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Allah hu akbar

Artur Heye: Allah hu akbar - Kapitel 10
Quellenangabe
authorArtur Heye
titleAllah hu akbar
publisherSafari-Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
printrun4. Auflage
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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9. Kapitel.

Ein freundlicher Hund und ein unfreundlicher Spuk erscheinen. Marek ibn Sarduk und sein Vater der Bosheit. Ich fluche der Romantik und komme mir vor wie ein Zauberbudenbesitzer. Kämpfe mit beduinischem Arabisch, Flöhen, Hunden und Kamelmistbrot. Die Tochter des Glücks.

 

Vorläufig peilte ich allerdings nicht, sondern setzte mich in den Schatten des Baumes, durch dessen feines Laubwerk der Wind der Wüste pfiff, aß Brot und Schafkäse, wünschte dem griechischen Hotelwirt in Medinet die galoppierende Kolik in den Bauch, weil er mir schlechten Kaffee in die Feldflasche gefüllt hatte, deckte mir das Taschentuch übers Gesicht und tat einen langen Schlaf. Aus dem weckte mich ein Wind, der so heiß war, daß er mir sogar im Schlafe und für den ägyptischen Sommer als naturwidrig erschien, und ich fuhr doch ein bißchen zusammen, als mein erster Blick auf eine Reihe äußerst gesund und brauchbar aussehender Zähne in einem brennendrotem Maule fielen. »Hallo!« sagte ich in einer Mischung von Angst, Würdebehauptung und Anbiederungsabsicht, legte vorsichtig den Arm vor meine Kehle, die mir besonders verteidigungsbedürftig vorkam und richtete mich auf. »Waff –!« sagte der Hund, klopfte mit dem Schweife und lachte mich in unsicherer Aufforderung an. Da war ich beruhigt und fuhr ihm kraulend in die Stirnlocke.

»Necharak said! (Dein Tag sei glücklich)« sagte auf einmal eine tiefe Stimme im Baumschatten.

»Necharak said umbarak!« (Der deinige sei glücklich und gesegnet) dankte ich und betrachtete mir den Mann. Er sah in dem schummrigen Halblicht aus wie ein Kirchhofsspuk, lang und dürr und schneeweiß angetan, und hatte einen schwarzen spitzen Bart und ebenso schwarze und spitze Augen. Er selber gefiel mir viel weniger als sein Hund.

»Wohin gehst du?« fragte er.

»Nach dem Duar der Welad Ali dort unten. Wie weit ist es bis dahin?«

»Zu den Welad Ali willst du? – Dort ist kein Duar mehr, sie sind fortgezogen!«

»Fortgezogen –? Wohin?« fragte ich enttäuscht.

»Ich weiß nicht. Weit fort. Du findest sie nicht. Bist du schon einmal hier gewesen?«

Ich schüttelte den Kopf und sann nach. »Sage, wo ist das Haus von Abu Adm? (»Vater der Knochen.«)

»Der – oh, der ist gestorben!«

Mir wurde auf einmal klar, daß mich dieser Kunde anlog, so stand ich auf und sagte ihm lächelnd: »Es ist gut, ich danke dir. Ich werde aber doch dorthin gehen und nachschauen, vielleicht sind die Welad Ali zurückgekehrt, und vielleicht hat Allah ein Wunder getan, und Abu Adm ist wieder auferstanden von den Toten! Fi amani illah! (Gott beschütze dich)«, nahm meinen Rucksack auf, klopfte dem Hund den Rücken, und stieg davon.

Er mußte eine Weile dagestanden und mir nachgesehen haben, dann sah ich ihn plötzlich, auf einem Pferde sitzend, rechts von mir über den Sand jagen, auch mit Richtung auf den See zu. Wer der Mann war und warum er nicht wünschte, daß ich mit den Welad Ali-Beduinen in Berührung kam, sollte mir erst viel später einmal, und dann allerdings recht bedenklich klar werden.

