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Alfred Schirokauer: Alarm - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleAlarm
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1. ?10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090225
projectida2445045
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25

Angelita fürchtete mit Recht, man würde trotz ihres Diplomatenpasses ihrer Einreise in Neuyork Schwierigkeiten bereiten. Sie kannte strengen Vorschriften der amerikanischen Einwandererbehörden. Sie wollte jedes Hemmnis ihrer Reise fürsorglich vermeiden. So fuhr sie mit einem Schiffe der Canadian-Pacific nach Quebeck und flog mit einem Privatflugzeug von Kanada über die amerikanische Grenze.

Einmal auf amerikanischem Boden, war sie geborgen. Bald verschlang sie das Getümmel Neuyorks. Sie brauchte nicht lange auf die Entscheidung zu warten.

Die öffentliche Meinung und ein Teil der Presse forderte stürmisch, daß dieser Mann, der im Augenblick die volkstümlichste Figur Amerikas war, ohne Verzögerung vor Gericht gestellt würde. Hatte man unbilligerweise schon das Volk von Neuyork verhindert, durch Verheimlichung seiner Ankunft, diesen Amerikaner, der eine Welt zum Spielball seiner Laune gemacht hatte, gebührend zu empfangen und ihm die Glückwünsche und Sympathien seiner Landsleute darzubringen, so hätten doch jetzt wenigstens umgehend die Geschworenen zu entscheiden, ob dieser Herold amerikanischer Tüchtigkeit und Überlegenheit im Zuchthause oder auf dem elektrischen Stuhle endigen sollte für eine längst vergessene Jugendtorheit.

Die großen Zeitungen und diejenigen, die stichfest waren gegen Schlagworte und Massenhypnose, erhoben warnend ihre Stimme. Man dürfe nicht vergessen, daß er ein Mörder sei. Verbrechen bleibe Verbrechen. Untat fordere Sühne. Auch die Behörden waren fest entschlossen, dem Gesetze Geltung zu verschaffen.

Gleich nach der Ankunft im Hafen von Neuyork war Rutland in aller Stille im Auto nach Newburgh gebracht worden, einer Stadt von etwa dreißigtausend Einwohnern am Ufer des Hudson, achtundfünfzig englische Meilen stromauf von Neuyork.

Der Gouverneur des Staates Neuyork bestimmte zur Verhandlung eine außerordentliche Sitzung des Schwurgerichtes. Erst wenige Tage vor dem Beginn des Prozesses wurde Ort und Termin veröffentlicht. Ein Sturm auf Newburgh folgte. Am ersten Tage waren sämtliche Einlaßkarten zu dem großen Gerichtssaale vergriffen. Auf der Eisenbahn, auf den Hudsonbooten, auf Kraftwagen wälzte sich eine Völkerwanderung heran, sich das Miterleben dieser »größten Sensation des Jahres« zu sichern. Am Tage des Gerichts glich der weite Platz vor dem Justizgebäude dem Ausstellungsparke der schönsten Automobile Neuyorks.

Zu ihrem eigenen Erstaunen war diese kleine verträumte alte Stadt am Hudson plötzlich wieder zum Mittelpunkte amerikanischen Lebens geworden wie in den längst verklungenen großen Tagen, da Washington hier sein Hauptquartier aufschlug und die Offiziere der Armee ihm den Titel und Rang eines »Königs der Vereinigten Staaten« anboten.

Ein Volk drängte und erfüllte den weißgetünchten weiten Sitzungssaal, den nach alter klassischer Siedlerbausitte des achtzehnten Jahrhunderts schöne dorische Säulen trugen. Millionäre vom River Side Drive mit ihren Damen waren herbeigeeilt und Trödler aus der Bowry, diesen Mann zu sehen, um den die Legende schon ihren verklärenden Schimmer webte, und alles, was zwischen diesen beiden Stadtteilen Neuyorks lebte und arbeitete. Noch tobte ein verbissener Kampf um die letzten Stehplätze, in dem Fäuste und Dollarnoten entschieden.

