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Alfred Schirokauer: Alarm - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/schiroka/alarm/alarm.xml
typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleAlarm
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1. ?10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090225
projectida2445045
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8

Während die Herren draußen im Vorzimmer ihre Garderobe in Empfang nahmen, zweifelte Rutland nicht einen Augenblick, daß Muriel ihn erkannt habe. Trotz seiner veränderten Lebensumstände, trotz des fürstlichen Verwaltungspalastes, in dem sie ihn als unumschränkten Gebieter wiedertraf, trotz des usurpierten Namens, trotz der Wandlung, die in seinem Äußeren das Verhängnis, die Tage und Nächte, die er auf der Planke im Stillen Ozean getrieben war, die Not der ersten Zeit, die Jahre, die seitdem verronnen waren, und der Schnurrbart gewirkt hatten, den er sich gleich nach der Tat zur Maskierung hatte wachsen lassen.

Unter allen Menschen mußte trotz alledem sie ihn wiedererkennen. Sie gewiß. Ihr Aufschrei, ihr Erblassen und die gleich danach aufsteigende Röte ihres Gesichts, ihr Zögern vor seinem neuen Namen – alles verriet ihr Erkennen.

Zugleich erfüllte ihre Beherrschung ihn mit bewundernder Hochachtung. Aber freilich, sie war immer eine Frau gewesen, die wie Kork auf den erregten Wogen des Lebens schwamm. Gerade weil sie innerlich so leicht war, ohne Ballast an Hemmungen, Bedenken und Moral. Wenn einer an ihr diese Veranlagung erfahren hatte, war er es doch, dachte er bitter. Weil sie ohne Inhalt war, trieb sie stets sofort empor auf die Höhe jeder Situation und war ihr gewachsen. Weil keine Widerstände in ihr zu überwinden waren. Und dennoch imponierte ihm die überlegene Art gewaltig, in der sie diese unerwartete Begegnung meisterte.

Er irrte. Zunächst überfiel Muriel die erschreckende Ähnlichkeit Rutlands mit dem Manne, dem die Liebe ihrer ersten Jugend gehört hatte. Dann begann sie zu schwanken. Wie sollte der Mann, den sie mit gutem Rechte seit sechs Jahren für tot hielt, der für sie in den endlosen Tiefen des Stillen Ozeans versunken war, ihr plötzlich lebendig als Präsident von Killick & Ewarts, in London, als Engländer, in einer der ersten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stellungen der Erde entgegentreten?! Für ihr kleines, real denkendes Gehirn geschahen keine Wunder. Nonsens! Und wenn er es wäre, hätte doch auch er sie erkennen müssen. Dann hätte sie bestimmt ein Zeichen seiner Bestürzung, Überraschung wahrnehmen müssen. Sie kannte doch ihren lieben George. Impulsiv, heftig, ungebändigt, wie er war! Kein Mann der Beherrschung, bei Gott nicht. Sonst hätte er sich niemals zu jener unbesonnenen, törichten Tat des Affektes hinreißen lassen. Niemals. Nein! Zu einer solchen Komödie der Verstellung war der brave George nicht fähig. Nie und nimmer.

Dabei vergaß Muriel aber die umgestaltende Macht von sechs Jahren des Kampfes ums Dasein, der bitteren Notwendigkeit und des zähen Lebenswillens eines jungen Menschen. Das in Rechnung zu stellen, war Muriel Bouterweg bei aller ihrer weiblichen Verschlagenheit nicht intelligent genug.

So schwankte sie und blieb ungewiß und unsicher. Jetzt sprach er. Die Stimme riß sie zu ihm herum. Es war seine Stimme, unverkennbar. Die Stimme, die ihr die ersten Liebesworte ihres Lebens zugeflüstert hatte. Aber diese weißen Haare an den Schläfen, diese tiefen Runen um Mund und Nase, diese Augen, die so ganz anders – irgendwie tiefer, klüger, ganz fremd blickten –, diese hoheitsvolle, unnahbare Art, in der er dem Diener zunickte – nein, das war nicht ihr flotter, unbekümmerter, jungenhafter kleiner George! Nein, das war er nicht!

Sie fuhren in das Hotel, in dem die Bouterwegs wohnten. Dort hatte der Reeder schon am Morgen einen festlichen Lunch bestellt. Das Mahl sollte einen würdigen Abschluß der erfolgreichen sympathischen Geschäftsverhandlungen bilden.