Der Sand war weich, so hörte ich erst an dem Anruf »Ja Chowaga!«, daß jemand hinter mir her kam. Es war ein graubärtiger Alter, der hinter einem großen Korbe auf einem Eslein von erbärmlicher Leibesbeschaffenheit saß. Er trug Mantel und Kopftuch der Beduinen, aber darunter das grobe blaue Hemd der Fellachen; und beim Näherkommen sah ich, daß sich ihm über Mund und Nase, die beide sehr fein geformt waren, eine schräge tiefe Narbe zog. Nach den üblichen Begrüßungsformeln fragte er erst zweimal nach meinem Befinden, im Gegensatz zu dem Lügenpeter unter dem Baume, ehe er sich nach Herkunft und Ziel erkundigte. Ich hatte das Wort »Duar el Welad Ali ... (Lager der Beduinen)« noch nicht ganz ausgesprochen, als der Schech (Alter, Anführer) mit einem Satze vom Eselchen herunter war, meine beiden Hände nahm und an seine Brust hob und rasch die Worte vorsprudelte: »Du willst zu den Welad Ali? Marchaba! (Willkommen) Marchaba! Ich bin Marek ibn Sarduk vom Stamme der Welad Ali, und mein Schwager ist der Schech unseres Stammes. Sei tausendmal willkommen! Besteige diesen Esel, ich bitte dich! Wo – – ah, dieser Sohn des Teufels ist wieder davongelaufen! Warte hier, ich hole ihn – sei zehntausendmal willkommen! – ich werde ihn gleich haben, ich ...«

Ich hielt ihn am Mantel fest. »Laß ihn, du siehst, er geht nach Hause zu und es schickt sich auch nicht, daß die Jungen reiten und die Alten zu Fuß gehen. So ist Abd er Rat dein Schwager?«

»Maschallah! (Wunder Gottes) Woher kennst du seinen Namen? – Verzeihe mir, aber dieser Vater der Bosheit, mein Esel, hat den Korb verloren, ich ...« da war ich schon im Laufschritt unterwegs, las den Korb, ein paar herausgefallene Päckchen und eine Decke auf, die der Vater der Bosheit ebenfalls heruntergeschüttelt hatte, und trug die Sachen trotz allem Protestieren des Graubarts nebenher. Ihm fiel das Gehen auch ohne Gepäck sauer genug, denn ich sah, daß er ganz lahm und schief ging. »Den Namen deines Schwagers, oh Schech, hat mir ein Freund genannt, den Ihr Waled el gibal (Sohn der Berge) nennt«, antwortete ich ihm jetzt.

»Du kennst ihn! Die Freunde unserer Freunde sind auch die Unsrigen! Nochmals willkommen! – Waled el gibal ist ein starker Mann, und er trifft mit einem Gewehr eine Taube noch, wenn sie ganz droben auf einer Palme sitzt! Wie geht es ihm, hat ihm Allah Gesundheit gegeben? Wann kommt er wieder zu uns? Bist du auch aus seinem Lande?«

Die halbe Stunde, die wir noch allein gingen, reichte nicht, um den zehnten Teil der Fragen zu beantworten, die der lebhafte alte Mann an mich richtete, und dann kamen uns Rudel von halbnackten Kindern aus dem Lager entgegengelaufen, die mich aus großen dunkelglänzenden Augen musterten, sich Bemerkungen in einem Arabisch zuflüsterten, von dem ich so gut wie nichts verstand, und dann plötzlich, springend wie Gummibälle, wieder dem Lager zurasten und mit gellendem Geschrei unsere Ankunft verkündeten. Nur ein drolliges, kaffeebraunes und splitternacktes Büblein belud sich ernsthaft mit dem Korb und meinem Rucksack und stapfte mit gelegentlichen scheuforschenden Seitenblicken nach meinem Gesicht nebenher.

Nun passierten wir einige magere Gerstenäckerchen, dann das Gerippe eines verendeten Esels, dann den greulich stinkenden Kadaver eines Kamels, an dem ein Schwarm von Geiern und Raben viel zu beschäftigt war, um uns auch nur eines Blickes zu würdigen, dann verschiedene Haufen von alten Lumpen, Scherben und sonstigem Unrat und standen schließlich vor einer regellosen Ansammlung von Gebilden, die ich anfangs auch nur für besonders gut gediehene Müllhaufen hielt. Hier blieb der alte Marek stehen, machte eine einladende Handbewegung und sagte: »Unser Lager! – Sei willkommen!« und zugleich krochen aus den Stroh- und Lumpenhaufen allerwärts braune Männergestalten hervor, schritten würdevoll auf mich zu, schüttelten mir unter unzähligen »Willkommen« die Hände und fragten mich buchstäblich sechs- oder zehnmal hintereinander wie es mir ginge. Ein langer pockennarbiger Mann mit einem dünnen hanffarbenen Ziegenbart ergriff mich schließlich bei den Händen, führte mich vor eine aufgespannte Strohmatte, die an drei Seiten von in den Sand gesteckten Binsen umfriedet war und sagte mit leichter Verneigung: »Tafadal ja Chowaga, beti betak abeden!« (Tritt ein, oh Herr, mein Haus sei dein Haus für immer.)

