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Allah hu akbar

Artur Heye: Allah hu akbar - Kapitel 12
Quellenangabe
authorArtur Heye
titleAllah hu akbar
publisherSafari-Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
printrun4. Auflage
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171204
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11. Kapitel.

Ich sehe aus wie ein Kameldieb. Ein armer Sünder. Marek brütet Unheil. Sonderbare Träume. Das gerechte Urteil des Mudirs. Mir wird eine Nationalität, eine Religion, eine Frau und eine Ausstattung angeboten. Nächtliche Botschaft und Aufbruch in die Wüste. Abschied.

 

Anderntags wusch ich mein Zeug drunten am See, hing es an meiner Behausung zum Trocknen auf, tat meine beduinische Gewandung an und ritt, diesmal auf Mareks Hedjin ein Stück in die Wüste hinaus. Die Hitze des Sommers, die mit jedem Tage fühlbarer wurde, hatte die dürftige Kräutervegetation, die in den tieferen Sandtälern nach den zwei oder drei Regenschauern des Winters aufgesprossen war, längst wieder zu dürren Strünken ausgeglüht. Aber auch in diesem Zustande war das ärmliche Pflanzenkleid der Wüste für ihre Kinder noch ein begehrter Artikel, weit draußen noch traf ich immer wieder auf Frauen und Kinder, die das Gestrüpp als Brennmaterial einsammelten. Und als ich auf dem Kamme einer hohen Düne haltend, ein wenig in die Todeseinsamkeit der Raml hinausträumte, geschah mir etwas seltsames: Ein ferner schwacher Ruf zitterte durch die heiße stille Luft, mein Hedjin hob den Kopf und schoß plötzlich in langem Paßschritt auf dem Kamm entlang und einem kleinen Tale zu. Anfangs war ich verblüfft und dann entrüstet und wollte es zum Stehen zwingen, aber es sträubte sich, gurgelte und kollerte giftig, und als der langgezogen auf- und abschwellende Schrei nochmals erklang, ging es einfach durch, und ich spielte die Rolle des Klügeren und gab nach. Auf einmal löste sich etwas von einer niederen Sandwelle und flog wie ein Pfeil auf mich zu, ein federnder Mädchenkörper, zwischen flatternden Locken blitzte und funkelte ein schwarzes Augenpaar in glühender Wut und mit dem schrillen Schrei: »Istanna ja Liss – ja Nassal!« (halt, du Räuber, du Spitzbube), sprang sie zu dem Hals des Hedjins empor und riß mir das Halfter aus der Hand. Im gleichen Augenblick packte ich sie mit schnellem Griff an den Händen und riß sie hoch, um sie in den Sattel zu setzen, aber ich ließ sie noch schneller wieder los, denn sie hatte mir sofort mit der Kraft und Wildheit einer Panterkatze die Zähne in die Hand geschlagen und mir gleichzeitig das Gesichtstuch abgerissen. Da allerdings verstummte ihr schimpfender Mund und blieb vor Erstaunen offen stehen – »Wenn ich den kennte, der dich einmal in sein Zelt holen will, o Tochter des Glücks, so würde ich zu ihm hingehen und ihm raten, lieber eine Löwin des Sudan an sein Herz zu drücken, als dich!« knurrte ich erbost und wischte mir die Blutstropfen von den Händen.

Mein Ärger verflog bald, aber Omm el Cherik war sehr betrübt, sie jammerte immer wieder, daß sie mich in dieser Verkleidung nicht erkannt und für einen Kameldieb gehalten hätte, und fragte unzählige Male, ob ich ihr verziehen hätte, und ob es noch weh täte, und eine knappe Stunde, nachdem ich sie und ihre Gestrüppbündel zu Hause abgeladen hatte, kam sie und brachte mir ein Schmerzensgeld an, einen aus Kamelhaaren und einem Stück Golddraht geflochtenen Ring, wie ihn Beduinen auf dem Kopfe tragen, damit das Kopftuch nicht beim Reiten herunterweht.

