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Alfred Schirokauer: Alarm - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleAlarm
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1. ?10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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26

»Meine Herren Geschworenen!« begann der Staatsanwalt seine Einführungsrede, »ich darf wohl sagen, daß die Augen der gesamten zivilisierten Welt heute auf Sie gerichtet sind.«

Eifrig scharrten die Federn eines Heeres internationaler Berichterstatter durch die Stille.

»Dieser Prozeß hat durch ein Zusammenwirken verschiedener Umstände in ungewöhnlichem Maße die Teilnahme aller fünf Erdteile gewonnen. Der Angeklagte wird von einer Welle des Wohlwollens des amerikanischen Volkes getragen.«

Ein spontaner Beifall flatterte auf wie Flügelrauschen eines riesigen Taubenschwarmes. Man unterschied in dem Klatschen deutlich die überlegene Menge kleiner Frauenhände.

Der Richter hob die Hand. Langsam ward Stille.

»Ich bemerke gleich jetzt zu Beginn der Verhandlung«, warnte er, »daß wir uns hier nicht in einer Volksversammlung befinden. Ich ersuche Sie strengstens, meine Damen und Herren, sich jeder – aber bitte jeder – Meinungsäußerung zu enthalten. Ich müßte sonst, ohne Ansehen der Person und des Geschlechtes, unnachsichtlich einschreiten.«

Er sprach ruhig, ohne Schärfe, doch um so wirksamer durch den vornehmen Ausdruck seiner feinen Züge.

»Bitte, Herr Staatsanwalt.«

Der Vertreter der Anklage war über die ihm feindliche Demonstration gekränkt. Seine Stimme klang rauher, heftiger, als er fortfuhr:

»Sie, meine Herren Geschworenen, haben die Pflicht, der Welt zu beweisen, daß amerikanische Richter über Stimmungen des Tages, den Launen der Menge, den unkontrollierbaren Suggestionen der Massen stehen, daß Sympathien und Antipathien ein amerikanisches Urteil nicht beeinflussen können, daß in den Vereinigten Staaten Recht Recht bleibt, mag es treffen, wen immer es will. Sie haben, meine Herren Geschworenen, einem engbefreundeten Brudervolke eine Genugtuung zu verschaffen.«

»Ich erhebe Protest«, schnitt des Verteidigers dünne durchdringende Stimme in die wie eine dicke braune Flut dahinströmende Rede des Staatsanwalts. Er war aufgeschnellt.

»Ich erhebe Protest, daß der Prozeß irgendwie auf politisches Gebiet hinübergespielt wird.«

»Protest zugelassen«, entschied der Richter.

Obwohl keine Hand sich regte, keine Zustimmung laut wurde, fühlte doch jeder im Saale eine geheime, brodelnde, heftig atmende Freude über diese erste kleine Niederlage des Staatsanwalts.

Mit unbewegtem Gesichte setzte sich der Verteidiger.

Der Staatsanwalt war nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Er war einer der gewandtesten Ankläger des Staates Neuyork.

»Ich füge mich selbstverständlich der hohen Entscheidung des Herrn Vorsitzenden und werde nicht mehr erwähnen, daß der Angeklagte das englische Volk betrogen und genarrt hat.«

Der Richter blickte ihn scharf an.

Doch unbekümmert sprach er weiter. Er hatte es den Geschworenen und dem Publikum doch noch einmal nachdrücklich hingerieben. In den Zeitungsberichten würde es stehen zu Englands Zufriedenheit. Weiter!

»Ich will nur sagen, meine Herren Geschworenen, lassen Sie sich in Ihrem Urteil durch keine Rücksicht auf die Stimmung und Meinung der Leute, durch keine Einflüsterung von außen, ungewollt vielleicht nur, beeinflussen. Nichts als die Tat des Angeklagten steht hier zu Gericht. Nichts anderes. Was er nach der Tat getan, gewirkt, geschaffen hat, bleibt vor den Türen dieses Saales. Und stellt sich heraus, daß diese Tat ein Mord war, dann hat ihn die Schwere des Gesetzes zu schlagen.«

Er machte eine Pause. Die Stille im Raume war so erwartungsvoll vertieft, daß die Geräusche der Federn der Presseleute übermäßig laut und aufdringlich anschwollen.

