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Alfred Schirokauer: Alarm - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/schiroka/alarm/alarm.xml
typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleAlarm
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1. ?10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090225
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23

Auch jenseits des Atlantik, und gerade dort, gischtete der Geysir heißen Volksempfindens hoch empor. Doch war die Erregung in Amerika anderer Natur als in den übrigen Ländern, unbestimmbar, unerforschlich, rätselhaft wie Massenstimmungen sind. Die Nachricht, daß die Hauptfigur jener alten Mordaffäre, die einst die Staaten von Ost nach West durchrüttelt hatte, jener schneidige Torpedobootführer, der den Freund aus Eifersucht getötet und seine schöne Frau angeschossen hatte, lebte, wühlte die Erinnerung an die halbvergessene Bluttat auf.

Aber er lebte nicht nur: Er hatte unter einem anderen Namen eine Stellung errungen, die an den Aufstieg der großen amerikanischen Herren gemahnte, an Girard, den großen Reeder, an Vanderbild, Astor, Field, Gould, die Blair und Garrett, Pierpont Morgan und D. Rockefeller. Sie fühlten Blut von ihrem unternehmenden Blute in diesem Marineleutnant, der mit amerikanischem Elan und Geiste ein Weltwerk in England gegründet, ein Millionenvermögen geschaffen hatte.

Man ehrte sich in ihm. Man empfand nationale Begeisterung und sportliche Hochachtung für diesen Amerikaner mit dem wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Höhenrekord. Er wurde über Nacht zum Nationalhelden. Auch hier vergaß man den Mörder und sah nur den Mann, der denen da drüben überm großen Teiche gezeigt hatte, was ein echter Yankee ist. Haha, sogar Amerika, sogar seine eigenen Landsleute, hatte er in ihrem eigenen Lande niedergerungen. An die Reeder von Boston, Neuyork, Charleston, Neuorleans, San Franzisko und Seattle hatte er seine englischen Schiffe verkauft. Good sport! Drei Cheers für diesen echten amerikanischen Boy. Hipp – hipp – hurra!

Ihr Sinn für Humor und Zumbestenhalten feierte Freudenfeste. Zum Sir hatten sie ihn gemacht, fast zum Minister. Ihren Jungen. Jeder echte Amerikaner bildete sich ein wenig ein, er habe persönlich der alten Welt da drüben ein Schnippchen geschlagen. Der Nationalstolz schwoll empor.

Dem jungen Polizeichef von Neuyork war auch diese Wendung der Dinge recht. Er hatte Paterson ja entdeckt und aufgestöbert aus seiner Verborgenheit und seinem Versteck. Auf ihn fiel die Ehre und der Ruhm.

Doch Staat und Behörden blickten in sorgender Bedenklichkeit auf diese unvermutete Entwicklung. Es war ein vorbedachter tückischer Mord. Diese Linie durfte nicht verwischt werden. Die amerikanische, puritanische Gesetzesstrenge duldete keine Sentimentalität aus Überschwang. Recht mußte Recht bleiben. Wer mit kalter Überlegung Blut vergossen hatte, dessen Leben war dem Staate verwirkt. Präzedenzfälle der Milde unter dem Einflüsse unkontrollierbarer Massenpsychose waren Gouverneuren und Richtern in den Vereinigten Staaten stets verpönt.

Auf die Stimmung einzuwirken, war nun zu spät. Wachsamkeit und Strenge war alles, was der Staatsräson blieb. Es stand zu befürchten, daß die Bevölkerung von Neuyork dem Mörder einen triumphalen Empfang bereiten würde, wie den kühnen ersten Atlantikfliegern Lindbergh und anderen. Dann hatte die Gerechtigkeit eine schwere Niederlage erlitten. Also vorbeugen, geheimhalten, seine Ankunft verschweigen, ihn sofort aus Neuyork hinausschaffen in eine stille Landstadt. –

Die weiße elegante Motorjacht des Reeders Jan Bouterweg landete am Pier der fashionablen Villenstadt Arverne auf Long Island. Zögernd, sinnend schritt der Holländer auf sein Haus zu.

Im Garten flog Muriel ihm entgegen, zierlich, klein, hübsch, heiter, sprühend, duftend und ahnungslos. Er faßte sie am Arm, zog sie ins Haus, in sein Arbeitszimmer. Der große Mann dampfte vor Erregung. Die gewohnte Gutmütigkeit war aus seinem massigen Gesicht gewichen.

»Was ist geschehen?« fragte Muriel erschreckt.