Es summte und siedete in der Septemberhitze des Staates. Die mondäne Dame im letzten Schick des vornehmsten Schneiders der fünften Avenue reckte den feinen Hals neben der kleinen Dirne aus einem Neuyorker Slump, als Rutland groß, schlank, jugendfroh, elegant hereingeführt wurde. Die weißen Schläfen wirkten in dem zuversichtlich verjüngten Gesichte fast kokett. Hinter ihm folgte Archibald Filbert, Neuyorks berühmtester Verteidiger.

Nachdem sein Aufenthalt und Termin bekannt gegeben worden war, hatten hunderte von Anwälten Rutland, auch unentgeltlich, ihre Dienste angeboten. Seine Verteidigung versprach Ruhm und Ruf. Doch er hatte längst gewählt, er wollte kämpfen und siegen und hatte sich den tüchtigsten Mitstreiter erkoren.

Zu lautloser Stille der Spannung verebbte der schwirrende Saal, als Rutland auf seinen Platz vorn am Richtertische zuschritt. Monokel, Brillen, Operngläser bewaffneten die Augen. Frauen atmeten erregt. Ein schöner Mann – und so vornehm und gut gekleidet! Enthusiastischer noch als bisher flogen Frauenherzen ihm zu. Den Männern imponierte seine Ruhe und Haltung nicht wenig.

Das Schweigen brandete wieder auf zur Flut des heißen Odems einer großen Versammlung. Man wagte keine Vertraulichkeit gegen Rutland selbst. Doch auch Archibald Filbert, sein Verteidiger, war eine populäre Gestalt. Ein Ruf löste den Bann.

»Bravo, Archi, entreiß ihn ihren Klauen!« rief ein dicker Zeitungshändler vom Broadway dröhnend durch den Raum. Das war ein Signal. Plötzlich wogte, brüllte der ganze Saal, Frauenstimmen trillerten.

An seinem Tische saß der Staatsanwalt, ein strenger Mann mit glattrasiertem, steinernem, unbeweglichem Gesichte. Nur seine Augenlider zwinkerten nervös in diesen feindlichen Aufruhr.

Gelassen setzte sich Rutland neben seinen Verteidiger. Seine Augen suchten, suchten in dem Chaos. Er sah Muriel neben Bouterweg vorn auf der Zeugenbank, sah Roland Jerrams Uniform, sah viele Marinewaffenröcke unter Gesichtern, die er einst gekannt hatte, und sah endlich sie, die er suchte. In der dritten Reihe des Publikums saß sie, eingekeilt zwischen zwei Männer, bedrängt und beengt. Doch sie merkte es nicht. Ihre Augen zwangen seinen Blick auf sich, wie helle Leuchtfeuer den Blick des Schiffers anlocken in dunkler Nacht. Seine Augen grüßten sie freudig, mutig, voll Dankbarkeit und Hingabe – allen anderen unsichtbar.

Dann riß die Verhandlung ihn in ihren Zwang.

Ein Mann rief mit einem Megaphon in die brausende Unruhe des Saales:

»Ruhe! Der hohe Gerichtshof. Alles erhebt sich!«

Mit dem Rauschen eines Wasserfalles stob alles von den Bänken empor.

Durch eine Nebentür vorn neben dem Richterstuhle trat Judge Moore herein, ein kleiner alter Herr mit weißen Koteletten, sehr vornehm, sehr würdig, wie hineingeboren in den schwarzen seidenen Talar.

Mit einer kleinen ritterlichen Kavaliersverbeugung begrüßte er die Versammlung und schritt auf seinen Platz zu. Dort stand er einen Augenblick, sah über die Menge hin, wandte sich dann gegen den Tisch Rutlands und des Verteidigers, fixierte ihn sekundenlang. Dann setzte er sich. Wieder ergoß sich der Wasserfall der Kleider und Glieder auf die Bänke nieder.

