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Alfred Schirokauer: Alarm - Kapitel 22
Quellenangabe
pfad/schiroka/alarm/alarm.xml
typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleAlarm
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1. ?10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090225
projectida2445045
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22

In seiner Zelle saß Rutland, gefühllos für seine Umwelt und Gegenwart, und dachte nur an Angelita.

Draußen aber wurde es der Fall von Weltbedeutung, den der Kriminalchef von Neuyork gewittert und so dringend für seinen Ruhm und seine Volkstümlichkeit benötigt hatte.

Die Kabel waren überlastet, die Radiowellen schwangen die Kunde von diesem »größten Bluff des Jahrhunderts« rund um den Erdball. Und seltsamerweise fühlten sich viele, sehr viele betrogen. Nicht nur die Aktionäre, der Aufsichtsrat und die Direktoren von Killick & Ewarts, nicht nur die englische Regierung, nicht nur die Konferenzteilnehmer von Genf und die Wähler von Winchester, nein, viele ehrsame Bürger in Sidney, viele Kaffeeschwestern in Oslo fühlten sich von diesem Gauner genasführt und übers Ohr gehauen.

Man vergaß fast den Mord. Er wurde zur Nebensache, zum unscheinbaren Mittel des Betruges. Weit peinvoller berührte fast die gesamte honorige Welt, daß ein Mörder es gewagt hatte, im Wirtschaftsleben und der hohen Politik eine bewegende Rolle zu spielen. Das war eine unerhörte Frechheit und Ruchlosigkeit.

Er hatte die Welt genarrt. Das verzieh sie ihm nicht. Dieser Mensch hatte sich erkühnt, der Stolz von England zu werden. Ein Mörder! Ein Mensch, der kein Engländer war! Man hatte ihn bewundert, Frauenherzen ihn und sein Bild angeschwärmt. Er war ja einer der schönsten Männer Englands gewesen, dieser Schwindler, Gauner, hinterlistige Heuchler! Man entsetzte sich, Killick & Ewarts waren bis auf die Knochen geschändet, die Ämter klirrten dort nur so zu Boden, so heftig wurden sie von Aufsichtsratsmitgliedern und Renommierwürdenträgern abgeschüttelt. Die Aktien der Werft fielen um hundertundfünfzig Punkte. Leute, bei denen dieser Mensch verkehrt hatte, wuschen sich voller Abscheu die Hände.

Aber es gab in der weiten Welt auch viele, die an ihm ihre saftige Freude hatten. Alle Aufrührer, Unhonorigen, alles, was nicht Spießer sein wollte, die Intellektuellen auf beiden Hemisphären, die Künstler, alle jene, die keinen Respekt vor den Bonzen und Ehren dieser Welt haben, erhoben diesen Mann, der die Großindustrie, die Regierung seines Landes und aller in Genf vereinigten Mächte gefoppt und geutzt hatte, der um ein Haar Abgeordneter und Minister geworden wäre, auf ihr Empörerschild, nannten ihn einen »Witz der Weltgeschichte«, einen, der die Sage von der Erhabenheit der obersten Tausend, die diese Erde regieren und verwalten, köstlich ad absurdum geführt hatte. Nannten ihn zusammen mit dem Hauptmann von Köpenick und anderen klassischen Persiflagern der beherrschenden Mächte und Idole.

Zorn, Erbitterung, Scham, Empörung, Genugtuung und Gelächter hallte und schallte am nächsten Morgen über die bewohnte Erde hin. Es war sauerste Gurkenzeit, eine packende Nachricht galt als kostbare Rarität. Die Zeitungen aller Völker griffen nach diesem Fressen für ihre hungrigen Spalten. Dicke Überschriften protzten durch die Welt:

»Der Mörder im Schlafzimmer der Herzogin.«

»Der Industriekönig, ein namenloser Schwindler.« »Ein englischer Edelmann ein amerikanischer Mordbube.«

»Der Geliebte der Herzogin Breton de Los Herreros ein seit sieben Jahren gesuchter Mörder.«

Es tobte über alle Längen- und Breitengrade hin.

Und keiner der Tausenden entrüstet schnaufender und vergnügt schmunzelnder Leser empfand das bittere Unrecht, das man diesem Manne tat. Keiner dachte daran, daß seine seltene Tüchtigkeit und die von ihm geschwellte Woge des Erfolges ihn mit elementarer Wucht emporgetragen hatte. Ohne Schwindel, ohne Betrug, ohne Heuchelei. Daß er nichts, außer dem Morde, den man ihm in Wahrheit kaum verübelte, begangen hatte, als eines toten Seemanns Namen anzunehmen. Alles andere, seinen Weg hinauf, hatte er ehrlich und genial erarbeitet.

Das alles zählte jetzt nicht. Daß er Tausenden Arbeit und Brot verschafft hatte durch den märchenhaften Aufschwung seiner Firma, daß er in Genf die Friedens- und Abrüstungsidee weiter vorwärtsgetragen hatte als irgendein Staatsmann vor ihm, – alles das war jetzt null und nichtig. Er war ein Schelm, eine Art Zechpreller der Ehren dieser Welt und politischer Hochstapler.

