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Alfred Schirokauer: Alarm - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/schiroka/alarm/alarm.xml
typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleAlarm
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1. ?10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090225
projectida2445045
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21

Jerram und Hay hatten ihr Ziel erreicht, hatten wider alle Vernunft, gegen jede Erwartung das Wild niedergejagt. Sie überschütteten den bis zur Stunde als Dummkopf und Narren verhöhnten, gescholtenen Watson mit Dank- und Lobeshymnen.

Er ertrug ihre Anerkennung mit der gleichen stoischen Stummheit, mit der er ihre wenig anmutigen Zweifel an seinen intakten Geisteskräften hingenommen hatte. Sein im Hauptquartier der Neuyorker Polizei sprichwörtliches Glück war ihm wieder einmal treu geblieben. –

Als stände er außerhalb seines Geschickes, ein Unbeteiligter, ließ Rutland sich nach Scotland Yard bringen. Starr und leblos gab er auf die Fragen Antwort, die in Watsons Gegenwart der englische Polizeibeamte an ihn richtete.

»Sie geben zu, George Paterson zu heißen?«

»Ja.«

»Sie geben zu, den Oberleutnant der amerikanischen Flotte, Stephen Jerram, in Manila erschossen zu haben?«

»Ja.«

»Sie sind nicht Engländer, sondern Amerikaner?«

»Ja.«

Der Beamte stellte noch weitere Fragen. Da verstummte Rutland. »Ich bitte, mich in Ruhe zu lassen«, verlangte er kurz und wandte sich ab. Ihn quälte nur die Sorge um Angelita, nur die Schande, die er über sie gebracht hatte. Sein Geschick berührte ihn nur in seinen Ausstrahlungen auf Angelitas Geschick. Was würde jetzt aus ihr werden? Was würde sie jetzt tun, nachdem sie von ihrem Manne fortgelaufen war, ihr Leben an das seine zu ketten?! Was würde jetzt aus ihr werden?

Auch als sie ihn in die Zelle des Polizeigefängnisses überführt hatten, trieben ihn nur diese bangen Fragen an den engen Wänden hin, im Kreise, immer im Kreise, wie seine sorgenden Gedanken stoben.

»Was würde sie nun tun? Was würde sie von ihm denken? Wie würde sie die Schmach dieser grauenhaften Vernichtung ihrer Liebesstunde ertragen?«

Er ahnte noch nicht, wie schmerzlich er sie bloßgestellt hatte.

Als Angelita aus der Ohnmacht erwachte, fielen die letzten Strahlen der Augustsonne schon fahl und schräg in das Schlafzimmer. In dem ersten Augenblicke des Bewußtseins war ihr das wahnwitzige Geschehen sofort wieder gegenwärtig. Sie sprang aus dem Bette, brach in den Kniekehlen ein, raffte sich auf, hatte ein Gefühl der Schwäche in den Beinen, als ginge sie nicht auf hartem Fußboden, sondern auf welligen Wolken. Achtete nicht ihrer Mattigkeit, nicht der Hohlheit im Schädel. Kleidete sich an, dachte nicht eine Sekunde an die schamvolle Lage, in der man sie überrascht hatte. Dachte nur an ihn, den man als Mörder fortgeführt hatte aus ihren Armen.

Sie wußte sofort: das war die Vergangenheit, die nach ihm gegriffen hatte. Das Geheimnis, das er ihr damals hatte enthüllen wollen und dann – unerklärlich – nicht mehr hatte enthüllen können. Sie begriff und glaubte nicht, daß er gemordet hatte. Doch sie schwankte nicht einen Herzschlag lang in ihrer unerschütterlichen Liebe. Richtete nicht, verdammte nicht, wußte nur, daß sie bei ihm stand. Wenn er gemordet hatte, hatte er von sich aus, aus seinem Charakter heraus, zu Recht getötet. Dann gehörte diese Tat zu seinen Möglichkeiten. Sie verzieh und entschuldigte nicht etwa großzügig und großmütig, sie liebte ihn, wie er war, mit jeder Vergangenheit, mit blutbefleckten Händen, wenn sie blutbefleckt waren.

Als sie sich angekleidet hatte, ging sie hinunter in die Halle, schlich am Geländer die Treppen hinab. Aus Schwäche, nicht aus Scham. Sie trotzte nicht der Schande, sie empfand sie nicht.

Sie kam in das Hotelvestibül.

Hier gierte Skandalsucht und Sensationsbrunst.

Sir John Rutland hatte man als Gefangenen abgeführt! Ihn herausgerissen aus dem Bette der Dame auf 127, die – vielleicht, – wahrscheinlich, – sogar höchstwahrscheinlich – die Herzogin Breton de Los Herreros war!

Das Hotel brodelte. So was geschah nicht alle Tage. Man war Mittelpunkt von England, der Erde geworden. Morgen früh würden die Blicke der Welt auf dieses Hotel gerichtet sein, sein Name widerhallen von London bis Südafrika, von Paris bis Tokio, – bis Neuyork. Der Direktor siedete in brütenden Zweifeln. Er war sich noch nicht klar über die Wirkung dieses heiklen Ereignisses auf sein Haus. Entsproß ihnen eine durchschlagende Gratisreklame oder schädlicher Verruf? Er war sich darüber durchaus noch nicht klar.

Die übrigen Angestellten aber schwelgten in ihrer fanfarenschmetternden Wichtigkeit. –

Bobby Hay wollte seinen Sieg ausnützen. Ihm lag daran, Killick & Ewarts einen Schlag zu versetzen, von dem sich die Konkurrenzfirma sobald nicht wieder erholen sollte. Publizität lautete die Losung, Öffentlichkeit war die Parole. In alle Kontinente hinausschreien, wer der Leiter dieses Welthauses gewesen war! Er raste von einer großen Zeitung zur andern mit seiner ehrabschneidenden, schändenden Neuigkeit.

