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Alfred Schirokauer: Alarm - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/schiroka/alarm/alarm.xml
typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleAlarm
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1. ?10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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29

Gleich darauf wurden sie in den Sitzungssaal gerufen. Das Gericht war schon versammelt. Muriel stand in dem Zeugengehege. Ihr Herz schlug gegen die Holzbarriere.

Hatte sie Georges Blick richtig verstanden? Wollte er wirklich – –?

»Hört, hört«, rief der Gerichtsbeamte. »Die Sitzung ist wieder eröffnet!«

Filbert erhob sich. Alles rückte auf den Sitzen vor. Jetzt kam der spannendste Teil der Verhandlung. Das Kreuzverhör des berühmten Verteidigers! Wehe der Zeugin, wenn sie gelogen hatte. Er würde die Wahrheit aus ihr herausziehen wie ein Magnet Eisensplitter aus weichem Teige. Alles spitzte erwartungsvoll die Ohren.

Laut und vernehmlich sagte der Anwalt:

»Die Verteidigung verzichtet auf die Vernehmung der Zeugin!«

Diese Verkündung wirkte wie eine Katastrophe. Sie schlug die Mahnung des Richters zu Boden. Man sprang empor, beugte sich weit vor, rief, murrte, schrie, gestikulierte. Enttäuschung, Verblüffung, Entrüstung gebärdete sich unsinnig und ungezügelt.

Jeder im Saale wußte, mit diesem Verzichte hatte der Angeklagte sich das Todesurteil gesprochen, seine Schuld eingestanden.

Der Richter rührte sich nicht. Seine klaren energischen Augen unter den weißen Büschen der Brauen waren fest auf die gereizte Bestie Publikum vor ihm gerichtet.

Der Staatsanwalt stierte ohne Begreifen. Er faßte seinen leichten Sieg noch nicht. Er hatte einen verzweifelten Kampf, ein Ringen mit allen Tücken und Tricks forensischer Taktik um die Seele dieser Zeugin erwartet und gefürchtet.

Muriel stand zitternd da. Ihre Nerven zerrissen unter der Reaktion auf die übermenschliche Spannung. Sie fiel mit der Brust gegen die Barriere und weinte haltlos. Zwei Diener führten sie väterlich sanft zu ihrem Platze. Bouterweg kam ihnen entgegen und nahm sie in seine zärtliche Hut.

Den Kopf gebeugt saß Rutland. Nur einmal hob er ihn und blickte auf Angelita. Zwei gerötete tragische Marienaugen, stumpf vor ungeweinten Tränen, begegneten ihm. Sie begriff alles. Und erlag ihrem Schmerze.

Er liebte die andere! Ja, ja, er liebte sie immer noch. Alles andere waren Worte – vielleicht Selbsttäuschung. Aber hier, jetzt, da es galt, Farbe zu bekennen, hatte seine Liebe zu der anderen gesiegt über sein Leben, über seine Liebe zu ihr, über ihr Glück, über sie, über alles. Er liebte Muriel! Hatte sie damals in London ja auch gesehen und geküßt. Ihr Puder und ihre Schminke waren auf seinem Gesichte. Damals, als er sie erwartete! Alles war Lug und Trug. Er hatte ihr auch heute wieder diese Frau vorgezogen, die ihn in der Ehe betrogen hatte, die ihn heute in den Tod gejagt, ihr, die ihm Ruf und Stellung und alles geopfert hatte. Die schonte er, nicht sie. Sie war zu sehr Weib, letzte Mannesgedanken und Pläne zu durchschauen.

Ein Haß gegen diese Frau braute in ihr auf. Sie kämpfte mit dem Entschluß, aufzuspringen und allen entgegenzuschreien: seht ihr nicht – seid ihr alle mit Blindheit geschlagen –, was hier vor euch geschieht? Hört ihr nicht den falschen Ton in ihrer Stimme? Sie lügt! Jedes Wort ist eine freche Lüge. Und er ist mit ihr im Bunde, weil er sie liebt – noch immer liebt – trotz allem, was dieses Weib ihm angetan hat, heute wieder. Fühlt ihr nicht, daß er nur aus Liebe zu ihr schweigt? Und dieses eitle, hohle Weib duldet sein Totenopfer! Seht ihr es nicht? Seht doch diese Geschworenen! Ihre selbstgerechten eisernen, bornierten, blöden Stirnen! Sie werden ihn zum Tode verurteilen!!

Sie machte eine Bewegung, aus der Bank herauszustürzen. Doch die Kraft fehlte ihrer Verzweiflung. Sie starrte nur auf Rutland mit totwunden, blutigen Augen. Sie stöhnte weh auf, daß ein Nachbar sie fragte, ob ihr nicht wohl sei.