Seine behäbige Fröhlichkeit lag ahnungslos über dem kleinen Tische. Er merkte nicht, daß er allein das Wort führte, Schnurren und Abenteuer aus seinem buntbewegten Seemannsleben zum besten gab, daß die Tischgenossen still und einsilbig saßen, die Speisen kaum berührten und mechanisch lachten und ab und zu nichtige Zwischenrufe des Staunens oder der Bewunderung einflochten. Er trank und aß, ließ es sich schmecken, unterhielt sich trefflich und sah nicht das heimliche Suchen und Tasten und Prüfen der Augen und Sinne der beiden.

Jetzt erst, in der Ruhe der Mahlzeit, wurde es Rutland eindringlich bewußt, daß er auf Armeslänge neben der Frau saß, die ihm einst das Teuerste, dann das Verruchteste unter der Sonne gewesen war. Aber auch jetzt war keine aufwühlende Erregung in ihm, keine Liebe, kein Haß. Nur Staunen und eine matte Gleichgültigkeit und Verwunderung ob dieser fahlen Gleichgültigkeit und über die Liebe und Leidenschaft seiner Jugend.

Was hatte er, töricht verblendet bis zum Morde, an dieser Frau geliebt?! Was bloß?! Hatte sich sein Geschmack, seine Schätzung des Weibes seit jenen Tagen so fundamental geändert? Hatten die Tat, die Kummerjahre, die verbissene Arbeit in London ihn so von Grund auf gewandelt? Oder war es nur Angelitas Schönheit, Geist, Menschlichkeit, die ihm einen anderen, höheren Begriff der Weiblichkeit gegeben hatten? Er wußte es nicht.

Er suchte immer wieder dieses Gesicht, in dem er jeden Zug kannte, in dem jede Linie ihm von Minute zu Minute heimischer und vertrauter wurde, diesen Körper, den er tausendmal im höchsten Rausche und letzter Ekstase in den Armen gehalten hatte. Und der heute schwieg und tot war und nicht die leiseste Regung in seinem Gemüte belebte.

Nichts hatte sich in ihren Zügen verändert. Die Jahre und die Katastrophe waren spurlos an dieser glatten, gepflegten Schönheit vorübergegangen. Keine Falte, keine Runzel, keine Schmerzenslinie kündete, daß diese Frau das Furchtbarste durchschritten hatte, das einem Weib begegnen kann. Die blauen Augen strahlten ungetrübt, die Wangen blühten pfirsichrosa und frisch, der kleine Mund lächelte kindlich, lieblich, die Zähne leuchteten blendend und gesund, das sorgsam ondolierte Haar glitzerte silbrigblond. Neben ihm thronte eine verführerische, reiche, mondäne, junge Frau, der das Glück und das Leben lacht.

Gewiß, grübelte er, ist sie duftig und voller Liebreiz. Aber doch ein Allerweltsgesicht, wie man es in der Fünften Avenue zu Neuyork am Nachmittag zwischen fünf und sieben, wenn die Damen bummeln und Schaufenstern gehen, zu Dutzenden sieht, und in Rudeln auf dem Boulevard zu Hollywood. Der echte, hübsche, scharmante amerikanische Frauentyp. Und sie hatte er einmal für die schönste Frau auf dieser Welt gehalten und geliebt und behütet als kostbarstes Kleinod dieser Erde!!

Er begriff sich nicht mehr.

Muriel hingegen fand diesen Mr. Rutland ungemein interessant und anziehend. Hübscher, ja viel hübscher, als George je gewesen war, viel mannhafter, härter. Nein, diesen Mann da hätte sie niemals betrogen. Niemals! Zu diesem da wäre ihre Liebe niemals erlahmt. Neben ihrem dicken, klotzigen Manne erschien er ihr wie eine Toledaner Klinge neben einem Küchenmesser. Doch dieser Vergleich kam ihr nur, weil sie ihn kürzlich irgendwo gelesen hatte. Nein, diesen kernigen, bezwingenden, aufrüttelnden Mann, ohne Weichheit, Verzärtelung – sie geheimniste brutale Instinkte in ihn hinein –, hätte sie nie betrogen.

Auch diese Erregung, diese wohlige Sinnlichkeit, die sie neben Rutland durchzitterte, war ihr ein sicheres Zeichen, daß sie sich nicht täuschte, daß dieser Beherrscher der größten Waffenfabrik und Schiffswerft des Erdballs nicht ihr kleiner, harmloser, ewig fröhlicher Georgy war, den sie so schmählich betrogen hatte.

Und dennoch glitt sie einher zwischen Gewißheit und Zweifel.