Am Nachmittage machten sich Abd er Rat, seine beiden Söhne und noch vier weitere Männer des Stammes auf nach Medinet, um zu der morgigen Verhandlung, die schon auf acht Uhr früh angesetzt war, zurechtzukommen. Mit fast allen Erwachsenen des Stammes gab auch ich dem Schech bis zu dem Tamariskenbaum das Geleit. Dort nahmen alle mit Umarmungen und zahllosen Segenswünschen einen Abschied von ihm, als ob sie ihn nie wieder sehen sollten. Er sah totenblaß aus, und in seinen Augen lag eine geradezu irrsinnige Angst, als ich ihm die Hand drückte; es drängte mich, ihm doch noch von meinem Besuche beim Mudir und dessen Versprechen zu sagen – aber wie nun, wenn der Mann sein Wort nicht hielt? Die Enttäuschung für den armen Kerl wäre furchtbar gewesen, und ich selbst hätte dann als lächerlicher Prahler und Lügner dagestanden! Um ihn aber wenigstens ein bißchen Trost auf den Weg und dem Mudir eine kleine Gedächtnishilfe zu geben, drückte ich dem Schech einen Briefumschlag mit meiner Visitenkarte in die Hand, mit der Weisung, sie dem Mudir persönlich zu übergeben.

»Ja Salam, so kennst – –« rief er aus. Aber ich winkte ab: »Ich weiß nichts, alles steht bei Gott, geh unter seinem Schutze, o Schech!« wendete den Falben und ritt davon.

Heute war ich beim Abendbrot der Gast des alten Marek, und nach dem Essen versuchte er und die anderen, die zu dem üblichen Plauderstündchen kamen, immer wieder aus mir herauszuholen, was es mit jenem Briefe für eine Bewandtnis gehabt hätte. Aber ich schwieg wie ein Erbbegräbnis. Kurz vorm Schlafengehen, als die Besucher fort waren, hub der Alte dann noch ein weitschweifiges und sehr vorsichtiges Fragen über meine Familien- und etwaigen Ehestandsverhältnisse an, gab, gerade wie mein Lehrer Dawud Scherif der Meinung Ausdruck, daß ich wohl beabsichtige, zum wahren Glauben überzutreten, da ich schon so viel Koransuren und Gebete auswendig könnte und schloß mit der Andeutung: »Unser Stamm würde erhoben werden im Ansehen bei Gott und den Menschen so hoch wie die Gipfel der Berge, wenn ein Fremdling und Nusrani (Nazarener-Christ) den Weg finden würde zur Lehre des Propheten und damit nach seinem Tode in Allahs Paradies. Und schon in seiner Lebenszeit würde der Allbarmherzige in seiner Gnade ihm Herden schenken und ein Zelt und ein junges Weib darin und die Freiheit der Wüste –! Inscha allah!« Ich kriegte einen gewaltigen Schrecken, schützte Müdigkeit vor und machte, daß ich hinauskam.

Und trotzdem ertappte ich mich, als ich bei Nacht einmal vom Mond geweckt worden war, daß ich ganz absonderliche Träume spann von ziehenden Kamelen in grenzenlosen Wüsteneinöden, von wilden Ritten auf falbem Pferde durch Wind und Sonnenglanz, von einem niederen Zelt unter rauschenden Dattelpalmen und von heißen dunklen Augen, die unter schwarzen Locken und klirrenden Silbermünzen hervorblitzten ...

Bei Sonnenaufgang aber, als das blendende Morgenlicht außer dem schimmernden See, über dessen smaragdgrüne Flut der Widerschein der glühenden Dünen rosa und lachsrote Tupfen warf, auch all den Schmutz und Unrat der elenden Behausungen beschien und der scharfe beißende Geruch der an Mistfeuern gebackenen Brotfladen mir schon im voraus wieder das Frühstück verekelte, begriff ich nicht, wie mir auch nur in Spiel oder Traum der Gedanke hatte kommen können, ein ganzes Leben in dieser Umgebung zu verbringen.

