prophet), mein Körper ist ein einziger Schmerz, und er würde lieber gleich ruhen bis zum Tage des Gerichts.«

Es klang so müd und traurig, und sein sympathisches Gesicht sah so alt und verfallen aus, daß ich ihm mit ein paar ermunternden Worten die Hand drückte und ihm eine Zigarette anbot, da ich ihm sonst nichts tun konnte. Als wir beide einen Augenblick innehielten, um Feuer zu nehmen, sagte er schnell: »Lege deine Matte nachher neben die meinige, zu dem, was du heute früh gesehen hast im Tale der Brüder, habe ich dir etwas zu sagen, o Abu Kitab!«

Ich glaube nicht, daß mir von meinem Erschrecken etwas anzumerken war, ich entgegnete kein Wort, nickte nur und trieb mein Kamel mit einem gleichgültigen heiseren »Haa – Haa!« wieder an. Aber wenn ich die düsteren und so unheimlich über die weißen Gesichtstücher brennenden Augen der Menschen streifte, die hier in dieser Öde und Todeseinsamkeit meine einzigen Begleiter waren, Menschen, die heute früh erst einen Ermordeten verscharrt hatten, wurde mir doch kalt ums Herz. Ich weiß nicht, was es war, ob die Anstrengung des siebenstündigen Ritts, der Mangel an Schlaf, die Hitze, Hunger und Durst – aber meine sonstige Unbekümmertheit war mir abhanden gekommen, und ich hörte immerfort Miß Norman neben mir sagen: »Wenn Sie totgeschlagen werden wie ein Hund – totgeschlagen werden wie ein Hund – –«.

Aber als wir dann im Schatten der überhängenden Felsen des Wadi Tawarije lagerten und ein aufgekommener leiser Wind die Stirne und ein Schluck sonnenwarmen Wassers die ausgedörrte Kehle kühlte, erschienen mir die jetzt unverhüllten Gesichter meiner Genossen trotz Mord und sonstiger Zweifelhaftigkeit wieder ganz umgänglich und in keiner Weise verändert, und der Vergleich zwischen ihren altertümlichen Vorderladern und meiner schußfertigen Mauserpistole gab mir ein weiteres und vollauf genügendes Beruhigungsmoment.

Wir gaben den Kamelen Datteln und Durrahhirse, machten an einem schwälenden Krautfeuerchen eine Machrute (Mais- und Gerstenbrei), zu der ich als Nachtisch einige Dosen mit Ölsardinen spendierte, tranken Tee und streckten uns dann lang. Ich hatte den Strohsack des Alten neben meine Matte hingelegt, er rieb sich erst eine Weile mit leisem Ächzen die Glieder, ich wartete, daß er sprechen sollte, aber er schien eingeschlafen zu sein.

So wollte auch ich schon die Augen schließen, da sah ich ihn sich leise aufrichten und vorsichtig nach den anderen hinspähen. Sie schliefen alle, und flüsternd machte er mir nun einige Eröffnungen, die mich doch wieder ein bißchen nachdenklich stimmten. Er hatte, von mir gänzlich übersehen, dicht neben der Stelle, wo ich zu Tale gefahren war, auf einem Steine gehockt. Der Tote, den sie aus dem vorläufigen Versteck hervorgeholt und endgültig begraben hatten, war einer jener Welad Sliman gewesen, die den Enkel des Schechs im Wadi Harb ermordet hatten; er war jenen vier Männern in die Hände gefallen, die damals auf den durstigen Kamelen ankamen. Seine beiden Genossen waren dabei entkommen, sie mußten sich aber nach den Oasen der Mariut gewandt haben, da sie nicht genug Wasser mit sich führten, um direkt durch die Wüste bis in die Barka, die Grenzprovinz Tripolitaniens, zu kommen, wo sie beheimatet waren. Seit vielen Wochen schon waren deshalb kleine Trupps der Männer des Duar unterwegs gewesen, um die beiden aufzustöbern und umzubringen, viele waren bereits zurückgekehrt, weil sie annahmen, daß die Gesuchten doch schon nach Tripolitanien durchgeschlüpft wären, nur die beiden Brüder des Ermordeten hatten die Nachforschungen noch nicht aufgegeben. Und letzte Nacht waren sie mit der Nachricht angekommen, daß sich die verfolgten klugerweise nach dem Wadi Natrun geflüchtet und dort als Arbeiter der Soda-Kompagnie hatten einstellen lassen, von da gedachten sie in einigen Tagen in Begleitung von mehreren Stammesbrüdern oder Freunden nach ihrer Heimat aufzubrechen, und die Absicht meiner Begleiter war nun, ihnen bei Ain Wara den Weg zu verlegen.

