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Alfred Schirokauer: Alarm - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleAlarm
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1. ?10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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3

In Tokio hatten sie sich kennengelernt.

Rutland führte damals das kümmerliche Dasein eines Gelegenheitsdolmetschers, suchte seine englischen, deutschen, spanischen und japanischen Sprachkenntnisse an den Mann zu bringen. Diesen Mann traf er nach vielen Wochen des Elends in der düsteren Halle des Imperial-Hotels, dieses bedrückend wüsten, planlosen Zyklopenbaues.

Es war Septimus Egan, der Japanvertreter von Killick & Ewarts. Der Dolmetscher mit den tragischen Augen, den weißen Schläfen und dem Gesicht eines Dreißigjährigen gefiel ihm. Besser noch gefiel ihm sein intelligentes Japanisch.

»Mann, wo haben Sie das her?« fragte Egan perplex.

»Ich habe es gelernt«, erwiderte Rutland lakonisch und so abschließend, daß der große Vertreter der Weltfirma keinen weiteren Aufschluß zu fordern wagte. Er verhandelte just wegen der Lieferung dreier Schlachtkreuzer an die japanische Marine. Die Aufträge gingen durch viele Instanzen, langsam, schwerfällig, mit unendlichem Zeitverlust und aufreibender Saumseligkeit, wie jeder behördliche Weg in Nippon. Auf dieser langen Route war mancher, der nicht englisch sprach. Egan hatte bislang seinen japanischen Dolmetschern wenig vertraut. In Unterhandlungen mit der Regierung waren sie weder unparteiisch noch zuverlässig. Mit Freuden griff er die Dienste dieses jungen verschlossenen weißen Mannes auf.

»Sie sind Amerikaner?« fragte er.

»Nein, Engländer«, sagte Rutland.

Egan stutzte. Der Mann sprach doch das Englisch eines Weststaatlers von Nordamerika. Irgend etwas schien ihm verdächtig. Er beobachtete ihn scharf diese erste Zeit. Seine Menschenkenntnis erkannte sehr bald die Treue und Ehrlichkeit Rutlands und eine erstaunliche Tüchtigkeit im Verhandeln mit diesen verschlagenen hartnäckigen kleinen gelben Leuten sowie eine verblüffende Kenntnis und Erfahrung in Dingen der Kriegsschiffe, Geschütze, Ausrüstung.

»Woher wissen Sie das alles?« fragte Egan und starrte dem schweigsamen Manne in die traurigen grauen Augen.

»Ich war im Kriege auf einem Hilfskreuzer!«

»Auf welchem?«

»Der Macedonia.« Es klang Egan irgendwie unwahr, Rutland hatte einen Herzschlag lang gezögert, ehe er den Namen seines Schiffes nannte.

»Sind Sie denn Seemann?«

»Ja, Mr. Egan.« Er griff in die Tasche und zeigte seine Papiere. Sie waren zerrissen und vom Seewasser verwaschen. Denn, erläuterte er bündig, den Handelsdampfer, auf dem er gefahren war, hatte der Taifun gegen die Klippen Japans geworfen. Die Papiere waren in Ordnung. Erster Offizier John D. Rutland auf dem Handelsdampfer »Nancy«, Heimathafen Liverpool.

Und dennoch ward Egan in diesen ersten Wochen das Gefühl nicht los, daß irgendein tragisches Geheimnis hinter seinem Dolmetscher stehe. Unter der Hand erkundigte er sich bei der britischen Botschaft in Tokio nach dem Untergang des Handelsdampfers »Nancy«. Es stimmte. Von dem überlebenden Ersten Offizier J. D. Rutland wußte man dort freilich nichts. Aber das wollte wenig besagen. Engländer waren keine Anhänger amtlichen Meldewesens.

Mit der Zeit wurden die Männer intimer, und Egans Argwohn schwand. Sie wurden Freunde. Doch immer blieb Rutland einsilbig und zurückhaltend. Nie sprach er von sich und seiner Vergangenheit. Da Egan ein Mann war, den die Vergangenheit weit weniger interessierte als die Gegenwart und Zukunft, tat Rutlands Schweigsamkeit über sich ihrem guten Verhältnisse keinen Abbruch. Er war in Japan, Geschäfte zu machen und Geld zu verdienen, große Geschäfte und großes Geld. Hierbei hatte er einen genialen Helfer und Könner gefunden. Längst war Rutland nicht nur sprachgewandter Dolmetscher, sondern Berater und Kampfgenosse. Egan beteiligte ihn, er ließ ihn an seinen reichen Gewinnen teilnehmen. Er führte ihn, den die Kleidung, die er sich jetzt leisten konnte, in einen vollendeten Weltmann verwandelt hatte, in die diplomatischen Kreise ein, in denen er, eins der angesehensten Mitglieder der europäischen Kolonie, verkehrte. Der stille Mann mit dem schönen energischen Gesicht fand begeisterte Aufnahme unter den Damen des Gesandtenviertels.

Auf dem Tennisplatze der englischen Botschaft begegnete er der Gattin des Ersten Sekretärs der spanischen Botschaft, der Herzogin Angelita Breton de Los Herreros.

Sie spielten gegeneinander in dem Tourniere des diplomatischen Korps, beide Meister des Raketts. Aus dem Spiele wurde fanatischer Ernst, erstand eine Liebe, eine Leidenschaft, eine Raserei der Herzen und der Sinne.

Angelita forderte von dem Herzog ihre Freiheit. Seit dreiviertel Jahren war sie sein Weib. Sie haßte ihn. Seine Kälte hatte in der Tochter des deutschen Fürsten Oybin nie etwas anderes als eine Repräsentantin seines Namens, ein Mittel seiner Stellung und seines politischen Ehrgeizes gesucht.

Als Antwort auf ihre kühne Forderung befragte er den Botschaftsarzt, fürchtete, der tropische Sommer Japans habe ihr Hirn angegriffen. Da floh sie zu dem Geliebten. Klopfte eines glutheißen Tages an die Tür des kleinen japanischen Hauses, das er in der Torisaka bewohnte.

Er stieß sie von sich, entsetzt, in panischem Schrecken.

»Ich kann nicht in eine fremde Ehe einbrechen«, wiederholte er immer wieder, starrsinnig wie unter einer Suggestion, unbeugsam.

Da sprühte in ihr Hohn und Haß empor.

»Feigling«, schrie sie ihm entgegen. »Du weißt wohl, daß der Herzog der beste Florettfechter Spaniens ist?«

Da zuckte er zusammen. Der Hieb saß. Er sprach nichts mehr, bis sie ging, nachdem sie ihm ihre tödliche Verachtung noch einmal ins Gesicht gespien hatte. Ging gebrochen zurück zu ihrem Manne und ihrer verlorenen Ehe.

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