Der Staatsanwalt netzte – wie ein parlamentarischer Dauerredner – die Lippen mit der Zunge. Dann fuhr er fort mit erhobener Stimme:

»Ich klage George Paterson an des gemeinen tückischen Mordes!«

Eine Bewegung zitterte durch den Saal so stark, so elementar, daß die Staubsäulen in den hellen, dichten Sonnenstreifen, die durch die hohen Bogenfenster schräg hereinfielen, aufgescheucht wirbelten.

Der Richter saß ohne Bewegung.

»Ich werde Ihnen, meine Herren Geschworenen«, sprach der Staatsanwalt weiter, »beweisen, daß es sich nicht um eine rasche unbedachte Tat der Eifersucht handelt, nicht um eine jugendliche Übereilung des Affektes, sondern um überlegten, wohlbedachten Mord.«

Die Farmergesichte auf der Geschworenenbank waren stocksteif, leblos, ohne Zeichen irgendeines Eindrucks. »Zunächst werde ich Ihnen die Tat im Zusammenhang schildern, dann Ihnen meine Behauptungen beweisen.

»Am 12. Juni 1921 nahm der Oberleutnant zur See, George Paterson, von seiner Frau Muriel, mit der er seit anderthalb Jahren verheiratet war und in anscheinend glücklichster Ehe lebte, Abschied, um sich zu einer Nachtübung seines Torpedobootes Z 6 zu begeben. Das Ehepaar lebte in Manila. Dort war Paterson der Flottenstation zugeteilt. Bei diesem Abschied war ein guter Freund des Hauses und Kamerad des Angeklagten, der Depotverwalter Oberleutnant zur See Stephen Jerram anwesend.«

Ein klagender Seufzer stieg von der Zeugenbank empor. Alles stielte die Hälse und blickte auf den Korvettenkapitän Jerram, der in echtem Schmerze den Oberkörper tief zu den hochgereckten Knien seiner langen Beine niederbeugte.

»Meine Herren Geschworenen, bitte achten Sie darauf. Ich werde es Ihnen nachher einwandfrei nachweisen, daß Stephen Jerram bereits bei Frau Muriel Paterson zu Gast war, als der Angeklagte das Haus verließ. Ich glaube, das wird auch die Verteidigung nicht in Abrede stellen.«

Archibald Filbert rief gnädig dazwischen: »Wird zugegeben.«

Der Staatsanwalt hob die Hand, als wolle er das ihm zugeworfene Geständnis auffangen.

»Paterson wußte also, meine Herren Geschworenen, daß Jerram bei seiner Frau war. Nach der eigenen Darstellung des Angeklagten wurde die gesamte in Manila liegende Flotte in dem Augenblick alarmiert, in dem er auf dem Dock eintraf. Ein großes Manöver war befohlen. Eine andere Flotte der USA. war von Honolulu ausgelaufen, stellte den markierten Feind dar. Eine große Seeschlacht in der Nähe der japanischen Gewässer war geplant. In wenigen Minuten sollte die Flotte von Manila auslaufen. Und nun kommt das Seltsame! Obwohl Paterson soeben von seiner Gattin Abschied genommen hatte und bereit war, mit seinem Boote zu einer Nachtübung auszulaufen, obwohl sich also für ihn durch den unerwarteten Alarm der gesamten Flottenstation eigentlich nichts geändert hatte, eilte er noch einmal nach Hause, stürmte ins Wohnzimmer, in dem er seine Frau und Jerram wenige Minuten zuvor verlassen hatte, und schoß, ohne ein Wort zu sagen, zweimal. Ein Streifschuß traf Frau Muriel an der Schulter, der zweite Schuß traf Jerram mitten ins Herz. Dann eilte der Angeklagte zum Dock zurück und fuhr mit seinem Boote in die Nacht hinaus. Eine Erregung hat ihm weder der Obermaat Simons, den Sie nachher als Zeugen hören werden, noch ein anderer der Besatzung angemerkt.«

Alles blickte auf Rutland. Er hatte die Arme über der Brust gekreuzt und saß scheinbar ohne jede Teilnahme an seinem Tische. Eine leise Unruhe schwang in seiner Brust. Muriels Darstellung. Nun, er würde ihr nachher die Wahrheit ins Gesicht schleudern!