»So wahr Gott lebt, ich hätte dagegen gesprochen, sie zu jagen, denn mein Herz ist dieses Mordens müde, das sich dreht ohne Ende, wie die Kette der Sakkije, aber wir müssen sie ja einholen und töten, um zu dem Gelde zu kommen, das sie bei sich führen – der Erlös für die vier Pferde, die sie uns bei der Mordtat gestohlen haben!«

»Wenn es nur deshalb ist, warum habt ihr sie dann nicht bei der Behörde angezeigt, die sie doch in den Sodawerken leicht ergreifen konnte?« fragte ich.

Der Alte bog die Hände auseinander und lachte. »O Abu Kitab, hat die Sonne der Wüste deinen Verstand geschmolzen? Wie konnten wir, da unsere jungen Männer doch einen von ihnen vor die Füße Allahs gelegt hatten! Gewiß, sie wären gestorben mit einem Strick um den Hals, aber zusammen mit unseren Jünglingen! Und das Geld hätten wir nicht wieder gesehen und noch viel mehr dazu in die lecke Girbe auf dem Mudirat schütten müssen.«

Er hatte recht, unzerreißbar waren die Glieder dieser Kette von Mord und Herzeleid miteinander verschmiedet –

Obgleich ich entschlossen war, für das Leben der Verfolgten zu bitten, wußte ich recht gut, daß es erfolglos sein würde, denn in der wilden Habsucht, die den Beduinen eigen ist, würden die beiden sich niemals gutwillig von dem erbeuteten Gelde trennen. –

Marek schlief bald darnach ein, alle schliefen, die Kamele lagen ruhig wiederkäuend im Sand, doch mir selber war das Herz zu schwer zum Schlafen, es kam mir vor, als hörte ich es schlagen in der unendlichen Leere und Stille ringsum. Mit steifgerittnen Beinen ging ich ein Stück ins Tal hinein, setzte mich auf einen verwitterten Kalksteinblock in der Enge der Felsen nieder und lauschte demselben Sausen des Windes, demselben glasfeinen Klingen des treibenden Flugsandes, demselben gewaltigen Lied der Einsamkeit, das mich schon drüben an den Pyramiden so in seinen Bann gezogen hatte. Es war eine Welt von lichtübersprühten, verschlungenen und verkrampften Ungetümen, die zu Stein geworden waren unter dem Fluche eines Gottes, von qualverzerrten Gesichtern, über die Sandrillen herabliefen wie Tränenströme, von abgezehrten, schmerzgekrümmten Leibern und verrenkten Gliedern, die sich hilfeflehend aus dem glühenden Gesteine rangen, gebannt in die Lautlosigkeit und das ewige Schweigen, das alles hier erfüllte, und darüber das heißstrahlende Blau des Himmels, der gleicherweise erstarrt war in Erbarmungslosigkeit und Härte. Wahrhaftig, hier konnte einer »Leben!« rufen, konnte es schreien, brüllen – das Echo dieser Schluchten antwortete: »Tod!« –

Gegen vier Uhr schon rief heute der Alte zum Afr und gleich nach dem Gebet stiegen wir wieder auf die fertiggesattelten Tiere. Die Wüste ruhte in goldnem Nachmittagssonnenglanz, scharfumrandet und leuchtend wie kobaltblaues Glas standen die wilden Felsmassen des fernen Ghared el Kelb vor den Köpfen der Kamele, jeder einzelne der runden Kiesel, die wie von Sämannshand über die unendliche Ebene gestreut waren, lag eingeschmolzen in flüssiges Licht, die violetten Schatten der Tiere huschten zu grotesker Länge verzogen und klar in ihren Linien bis zu den Köpfen der Reiter hinaus, über die metallisch schimmernde Fläche. Keine verwehte Spur von eines Menschen Tritt, kein bleichender Tierknochen, kein Stengelchen eines einsamen Wüstenkrautes, kein Summen einer einzigen verirrten Fliege mehr, versunkene Stille nur und unendliche Leere überall, und darüber ein Himmel, unermeßlich in seiner Reinheit und Abgrundtiefe. Und trotz ihrer Flammenhitze wehte diese klare Luft seltsam erregend ins Gesicht, schäumte wie junger Wein durch Blut und Nerven und ließ bunte, wilde, irre Bilder in brausender, strömender Fülle durchs Gehirn zucken, verschwinden und in neuen Formen wiederkehren. Dann sank die Sonne, ruhte einen Moment auf den letzten fernsten Wogen des Sandmeeres wie ein großes Menschenauge, das sinnend und in verhaltnem Leide Abschied nimmt, tauchte dann still hinab, und eine Symphonie von Farben rauschte nach, über Himmel und Wüste, erhaben über jede Wiedergabe in ihrer atemraubenden Schönheit.