Ich trat, oder vielmehr, kroch hinein, denn das »Haus« war nur einen Meter zwanzig hoch, setzte mich zwischen verschiedenen Sätteln, Säcken und schlafenden Katzen auf eine Matte nieder und kratzte mir, wenn auch nur im Geiste, den Kopf. Es nützte nichts, daß ich mich, auch nur im Geiste, ermunternd in die Rippen knuffte – ich war einfach deprimiert. Diese trostlose Häßlichkeit und Armseligkeit, dieser eklige Dreck und Gestank ringsum hatte eine zu starke Ähnlichkeit mit dem Eindrucke, den ich damals in Mexiko von den Behausungen meiner lieben roten Stammesbrüder empfangen hatte, und in mir stieg eine förmliche Angst hoch, daß ich hier bei den Beduinen dieselbe Enttäuschung erleben könnte wie dort bei den Indianern, und eine Wut darüber, daß mich auch die seitdem vergangenen Jahre nicht von meinem romantischen Spleen geheilt hatten. Meine Gemütsstimmung wurde erst bei der dritten Tasse Kaffee ein wenig besser und ganz gut dann, als die untergehende Sonne Himmel und See und Wüste in einem Farbenspiel von unerhörter Glut entzündete.

Unterdessen hatte es schon ein ziemlich anstrengendes Stück Kopfarbeit für mich gegeben, denn mein Gastgeber, sein Schwager und einige andere Verwandte, die ab- und zugingen, waren wissensdurstige, aber leider nicht fremdsprachlich talentierte Leute. Sie verstanden zwar mein ägyptisches Arabisch vollkommen, stellten aber trotz all meiner Bitten, ägyptisch zu sprechen, unentwegt ihre Fragen in dem mir nur sehr schwer verständlichen Dialekt der lybischen Beduinen weiter. Das bedingte unzählige Rückfragen meinerseits und natürlich auch manchmal heitere Mißverständnisse. Am komischsten wurde es dann am Abend, als ein uralter Mann die Worte, die mir unverständlich blieben, immer lauter und lauter aussprach, und sie mir zuletzt mit Löwenstimme ins Ohr brüllte. Der hintere Teil des Zeltes war durch ein aufgespanntes Tuch abgesperrt, einmal beobachtete ich, daß es ein wenig beiseite geschoben wurde, sah ein glänzendes Augenpaar herüberlugen und hörte Flüstern und leises kichern – jenseits war also der »Harim«!

Kurz vor Sonnenuntergang beteten die Männer das »Asr«, dann kam das Abendessen, ein Mais- und Gerstenbrei, der mit Hammelfett und viel Zwiebeln zubereitet war. Auch ich machte dabei keine unrühmliche Ausnahme, aß tapfer mit der Hand und beteiligte mich kräftig an dem nachfolgenden allgemeinen Rülpsen, einer Uebung arabischer Höflichkeit, die ausdrücken soll, daß es geschmeckt hat.

Darnach langte ich nach meinem Rucksack und holte die mitgebrachten kleinen Gastgeschenke, Schießpulver, Schrot, Tee, Zucker und Zigaretten heraus. Sofort war Schweigen und gespannteste Aufmerksamkeit in der Tafelrunde eingetreten. Der Schießbedarf erregte Begeisterung, Tee und Zucker wurde mit dankbarer Freude und die Zigaretten lediglich mit höflicher Freundlichkeit begrüßt. Das Warum wurde mir klar, als ich dann eine rauchte, die mein Gastgeber aus goldsträhnigem persischen Tabak selber gedreht hatte, – sie schmeckte unvergleichlich.

Das tiefste und allgemeinste Interesse aber erweckte der sonstige Inhalt meines Rucksackes. Meine Kamera löste zahllos herumschwirrende Fragen aus, die ich in Ermangelung technischer Ausdrücke im Arabischen in einer Weise beantwortete, daß einen Fachmann wahrscheinlich vor Entsetzen der Schlag getroffen hätte. Den Kompaß kannten einige schon, sie stürzten damit hinaus und demonstrierten der staunenden Lagerbevölkerung seine Handhabung; unter dem Aluminiumkochgeschirr mußte ich sofort den Hartspiritus anzünden, und die Söhne der Wüste drückten unter lauten Anrufungen des Propheten über diesen brennenden Stein die Nasen so nahe an den Brenner, daß sie sich die Barthaare versengten. Dann kam die elektrische Taschenlampe daran; auf meine Aufforderung riß der alte Marek den Mund auf, ich leuchtete ihm hinein, und mit einem Ruck flogen sämtliche Köpfe aus der Nähe dieser Zauberlaterne weg.

»Dawa?« (Medizin) fragte Abd er Rat und hielt mir die Normänische Fruchtsalzpulle hin.

