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Alfred Schirokauer: Alarm - Kapitel 27
Quellenangabe
pfad/schiroka/alarm/alarm.xml
typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleAlarm
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1. ?10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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27

Muriel erhob sich von der Seite Bouterwegs. Man sah, wie er ihre Hand losließ, die er bisher tröstend gehalten hatte. Sie war sehr bleich. Blaue Ringe zirkelten sich unter ihren Augen. Sehr schön war sie in ihrer leidenden Blässe. Während sie mit ihrem zierlichen schwebenden Schritt, klein und bedauernswert, auf den Zeugenkasten zuschritt, folgte ihr Mitleid und regste Teilnahme, zum mindesten aller Männer. Es ist nicht schwer in Amerika, für eine elegante, schöne, duldende Frau, die Herzen der Männer zu gewinnen. Die Damen blieben erwartungsvoll, skeptisch und zurückhaltend. Ein Gerichtsdiener öffnete die Tür des Zeugenverschlages. Sie trat hinein. Ging zum vorderen Gitter, dem Richter gerade gegenüber, und klammerte sich mit beiden Händen an die Ballustrade.

Der Richter faltete die Hände und sagte beruhigend, freundlich:

»Mrs. – ja – ich weiß nicht recht, ob ich sie Mrs. Paterson oder Bouterweg nennen soll. Diese Frage gehört vor einen anderen Gerichtshof. In jedem Falle haben Sie als jetzige oder frühere Gattin des Angeklagten ein Recht, Ihr Zeugnis zu verweigern.«

Sie blickte starr auf den Richter.

Da fiel der Staatsanwalt, der sich langsam dem Zeugengehege genähert hatte und jetzt dicht neben Muriel außerhalb des Stabzaunes stand, lebhaft ein:

»Ich erinnere Sie, Mrs. Paterson« – er nannte sie absichtlich so –, »daß Sie bereits am 15. Juni 1921 einen Eid in dieser Sache vor dem Staatsanwalt in Manila geleistet haben. Es macht also für das Los des Angeklagten wenig aus, ob Sie diese Aussage jetzt vor uns wiederholen, oder ob ich sie verlese.«

Sie hatte erschreckt dem Manne ihre angstgehetzten Augen zugewandt, als der Richter jetzt wieder zu ihr sprach, richteten ihre Pupillen sich steif auf ihn zurück.

»Gleichwohl können Sie heute Ihr Zeugnis verweigern«, belehrte der Vorsitzende mahnend. »Sie haben völlig freie Entschließung. Sie brauchen sich auch durchaus nicht an das zu halten, was Sie vor sieben Jahren ausgesagt haben. Wenn Sie aussagen wollen, können Sie Ihre Bekundung in jedem einzelnen Punkte ändern, ohne eine Bestrafung wegen Meineids zu befürchten. Solange kein Verfahren eingeleitet ist, kann jeder Zeuge seine Aussage berichtigen. Sie haben jetzt zu entscheiden, ob Sie aussagen wollen oder nicht. Wollen Sie aber als Zeugin vernommen werden, muß ich Sie auf die Bibel vereidigen. Dann müssen Sie uns die lautere Wahrheit sagen. Ich frage Sie also noch einmal: Wollen Sie aussagen?«

Muriel hatte in den letzten Wochen Unerträgliches erduldet. Sie hatte mit wachsendem Grauen diesen Augenblick unentrinnbar nahen sehen. Bouterweg entging ihre Marter nicht. Immer wieder hatte er ihr klargemacht, daß Milde und Erbarmen nicht am Platze seien. Daß es ihr Leben galt oder Patersons. Wich sie der Zeugenschaft aus, so war sie gerichtet. Dann deutete man unausweichlich ihr Schweigen als Schuldbekenntnis.

Sie war mit dem festen Vorsatze gekommen, ihre falsche erste Aussage aufrechtzuerhalten.

Jetzt war sie zermürbt und zerrissen von Schreckgesichtern und Beklemmungen vieler schlafloser, in Bangen und Wirrnis durchwachter Nächte. War heute kaum noch ihrer Sinne mächtig.