Der Mann mit dem Megaphon rief wieder:

»Hört! Hört! Tretet heran und merket auf, alle, die Kraft des Gesetzes vor diesem hohen Gerichtshofe des Staates Neuyork zu schaffen haben. Die Verhandlung in Sachen des Staates Neuyork gegen George Paterson hat begonnen!« Schon stand in dem atemlosen erhitzten Schweigen des warmen Septembermorgens der Staatsanwalt. Mit tiefer Stimme rief er: »Die Anklage ist bereit!«

Da erhob sich Archibald Filbert, breitete seinen starken Brustkasten – er war ein aufgeschwemmter Mann mit einer überraschend dünnen Stimme, die aber scharf sein konnte wie eine Messerklinge – und erwiderte: »Der Angeklagte ist bereit!«

Dann folgte die Auslosung der Geschworenen. Viele der hageren puritanischen Farmer und Händler dieses Landstädtchens lehnte Archibald Filbert ab. Zurück blieb immer noch ein Dutzend gefährlicher Richter, Männer mit kleinen Horizonten und enger Rechtlichkeit. Die Anklage hatte nicht ohne Grund die Prozeßführung aus der Weltstadt Neuyork in diesen ländlichen Bezirk verlegt.

Rutlands Blicke wanderten zu Angelita zurück. Ohne Worte sprachen sie miteinander von Liebe und Treue, Zusammenhalten und Zukunft. Dann sah er auf Muriel. Sie mied seine Augen, starrte scheu zu Boden. Ihre Hände bewegten sich ruhelos in ihrem Schoße. Ab und zu flüsterte ihr Bouterweg besänftigend zu.

Rutland strömte von dieser Zeugenbank plötzlich ein feindseliger Hauch entgegen. Ganz deutlich fühlbar, schien ihm. Er war auf Kampf mit diesen Zeugen vorbereitet, hatte seinen Verteidiger eingehend instruiert. Und doch überraschte ihn diese körperlich fühlbare Atmosphäre, die ihm von Muriel, Jerram und den anderen Offizieren dort drüben entgegenwehte. Die Lebendigkeit und Gegenwart war anders als alle Vorstellung und Erwartung.

Doch ihm blieb keine Zeit, sich diesem Staunen hinzugeben. Die Geschworenen waren vereidigt. Eine Zwölferschar fremder, harter Gesichter, breiter Stirnen, die nie einen Hauch seiner Welt verspürt hatten. Das waren seine Richter über Leben und Tod, dachte Rutland. Auch sie waren anders als – nein –, in Wahrheit hatte er nie in seiner Unbekümmertheit an diese Geschworenen als leibhafte Wesen gedacht. Nur das »Gericht« als etwas Unpersönliches, als ein Begriff, hatte ihm vorgeschwebt. Nun saßen ihm zwölf fremde, unnahbare Männer gegenüber, gepanzert mit Gerechtigkeitssinn und Bewußtsein ihrer steinernen Wichtigkeit. Es erschien ihm seltsam, eine Farce, fast eine Unmöglichkeit, daß diese zwölf Männer, von denen er nichts wußte, mit denen er nie eine Berührung gehabt hatte, die menschlich Tausende von Meilen von ihm getrennt waren, über sein Leben, über Angelitas und sein Glück entscheiden sollten.

Doch wie so oft an diesem bedeutungsvollen Tage riß ihn der Gang der Ereignisse auch aus diesen verwunderten Bedenken.

Jetzt stellte ihn der amerikanische Strafprozeß als hitzig umstrittenes Objekt in diesen Kampf des Staatsanwalts und des Verteidigers, in das erbitterte Ringen dieser beiden Männer um des Angeklagten Seele, um sein Leben, seine Freiheit, seine Schuld und Unschuld, in dem der Vorsitzende Richter nur als Hüter des Gesetzes und der Ordnung waltet.

Der Staatsanwalt erhob sich, lüftete einige Papiere von seinem Tische, legte sie wie unschlüssig wieder nieder, schob die Manschetten unter dem rechten Ärmel zurück, pumpte sich voll der dickwerdenden Luft des Saales und begann laut und nachdrücklich: »Meine Herren Geschworenen!«

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