Doch die Verhandlung ging weiter. Sie hatte jetzt jedes Interesse verloren. Das Urteil stand fest.

Der Staatsanwalt vernahm Zeugen auf Zeugen. Den Nachbarn Muriels, den sie nach ihrem Erwachen in der Schreckensnacht gerufen hatte, den Arzt, der den Toten zuerst untersucht, die Offiziere und Mannschaften, die Rutland nach der Tat gesehen hatten. Typisch, ordnungsgemäß rollte alles ab.

Der Admiral, der damals die Flotte befehligt hatte, zu der Patersons Torpedoboot gehörte, sagte aus, daß er plötzlich, mitten im Angriffe auf den markierten Feind, einen Funkspruch des Staatsanwalts in Manila erhalten hatte: »Oberleutnant Paterson sofort wegen Mordverdachtes zu verhaften.« Er habe seinen Augen nicht getraut. Paterson war einer der tüchtigsten und zukunftsreichsten jüngeren Offiziere der Flotte gewesen. Im Moment habe er nichts unternehmen können, denn Paterson sei mit der Zerstörerflottille sechsundzwanzig Seemeilen vorausgewesen.

Immer neue Zeugen rückten heran. Jerram züngelte seinen religiösen Haß gegen Rutland, andere Kameraden von ehedem zollten ihm höchstes Lob. Was nützte es? Die Tat blieb doch vorbedachter Mord.

Muriel saß hilflos dicht an Bouterweg gepreßt und achtete auf nichts. In ihr fieberte und arbeitete es. Er hatte sie gerettet, der Held, dieser größte aller Ehrenmänner. Sie atmete kurze Zeit erlöst und befreit. Doch dann wurde es düster in ihr. Er hatte sich dem Tode geweiht! Erst jetzt begriff sie es ganz. Und neue Kämpfe und Qualen kamen über ihre kaum befreite Seele.

Angelita saß mit trockenen brennenden Augen. Ihr Leid war zu groß für Tränen. Ein Medusenhaupt voll versteinertem Schmerze.

Die Verhandlung ging weiter. Es kamen die Plädoyers. Der Staatsanwalt beantragte Bejahung der Frage auf Mord. Das bedeutete Todesstrafe. Muriel schnellte entsetzt auf und fiel gleich wieder zusammen. Angelita saß wie eine Statue. Rutland regte sich nicht. Er harrte.

Der Verteidiger suchte schon in dieser Instanz zu retten, was zu retten war. Legte überzeugend dar, daß die Tat geschehen sei nicht aus ehrloser Gesinnung, sondern aus Leidenschaft, aus Eifersucht. Ob berechtigter, ob unberechtigter Eifersucht, sei in der Brust des Eifersüchtigen gleich. Er sprach glänzend, hinreißend.

Die Geschworenen sahen, auf ihn genau so stumpf wie vorher auf den Staatsanwalt.

Dann folgte die Rechtsbelehrung des Richters an die Geschworenen. Objektiv, wohlwollend, gerecht. »Wenn Sie aber zu der Überzeugung kommen, meine Herren, daß der Angeklagte mit voller Überlegung, mit dem Vorsatze, seine Frau und Stephen Jerram zu töten, zurückgekehrt ist, müssen Sie ihn des Mordes für schuldig erklären.« Unter der Wucht dieses letzten Satzes schritten die zwölf Farmer und kleinen Geschäftsleute von Newburgh auf ihre Beratungszimmer zu. Wie ein düsterer grimmiger Todeszug trotteten sie dahin.

Da, als gerade der letzte in der Tür verschwand, da geschah es. Da wurde Rutlands Glaube erfüllt, da gelang sein kühner Plan.

Da sprang Muriel auf – ganz weiß – mit fiebernden Augen, das Haar gebläht.

»Nein, nein!« gellte sie durch den Saal. »Er darf nicht zum Tode verurteilt werden. Ich habe gelogen!«

Wie eine Flamme glitt sie nach vorn – zum Richtertische. Ein Feuer, das sich selbst verzehrt, ein Mensch, der alles Kleinliche von sich geworfen hat, der über sich und sein Alltagswesen hinausgewachsen ist. Ein Mensch, der sich überwunden hat.

Die Geschworenen machten halt, drängten in den Saal zurück. Die Zuhörer fegte die Überraschung von den Bänken. Alles stand plötzlich.

Unbeirrt – ohne etwas zu sehen, zu fühlen – nur Mensch, nur Bekenntnis, nur Sühne, schrie Muriel dem Richter zu:

»In unserem Schlafzimmer hat er Jerram erschossen – in unserem Bette.«

Dann sanken ihr die erhobenen Arme, sie fiel in den Gelenken zusammen, stand da mit tief gebeugter Stirn.