Die ungläubigen Redaktionen entsandten eiligst ihre Reporter und Rechercheure nach Scotland Yard, in das Hotel.

Auf diese Nachrichtenjäger traf Angelita, als sie die Treppen hinabkam in das Vestibül.

In das Summen der Fragen und Berichte, der Histörchen und Anekdoten, der Wahrheit und Dichtung klaffte eine Bresche verlegenen Schweigens. Alle Augen richteten sich neugierig und geheimnislüstern auf die große, schlanke, bleiche Frau, die hoheitsvoll durch die Halle zur Office schritt, hoheitsvoll und doch ganz schlicht frauenhaft, trotz des Allzumenschlichen, abenteuerlich Tragischen und Gemeinen, das ihr vor wenigen Stunden widerfahren war.

Keiner wagte zu sprechen, kaum zu atmen. So verblüffte und bändigte ihre Schönheit und Würde alle diese Männer.

Sie trat zu dem Tische.

»Wohin führt man Verhaftete?« fragte sie mit ihrem ausländischen Akzent den Empfangschef. Sie sprach leise, doch in der befangenen Stille hörte man die Worte bis in den fernsten Winkel der Halle.

»Nach New Scotland Yard«, entgegnete der Herr ebenso leise und dienstbeflissen.

»Rufen Sie mir ein Auto«, bat Angelita und ging zur Tür. Sie sah die Augen, die sie unverschämt betasteten, sah die Blicke, die ihr Heiligstes, ihre Liebe, schmierig entblößten, und beachtete sie kaum. Sie waren nichts, nichtig, belanglos, Schatten auf ihrem Kleide. Wichtig allein war sein Geschick.

Die Taxi hielt vor dem Portal. »New Scotland Yard«, gebot sie ohne Scheu dem Chauffeur. Der Türboy schloß den Wagenschlag. Die Pneus rieselten über den kochenden Asphalt.

Da erst löste sich der Bann. Da erst kam wieder Leben und Bewegung in die Reporter, Angestellten, romantisch umraunten Hotelgäste.

Viele von den Zeitungsleuten hatten mit Bestimmtheit die Herzogin erkannt. Füllfedern kritzelten, Zeichner zogen eine eilige Skizze. Der Direktor beobachtete die Mienen seiner Herde. Nein, Entrüstung war nirgends zu sehen, auch nicht bei den Damen. Nur gespanntestes Interesse, ein Sichfühlen als Teilnehmer und Miterleber mondänsten Geschehens. Es war wohl doch eine fabelhafte kostenlose Reklame für sein Haus!

In Scotland Yard wurde Angelita an den hohen Beamten gewiesen, der die große Sache von Anbeginn bearbeitet und Rutland vor kurzem vernommen hatte. Sie sandte ihre Visitenkarte zu ihm hinein. An sich, an ihre Sicherheit vor ihrem Manne, an Verstecken dachte sie nicht mehr. Sie dachte nur an Rutlands Los.

Der Beamte empfing die Herzogin ernst, aber liebenswürdig.

»Darf ich Sir John sehen?« fragte sie.

»Sie meinen George Paterson, Durchlaucht.«

»Was tut der Name!« entgegnete sie und zuckte nervös die Schultern. »Sie wissen, wen ich meine.«

»Ich weiß es. Aber ich darf Besuche nicht gestatten«, bedauerte er.

»Darf ich ihm schreiben?«

»Bitte, vorläufig nicht.«

»Würden Sie ihm etwas von mir ausrichten?«

»Gern.«

»Dann, bitte«, sagte sie ohne Zögern, ganz einfach, und doch klang es diesem Polizeimanne, der täglich Menschenschwäche und Menschenleid sah, wie ein uraltes, ewiges Liebeslied, »dann bitte sagen Sie ihm, daß ich fest zu ihm halte, daß es meine Liebe nicht berührt, ob er gemordet hat oder nicht, daß ich in unwandelbarer Innigkeit zu ihm stehe.« Sie schwieg.

»Ich werde es wörtlich weitergeben, Durchlaucht«, gelobte der Beamte heiser, ergriffen von Hochachtung für diese mutige, leidenschaftliche Frau aus den Höhen der Menschheit.

»Ich danke Ihnen.« Sie neigte das blasse Gesicht und ging zur Tür. Dort zögerte sie. Er hatte sie begleitet, stand neben ihr.

»Was wird jetzt mit ihm geschehen?« fragte sie.

»Wir werden ihn an Amerika ausliefern.«

»Wird das lange dauern?«

»Kaum.«

»Wird es mir erlaubt sein, mit dem gleichen Schiff nach Amerika zu fahren?«

»Man wird es nicht gern sehen, Durchlaucht.«

»Würden Sie die Liebenswürdigkeit haben, mir das Schiff zu nennen. Ich werde dann mit einem anderen fahren, nur daß ich ungefähr zur gleichen Zeit mit ihm in Amerika eintreffe.«

»Ich werde Ihnen sehr gern das Schiff nennen, Durchlaucht.«

»Ich danke Ihnen vielmals. Und werde Ihr Vertrauen nicht mißbrauchen.«

»Ich weiß es, Durchlaucht.«

Wieder neigte sie das fahle Gesicht mit den schmerzverschleierten schwarzen Augen und ging.

Der Beamte blieb sinnend an der Tür stehen. Zum ersten Male stieg in ihm eine Ahnung von Frauenliebe auf.

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