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Christoph Martin Wieland: Alceste - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAlceste
pages593-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Erster Aufzug

Ein Vorsaal an Alcestens Zimmer.

Erste Szene

Alceste allein.

Er ist gekommen,
Der Bote, der die Antwort mir des Gottes
Von Delphi bringt. Ich wagt es nicht
Ihn anzuhören, ach! – ich wagt es nicht
Die Augen zu ihm aufzuheben.
An seinen Lippen hängt
Dein Schicksal, mein Admet! – das Schicksal deiner Gattin!
O gute Götter, habt ihr jemals
Der frommen Liebe Flehn euch rühren lassen,
So hört mich, Götter! rettet, rettet ihn!
Wo nicht, so lasset mich mit ihm erblassen!

Zwischen Angst und zwischen Hoffen
Schwankt mein Leben, wie im Rachen
Der empörten Flut ein Nachen
Ängstlich zwischen Klippen treibt.

    Der Donner rollt, die Winde brausen,
    Die aufgewühlten Wogen kochen;
    Rings um mich her ist Nacht und Grausen!
    Dies Herz, ein Herz das nichts verbrochen,
    Ist alles was mir übrig bleibt!

Zwischen Angst und zwischen Hoffen
Schwankt mein Leben, wie im Rachen
Der empörten Flut ein Nachen
Ängstlich zwischen Klippen treibt.

 
Zweite Szene

Alceste, Parthenia.

Alceste:
Parthenia! – Gott!
Wie blaß ist ihre Wange!
Sie bebt! – O Schwester, laß mich nicht
In dieser Ungewißheit! Hat Apollo
Mein Urteil ausgesprochen? Rede, rede!
Bringst du mir Leben oder Tod?

Parthenia, mit weggewandtem Gesicht und erstickter Stimme:
Ach Schwester!

Alceste:
Was sagst du? Muß er sterben?

Parthenia:
Unerbittlich,
Ach! unerbittlich sind die furchtbarn Töchter
Des Erebus! Schon strecket Atropos
Die schwarze Hand – Bald wird der Faden seines Lebens
Durchschnitten sein –

Alceste, indem sie kraftlos auf einen Lehnstuhl sinkt:
Ihr Götter!

Parthenia:
        Fasse dich, Geliebte! Noch schimmert uns
Ein Strahl von Hoffnung; noch
Lebt dein Admet, und soll
Bis an das fernste Ziel der Menschheit leben,
Wenn jemand sich entschließt
Für ihn sich hinzugeben.

Alceste:
Parthenia, sprichst du wahr?

Parthenia:
Apollo sprichts aus meinem Munde.

Alceste:
Und zweifelst du, ob jemand ist
Der sich entschließe für Admet zu sterben?

Parthenia:
O Schwester, welch ein Mittel ihn zu retten!
Wer wird die Liebe, wer die Großmut bis
Zu diesem Grad der Höhe treiben?
Sein Vater selbst, der abgelebte Greis,
Der lebendtot ein freudeleeres Dasein
Vielleicht noch wenig Tage schleppen wird,
Sein Vater selbst
Kann zu der edeln Tat sich nicht entschließen.
Wir flehten ihm, umfaßten seine Knie,
Beschworen ihn! Umsonst! gefühllos, taub,
Taub wie ein Marmor, blieb er unserm Flehen.

Alceste:
Das Alter hat in seiner kalten Brust
Die Quelle der Empfindung aufgetrocknet.
Doch, klage nicht, Parthenia! – Mein Admet
Wird leben! lebt in diesem Augenblick
Schon wieder auf! – Es ist gefunden,
Das Opfer, das für ihn der Parzen Zorn versöhnt.

Parthenia:
Es ist gefunden, sagst du? – sagst es mir so ernst
Und so gelassen? – Götter, welche Ahnung
Weckt diese furchtbare Gelassenheit
In meinem Busen! – Liebste Schwester!
Welch ein Entschluß –

Alceste:
Er ist gefaßt!