Während sie sich an die Barriere des Zeugenverschlages klammerte, hörte sie hinter sich den Brodem der Masse. Sie wußte, das war nur ein Ausschnitt aus der Masse da draußen, in Neuyork, in ganz Amerika, in der weiten Welt. Aber wie die da hinter ihr, deren Augen sie körperlich stechend auf ihrem Leibe fühlte, blickte in diesem Augenblicke die ganze Erde auf sie.

Sie wußte, sie hielt jetzt ihr Schicksal in der Hand. Wenn sie log, tötete sie vielleicht ihn. Doch sie lebte. Wenn sie aber die Wahrheit sagte, die furchtbare, heute kaum noch begreifliche Wahrheit, daß Jerram in ihrem Bette erschossen worden war, brach der Orkan der Empörung über sie herein, fegte sie fort von Bouterweg, von ihrem Kinde, aus ihrer Stellung in Neuyork, aus allem, was Leben für sie bedeutete. Das war schlimmer als Tod. Viel schlimmer. Dann war sie im selben Augenblick die ruchloseste Frau in der Welt. Sie kannte Amerika. Im Moment der Wahrheit war sie verfemt, verstoßen, heimatlos. Dann stand sie am Schandpfahle der ganzen Erde.

Tausendmal hatte sie in tödlichster Verzweiflung diese Folgen eines Geständnisses durchlitten und durchdacht. Nein, nein, nein! Diesen moralischen Selbstmord konnte keiner von ihr verlangen. Keiner. Auch George nicht. Dann war ihr Leben verwirkt. Dann mußte Jan sich von ihr trennen. Mußte, ohne Wahl, wenn er seine Stellung, sein Werk, alles, was er sich errungen hatte, nicht preisgeben wollte. Was sollte dann aus ihr werden? Eine verlorene Frau, auf die jeder mit Fingern zeigte. Und die Lüge damals? Das Mitleid, das ihr von allen Seiten zugetragen war? Alles erschwindelt, erlogen. Nein, nein.

Und plötzlich, während sie vor dem Richter stand und fühlte, wie alle auf sie blickten und auf ihre Entschließung warteten, kam eine ganz neue Empfindung über sie.

Bisher war der stärkste Widersacher in ihr das Mitleid mit George gewesen. Ihn vernichten! Unmöglich! Jetzt aber, in diesem folternden Augenblicke, in dem sie sich entscheiden mußte, wurde dieses Mitgefühl mit ihm zum lodernden erstickenden Hasse. Wie ein wildes verängstigtes Tier, das in die Enge getrieben wird, in blinder Todeswut seinen Verfolgern an die Kehle springt, packte sie ein tödlicher, vernichtender Zorn gegen den Mann, der sie durch seine irre Tat in diese Qualen gestürzt hatte. Mochte er sterben! Sollten sie ihn verurteilen! Er war schuld an allem. An allem!

Sie richtete sich auf, ihre verschleierten Augen wurden plötzlich kristallen klar, als sie sagte:

»Ich will aussagen.«

Befriedigt sanken die gierig vorgereckten Leiber zurück.

»Dann, bitte, schwören Sie auf die Bibel«, sagte der Richter.

Der Diener hielt ihr das Buch hin. Sie berührte es mit zwei zagen Fingern und sprach laut und fest die Eidesformel nach. Dann wurde sie dem Kreuzverhör des Anklägers überliefert.

»Wie war Ihre Ehe mit dem Angeklagten?« begann er seine Fragen.

»Gut«, antwortete sie leise und sah den Staatsanwalt unverrückt an, den Augen Rutlands, die sie im Räume fühlte, zu entrinnen. Seine Blicke hingen an ihr voller Bedauern. Armes Weib. Aber er konnte ihr nicht ihr schmerzliches Los ersparen. Seine Augen glitten weiter zu Angelita. Sie leuchtete ihm Mut und Trost und Glauben entgegen.

»War jemals eine Mißstimmung zwischen Ihnen und Ihrem Manne?«

»Niemals.«

»Jetzt passen Sie gut auf, Mrs. Paterson. Von der Beantwortung dieser Frage hängt vielleicht das Schicksal des Angeklagten ab: Haben Sie jemals Grund zur Eifersucht gegeben? Jemals?!«

Muriel hörte und empfand, wie hinter ihr die lüsterne Neugier aufklaffte. Selbst die Geschworenen zeigten Zeichen von Leben. Einer von ihnen hielt die geöffnete Hand hinter das rechte Ohr, besser zu hören.

