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Christoph Martin Wieland: Alceste - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAlceste
pages593-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Dritter Aufzug

Ein mit Lorbeerbäumen besetzter Vorhof, und in einiger Entfernung ein Teil des königlichen Palasts auf Dorischen Säulen ruhend.

Erste Szene

Herkules allein:
Die Sonne neigt sich. Müd und ruhbedürftig
Betret ich deinen wohl bekannten Vorhof,
Gastfreies Haus!
Gesegnet sei mir holder Sitz der Unschuld,
Der Zärtlichkeit, des stillen Glücks!
Sei mir gesegnet, frohes Tal,
Wo einst der Gott des Lichts
In Schäfertracht Admetens Herden führte,
Und, seines Götterstands entsetzt,
Die angenommne Menschheit zierte!
Beglücktes Land, – o möcht Alkmenens Sohn,
Wenn er, von Ruhm und Siegen müd,
Einst auszuruhn verdient, des Lebens Rest
In deinen Schatten sanft verfließen sehen!

O du, für die ich weicher Ruh
Und Amors süßem Scherz entsage,
Du, deren Namen ich an meiner Stirne trage,
Für die ich alles tu,
Für die ich alles wage,
O Tugend! – Einen Wunsch, nur Einen Wunsch gewähre
Dem der sich dir ergab! Wenn einst die Bahn der Ehre
Durchlaufen ist, wenn er sich sehnt nach Ruh,
So schließe hier am Abend seiner Tage
Die Freundschaft ihm die Augen zu!

Doch, was bedeutet diese tiefe
Unzeitge Stille? Keine Lieder hallen
Den Säulengang herauf?
Verlassen, öde, wie die Trümmern einer
Zerstörten Stadt, ist dein Palast, Admet?
Verlassen von den Göttern
Der Freude, deren Sitz er war!
Was für ein Unfall – Wie? Mir deucht ich hörte
Ein Klaggeschrei aus jener Halle tönen.

Ein Bedienter kommt aus dem Hause hervor, und eilt, da er den Herkules erblickt, mit einer Gebärde der Bestürzung zurück.

O sage, Freund, – Er flieht mich! – Trübsinn hängt
Um seine Stirne! – Zu gewiß! ein Unglück traf
Admetens Haus! – O wende, Vater Zevs,
Die Vorbedeutung ab! – Doch, was es sei,
Ich muß es wissen! Rastlos treibt mich zwar
Der unversöhnbarn Juno Groll
Von einem Abenteur zum andern; aber hier,
Hier ruft die Freundschaft mir! Ihr Ruf
Geht allem andern vor –

 
Zweite Szene

Parthenia, Herkules.

Parthenia:
Alkmenens Sohn? – Willkommen, o Befreier
Von Gräcien, willkommen, Herkules,
Dem Haus Admets!

Herkules:
Wo ist er, wo? Was hält
Von seines Freundes Armen ihn zurück?

Parthenia:
Du weißt es nicht?

Herkules:
        Kaum bin ich angekommen.
Noch sah ich niemand; nur ein Klageton
Schien aus dem innern Hause mir entgegen
Zu dringen – Reiße mich aus diesem Zweifel!
Er lebt doch wohl?

Parthenia:
        Er lebt.

Herkules:
Er lebt – und trüber Gram umwölkt dein Auge,
Prinzessin? Traurig sagst du mir, er lebt?

Parthenia:
Vor wenig Stunden schwebte noch sein Geist
Im Tor des Tartarus.

Herkules:
        Was sagst du?

Parthenia:
Durch ein Wunder ist
Er wieder uns geschenkt.

Herkules:
Dank hab Apollo! Denn sein Werk
Wars ohne Zweifel! – Und Alceste – deine Schwester?

Parthenia:
Welchen Namen nanntest du,
Unglücklicher!

Herkules:
Du schreckst mich! – Wie? Alceste –?

Parthenia:
        Hat gelebt.

Herkules:
Beklagenswerter Freund! Was tatest du
Den Göttern? – Welch ein Wechsel!

Parthenia:
Ach! wüßtest du erst alles, Herkules!

Herkules:
Was kann ich ärgers wissen?

Parthenia:
Freiwillig gab die treue Gattin sich
Für ihn dahin. Er lebt durch ihr Erblassen.

Herkules:
Der feige Mann! – Konnt er so niedrig sein
Um diesen Preis sein Leben anzunehmen?

Parthenia:
Ach! da sie sich an seiner Statt den Parzen
Zum Opfer darbot, rang er mit dem Tode.
Er wußt es nicht.

Herkules:
        O Beispiel ohne gleiches!
Und du, Apollo, ließest es geschehn?
Du, der in diesem menschenfreundlichen
Wohltätgen Haus vor meines Vaters Zorn
Einst eine Freistatt fand? –

Parthenia:
Er tat was möglich war;
Doch selbst den Göttern ist
Nicht Alles möglich. Gänzlich ließen sich
Die Parzen nicht erbitten. Jemand mußte
Zum Opfer für Admet sich selber weihen.
Dies war die Antwort, die uns Delphi sandte.
Kaum hörte sie den Götterspruch,
So war ihr Schluß gefaßt,
Und unbeweglich blieb die Heldin unserm Flehn.

