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Alfred Schirokauer: Alarm - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/schiroka/alarm/alarm.xml
typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleAlarm
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1. ?10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090225
projectida2445045
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9

In einem Wirrsal der Gefühle erwartete Rutland am Abend Angelita. Sie hatte ihm gestern versprochen, zu kommen. Sie würde Mittel und Wege finden, ihre Verheißung wahr zu machen.

Tief zusammengekauert saß er in einem der weichen Klubsessel seiner Bibliothek und grübelte. Es war gut, daß sie kam, gerade heute kam. Denn nun war er für sie bereit, nun war sein Leben für sie geöffnet, weit, weit. Jetzt, nach dieser Begegnung heute morgen, war die Vergangenheit endgültig tot und abgetan.

Weit stärker als in ihrer wirklichen Gegenwart empfand er jetzt nachkostend das Zusammentreffen mit der Frau, die sein Leben verdorben, ihm eine andere Richtung gegeben, die er gehaßt hatte als das Unheil und den Abgrund, in den sie ihn gestoßen hatte.

Und sie hatte ihn nicht erkannt! Daran zweifelte er nun nicht mehr. Während der Mahlzeit hatte er immer noch gefürchtet. Ihr aufbäumendes Stutzen bei der Begrüßung, ihr Aufschrei waren verräterische Warnungssignale. Es entging ihm nicht, wie sie später gierig in seinem Gesicht forschte, wie sie auf den Klang seiner Stimme lauschte, wie sie in ihm nach dem Manne ihrer ersten Liebe fahndete. Er hatte nicht gewagt, Wesen und Stimme zu verändern, aus Furcht, solche Wandlung könne Bouterweg auffallen, der ihn aus wochenlangen Verhandlungen genau kannte. Er sah, wie sie zwischen Erkennen und Fremdheit einhertaumelte.

Doch beim Abschiede gewann er die frohe Zuversicht, daß sie jetzt mit sich und mit ihm im klaren war, daß sie sich nun abschließend ihre Meinung gebildet und von ihrem Anfangsirrtume überzeugt hatte. Denn beim Aufbruche nach dem Lunch sagte sie zu ihm mit einer gesteigerten, ostentativen Liebenswürdigkeit: »Mr. Rutland« – kein Stolpern und Zögern mehr vor seinem angenommenen Namen! – »ich habe mich außerordentlich gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Dieser Tag mit Ihnen wird zu meinen liebsten Erinnerungen an England gehören.«

Bouterweg stand daneben und strahlte. Strahlte vor Freude, daß der Mann, den er lieb gewonnen hatte, auch Muriel so gut gefiel und war stolz auf seinen »Darling«, der so hübsche Sachen so hübsch zu sagen wußte.

»Wir fahren leider übermorgen heim«, fuhr Muriel fort, nachdem Rutland auch ihr mit einem feinen Komplimente gehuldigt hatte. »Ich würde mich sehr freuen, Sie recht bald als unseren Gast in Neuyork zu begrüßen.«

Ganz unbefangen, mit aufrichtiger Herzlichkeit, hatte sie gesprochen und den Mann, der ihre schauspielerischen Gaben doch hätte kennen sollen, wieder einmal getäuscht. Er ahnte nicht, daß diese Worte schon auf dem Theater ihrer Heuchelei gesprochen wurden.

Nein, diese Gefahr, die ihm gestern abend noch so verderblich und lebenzerstörend erschienen war, daß er feige und kopflos floh und weitere Flucht plante, war in nichts zerronnen. Eine Seifenblase, die harmlos zerplatzt war.

Der Mann im Klubsessel faltete entlastet die Hände. Plötzlich löste er die Finger und preßte beide Handflächen gegen die Stirn. Er dachte an sein Kind. Diese Begegnung hatte tiefe Furchen des Grames in seinem Gemüte gezogen. Oft hatte er voll Sehnsucht und Fragen an seine kleine Tochter gedacht. Wie hatte sie sich entwickelt? Wie sah sie aus? Was wußte sie von ihrem Vater?