Ich hatte Abd er Rat frühestens Nachmittag zurückerwartet, aber schon gegen zwölf sah ich plötzlich eine Schar Kinder unter schrillem Gekreisch zum Lager hinausstürzen, und durchs Glas erkannte ich Musa, der in wildem Galopp den Weg heruntergefegt kam und immer wieder seine alte Donnerbüchse in die Luft abschoß. Da wußte ich, daß der Mudir gnädig gewesen war, fuhr mit dem Schießeisen, das mir Marek geliehen hatte, hinten zu meiner Bude heraus und verkrümelte mich in die Binsenwildnis des Seeufers, um Enten zu jagen.

Gegen Abend hatten sie mich aber doch endlich aufgespürt und brachten mich unter Schießen und Johlen und Lobgesängen zum Lager zurück. Hier mußte ich bis in die tiefe Nacht hinein die trillernden Freudenrufe der Frauen, die unendlichen Umarmungen, Segenswünsche und Danksagungen der Männer, zahllose Mokkas und Zigaretten und einen fettriefenden Hammelbraten über mich ergehen lassen.

Der Mudir aber schrieb, er hoffe, daß es mir gut ginge, und daß ich ihn bald wieder besuchen und mit ihm Bier trinken, und daß ich mich vor den schlechten Menschen, den Beduinen immer vorsehen sollte und daß die Buße für den Sünder zweiundeinhalb Pfund betragen hätte, die von Abd er Rat, der bestimmt nicht den Strick an seinem zukünftigen Galgen wert wäre, sofort bezahlt worden wären.

Ich füllte daraufhin einen Scheck aus und gab ihn den Schech mit der entsprechenden blumigen Rede und der Anweisung, wie dieses Waragh (Papier) sich auf der Orientbank in Medinet in klingende Piaster umwandeln würde. Er betrachtete es von allen Seiten, ließ sich, von Zweifeln geplagt, die Sache immer aufs neue erläutern, dankte mir dann überschwänglich, hechelte sich darauf eine Weile nachdenklich den Bart und nahm mich schließlich zu der leisen Frage beiseite, welches Bakschisch ich dem Mudir für das »gerechte« Urteil hätte zahlen müssen. – Daß keins bezahlt worden ist, glaubt er mir heute noch nicht.

Welches Ansehen ich durch diesen kleinen Dienst aber bei den Leuten gewonnen hatte und welche Konsequenzen sie anderseits aus meinem strikt harmlos erhaltenen Herumtollen mit der Range Omm el Cherik zogen, wurde mir auf ziemlich peinliche Weise in einer abenteuerlichen Szene klar, die sich etwa zehn Tage später im Zelte des alten Marek abspielte. Der alte Knabe, mit dem ich mich von allen am besten verstand, hatte mich schon den ganzen Nachmittag bei einer Art Examen über Schar und A'ada (Dogma und Wandel) seiner Religion festgehalten und mir, der ich es nie über ein mühsames Buchstabieren hinausgebracht habe, zuguterletzt das Kompliment gemacht, daß ich schon beinahe ein Fiki (Koran-Lesekundiger) wäre, plötzlich stand er auf, umarmte mich und sagte: »Ich liebe dich, sei mein Freund für immer und mein Gast für heute! Ich habe einen Hammel schlachten lassen, so fülle deinen Bauch mit Fett und dein Herz mit Bereitschaft!«

Gegen das Fett hatte mein in letzter Zeit äußerst schmächtig gewordener Bauch nichts einzuwenden, mein Herz aber füllte sich nicht mit Bereitschaft, sondern mit einer beklommenen Ahnung von heraufziehendem Unheil – und es tat recht daran!