Wenn er zu Bouterwegs saftigen Erzählungen lachte, war es doch Georgys jungenfrohes, unbeschwertes Lachen. Aber gleich darauf blickte das ernste, scharfe, kantige, gefurchte Gesicht eines englischen Großindustriellen zu ihr hinüber.

Nein, nein. Ihr George war tot. War von Haifischen gefressen oder lag in den Tiefen des Pazifik. Sie konnte an diese plötzliche Auferstehung nicht glauben. Es war Spuk, Täuschung, Narretei ihrer Sinne.

Aber seine Hände, die das Besteck führten! Das waren seine Hände, seine Hände, die sie so oft geliebkost und aufgepeitscht hatten mit ihren magnetischen Ausstrahlungen, wenn sie hypnotisierend über ihre Augen und über ihre Stirn gestrichen waren. Es war doch George Paterson! –

Doch nein, diese unergründlichen, herben, verschleierten Augen! Die hatte Georgy nie besessen. Seine Augen waren die lustigen, strahlenden, jungen Lichter eines Marineleutnants gewesen, scharf wie Falkenaugen, leuchtend wie Scheinwerfer.

Nein, nein, – es war Wahn, – es war unmöglich, – völlig – unmöglich!

»Ja«, erzählte Bouterweg, »das war damals, als ich Kapitän bei der United Fruit Line war und die ›Heredia‹ führte. Wir lagen in Havanna und hatten für hunderttausend Dollar Bananen an Bord. Drei andere Dampfer unserer Gesellschaft mit ähnlich großer Fracht lagen auch noch im Hafen, und draußen im Golf wütete der Sturm. Ausfahrt schien unmöglich. Wir standen dabei, ohnmächtig, die Hände in den Hosentaschen verkrampft, und mußten zusehen, wie die Bananen und die Dollars verfaulten. Zufällig waren zwei von den Direktoren der Fruit Line in Havanna. Sie beschworen uns Kapitäne auszufahren. Trotz des Hurricanes. Wir schüttelten die Köpfe. Es war Selbstmord. Verzweifelt sahen die Direktoren, wie der Schaden in die Hunderttausende stieg. Sie wissen ja, wie schnell Bananen faulen. Da setzten die Burschen eine Belohnung von zehntausend Dollar aus für Kapitän und Mannschaft des Dampfers, der ausfahren würde. In Neuorleans, müssen Sie wissen, war der Ausschiffungshafen für die Bananen. Die anderen lehnten ab.«

Rutland nickte vag. Er hörte kaum zu.

»Ich war damals gerade dreißig, der jüngste Kapitän der Linie. Mich lockte weniger das Geld, obwohl ich es damals verdammt nötig hatte, als daß meine Ehre und Tüchtigkeit als Schiffsführer mich prickelte. Prost Rutland, prost Darling! Ihr trinkt ja gar nicht!«

Die beiden anderen schreckten unmerklich aus ihrem Prüfen, Beobachten und Erwägen auf und griffen automatisch zu den Gläsern.

»Also«, fuhr Bouterweg im Banne seiner Erzählung fort, »ich sprach mit meinen Leuten, überließ ihnen die ganzen zehntausend Dollar. Mir war es um meinen Ruf als Kapitän zu tun. – ›Wenn Sie es riskieren, Kaptän‹, sagten die Leute, ›wir machen mit.‹ Na, da fuhren wir hinaus. Die anderen Kapitäne waren mir nicht gerade gewogen. Das könnt Ihr glauben. Übrigens fabelhaft das Perlhuhn, was? Ja, wo war ich doch? Richtig – wir also hinaus aus dem Hafen von Havanna. Ich kann Ihnen sagen, Rutland – Sie verstehen ja was von Schifffahrt – draußen tat sich allerhand. Ich bin in manchem Sturm gewesen. So was habe ich nie wieder erlebt. Der ganze Golf von Mexiko war eine grau-weiße, brüllende Hölle. Wir immer hinein. Von Kurs keine Rede. Lavieren, durchschleichen, die Linie des geringsten Widerstandes suchen, unten durch, war die Losung. Ich hatte oben auf meiner Brücke Augenblicke, wo ich alles verloren gab. Da habe ich gelernt, was es heißt, wenn einem das Herz in die Buxen sackt. – Ja! – Waiter, ich denke, jetzt können wir zu dem Sekt übergehen. Stellen Sie einige Flaschen Heidsick Extra Dry kalt.