Nun hatte er sie gesehen mit diesen Augen eines Erwachsenen, dessen Gemüt weh ist von einem geheimen verborgenen Kummer. Und Sorge und Angst um dieses Kind und ein körperlich schmerzendes Verlangen nach ihm klaffte in seiner Brust wie eine offen blutende Wunde.

Mit einer heftigen Bewegung sprang er empor. Vorbei! Er fegte mit der Rechten durch die Luft. Vorbei! Die Vergangenheit war nun endgültig tot. Auch das Kind mußte er aus seiner Erinnerung tilgen. Das war ihm auf ewig verloren. Fort mit allem, was ihn noch an das Ufer jenseits band.

Hinüber zu neuen Gestaden!

Er schritt gewohnheitsmäßig in der Bibliothek auf und nieder und zwang mit Anstrengung Angelita in seine Gedanken. Ihr gehörte nun sein Leben. Ihr allein. Vor der Vergangenheit war jetzt das Tor zugeschlagen für immer. Jetzt lebte nur die Gegenwart und die Zukunft. Sie hieß Angelita.

Eine scheue Freude wallte in ihm auf. Ja, nachher, wenn sie kam – er blickte auf die Uhr, es war kurz nach acht –, wenn sie kam, wollte er ihr alles bekennen. Jetzt war er zu dieser großen Beichte bereiter als je zuvor. Jetzt wollte er ihr sagen, warum er sie in Tokio und neulich hier in diesem Raume im Augenblicke drohenden Taumels von sich gestoßen hatte. Sie würde dann mit ihrer feinfühligen Klugheit begreifen, daß sie für ihn unberührbar bleiben mußte, so lange sie das Weib eines anderen war. Daß sie ihm Tabu sein mußte, wenn er leben, wenn er für sich noch das Recht auf Leben beanspruchen wollte, er, der einen anderen, seinen besten Freund, getötet hatte, weil er ihm sein Weib genommen hatte.

Sie würde mit ihm fühlen, daß ein Rächer seiner Ehe nicht eine andere Ehe schänden kann, wenn er vor sich und seinem Gewissen bestehen will. Nur, wenn ihm die Ehe ein heiliges Sakrament war, konnte er vor sich den Tod des Freundes rechtfertigen und leben.

Das würde sie begreifen.

Er blickte wieder auf die Uhr. Unruhe packte ihn. Nein, sie würde kommen.

Sie hielt Wort über alle Hindernisse hinweg.

Sie mußte sich scheiden lassen. Ihre Ehe lösen. Es mußte Mittel und Wege geben, den Herzog zu zwingen. Dann würden sie heiraten. Trotz allem. Obwohl seine Ehe mit Muriel gesetzlich nicht gelöst war. Unsinn! Auch Muriel hatte geheiratet. Keine törichten unwirklichen Bedenken. Er war es satt, Sklave und Märtyrer seiner Vergangenheit zu sein. Nein, jetzt wollte er endlich wieder der Gegenwart leben und glücklich sein. Erst die Trümmer forträumen, freies Baugelände schaffen für das neue Glück.

Er schritt auf und nieder, voller Ungeduld, und die alten, nie verblichenen Geschehnisse jenes Junitages vor sechs Jahren drängten auf ihn ein. Ja, alles wollte er ihr erzählen, alles. Noch einmal die alten Gesichte beschwören, dann das Tor zuschmettern und den Schlüssel von sich schleudern, es niemals, niemals mehr zu öffnen.

Da klopfte es an der Haustür.

Er schrak zusammen vor freudevoller Erwartung. Das war sie! Endlich! Das war das Glück und das Leben, das endlich an sein Haus pochte. Er starrte mit trunkenen Augen auf die Tür der Bibliothek.

Wisdom klopfte und trat ein.

»Eine Dame, Sir!« sagte er mit schlecht verhehltem Staunen und geheimnisvoller Bedeutung, wie das erstemal.

»Lassen Sie die Dame eintreten«, gebot er gemessen und war dabei kein besserer Behüter seiner Gefühle als sein Diener. Die Freude brach ihm aus den Augen.

Der Butler ging.

Rutland eilte zum Eingang, stand dicht an der Schwelle, das Glück und das Leben zu empfangen.

Wisdom öffnete die Tür.

Die Dame trat ein.

Es war – Muriel.

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