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Alfred Schirokauer: Alarm - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleAlarm
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1. ?10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090225
projectida2445045
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7

Er ahnte nicht, was ihm dort geschehen konnte.

Denn kaum waren die Verträge unterzeichnet, kaum hatte der Notar sich verabschiedet, da rief Jan Bouterweg in seiner saftigen holländischen Urwüchsigkeit:

»So, Rutland, nun wollen wir uns gegenseitig die Patsche hinhalten und uns gratulieren. Ich glaube, wir haben alle beide ein gutes Geschäft gemacht. Und nun wollen wir es feste begießen.«

Rutland schüttelte kräftig die dargebotene Tatze des Dutch-Amerikaners.

»Ich kann leider nicht«, lehnte er ab. »So gern ich es täte, lieber Bouterweg. Erstens fühle ich mich nicht ganz wohl. Sie wissen ja, gestern abend. Und –«

»Och, ein guter Tropfen schadet nie. Im Gegenteil.«

»Und dann – ich habe noch einige wichtige Besprechungen.«

»Och«, machte der blonde Riese wieder, ernsthaft traurig, »ich habe mich so darauf gefreut, mit Ihnen unser hübsches kleines Geschäft zu befeuchten.«

Rutland machte eine liebenswürdige bedauernde Geste mit beiden Händen.

»Mann, nu machen Sie es doch möglich«, drängte der Reeder. »Was soll ich denn meiner kleinen Frau sagen? Sie ist schon so neugierig auf Sie. Ich habe ihr doch Wunder was von Ihnen und Ihrer Tüchtigkeit vorgeschwärmt. Und nun wollten wir zusammen ein hübsches kleines Frühstück –«

Etwas hastig unterbrach Rutland: »Ich würde gewiß sehr gern die Bekanntschaft Ihrer schönen Gattin machen – auch ich habe viel Rühmendes von Mrs. Bouterweg gehört. Aber – – –«

Mit schwerfälliger Begeisterung fiel der amerikanische Holländer ein: »Es lohnt sich, sage ich Ihnen. Kommen Sie! Ohne zu prahlen, so eine Frau sehen Sie hier nicht alle Wochentage. Ihre englischen Damen in allen Ehren. Sind 'ne feine Sache. Prima Fregatten. Aber meine Kleine –«

Er wiegte feinschmeckerisch den großen, vierkantigen, gutmütigen Kopf und schnalzte knallend mit der Zunge –

»So was wächst hierzulande und, im Vertrauen, auch bei den Yankees nicht wild. Also, Mann, wenn Sie auch das nicht lockt, habe ich mein Verführungspulver verschossen.«

»Bester Bouterweg, Sie dürfen es mir nicht übelnehmen. Ich kann nicht. Sie müssen mich bei Ihrer Gattin entschuldigen.«

»Das tun Sie man selbst, wenn Sie den Mut dazu aufbringen«, lachte der Reeder und ging auf die Tür zu.

Verblüfft starrte Rutland auf seinen Gast.

»Wohin gehen Sie?!« rief er mit sehr wenig Atem. Eine böse Ahnung umkrallte ihm den Hals.

Bouterweg drehte sich in der Tür um.

»Das brave Täubchen wartet doch da draußen im Vorzimmer, bis wir fertig sind. Weil wir Sie dann gemeinsam entführen wollten.«

Damit ging er hinaus.

Jetzt hatte Rutlands Willenskraft und Geistesstärke ihre Meisterprobe zu bestehen. Nur Sekunden blieben ihm zur verzweifelten Sammlung. Schon trat Bouterweg wieder herein, die kleine, graziöse, elegante Frau, deren Kopf kaum an seine breite Hünenbrust heranreichte, täppisch vor sich herleitend.

»Da ist der Mann«, rief er mit seinem tiefen Seemannsbaß – er war lange als Kapitän gefahren –, »der uns unsere Prachtflotte bauen wird. Und der jetzt vor unserem hübschen kleinen Frühstück kneifen will. Verführe du ihn, Muriel. Meinen bestrickenden, massierten Reizen ist es nicht gelungen.«

Muriel löste sich von der wuchtigen ehemännlichen Fassade und ging auf Rutland zu. Hob die Hand und hob den Kopf. Der Rand des Hutes, der tief in die Stirne gedrückt war, bedeckte fast ihre Augen. Jetzt erst sah sie Rutlands Gesicht.

Da entrang sich ihrem Munde ein verflatternder Schrei, wie das Angstzirpen eines kleinen Vogels.

Die erhobene Hand blieb steif und leblos in der Luft stehen.

Ihre Wangen wurden weiß wie der Hermelinkragen ihres Mantels.