Das Afr war vorüber, ich hatte mich dabei, wie immer bei den gemeinsamen Gebeten, still auf eine von Omm el Cherik geflochtene Binsenmatte an den linken Flügel der Reihe von Betern gesetzt, da griff der Schech meine rechte und Marek meine linke Hand, und feierlich geleiteten sie mich auf einen sauber gefegten Platz vor Mareks Zelt. Sämtliche erwachsenen Männer folgten nach, die Frauen brachten auf hölzerner Platte den Hammel an und stellten ihn auf eine hingebreitete Matte, ein einladendes »Bismillah!« (im Namen Gottes) des Gastgebers, ein allseitiges dankendes »Bil hana!« (wohl bekomms), dann schwieg eine halbe Stunde lang außer einem andächtigen Schmatzen und Schlürfen und einem abschließenden feierlichen Rülpsen jeder Laut.

Nach dem ersten Kaffee aber erhob sich Abd er Rat zu einer Festrede. Er log mir in schamloser Weise nie besessene Tugenden an, pries die meiner Vorfahren, von denen ich selber nichts wußte, und versicherte mir, daß die Herzen seiner Brüder öde und unnütz wie versiegte Brunnen sein würden, wenn ich ihren Duar je wieder verließe. Kaum hatte er sich gesetzt, als schon der Stifter des Mahles aufstand und mir zwei Notwendigkeiten vor Augen führte: Erstens, mich hier vor allem Volk und morgen nochmals vor dem Mulim zum wahren Glauben zu bekennen und zweitens die Einsamkeit meines Zeltes mit der Gefährtin meines Herzens zu schmücken, – Omm el Cherik!

»Eiweih!« sagte ich, aber nur ganz leise, da war schon der alte Weißbart mit der Posaunenstimme aufgestanden, er streckte zwei Finger hoch und brüllte mich an: »Adilak Gamalten! – Gamalten!! – Tnin Gamal!!!« (Ich gebe dir der Kamelinnen zwei; zwei Kamelinnen), und dabei stieß er mir die beiden Finger fast in die Nasenlöcher. »Moije helu (süßes Wasser), die Weiße, die Schwester des Falben!« rief Abd er Rat, »Drei Schafe und einen Hammel!« sagte fast gleichzeitig die tiefe Stimme Bu Mughrab Fadls, der Vater meines kleinen Freundes, und rings im Kreise hagelte es förmlich weiter von allerhand Getier, von Schlafteppichen, kupfernen Kesseln und Dolchen, »scharf wie die Schwerter der Erzengel!«

Für den Bruchteil einer Sekunde trat ich innerlich abseits, faßte das Bild dieser vom Feuer beleuchteten bärtigen Gesichter, die in erregtem Wetteifer in die Höhe sprangen und mir, dem fremden Menschen ansehnliche Teile ihrer armen Habe anboten, um es nie wieder zu vergessen, dann sprang ich mit einem lauten »Isma intum!« (Hört mich an) in die Mitte des Kreises und hub eine längere Rede an. Und vor lauter Angst wurde es die beste, die ich je in der Sprache des Propheten gehalten habe; ich wußte wohl, daß ich meine Ablehnung triftig zu begründen hatte, wenn ich mir hier nicht Todfeinde machen wollte!

Ich sprach von der großen Ehre und dem Glück, das hier daherkäme wie der Simum (Sandsturm) der Wüste, und daß ich sie alle beim Wort nehmen würde, aber erst an jenem Tage, an dem ich alles wüßte, was ein wahrer Gläubiger wissen muß von der Lehre des Propheten und mein Herz mich drängen würde, sie zu bekennen – ohne Lüge!

Für einen Augenblick herrschte unentschiedenes, ein bißchen schwüles Schweigen, dann sagte Marek: »Du hast recht gesprochen, ein Narr nur legt dem jungen ungeschulten Kamel einen Sattel auf, – ich bin dein Freund!«, und mit ehrlicher Herzlichkeit streckte mir der alte Bursche beide Hände hin.