»Ja, eine sehr starke! – Gebt mir Wasser!« nickte ich ernst. Das Salz schäumte in dem Schöpflöffel auf, und wieder prallten die schwarzbärtigen Gesichter zurück – ich kam mir heute abend vor wie ein Zauberbudenbesitzer.

Dann guckten sie durch den Feldstecher, manchmal zweie zu gleicher Zeit, einer von hinten und der andere von vorn; ein Schriftgelehrter hatte sich meines englisch-arabischen Wörterbuches bemächtigt und wollte umgehend das lateinische Alphabet beigebracht haben, andere debattierten unterdessen über die Bestimmung von Füllfederhalter, Rasierapparat, Zahnbürste, Socken, Hemden und Unterhosen. Mein gesamtes Eigentum einschließlich des leeren Rucksackes wanderte erst unter den Männern im Zelte und dann unter der Weiblichkeit und Jugend, die sich draußen in der Dunkelheit drängte, von Hand zu Hand. Es blieb stundenlang unterwegs, trotzdem fehlte zuletzt auch nicht eine Stecknadel; das Eigentum eines Gastes ist ebenso heilig und unverletzlich wie er selbst. Nur meine große Mauserpistole, die ich unter dem Rocke trug, ließ ich nicht sehen, ich hatte nämlich keinen Waffenschein. –

Es war schon zehn vorbei, als der letzte Besucher seine letzte Frage gestellt, mir eine glückliche Nacht gewünscht und sich davongemacht hatte, wie glücklich diese und eine ganze Reihe weiterer Nächte für mich sein sollten, wurde mir bald erschrecklich klar. –

Zuletzt waren nur noch Abd er Rat, seine beiden halbwüchsigen Söhne und ein auswärtiger Beduine, der auch Gast im Duar war, im Zelt. Die Jungen räumten die Wasserschläuche, Sättel und Decken beiseite, fegten mit einem Binsenbesen die Bodenmatte ab und schleppten zwei aufgerollte Teppiche herein. Der eine diente als gemeinsames Kopfpolster, und nachdem wir einander eine glückliche Nacht und süße Träume gewünscht und uns niedergelegt hatten, deckte der Jüngste den anderen Teppich über alle hinweg und schlüpfte dann an der Seite herein. Ein paar Minuten später hörte ich im Zelt nur noch die tiefen Atemzüge von Schlafenden und draußen in der stillen klaren Nacht das gelegentliche heisere Bellen eines Hundes oder den fernen Schrei eines Tieres im Binsenmeer des Seeufers.

Ich schaute noch eine Weile hinaus in das Sternengeflimmer der Nacht, lauschte dem Knistern der Sandkörnchen, die der Wind ins Stroh der Zeltwände trieb, und spann meine einsamen Träume. Dazwischen kratzte ich mich einmal, und dann noch einmal, wurde müd, legte mich auf die Seite, kratzte mich wieder, dann an zwei Stellen zugleich, dann an sechsen, fuhr beunruhigt in die Höhe, konstatierte, daß es mich jetzt schon mindestens an sechzig biß und zwackte, rieb und scharrte mich in steigender Verzweiflung und stellte mit gesträubtem Haar fest, daß der ganze Teppich springlebendig war in des Wortes verwegenster Bedeutung, von hunderttausend Zwackern und Beißern! In ratlosem Entsetzen guckte ich mich um, ruckte in Qualen hin und her und wußte nicht, was ich tun sollte, wenn ich heraus wollte, so mußte das geschehen, ohne die anderen zu wecken, denn wenn ich auch für das Verschwinden einen naheliegenden Grund angeben konnte, so hätte der Frager bestimmt auf mein Wiederkommen gewartet, und wiederkommen wollte ich auf keinen Fall! Also fing ich an, mich millimeterweise unter dem Arm des Hausherrn und dem Bein des Fremden, die auf mir lagen, vorzuwinden und fühlte dabei, gepeinigt und grauengeschüttelt, wie mir Dutzende von Flöhen ins Gesicht und auf die Hände sprangen und Hunderte schon allerwärts auf infernalische Weise bissen und stachen.