Der Blitz schlug krachend ein in das Souterrain seines Hauses in Egerton Terrace.

Wisdom, der Butler, war paralysiert von dem vernichtenden Schlage. Seine Würde war zermalmt. Er bei einem Mörder und Schwindler, einem Nichtengländer in Stellung! Er, Stewart Wisdom, der früher einem Earl gedient hatte! Seine Respektabilität war für immer dahin. Er saß am Küchentisch, ein stummer, erledigter Mann. Der Chauffeur behauptete, er habe so was immer geahnt. Doch die Köchin stauchte ihn energisch zusammen. Nichts habe er geahnt. Gar nichts. Und nicht ein Wort sei wahr an dem ganzen Quatsche. Nicht ein Sterbenswort.

»Aber er hat es doch zugegeben!« bedeutete schüchtern der Mann, der nun bald ihre fülligen Reize nebst Sparkassenbuch genießen sollte.

Doch Jane tippte sich an ihre breite Stirn.

»Verrückt haben sie ihn gemacht, diese Weiber. Die Herzogin mit dem Negernamen und die andere, die damals hier war. Total verrückt haben sie den armen Mann gemacht. Der kein Engländer! Bei der Vornehmheit und dem Benehmen! Das kann er den Polizeileuten weismachen!«

Sie faltete die Arme über dem üppigen Busen und kniff die Lippen ein. Basta.

Der Chauffeur wagte keinen weiteren Widerspruch. Er hatte erst kürzlich das Konto der Köchin gesehen.

Amy, das Stubenmädchen, war viel zu tief in ihre eigenen Gedanken versponnen, um an der Debatte teilzunehmen. Sie wußte, er war ein Mörder. Ein Mörder aus Eifersucht. Wie aufregend. Deshalb war er auch immer dort oben in seinem Zimmer so auf und nieder gewandert. Auf und nieder, ruhelos, wie Mörder sind. Aber sie konnte ihm nicht zürnen. Sie nicht! Im Gegenteil. Ihm gehörten heftiger ihre Sympathien als je zuvor. Zu wonnig gruselig war der Gedanke, daß, wenn ihre Bemühungen geglückt und er sie gesehen und vielleicht erhört hätte, sie jetzt die Geliebte wäre eines – Mörders –, eines Mannes, der aus Liebe tötete, eines Helden, der für seine Liebe am Galgen sterben mußte. Sie erschauerte. Welch ein Schicksal wäre das gewesen für Amy Landsend! Welch ein erschütterndes, tragisches Geschick!

Doch alle vier, selbst der würdenackte Wisdom, hoben die Köpfe, als der praktische Chauffeur die höchst aktuelle Frage aufs Tapet brachte: »Kinder, was wird nun aus uns hier?!«

Da kam Leben und Nüchternheit in die Küche des Hauses Egerton Terrace 16 a. –

Der Herzog Breton de Los Herreros war einer der wenigen Zeitgenossen dieser neuigkeitsträchtigen Epoche, der bei seiner Ankunft in Madrid die jüngste internationale Mord- und Liebesaffäre nicht kannte, noch voll Weisheit, Erfahrung und Sachkenntnis über sie orakelte.

Als er vor zwei Tagen von seinem Besuche in der Botschaft in seine Wohnung zurückgekehrt war und dort an Stelle seiner Frau einen Brief von ihr vorfand, in dem sie ihm bündig mitteilte, daß sie ihn für immer verlassen habe, und daß keine Drohung noch Gewalt sie zu ihm zurückführen könne; aus Rücksicht auf seine Karriere sei sie indessen bereit, sich in aller Stille von ihm scheiden zu lassen – da siedete dem Botschaftsrate ein so tobsüchtiger Zorn zu Kopfe, daß einige kostbare, vielhundertjährige Cloisonnèvasen, die sein Amtsvorgänger aus Peking mitgebracht hatte, ein unrühmliches Ende fanden.

Es dauerte lange, bis sein Gehirn ihm wieder gehorchte. In lateinischer kalter Wut überlegte er, was er tun könne. Ja, was konnte er tun? In zwei Stunden ging sein Zug nach Paris. Übermorgen mußte er in Madrid sein. Der Außenminister erwartete ihn. Abtelegraphieren? Mit welcher Begründung? Die Wahrheit sagen? Seine Frau sei ihm durchgebrannt? Dann war sein Posten in Tokio, der lange sehnsüchtig erhoffte Botschafterposten, gefährdet. Nein, nein, das nicht. Lieber vertuschen, beschönigen. Horchen, was man im Hause wußte. Er rief den Kammerdiener, gab eine plausible Erklärung für die Scherbenwahlstatt, horchte ihn aus. Der Mann wußte nichts Bestimmtes. Da ließ Breton durchblicken, daß ihre Durchlaucht nach Paris vorausgereist sei, Toiletten und eine neue Zofe zu engagieren. Ja.