Marek war der einzige, der außer mir für eine Minute sein Tier gezügelt hatte, der Glanz der Abendröte lag über seinem müden alten Gesicht und vertiefte die Purpurfurchen seiner Narben, als er langsam die dunkle hagere Hand hob – »Gott ist groß!«

Als das letzte bläulichgrüne Leuchten im Westen erloschen war, stiegen wir ab zu kurzer Rast; mit viel Mühe und nur wenigem trocknem Kamelmist wurde ein still glosendes Feuerchen entfacht, ein Mokka daran bereitet und dann eine Stunde Schlaf nachgeholt. –

Der Mond stand eine Spanne breit überm Horizonte, als die schwarzen Formen der Kamele bereits wieder lautlos in die bleichschimmernde Öde hineinschwebten. Klarfunkelnde Sternbilder wandelten in langen Nachtstunden über unsere Köpfe, die harten Schatten verkürzten sich, krochen unter die Bäuche der Tiere und wuchsen langsam wieder zur Rechten in die silbrigen Gerölle hinaus, flache Mulden glitten vor den Hufen der Hedjinen hinab und hinauf, tiefer hinab und höher hinauf, wie Meereswogen in auffrischendem Wind. Noch weicher und lautloser wurde der Tritt der Tiere, kein Kiesel rollte mehr unter den breiten Hufen, eisengrauer, feiner Sand, vom Wind in gleichmäßigen Wellenlinien geriffelt wie ein kunstvolles Gewebe von Menschenhand, wölbte sich zu Dünenrücken auf, die sich aneinanderreihten in endloser Folge, die Führer reckten sich auf ihren Tieren und spähten angestrengter nach den leitenden Sternen – der Irrgarten der Raml hatte uns aufgenommen.

Er behielt uns vier Tage lang – es blieben vier Tage, so oft ich auch später nachrechnete, denn solange wir durchzogen durch die Wellentäler dieses erstarrten Meeres, die immer wieder dieselben zu sein schienen, die wir gestern und vor Tagen schon durchritten hatten, war es mir, als ob wir darin vierzig Tage schon unterwegs wären. –

Wir ritten und ritten, stumm und dumpf, kein Gedanke formte sich mehr in dem müden Gehirn, kein Blick mehr glühte auf in der Phantasie. Steif und schwer stiegen wir aus den Sätteln, aßen ohne Reiz einige Bissen sandknirschender Nahrung, spülten einen Schluck des warmen, widerlich schmeckenden Wassers hinunter, verschliefen enganeinandergeschmiegt ein paar eiskalte Nachtstunden und schaukelten wieder unter brennendem Morgen- und Abendhimmel, in wahnsinniger, Blut und Gehirn ausdörrender Sonnenglut, immer durch dieselben Täler, immer über dieselben Dünen. – Nach und nach versagten auch unsre Hedjinen, diese Wunder an Ausdauer. Nach jeder Rast wurde es schwerer, sie auf die Beine und in Gang zu bringen, jedesmal hallte ihr zornig klagendes Gebrüll schauerlicher durch die Öde. Außer den beiden Jungtieren hatte keines einen Tropfen Wasser bekommen seit unserem Aufbruch vom Duar –

Einen Bissen Nahrung hinunterzuwürgen, war mir überhaupt nicht mehr möglich, und einige Schlucke des faulig riechenden Wassers nur, wenn ich mir die Nase dabei zuhielt.

Am letzten Tage war mir elend zumute, stundenlang wühlte ein unbegreiflicher Schmerz in Magen und Gedärmen, in anderen Stunden hing ich schlaff und wie erstarrt im Sattel, blieb unbewußt weit hinter den anderen zurück und hörte in der Leere ringsum immerfort Stimmen raunen, rufen und flüstern, vor meinen schweren brennenden Augen kamen die Dünen rundherum sacht ins Gleiten, in immer schnelleres Davonschießen – wie ein Irrsinniger griff ich in die glutatmende Luft, stieß einen Schrei wilder Angst aus, krächzend wie ein Geierruf verhallte er in der Leere, aber der Spuk war verschwunden, in regloser toter Glut lagen wieder die flimmernden Wellen der Raml.

Dann berührte mich etwas, ganz, ganz leise, etwas Unfaßbares, Undefinierbares, etwas, das aus weiter glutzitternder Ferne kam. Auch mein Kamel empfand es, sein müder unsicherer Gang war rascher, gleichmäßiger geworden, auch härter, wie es mir schien. Seit Stunden hob ich wieder einmal den Kopf, sah mich mit bewußterem Blick um – wirklich, die Dünen waren niederer, das Tal, in dem wir dahinritten, flacher geworden, aus dem ockerfarbenen Sande ragten Steinscherben hervor, Kiesel, rund und braun wie Walnüsse, rollten klappernd dahin – ebene Serir erstreckte sich vor uns und brach in kurzer Entfernung mit scharfem Strich gegen das Weißblau des Himmels ab – dort mußte tieferes Land liegen. Weit voraus sah ich auch winzigklein die Gestalten der Führer stehen, sie waren abgestiegen und halfen eben dem alten Marek von seinem Polstersitz herunter. Nähergekommen konnte auch ich hinunterblicken in eine weite, mit mattgrünen Flecken getüpfelte Ebene, und dicht vor dem Steilabfall leuchtete in tiefem Blaugrün ein hartabgesetzter Strich – die Oase Garah.

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