Die Jungen hielten sich wundervoll. Muß ich sagen. Der Kasten krachte und splitterte. Von der Reeling und den Aufbauten war nach dem ersten Tage schon verflucht wenig übrig. Da – in der zweiten Nacht, fängt mein Funker Hilferufe auf, S –O –S, Schiff in Not. Ein großer Passagierdampfer, den's gepackt hatte. Unterwegs. Beide Schrauben gebrochen. Wir unterhandeln über die Luft- und Golfwellen hin. Er bietet eine Million Dollar Bergegeld, wenn wir ihn nach Havanna zurückschleppen. Mich packt der Satan. Ein gutes Geschäft für die Gesellschaft, für die Mannschaft, für mich. Der Teufel hole die faulenden Bananen! Wir riskieren es. Nie werde ich die Rückfahrt durch den Höllengolf vergessen, den großen Liner an den Stahltrossen – Kinder, ehe wir die festgemacht hatten! – Also, Prost Rutland, auf weitere gute Geschäfte miteinander. Prost, Muriel. Hm, nicht schlecht, der Heidsick – noch'n bißchen warm.

Also – wir brachten den Burschen heil nach Havanna hinein. Die Million wurde prompt geblutet. Ich erhielt daran auf meinen Teil zweihunderttausend Dollarchen.«

»Bravo!« warf Rutland ein, um endlich seine Gegenwart und Teilnahme zu bekunden.

»Ja, sehen Sie, so fing es bei mir an. Mit dem Gelde kaufte ich mir den ersten kleinen Kahn und verschiffte nun selbst Bananen von Jamaika nach Neuorleans. Machte meiner eigenen früheren Gesellschaft Konkurrenz. Und so entstand die Reederei Jan Bouterweg in Neuyork. Aber von dem ersten Nachen von dreitausend Tons bis zu den Vierzigtausendern, die wir heute abgeschlossen haben, ist noch eine lange Geschichte. Wollen Sie die auch noch hören?«

»Aber natürlich«, willigte Rutland eifrig ein. Seine Gedanken und Empfindungen waren viel zu sehr beschäftigt, als daß er ein regelrechtes Gespräch hätte führen können.

»Muß Sie als Schiffsmann ja auch bannig interessieren«, nickte Bouterweg und wollte mit der Erzählung seines werdenden Wohlstandes und Reedertums in See stechen.

Doch Muriel unterbrach mit ihrem gewinnendsten Lächeln.

»Erzähle ruhig, Jan. Ich kenne ja die Geschichte. Ich bin im Augenblick zurück. Muß nur mal rasch telephonieren. Mein Schneider erwartet mich.«

»Mrs. Bouterweg«, fiel Rutland rasch ein, »ich bitte Sie dringend, sich nicht durch mich abhalten zu lassen. Wenn Sie eine Verabredung haben –«

Bouterweg machte ein besorgtes Gesicht. Man saß hier so gemütlich beisammen.

»Nein, nein«, wehrte Muriel, »es ist gar nicht wichtig. Ich komme sofort wieder.«

»Kann ich es nicht für dich tun?« fragte der Gatte mit der galanten Höflichkeit, die ihn sein Adoptivvaterland gelehrt hatte.

»Nein, Jan. Beginne inzwischen nur ruhig deine Erzählung. Es dauert keine fünf Minuten.«

Damit eilte sie davon. Während Bouterweg sich mit Verve in die Schilderung seiner Bananenverfrachtung auf eigene Faust warf, blickte Rutland der Enteilenden nach.

Gewiß, eine allerliebste, biegsame Figur. Aber doch nur zierlich und graziös. Kein Vergleich mit Angelitas königlicher Gestalt, dem Adel ihres Ganges, der Belebtheit ihrer Bewegungen, den – – –

Seine Gedanken schwirrten ab zu der Geliebten, die er heute abend sehen würde, endlich wieder, endlich nach den quälenden Tagen des Harrens.

Er hörte kein Wort von Bouterwegs drastischem Berichte über den Werdegang seiner Millionen.

In Muriels sachlich gescheitem Kopfe war eine praktische Idee aufgesprungen. Sie war ihrer wechselvollen Zweifel müde. Sie wollte ihre Gewißheit haben. Wollte Rutland auf eine letzte untrügliche Probe stellen. Deshalb verließ sie den Tisch. Wagte einen kühnen Handstreich. Wußte, sie konnte ihn wagen. Der gute Jan würde nichts merken, trotz der verblüffenden Ähnlichkeit.

Der wackere Holländer war kein sehr feiner Beobachter.