Keiner rührte sich. Gelähmt war alles.

Da geschah das zweite Wunder dieser Stunde.

Eine andere Frau brach aus ihrer Bank, stürmte vor in die allgemeine Regungslosigkeit. Eine dunkle schöne Frau.

»Wehe dem«, rief sie aufgewühlt mit leisem fremdem Akzente, »der es wagt, den ersten Stein auf diese Frau zu werfen! Was sie auch vor Jahren in jugendlicher Verirrung begangen hat, heute hat sie es tausendfach gesühnt. Sie hat das Höchste des Weibes, ihre Ehre, geopfert. Sie ist die mutigste und größte Frau von Amerika!«

Damit beugte sie sich nieder und küßte Muriel schwesterlich auf die Wange.

*

Da löste sich der Bann. Da wurde der nüchterne Gerichtssaal zu Newburgh zur Stätte trunkenen Taumels. Da kam alles anders, als Vernunft und Herkommen erwarten konnte.

Das Publikum raste. Dieses leicht entzündlich, empfängliche amerikanische Publikum flammte empor. Vergessen war im Rausche des Augenblicks ererbter Puritanismus, anerzogene Prüderie, Scheinheiligkeit, alle Furcht und Scheu vor dem Geschlechtlichen, alles Muckertum, alle Heuchelei, alle Schmach des Ehebruchs. Man sah nur das seltene Schauspiel zweier Menschen. Eines Mannes, der sich aus Ritterlichkeit einem Weibe, ein Weib, das sich aus Reue und Ehrlichkeit einem Manne geopfert hatte. Größe reißt zur Größe hinauf. Alles, was Muriel in diesen langen Wochen auf der Folterbank ihrer Ängste geschaut hatte: Verfemung, Ausstoßung, moralische Vernichtung, zerstob. Man sah nur ihre große Tat. Man jubelte ihr zu, man jauchzte, man schrie, alles drängte an sie und Angelita heran. Chaos einer aus allen Erdenfesseln gelösten Masse barst auf. Bouterweg war bei ihr – preßte sie an sich, schützte sie vor der gefährlichen Begeisterung. Rutland stand vor Erschütterung gebeugt und lächelte. Nicht ob seiner Rettung, nicht aus Glück, nicht für Angelita, sondern weil seine erste große Liebe keiner Unwürdigen gegolten hatte.

Der Richter hatte dem Aufruhr höchster Menschengefühle freiwillig Gewährung geliehen.

Jetzt ordnete er seine zerfallene Welt.

Die Verhandlung wurde wieder in gesetzmäßige Bahnen geleitet. Doch vorher sagte er:

»Die fremde Dame dort hat recht. Wehe dem, der den ersten Stein auf diese Frau wirft. Ihr Geständnis ehrt sie und stößt in dunkle Schatten zurück, was sie vor vielen Jahren gesündigt haben mag. Ich bin überzeugt, daß ganz Amerika so denkt wie wir hier in diesem Saale.«

Dann wurde Muriel nochmals als Zeugin vernommen. Sie begriff die Wirkung ihrer Worte noch nicht recht, war benommen, wirr und stammelte jetzt unter Tränen. Sie hatte gefürchtet, die verfemteste Frau Amerikas zu werden und war plötzlich eine Berühmtheit des Landes geworden. Laune des Zufalls? Kaprize des Lebens? Sie begriff es noch nicht.

Nach kurzer Beratung sprachen die Geschworenen Rutland frei. Diese strengen Puritaner und Quäkerabkömmlinge sprachen ihm das unveräußerliche Recht zu, die Ehre seines Bettes mit der Waffe zu schützen.

Draußen standen die Tausende, die aus Neuyork gekommen und keinen Platz im Saale gefunden hatten. Sie kannten schon das Urteil und die Ereignisse. Sie tobten ihren Beifall, ihren Jubel, als Rutland mit Angelita das Gerichtsgebäude verließ, stürmten auf ihn zu, schüttelten ihm die Hand. Cheers wetterten zum Himmel empor. Es dauerte lange, bis er zu dem Auto vordrang, das man ihm bereitgestellt hatte.

Dann entstand tiefes, ehrfürchtiges Schweigen. An Bouterwegs Arm erschien oben auf der Freitreppe des Gerichtshauses eine kleine blasse, erschöpfte blonde Frau. Noch dauerte die Stille an, als sie die Stufen hinabschritt. Dann rief eine helle, durchdringende Stimme:

»Die tapferste Frau von Amerika, hipp-hipp-hurra!« Da stieg der Schrei wie eine Rakete zum Nachthimmel empor.

 

Ende

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