    Ihr Götter der Hölle,
    Ihr furchtbaren Schatten,
    O! schonet den Gatten!
    Hier bin ich, und stelle
        Zum Opfer mich dar.
Knieend.
Euch weih ich mein Leben!
Sie erhebt sich wieder.
        Sie habens vernommen!
        Sie kommen, sie kommen!
        Ich höre das Schweben
        Der schwarzen Gefieder.
        Sie steigen hernieder!
        Sie holen das Opfer
            Zum Todesaltar,
    Ihr Götter der Hölle,
    Ihr furchtbaren Schatten,
    O! schonet den Gatten!
    Hier bin ich, und stelle
        Zum Opfer mich dar!

Parthenia:
O gute Götter, höret nicht
Was in der Angst der zärtlichen Verzweiflung
Ein liebekrankes Herz euch angelobt! –
Komm, liebste Schwester, komm in meine Arme!
Komm zu dir selbst zurück! – Besinne dich,
Alceste! – Sieh mich an, die dich so zärtlich
Von unsrer Kindheit an geliebt, mich, die du wieder
So zärtlich liebtest, – kannst du den Gedanken,
Mich zu verlassen, nur erträglich finden?
Verlassen willst du Freunde, Vaterland
Und Kinder, alles was den Sterblichen
Das Teurste ist, verlassen? – dieses goldne Licht
Der Sonne mit der ewgen Nacht
Des Tartarus vertauschen? – jeder Freude
Des Lebens, jedem schönen Blick
In wonnevolle Tage die dir winken
Entsagen? – Schrecklich! Nein, du sollst es nicht!
O rufs zurück, Unsinnige, das rasche
Entsetzliche Gelübd –

Alceste:
Es ist unwiderruflich!
Vergebens marterst du mein leidend Herz:
Laß ab, Parthenia! Nur zu sehr empfind ich
Der Trennung Qual. – O meine Kinder! –
O mein Gemahl! – O meine Schwester! – Bald,
Bald werden diese halb erloschnen Augen
Nicht mehr voll Liebe sich
An eurem Anblick weiden!
Die Parze ruft! Wir müssen – ach!
Wir müssen scheiden!

Parthenia:
Uns scheiden? O verhütet es,
Gerechte Götter! Nein, Alceste, nein!
Noch ist es Zeit. Die Götter haben Mitleid
Mit unsrer Schwachheit; hören nicht
Gelübde, von Verzweiflung
Der Liebe ausgepreßt. – Es ist –

Alceste:
Geschehn! Sie haben mich erhört!
Der Tod erwartet gierig seine Beute.
Schon fühl ich seine Hand – Wie kalt sie ist!
Ein banges Schaudern läuft durch meine Adern.
Parthenia, lege deine Hand auf diesen Arm
Und fühle –

Parthenia:
        Götter!

Alceste:
                Ja, ich sterbe,
Und mich gereuet mein Gelübde nicht.
Du lebst, Admet! – Wie leicht, wie süß ists der
Die nur für dich gelebt, für dich zu sterben!

Parthenia:
Nein, nein! Bei allen Mächten des Olympus!
Du sollst nicht sterben, wenn im ganzen Umfang
Der allbelebenden Natur
Ein Mittel übrig ist. – Ich eile! – Gute Götter,
O helft, o rettet sie!

Alceste allein: Wohin, wohin, Parthenia? Höre mich! –
Sie ist entflohn! Unglückliche,
Dein Eifer ist umsonst!
Kein Mittel, keine Wunderkraft der Kunst,
Kann einen Tag zu meinem Leben setzen.
Ich bin den Todesgöttern heilig,
Ich sterbe! – Dieses bange, langsam durch
Mein Innerstes hinkriechende
Noch nie gefühlte Schaudern,
Es ist der Tod! –

Sie sinkt in einen Lehnstuhl.

Parthenia! – Admet! – Wo seid ihr?

O du, mein zweites beßres Ich,
Wo bist du? Kannst du, kannst du mich
In diesem letzten Kampf verlassen?
Ich sterb, ein Opfer meiner Pflicht,
Du lebst, Admet, und eilest nicht
Alcestens Seele aufzufassen?

Ende des ersten Aufzugs

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