Es hat mich noch nach Jahren an zehn Stellen zugleich gejuckt, wenn ich an jene Stunde voller Qualen dachte oder von ihr träumte –

Endlich war ich aus dieser Folterkammer von Bett heraus, machte ein paar wilde Sätze in die Nacht hinaus, riß mir sämtliche Sachen vom Leibe, rieb und scharrte mir den ganzen Körper, bis er wie Feuer glühte und hopste in stiller Pein, nackt wie ich war, wie ein verrückt gewordener Tanzmeister auf dem Sande der lybischen Wüste herum. Zu allem Pech erregten meine Vorführungen auch noch die Aufmerksamkeit und schärfste Mißbilligung sämtlicher Lagerköter. Sie schossen kläffend aus allen Richtungen herbei, umkreisten mich knurrend und zähnefletschend und begleiteten meine verzweifelten Sprünge mit einem jaulenden Chorgesang. Da nahm ich mich zusammen, verhielt mich bewegungslos und begann in ruhigem Tone auf die erregten Hundegemüter einzureden, und plötzlich kam mir Hilfe in Gestalt eines großen graupelzigen Burschen, der mich in dem rauhen Tone alter Freundschaft mit einem tiefen »Waff!« begrüßte und dann ohne weiteres einem besonders entrüsteten Spitz an die Wamme fuhr. Es gab eine Rauferei, und darauf wurde Ruhe. Es war der Hund vom Tamariskenbaum, demnach mußte sein Herr, der lügenmäulige Kirchhofspuk, auch noch in der Nähe sein.

Als sich die Glut meiner Haut in der frischen Nachtluft ein wenig abgekühlt hatte, nahm ich ein Kleidungsstück nach dem anderen vor, wendete es um und wieder um, schüttelte es aus und schlug es gegen den Boden, bis mir wieder warm geworden und nach menschlichem Ermessen jeder Blutsauger unschädlich gemacht war. Dann wanderte ich, immer von meinem vierbeinigen Freunde begleitet, rings um das schlafende Lager herum, nickte, von Müdigkeit überwältigt, an windgeschützten Stellen auf eine halbe Stunde ein, wachte frostklappernd wieder auf und irrte aufs neue wie ein geplagter Geist in der Nacht umher. Erst gegen Morgen kam mir der gute Gedanke, mich zwischen ein Kamel und einen Esel, ich glaube, es war der »Vater der Bosheit«, die aneinandergeschmiegt schliefen, hineinzuzwängen und von ihrer Körperwärme zu profitieren. Ich fühlte wohl, daß die Sechsbeiner, von denen auch meine neuen Schlafgenossen bevölkert waren, mein Fell inspizierten, aber sie gehörten wahrscheinlich zu anderen Sippen und zapften es nicht an. Kurz vor Sonnenaufgang erwachte ich, lief an den See hinunter und nahm, um meine Schlaftrunkenheit zu verscheuchen, ein langes Bad in der klaren, leicht salzigen Flut. Meinem Gastgeber log ich notgedrungen vor, daß ich ein gewaltiger Frühaufsteher wäre, denn die Wahrheit konnte ich ihm, ohne ihn zu beleidigen, nicht gut sagen.

Als Frühstück gab es eine Schale Kamelmilch und dazu Gerstenbrotfladen, die Milch hatte einen eigenartigen, aber recht guten Geschmack, eigenartig, aber dabei nichts weniger als gut war auch der des Brotes. Den Grund stellte ich späterhin einmal fest: Die Steine, auf denen der aufgestrichene Teig geröstet wurde, waren in Ermangelung von anderem Brennmaterial in einem Feuer von getrocknetem Kamelmist glühend gemacht worden –

Den ganzen Vormittag kamen andauernd Besucher, die mich und meine Habe betrachteten, mich über persönliche und europäische Lebensverhältnisse ausforschten und mich in tiefgründige und an Mißverständnissen reiche Dialoge über Politik und Religion verwickelten. Es war anstrengend, aber mir im Grunde recht, denn ich lernte dabei die Sprache und Denkweise des Menschenschlages kennen, bei dem ich trotz Flöhen und Kamelmistbrot nach wie vor entschlossen war, auf Monate hinaus zu bleiben.

Als die heißesten Tagesstunden vorbei waren, erschien Schech Marek auf seinem Grautier und forderte mich auf, mit zum Fischen zu kommen. Ich war dabei, mein Haus- oder eigentlich Zeltvater aber, der mir schon gestern ein bißchen bedrückt vorgekommen war, lehnte mit der Begründung ab, sein Kopf wäre krank. Ich bot ihm ein Aspirin an, da lächelte er trübe und sagte: »Nein, ich danke dir, ja Chowaga, aber du kannst dem, was meinen Kopf schmerzt, nicht abhelfen, das kann nur Rabuna (der Meister, Gott), er straft, wen er will –!«

Der Sinn dieser Rede blieb mir dunkel bis zum nächsten Abend, und dann wollte es ein gutes Glück, daß ich ihm gegen sein und mein eigenes Erwarten doch helfen konnte und mir damit ungeahnterweise bei ihm und seinem Stamme und anderen befreundeten Stämmen in der ganzen weiten Welad-Ali-Wüste einen Stein ins Brett verschaffte.