»Niemals«, sagte sie ohne Zögern.

Hinter ihr schlug die lüsterne Neugier enttäuscht zusammen.

Rutland saß unbewegt. Sein Gesicht schien nur schärfer, eckiger. Er und sein Verteidiger hatten mit dieser Aussage gerechnet. Archibald Filbert tat daher völlig gleichgültig. War es auch. Er würde sie nachher schon vornehmen, bis ihre frechen Lügen elendiglich zusammenbrachen. Er war ein Meister des Kreuzverhörs und wußte störrische Zeugen zur Räson zu bringen. Dieser kleinen vermessenen Frau da die Wahrheit zu entlocken, war kein Ruhmestitel.

Rutlands Blicke schweiften wieder zu Angelita hinüber. Sie konnte sich nicht beherrschen. In ihren Augen loderte helle Empörung. Sie kannte nicht die Wahrheit. Doch sie wußte, wußte es, als wäre sie in jener Unglücksnacht zugegen gewesen, daß er im Jähzorn, im plötzlichen Zusammenbruch seines Glaubens an diese Frau, im Aufruhr gehandelt hatte. Sie wußte, er war keines überlegten Mordes fähig. Sie wußte, diese Frau dort log um ihre Ehre und ihr Frauentum.

»Sie beschwören demnach«, fragte die eindringliche Stimme des Staatsanwalts, »daß Sie Ihren Gatten niemals betrogen haben?«

»Ich beschwöre es«, kam es leise, aber bestimmt.

Bouterweg auf der Zeugenbank hob den Kopf und sah sich kindlich besitzstolz um. Jetzt war jeder Verdacht gegen seine gequälte arme Puppe niedergeschlagen. Endgültig. Jetzt durfte kein Verdacht ungestraft sich mehr an sie heranwagen. Er hatte schon vorher seine Banknachbarn überragt. Jetzt reckte er sich und hob sich wie ein Fels aus dem um ihn wogenden Gischt der Köpfe.

Inzwischen hatte Muriel die Geschichte jenes Juniabends erzählt.

»Als George fortmußte – zu seinem Boot – wollte auch Mr. Jerram sich verabschieden. Doch George bat ihn, zu bleiben und mir noch ein bißchen Gesellschaft zu leisten.«

»Das ist bestimmt wahr, daß der Angeklagte Jerram aufforderte, bei Ihnen zu bleiben? Überlegen Sie sich die Antwort gut, Mrs. Paterson. Es kann viel davon abhängen.«

»Aber ich weiß es ganz genau!« rief sie überzeugend. Denn es war in diesem Lügenmeere die einzige Rettungsinsel der Wahrheit, auf die sie sich aufatmend geflüchtet hatte.

Da Rutland nicht den geringsten Verdacht gegen den Freund hegte, hatte er ihn zum Bleiben aufgefordert. Daß Jerram sofort in sein Haus und zu seiner Frau zurückgekehrt wäre, wenn sie sich auf der Straße getrennt hätten, ahnte er nicht.

»Erzählen Sie bitte, was dann geschah.«

Muriel überlegte scheinbar ernsthaft. In Wahrheit scheute sie noch einmal vor der entscheidenden Unwahrheit zurück. Aber die Angst hetzte sie weiter hinein in den Meineid. Ein Zurück gab es nicht mehr. Irr und verblendet stürzte sie weiter.

»Etwa eine Viertelstunde später – vielleicht auch weniger – ich weiß es nicht mehr so genau – Jerram und ich saßen plaudernd – plaudernd –« – Sie brach aufschluchzend ab. Die Kraft versagte ihr.

Der Staatsanwalt sprach wie ein besänftigender Arzt auf sie ein: »Mrs. Muriel – wir alle begreifen, wie furchtbar es für Sie ist, diese Szene in Ihre Erinnerung zurückzurufen – –, aber es muß sein. Kommen Sie, – raffen Sie sich zusammen –.«

Bouterweg hob sich mit schmerzverzerrten Zügen von der Bank. Das arme gequälte Kind!

Rutland starrte auf Muriel. War jetzt die Kraft der Lüge endlich zu Ende?