Herkules:
Und so viel Tugend sollt ein Aschenkrug
Verschließen? – Nein! So wahr ich Sohn
Des Donnergottes bin, das soll er nicht!
Prinzessin, kann ich nicht Admeten sehn?

Parthenia:
Was wird dein Anblick ihm in diesem Jammer helfen?

Herkules:
Ich muß ihn sehn.

Parthenia:
Ach! Ist er fähig deinen Anblick zu ertragen?
Er haßt den Tag, er haßt die Gegenwart
Der Menschen die er liebte, haßt
Sein eignes Dasein, fleht den Tod
Um Mitleid an.

Er flucht dem Tageslicht
    In seinem Schmerz;
Sein bloßer Anblick bricht
    Ein fühlend Herz;
Ihm Trost zu geben, fänd
    Ein Gott zu schwer!

    Er hört mit taubem Ohr
        Der Freundschaft Stimme;
    Starrt zum Olymp empor
        In stummem Grimme;
    Kennt sinnlos weder Furcht
        Noch Hoffnung mehr!

Er flucht dem Tageslicht
    In seinem Schmerz;
Sein bloßer Anblick bricht
    Ein fühlend Herz;
Ihm Trost zu geben, fänd
    Ein Gott zu schwer!

O Herkules! Was bleibt der Freundschaft übrig
Für ihn zu tun? Er ist –

Herkules:
Mein Freund!
Nie war er meiner Hülfe mehr benötigt.
O laß mich –

Parthenia:
        Wohl! versuch es, Göttersohn!
Vielleicht erweckt der Anblick eines Helden
Sein schon erstorbnes Herz. Ich geh
Ihm deine Ankunft anzusagen.

Sie geht ab.

 
Dritte Szene

Herkules allein.

Es ist beschlossen!
Durch nie erhörte, durch den Erdensöhnen
Versagte Taten soll, o Vater Zevs,
Dein Sohn den Weg sich zum Olympus öffnen!
Herab zum Orkus steig ich, zwing ihn, mir Alcesten
Zurück zu geben, – oder unterliege
Der großen Tat!

Er geht in den Palast hinein.

 
Vierte Szene

Der Schauplatz verwandelt sich in einen Saal des Palasts.

Herkules, Admet.

Admet in einem Lehnstuhl, mit dem Arme auf einen kleinen Tisch gestützt, auf welchem ein Aschenkrug steht. Herkules nähert sich ihm langsam und schweigend, mit dem Ausdruck der mitleidenden Freundschaft in seinen Blicken. Admet sieht ihn mit starren Augen an.

Herkules:
Wie? kennst du deinen Freund nicht mehr?

Admet:
O ja, ich kenne dich! – Du bist – der Sohn
Von einem Gotte der mich elend macht.

Herkules:
Admet, ich bin dein Freund, wiewohl du selbst
Kein Mann mehr bist. Ich kann nicht mit dir weinen,
Nicht jammern wie ein Weib, – doch helfen will ich dir.

Admet:
Mir helfen?

Herkules:
        Ja, dir helfen oder im Versuch
Mein Leben lassen.

Admet:
Dies kannst du; helfen kann kein Gott mir!

Herkules:
        Fasse,
Ermanne dich, Admet; noch ist nicht alles
Verloren –

Admet:
        Wie? Nicht alles? Ist
Alceste nicht verloren?
Sieh her! Da, siehst du diesen Aschenkrug?
Bald wird er alles, alles was von ihr
Mir übrig ist, verschlingen!

Herkules:
        Hoffe besser, Freund!

Admet:
Ich, hoffen? Rasest du?
Kannst du den Orkus zwingen, seine Beute
Zurück zu geben? – Hör es, wenn du es
Noch nicht gehört! Tot ist sie, tot! erkaltet, atemlos,
Tot, sag ich dir! – Ich habe nichts zu hoffen!

Herkules:
Dein Zustand jammert mich, Admet,
Ich fühle deinen Schmerz. Doch zur Verzweiflung sinkt
Kein edler Mann herab! – Wie? war Admet
Nicht immer ein Verehrer
Der Götter? – Wo ist sein Vertraun
Auf ihre Macht!

Admet:
        Ach, Freund! Sie haben mich
Verworfen! hörten nicht mein Flehn!

Herkules:
Der Ausgang soll mit ihnen dich versöhnen,
Kleinmütiger! – Ich gehe – Herkules
(Du kennest ihn) ist nicht gewohnt durch Worte
Zu reden. Lebe wohl! Bald sehen wir uns wieder!

Admet:
Was willst, was kannst du tun?

Herkules

Freund, zweifle nicht!
Was Herkules verspricht
    Das wird er halten!

    Ruf deinen Mut zurück!
    Die Götter walten!
    Ihr Beifall ist der Tugend Sold;
    Sie sind den Frommen hold,
    Und werden dein Geschick
        Bald umgestalten!

Freund, zweifle nicht!
Was Herkules verspricht
    Das wird er halten!

Ende des dritten Aufzugs

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