Der Staatsanwalt fuhr fort:

»Soweit zunächst die Darstellung der Tat im Zusammenhang. Weshalb der Angeklagte zurückgekehrt ist und einen Mord an seinem besten Freunde und einen Mordversuch an seinem Weibe begangen hat, diese Motive zu finden, wird Ihre Aufgabe sein, meine Herren Geschworenen. Vielleicht war es Eifersucht, unbegründete Eifersucht, meine Herren! In jedem Falle aber liegt für mich schon jetzt soviel klar: der Angeklagte wollte mit voller Überlegung Jerram und seine Frau töten. Er trug sich schon längere Zeit aus Gründen, die er uns vielleicht später aufklären wird, mit diesem unheimlichen mörderischen Plane. Der plötzliche Alarm der Flotte rief ihn zum Handeln. Er wollte das Alibi dieses Alarms benutzen. Man hatte ihn am Dock gesehen. Sein Boot ging in wenigen Minuten hinaus. Diese unbeobachteten wenigen Augenblicke wollte er ausbeuten. Er eilte nach Hause, – er wohnte dicht am Kai, – schoß – und war sofort zurück. Keiner hatte seine kurze Abwesenheit bemerkt. Er rechnete mit dem Tode seiner beiden Opfer. Und in der Tat, meine Herren Geschworenen, wäre auch Frau Muriel getötet worden, dann lebte kein Augenzeuge seiner Tat. Dann blieb diese Untat für alle Zeiten ein rätselvolles Geheimnis. Seine Rechnung war richtig. Nur der erste Schuß ging fehl.«

Er machte wieder eine eindrucksvolle Kunstpause, seine Worte wirken zu lassen.

Das Publikum war verdutzt. Genaueres wußte keiner über die näheren Umstände der Tat. Man hielt diesen Mann nur eines Mordes nicht für fähig. Aber lagen die Dinge wirklich so, wie der Staatsanwalt behauptete, dann sah das Ganze einem Morde verzweifelt ähnlich. Eine gequälte Unrast glitt über die langen Reihen der Bänke.

Da tönte wieder die ruhige überzeugende dunkle Stimme des Anklägers:

»Man kann fragen: was änderte der Alarm an Patersons Entschluß? Er wollte doch, ob Alarm, ob kein Alarm, in jener Nacht ausfahren. Meine Herren Geschworenen, dieser Alarm änderte alles an seiner Ausfahrt und damit an seinem Entschlüsse. Das Torpedoboot sollte um neun Uhr 35 Minuten auslaufen. Um neun Uhr vierunddreißig Minuten traf Paterson am Kai ein. Der Alarm setzte die Ausfahrt der Flotte für neun Uhr fünfundvierzig Minuten fest, verschob also Patersons Ausrücken um zehn Minuten. Diese zehn Minuten entschieden alles. Sie gaben Paterson die Zeit zur Heimkehr und zur Verübung des Mordes.«

Wie ein schweres Atmen hauchte es durch den Saal.

Zufrieden strich der Staatsanwalt über sein kurzgeschorenes Haar, über dem der silberne Schimmer erster Vierziger lag. Er hatte die Feindseligkeit des Publikums niedergeworfen, den Boden für Muriels Aussage bereitet. Sie würde die Anklage jetzt zum Siege führen.

»Ich trete jetzt den Beweis für meine Behauptungen und Darstellungen an«, rief er mit hellerer unternehmender Stimme.

»Frau Muriel Paterson, jetzt Frau Jan Bouterweg, darf ich Sie an die Barriere bitten.«

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