»Paterson lebt!« keuchte er.

»Nicht möglich!« rief sie verstellt und erbleichte natürlich.

»Und du hast ihn in London gesprochen und gesehen und mir nichts gesagt!« schlug er mit grimmigen Worten auf ihr unbeschirmtes Haupt ein.

Wieder gab sie eine glänzende Probe ihrer oft bewährten Haltung.

»Ja, Jan, ich habe ihn erkannt und übermenschlich gerungen, dir dieses Entsetzliche zu verheimlichen«, stieß sie hervor und faßte seine breite Hand.

Er entzog sie schroff. »Warum?!« forderte er.

»Weil – weil, fühlst du nicht, was das für unsere Ehe – unser süßes Glück bedeutet?!«

Die Harschheit seiner Züge milderte sich.

»War – es –das?!«

»Ja, Geliebter!« Ihre Mundwinkel zuckten wie bei einem Kinde, das mit dem Weinen kämpft. »Ach so!«

Da lag sie aufschluchzend an dem Bollwerke seiner mächtigen Brust. Es dauerte lange, bis er sie beruhigen konnte.

»Armes, armes«, sänftigte er, »so habe ich es nicht gesehen. Aber jetzt begreife ich alles. Komm, komm, weine nicht so schrecklich!«

Er tätschelte ihre Schultern, ihre Arme, ihren Rücken, der weich und warm und erregend durch das weiße dünne Sommerkleid pulste.

Endlich hob sie das Gesicht. Es war rührend verweint.

»Woher weißt du es?« versuchte sie vorsichtig.

Er zog seine Zeitung aus der Tasche. Gierig las sie. Und fühlte, wie ihr das Blut aus dem Kopfe sickerte. Die Beine waren plötzlich nicht mehr fühlbar unter ihr. Sie mußte sich an den starken Mann anklammern, nicht zu Boden zu sacken.

»Mein armes Mädel«, nickte Bouterweg traurig verzagt, »was wird nun alles wieder über dich hereinbrechen!«

»Entsetzlich«, flüsterte sie.

In wenigen Sekunden war bei der Lektüre seiner Verhaftung und Auslieferung an Amerika die verhängnisvolle Wucht der Ereignisse über sie hingewettert. Sie würde die Hauptzeugin sein. Sie würde um ihren Ruf kämpfen müssen gegen ihn, der um sein Leben rang! Ihr blieb die Wahl zwischen Bekenntnis ihrer Schuld und seinem Tode!

In Augenblicken übersah ihr verschlagener Verstand alle Folgen dieser grausigen Verstrickung. Wenn sie zugab, daß Stephen Jerram in ihrem Bette erschossen worden war, bedeutete das moralischen Untergang. Sie kannte Amerika und seine krasse unerbittliche Verlogenheit in geschlechtlichen Dingen. Sie kannte den Cant, die Heuchelei, die erbarmungslose Sittenstrenge dieser Quäkerabkömmlinge. Ein Mann in ihrem Schlafzimmer! Damit war sie in den Augen Amerikas gerichtet, fluchwürdig. Damit war auch Bouterweg gebrandmarkt und gezeichnet. Diese moralische Verfemung war schlimmer als körperlicher Tod. Weit schlimmer. Und die Schmach der Lüge! Wie sollte sie jetzt das Märchen widerrufen, das sie damals erzählt und beschworen und bis heute aufrechterhalten hatte? Das liebevollste Mitleid eines Erdteils hatte ihr gehört. Wenn sie jetzt gestand, würde es in Wut und Zorn und Vernichtung ohne Erbarmen umschlagen. Sie sah schon die Meute der Betrogenen und Genarrten hinter sich herjagen, sie zu stellen und zu steinigen.

Sie ächzte in tödlicher Angst und Qual und fiel wieder an Bouterwegs Zyklopenkörper. Er fühlte, wie ihr zarter Leib zitterte.

»Mädelchen, Mädelchen«, tröstete er und heuchelte einen Mut, den er nicht besaß. Jede Öffentlichkeit in Dingen des Privatlebens war ihm verhaßt. So hatte er in überstarkem Mitempfinden diese arme kleine rührende Frau, die beinahe das Opfer der Kugel eines Wüterichs geworden war, der Öffentlichkeit entrissen, der sie durch Patersons Untat hingeworfen worden war, hatte sich mit seiner holländischen Gradheit und Vierschrötigkeit schützend und bergend vor sie gestellt.