Ich aber saß dann lange vor meinem kleinen Zelt mit einem unfreien und auch ein bißchen schamvollen Gefühl in der Brust. Ich war mir bewußt, daß ich hier nicht mehr lange bleiben und Hoffnungen nähren durfte, die ich nie erfüllen konnte, und starrte traurig in die stille Mondlandschaft der Wüste hinaus und wollte nichts mehr als hineinwandern in diese Weiten ohne Grenzen und ohne Ziel – wandern wie seither, getrieben von einem ruhelosen Herzen, für das es weder hier noch anderswo je eine Stätte des Bleibens gab –

Ich hatte mich erinnert, daß Marek einmal von einer Reise gesprochen hatte, die er in nächster Zeit antreten wollte. So ging ich schon frühmorgens zu ihm hin und fragte ihn, wann und wohin er ginge und ob ich ihn begleiten dürfte. »Bei meinem Leben, ja!« rief er freudig. »Es würde für mich sein wie ein Reiten im Schatten der Dattelpalmen, denn mit Dir kann ich Worte reden, die nicht so leicht sind wie der Staub unter den Hufen der Kamels. Ja, begleite mich! O Abu Ritab!« »Vater des Buches« nannten sie mich, weil ich immerfort mit einem englisch-arabischen Taschenwörterbuche hantierte.

Dann erzählte er mir eine lange Geschichte von zwei jungen Kamelen, die er Verwandten im Gar el Lebben am Djebel Gheme schuldete und die er selbst hinbringen wollte, »um das Land noch einmal zu sehen, wo Allahs Sonne zum erstenmale von seinen Augen getrunken wurde, jetzt, da die Zeit nicht mehr fern wäre, wo Steine darüber lasten würden« – eine Anspielung auf die Sitten der Beduinen, Steinhaufen über ihren Gräbern zu errichten.

»Und wann wollen wir gehen?«

»Bald, vielleicht schon in einigen Tagen, wenn alle bereit sind, denn –« er brach plötzlich ab, wie in Erinnerung an irgend etwas, kratzte sich eine Weile schweigend den Bart und paffte heftig an seiner Zigarette. Dann fuhr er fort: »Es kommen noch andere Männer mit, die andere Geschäfte haben – ich muß erst mit ihnen reden, karib balghi bukra, inscha Allah!« (bald, vielleicht morgen, so Gott will.)

Dieses »vielleicht morgen« der Orientalen kannte ich schon, sie schieben alles auf, auch die einfachsten und leichtesten Dinge, denn Zeit hat keinen Wert in ihrem Leben, und sie wiederholen mit Gelassenheit dieses »vielleicht morgen« unter Umständen vierzehn Tage lang. So wich ich einfach nicht vom Fleck, bis er, über die Ungeduld der Kranken seufzend, davonhinkte, um sich mit den anderen zu bereden.

Es gab endlose Verhandlungen, Abend für Abend hörte ich sie in den Zelten bald halblaut murmelnd, bald erregt aufkrächzend debattieren, und manchmal vernahm ich auch, daß von meinem Mitkommen die Rede war und anscheinend Gegengründe vorgebracht wurden. Das ging durch zwei Wochen so fort, Marek und der Schech beantworteten meine drängenden Fragen stets nur mit unbestimmten Redensarten, und mir blieb nichts zu tun, als mich im Reiten, Fischen und Entenjagen, im Hüten von Kamelen und Eseln und im übrigen in Geduld zu üben.

Eines Nachts aber, es war kurz nach Vollmond, ging draußen ein wüster Hundespektakel los, und über das wie beschneit leuchtende Sandfeld glitten die kohlschwarzen Schatten von zwei Reitern auf den Duar zu. In den Zelten wurde es lebendig, Rufe flogen hin und her, Jungen brachten zwei Pferde an meinem Zelt vorbei, von deren Flanken Seewasser herunterrann, – die Ankömmlinge waren also durch den Birket el Kurun geschwommen. Ich hörte ihre Stimmen bereits im Zelte des Schechs mit hastigen aufgeregten Worten etwas berichten, in wenigen Minuten waren sämtliche erwachsenen Männer des Duar dort versammelt, und ein auf- und abschwellendes Gemurmel begann. Dann kam Musa angerannt und bat mich, zu seinem Vater zu kommen.