Er stand aber sofort auf und rief etwas zum Zelt hinaus, und gleich darauf kam Musa, sein ältester Sohn, mit einem ledigen Pferd am Zügel vors Zelt geritten und forderte mich auf, in den Sattel zu steigen. Der Falbe sah nicht gerade phlegmatisch aus, er konnte keinen Augenblick ruhig stehen, und mir war ein bißchen bange vor einer Blamage. So machte ich einen unerwarteten Satz und erfocht einen Überrumpelungssieg, denn wenn ich einmal oben sitze, bin ich immerhin nicht ganz leicht herunterzukriegen. Der Falbe sah das vernünftigerweise bald ein, und mein Indianersprung hatte anscheinend ringsum einen guten Eindruck gemacht, wir wollten schon fort, da sah ich das drollige Bübchen stehen, das heute gerade so nackt war wie gestern, ich bog mich herunter, ergriff das aufquiekende Schokoladenmännlein und setzte es vor mich in den Sattel. Seine dabeistehende Mutter, eine sehr hübsche Beduinin mit großen wilden Augen und zwei goldenen Ringen im Nasenflügel schien Angst zu haben, aber die umstehenden Männer beruhigten sie lachend, und das Bübchen gewann rasch Vertrauen und patschte beim windschnellen Reiten jauchzend den graugefleckten Hals des Pferdes.

Vier Jahre später hatte ich den kaum halberwachsenen Abd el Fadl wieder vor mir im Sattel, weit von seiner Heimat, und sein jugendschöner Kopf sank in meinen Armen tiefer und tiefer, und aus seiner zerrissenen Brust strömte Blut und Leben über den grauen Hals eines Maultieres und an meinem Körper herab. »Es stand im Buche verzeichnet – unsere Hoffnung ist bei Gott, dem Allerbarmer!« sagte seine, noch im Alter schöne Mutter, zu mir, als ich kaum drei Monate, bevor ich dies niederschreibe, im Wadi Natrun bei der Oase Der Baramu vor ihrem Zelte stand. –

Eine weiße, salzinkrustierte Sandfläche senkte sich ganz allmählich zum Wasser hinab, in früheren Zeiten war sie wohl von den Fluten des alten heiligen Mörissees bedeckt gewesen. Im Osten zog sich eine dunkelgrüne Borte von Binsen um seine Ufer und griff weit zwischen die messingfarbenen Sandwellen der Wüste hinein. Im Westen schoben sich Felder, Palmen- und Olivenhaine bis hart ans Wasser heran, und gegenüber im Norden schimmerten gewaltig hohe, flachkämmige Sanddünen in zartem Rosarot und spiegelten sich in der stillen klaren Flut. Unbelebt und unbeweglich lag die weite Wasserfläche zwischen ihren einsamen Gestaden, nur der Schatten eines einzelnen Seeadlers, der verloren unter der ungeheuren ehernblauen Kuppel des Himmels schwebte, glitt wie ein Atemhauch über das leuchtende Blaugrün des Wasserspiegels.

Die Beduinen legten die Mäntel ab, schürzten die Unterkleider hoch, wateten mit hageren braunen Beinen ins Wasser und warfen mit seltsamem langgezogenen Singen ihre Netze aus. Ich verschwand hinter ein morsches Boot, das schon halb im Sande vergraben war, tat mir das Hemd als Badehose um, nahm sodann das durchaus einverstandene freudigkreischende Schokoladenmännlein auf die Schultern und galoppierte mit ihm unter mächtigem Gespritze in das warmdurchsonnte Wasser hinein. Als es müde war, bettete ich es auf meine Jacke in den spärlichen Schatten des Bootes und setzte Sard, den gelbwolligen Hund, der plötzlich mit hängender Zunge angesaust kam, als Wächter daneben. Dann half ich den Männern beim Fischen, viel und besonders stattliche Beute machten wir nicht, aber ehe wir dann gegen Abend heimritten, bestand der alte Marek darauf, daß auch ich ein gleich großes Teil des spärlichen Fanges abbekam.