Sie kam nach kaum fünf Minuten zurück. An der Hand führte sie ein kleines Mädchen von etwa sieben Jahren. Sie hatte listig einen Umweg durch das Hotel und den Speisesaal genommen, kam nicht aus der Richtung, in der sie verschwunden war, um plötzlich, unversehens an den Tisch heranzutreten. Ohne jede Vorbereitung, ohne Muße und Möglichkeit, sich zu fassen, auf den Anblick vorzubereiten, wollte sie ihn mit seinem Kinde überrumpeln.

Sie lief dabei keine Gefahr. Sie kannte den Mann nun gut genug, um zu wissen, daß er sich Bouterweg gegenüber nicht verraten würde. Dieser Mann, der ihr jählings begegnet war, ohne mit der Wimper zu zucken, würde, wenn er wirklich George Paterson war, auch den Anblick seines Kindes mit gewappneter Geistesgegenwart ertragen. Doch sie würde sehen, vor ihren scharfsichtigen, beobachtenden Augen würde seine Vaterliebe sich offenbaren. Sie würde hinter seine Maske blicken. Sie wußte, wie er dieses Kind vergöttert hatte.

Sie täuschte sich nicht.

Als sie plötzlich dicht an seinem Ohre sagte: »Mr. Rutland, unsere kleine Esta will Ihnen Guten Tag sagen«, als ihre Worte ihn aus fernschweifenden Gedanken aufscheuchten, schnellte er zu ihr und dem Kinde herum.

Zwar fing er sich sofort wieder auf. Doch der Blick, der das kleine Mädchen umkoste, die Augen, in denen alle seine zurückgestaute brachliegende Vaterliebe bloßlag, verrieten ihr alles, gaben ihr endlich eine niederschmetternde, verzweifelte Gewißheit.

Ihr entging nicht, daß die Hand, die er dem Kinde bot, leise zitterte. Er zog das Mädchen dicht an sich heran, legte den Arm um seine schmale, schüchterne Gestalt und sprach mit ihm, wie ein guter Onkel mit einem Kinde spricht. Doch die Zärtlichkeit der Hand, die auf ihrem braunen Haare – Ebenbild seines Haares – wie segnend ruhte, war für Muriels spionierenden Blick eine laute Verkünderin des gemeinsamen Blutes.

Das Kind gab klug Antwort auf die üblichen Fragen. Es sah ungewöhnlich reif aus. Seine Augen waren Rutlands Augen erschreckend ähnlich. Große, schöne graue Augen voller Tragik. Das Herz krampfte sich ihm zusammen, als er in der Kleinen diese Augen eines Erwachsenen sah, der durch unnennbares Leid gegangen ist.

Da lachte Bouterweg schallend auf.

»Sieh nur, Darling«, rief er und deutete mit dem feisten Zeigefinger, »sieh mal. Esta sieht Mr. Rutland ähnlich! Wahrhaftigen Gott, wie aus dem Gesicht geschnitten! Donnerdoria, solch ein wunderbares Spiel der Natur habe ich noch nicht gesehen.«

»Unsinn!« wehrte Muriel unwillig. Sie hatte also doch die Beobachtungsgabe ihres Mannes unterschätzt.

»Lehn mal dein Gesicht an Mr. Rutlands!« gebot der Stiefvater dem Kinde. »Ja – so. Sieh nur, Muriel, dieselbe Nase, der Mund, das Kinn! Nein, so was!«

Bouterweg prustete vor Staunen und Stolz ob seiner Entdeckung.

Rutland hatte keinen Sinn für die drohende Gefahr der Lage. Er fühlte nur die weiche, streichelnde Wange seines Kindes an seinem Gesichte, fühlte seine Wärme und sein Leben und empfand eine wohlige Innigkeit und Güte. Doch Muriel wachte.

»Aber Jan«, schalt sie, »du belästigst Mr. Rutland. Ich sehe auch keine Spur von Ähnlichkeit. Genug, Esta. Geh jetzt auf dein Zimmer, so, sag hübsch artig good bye.«

Die Kleine gehorchte. Sie warf noch einen langen Blick staunenden Instinktes auf den fremden Herrn, knixte und ging.

Bouterweg beruhigte sich sehr rasch über seine Feststellung, vergaß sie und segelte wieder hinaus auf die purzelnden Wogen seiner Erzählung.

Rutland dachte an sein Kind und dessen Augen voll reifer Trauer.

Muriel aber überkam das hetzende Entsetzen ihrer Gewißheit.

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