Die Öllampe im Zelt warf ihr flackerndes Licht auf zwei fremde Gesichter unter den schon bekannten, junge Gesichter, auf denen Staub und Strapazen einer weiten Reise lagen. Wir begrüßten einander in der herkömmlich feierlichen Weise, dann fragte Marek »Bist du bereit, o Abu Kitab, mit uns aufzubrechen noch heute Nacht um die achte Stunde?« (zwei Uhr).

»Ich bin in diesem Augenblick schon bereit, o Schech!«

»Wer eilt, eilt nur dem Grabe zu! – Willst du meine Hedjina Risas (Flintenkugel) reiten? Deine Sachen wird eins ihrer jungen Kinder tragen. Komm mit in mein Zelt und teile mit mir das Abschiedsmahl, das Omm el Cherik schon bereitet!«

Warum es auf einmal solche Eile mit dem Aufbruch hatte, konnte ich nicht erfahren, der Alte brummelte etwas von einer Botschaft, aber über ihren Inhalt schwieg er sich aus. Auch über die Lage der Gegend, nach der wir hinwollten, wurde ich trotz allem Fragen nicht viel klüger, er nannte mir Dutzende von nie gehörten Namen, Ain und Bir und Der und Wadi (Brunnen, Quelle, Kloster und Tal) kamen immer wieder dabei vor, aber begriffen hatte ich schließlich nur, daß die Reise nach Nordwesten, an die Grenze Tripolitaniens ging, daß sie fünfzehn bis zwanzig Tage dauern und in ihrem ersten Teile durch das »Land des Durstes« führen würde. Nach einem Lande des Durstes sahen die unzähligen Girben mit Wasser auch wirklich aus, die draußen von Frauen und Kindern aus dem Nilwasserkanal am Fruchtlande hergeschleppt wurden. Vor allen Zelten glühten Feuer unter brodelnden Töpfen, Qualm und brenzlicher Duft von röstenden Brotfladen zog in Schwaden durchs Lager, Geschrei, Geschimpf und Gezänk, jaulendes Hundegekläff und widerlich gurgelndes Kamelbrüllen erfüllte die milchweiße Nacht.

Mein Haus und Hab und Gut gaben zusammen einen mäßigen Packen, er wurde durch Stricks mit zwei Girben vereinigt, die mir mein schwarzlockiger Raufkamerad gefertigt und gefüllt hatte, und einem von »Riffas' jungen Kindern« über den wolligen Buckel gehangen. Weißgekleidete Männer prüften die Gurte der ruhenden Hedjinen und verstauten urtümliche Schießgewehre in den Lederschuhen der Sättel, kleine nackte Jungen hielten mit wichtiger Miene leise wiehernde Pferde am Zügel. Dann hallte laut die klare Stimme Marek ibn Sarduks durch den abebbenden Lärm: »Ja rigale, sali el nebbi!« (Auf ihr Männer, betet zum Propheten.)

In weitem Halbkreis knieten sie auf ihren Gebetsteppichen nieder, die bärtigen Gesichter nach Osten, der heiligen Stadt zugewandt. Der getragenen Stimme des Vorbeters folgend, hoben und senkten sich die Stirnen, in ruhigem Schwingen legten die ausgestreckten Arme ihr Geschick demutsvoll in die Hände des Propheten.

Dann kam der Abschied. Für mich waren es nur zwei Menschen, bei denen er mir schwer fiel, das Schokoladenmännlein Fadl, dessen nackter kleiner Körper vor bitterem Schluchzen bebte, und Omm el Cherik. Ihr drückte ich nur kurz die Hand, dann hakte ich in rascher Aufwallung meine dünngliedrige goldene Uhrkette los und legte sie ihr um den Hals. Mir wars, als wären ihre funkelnden wilden Tieraugen zum erstenmale weich und traurig gewesen, aber vielleicht war es nur das matte Licht der Mondnacht, das mich täuschte.

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