Unterwegs fragte ich den Alten, wer der Besitzer jenes Hundes wäre. Er schwieg erst eine ganze Weile, dann sagte er, ein wenig zögernd, wie mir vorkam: »Herr, er ist ein heiliger Mann, er kommt aus der Oase Kufra, die weit, weit von hier in den Eingeweiden der Raml (Sandwüste) liegt. Er wird, wie ich glaube, in den nächsten Tagen weiterziehen auf den Wegen Allahs. – Du aber, Herr, wirst gut tun, wenn du seine Nähe meidest! Doch ich bitte dich, mich nicht zu fragen, warum ich dir diesen Rat gebe –«

Als das Wort Kufra fiel, kam mir der Gedanke daß jener Mann ein Derwisch vom Orden der Sanussi sein könnte, jener strengsten, fanatischsten und fremdenfeindlichsten Sekte des Islam, die seit einigen Jahrzehnten ihren Einfluß nach und nach über die ganze Sahara ausgedehnt, und sie für Europäer immer unzugänglicher und gefährlicher gemacht hat. Auf den Klosterschulen jener in den tiefsten Einöden der Wüste verlorenen Oase bildet er seine Sendlinge aus und schickt sie als Missionare zur Erneuerung der ursprünglichen reinen Lehre über die ganze islamitische Welt.

Ich hatte schon den ganzen Tag darüber nachgedacht, wo ich nun eigentlich mein ständiges Nachtquartier aufschlagen und wie ich meine Absonderung begründen könnte, aber auch die Angst vor dem näherrückenden Zusammentreffen mit den blutdürstigen Legionen, die dort in dem teuflischen Teppich auf der Lauer lagen, brachte mir keine Erleuchtung. So tat ich das einzig Mögliche und sorgte dafür, daß ich als erster in der Reihe der Schläfer an den Eingang zu liegen kam, zog mich heute bis aufs Hemd aus, warf meine Kleider in einem unbeobachteten Moment auf den Sand hinaus und benutzte dann den ersten Schnarcher meines Nachbarn, um wie ein Aal hinauszuschlüpfen.

Diesmal hatten mich höchstens ein Dutzend von den Blutsaugern in Angriff nehmen können; ich drosch sie wie gestern wutschnaubend in den Sand hinein und machte mich dann auf die Suche nach meinen beiden Bettgenossen. Doch heute fand ich weder den Vater der Bosheit noch ein Kamel, so grub ich mir ein Loch und schlief darin immerhin einige Stunden ganz leidlich. Den Rest der Nacht verbrachte ich abwechselnd mit Dauerläufen, Freiübungen und verzweifelten Versuchen, die kalte Nässe des Nachttaus an winzigen Feuerchen zu trocknen, für die ich still und tückisch Binsenstengel aus der Verkleidung der Zelte zupfte. Die aufsteigende Sonne machte schließlich alles wieder warm und gut, und ein herrlicher Ritt in das Wadi Harb, ein krautbewachsenes felsiges Wüstental, wo die Pferde und Kamele des Stammes und ein Teil der Schafe und Ziegen weideten, ließ mich bald die Trübseligkeit der Nacht vergessen.

Draußen setzten sich Marek, Abd er Rat und sein Sohn Musa bald abseits und begannen eine erregte aber nur halblaut geführte Unterhaltung, so ging ich mit meinem winzigen Freunde Fadl, den ich heute schon vorm Zelt, neben dem Falben lauernd vorgefunden hatte, zu den nachgekommenen Frauen und jungen Mädchen, die mit dem Melken der Kamele und Schafe beschäftigt waren. Die Weiblichkeit verhielt sich noch ein bißchen scheu und fremd, nur ein paar kranke Kinder hatten sie im Lager angebracht, die ich so gut ich es verstand aus meiner Taschenapotheke verarztet hatte.

Eine Ausnahme machte nur ein junges Ding, dessen ungeheure Lebendigkeit mir schon gestern im Lager aufgefallen war. Sie mochte dreizehn Jahre alt sein, stand also etwa auf der Entwicklungsstufe eines europäischen Mädchens von achtzehn. Unter einer Kette von klirrenden Silbermünzen fiel ihr schwarzes, windzerzaustes Gelock in die breite niedere Stirn, ihr jettschwarzes funkelndes Augenpaar und ihr großer Mund mit den gewölbten Lippen, zwischen denen prachtvolle weiße Zähne vorblitzten, gaben in ewig wechselndem Ausdruck jede Regung ihrer wilden Seele wieder. Sie hieß Omm el Cherik, Tochter des Glücks, und war die Nichte des alten Marek. Sie melkte gerade eine Kamelstute.

»Gib mir ein bißchen Milch!« bat ich sie. Sie blitzte mich an und setzte die Zähne auf die Oberlippe. »Komm und nimm!« antwortete sie und hielt mir das Gefäß hin; ich bog mich herab, da zog sie die Schale schnell zurück und setzte sie dem kleinen Fadl an die Lippen, der auch prompt anfing zu schlürfen.