Und nun sollte alles wieder von vorn beginnen! Wieder sollte seine Puppe vor die stechenden Augen der Masse gezerrt werden. Ein Haß flammte in ihm auf gegen diesen Schurken, der wagte, zu leben und seinem Weibe die Folter dieses Prozesses anzutun. Sein lauterer Sinn faßte es nicht, daß dieser angenehme Mann, mit dem er so erfolgreich und freundschaftlich verhandelt hatte, dieser Sir John Rutland, der grausame Kannibale war, der auf seine kleine unschuldige Muriel geschossen hatte.

»Laß, laß, mein Liebling«, tröstete er. »Auch das wird vorübergehen.«

»Entsetzlich!« stöhnten wieder unbewußt laut ihre Schreckensvisionen aus ihr hervor. Und plötzlich barg sie sich in seinen Armen und schrie mit furchtirren Augen: »Fliehen!«

Er begriff. Und schüttelte den schweren Kopf.

»Nein, Muriel, das können wir nicht. Das sähe aus wie ein Schuldbekenntnis.«

Seine ruhige Stimme und seine Bedachtsamkeit brachten sie zur Vernunft. Das Wort »Schuldbekenntnis« durchfuhr sie wie ein Eisengrat und gab ihr Halt.

»Meinst du?« fragte sie und wußte, daß er recht hatte.

»Sicher«, bestärkte er. »Es darf nicht ein Stäubchen von dieser verruchten Geschichte an deiner Ehre haften bleiben«, sprach sein holländisches starkes Reinlichkeitsbedürfnis. »Deinetwegen nicht und auch meinetwegen nicht. Du kennst Amerika besser als ich. Wenn wir fliehen und uns diesem Prozesse entziehen, hat dieser Schuft freies Spiel. Dann wird er, um sich vor dem Tode zu retten – du hast ja gelesen, wie jetzt schon alle Sympathien dieses närrischen, impulsiven Volkes ihm zufliegen –, gerade darum müssen wir bleiben und für deine Schuldlosigkeit und deine Ehre kämpfen. Auch wegen deines Kindes.«

Da überflutete sie wieder panischer Schrecken. Sie fühlte, trotz aller Klugheit und Selbstbeherrschung war sie diesem Kampfe nicht gewachsen.

»Er tut mir so leid«, stammelte sie in dem alles bezwingenden Verlangen, dieser übermenschlichen Aufgabe zu entrinnen.

Da zog Bouterweg seine Arme von ihren Hüften. »Du liebst ihn noch!« sagte er tief verletzt.

»Nein, nein, Jan!« wehrte sie in hastiger Erkenntnis des Fehlers, den sie begangen hatte. »Im Gegenteil. Ich war selbst erstaunt, wie gleichgültig der Mann mir in London war. Nicht einmal Haß hege ich gegen ihn. Jedes Gefühl für ihn ist tot in mir. Aber – er war doch einmal mein Mann – ich habe seinen Namen getragen – und er ist der Vater meines Kindes. Soll ich ihn auf den elektrischen Stuhl bringen?«

»Ja – ja!« wütete er. »Dorthin gehört er!«

Seine behagliche Milde war in leidenschaftlichster Eifersucht ertrunken. »Keine falsche Gnade. Es heißt einfach: du oder er. Das mußt du begreifen!«

Wie gut hatte sie es schon begriffen.

»Das ganze Volk da draußen«, fuhr er erbost fort, »ist für ihn. Das bedeutet: gegen dich, gegen mich. Es ist ein Kampf um unsere Existenz. Um alles, was mir wert und teuer ist. Du – meine Stellung, das Vermögen, das ich mir in atemloser Arbeit eines Lebens errungen habe. Ha. Sie sollen nur kommen!«

Er weitete den gewaltigen Brustkorb und reckte die Arme. In seinen Augen flackerte ein Feuer der Energie. Mit einem Male war dieser gutmütige Hüne der Kerl, der dem Taifun getrotzt, der mit seinen stahlharten Muskeln und seiner unbeugsamen Lebenskraft sich zum ersten Reeder Amerikas aufgeschwungen hatte. Er war blanker Wille und strotzende Energie geworden.

»Ha, sie sollen mir nur kommen. Es ist nicht der erste heiße Kampf meines Lebens. Ich kann nicht nur erobern, ich kann auch zäh und verbissen verteidigen. Bei Gott, das sollen sie gewahr werden! Die Fetzen sollen fliegen! Fürchte nichts. Wir haben dein gutes Gewissen auf unserer Seite.«

»Das natürlich«, sagte sie fest und leise.

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