Da wandte sie das Gesicht ihm zu. In ihren Augen lag ein Flehen, eine aufpeitschende Unseligkeit, der Blick der von Hunden gehetzten Hündin, die Verzweiflung der zu Tode gepeinigten Kreatur.

Er verstand und senkte die Augen.

Ein leises Raunen irrte durch den Saal.

»Sie liebt ihn noch immer«, flüsterten die Frauen einander zu, »die Ärmste.« Die Männer waren mehr als je auf ihrer Seite. Nur zu begreiflich, die arme Kleine. Schließlich war er ja mal ihr Mann gewesen.

»Ihr gefühlvolles Herz ist zu lieb und gut für dieses entsetzliche Verhör«, jammerte Bouterweg.

Angelita dachte: sie barmt um seine Gnade, sie wirft sich seiner Ritterlichkeit zu Füßen. Aber sie wußte, ihr Flehen war vergeblich. Denn jetzt kämpfte der Mann dort für sie und ihr Glück.

Rutland war in sich zusammengesunken. Die Stirn tief niedergebeugt, die gefalteten Hände zwischen den Knien herabhängend, kämpfte er den schwersten Kampf seines Lebens für sein Kind. Der Vater ein Totschläger, die Mutter eine angeprangerte – Dirne! Zu viel für diese zarten Schultern Estas. Zu viel! Nur aus weiter Ferne hörte er die besänftigende Stimme des Anklägers:

»Mrs. Muriel, Sie dürfen sich nicht davon beeinflussen lassen, was der Angeklagte Ihnen einmal bedeutete. Wenn Sie aussagen, müssen Sie uns die reine Wahrheit sagen. Sie stehen unter dem Eide. Also, wie war es? Ich werde Ihnen ein wenig helfen. Sie saßen mit Jerram im Wohnzimmer –?«

»Ja.«

»Da öffnete sich die Tür? Und. Nun erzählen Sie den Herren Geschworenen weiter.«

»Da – trat – George herein – zog den Dienstrevolver, den er im Gürtel trug – schoß auf mich – dann auf Jerram – mehr weiß ich nicht.«

Rutland hörte ihre gefolterte leise Stimme. Sah immer noch ihre Augen mit diesem Flehen um Barmherzigkeit. Und beugte die Stirn noch tiefer hinab. Der Verteidiger stieß ihn sacht an. Das war nicht die Haltung eines Unschuldigen. Was sollten die Geschworenen und alle anderen denken! Doch Rutland rührte sich nicht.

»Können Sie uns sagen, welchen Eindruck der Angeklagte auf Sie machte, als er hereintrat?«

»Er sah – sehr zornig aus. Ganz entstellt. Ich habe ihn nie vorher so gesehen«, sagte sie ruhiger, denn sie war wieder auf festem, wahrem Boden.

»Und dann – was geschah dann?«

»Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte – es war viel später – sah ich die – die Leiche neben mir –«

»Am Boden?«

»Ja, am Boden«, sagte sie rasch. »Ich lag daneben. Meine Schulter tat sehr weh – ich war voller Blut. Da kroch ich zur Tür und rief Mr. Jackson, unseren Nachbarn.«

»Danke sehr«, nickte der Staatsanwalt. »Ich behalte mir für später weitere Fragen an Mrs. Paterson vor. Zu diesen Punkten steht die Zeugin zur Verfügung der Verteidigung.«

Er trat von Muriel zurück und setzte sich.

Jetzt stand Archibald Filbert auf zu seiner stattlichen Gewichtigkeit. Seine Augen funkelten.

Muriel bückte voll Angst auf die fürchterliche Drohung, die sich da erhob und sank gegen das Gitter. Der Richter sah es, zog die Uhr und sagte: »Die Zeugin ist erschöpft. Wir machen eine Pause von einer halben Stunde, bis ein Uhr fünfundzwanzig Minuten.« Damit ging er hinaus.

Alles wuchs auf von den Sitzen. Bouterweg eilte auf Muriel zu. In diesem Augenblicke führten zwei Gefängniswärter Rutland an ihr vorüber. Da warf sie den Kopf zurück und sah ihn wieder an aus der Tiefe ihrer ungeheuren Not. Er begegnete ihrem Blicke und nickte Gewährung.

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