Ich kniff nur ein Auge zu, suchte blitzschnell mein bestes Arabisch zusammen und fragte: »Sage, o Blume der Hattje (beregnete Steppe mit Pflanzenwuchs), ist jene Hedjina (Kamelin) dort mit dem Fell von silberner Seide auch das Eigentum deines Vaters?«

»Ich habe keinen Vater und keine Hedjina, o großer kluger Herr, aber es gehört meinem Onkel Marek ibn Sarduk!« sagte sie spöttisch, – »Oh, verzeih!« – da hatte sie mir den kupfernen Milchtopf auf den Fuß gesetzt. Ich nahm wortlos die vom Büblein geleerte Schale, hockte mich neben dem anderen Kamele nieder, hatte mit einigen raschen Melkgriffen die Schale wieder voll und trank sie in stiller Zufriedenheit aus. Omm el Cherik machte für einen Moment ein verdutztes Gesicht.

»Ah, woher kannst du melken, hoher Herr?« fragte sie, stob, ohne eine Antwort abzuwarten, plötzlich wie ein Wirbelwind los und setzte mit einem Sprung über ein liegendes Kamel weg. »Kannst du das auch?« rief sie lachend, und hockte sich neben dem Tiere nieder.

Ich zuckte die Achseln, schlenderte mit tückischer Gelassenheit ein paar Schritt seitab, warf mich mit dem Rufe: »Paß auf!« plötzlich herum, schoß auf sie zu und sprang über das Kamel und ihren erschrockenen geduckten Kopf weg. Mit funkelnden Augen fuhr sie hoch und schüttelte ihre Locken. »Ah du –! Kannst du laufen? Fang mich!« und wie ein geschleuderter Ball flog die üppig schlanke Gestalt über die Steine des Wadi davon.

Ich nahm alle Kraft zusammen, setzte ihr in Riesensprüngen nach und hatte sie trotz ihrer schlangengewandten Wendungen auch beinahe eingeholt, als sie in instinktiver Schlauheit in den weichen tiefen Sand der flachen Wüste einbog, wo ihre nackten Füße gegen meine Stiefel im Vorteil waren. Draußen blieb sie stehen und genoß, die Arme in die Hüften gestützt, mit einem langgezogenen Triller ihren Triumph. »Fang mich doch, wenn du kannst!«

»Ich kann!« rief ich hinüber, lief zurück und sprang auf den Falben.

Die Männer waren verschwunden, die Frauen und Mädchen aber sahen begeistert dem Spiele zu und warnten jetzt mit schrillen Zurufen ihre Gefährtin. Als sie das Pferd sah, stieß sie einen protestierenden Schrei aus, wendete sich dann und schoß mit staunenswerter Leichtfüßigkeit davon. Es nützte ihr natürlich nichts, in ein paar Minuten hatte ich sie eingeholt, sprang vor Spieleifer glühend herunter, griff nach ihr, trat dabei auf ihr Gewand, wir verhedderten uns und stürzten unter dem schallenden Gelächter der Frauen zu Boden und kollerten ineinanderverschlungen noch ein Stück über den Sand hin. Mit sprühenden Augen und wogender Brust wies sie mir ihre weißen Zähne, riß mich plötzlich an meinem ziemlich langsträhnigen Schopf und lief zu ihren Kamelen zurück.

Seit diesem Tage waren wir viel zusammen, ich half ihr beim Hüten der Herden, beim Fischen und Brennmaterialsammeln, war aber nie etwas anderes als der Reit- und Spiel- und Raufgenosse dieses gefährlich schönen Wildlings – so schwer es manchmal fiel. Ich kannte die Anschauungen der Orientalen und die der Beduinen im besonderen. – Und trotzdem entstanden daraus eines Tages ungeahnte Konsequenzen.

Die Männer blieben lange aus, ich fragte die Frauen, wo sie eigentlich hingegangen wären, konnte es aber nicht erfahren. Sie bedeuteten mich nur, ruhig hier zu warten und gingen dann nach dem Duar zurück, und ich saß noch eine gute Stunde lang allein in dem heißen stillen Wüstental, bis ich zuletzt als Nachwirkung der beiden letzten Nächte einschlief. Es war schon Mittag, als mich Marek weckte, und ich sah erstaunt, daß statt drei Mann sieben aus der Wüste zurückgekehrt waren. Die anderen vier mußten von weit her gekommen sein, denn ihre Kamele fielen mit wilder Gier über die saftigen Kräuter im Wadi her. Marek stellte sie als Stammesbrüder vor, über ihre Herkunft sagten sie selber kein Wort, und ich hütete mich, darnach zu fragen. Hier ging irgend etwas vor, und was es war, erfuhr ich teilweise noch am selben Abend und in den nächsten Tagen, und den Schluß erlebte ich dann selber mit draußen im Bustan el Allah (Allahs Garten = Wüste).

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