Er zog sich mit gewohntem Hochmut in sich zurück. Die Angst hatte ihn unbedacht leutselig gemacht.

Doch dann schoß der Grimm ihm wieder ins Herz und Hirn. Die Kanaille! Sollte sie ungestraft bleiben?! Er ballte die zarten, bleu-mouranten Hände. Erwürgen würde er sie, wenn er sie fand. Aber wo suchen? Die Polizei in Anspruch nehmen? Nein, nein. Ein Gedanke durchschnitt ihn. Er krallte den Hörer vom Halter. Rief Lord Hastings an. Verwundert gab eine Frauenstimme Auskunft. Seine Lordschaft sei doch bei der Botschaft in Rom. Ach so, richtig, danke.

Hm, vielleicht war sie zu ihm nach Rom geflohen. Er suchte ein Kursbuch. Fand es endlich. Ja, über Vlissingen war ein Zug gegangen. Er würde diesen Burschen – wenn aber nicht? Wenn es ein anderer war? Oder wenn sie in Deutschland bei den Eltern Zuflucht gesucht hatte? Unsinn! Wenn Frauen ihrem Manne entlaufen, laufen sie zu einem Manne! Aber erst Madrid, dann weitersehen. Erst Madrid. Den Posten in Tokio sichern. Dann Rache!

Er saß bis zur Abreise und sah rote Blutpunkte vor Augen. Unterwegs war er zu sehr in sein Geschick und seinen Vergeltungsplan versponnen, um Interesse an Zeitungslektüre zu finden. Er grübelte, wo er sie suchen könnte, sie und ihren Galan.

In Paris hatte er nur kurzen Aufenthalt. Nach einem martervollen Tage und einer zweiten, schlaflos in Mordgelüsten durchquälten Nacht erreichte er Madrid. Er stieg in seinem Stammhotel im Paseo de Recolétos ab. Wohl sahen ihn die Angestellten eigen an. Doch er bemerkte es nicht. War zu ausschließlich mit sich und dem bevorstehenden Besuch bei dem Außenminister beschäftigt.

Er badete, kleidete sich um und fuhr ins Ministerium. Seine Exzellenz maß den Mann, der ihn unbefangen begrüßte, mit verwunderten Blicken.

»Ja – Herr – wissen Sie denn nichts?« fuhr er den Herzog an.

Breton dachte sofort an Angelita, fragte aber betroffen:

»Was meinen Eure Exzellenz?«

Da schleuderte der Minister ihm eine Ausgabe des »Diario« entgegen. Breton nahm, las. Sein gelbes spanisches Gesicht wurde schmutziggrau. Grotesk schwarz stand der kleine brillantinisierte Schnurrbart in die Höhe. Die Zeitung entfiel seinen zitternden Fingern. Mit zuckenden Augen sah er auf den Minister.

»Sie haben davon noch nichts gewußt?«

»Nein – Exzellenz.« Er machte hilflos kleine Flügelschläge mit den Armen.

Der Minister warf sich erbittert in den Sessel zurück, konnte aber keine Lage finden, die ihm behagte. Unruhig umherrückend polterte er: »Schöne Patsche, in die Sie uns da gebracht haben! Können Sie ein Weib nicht in Zucht und Ordnung halten? Keine Entschuldigung, bitte! Die Dummheiten einer Frau entspringen immer der Dummheit des Mannes. Eine vermaledeite Lage, in die Sie uns da gebracht haben.« Er rieb nervös die Haut hinter dem linken Ohre. »Jetzt muß ich Don Fernando aus London abberufen! Und überhaupt – na!« Er hob verzweifelt die gelben Augen eines Leberleidenden zur Decke.

Breton stammelte armselige Rettungsversuche.

Der Minister räkelte sich und strich mit der flachen Hand über das Gesicht.

»Reden Sie nicht! Schreiben Sie – Ihr Abschiedsgesuch. Ich erwarte es im Laufe des Tages.«

Breton taumelte auf die Füße, schwankte hinaus.

Eine Welt, seine Welt, war krachend über ihm eingestürzt. Also dieser Dolmetscher in Tokio! So tief hatte dieses Weib sich erniedrigt – so tief.

Schlafwandlerisch ging er zum Bahnhof. Ohne zu wissen, was er tat, fuhr er nach Paris. Dort gab er es auf. Im Unterbewußtsein hatte der Plan geschwelt, sie zu ermorden, die ihm das angetan hatte. In Paris versagte seinem blassen Blute der Mut und die Kraft. Wozu? Er war ja doch erledigt.

Er fuhr nach Spanien zurück, leitete die Scheidung ein, – schrieb an den Papst, bat um Lösung dieser schmachvollen Ehe –, und verkroch sich auf seinem düsteren alten Schlosse in Albujerre, ein lichtscheuer, lebendig toter Mann.

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