Rutlands Hand, die er zur Begrüßung ausgestreckt hatte, irrte haltlos umher.

»Nanu –! Was ist – –?!« rief Bouterweg verblüfft.

Doch da hatte Muriel die erste verräterische Bestürzung schon überwunden. Sie war nicht umsonst die Frau, die sich schon mit zwanzig aus der vernichtenden, bloßstellenden Katastrophe ohne Schaden für ihren Ruf herausgewunden hatte. So wenig überragend ihre Klugheit war, so bewundernswert war ihre gerissene Schlagfertigkeit und zielsichere Geistesgegenwart. Sie war ein Musterbeispiel für die Überlegenheit des Weibes über den Mann in bestürzenden Lebenslagen.

»O nichts«, zwitscherte sie mit ihrer überhellen, einschmeichelnden Stimme mit starkem amerikanischen Akzent. »Ich hatte mir den mächtigen Präsidenten dieser großen Gesellschaft nach deinen Schilderungen nur viel älter vorgestellt. Daher meine Überraschung.«

Sie gab ihm kräftig und burschikos die Hand. Völlig ihrer selbst sicher. Nur dünne rote Streifen in dem noch blassen Gesicht verrieten die ungeheure Anstrengung ihres Willens.

Bouterweg lachte, daß das Tintenfaß auf dem Schreibtisch gläsern klirrte.

»So, so?« dröhnte er dazwischen, »du hast dir eingebildet, ich verhandle hier mit einem Mummelgreise! Was sagen Sie, Rutland, mein Püppchen dachte, in England werden die Überseedampfer in einem Altersheime gebaut.«

Er lachte, daß sein Riesenleib den Fußboden erzittern ließ. –

Auch Rutland hatte sich wieder vollkommen im Zaume. So sehr, daß der umwälzende Augenblick seines Lebens, in dem er dieser Frau zum ersten Male wieder von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, fast nichtig und unbedeutend an ihm vorüberging.

Noch gestern abend war diese Möglichkeit ihm zerschmetternd und seine ganze Zukunft vernichtend erschienen. Heute war die vollzogene Wirklichkeit schon etwas fast Selbstverständliches und durchaus kein schicksalsgestaltendes Geschehnis. Er übersah dabei freilich, daß die grandiose Haltung Muriels diesem Ereignisse die Panikstimmung nahm.

»Ich freue mich«, sagte er, ohne daß in seine Stimme eine Gemütsbewegung hineinklang – er empfand in diesem ersten Augenblicke sonderbarerweise auch nicht die geringste seelische Erschütterung –, »die Gattin meines lieben Geschäftsfreundes zu begrüßen und bin froh, Sie, gnädige Frau, durch meine Jugend zu überraschen. Ein solch angenehmes Erstaunen erwecke ich leider nicht alle Tage.«

»Oh, er fischt, der alte Sünder!« lachte Bouterweg.

»Auch ich freue mich sehr, Mr. –«, sie zögerte vor dem angenommenen Namen, nur ganz leicht, ganz kurz, doch es entging Rutland nicht – »Mr. Rutland – so war doch der Name?«

»Nun kennt sie den Namen Rutland nicht, den ich ihr täglich stundenlang wiedergekäut habe!« entrüstete der Mann sich gutmütig. »Und nun sage du ihm, Darling, daß du ihm zürnst und nie vergeben wirst und schrecklich beleidigt bist, wenn er nicht mitkommt und den Geschäftsabschluß mit uns feiert!«

»Oh«, rief sie überschwenglich, »ich bin überzeugt, daß Mr. Rutland« – es war wieder, als stolpere sie über den Namen – »uns diese Freude nicht vorenthalten wird.«

Sie blickte kokett und faszinierend zu ihm auf. Der Blick schlug ihm mitten ins Herz. Lebhaft stand die Vergangenheit auf. Wie oft hatte sie ihn mit diesem niedlichen Getue und dieser bestrickenden Lockung angesehen in den alten, alten, toten Zeiten.

»Ich komme«, sagte er heiser, völlig unberührt von dem flirtenden Reize ihrer schönen blauen Augen. Doch weiterer Widerstand schien ihm jetzt unnötig und gefährlich.

»Bravo«, jubelte Bouterweg. »Ich wußte ja, dem Zauber widersteht kein gesunder Mann.«

Schon hatte Muriel in ungezwungener Lebhaftigkeit ihren Arm bei Rutland eingehakt – er erschauerte unter der Berührung –, lustig hing Bouterweg sich in den anderen Arm seiner Frau.

So verließen sie den Arbeitsraum in scheinbar ausgelassenster Laune.

Und nichts verriet, daß hier soeben der zweite Akt einer blutigen Lebenstragödie begonnen hatte.

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